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Full text of "Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaft, Philosophisch-Historische Klasse"

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ABHANDLUNGEN 


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KÖNIGLICH  PREUSSISCHEN 

AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


1910. 

PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


ABHANDLUNGEN 

_  G)ER 

KÖNIGLICH  PREUSSISCHEN  ^ 

AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN^  Ml 


JAHRGANG  1910. 

PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


MIT  19  TAFELN. 


BERLIN   1910. 

VERLAG   DER   KÖNIGUCHEN  AKADEMIE   DER  WISSENSCHAFTEN. 
IN  COMMISSION   BEI  GEORG  REIMER. 


Berlin,  gedruckt  in  der  Reichsdruckerei. 

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1310 

G1017G 

"h  7.  S^-^ 


Inhalt. 


öffentliche  Sitzungen g.  vii— viii. 

Verzeichnifs  der  im  Jahre  1910  gelesenen  Abhandlungen S.  vni-xvi. 

Bericht   über  den   Erfolg  der  Preisausschreibungen  für  1910  und-  neue 

Preisausschreibungen y.  xvi  — xxii. 

Verzeichnifs  der  im  Jahre  1910  erfolgten  besonderen  Geldbewilligungen 
aus  akademischen  Mitteln  zur  Ausführung  wissenschaftlicher  Un- 
ternelunungen 8.  xxiii-xxvi. 

Verzeichnifs  der  ini  Jahre  1910  erschienenen  im  Auftrage  oder  mit 
Unterstützung  der  Akademie  bearbeiteten  oder  herausgegebenen 
"Crke S.  XXVII  — XXIX. 

Veränderungen  im  Personalstande  der  Akademie  im  Laufe  des  Jahres 

1910 S.  XXX— XXXII. 

Verzeichnifs  der  Mitglieder  der  Akademie  am  Schlüsse  des  Jahres  1910 
nebst  den  Verzeichnissen  der  Inhaber  der  Helmholtz-  und  der 
Leibniz-Medaille  und  der  Beamten  der  Akademie S.  xxxiii  — xl. 


Abhandlungen. 
Dilthey:    Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissen- 
schaften.    Hälfte  1 Abh.  I.       S.  1-123. 

KbkulevonStradonitz:    Stiategenköpfe.     (Mit  3  Tafeln)  .     .     .  Abh.  II.     S.  1— 48. 

Müller:    Uigurica  II.     (Mit  3  Tafeln) Abh.  III.   S.  1-110. 


Anhang. 

Abhandlungen  nicht  zur  Akademie  gehöriger  Gelehrter. 

H.  VON  Fritze:    Die  Münzen  von  Pergamon.     (Mit  9  Tafeln)  .     .     .     Abh.  I.      S.  1-108. 
H.Ranke:    Keilschriftliches  Material  zur  altaegyptischen  Vocalisation  .     Abh.  II.     S.  1— 96. 
A.  VON  Le  Coq:    Chiiastuanift,    ein   Sündciibekenntnifs   der   inanichäi- 

schen  Auditores.     (Mit  2  Tafeln) Abh.  IV.   S.  1-43. 

P.  M.  Meter:    Die   Libelli   aus   der  Uecianischen  Christenverfolgung 

(Mit  2  Tafeln) Abh   V.     8.  1-34. 

Die  Abhandlung  III  des  Anhangs:    H.  Junker,    Der  Auszug  der  Hathor-Tefnut  aus  Nubien 

erscheint  erst  im  Jahrgang  1911. 


Jahr  1910. 


-^  Öffentliche  Sitzungen. 

Sitzung  am  27.  Januar  zur  Feier  des  Geburtsfestes  Seiner 
Majestät   des   Kaisers   und   Königs   und    des   Jahrestages 

König  Friedrich's  11. 

Der  an  diesem  Tage  Vorsitzende  Secretar  Hr.  Di  eis  eröffnete 
die  Sitzung  mit  einer  auf  die  Festfeier  bezüglichen  Ansprache. 
Darauf  hielt  Hr.  Harnack  die  wissenschaftliche  Festrede,  die  zwei 
saecularen  Erinnerungen  gewidmet  war,  den  ersten  Pubhcationen 
der  Akademie  (1710)  und  Wilhelm  von  Humboldt's  Denkschriften 
zur  Reorganisation  der  wissenschaftlichen  Anstalten  (1810).  Die 
Jahresberichte  über  die  wissenschaftlichen  Unternehmungen  der 
Akademie  und  über  die  ihr  angegliederten  Stiftungen  und  Institute, 
welche  im  Sitzungsbericht  im  Wortlaut  abgedruckt  sind,  wurden 
diesmal  wegen  der  knappen  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  in  der 
Sitzung  nicht  verlesen.  Zum  Schlufs  folgte  der  Bericht  über  die 
seit  dem  letzten  Friedrichs-Tage  (28.  Januar  1909)  in  dem  Personal- 
stande der  Akademie  eingetretenen  Veränderungen. 

Sitzung  am  30.  Juni  zur  Feier  des  Leibnizischen  Jahrestages. 

Hr.  Waldeyer,  als  Vorsitzender  Secretar,  eröffnete  die  Sitzung 
mit  einer  kurzen  Ansprache. 

Darauf  hielt  das  seit  dem  letzten  Leibniz-Tage  (1.  Juli  1909) 
neu  eingetretene  Mitglied  der  philosophisch -historischen  Classe 
Hr.  Lüders  seine  Antrittsrede,  die  von  dem  beständigen  Secretar 


VIII 


Hrn.  Diels  beantwortet  wurde.  Es  folgten  Gedächtnifsreden  auf 
Friedrich  Kohlrausch  von  Hm.  Rubens,  auf  Hans  Landolt 
von  Hrn.  van't  Hoff  und   auf  Robert  Koch  von  Hrn.  Rubner. 

Alsdann  wurde  verkündigt,  dafs  die  Akademie  eine  Anzahl 
von  Leibniz- Medaillen  verliehen  habe,  und  zwar  in  Gold  dem 
Herzog  Joseph  Florimond  von  Loubat  in  Paris,  in  Silber  dem 
Oberlehrer  Professor  Dr.  Johannes  Bolte  in  Berlin,  dem  Uni- 
versitäts-Professor Dr.  Karl  Zeumer  in  Berlin,  dem  Dr.  Albert 
von  Le  Coq  in  Berlin,  dem  Professor  am  Königlichen  Albert- 
Gymnasium  Dr.  Johannes  Hberg  in  Leipzig,  dem  Oberlehrer 
Professor  Dr.  Max  Wellmann  in  Potsdam,  dem  Directorial-Assi- 
stenten  der  Königlichen  Museen  in  Berlin  Professor  Dr.  Robert 
Koldewey  in  Babylon  und  dem  Professor  an  der  Land vvirthschaft- 
lichen  Akademie  zu  Bonn-Poppelsdorf  Dr.  Gerhard  Hessenberg. 

Schhelshch  erfolgten  Mittheilungen  betreffend  eine  Akademische 
Preisaufgabe  für  1914  aus  dem  Gebiete  der  Mathematik,  das  Preis- 
ausschreiben aus  dem  EUer'schen  Legat  für  1910,  den  Preis  der 
Steiner'schen  ^Stiftung  für  1910  und  eine  Preisausschreibung  aus 
derselben  Stiftung  für  1915,  die  Preisaufgabe  der  Charlotten-Stif- 
tung für   1910  und  das  Stipendium  der  Eduard  Gerhard-Stiftimg. 


Verzeichnifs  der  im  Jahre  1910  gelesenen  Abhandlungen. 

Physik  und  Chemie. 

Rubens  und  H.  Hollnagel,  Messungen  im  langwelügen  Spectrum. 

(G.  S.  6.  Jan.;  S.  B.  20.  Jan.) 
Nernst,  F.  Koref  und  F.  A.  Lindemann,  Untersuchungen  über 

die  specifische  Wärme  bei  tiefen  Temperaturen.  L  II.     (Cl. 

17.  Febr.;  S.  B.  B.März.) 


IX 


Rubens  und  Prof.  E.  Hagen,  über  die  Änderung  des  Emissions- 
vermögens der  Metalle  mit  der  Temperatur  im  kurzwelligen 
ultrarothen  Spectrum.    (Cl.  21.  April;  S.  B.  28.  April.) 

Meyer,  Dr.  E.,  über  die  Structur  der  7-Strahlen.  Vorgelegt  von 
Rubens.    (G.  S.  9.  Juni;  S.  B.  2S.  Juni.) 

Fischer,  über  die  Walden'sche  Umkehrung.    (Cl.  21.  Juli.) 

van't  Hoff,   der  Verband   für  die  wissenschaftliche  Erforschung 

der  deutschen  Kalisalzlagerstätten.    Zweiter  Bericht.    (G.  S. 

28.Juh;  S.B.) 

Planck,  über  den  Inhalt  und  die  Bedeutung  des  Nernst'schen 
Wärmetheorems  für  die  reine  Thermodynamik.    (Cl.  20.  Oct.) 

Warburg,  über  die  Constante  c  des  Strahlungsgesetzes  schwarzer 
Körper.    (Cl.  3.  Nov.) 

van't  Hoff,  über  synthetische  Fermentwirkung.  II.  (G. S.  10.  Nov.; 
S.  B.  24.  Nov.) 

Rubens  und  R. W.Wood,  Lsolirung  langwelliger  Wärmestrahlung 
durch  Quarzünsen.    (Cl.  15.  Dec;  S.  B.) 

Mineralogie,  Geologie  und  Palaeontologie. 

Gothan,  Dr.  W.,  Untersuchungen  über  die  Entstehung  der  Lias- 

Steinkohlenflöze   bei    Fünfkirchen.     Vorgelegt  von   Branca. 

(G.S.  10.  Febr.;  S.B.) 
Branca,  über  den  jetzigen  Stand  unserer  Kenntnisse  vom  fossilen 

Menschen.    (G.  S.  1 0.  März.) 
Liebisch,  über  die  Rückbildung  des  krystallisirten  Zustandes  aus 

dem  amoi-phen  Zustande  beim  Erhitzen  pyrognomischer  Mi- 

neraUen.    (G.S,  H.April;  S.B) 
Eberhard,  Prof  G.,   über   die  weite  Verbreitung  des   Scandiums 

auf  der  Erde.  II.  Vorgelegt  von  Nernst.   (Cl.  21.  April;  S.  B.) 

b 


Bücking,  Prof.  H,,  die  Basalte  und  Phonolithe  der  Rhön,  ihre 
Verbreitung  und  ihre  chemische  Zusammensetzung.  Vor- 
gelegt von  Branca.    (Cl.  1 2.  Mai;  S.  B.) 

Branca,  über  Pithecanthropus,  Homo  Moustieriensis  Hauseri  und 
das  geologische  Alter  des  Erstem.    (Cl.  16.  Juni.) 

Reck,  Dr.  H.,  die  Dyngjufjöll  mit  der  Askja-Caldera  im  centralen 
Island.    Vorgelegt  von  Branca.    (Cl.  7.  Juh;  Abh.) 

Walther,  Prof.  J.,  die  Sedimente  der  Taubenbank  im  Golfe  von 
Neapel.    Vorgelegt  von  Penck.    (Cl.  21.  JuU;  Abh.) 

Bauer,  Prof  M.,  vorläufige  Mitteilung  über  die  Eruptivgesteine 
am  Westrande  des  niederhessischen  Basaltgebiets  nördlich 
von  der  Eder.  Vorgelegt  von  Liebisch.  (Cl.  17.  Nov.;  S.  B. 
1.  Dec.) 

Nacken,  Dr.  R.,  über  die  Mischfahigkeit  des  Glaserits  mit  Na- 
triumsulfat und  ihre  Abhängigkeit  von  der  Temperatur.  Vor- 
gelegt von  Liebisch.    (G.  S.  8.  Dec;  S.  B.) 

Botanik  und  Zoologie. 

Ludwig,  Notomyota,  eine  neue  Ordnung  der  Seesterne.  (G.  S. 
H.April;  S.  B.  28.  April.) 

F.  E.  Schulze,  über  die  Bronchi  saccales  und  den  Mechanismus 
der  Athmung  bei  den  Vögeln.    (Cl.  2.  Juni.) 

Engler,  die  Florenelemente  des  tropischen  Africa  und  die  Grund- 
züge der  Entwicklung  seiner  Flora.    (Cl.  17.  Nov.) 

Anatomie  und  Physiologie,  Pathologie. 

Rubner,  über  Compensation  und  Summation  von  functionellen 
Leistungen  des  Körpers.    (Cl.  17.  März;  S.  B) 

Malone,  E.,  über  die  Kerne  des  menschlichen  Diencephalon.  Vor- 
gelegt von  Waldeyer.    (Cl.  17.  März;  Abh.) 


XI 


Koch,  über  das  epidemiologische  Verhalten  der  Tuberculose.  (Cl. 
7.  April.) 

Wohlgemuth,  Dr.  J.,  und  Dr.  M.  Strich,  Untersuchungen  über  die 
Fermente  der  Milch  und  über  deren  Herkunft.  Vorgelegt 
von  Orth.    (Cl.  12.  Mai;  S.  B.) 

Waldeyer,  das  Skelet  einer  Hundertjährigen.  (G.  S.  26.  Mai; 
.S.  B.  24.  Nov.) 

Munk,  zur  Anatomie  und  Physiologie  der  Sehsphäre  der  Grofs- 
hirnrinde.    (Cl.  7.  Juli;  8.  ß.  1.  Dec.) 

Brahn,  Dr.  B.,  die  Wirkung  krebskranker  Organe  auf  den  Kata- 
lasengehalt  der  metastasenfreien  Leber.  Vorgelegt  von  Orth. 
(Cl.  7.  Juli;  S.  B.) 

Virchow,  Prof  H.,  die  Wirbelsäule  des  abessinischen  Nashorns 
(Biceros  bicornis)  nach  Form  zusammengesetzt.  Vorgelegt 
von  Waldeyer.    (G.  S.  14.  JuU;  S.  B.  28.  Juli.) 

Morgenroth,  Prof.  J.,  und  Dr.  L.  Halberstaedter,  über  die  Be- 
einflussung der  experimentellen  Trypanosomeninfection  durch 
Chinm.     Vorgelegt  von  Orth.    (Cl.  2 1 .  Juh ;  S.  5.) 

0.  Hertwig,  neue  Untersuchungen  über  die  Wirkung  der  Radium- 
strahlung auf  die  Entwicklung  thierischer  Eier.  Zweite  Mit- 
theilung.   (G.  S.  28.  Juli;  ^'.  B.) 


Astronomie,  Geographie  und  Geophysik. 

Struve,  über  die  Bahnen  der  Uranustrabanten  nach  neueren  Be- 
obachtungen.   (Cl.  13.  Jan.) 

Penck,  Versuch  einer  Klimaclassification  auf  physiogeographischer 
Grundlage.    (Cl.  3.  März;  .S.  B.) 

Berberich,  Prof  A.,  Tafeln  für  die  heliocentrischen  Coordinaten 
von  307  kleinen  Planeten.  Vorgelegt  von  Auwers.  (G.  S. 
27.  Oct.;  Abh.) 

b' 


XII 

Mathematik. 
Frobenius,   über  die   mit  einer  Matrix  vertauschbaren  Matrizen. 

(G.S.  6.  Jan.;  S.  B.) 
Schottky,   die  geometrische  Theorie  der  Abel'schen   Functionen 

vom  Geschlechte  3.    (Cl.  17.  Febr.;  S.  B.) 
Frobenius,    über    den    Fermat'schen   Satz.  IL     (G.  S.  24.  Febr.; 

S.B.) 
Schwarz,  Beispiel  ehier  stetigen  Function  reellen  Argumentes,  für 

welche  der  Grenzwerth  des  DifFerenzenquotienten  in  jedem 

Theile  des  Intervalles  unendlich  oft  gleich  Null  ist.    (G.  S. 

23.  Juni;  .S.  B.) 
Frobenius,  über  die  BernouUi'schen  Zahlen  und  die  Euler'schen 

Polynome.    (G.  S.  14.  Juü;  S.  B.  28.  Juh.) 
Schwarz,  über  eine  bisher  noch  nicht  bemerkte  Eigenschaft  einer 

der  drei  ebenen  Configurationen  (93,93).    (G.  S.  28.  Juli.) 
Schwarz,  über  die  conforme  Abbildung  von  Ecken  und  Spitzen 

auf  einen  flachen  Winkel.    (G.  S.  28.  Juli.) 
Schottky,  über  die  Gaufs'sche  Theorie  der  elliptischen  Functionen. 

(Cl.  l.Dec;  S.B.  2.  März  1911.) 

Mechanik  und  Technik. 

Zimmermann,  über  die  Ermittlung  der  Knickfestigkeit  von  Rah- 
menstäben.   (Cl.  3.  Febr.) 

Martens,  Zustandsänderungen  der  Metalle  infolge  von  Festigkeits- 
beanspruchungen.   (G.  S.  10.  Febr.;  S.B.  24.  Febr.) 

Müller-Breslau,  über  excentrisch  gedrückte  gegliederte  Stäbe. 
(Cl.  17.  Febr.;  S.B.) 

Kötter,  Prof  F.,  über  die  Spannungen  in  einem  ursprünghch 
geraden,  durch  Einzelkräfte  in  stark  gekrümmter  Gleich- 
gewichtslage gehaltenen  Stab.  Vorgelegt  von  Müller-Breslau. 
(G.S.  27.  Oct.;  S.B.) 


Philosophie. 

Dilthey,  das  Verstehen  anderer  Personen  und  ihrer  Lebensäufse- 
rungen.  (G.  S.  30.  Jan.;  Abh.;  Theil  der  Abhandlung:  Der 
Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissen- 
schaften.) 

Stumpf,  Structurverschiedenheiten  der  Wahrnehmungsinhalte.  (Gl. 
17.  Febr.) 

Geschichte  des  Alterthums. 

Meister,  Prof.  R.,  kyprische  Sacralinschrift.  Vorgelegt  von  v.  Wila- 
mowitz-Moellendorff.    (Gl.  13.  Jan.;  S.B.  17.  Febr.) 

von  Fritze,  Dr.  H.,  die  Münzen  von  Pergamon.  Vorgelegt  von 
Conze  und  Dressel.    (Cl.  13.  Jan.;  Abh) 

Dressel,  über  eine  bisher  unbekannte  Silbermünze  des  Arsakiden 
Mithradates  III.    (Gl.  12.  Mai.) 

Zucker,  Dr.  F.,  Urkunde  aus  der  Kanzlei  eines  römischen  Statt- 
halters von  Aegypten  in  Originalausfertigung.  Vorgelegt  von 
Erman.    (Gl.  7.  Juli;  Ä  2i.  21.  Juh.) 

Zimmer  f,  über  directe  Handelsverbindungen  Westgalliens  mit 
Irland  im  Alterthum  und  frühen  Mittelalter.  IV.  V.  Vor- 
gelegt von  Diels.    (Gl.  20.  Oct.;  S.  B.  8.  Dec.) 

Sachau,  über  den  Gharakter  der  jüdischen  Golonie  in  Elephan- 
tine.    (Gl.  3.  Nov.) 

Kirchner,  Prof.  J.,  die  Doppeldatirungen  in  den  attischen  De- 
creten.  Vorgelegt  von  v.Wilamowitz-Moellcndorff.  (Gl.  1. Dec; 
S.B.) 

Hirschfeld,  Beiträge  zur  römischen  Geschichte.    (G.  S.  22.  Dec.) 

Mittlere  und  neuere  Geschichte. 
von   Schmoller,    die    thatsächlichc   Entwickelung    der   deutschen 
Städte  im  Mittelalter.    (Gl.  13.  Jan.) 


XIV 


Kos  er,  über  die  politisclie  Haltung  des  Kurprinzen  Johann  Sigis- 
mund  von  Brandenburg.    (G.  S.  31.  Mäi-z.) 

Lenz,  über  die  Geschichte  der  Theologischen  Facultät  an  der 
Berüner  Universität  seit  der  Berufung  Neander's  bis  1817. 
(Gl.  7.  April.) 

Burdach,  Sinn  und  Ursprung  der  Worte  Renaissance  und  Re- 
formation.   (G.  S.  28.  April,  Gl.  2.  Juni;  S.  B.  23.  Juni.) 

Schäfer,  Mittheilungen  aus  dem  ersten  Bande  seiner  »Deutschen 
Geschichte«.    (Gl.  16.  Juni.) 

Meyer,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Mormonen.    (Gl.  7.  Juli.) 

Kirch  engeschichte. 

Ilarnack,  das  ursprüngliche  Motiv  der  Abfassung  von  Märtyi-er- 
und  Heilungsacten  in  der  Kirche.    (Gl.  3.  Febr.;  S.  B.) 

Harnack,   »Ostiarius«.    (G.  S.  9.  Juni;  S.  B.) 

Harnack,  das  Problem  des  zweiten  Thessalonicherbriefs.  (Gl. 
16.  Juni;  S.  B.) 

Harnack,  die  Adresse  des  Epheserbriefs  des  Paulus.  (Gl.  21.  Juli; 
S.  B.) 

Meyer,  Prof  P.  M.,  die  Libelü  aus  der  Decianischen  Christenver- 
'    folgung.    Vorgelegt  von  Harnack.    (G.  S.  24.  Nov.;  Ahh.) 

Allgemeine,  deutsche  und  andere  neuere  Philologie. 

Schmidt,  die  Ruine  als  dichterisches  Motiv.    (G.  S.  24.  Febr.) 
Roethe,   über  Briefe   der  Sophie  Laroche  und  Wieland's  an  die 

Gräfin  EUsabeth  von  Solms-Laubach.    (G.  S.  9.  Juni.) 
W.  Schulze,  Etymologisches.    (G.  S.  14.  JuU;  S.  B.  28.  Juli.) 
B  ran  dl,  Spielmannsverhältnisse  in  frühmittelenglischer  Zeit.    (Gl. 

21.  Juh;-S.ß.  20.  Oct.) 
Heusler,  Verbrechensfolgen  in  den  Isländersagas.    (G.  S.  27.  Oct.) 


XV 


Classische  Philologie. 

Heeg,    Dr.  J.,   das   Münchener  Uncialfragment  des   Cassius   Felix 

(clm.  29136).    Vorgelegt  von  Diels.    (Gl.  3.  März;  S.  B.) 
von    Wilamowitz-Moellendorff,    über    das    6    der   Ilias.     (Cl. 

21.  April;  S.  B.) 
Vahlen,  über  eine  Stelle  in  Aristoteles'  Poetik.    (G.  S.  24.  Nov.; 

S.B.) 
von   Wilamowitz-Moellendorff,    die   Bühne    in    den    ältesten 

Tragödien  des  Aischylos.    (Cl.  1.  Dec.) 
Diels,  über  einen  neuen  Versuch,  die  Echtheit  einiger  Hippokra- 

tischen  Schriften  nachzuweisen.    (Cl.  15.  Dec;  S.B.) 
Diels,  Hippokratische  Forschungen.    II.  III.    (Cl.  15.  Dec.) 

Archaeologie. 

Kekule  von  Stradonitz,  über  griechische  Portraits.  (Cl.  17.  Mära; 

Abh.  unter  dem  Titel:  Strategenköpfe.) 
Conze,  Plan  eines  Tempels  auf  Mamurt-Kaleh  im  Jünd-Dag  bei 

Pergamon.    (Cl.  17.  Nov.) 

Orientalische  Philologie. 

Thomsen,    ein    Blatt   in   türkischer    »Runen«schrift   aus    Turfan. 

(Cl.  3.  Febr.;  S.B.  17.  März.) 
Andreas,  Prof.  F.  C,  zwei  soghdische  Excurso  zu  Vilhelm  Thom- 

sen's:  Ein  Blatt  in  türkischer  Runenschrift.    Vorgelegt  von 

Müller.    (Cl.  3.  Febr.;  .S'.  B.  17.  März.) 
Erman,  zwei  Actenstücke  aus  der  thebanischen  Gräberstadt.    (Cl. 

3.  März;  S.  B.  7.  April.) 
Ranke,  Dr.  H.,    keilschriftliches  Material  zur  altaegyptischen  Vo- 

calisation.    Vorgelegt  von   Erman.    (G.  S.  10.  März;  Abh.) 


XVI 


Schäfer,  Prof.  IL,  und  Dr.  H.  Junker,  Bericht  über  die  von  der 
Königlichen  Akademie  der  Wissenschaften  in  den  Wintern 
1908/09  und  1909/10  nach  Nubien  entsendete  Expedition. 
Vorgelegt  von  Erman.    (Cl.  12.  Mai;  S.  B.  16.  Juni.) 

Müller,  Uigurica  IL    (Cl.  20.  Oct.;  Abh.) 

Andreas,  Prof.  F.  C,  Bruchstücke  einer  Pehlewi-Übersetzung  der 
Psalmen  aus  der  Sassanidenzeit.  Vorgelegt  von  Müller. 
(CL  20.  Oct.;  S.  B.) 

von  Le  Coq,  Dr.  A.,  Chuastuanift,  ein  Sündenbekenntnifs  der 
manichäischen  Auditores,  gefunden  in  Turfan.  Vorgelegt 
von  Müller.    (Cl.  20.  Oct.;  Abk.) 

Junker,  Dr.  H.,  der  Auszug  der  Hathor-Tefnut  aus  Nubien.  Vor- 
gelegt von  Erman.    (Cl.  20.  Oct.;  Abh.) 

Möller,  Dr.  G.,  das  Decret  des  Amenophis,  des  Sohnes  des  Hapu. 
Vorgelegt  von  Erman.    (Cl.  B.  Nov.;  S.  B.  17.  Nov.) 

Lüders,  über  Varuna.    (Cl.  17.  Nov.) 


Bericht  über  den  Erfolg  der  Preisausschreibungen  für  1910 
und  neue  Preisausschreibungen. 

Akademische  Preisaufgabe  für  1914  aus  dem  Gebiete  der  Mathematik. 

Die  Akademie  stellt  für  das  Jahr  1914  folgende  Preisaufgabe: 
»Die  Classenzahl  des  allgemeinsten  Eli'eiskörpers  soll  be- 
rechnet und  mit  der  Classenanzahl  seiner  Divisoren  verghchen 
w^erden.« 

Der  ausgesetzte  Preis  beträgt  fünftausend  Mark. 
Die   Bew^erbungsschriften    können    in    deutscher,    lateinischer, 
französischer,  englischer  oder  italiänischer  Sprache  abgefafst  sein. 
Schriften,    die    in    störender    Weise    unleserlich    geschrieben    sind. 


XVII 


können  durch  Beschlufs  der  zuständigen  Classe  von  der  Bewer- 
bung ausgeschlossen  werden. 

Jede  Bewerbungsschrift  ist  mit  einem  Spruchwort  zu  bezeich- 
nen, und  dieses  auf  einem  beizufügenden  versiegelten,  innerlich 
den  Namen  und  die  Adresse  des  Verfassers  angebenden  Zettel 
äufserlich  zu  wiederholen.  Schriften,  welche  den  Namen  des  Ver- 
fassers nennen  oder  deutlich  ergeben,  werden  von  der  Bewerbung 
ausgeschlossen.  Zurückziehung  einer  eingelieferten  Preisschrift  ist 
nicht  gestattet. 

Die  Bewerbungsschriften  sind  bis  zum  31.  December  1913 
im  Bureau  der  Akademie,  Berlin  W  35,  Potsdamer  Strafse  120, 
einzuliefern.  Die  Verkündigung  des  Urtheils  erfolgt  in  der  Leibniz- 
Sitzung  des  Jahres  1914. 

Sämmtliche  bei  der  Akademie  zum  Behuf  der  Preisbewerbung 
eingegangene  Arbeiten  nebst  den  dazu  gehörigen  Zetteln  werden 
ein  Jahr  lang  von  dem  Tage  der  Urtheilsverkündigung  ab  von 
der  Akademie  für  die  Verfasser  aufbewahrt.  Nach  Ablauf  der  be- 
zeichneten Frist  steht  es  der  Akademie  frei,  die  nicht  abgeforderten 
Schriften  und  Zettel  zu  vernichten. 

Preisausschreiben  ans  dein  Eller'schen  Legat. 

In  der  Le ihn iz- Sitzung  des  Jahres  1904  (30.  Juni)  hat  die 
Akademie  für  das  Jahr  1910  folgende  Preisaufgabe  aus  dem  Ell  er' 
sehen  Legat  ausgeschrieben: 

»Die  Akademie  verlangt  Untersuchungen  über  die  unsern 
Süfswasserfischen  schädlichen  Myxosporidien.  Es  ist  alles, 
was  von  der  Entwicklung  dieser  Parasiten  bekannt  ist, 
übersichtlich  zusammenzustellen  und  mindestens  bei  einer 
Species  der  vollständige  Zeugungskreis  experimentell  zu  er- 
mitteln.« 


XVIU 


Bewerbungsschriften,  welche  bis  zum  31.  December  1909  er- 
wartet wurden,  sind  nicht  eingegangen;  die  Akademie  will  aber 
die  Aufgabe  unverändert,  und  zwar  für  das  Jahr  1914,  wiederholen. 

Der  ausgesetzte  Preis  beträgt  viertausend  Mark. 

Die  Bewerbungsschriften  können  in  deutscher,  lateinischer, 
französischer,  enghscher  oder  italiänischer  Sprache  abgefafst  sein. 
Schriften,  die  in  störender  Weise  unleserlich  geschrieben  sind,  kön- 
nen durch  Beschlufs  der  zuständigen  Classe  von  der  Bewerbung 
ausgeschlossen  werden. 

Jede  Bewerbungsschrift  ist  mit  einem  Spruchwort  zu  bezeich- 
nen, und  dieses  auf  einem  beizufügenden  versiegelten,  innerlich  den 
Namen  und  die  Adresse  des  Verfassers  angebenden  Zettel  äufser- 
lich  zu  wiederholen.  Schriften,  welche  den  Namen  des  Verfassers 
nennen  oder  deutlich  ergeben,  werden  von  der  Bewerbung  aus- 
geschlossen. Zurückziehung  einer  eingeUeferten  Preisschrift  ist  nicht 
gestattet. 

Die  Bewerbungsschriften  sind  bis  zum  31.  December  1913  im 
Bureau  der  Akademie,  Berlin  W  35,  Potsdamer  Strafse  120,  ein- 
zuhefern.  Die  Verkündigung  des  Urtheils  erfolgt  in  der  Leibniz- 
Sitzung  des  Jahres  1914. 

Sämmtliche  bei  der  Akademie  zum  Behuf  der  Preis be Werbung 
eingegangene  Arbeiten  nebst  den  dazu  gehörigen  Zetteln  werden 
ein  Jahr  lang  von  dem  Tage  der  Urtheilsverkündigung  ab  von  der 
Akademie  für  die  Verfasser  aufbewahrt.  Nach  Ablauf  der  bezeich- 
neten Frist  steht  es  der  Akademie  frei,  die  nicht  abgeforderten 
Schriften  und  Zettel  zu  vernichten. 

Preis  der  Steiner  sehen  Stiftung. 

In  der  Leibniz-Sitzung  am  29.  Juni  1905  hat  die  Akademie 
für  den  Stein  er 'sehen  Preis  zum  dritten  Male  die  Aufgabe  ge- 
stellt: 


XIX 


»Es  soll  irgend  ein  bedeutendes,  auf  die  Lehre  von  den 
krummen  Flächen  sich  beziehendes,  bis  jetzt  noch  nicht  ge- 
löstes Problem  möglichst  mit  Berücksichtigung  der  von 
J.  Steiner  aufgestellten  Methode  und  Principien  vollständig 
gelöst  werden.« 

»Es  wird  gefordert,  dafs  zur  Bestätigung  der  Richtigkeit 
und  Vollständigkeit  der  Lösung  ausreichende  analytische  Er- 
läuterungen den  geometrischen  Untersuchungen  beigegeben 
werden.« 

»Ohne  die  Wahl   des  Themas   einschränken  zu  wollen, 
wünscht  die  Akademie  bei  dieser  Gelegenheit  die  Aufmerk- 
samkeit der  Geometer  auf  die  speciellen  Aufgaben  zu  richten, 
auf  welche   J.  Steiner  in  der  allgemeinen  Anmerkung  am 
Schlüsse    seiner    zweiten    Abhandlung    über    Maximum    und 
Minimum  bei  den  Figuren  in  der  Ebene,  auf  der  Kugelfläche 
und  im  Räume  überhaupt  hingewiesen  hat.« 
Eine  Bearbeitung  ist   für  dieses  Thema    indes  auch   diesmal 
nicht  eingegangen,   und   die  Akademie   zieht   die  gestellte  Preis- 
aufgabe nunmehr  zurück. 

Den  Statuten  der  Steiner'schen  Stiftung  gemäfs  will  die 
Akademie  den  frei  gewordenen  Preis  von  Sechstausend  Mark  zur 
Anerkennung  hervorragender  Arbeiten  aus  dem  Gesammtbereich 
der  Geometrie  verwenden.  Derselbe  wird  zuerkannt  dem  corre- 
spondirenden  Mitglied  der  Akademie  Hrn.  Gaston  Darboux  in 
Paris,  Mitglied  des  Institut  de  France  und  ständigem  Secretär  der 
Academie  des  Sciences,  für  seine  ausgezeichneten  geometrischen 
Arbeiten. 

Gleichzeitig  stellt  die  Akademie  für  das  Jahr  1915  folgende 
neue  Preisaufgabe: 

»Es  sollen  alle  nicht  zerfallenden  Flächen  fünften  Grades 
bestimmt    und   hinsichtlich  ihrer  wesentüchen   Eigenschaften 


XX 

untersucht  werden,  auf  denen  eine  oder  mehr  als  eine  Schar 
von  im  allgemeinen  nicht  zerfallenden  Curven  zweiten  Grades 
hegt.« 

»Es  wh-d  gefordert,  dafs  zur  Bestätigung  der  Richtigkeit 
und  Vollständigkeit  der  Lösung  ausreichende  analytische  Er- 
läuterungen den  geometrischen  Untersuchungen  beigegeben 
werden.« 

Für  die  Lösung  der  Aufgabe  wird  ein  Preis  von  7000  Mark 
ausgesetzt. 

Die  Bewerbungsschrif'ten  können  in  deutscher,  lateinischer, 
französischer,  englischer  oder  italiänischer  Sprache  abgefafst  sein. 
Schriften,  die  in  störender  Weise  unleserlich  geschrieben  sind, 
können  durch  Beschlufs  der  zuständigen  Classe  von  der  Bewerbung 
ausgeschlossen  werden. 

Jede  Bewerbungsschrift  ist  mit  einem  Spruchwort  zu  bezeich- 
nen, und  dieses  auf  einem  beizufügenden  versiegelten,  innerlich 
den  Namen  und  die  Adresse  des  Verfassers  angebenden  Zettel 
äufserlich  zu  wiederholen.  Schriften,  welche  den  Namen  des  Ver- 
fassers nennen  oder  deutlich  ergeben,  werden  von  der  Bewerbung 
ausgeschlossen.  Zurückziehung  einer  eingelieferten  Preisschrift  ist 
nicht  gestattet. 

Die  Bewerbungsschriften  sind  bis  zum  3L  December  1914  im 
Bureau  der  Akademie,  Berlin  W  35,  Potsdamer  Strafse  120,  ein- 
zuliefern. Die  Verkündigung  des  Urtheils  erfolgt  in  der  Leibniz- 
Sitzung  des  Jahres  1915. 

Sämmtliche  bei  der  Akademie  zum  Behuf  der  Preisbewerbung 
ehigegangene  Arbeiten  nebst  den  dazu  gehörigen  Zetteln  werden 
ein  Jahr  lang  von  dem  Tage  der  Urtheilsverkündigung  ab  von  der 
Akademie  für  die  Verfasser  aufbewahrt.  Nach  Ablauf  der  be- 
zeichneten Frist  steht  es  der  Akademie  frei,  die  nicht  abgeforderten 
Schriften  und  Zettel  zu  vernichten. 


XXI 


Preisaufgabe  der  Charlotten-Stiftung. 

Gemäfs  dem  Statut  der  von  Frau  Charlotte  Stiepel  geb. 
Freiin  von  Hopffgarten  errichteten  Charlotten-Stiftung  für 
Philologie  hat  die  Akademie  in  der  Leib niz- Sitzung  am  1.  Juü 
1909  die  folgende  Preisaufgabe  gestellt: 

-' '  »In  den  litterarischen  Papyri  sind  so  zahlreiche  proso- 
dische  Zeichen  an  das  Licht  getreten,  dafs  das  Aufkommen 
und  die  Verbreitung  der  griechischen  Accentuation  sich  ver- 
folgen läfst  und  die  byzantinische  Tradition,  die  im  Wesent- 
lichen noch  heute  herrscht,  controlirt  werden  kann.  Dazu 
ist  die  erste  und  nöthigste  Vorarbeit,  dafs  festgestellt  wird, 
in  welchen  Fällen  die  antiken  Schreiber  und  Correctoren  die 
Prosodie  bezeichnen,  und  wie  sie  das  thun.  Zur  Vergleichung 
müssen  mindestens  einige  sorgfältig  geschriebene  Handschrif- 
ten des  9.  und  10.  Jahrhunderts  herangezogen  werden.  Diese 
Aufgabe  stellt  die  Akademie.  Es  bleibt  dem  Bearbeiter  an- 
heimgestellt, inwieweit  er  die  Lehren  der  antiken  Grammati- 
ker heranziehen  will,  oder  andererseits  Schlüsse  auf  die  wirk- 
liche Betonung  und  Aussprache  machen.« 

Es  sind  drei  Bewerbungsschriften  eingegangen,  die  eine  aller- 
dings erst  am  1 .  März,  dem  Einlieferungstermine,  zur  Post  gegeben ; 
die  Akademie  hat  sie  noch  angenommen,  wird  aber  in  Zukunft 
in  dem  Ausschreiben  deutlich  aussprechen,  dafs  die  Bewerbungs- 
schriften am  1.  März  in  die  Hände  der  Akademie  gelangen  müssen. 

Die  Arbeit  mit  dem  Motto  nroXfia  npri^tos  d/j;^^'«  kann  schon 
wegen  ihres  Umfanges  und  der  aphoristischen  Behandlung  des 
Themas  nicht  ernstlich  in  Betracht  kommen. 

Die  Arbeit  mit  dem  Motto  »rem  tene,  verba  sequentur«  hat 
aus  vier  besonders  wichtigen  Papyri  das  gesammte  Material  ge- 
ordnet vorgelegt  und  auch  sonst  das  Wichtigste  verarbeitet,  auch 


XXll 


die  grammatische  Tradition  herangezogen,  und  die  zusammenfas- 
sende Darlegung  zeugt  von  ebensoviel  Fleifs  wie  eindringendem 
Urtheil,  w^enn  sich  der  Verfasser  auch  selbst  darüber  klar  ist,  dafs 
er  in  der  verfügbaren  Zeit  imr  Unfertiges  und  Provisorisches  Uefern 
konnte.  Es  w^erden  sich  noch  manche  Schlüsse  und  Behauptungen 
bei  der  nothwendigen  Erweiterung  und  Vertiefung  der  Arbeit  anders 
stellen. 

Ziemlich  dasselbe  gilt  für  den  Verfasser  der  Arbeit  mit  dem 
Motto  »Der  kennt  den  Ernst  der  Arbeit  usw.«.  Aber  seine  Samm- 
lungen sind  so  weit  gediehen,  dafs  er  wirkhch  im  wesentUchen 
alle  in  antiken  Büchern  erhaltenen  Accente  bereits  gesammelt  und 
geordnet  vorgelegt  hat.  Demgemäfs  erstrecken  sich  seine  Beob- 
achtungen und  die  Probleme,  die  er  aufwirft,  weiter  als  in  der 
anderen  Bewerbungsschrift,  und  wenn  auch  keine  von  beiden  mehr 
als  Vorarbeiten  zu  dem  Buche  liefert,  das  die  von  der  Akademie 
bezeichnete  Aufgabe  lösen  soll,  so  würden  sie  doch  beide  als  ge- 
nügend für  die  Zutheilung  des  Preises  erachtet  werden  können. 
Es  ist  wesentüch  das  Übergewicht  des  gesammelten  Materials,  was 
die  Akademie  bestimmt,  der  Arbeit  mit  dem  Motto  »Der  kennt 
den  Ernst  der  Arbeit«  den  vollen  Preis,  der  mit  dem  Motto  »rem 
tene«  einen  Nebenpreis  in  Höhe  einer  einjährigen  Rate  des  Haupt- 
preises zuzuerkennen. 

Die  nach  Verkündung  des  vorstehenden  Urtheils  vorgenom- 
mene Eröffnung  der  Namenszettel  ergab  als  Verfasser  der  mit  dem 
vollen  Preise  ausgezeichneten  Arbeit  Hrn.  Bernhard  Laum,  Can- 
didaten  des  höheren  Schulamts  in  Strafsburg  i.  E.,  und  als  Ver- 
fasser der  durch  den  Nebenpreis  anerkannten  Arbeit  Hrn.  Her- 
mann Flebbe,  Candidaten  des  höheren  Schulamts  in  Hannover. 


XXI  n 


Verzeichnifs  der  im  Jalire  1910  erfolgten  besonderen  Greldbe- 

willigungen  aus  akademischen  Mitteln  zur  Ausführung  wissen- 

schaftHcher  Unternehmungen. 

Es  wurden  im  Laufe  des  Jahres   1910  bewilligt: 
2300  Mark  dem   Mitglied    der  Akademie   Hm.  Engler   zur  Fort- 

fiQlu'ung  der  Herausgabe  des   »Pflanzenreich«. 
4000      »      dem   Mitglied   der  Akademie   Hrn.  F,  E.  Schulze  zur 

Fortfuhrung  des  Unternehmens   »Das  Tierreich«. 

6000  »  dem  Mitghed  der  Akademie  Hrn.  Koser  zur  Fort- 
fuhrung der  Herausgabe  der  Politischen  Correspondenz 
Friedrich's  des  Grofsen. 

5000  »  dem  Mitglied  der  Akademie  Hrn.  von  Wilamowitz- 
Moellendorff  zur  Fortführung  der  Sammlung  der 
griechischen  Inschriflen. 

4000  »  der  Deutschen  Commission  der  Akademie  zur  Fort- 
führung ihrer  Unternehmungen. 

2000  »  dem  Curatorium  der  Akademischen  Jubiläumsstiflung 
der  Stadt  Berlin  zu  den  Kosten  der  VeröfFentüchung 
der  Ergebnisse  der  von  der  Stiftung  veranstalteten 
Trinil-Expedition. 

1000  »  zur  Förderung  des  Unternehmens  des  Thesaurus 
ünguae  Latinae  über  den  etatsmäfsigen  Beitrag  von 
5000  Mark  hinaus. 

1500  »  zur  Bearbeitung  der  hieroglyphischen  Inschriflen  der 
griechisch-römischen  Epoche  für  das  Wörterbuch  der 
aegyptischen  Sprache. 
500  »  zu  der  von  den  cartellirten  deutschen  Akademien  unter- 
nommenen Herausgabe  der  mittelalterlichen  Bibliotheks- 
katalogc. 


XXIV 


2500  Mark  für  das  Unternehmen   einer  Neuausgabe   der  Septua- 
ginta,   welche   das  Cartell   der   deutschen   Akademien 
in  die  Hand  genommen  hat. 
2875     »     dem  Mitghed    der  Akademie   Hrn.  Engler   zur  Foi1>- 
setzung  des  Sammelwerkes  »Die  Vegetation  der  Erde«. 
2000     »     dem   Mitglied  der  Akademie  Hm.  F.  E.  Schulze  zur 
Fortführung  seiner  Untersuchungen  über  die  Lufträume 
des  Vogelkörpers. 
1500     »     dem  Mitglied  der  Akademie  Hrn.  Struve  zu  einer  Be- 
arbeitung der  in  den  letzten  Jahrzehnten  angestellten 
Beobachtungen  der  Uranusmonde. 

12000  »  dem  Mitglied  der  Akademie  Hrn.  S  ach  au  als  Beitrag 
zu  den  Kosten  der  Herstellung  eines  Thesaurus  der 
japanischen  Sprache. 
1000  »  dem  correspondirenden  Mitghed  der  Akademie  Hm.  von 
Bezold  in  Bonn  zu  den  Vorarbeiten  für  eine  Mono- 
graphie über  den  französischen  Publicisten  Jean 
Bodin. 
600  »  dem  correspondirenden  Mitglied  der  Akademie  Hm. 
Mitteis  in  Leipzig  zur  Herstellung  einer  Sammlung 
der  justinianischen  Interpolationen  in  den  Digesten, 
dem  Codex  Justinianus  und  den  Institutionen. 

1500  Frcs.  der  Biologischen  Station  in  RoscofF  gegen  Einräumung 
eines  von  der  Akademie  zu  vergebenden  Arbeitsplatzes 
für  die  Dauer  eines  Jahres. 

1000  Mark  dem  von  dem  zweiten  Deutschen  Kalitage  eingesetzten 
Comite  zur  wissenschaftlichen  Erforschung  der  nord- 
deutschen Kalisalzlager. 

1000  »  Hm.  Prof.  Dr.  Emil  Abderhalden  in  Berlin  zu  Ver- 
suchen liber  Ernährung  mit  vollständig  abgebautem 
Eiweifs. 


XXV 

420  Mark  Hm.  Prof.  Dr.  Ernst  Anding  in  Gotha  zur  Herausgabe 
einer  von  ihm  berechneten  Tafel  der  Bessel'schen  Func- 
tionen für  imaginäre  Argumente. 
1200      »      Hrn.  Prof.  Dr.  Adolf  Borgert  in  Bonn   zu  weiteren 

Untersuchungen  über  Radiolarien. 
1000      »      Hm.  Privatdocenten  Dr.  Otto  H.  Erdmannsdörffer 
'  in   Berün  zu  Untersuchungen   über  Contact-Metamor- 

phismus  in  französischen  Gebirgen. 
1000      »      Hrn.  Dr.  Victor  Franz  in  Frankfurt  a.  M.  zur  Fort- 
setzung seiner  Untersuchungen  über  Fischwanderungen. 

600  »  Hrn.  Prof.  Dr.  Karl  Haufsmann  in  Aachen  zur  Unter- 
suchung des  Aachener  magnetischen  Störungsgebiets. 

500  »  Hm.  Dr.  M.  K.  Ho  ff  mann  in  Leipzig  zur  Fortführung 
der  Bearbeitung  eines  Lexikons  der  anorganischen  Ver- 
bindungen. 
1000  »  Hm.  Prof.  Dr.  Arrien  Johnsen  in  Kiel  zur  Unter- 
suchung des  auf  den  Inseln  S.  Pietro  und  S.  Antioc  o 
gesammelten  mineralogischen  Materials. 

600  »  Hrn.  Dr.  Otto  Kalischer  in  Berlin  zur  Fortführung 
seiner  Untersuchungen  über  die  Hörsphären  des  Grofs- 
hims  usw. 

600  »  Hm.  Dr.  Ludwig  Keil  hack  in  Berlin  zur  Fortsetzung 
seiner  zoologischen  Seenuntersuchungen  in  den  Dau- 
phine- Alpen. 

650  »  Hm.  Privatdocenten  Dr.  Hans  Kniep  in  Freiburg  i. 
Br.  zu  Untersuchungen  über  den  Einflufs  der  Schwer- 
kraft auf  die  Orienth-ungsbewegungen  von  Pflanzen- 
organen. 

500  »  Hm.  Prof.  Dr.  Paul  Kuckuck  auf  Helgoland  für  eine 
Reise  nach  England  und  Irland  zum  Abschlufs  seiner 
Bearbeitung  der  Phaeosporeen. 


XXVI 


500  Mark  Hrn.  Prof.  Dr.  Otto  Ruff  in  Danzig  zur  Fortsetzung 
seiner  Untersuchungen  über  das  Osmium. 
2000      »      Hm.  Prof.  Dr.  Johannes  Walther  in  Halle  a.  S.  zu 
einer  Reise  nach  Aegypten  behufs  Studien  über  Wüsten- 
bildung. 
5000      »      zur   Untersuchung    antiker   Anlagen    bei   Paphos   auf 
Cypern  durch  Hrn.  Dr.  Robert  Zahn  in  Berlin, 
500      »      für  die  Zwecke  des  Corpus  inscriptionum  Etrascarum. 
1500      »      Hm.  Prof  Dr.  Erich  Ad  ick  es  in  Tübingen  zur  Druck- 
legung seiner  Untersuchungen  über  Kant's  physische 
Geographie. 
600      »      Hrn.   Dr.   Theodor    Kluge   in    Berlin   zur   photogra- 
phischen Aufnahme  altgeorgischer  Handschriften. 
800      »      Hrn.  Prof  Dr.  Gustav  Knod  in  Strafsburg  i.  E.  zu  einer 
Reise  nach  Frankreich  behufs  Fortführung  der  Arbeit 
an  seinem  Werke   »Die  deutsche  Nation  zu  Orleans«. 
1800      »      Hrn.  Prof  Dr.  Oskar  Mann  in  Berlin  zur  Fortsetzung 
seiner    Forschungen    über   Kurdistan    und   seine    Be- 
wohner. 
1000      »      Demselben  zur  Drucklegung  der  II.  Abtheilung  seiner 
» Kurdisch-persischen  Forschungen « . 
500      »      Hrn.  Prof  Dr.  Hans  Pomtow  in  Berlin  zur  Vollendung 
seiner  Delphischen  Studien. 
2500      »      Hrn.  Prof  Dr.  Friedrich  Schulthefs  in  Göttingen  zur 
Drucklegung  seines  Werkes  »Kaiila  und  Dimna.    Sy- 
risch und  deutsch.« 
500      »      Hrn.  Privatdocenten   Dr.  Rudolf  Unger  in  München 
zur   Drucklegung   seines  W^erkes    »Hamann    und    die 
Aufklärung.« 


XXVII 


Verzeichnifs  der  im  Jahre  1910  erschienenen  im  Auftrage 

oder  mit  Unterstützung  der  Akademie  bearbeiteten  oder 

herausgegebenen  Werke. 

Das  Pflanzenreich.  Regni  vegetabilis  conspectus.  Im  Auftrage 
der  Königl.  preufs.  Akademie  der  Wissenschaften  hrsg.  von 
A.  Engler.    Heft  41 -46.    Leipzig  1910. 

Das  Tierreich.  Eine  Zusammenstellung  und  Kennzeichnung  der 
rezenten  Tierformen.  Begründet  von  der  Deutschen  Zoolo- 
gischen Gesellschaft.  Im  Auftrage  der  Königl.  Preuß.  Aka- 
demie der  Wissenschaften  zu  Berlin  hrsg.  von  Franz  Eilhard 
Schulze.    Lief.  24.    Berlin  1910. 

Acta  Bomssica.  Denkmäler  der  Preußischen  Staatsverwaltung  im 
18.  Jahrhundert.  Hrsg.  von  der  Könighchen  Akademie  der 
Wissenschaften.  Behördenorganisation  und  allgemeine  Staats- 
verwaltung. Bd.  5,  Hälfte  1.  Bd.  10.  —  Die  einzelnen  Ge- 
biete der  Verwaltung:  Getreidehandelspolitik.  Bd.  3.  Münz- 
wesen.   Münzgeschichtlicher  Teil.    Bd.  3.    Berlin  1910. 

Politische  Correspondenz  Friedrich's  des  Grofsen.  Bd.  34.  Berün  1910. 

Kant's  gesammelte  Schriften.  Hrsg.  von  der  Königlich  Preußischen 
Akademie  der  Wissenschaften.  Bd.  1  (Neudruck).  Berlin  1910. 

Die  antiken  Münzen  Nord  -  Griechenlands.  Unter  Leitung  von 
F.  Imhoof- Blumer  hrsg.  von  der  Kgl.  Akademie  der  Wis- 
senschaften. Bd.  1.  Dacien  und  Moesien,  bearb.  von  Beh- 
rendt Pick  und  Kurt  Regung.  Halbbd.  2,  Abth.  1.  Ber- 
hn  1910. 

Deutsche  Texte  des  Mittelalters  hrsg.  von  der  Königlich  Preußi- 
schen Akademie  der  Wissenschaften.  Bd.  11.  Die  Predigten 
Taulers.  Bd.  18.  Gundackers  von  Judenburg  Christi  Hort. 
Bd.  21.  Die  poetische  Paraphrase  des  Buches  Iliob.  Ber- 
lin 1910. 


XXVIII 


Wielands  Gesammelte  Schriften.  Hrsg.  von  der  Deutschen  Kom- 
mission der  Königlich  Preußischen  Akademie  der  Wissen- 
schaften.   Abt.  1,  Bd.  3.    Berlin  1910. 

Thesaurus  linguae  Latinae  editus  auctoritate  et  consiüo  Academia- 
rum  quinque  Germanicarum  Berohnensis  Gottingensis  Lip- 
siensis  Monacensis  Vindobonensis.  Vol.  3,  Fase.  6.  7.  Vol.  5, 
Fase.  1.  2.  Supplementum :  Nomina  piopria  Latina.  Fase.  2. 
Lipsiae  1910. 

Ergebnisse  der  Plankton-Expedition  der  Humboldt-Stiftung.  Bd.  3. 
Lh:  Die  Tripyleen  Radiolarien.  10.  Borgert,  A.  Poiospa- 
thidae  und  Cadiidae.    Kiel  und  Leipzig  1910. 

Reck,  Hans.  Isländische  Masseneruptionen.  Jena  1910.  (Geo- 
logische und  paläontologische  Abhandlungen.  Hrsg.  von 
E.  Koken.    Neue  Folge.    Bd.  9,  Heft  2.) 

Schnitze,  Leonhard.  Zoologische  und  anthropologische  Ergeb- 
nisse einer  Forschungsreise  im  westlichen  und  zentralen  Süd- 
aft'ika  ausgeführt  in  den  Jahren  1903  — 1905.  Bd.  4.  Jena 
1910.  (Denkschriften  der  Medicinisch-Naturw^issenschaftlichen 
Gesellschaft  zu  Jena.    Bd.  16.) 

Vocabularium  lurisprudeiitiae  Romanae  iussu  Institut!  Savigniani 
compositum.  Tom.  3,  Fase.  1.  Tom.  5,  Fase.  1.  Berolini  1910. 

Die  griechischen  christlichen  Schriftsteller  der  ersten  drei  Jahr- 
hunderte. Hrsg.  von  der  Kirchenväter-Commission  der  Königl. 
Preufsischen  Akademie  der  Wissenschaften.  Bd.  18:  Die 
Esra -Apokalypse  (IV.  Esra).    Tl.  1.    Leipzig  1910. 

Philippson,  Alfred.  Topographische  Karte  des  westlichen  Klein- 
asien.   Lief  1.    Gotha  1910. 

Philippson,  Alfred.  Reisen  und  Forschungen  im  westlichen 
Kleinasien.  Heft  1.  Gotha  1910.  (Ergänzungsheft  N.  167 
zu    B Petermanns  Mitteilungen«.) 


XXIX 


Voeltzkow,  Alfred.  Reise  in  Ostafrika  in  den  Jahren  1903 — 1905 
mit  Mitteln  der  Hermann  und  Elise  geb.  Heckmann  Wentzel- 
Stiftung  ausgeführt.  Wissenschaftliche  Ergebnisse.  Bd.  2. 
Stuttgart  1906—10. 

Ammiani  Marcellini  rerum  gestarum  libri  qui  supersunt  rec.  rhyth- 
miceque  distinxit  Carolus  U.  Clark.    Vol.  1.    Berolini  1910. 

Ascherson,  Paul,  und  Graebner,  Paul.  Synopsis  der  mittel- 
europäischen Flora.    Lief.  64 — 70.    Leipzig  1909  — 10. 

Bauschinger,  J.,  und  Peters,  J.  Logarithmisch-trigonometrische 
Tafeln  mit  acht  Dezimalstellen.    Bd.  1.    Leipzig  1910. 

Hoffmann,  M.  K.  Lexikon  der  anorganischen  Verbindungen.  Bd.  1, 
Bogen  1—5.    Bd.  3,  Bogen  1—5.    Leipzig  1910. 

Lehmann-Haupt,  C.  F.  Armenien  einst  und  jetzt.  Bd.  1.  Ber- 
lin 1910. 

Mann,  Oskar.  Kurdisch-persische  Forschungen.  Abt.  2.  Berlin  1910. 

von  Recklinghausen,  Friedrich.  Untersuchungen  über  Rachitis 
und  Osteomalacie.    Text  und  Atlas.    Jena  1910. 

Römer,  Fritz,  und  Schaudinn,  Fritz.  Fauna  Arctica.  Eine  Zu- 
sammenstellung der  arktischen  Tierformen.  Fortgesetzt  von 
August  Brauer.    Bd.  5,  Lief  1.    Jena  1910. 

Salomon,  Wilhelm.  Die  Adamellogruppe.  Tl.  2.  Wien  1910.  (Ab- 
handlungen der  k.  k.  Geologischen  Reichsanstalt.  Bd.  21, 
Heft  2.) 

Schweinfurth,  Georg.  Aufnahmen  in  der  östlichen  Wüste  von 
Aegypten.    Serie  1,  Blatt  7.  8.    Berlin. 

Spuler,  Arnold.  Die  Schmetterlinge  Europas.  Lief  31 — 37. 
38a.  38b.    Stuttgart  1905  —  10. 

Taschenberg,  0.  Bibliotheca  zoologica  U.  Verzeichnifs  der  Schrif- 
ten über  Zoologie,  welche  in  den  periodischen  Werken  ent- 
halten und  vom  Jahre  1861 — 1880  selbständig  erschienen 
sind.    Lief  18.    Leipzig  1910. 


XXX 


Veränderungen  im  Personalstande  der  Akademie  im  Laufe  des 

Jahres  1910. 

Es  wurden  gewählt: 

zum    auswärtigen    Mitglied    der   physikalisch -mathematischen 
Classe: 

Lord  Rayleigh  in  Witham,  Essex,  bisher  correspondirendes  Mit- 
glied, bestätigt  durch  K.  Cabinetsordre  vom  6.  April  1910; 

zum  Ehrenmitglied: 

Bernhard  Fürst  von  Bülow  in  Rom,   bestätigt  durch  K.  Cabi- 
netsordre vom  31.  Januar  1910; 

zu  correspondirenden  Mitgliedern  der  physikalisch-mathemati- 
schen Classe: 

Hr.  Albert  Ladenburg  in  Breslau       ]  _    ^  ,^.1« 

„        ••     •     nf     ü    .[  am  6.  Januar  1910, 
Roland  Baron  Lotvos  m  üien-rest  j 

Hr.  Wilhelm  Wien  in  Würzburg  am   14.  Juü  1910, 

Sir  Joseph  John  Thomson  in  Cambridge,  England 

»    Victor  Horsley  in  London, 
Hr.  Felix  Marchand  in  Leipzig 

»    Friedrich  Merkel  in  Göttingen 

»    Angelo  Mosso  in  Turin 

»    Gustav  Schwalbe  in  Strafsburg 

»    Oswald  Schmiedeberg  in  Strafsburg 

»    William  Morris  Davis  in  Cambridge,  Mass. 

»    Lewis  Boss  in  Albany,  N.  Y.  ]  «„   ^      ,       ,^,« 

,..,.,„..   ^  ."^'  am  27.  October  1910; 

»    J^nednch  Kustner  m  Bonn 


am 

28.  Juh 
1910, 


XXXI 


zu  con-espondirenden  Mitgliedern  der  philosophisch -lüstorischeii 
Classe: 


Hr.  Wilhelm  Fröhner  in  Paris  am  23.  Juni  1910, 
»    Samuel  Rolles  Driver  in  Oxford 
»    Ignaz  Goldziher  in  Ofen-Pest 
»    Franz  Praetorius  in  Breslau 


am  8.  December  1910. 


Gestorben  sind: 

die   ordentüchen   Mitglieder    der   physikaüsdi-mathematischen 
Classe: 

Hr.  Hans  Landolt  am  15.  März  1910, 
»    Robert  Koch  am  27.  Mai  1910; 

die  ordentüchen  MitgUeder  der  philosophisch-historischen  Classe: 
Hr.  Adolf  Tobler  am  18.  März  1910, 
»    Heinrich  Zimmer  am  29.  JuU  1910; 

die  auswärtigen   Mitglieder    der   physikalisch-mathematischen 
Classe: 
Hr.  Eduard  Pflüger  in  Bonn  am  16.  März  1910, 
»    Giovanni  Virginio  Schiaparelli  in  Mailand  am  4.  Juli  1910; 

das  auswärtige  Mitglied  der  philosophisch-historischen  Classe: 
Hr.  Leopold  Delisle  in  Paris  am  22.  Juli  1910; 

das  EhrenmitgUed: 
Hr.  Friedrich  Kohlrausch  in  Marburg  am  17.  Januar  1910; 

die  correspondirenden  Mitglieder  der  physikahsch-mathemati- 
schen  Classe: 
Hr.  Alexander  Agassiz  in  Cambridge,  Mass.  am  27.  Mäi-z  1910, 
»    Eduard  van  Beneden   in  Lüttich  am  28.  April  1910, 
»    Stanislao  Cannizzaro  in  Rom  am  10.  Mai  1910, 


XXXII 


Sir  William  Huggins  in  London  am  12.  Mai  1910, 
Hr.  Friedrich   von  Recklinghausen  in  Strafsburg  am  26.  Au- 
gust 1910, 
»    Melchior  Treub,   früher  in   Buitenzorg,   zuletzt  in  Saint-Ra- 

phael  (Südfrankreich)  am  3.  October  1910, 
»    Rudolf  Fittig  in  Strafsburg  am  19.  November  1910, 
»    Angelo  Mosso  in  Turin  am  24.  November  1910; 

die  correspondirenden  Mitglieder  der  philosophisch-historischen 
Classe: 
Hr.  Benedictus  Niese  in  Halle  a.  S.  am  1.  Februar  1910, 
»    Emil  Schürer  in  Göttingen  am  30.  April  1910, 
»    Adolf  Michaelis  in  Strafsburg  am  12.  August  1910, 
»    William   James  in   Cambridge,  Mass.  am  27.  August  1910. 


xxxin 


Verzeichnifs  der  Mitglieder  der  Akademie  am  Schlüsse  des 

Jahres  1910 

nebst  den  Verzeichnissen  der   Inhaber   der   Helmholtz-  und  der  Leibniz-Medaille 

und  der  Beamten  der  Akademie. 


I.    Beständige  Secretare. 


Gewählt  von  der  Datum  der  Königlichen 

Bestätigung 


Hr.  Auwers phys.-math.  Classe  .     .     .  -  .     ,  1878  April  10. 

-  ValUen phil.-hist.  -  1893  April    5. 

-  DieU phil.-hist.  -  1895  Nov.  27. 

-  Waldeyer phys.-math.        -  1896  Jan.    20. 


II,    Ordentliche  Mitglieder. 

PhyailuliKli-matlieiiutuehe  CUs«  PhiIosopbi.ch. historische  Classe  ""'""uMtSti"'!^'''''"'" 

Hr.  Arthur  Auwers 1866  Aug.    18. 

Ur.  Johannes  Va/den 1874  Dec.    16. 

-  Alexander  Conze     ....  1877  April  23. 

-  Simon  Schwendener 1879  Juli     13. 

-  Hermann  Mtink 1880  März  10. 

-  Hermann  Diels 1881  Aug.    15. 

-  Wülielm  Waldeyer 1884  Febr.  18. 

Heinrich  Brunner    ....  1884  April     9. 

-  Franz  Eilhard  Schulze 1884  Juni    21. 

-  OUo  Hirschfcld 1885  März     9. 

Edxuird  Sa^hau 1887  Jan.    24. 

-  Gustav  von  Schmoller  .     .     .  1887  Jan.    24. 

-  WWtelm  iniihey 1887  Jan.    24. 

-  Adolf  Engler 1890  .Tan.    29. 

-  Adolf  Harnack 1890  P^ebr.  10. 

-  Hermann  Amandus  Schwarz 1892  Dee.    19. 

-  Georg  Frobenius 1893  Jan.    14. 

-  Emü  Fischer 1893  Febr.    6. 

-  Oskar  Hertwig 1893  April  17. 

-  Max  Planck 1894  Juni    11. 

-  Karl  Stampf 1895  Febr.  18. 

e 


XXXIV 

Physikalisch-mathematische  Ciasso  Philosophisch-historische  Classe  BestÄtieunl 

Hr.  Erkh  Schmidt 1895  Febr.  18. 

-  Adolf  Erman 1895  Febr.  18. 

Hr.  Emü  Warburg 1895   Aug.   13. 

-  Jakob  Heinrich  van't  Hoff 1896  Febr.  26. 

-  ReinlMld  Koser 1896   Juli     12. 

-  Max  Lenz 1896  Dec.    14. 

-  Rdnliard  Kehde  von  Stradonitz  1898   Juni      9. 
Ulrich  von  Wüamowitz- 

Moellmdorff 1899   Aug.      2. 

-  WUhelm  Branca 1899  Dec.    18. 

-  Robert  Hehnert 1900  Jan.    31. 

-  Heinrich  Müller-Breslau 1901    Jan.     14. 

-  Heinrich  Dressel      ....  1902    Mai       9. 

-  Konrad  Burdach     ....  1902   Mai      9. 

-  Friedrich  Sclwttky 1903   Jan.      5. 

-  Gustav  Roeihe 1903   Jan.      5. 

-  Dietrich  Schäfer 1903    Aug.     4. 

-  Eduard  Meyer 1903    Aug.     4. 

-  Wilhelm  Schulze      ....  1903   Nov.  16. 

-  Abis  Brandl 1904  April    3. 

-  Herrnann  Struve 1904   Aug.  29. 

-  Hermann  Zimmermann 1904    Aug.   29. 

-  Adolf  Martens 1904  Aug.   29. 

-  WaUher  Kernst 1905   Nov.   24. 

-  Max  Bubner 1906  Dec.      2. 

-  Johannes  Orth 1906   Dec.      2. 

-  Albrecht  Penck 1906   Dec.      2. 

-  Friedrich  Müller     ....  1906   Dec.    24. 

-  Andreas  Heusler     ....  1907   Aug.      8. 

-  Heinrich  Rubens 1907  Aug.      8. 

Theodor  Liebisch 1908  Aug.      3. 

-  Eduard  Seier 1908   Aug.    24. 

-  Heinrich  Lüders      ....  1909    Aug.      5. 

-  Heinrich  Morf 1910   Dec.    14. 

-  Heinrich  Wölfflin     .     .     .     .  1910   Dec.    14. 


XXXV 

in.    Auswärtige  Mitglieder. 

PhnikaUseh-nuttheDutueh«  Cl»J»e                                 PhUoaophiscb-hiitoriiche  ClMse  Datum  der  Kömglichen 

BesUtigung 

Hr.  TIieodorNöldekemStva.khnrg  1900  März     5. 

-  Friedrich   Imhoof-Blumer   in 

Winterthur 1900   März     5. 

-  Pasquale  Villari  in  Florenz  .  1900   März      5. 
Hr.   Wiüi^im  Hittorf  in  Müaster  i.W 1900  März     5. 

-     Eduard  Suess  in  Wien 1900  März     5. 

Sir  Joseph  Dalton  Hooker  in  Sun- 

ningdale .  1904  Mai     29. 

Hr.  Adolf  von  Baeyer  in  München 1905   Aug.     12. 

-  Vatroslav  von  Jagii  in  Wien  1908    Sept.    25. 

-  Panagioüs Kabbadiasia Mhtn  1908  Sept.    25. 
Lord  Raylägh  in  Witham,   Essex 1910   April     6. 


IV.    Ehrenmitglieder. 


Datum  der  Königlichen 
BcHtAtiguDg 


Earl  of  Crawford  and  Balcarres  in  Haigli  HaU,  Wigan      ....  1883  Juli  30. 

Hr.  Max  Lehmann  in  Göttingen 1887  Jan.  24. 

Hugo  Graf  von  und  zu  Lerchenfeld  in  Berlin 1900  März  5. 

Hr.  Richard  Schöne  in  Grunewald  bei  Berlin 1900  März  5. 

Frau  Elise  Wentzel  geb.  Heckmann  in  Berlin 1900  März  5. 

Hr.  Konrad  von  Studt  in  Berlin 1900  März  17. 

-     Andrew  Dickson  WhiU  m  IthAcsi,  "iü.Y 1900  Dec.  12. 

Rochus  Frhr.  von  Liliencron  in  Coblenz 1901  Jan.  14. 

Bernhard  Fürst  von  Bülow  in  Rom 1910  Jan.  31. 


XXXVI 


V.    Correspondirende  Mitglieder. 

Physikalisch-mathematische    Classc.  Datum  der  Wahl 

Hr.  Ernst  Wilhelm  Benecke  in  Strafsburg 1900   Febr.    8. 

-  Lerds  Boss  in  Albany,  N.  Y 1910  Oct.    27. 

-  Oskar  Brefeld  in  Charlottenburg 1899   Jan.     19. 

-  Heinrich  Bruns  in  Leipzig 1906   Jan.    11. 

-  Otto  Bütschli  in  Heidelberg 1897   März  11. 

-  Karl  Chun  in  Leipzig 1900  Jan.    18. 

-  Giacomo  Ciamician  in  Bologna 1909  Oct.     28. 

-  Gaston  Darbmix  in  Paris 1897   Febr.  11. 

Sir  George  Howard  Darwin  in  Cambridge 1908  Juni    25. 

Hr.  William  Morris  Davis  in  Cambridge,  Mass 1910   Juli     28. 

-  Richard  Dedekind  in  Braunschweig 1880   März  11. 

-  Nils  Christof  er  Duner  in  Upsala 1900   Febr.  22. 

-  Er7isi  Ehlers  in  Göttingen 1897   Jan.    21. 

Roland  Baron  Eötoös  in  Ofen-Pest 1910  Jan.      6. 

Hr.  Max  Fivrbringer  in  Heidelberg 1900   Febr.  22. 

Sir  Archibald  Geikie  in  Haslemere,  Surrey 1889  Febr.  21. 

-  David  GUI  in  London 1890  Juni      5. 

Hr.  Paul  Gordan  in  Erlangen 1900   Febr.  22. 

-  Karl  Graebe  in  Frankfurt  a.  M 1907  Juni    13. 

-  Ludwig  von  Graff  in  Graz 1900  Febr.    8. 

-  Gottlieb  Haberlandt  in  Berlin 1899   Juni      8. 

-  Julius  Hann  in  Wien 1889   Febr.  21. 

-  Victor  Hensen  in  Kiel 1898  Febr.  24. 

-  Richard  von  Hertmig  in  München 1898  April  28. 

Sir   Victor  Horsley  in  London 1910  Juli     28. 

Hr.  Adolf  von  Koenen  in  Göttingen 1904   Mai       5. 

-  Leo  Koenigsbergei-  in  Heidelberg 1893  Mai       4. 

-  Willlehn  Kömer  in  Mailand 1909   Jan.      7. 

Friedrich  Küstner  in  Bonn 1910   Oct.    27. 

-  Albert  Ladenhirg  in  Breslau 1910   Jan.      6. 

-  Henri  Le  Chatelier  in  Paris 1905   Dec.    14. 

-  Philipp  Lenard  in  Heidelberg 1909  Jan.    21. 

-  Michel  LSoy  in  Paris 1898  JuU     28. 

-  Gabriel  Lippmann  in  Paris 1900  Febr.  22. 

-  Hendrik  Antoon  Lorentz  in  Leiden 1905    Mai       4. 

-  Hubert  Ludwig  in  Bonn 1898   Juli     14. 


XXXVII 

Datum  der  Wahl 

Hr.  Felix  Marchand  in  Leipzig 1910   Juli     28. 

-  Friedrich  Merkel  in  Göttingen 1910   Juli     28. 

-  Franz  Mertens  in  Wien 1900  Febr.  22. 

-  Henrik  Mohn  in  Christiania 1900  Febr.  22. 

-  Alfred  Galjriel  Nathwst  in  Stockliolm 1900   Febr.    8. 

-  Karl  Neumann  in  Leipzig 1893   Mai       4. 

-  Max  Noeiher  in  Erlangen 1896  Jan.    30. 

-  Wilhelm  Osiwald  in  Grofs-Bothen,  Kgr.  Sachsen 1905   Jan.    12. 

-  Wil/ielm  Pfeffer  in  Leipzig 1889   Dec.    19. 

-  Emile  Board  in  Paris 1898  Febr.  24. 

-  Edward  Charles  Pickering  in  Cambridge,  Mass 1906  Jan.    11. 

-  Henri  Poincare  in  Paris 1896   Jan.    30. 

-  Georg  Quincke  in  Heidelberg 1879   März  13. 

-  Ludwig  Radlkofer  in  München 1900  Febr.    8. 

Sir  William  Ramsay  in  London 1896   Oct.    29. 

Hr.  Gustaf  Retzim  in  Stockholm 1893   Juni      1. 

-  Theodore  William  Richards  in  Cambridge,  Mass 1909  Oct.     28. 

-  Wilhelm  Konrad  Röntgen  in  München 1896   März  12. 

Heinrich  Rosenbusch  in  Heidelberg 1887   Oct.    20. 

-  Georg  Ossian  Sars  in  Christiania 1898  Febr.  24. 

-  Oswald  Schmied^berg  in  Strafsburg 1910  Juli     28. 

-  Gustav  Schwalbe  in  Strafsburg 1910  Juli     28. 

-  Hugo  von  Seeliger  in  München 1906  Jan.     11. 

Hermann  Graf  zu  Sohns -Latihach  in  Strafsburg 1899  Juni      8. 

Hr.  Johann  Wilhelm  Spengel  in  Giefsen 1900   Jan.    18. 

-  Eduard  Strasburger  in  Bonn 1889   Dec.    19. 

-  Johannes  Sträver  in  Rom 1900   Febr.    8. 

Sir  Joseph  John  Thomson  in  Cambridge 1910  Juli     28. 

Hr.  August  Toepler  in  Dresden 1879   März  13. 

-  Gustav  von  Tschermak  in  Wien 1881    März     3. 

Sir    Wiüiam  Tumer  in  Edinburg 1898  März  10. 

Hr.  Woldemttr  Voigt  in  Göttingen 1900  März     8. 

-  Johannes  Diderik  van  der  Waals  in  Amsterdam 1900   Febr.  22. 

-  Otto  Wallach  in  Göttingen 1907  Juni    13. 

-  Eugenius  Warmifig  in  Kopenhagen 1899  Jan.     19. 

-  Heinrich  Weber  in  Strafsburg 1896   Jan.    30. 

-  August  Weismann  in  Freiburg  i.  Br 1897   März  11. 

-  Wilhelm  Wien  in  Würzburg 1910  Juli     14. 

-  Julius  von  Wiesner  in  Wien 1899   Juni      8. 

-  Ferdinand  Zirkel  in  Bonn 1887   Oct.    20. 


XXXVIII 

Philosophisch-historische  Classe.  Datum  d«  Wahl 


Hr.  Karl  von  Amira  in  München 1900  Jan.    18. 

-  Ernst  Immamiel  Bekker  in  Heidelberg 1897  Juli     29. 

-  Friedrich  von  Bezold  in  Bonn 1907  Febr.  14. 

-  Eugen  Bormann  in  Wien 1902  Juli     24. 

-  Emile  Bouirotix  in  Paris 1908  Febr.  27. 

-  James  Henry  Breasted  in  Chicago 1907  Juni    13. 

Ingram  Bywater  in  London 1887  Nov.    17. 

-  Reni  Cagnat  in  Paris 1904  Nov.     3. 

-  Arthur  Chuquet  in  Villemomble  (Seine) 1907  Febr.  14. 

Samuel  RoUes  Driver  in  Oxford 1910  Dec.      8. 

-  Louis  Duchesne  in  Rom 1893  Juli     20. 

Benno  Erdmann  in  Berlin 1903  Jan.    15. 

-  Julius  Euting  in  Strafsburg 1907  Juni    13. 

-  Patd  Foucart  in  Paris 1884  Juli     17. 

-  Wilhelm  Fröhner  in  Paris 1910  Juni    23. 

-  Percy  Gardner  in  Oxford 1908  Oct.    29. 

[gnaz  Goldziher  in  Ofen-Pest 1910  Dec.      8. 

-  T/ieodor  Gomperz  in  Wien 1893  Oct.    19, 

-  Francis  Llewellyn  Grifßth  in  Oxford 1900  Jan.     18. 

Gustav   Gröber  in  Strafsburg 1900  Jan.     18. 

Ignazio  Guidi  in  Rom 1904  Dec.    15. 

Georgios  N.  Hatzidakis  in  Athen 1900  Jan.     18. 

-  Albert  Hauck  in  Leipzig 1900  Jan.     18. 

-  Bemard  Haussoullier  in  Paris 1907  Mai       2. 

-  Barclay  Vincent  Head  in  London 1908  Oct.    29. 

-  Johan  Ludvig  Heiberg  in  Kopenhagen 1896  März  12. 

Karl  Theodor  von  Heigel  in  München 1904  Nov.      3. 

Antoine  Hiron  de  Vdlefosse  in  Paris 1893  Febr.    2. 

-  Lion  Heuzey  in  Paris 1900  Jan.     18. 

-  Harald  Hjärne  in  Upsala 1909  Febr.  25. 

-  Maurice  HoUeaux  in  Athen 1909  Febr.  25. 

-  Edvard  Holm  in  Kopenhagen 1904  Nov.     3. 

Thiophile  Homolle  in  Paris 1887  Nov.  17. 

Christian  Hülsen  in  Florenz 1907  Mai       2. 

-  Adolf  Jüliclier  in  Marburg 1906  Nov.     1. 

-  Karl  Justi  in  Bonn 1893  Nov.  30. 

-  Frederic  George  Kenyon  in  London 1900  Jan.    18. 

-  Georg  Friedrich  Knapp  in  Strafsburg 1893  Dec.    14. 

Basil  Laiyschew  in  St.  Petersburg 1891  Juni      4. 

-  Friedrich  Leo  in  Göttingen 1906  Nov.     1. 


XXXIX 

Datum  der  Wahl 

Hr.  Augtist  Leskien  in  Leipzig 1900  Jan.    18. 

-  Emile  Levassetir  in  Paris 1900  Jan.     18. 

-  Friedrich  Loofs  in  Halle  a.  S 1904  Nov.     3. 

-  Giacomo  Lumbroso  in  Rom 1874  Nov.   12. 

-  Arnold  Luschin  von  Ebengreuth  in  Graz           1904  Juli     21. 

-  John  Peruland  Mahaffy  in  Dublin 1900  Jan.     18. 

Gaston  Alaspero  in  Paris 1897  Juli     15. 

-  Wilhelm  Meyer- Lübke  in  Wien 1905  Juli       6. 

-  Ludwig  Mitteis  in  Leipzig 1905  Febr.  16. 

-  Gabriet  Monod  in  Versailles -  .     .  1907  Febr.  14. 

-  Heinrich  Nissen  in  Bonn 1900  Jan.     18. 

-  Georges  Perrot  in  Paris 1884  Juli     17. 

-  Edmond  Pottier  in  Paris 1908  Oct.    29. 

-  Franz  Ih-aetorius  in  Breslau 1910  Dec.      8. 

-  Wilhelm  Radioff  in  St.  Petersburg 1895  Jan.    10. 

-  Fio  Rajna  in  Florenz 1909  März  11. 

-  Moriz  Ritter  in  Bonn 1907  Febr.  14. 

-  Karl  Robert  in  Halle  a.  S 1907  Mai       2. 

-  Anton  E.  Schönbach  in  Graz 1906  Juli       5. 

-  Richard  Schroeder  in  Heidelberg 1900  Jan.    18. 

-  Eduard  Schwartz  in  Freiburg  i.  Br 1907  Mai       2. 

-  Emile  Senart  in  Paris 1900  Jan.     18. 

Eduard  Sievers  in  Leipzig 1900  Jan.     18. 

-  Henry  Sweet  in  Oxford 1901  Juni      6. 

Sir  Edward  Maunde  Tlu>mpson  in  London 1895  Mai      2. 

Hr.  Villielm  Tliomsen  in  Kopenhagen 1900  Jan.     18. 

-  Girolaino  Vitelli  in  Florenz 1897  Juli     15. 

-  Julius  WeUliausen  in  Göttingen 1900  Jan.    18. 

-  Wilhelm  Wilmanns  in  Bonn 1906  Juli       5. 

-  Ludoig  Wimmer  in   Kopenhagen 1891  Juni      4. 

-  Willtelm  Windelband  in  Heidelberg 1903  Febr.    5. 

-  WiUtelm  Wundt  in  Leipzig 1900  Jan.     18. 


XL 

Inhaber  der  Helmholtz-Medaille. 

Hr.  Santiago  Ramön  y  Caj'al  in  Madrid  (1904). 

-  Emü  Fisclier  in  Berlin  (1908). 

-  Jakob  Heinrich  van't  Hoff  in  Berlin  (1910). 

Verstorbene  Inhaber: 

Emil  du  Bois-Reymond  (Berlin,  1892). 

Karl  Weierstrafs  (Berlin,   1892). 

Robert  Bansen  (Heidelberg,   1892). 

Lord  Kelvin  (Netherhall,  Largs,  1892). 

Rudolf  Virchow  (Berlin,  1898). 

Sir  George   Gabriel  Stokes  (Cambridge,   1900). 

Henri  Becquerel  (Paris,  1906). 

Inhaber  der  Leibniz-Medaille. 

a.    Der  Medaille   in   Gold. 
Hr.  James  Simon  in  Berlin  (1907). 

-  Ernest  Solvay  in  Brüssel  (1909). 

-  Henry  T.  von  Böttinger  in  Elberfeld  (1909). 
Joseph  Florimond  D\ic  de  Loubat  in  Paris  (1910). 

h.    Der  Medaille   in   Silber. 
Hr.  Karl  Alexander  von  Martins  in  Berlin  (1907). 

-  A.  F.  Lindemann  in  Sidmouth,  England  (1907). 

-  Johannes  Balte  in  Berlin  (1910). 

-  Karl  Zeumer  in  Berlin  (1910). 

-  Albert  von  Le  Coq  in  Berlin  (1910). 

-  Johannes  Ilberg  in  Würzen  (1910). 

-  Max  Wellmann  in  Potsdam  (1910). 

-  Robert  Koldewey  in  Babylon  (1910). 
Gerhard  Hessenberg  in  Breslau  (1910). 


Beamte  der  Akademie. 

Bibliothekar  und  Archivar  der  Akademie:  Dr.  Köhnke. 
Bibliothekar  und  Archivar  der  Deutscheu  Commission:   Dr.  Behrend. 
Wissenschaftliche  Beamte:  Dr.  Dessau,  Prof.  —  Dr.  Harms,  Prof.  —  Dr.  von  Fritze.  — 
Dr.  Karl  Schmidt,  Prof.  —  Dr.  Frhr.  Hiller  von  Gaertringen,  Prof.  —  Dr.  Ritter. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den 
Geisteswissenschaften. 


Studien 


H"  WILHELM  DILTHEY. 


Erste  Hälfte. 


mi.-hisl.  Klasse.    1910.    Ahh.  l. 


Die  Schlußabhandlung  wurde  gelesen  in  der  Gesamtsitzung  am  20.  Januar  1910. 
Zum  Druck  eingereicht  am  21.  März  1910,  ausgegeben  am  5.  December  1910. 


JJen  Grundstock  der  nachfolgenden  Arbeit  bilden  die  in  der  Akademie  der  Wissenscliaften 
durch  mehrere  Jahre  bis  zum  20.  Januar  1910  gelesenen  Abhandlungen  über  die  Abgrenzung 
der  Geisteswissenschaften,  den  Strukturzusaminenhang  des  Wissens,  das  Erleben  und  das  Ver- 
stehen. Von  ihnen  hat  die  über  den  Strukturzusammenhang  des  Wissens  ihre  Grundlage  in 
der  über  den  psychischen  Struktin-zusammenhang,  die  am  2.  März  1905  gelesen,  im  Sitzungs- 
bericht des  16.  März  gedruckt  ist  und  sonach  hier  nur  kurz  zusammengefaßt  und  ergänzt 
werden  konnte.  Von  den  in  die  vorliegende  Arbeit  aufgenommenen  ungedruckten  Abhand- 
lungen ist  die  eine  über  Abgrenzung  der  Geisteswissenschaften  hier  einfach  reproduziert,  die 
über  Erleben  und  über  Verstehen  sind  erweitert.  Im  übrigen  schloß  sich  das  hier  Voi^elegte 
an  meine  Vorlesungen  über  Logik  und  über  System  der  Philosophie  an. 


I.  Abgrenzung  der  Geisteswissenschaften. 

Es  gilt,  die  Geisteswissenschaften  von  den  Naturwissenschaften  durch 
sichere  Merkmale  vorläufig  abzugrenzen.  In  den  letzten  Dezennien  haben 
über  die  Natur-  und  Geisteswissenschaften  und  besonders  über  die  Ge- 
schichte interessante  Debatten  stattgefunden :  ohne  in  die  Ansichten  ein- 
zugehen, die  in  diesen  Debatten  einander  gegenübergetreten  sind,  lege  ich 
hier  einen  von  ihnen  abweichenden  Versuch  vor,  das  Wesen  der  Geistes- 
wissenschaften zu  erkennen  und  sie  von  den  Naturwissenschaften  abzu- 
grenzen. Die  vollständige  Erfassung  des  Unterschieds  wird  sich  erst  in  der 
weiteren  Untersuchung  vollziehen. 

1. 

Ich  gehe  von  dem  umfassenden  Tatbestand  aus,  welcher  die  feste 
Grundlage  jedes  Räsonnements  über  die  Geisteswissenschaften  bildet.  Neben 
den  Naturwissenschaften  hat  sich  eine  Gruppe  von  Erkenntnissen  entwickelt, 
naturwüchsig,  aus  den  Aufgaben  des  Lebens  selbst,   welche  durch   die  Ge- 


4  Du,  they: 

meinsamkeit  des  Gegenstandes  miteinander  verbunden  sind.  Solche  Wissen- 
schaften sind  Geschichte,  Nationalökonomie,  Rechts-  und  Staatswissenschaften, 
Religionswissenschaft,  das  Studium  von  Literatur  und  Dichtung,  von  Raum- 
kunst und  Musik,  von  philosophischen  Weltanschauungen  und  Systemen, 
endlich  die  Psychologie.  Alle  diese  Wissenschaften  beziehen  sich  auf  die- 
selbe große  Tatsache:  das  Menschengeschlecht.  Sie  beschreiben  und  er- 
zählen, urteilen  und  bilden  Begriffe  und  Theorien  in  Beziehung  auf  diese 
Tatsache. 

Was  man  als  Physisches  und  Psychisches  zu  trennen  pflegt,  ist  in 
dieser  Tatsache  ungesondert.  Sie  enthält  den  lebendigen  Zusammenhang 
beider.  Wir  sind  selber  Natur,  und  die  Natur  wirkt  in  uns,  unbewußt, 
in  dunkeln  Trieben;  Bewußtseinszustände  drücken  sich  in  Gebärde,  Mienen, 
Worten  beständig  aus,  und  sie  haben  ihre  Objektivität  in  Institutionen,  Staaten, 
Kirchen,  wissenschaftlichen  Anstalten:  eben  in  diesen  Zusammenhängen  be- 
wegt sich  die  Geschichte. 

Dies  schließt  natürlich  nicht  aus,  daß  die  Geisteswissenschaften,  wo 
ihre  Zwecke  es  fordern,  sich  der  Unterscheidung  des  Physischen  und  Psy- 
chischen bedienen.  Nur  daß  sie  sich  bewußt  bleiben  müssen,  daß  sie 
dann  mit  Abstraktionen  arbeiten,  nicht  mit  Entitäten,  und  daß  diese  Ab- 
straktionen nur  in  den  Schranken  des  Gesichtspunktes  Geltung  haben,  unter 
dem  sie  entworfen  sind.  Ich  stelle  den  Gesichtspunkt  dar,  aus  welchem 
die  nachfolgende  Grundlegung  Psychisches  und  Physisches  unterscheidet 
und  welcher  den  Sinn  bestimmt,  in  dem  ich  die  Ausdrücke  anwende.  Das 
Nächstgegebene  sind  die  Erlebnisse.  Diese  stehen  nun  aber,  wie  ich  hier 
früher  nachzuweisen  vei'sucht  habe',  in  einem  Zusammenhang,  der  im 
ganzen  Lebens  verlauf  inmitten  aller  Veränderungen  permanent  beharrt;  auf 
seiner  Grundlage  entsteht  das,  was  ich  als  den  erworbenen  Zusammen- 
hang des  Seelenlebens  früher  beschrieben  habe;  er  umfaßt  unsere  Vor- 
stellungen, Wertbestimmungen  und  Zwecke,  und  er  besteht  als  eine  Ver- 
bindung dieser  Glieder".  Und  in  jedem  derselben  existiert  nun  der  er- 
worbene  Zusammenhang   in    eigenen  Verbindungen,    in  Verhältnissen    von 


'    Sitzungsber.  v.  16.  Miirz  1905,  S.  332  ff.. 

^  Über  den  erworbenen  Zusammenhang  des  Seelenlebens  in  •Dichterisclie  Einbildungs- 
kraft und  Wahnsinn«.  Rede  i886,  8.  13 ff'.,  Die  Einbildungskraft  des  Dichters,  in  •Pliilo- 
sophische  Aufsätze-,  Zeller  gewidmet,  1887,  S.  355  ff.,  388  ff.,  »Ideen  über  eine  beschrei- 
bende und  zergliedernde  Psj'chologie«,  Sitzungsber.  d.  Akad.  d.  Wiss.  1894,  S.  Soff. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Well  in  den  Geisteswissenschaften.  I.  5 

Vorstellungen,  in  Wertabmessungen,  in  der  Ordnung  der  Zwecke.  Wir  be- 
sitzen diesen  Zusammenhang,  er  wirkt  beständig  in  uns,  die  im  Bewußt- 
sein befindlichen  Vorstellungen  und  Zustände  sind  an  ihm  orientiert,  unsere 
Eindrücke  werden  durch  ihn  apperzipiert,  er  reguliert  unsere  Affekte:  so 
ist  er  immer  da  und  immer  wirksam,  ohne  doch  bewußt  zu  sein.  Ich 
wüßte  nicht,  was  dagegen  eingewandt  Averden  könnte,  wenn  an  dem  Men- 
schen durch  Abstraktion  dieser  Zusammenhang  von  Erlebnissen  innerhalb 
eines  Lebenslaufs  abgesondert  und  als  das  Psychische  zum  logischen  Sub- 
jekt von  Urteilen  und  theoretischen  Erörterungen  gemacht  wird.  Die 
Bildung  dieses  Begriffs  rechtfertigt  sich  dadurch,  daß  ^as  in  ilim  Ausge- 
sonderte als  logisches  Subjekt  Urteile  und  Theorien  möglich  macht,  die 
in  den  Geisteswissenschaften  notwendig  sind.  Ebenso  legitim  ist  der  Be- 
griff des  Physischen.  Im  Erlebnis  treten  Eindrücke,  Impressionen,  Bilder  auf. 
Physische  Gegenstände  sind  nun  das  zu  praktischen  Zwecken  ihnen  Unter- 
gelegte, durch  dessen  Setzung  die  Impressionen  konstruierbar  werden.  Beide 
Begriffe  können  nur  angewandt  werden,  wenn  wir  uns  dabei  bewußt  bleiben, 
daß  sie  nur  aus  der  Tatsache  Mensch  abstrahiert  sind  —  sie  bezeichnen 
nicht  volle  Wirklichkeiten,  sondern  sind  nur  legitim  gebildete  Abstraktionen. 
Die  Subjekte  der  Aussagen  in  den  angegebenen  Wissenschaften  sind 
von  verschiedenem  Umfang  —  Individuen,  Familien,  zusammengesetztere 
Verbände,  Nationen,  Zeitalter,  geschichtliche  Bewegungen  oder  Entwick- 
lungsreihen, gesellschaftliche  Organisationen,  Systeme  der  Kultur  und  andere 
Teilausschnitte  aus  dem  Ganzen  der  Menschheit  —  schließlich  diese  selbst. 
Es  kann  von  ihnen  erzählt,  sie  können  beschrieben,  es  könneix  Theorien 
von  ihnen  entwickelt  werden.  Immer  aber  beziehen  sich  diese  auf  dieselbe 
Tatsache:  Menschheit  oder  menschlich-gesellschaftlich-geschichtliche  Wirk- 
lichkeit. Und  so  entsteht  zunächst  die  Möglichkeit,  diese  Wissenschafts- 
gruppe durch  ihre  gemeinsame  Beziehung  auf  dieselbe  Tatsache:  Mensch- 
heit zu  bestimmen  und  von  den  Naturwissenschaften  abzugrenzen.  Zudem 
ergibt  sich  aus  dieser  gemeinsamen  Beziehung  weiter  ein  Verhältnis  gegen- 
seitiger Begründung  der  Aussagen  über  die  in  dem  Tatbestand  «Mensch- 
heit« enthaltenen  logischen  Subjekte.  Die  beiden  großen  Klassen  der  an- 
gegebenen Wissenschaften,  das  Studium  der  Geschichte  bis  zur  Beschrei- 
bung des  heutigen  Gesellschaftszustandes  und  die  systematischen  Wissen- 
schaften des  Geistes,  sind  an  jeder  Stelle  aufeinander  angewiesen  und 
bilden  so  einen  festen  Zusammenhang. 


6  D  I  L  T  H  E  Y  : 

2. 

Aber  diese  Begriffsbestimmung  der  Geisteswissenschaften  enthält  zwar 
richtige  Aussagen  über  sie,  aber  sie  erschöpft  deren  Wesen  nicht.  Wir 
müssen  die  Art  der  Beziehung  aufsuchen,  welche  in  den  Geisteswissen- 
schaften zu  dem  Tatbestand  der  Menschheit  besteht.  So  erst  kann  deren 
Gegenstand  genau  festgestellt  werden.  Denn  es  ist  klar,  daß  die  Geistes- 
wissenschaften und  die  Naturwissenschaften  nicht  logisch  korrekt  als  zwei 
Klassen  gesondert  werden  können  durch  zwei  Tatsachenkreise,  die  sie  bilden. 
Behandelt  doch  auch  die  Physiologie  eine  Seite  des  Menschen,  und  sie  ist 
eine  Naturwissenschaft.  In  den  Tatbeständen  an  und  für  sich  kann  also 
nicht  der  Einteilungsgrund  ffir  die  Sonderung  der  beiden  Klassen  liegen. 
Die  Geisteswissenschaften  müssen  sich  zu  der  physischen  Seite  des  Men- 
schen   anders   vei'halten   als   zur  psychischen.     Und  so  ist  es  in  der  Tat. 

In  den  bezeichnete)!  Wissenschaften  ist  eine  Tendenz  wirksam,  die  in 
der  Sache  selber  gegründet  ist.  Das  Studium  der  Sprache  schließt  ja  ebenso 
in  sich  die  Physiologie  der  Sprachorgane  als  die  Lehre  von  der  Bedeutung 
der  Worte  und  dem  Sinn  der  Sätze.  Der  Vorgang  eines  modernen  Krieges 
enthält  ebenso  die  chemischen  Wirkungen  des  Schießpulvers  als  die  mora- 
lischen Eigenschaften  der  in  Pulverdampf  stehenden  Soldaten.  Aber  in 
der  Natur  der  Wissenschaftsgruppe,  über  die  wir  handeln,  liegt  eine  Ten- 
denz, und  sie  entwickelt  sich  in  deren  Fortgang  immer  stärker,  durch 
welche  die  physische  Seite  der  Vorgänge  in  die  bloße  Rolle  von  Bedingungen, 
von  Verständnismitteln  herabgedrückt  wird.  Es  ist  die  Richtung  auf  die 
Selbstbesinnung,  es  ist  der  Gang  des  Verstehens  von  außen  nach  innen. 
Diese  Tendenz  verwertet  jede  Lebensäußerimg  für  die  Erfassung  des  Innern, 
aus  der  sie  hervorgeht.  Wir  lesen  in  der  Geschichte  von  wirtschaftlicher 
Arbeit,  Ansiedlungen ,  Kriegen,  Staatengründungen.  Sie  erfüllen  unsere 
Seele  mit  großen  Bildern,  sie  belehren  uns  über  die  historische  Welt,  die 
uns  umgibt;  aber  vornehmlich  bewegt  uns  doch  in  diesen  Berichten  das 
den  Sinnen  Unzugängliche,  nur  Erlebbare,  aus  dem  die  äußeren  Vorgänge 
entstanden,  das  ihnen  immanent  ist  und  auf  das  sie  zurückwirken;  und 
diese  Tendenz  beruht  nicht  auf  einer  von  außen  an  das  Leben  herantretenden 
Betrachtungsweise:  sie  ist  in  ihm  selber  begründet.  Denn  in  diesem  Er- 
lebbaren ist  jeder  Wert  des  Lebens  enthalten,  um  dieses  dreht  sich  der  ganze 
äußere  Lärm  der  Geschichte.    Hier  treten  Zwecke  auf,  von  denen  die  Natur 


Der  Aufbau  der  geschichtliclien  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.  7 

nichts  weiß.  Der  Wille  erarbeitet  Entwicklung,  Gestaltung.  Und  in  dieser 
schaffend,  verantwortlich,  souverän  in  uns  sich  bewegenden  geistigen  Welt 
und  nur  in  ihr  hat  das  Leben  seinen  Wert,  seinen  Zweck  und  seine  Be- 
deutung. 

Man  könnte  sagen,  daß  in  allen  wissenschaftlichen  Arbeiten  zwei  große 
Tendenzen  zur  Geltung  gelangen. 

Der  Mensch  findet  sich  bestimmt  von  der  Natur.  Diese  umfaßt  die 
spärlichen,  liier  und  da  auftretenden  psychischen  Vorgänge.  So  angesehen 
erscheinen  sie  wie  Interpolationen  in  dem  großen  Texte  der  physischen 
Welt.  Zugleich  ist  die  so  auf  der  räumlichen  Erstreckurig  beruhende  Welt- 
vorstellung der  ursprüngliche  Sitz  aller  Kenntnis  von  Gleichförmigkeiten, 
und  wir  sind  von  Anfang  an  darauf  angewiesen,  mit  diesen  zu  rechnen. 
Wir  bemächtigen  uns  dieser  physischen  Welt  durch  das  Studium  ihrer 
Gesetze.  Diese  Gesetze  können  nur  gefunden  werden,  indem  der  Erlebnis- 
charakter unserer  Eindrücke  von  der  Natur,  der  Zusammenhang,  in  dem 
wir,  sofern  wir  selber  Natur  sind,  mit  ihm  stehen,  das  lebendige  Gefühl, 
in  dem  wir  sie  genießen,  immer  mehr  zurücktritt  hinter  das  abstrakte  Auf- 
fassen derselben  nach  den  Relationen  von  Raum,  Zeit,  Masse,  Bewegung. 
Alle  diese  Momente  wirken  dahin  zusammen,  daß  der  Mensch  sich  selbst 
ausschaltet,  um  aus  seinen  Eindrücken  diesen  großen  Gegenstand  Natur 
als  eine  Ordnung  nach  Gesetzen  zu  konstruieren.  Sie  wird  dann  dem 
Menschen  zum  Zentrum  der  Wirklichkeit. 

Aber  derselbe  Mensch  wendet  sich  dann  von  ihr  rückwärts  zum  Leben, 
zu  sich  selbst.  Dieser  Rückgang  des  Menschen  in  das  Erlebnis,  durch 
welches  für  ihn  erst  die  Natur  da  ist,  in  das  Leben,  in  dem  allein  Be- 
deutung, Wert  und  Zweck  auftritt,  ist  die  andere  große  Tendenz,  welche 
die  wissenschaftliche  Arbeit  bestimmt.  Ein  zweites  Zentrum  entsteht.  Alles, 
was  der  Menschheit  begegnet,  was  sie  erschafft  und  was  sie  handelt,  die 
Zwecksysteme,  in  denen  sie  sich  auslebt,  die  äußeren  Organisationen  der 
Gesellschaft,  zu  denen  die  Einzelmenschen  in  ihr  sich  zusammenfassen  — 
all  das  erhält  nun  hier  eine  Einheit.  Von  dem  sinnlich  in  der  Menschen- 
geschichte Gegebenen  geht  hier  das  Verstehen  in  das  zurück,  was  nie  in 
die  Sinne  fallt  und  doch  in  diesem  Äußeren  sich  auswirkt  und  ausdrückt. 

Und  wie  jene  erste  Tendenz  dahin  zielt,  den  psychischen  Zusammen- 
hang selbst  in  der  Sprache  des  naturwissenschaftlichen  Denkens  und  unter 
den  Begriffen  desselben  durch  seine  Methoden  aufzufassen  und  so  gleich- 


8  Dilthey: 

sam  sich  selbst  zu  entfremden:  so  äußert  sich  nun  diese  zweite  in  der 
Rückbeziehung  des  sinnlich  äußeren  Verlaufs  am  menschlichen  Geschehen 
auf  etwas,  das  nicht  in  die  Sinne  fällt,  im  Besinnen  auf  das,  was  in  diesem 
äußeren  Verlauf  sich  manifestiert.  Die  Geschichte  zeigt,  wie  die  Wissen- 
schaften, welche  sich  auf  den  Menschen  beziehen,  in  einer  beständigen 
Annäherung  an  das  fernere  Ziel  einer  Besinnung  des  Menschen  über  sich 
selbst  begriffen  sind. 

Und  auch  diese  Tendenz  greift  hinüber  über  die  Menschenwelt  in  die 
Natur  selber,  und  sie  strebt,  diese,  die  nur  konstruiert,  aber  nie  verstanden 
werden  kann,  durch  Begriffe  verständlich  zu  machen,  die  im  psychischen 
Zusammenhang  gegründet  sind,  wie  das  in  Fichte,  Schelling,  Hegel,  Schopen- 
hauer, Fechner,  Lotze  und  ihren  Nachfolgern  geschehen  ist,  und  ihr  ilireu 
Sinn  abzulauschen,  den  sie  doch  nie  erkennen  läßt. 

An  diesem  Punkte  schließt  sich  uns  der  Sinn  des  Begriffspaares  des 
Äußern  und  Innern  und  das  Recht,  diese  Begriffe  anzuwenden,  auf.  Sie 
bezeichnen  die  Beziehung,  welche  im  Verstehen  zwischen  der  äußern  Sinnen- 
erscheinung des  Lebens  und  dem,  was  sie  hervorbrachte,  was  in  ihr  sich 
äußert,  besteht.  Nur  soweit  Verstehen  reicht,  gibt  es  dieses  Verhältnis 
des  Äußern  und  Innern,  wie  nur  soweit  Naturerkennen  reicht,  das  Verhält- 
nis von  Phänomenen  zu  dem,  wodurch  sie  konstruiert  werden,  existiert. 


Nunmehr  gelangen  wir  zu  dem  Punkt,  auf  dem  sich  eine  genauere 
Bestimmung  über  Wesen  und  Zusammenhang  der  Gruppe  von  Wissen- 
schaften ergibt,  von  der  wir  ausgingen. 

Wir  sonderten  zunächst  die  Menschheit  ab  von  der  ihr  nächststehenden 
organischen  Natur  und  weiter  abwärts  der  unorganischen.  Es  war  eine 
Trennung  von  Teilen  am  Ganzen  der  Erde.  Diese  Teile  bilden  Stufen, 
und  die  Menschheit  durfte  als  die  Stufe,  in  welcher  Begriff,  Wertabschät- 
zung, Realisierung  von  Zwecken,  Verantwortlichkeit,  Bewußtsein  der  Lebens- 
bedeutung auftreten,  von  der  Stufe  des  tierischen  Daseins  abgegrenzt  werden. 
Die  allgemeinste  Eigenschaft,  die  unserer  Wissenschaftsgruppe  gemeinsam 
ist,  bestimmten  wir  nun  dahin,  daß  sie  einen  gemeinsamen  Bezug  auf  den 
Menschen,  die  Menschheit  habe.  In  ihm  ist  der  Zusammenhang  dieser 
Wissenschaften    gegründet.     Wir   faßten  dann  die  besondere  Natur  dieses 


Der  Aufbau  der  (jeschkMicJwn  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.   1.  1) 

Bezuges  ins  Auge,  der  zwischen  dem  Tatbestand  Mensch,  Menschheit  und 
diesen  Wissenscliaften  besteht.  Dieser  Tatbestand  darf  niclit  einfach  als 
der  gemeinsame  Gegenstand  dieser  Wissenschaften  bezeichnet  werden.  Viel- 
mehr entsteht  ihr  Gegenstand  erst  durch  ein  besonderes  Verhalten  zur 
Menschheit,  das  aber  nicht  von  außen  an  sie  herangebracht  wird,  sondern 
in  ihrem  Wesen  fundiert  ist.  Es  handele  sich  um  Staaten,  Kirchen,  In- 
stitutionen, Sitten,  Bücher,  Kunstwerke;  solche  Tatbestände  enthalten  immer, 
wie  der  Mensch  selbst,  den  Bezug  einer  äußeren  sinnlichen  Seite  auf  eine 
den  Sinnen  entzogene  und  darum  innere. 

Es  gilt  nun  weiter,  dies  Innere  zu  bestimmen.  Hier  ist  es  nun  ein 
gewöhnlicher  Irrtum,  für  unser  Wissen  von  dieser  inneren  Seite  den  ])sy- 
chischen  Lebensverlauf,  die  Psjchologie  einzusetzen.  Icli  versuche  diesen 
Irrtum  durch  folgende  Erwägungen  aufzuklären. 

Der  Apparat  von  Rechtsbüchern,  Richtern,  Prozeßfährenden,  Ange- 
klagten, wie  er  in  einer  bestimmten  Zeit  und  an  einem  bestimmten  Ort 
sichtbar  ist,  ist  zunächst  der  Ausdruck  eines  Zwecksystems  von  Rechts- 
bestimmungen, kraft  dessen  dieser  Apparat  wirksam  ist.  Dieser  Zweck- 
zusammenhang ist  auf  die  äußere  Bindung  der  Willen  in  eindeutiger  Ab- 
messung gerichtet,  welche  die  zwangsweise  realisierbaren  Bedingungen  für 
die  Vollkommenheit  der  Lebensverhältnisse  verwirklicht  und  die  Machtsphären 
der  Individuen  in  ihrer  Beziehung  aufeinander,  auf  die  Sachen  und  deii 
Gesamtwillen  abgrenzt.  Die  Form  des  Rechtes  müssen  daher  Imperative 
sein,  hinter  denen  die  Maeiit  einer  Gemeinschaft  steht,  sie  zu  erzwingen. 
So  liegt  das  historisclie  Verständnis  des  Rechtes,  wie  es  innerhalb  einer 
solclien  Gemeinschaft  zu  einer  bestimmten  Zeit  besteht,  in  dem  Rückgang 
von  jenem  äußeren  Apparat  zu  der  vom  (rcsamtwillen  erwirkten,  von  ihm 
durchzusetzenden  geistigen  Systematik  der  Rechtsimperative,  die  in  jenem 
Apparat  ihr  äußeres  Dasein  hat.  In  diesem  Sinne  handelte  Ihering  vom 
Geist  des  römischen  Rechts.  Das  Verstehen  dieses  Geistes  ist  nicht  psy- 
chologische Erkenntnis.  Es  ist  der  Rückgang  aul'  ein  geistiges  Gebilde  von 
einer  ihm  eigenen  Struktur  und  Gesetzmäßigkeit.  Hierauf  beruht  von  der 
Interpretation  einer  Stelle  im  Corpus  iuris  ab  bis  zur  Erkenntnis  des  rö- 
mischen Rechtes  und  der  Vergleichung  der  Rechte  tmlereinander  die  Rechts- 
wissenschaft. Sonach  ist  ihr  Gegenstand  nicht  eins  mit  den  äußeren  Tatbe- 
ständen und  Begebenheiten,  durcli  die  und  an  denen  das  Recht  sich  ab.spielt. 
Nur  sofern  diese  Tatbestünde  d.is  Reclit  realisieren,  sind  sie  Gegenstand  der 
PhÜ.-hisl.  Klasse.    1910.    Abh.  1.  2 


10  D  I  L  T  II  E  Y  : 

Reditswissenschaft.  Das  Kinfangeii  des  Verbrccliers,  die  Kranklieiten  der 
Zeugen  oder  der  Apparat  der  Hinrichtung  gehören  als  solche  der  Patljo- 
logie  und  der  technischen  Wissenschaft  an. 

Ebenso  verhält  es  sich  mit  der  ästhetischen  Wissenschaft.  Vor  mir 
liegt  das  Werk  eines  Dichters.  Es  besteht  aus  Buchstaben,  ist  von  Setzern 
zusammengestellt  und  durch  Maschinen  gedruckt.  Aber  die  Literargeschichte 
und  die  Poetik  liaben  nur  zu  tun  mit  dem  Bezug  dieses  sinnfälligen  Zu- 
sammenhangs von  Worten  auf  das,  was  durch  sie  ausgedrückt  ist.  Und 
luni  ist  entscheidend:  dieses  sind  nicht  die  inneren  Vorgänge  in  dem  Dichter, 
sondern  ein  in  diesen  geschaifener,  aber  von  ihnen  ablösbarer  Zusammen- 
hang. Der  Zusammenliang  eines  Dramas  besteht  in  einer  eigenen  Be- 
zieliung  von  Stoff",  poetischer  Stimmung,  Motiv,  Fabel  und  Darstellungs- 
mittehi.  Jedes  dieser  Momente  vollzieht  eine  Leistung  in  der  Struktur  des 
Werkes.  Und  diese  Leistungen  sind  durch  ein  inneres  Gesetz  der  Poesie 
miteinander  verbunden.  So  ist  der  Gegenstand,  mit  dem  die  Literargeschichte 
oder  die  Poetik  zunächst  zu  tun  hat,  ganz  unterschieden  von  psychischen 
Vorgängen  im  Dichter  oder  seinen  Lesern.  Es  ist  hier  ein  geistiger  Zu- 
sammenhang realisiert,  der  in  die  Sinnenwelt  tritt  und  den  wir  durch  den 
Rückgang  aus  dieser  verstehen. 

Diese  Beispiele  erleuchten,  was  den  Gegenstand  der  Wissenschaften, 
von  denen  hier  die  Rede  ist,  ausmacht,  worin  infolge  davon  ihr  Wesen  be- 
gründet ist  und  wie  sie  sich  von  den  Naturwissenschaften  abgrenzen.  Auch 
diese  haben  ihren  Gegenstand  nicht  in  den  Eindrücken,  wie  sie  in  den  Erleb- 
nissen auftreten,  sondern  in  den  Objekten,  welche  das  Erkennen  schafft, 
um  diese  Eindrücke  sich  konstruierbar  zu  machen.  Hier  wie  dort  wird 
der  Gegenstand  geschaffen  aus  dem  Gesetz  der  Tatbestände  selber.  Darin 
stimmen  beide  Gruppen  von  Wissenschaften  überein.  Ihr  Unterschied  liegt 
in  der  Tendenz,  in  welcher  ihr  Gegenstand  gebildet  wird.  Er  liegt  in 
dem  Verfahren,  das  jene  Gruppen  konstituiert.  Dort  entsteht  im  Verstehen 
ein  geistiges  Objekt,  hier  im  Erkennen  der  physische  Gegenstand. 

Und  jetzt  dürfen  wir  auch  das  Wort  »Geisteswissenschaften«  aus- 
sprechen. Sein  Sinn  ist  nunmehr  deutlich.  Als  seit  dem  18.  Jahrhundert  das 
Bedürfnis  entstand,  einen  gemeinsamen  Namen  für  diese  Gruppe  von  Wissen- 
schaften zu  finden,  sind  sie  als  sciences  morales  oder  als  Geisteswissen- 
schaften oder  endlich  als  Kulturwissenschaften  bezeichnet  worden.  Schon 
dieser  Wechsel  der  Namen  zeigt,  daß  keiner  derselben  dem  ganz  angemessen 


Der  Aufbau  der  (jeschk-hükhen  Well  in  den  Geistemoissenschaflen.  I.        11 

ist,  was  bezeichnet  werden  soll.  An  dieser  Stelle  soll  nur  der  Sinn  an- 
gegeben werden,  in  dem  icli  hier  das  Wort  gebrauche.  Es  ist  derselbe, 
in  welchem  Montesquieu  vom  Geist  der  Gesetze,  Hegel  vom  objektiven 
Geist  oder  lliering  vom  Geist  des  römischen  Rechts  gesprochen  hat.  Eine 
Vergleicliung  des  Ausdrucks  mit  den  andern  bisher  angewandten  in  bezug 
auf  ihre  Brauchbarkeit  ist  erst  an  einer  sx)äteren  Stelle  möglich. 


4. 

Nun  erst  können  wir  aber  auch  der  letzten  Anforderung  genügen, 
welclie  die  Wesensbestimmung  der  Geisteswissenschaften  an  uns  stellt.  Wir 
können  jetzt  durch  ganz  klare  Merkmale  die  Geisteswissenschaften  ab- 
grenzen von  den  Naturwissenscliaften.  Diese  liegen  in  dem  dargelegten 
Verhalten  des  Geistes,  durch  welches  hn  Unterschiede  von  dem  natm-- 
wissenschaftliclien  Erkennen  der  Gegenstand  der  Geisteswissenschaften  ge- 
bildet wird.  Die  Menscldieit  wäre,  aufgefaßt  in  Wahrnehmung  imd  Er- 
kennen, für  uns  eine  physische  Tatsache,  und  sie  wäre  als  solche  nur  dem 
naturwissenschaftlichen  Erkennen  zugänglich.  Als  (iegenstand  der  Geistes- 
wissenschaften entsteht  sie  aber  nur,  sofern  menschliche  Zustände  erlebt 
werden,  sofern  sie  in  Lebensäußerungen  zum  Ausdruck  gelangen  und  so- 
fern diese  Ausdrücke  verstanden  werden.  Und  zwar  umfaßt  dieser  Zu- 
sammenhang von  Leben,  Ausdruck  und  Verstehen  nicht  nur  die  Gebärden, 
Mienen  und  Worte,  in  denen  Menschen  sich  mitteilen,  oder  die  dauernden 
geistigen  Schöpfiuigen,  in  denen  die  Tiefe  des  Schaftenden  sich  dem  Auf- 
fassenden öffnet,  oder  die  beständigen  Objektivierungen  des  Geistes  in 
gesellschaftlichen  Gebilden,  durch  welche  die  Gemeinsamkeit  menschlichen 
Wesens  hindurchscheint  und  uns  beständig  anschaulich  und  gewiß  ist: 
auch  die  psychophysische  Lebenseinheit  ist  sich  selbst  bekannt  durch  das- 
selbe Doppelverhältnis  von  Erleben  und  Verstehen,  sie  wird  ihrer  selbst 
in  der  Gegenwart  inne,  sie  findet  sich  wieder  in  der  Erinnerung  als  ein 
Vergangenes;  aber  indem  sie  ihre  Zustände  festzuhalten  luid  zu  erfassen 
strebt,  indem  sie  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  selber  richtet,  machen  sich 
die  engen  Grenzen  einer  solchen  introspektiven  Methode  der  Selbsterkennt- 
nis geltend:  nur  seine  Handlungen,  seine  fixierten  Lebensäußerungen,  die 
Wirkungen  derselben  auf  andere  belehren  den  Menschen  über  sich  selbst; 
so  lernt  er  sich   nur  auf  dem  Umweg  des  Verstehens  selber  keimen.    Was 

2* 


12  Dil.  THE  y: 

wir  einmal  waren,  wie  wir  uns  entwickelten  und  zu  dem  wurden,  was 
wir  sind,  erfahren  wir  daraus,  wie  wir  handelten,  welche  Lebenspläne  wir 
einst  faßten,  wie  wir  in  einem  Beruf  wirksam  waren,  aus  alten  verscliol- 
lenen  Briefen,  aus  Urteilen  über  uns,  die  vor  langen  Tagen  ausgesprochen 
wurden.  Kurz,  es  ist  der  Vorgang  des  Verstehens,  durch  den  Leben  über 
sich  selbst  in  seinen  Tiefen  aufgeklärt  wird,  und  andrerseits  verstehen  wir 
uns  selber  und  andere  nur,  indem  wir  unser  erlebtes  Leben  hineintragen 
in  jede  Art  von  Ausdruck  eigenen  und  fremden  Lebens.  So  ist  überall 
der  Zusammenhang  von  Erleben,  Ausdruck  und  Verstehen  das  eigene  Ver- 
iahren,  durch  das  die  Menschheit  als  geisteswissenschaftlicher  Gegenstand 
für  uns  da  ist.  Die  Geisteswissenschaften  sind  so  fundiert  in  diesem  Zu- 
sammenhang von  Leben,  Ausdruck  und  Verstehen.  Hier  erst  erreichen  wir 
ein  ganz  klares  Merkmal,  durch  welches  die  Abgrenzung  der  Geisteswissen- 
schaften definitiv  vollzogen  werden  kann.  Eine  Wissenschaft  gehört  nur 
dann  den  Geisteswissenschaften  an,  wenn  ihr  Gegenstand  uns  durch  das 
Verhalten  zugänglich  wird,  das  im  Zusammenhang  von  Leben,  Ausdruck 
und  Verstehen  fundiert  ist. 

Aus  diesem  gemeinsamen  Wesen  der  angegebenen  Wissenschaften 
folgen  erst  alle  die  Eigenschaften,  welche  als  dies  Wesen  konstituierend 
in  den  Erörterungen  über  Geisteswissenschaften  oder  Kulturwissenschaften 
oder  Geschichte  herausgehoben  worden  sind.  So  das  besondere  Verhältnis, 
in  welchem  hier  das  P^inmalige,  Singulare,  Individuelle  zu  allgemeinen 
Gleichförmigkeiten  steht'.  Dann  die  Verbindung,  welche  hier  zwischen 
Aussagen  über  Wirklichkeit,  Werturteilen  und  Zweckbegriffen  st<attfindet"". 
Ferner:  »Die  Auffassung  des  Singularen,  Individuellen  bildet  in  ihnen  so 
gut  einen  letzten  Zweck  als  die  Entwicklung  abstrakter  Gleichförmig- 
keiten ^<.  Aber  mehr  noch  wird  sich  von  hier  aus  ergeben;  alle  leitenden 
Begriffe,  mit  welchen  diese  Gruppe  von  Wissenschaften  operiert,  sind  von 
den  entsprechenden  im  Gebiete  des  Naturwissens  verschieden. 

So  ist  es  zunächst  und  zu  oberst  die  Tendenz,  von  der  Menschheit, 
von  dem  durch  sie  realisierten  objektiven  Geiste  zurückzugehen  in  das  Schaf- 
fende, Wertvolle,  Handelnde,  Sichausdrückende,  Sichobjektivierende,  samt 


'    Einl.  in  d.  Geistesw.  33. 
^    Kl)enda  33,  34. 
'    Ebenda  S.  33. 


Der  Auß)au  der  gescJiichtlichen  Welt  In  den  Geisteswissen.'^cJiaften.   J.        13 

den  von  ihr  aus  sich  ergebenden  Konsequenzen,  die  uns  berechtigt,  die 
Wissenschaften,  in  denen  sie  zum  Ausdruck  kommt,  als  GJeisteswissen- 
schaften  zu  bezeichnen. 


II.    Die  Verschiedenheit  des  Aufbaus  in  den  Naturwissenschaften  und 
'  den  Geisteswissenschaften. 

Historische  Orientierung. 

1. 

In  den  Geisteswissenschaften  vollzieht  sich  nun  der  Aufbau  der  ge- 
schichtlichen Welt.  Mit  diesem  bildlichen  Ausdruck  bezeichne  ich  den  ide- 
ellen Zusammenhang,  in  welcliem  auf  der  Grundlage  des  Erlebens  imd  Ver- 
Stehens in  einer  Stufenfolge  von  Leistungen  sich  ausbreitend  das  objektive 
Wi.ssen  von  der  geschichtlichen  Welt  sein  Dasein  hat. 

Welches  ist  nun  der  Zusammenhang,  in  dem  eine  Theorie  dieser  Art 
mit  den  ilir  nächstverwandten  Wi.ssenschaften  verbunden  ist?  Zunächst 
bedingen  sich  gegenseitig  dieser  ideelle  Aufbau  der  geistigen  Welt  und 
das  gesell  ich  tliclie  Wissen  von  dem  historischen  Verlauf,  in  dem  die  geistige 
Welt  ;dlmählich  aufgegangen  ist.  Sie  sind  voneinander  getrennt,  aber  sie 
liaben  in  der  geistigen  Welt  iliren  gemeinsamen  Gegenstand:  hierin  ist  ihre 
iiuiere  Beziehung  gegründet.  Der  Verlauf,  in  welchem  das  Wissen  von 
dieser  Welt  sich  entwickelte,  gibt  einen  Leitfaden  fiir  das  Verständnis  des 
ideellen  Aufbaus  derselben,  und  dieser  Aufbau  ermöglicht  ein  tieferes  Ver- 
ständnis der  Geschichte  der  Geisteswissenschaften. 

Die  Grundlage  einer  solchen  Theorie  ist  dann  die  Einsicht  in  die 
Struktur  des  Wissens,  in  die  Denkformen  und  wissenschaftlichen  Methoden. 
So  wird  aus  der  logischen  Theorie  nur  das  hier  P^rforderliche  heraus- 
gehoben. Diese  Theorie  selber  würde  unsere  Untersuchung  gleich  an  ihrem 
Beginn   in   endlose  Streitigkeiten   verwickeln. 

Endlich  bestellt  noch  eine  Beziehung  dieser  Lehre  vom  geisteswissen- 
scliaftlichen  Aufbau  zu  der  Kritik  des  Erkenntnisvermögens.  Indem  man 
diese  Beziehung  aufzuklären  unternimmt,  zeigt  sich  erst  die  volle  Bedeu- 
tung unseres  Gegenstandes.  Die  Kritik  der  Erkenntnis  ist  wie  die  Logik 
Analysis    des    vorhandenen  Zusammenhanges    der  Wissenschaften.      In   der 


14  D 


I  L  T  II  E  Y  ; 


Erkenntnistheorie  geht  die  Analysis  von  diesem  Zusammenhang  zurück  zu 
den  Bedingungen,  unter  denen  die  Wissenschaft  möglich  ist.  Hier  tritt  uns 
nun  aber  ein  Verliältnis  entgegen,  das  für  den  Gang  der  Erkenntnistheorie 
und  ilire  heutige  Lage  bestimmend  ist.  Die  Naturwissenschaften  waren 
zuerst  der  Gegenstand,  an  dem  diese  Analyse  sich  vollzog.  Lag  es  doch  im 
Gang  der  Wissenschaften,  daß  sich  die  Naturerkenntnis  zunächst  ausbildete. 
Die  Geisteswissenschaften  sind  erst  im  vorigen  Jahrhundert  in  ein  Stadium 
getreten,  das  ihre  Verwertung  für  die  Erkenntnistheorie  möglich  machte. 
So  kommt  es,  daß  das  Studium  des  Aufbaus  dieser  beiden  Klassen  von 
Wissenschaften  der  zusammenhängenden  erkenntnistheoretischen  Grund- 
legung zur  Zeit  angemessen  vorausgeht:  es  bereitet  im  ganzen  wie  an  ein- 
zelnen Punkten  die  zusammcnliängende  P^rkenntnistlieorie  vor.  Es  steht 
unter  dem  Gesichtspunkt  des  Erkenntnisproblems  und  arbeitet  an  seiner 
Auflösung. 

2. 

Als  die  neueren  europäisclien  Völker,  mündig  geworden  in  Humanis- 
mus und  Reformation,  seit  der  zweiten  Hälfte  des  i6.  Jalirhunderts  aus 
dem  Stadium  der  Metaphysik  und  Theologie  in  das  selbständiger  Erfah- 
rungswissenschaften eintraten,  vollzog  sich  dieser  Fortgang  vollkommener 
als  einst  seit  dem  3.  Jahrhundert  vor  Christus  in  den  griechischen  Be- 
völkerungen. Auch  dort  lösten  sich  Mathematik,  Mechanik,  Astronomie 
und  mathematische  Geographie  von  der  Logik  und  Metaphysik  los;  sie 
traten  nach  dem  Verhältnis  der  Abhängigkeit  voneinander  in  einen  Zu- 
sammenhang: aber  in  diesem  Aufbau  der  Naturwissenschaften  erhielten 
Induktion  und  Experiment  noch  nicht  ihre  wahre  Stellung  und  Bedeutung 
und  entfalteten  sich  noch  nicht  in  ihrer  ganzen  Fruchtbarkeit.  Erst  in  den 
sklavenlosen  Industrie-  und  Handelsstädten  der  modernen  Nationen  sowie  an 
den  Höfen,  Akademien  und  Universitäten  ihrer  großen  geldbedürftigen  Mili- 
tärstaaten entwickelten  sich  zielbewußter  Eingrifi"  in  die  Natur,  mechanische 
Arbeit,  Erfindung,  Entdeckung,  Experiment  mächtiger;  sie  verbanden  sich 
mit  der  mathematischen  Konstruktion,  und  so  entstand  eine  wirkliche  Ana- 
lysis der  Natur.  Nun  bildete  sich  in  dem  Zusammenwirken  von  Kepler, 
Galilei,  Bacon  und  Descartes  in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts 
die  mathematische  Naturwissenschaft  als  Erkenntnis  der  Ordnung  der  Natur 
nach  Gesetzen.     Und  durch   eine  beständig  zunehmende  Zahl  von  Forschern 


Der  Auf  hon  der  (jpsrhirhtlirhi'n  Well  in  den  Gris(<'sinisse)i.<ic/iaftm.    I.         15 

hat  sie  nocli  in  demselben  Jahrhundert  ihre  ganze  Leistungsfa]iigl<eit  ent- 
faltet. Sie  also  war  der  Gegenstand,  dessen  Analysis  die  Erkenntnis- 
theorie des  ausgehenden  17.  und  des  18.  Jalirhunderts  in  Locke,  Berkeh^y, 
Hume,   d'Alembert,  Lambert   und   Kaut   ganz    überwiegend    vollzogen    hat. 

Der  Aufl)au  der  Naturwissenschaften  ist  durcli  die  Art  bestinnnt,  wi(> 
ilir  Gegenstand,  die  Natur,  gegeben  ist.  Bilder  treten  in  beständigem 
Wechsel  auf,  sie  werden  auf  Gegenstände  bezogen,  diese  Gegenstände  er- 
lullen und  beschäftigen  das  empirische  Bewußtsein,  und  sie  bilden  das  Ob- 
jekt der  besclireibenden  Naturwissenschaft.  Aber  schon  das  empirische  Be- 
wußtsein bemerkt,  daß  die  sinnlichen  Qualitäten,  die  an  den  Bildern  auf- 
treten, von  dem  Standpunkt  der  Betrachtung,  von  der  Entfernung,  von  der 
Beleuchtung  abhängig  sind.  Immer  deutlicher  zeigen  Physik  und  Physiolo- 
gie die  Phänomenalität  dieser  sinnlichen  Qualitäten.  Und  so  entsteht  nun 
die  Aufgabe,  die  Gegenstände  so  zu  denken,  daß  der  Wechsel  der  Phäno- 
mene und  die  in  diesem  Wechsel  immer  deutlicher  liervortretenden  Gleich- 
lormigkeiten  begreiflich  werden.  Die  Begriffe,  durch  welche  dies  geschieht, 
sind  Hilfskonstruktionen,  welche  das  Denken  zu  diesem  Zweck  schafft.  So 
ist  die  Natur  uns  fremd,  dem  auffassenden  Subjekt  transzendent,  in  Hilfs- 
konstruktionen vermittels  des  phänomenal  Gegebenen  zu  diesem  hinzu- 
gedacht. 

Aber  zugleich  liegen  in  dieser  Art,  wie  die  Natur  uns  gegeben  ist,  die 
Mittel,  sie  dem  Denken  zu  unterwerfen  und  den  Aufgaben  des  Lebens  dienst- 
bar zu  machen.  Die  Artikulation  der  Sinne  bedingt  die  VergkMchbarkeit 
der  Eindrücke  in  jedem  System  sinnlicher  Mannigfaltigkeit.  Hierauf  beruht 
die  Möglichkeit  einer  Analysis  der  Natur.  In  den  einzelnen  Kreisen  ein- 
ander zugehöriger  Sinnesphänomene  bestehen  dann  Regelmäßigkeiten  in  der 
Abfolge  oder  in  den  Beziehungen  des  Gleichzeitigen.  Indem  diesen  Kegel- 
mäßigkeiten  imveränderliche  Träger  des  Gescheliens  untergelegt  werden, 
werden  sie  zurückgeführt  auf  eine  Ordnung  nach  Gesetzen  in  der  gedachten 
Mannigfaltigkeit  der  Dinge. 

Die  Aufgabe  wird  doch  erst  lösbar,  indem  zu  den  Regelmäßigkeiten 
in  den  Phänomenen,  welche  die  Induktion  und  das  Experiment  feststellen, 
eine  weitere  Beschaffenheit  des  Gegebenen  hinzutritt.  Alles  Physische  hat 
eine  Größe:  es  kann  gezählt  werden;  es  erstreckt  sich  in  der  Zeit:  zu 
seinem  größten  Teil  (>rfüllt  es  zugleich  einen  Raum  und  kann  gemessen 
werden;   am   Räumliehen   treten   nun   meßbare  Bewegungen   auf,   und  weim 


I 


16  I)  1 1-  T  HEY: 

die  Phänomene  des  Geliörs  Raumerstreckung  und  Bewegung  nicht  in  sicli 
schließen,  so  können  docli  solche  ihnen  untergelegt  werden,  und  die  Ver- 
bindung der  starken  Schalleindrücke  mit  der  Wahrnehmung  von  Erschütte- 
rungen der  Luft  führt  darauf  hin.  So  werden  die  mathematische  und 
mechanische  Konstruktion  Mittel,  alle  Sinnesphänomene  durch  Hypothese 
auf  Bewegungen  unveränderlicher  Träger  derselben  nach  unveränderlichen 
Gesetzen  zurückzuführen.  Jeder  Ausdruck  wie:  Träger  des  Gescheliens, 
Etwas,  Tatsache,  Substanz  bezeichnet  nur  die  der  Erkenntnis  ti'anszendenten 
logischen  Subjekte,  von  denen  die  gesetzlichen,  mathematischen  und  mecha- 
nischen Beziehungen  prädiziert  werden.  Sie  sind  nur  Grenzbegriffe,  ein 
Etwas,  das  naturwissenschaftliche  Aussagen  möglich  macht,  ein  Ansatz- 
punkt zu  solchen  Aussagen. 

Hierdurch  ist  nun  weiter  die  Struktur  und  der  Aufbau  der  Natur- 
wissenschaften bestimmt. 

In  der  Natur  sind  Raum  und  Zahl  als  Bedingungen  der  qualitativen 
Bestimmungen  und  der  Bewegungen  gegeben  und  Bewegung  ist  dann  die 
allgemeine  Bedingung  für  die  Umlagerung  von  Teilen  oder  die  Schwingungen 
der  Luft  oder  des  Äthers,  welche  Chemie  und  Physik  den  Veränderungen 
unterlegen.  Diese  Verhältnisse  haben  die  Beziehungen  der  Wissenschaften 
im  Naturerkennen  zur  Folge.  Jede  dieser  Wissenschaften  hat  in  der  vorher- 
gehenden ihre  Voraussetzungen;  sie  kommt  aber  zustande,  indem  diese  Vor- 
aussetzungen auf  ein  neues  Gebiet  von  Tatsachen  und  von  in  ihnen  ent- 
haltenen Beziehungen  angewandt  werden.  Diese  natürliche  Ordnung  der 
Wissenschaften  ist,  soweit  ich  sehe,  zuerst  von  Hobbes  festgestellt  worden. 
Der  Gegenstand  der  Naturwissenschaft  —  Hobbes  geht  bekanntlich  weiter 
und  schließt  auch  die  Geisteswissenschaften  in  diesen  Zusammenhang  ein  — 
sind  nach  ihm  die  Körper,  ihre  am  meisten  fundamentale  Eigenschaft  sind 
die  Beziehungen  von  Ramn  und  Zahl,  welche  die  Mathematik  feststellt.  Von 
ihnen  ist  die  Mechanik  abhängig,  imd  indem  Licht,  Farbe,  Ton,  Wärme 
aus  den  Bewegungen  der  kleinsten  Teile  der  Materie  erklärt  wei-den,  ent- 
steht die  Physik.  Dies  ist  das  Schema,  das  entsprechend  dem  weiteren 
Verlauf  der  wissenschaftliclien  Arbeit  fortgebildet  und  durch  ('omte  mit 
der  (Jeschichte  der  Wissenschaften  in  Beziehung  gesetzt  worden  ist.  Je 
mehr  die  Mathematik  das  grenzenlose  Gebiet  freier  (Gebilde  erschlossen  hat, 
überschritt  sie  innner  weiter  die  Schranken  ihrer  nächsten  Aufgabe,  die 
Naturwissenschaften   zu   begründen;    aber  dies   änderte    nichts    an   dem  in 


Der  Auflmu  der  gesrhichtlichen  Welt  in  den  GeLste.twissenschaßen.  I.         17 

den  Gegenständen  selber  enthaltenen  Verhältnis,  nacli  welchem  in  der  Ge- 
setzlichkeit von  Raum-  und  Zahlgrößen  die  Voraussetzungen  der  Mechanik 
enthalten  sind;  es  erweiterten  sich  durch  die  Fortschritte  der  Mathematik 
nur  die  Ableitungsmögliclikeiten.  Dasselbe  Verhältnis  besteht  zwischen  der 
Mechanik  und  der  Physik  und  Chemie.  Und  auch  avo  der  lebende  Körper 
als  ein  neuer  Tatsacheninbegriff  auftritt,  hat  sein  Studium  in  den  chemisch- 
physikalischen Wahrheiten  seine  Grundlage.  Überall  derselbe  schichten- 
weise Aufbau  der  Naturwissenschaften.  Jede  dieser  Schichten  bildet  ein 
in  sich  geschlossenes  Gebiet,  und  zugleich  ist  jede  von  der  unter  ihr  lie- 
genden Schicht  getragen  und  bedingt.  Von  der  Biologie  abwärts  enthält 
jede  Naturwissenschaft  die  gesetzlichen  Verhältnisse,  welche  die  Schichten 
von  Wissenschaften  unter  ihr  aufzeigen,  in  sich,  bis  zu  der  allgemeinsten 
mathematischen  Grundlage,  und  aufwärts  kommt  etwas,  das  in  der  vorauf- 
liegenden wissenschaftlichen  Schicht  nicht  enthalten  war,  in  jeder  darüber- 
licgenden  als  eine  weitere  und  von  unten  angesehen  neue  Tatsächlichkeit 
hinzu. 

Von  der  Gruppe  der  Naturwissenschaften,  in  der  die  Naturgesetze 
zur  Erkenntnis  kommen,  ist  die  andere  derjenigen  unterschieden,  welche 
die  Welt  als  ein  Einmaliges  nach  ihrer  Gliederung  beschreiben,  ihre  Evo- 
lution im  Zeitverlauf  feststellen  und  zur  Erklärung  ihrer  Verfassung  imter 
der  Voraussetzung  einer  ursprünglichen  Anordnung  die  in  der  ersten  Gruppt; 
gewonnenen  Naturgesetze  anwenden.  Soweit  sie  über  Feststellung,  mathe- 
matische Bestimmung,  Beschreibung  der  tatsächlichen  Verfassung  und  des 
historischen  Verlaufs  liinausgehen,  beruhen  sie  auf  der  ersten  Gruppe.  So 
ist  auch  hier  die  Naturforschung  vom  Aufbau  des  naturgesetzlichen  Er- 
kennens  abhängig. 

Indem  nun  die  Erkenntnistheorie  zunächst  in  diesem  Aufbau  der  Natur- 
wissenschaften ihr  vornehmstes  Objekt  hatte,  entstand  hieraus  der  Zusnm- 
menhang  ihrer  Probleme.  Das  Denksubjekt  und  die  vor  ihm  stehenden 
Sinnesgegenstände  sind  voneinander  getrennt;  die  Sinnesgegenstände  haben 
einen  phänomenalen  Charakter,  und  soweit  die  Erkenntnistheorie  im  Gebiet 
des  Naturwissens  verbleibt,  kann  sie  niemals  diese  Phänomenalität  der  ihr 
hier  gegenüberstehenden  Wirklichkeit  überwinden.  In  der  von  den  Natur- 
wissenschaften den  Sinnesphänomenen  untergelegten  Ordnung  nach  Gesetzen 
sind  die  sinnlichen  Qualitäten  durch  Formen  der  Bewegung  repräsentiert, 
die  sich  auf  diese  Qualitäten  beziehen.  Und  auch  wenn  die  Sinnestat- 
Pha.-hist.  Klasse.   1910.  Abh.  I.  3 


18  Dii-tiiey: 

Sachen,  mit  deren  Hinnahme  und  Repräsentation  das  Naturwissen  begann, 
zum  (iegenstand  der  vergleichenden  Physiologie  werden,  kann  doch  keine 
entwicklungsgeschichtliche  Untersuchung  faßbar  maclien,  wie  eine  dieser 
Sinnesleistungen  in  die  andere  übergeht.  Man  kann  eine  solche  Umwandlung 
der  Hautempfindung  in  eine  Ton-  oder  Farbenempfinduiig  wohl  postu- 
lieren, aber  man  kann  sie  sclilechterdings  nie  vorstellen.  Vis  gibt  kein 
Verständnis  dieser  Welt,  und  wir  können  Wert,  Bedeutung,  Sinn  in  sie 
nur  nach  Analogie  mit  uns  selbst  übertragen,  und  nur  von  da  ab,  wo 
Seelenleben  in  der  oi'ganischen  Welt  sich  zu  regen  beginnt.  Es  folgt  dann 
aus  dem  Aufbau  der  Naturwissenschaften,  daß  hier  die  Definitionen  und 
Axiome,  die  seine  Grundlage  bilden,  der  Charakter  der  Notwendigkeit,  der 
ihnen  eigen  ist,  und  das  Kausalgesetz  für  die  Erkenntnistheorie  eine  be- 
sondere Bedeutung  gewinnen. 

Und  indem  der  Aufbau  der  Naturwissenschaften  eine  doppelte  Inter- 
})retation  gestattete,  entwickelten  sich  hieraus,  vorbei-eitet  von  erkenntnis- 
theoretischen Richtungen  des  Mittelalters,  zwei  Richtungen  der  Erkenntnis- 
theorie, in  deren  jeder  weitere  Möglichkeiten  verfolgt  wurden. 

Die  Axiome,  auf  die  dieser  Aufbau  begründet  war,  wurden  in  der  einen 
dieser  Richtungen  kombiniert  mit  einer  Logik,  welche  den  richtigen  Denk- 
zusammenhang auf  Formeln  fundierte,  die  den  höchsten  Grad  der  Abstrak- 
tion vom  Stoff  des  Denkens  erreicht  liatten.  Denkgesetze  und  Denkformen, 
diese  äußersten  Abstraktionen,  wurden  als  das  den  Zusammenhang  des  Wissens 
Begründende  aufgefaßt.  In  dieser  Richtung  lag  die  Formulierung  des  Satzes 
vom  Grunde  durch  Leibniz.  Indem  nun  Kant  diesen  ganzen  Bestand  aus 
der  Mathematik  und  Logik  zusammennahm  und  für  ihn  die  Bedingungen 
im  Bewußtsein  aufsuchte,  entstand  seine  Lehre  vom  Apriori.  Aus  dieser 
Entstehung  seiner  Lehre  zeigt  sich  so  klar  als  möglich,  daß  dies  Apriori 
in  erster  Linie  ein  Begründungsverhältnis  bezeichnen  will.  Bedeutende 
Logiker  wie  Schleiermacher,  Ix)tze  und  Sigwart  haben  diese  Betrachtungs- 
weise vereinfacht  und  umgestaltet:  innerhalb  derselben  treten  ganz  ver- 
schiedene Lösungsversuclie  bei  ihnen  auf. 

Die  andere  Richtung  hat  einen  gemeinsamen  Ausgangspiuikt  in  den 
Glcichfcirmigkeiten,  welche  Induktion  und  Experiment  aufzeigen,  und  der 
auf  sie  gegründeten  Voraussage  und  Verwertbarkeit.  Innerhalb  dieser  Rich- 
tung sind  dann  hier  ganz  verschiedene  Möglichkeiten  insbesondere  in  bezug 
auf  die  Auffassung  der  mathematischen  und  mechanischen  Grundlagen  der 


Der  Außmu  der  geschiehtlü-hen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        19 

Erkenntnis  von  Avenarius,  Mach,  den  Pragmatisten  und  Poincare  ausgebildet 
worden.  So  hat  sich  auch  diese  Richtung  der  Erkenntnistheorie  in  eine 
Mannigfaltigkeit  liypothetischer   Annahmen   zersplittert. 


3. 

Wie  die  Naturwissen.schaften  in  einer  rapiden  Entwicklung  in  der 
ersten  Hälfte  des  i  7.  Jahrhunderts  sich  konstituierten,  .so  ist  auch  eine  Periode 
mäßigen  Umfangs,  die  Wolf,  Humboldt,  Niebuhr,  Eichhorn,  Savigny,  Hegel 
und  Schleiermacher,  Bopp  und  Jakob  Grimm  umspannt,  fiir  die  Geistes- 
wissenschaften grundlegend  gewesen.  Wir  müssen  den  inneren  Zusammen- 
hang dieser  Bewegung  zu  erfa.ssen  suchen.  Ihre  große  methodische  Leistung 
lag  in  der  Fundierung  der  Geisteswissenschaften  auf  die  geschichtlich-gesell- 
schaftlichen Tatsächlichkeiten.  Sie  ermöglichte  eine  neue  Organisation  der 
Geisteswissenschaften,  in  welcher  Philologie,  Kritik,  Geschichtschreibung, 
Durchführung  der  vergleichenden  Methode  in  den  systematischen  Geistes- 
wissenschaften und  Anwendung  des  Entwicklungsgedankens  auf  alle  Gebiete 
der  geistigen  Welt  zum  ersten  Male  ein  inneres  Verhältnis  zueinander  bildeten. 
Das  Problem  der  Geisteswissenscliaften  trat  damit  in  ein  neues  Stadium, 
und  jeder  Schritt  zur  Auflösung  dieses  Problems,  der  getan  ist  und  weiter 
getan  wei-den  muß,  ist  von  der  Vertiefung  in  diesen  neuen  tatsächlichen 
Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  abhängig,  in  dessen  Palimen  alle 
späteren  geisteswi.ssenschaftlichen  Leistungen  bis  heute  fallen. 

Die  Entwickhmg,  die  nun  darzustellen  ist,  war  vorbereitet  durch  das 
18.  Jahrhundert.  Damals  entsUmd  die  universal-historische  Auffiissung  der 
einzelnen  Teile  der  Geschichte.  Aus  den  Naturwissenschaften  kamen  die 
leitenden  Ideen  der  Aufklärung,  welche  zuerst  einen  wissenschaftlich  begrün- 
deten Zusammenhang  in  den  historischen  Verlauf  bi-achten:  Solidarität  der 
Nationen  mitten  in  ihren  Machtkämpfen,  der  gemeinsame  Fortschritt  der- 
selben, gegründet  in  der  AUgemeingflltigkeit  wissenschaftlicher  Wahrheiten, 
nach  welcher  diese  sicli  beständig  vermehren  und  gleichsam  übereinander 
schichten,  endlich  die  zunehmende  Herrschaft  des  menschlichen  Geistes  über 
die  Erde  vermittels  dieser  Erkenntnis.  Die  großen  Monarchien  Europas 
wurden  als  die  festen  Träger  dieses  Fortschritts  angesehen.  Indem  man 
dann  auf  ihrer  Grundlage  Industrie,  Handel,  Wohlstand,  Zivilisation,  Ge- 
schmack und  Kunst  zusammen  mit  den  Wissenschaften  sich  entwickebi  sali, 

3* 


20  D  I  L  T  H  E  Y  : 

wurde  dieser  Inbegriff  von  Fortschritten  unter  dem  der  Kultur  zusammen- 
gefaßt, der  Fortgang  dieser  Kultur  wurde  verfolgt,  ihre  Zeitalter  wurden  ge- 
schildert und  Querschnitte  durch  sie  gelegt,  ihre  einzelnen  Seiten  wurden 
einer  getrennten  Untersuchung  unterworfen  und  in  dem  Ganzen  jedes  Zeit- 
alters aufeinander  bezogen.  Voltaire,  Ilume,  Gibbon  sind  die  typischen 
Vertreter  dieser  neuen  Betrachtungsweise.  Und  wenn  lum  in  den  einzelnen 
Seiten  der  Kultur  eine  Verwirklichung  von  Regeln  angenommen  wurde, 
die  aus  ihrer  rationalen  Konstruktion  ableitbar  seien,  so  bereitete  sicli 
doch  allmählich  von  hier  aus  bereits  eine  historische  Auffassung  der  Kultur- 
gebiete vor. 

Denn  wenn  die  Aufklärung  zunächst  jeden  Teil  der  Kultur  als  durd« 
einen  Zweck  bestimmt  und  Regeln  unterworfen  dachte,  an  welche  die  Er- 
reichung dieses  Zwecks  gebunden  ist,  so  ist  sie  dann  dazu  fortgegangen, 
in  vergangenen  Epochen  die  Verwirklichung  ihrer  Regeln  zu  sehen.  Ar- 
nold, Semler,  Böhmer  und  die  Kirchenrechtsschule  sowie  Lessing  erforsch- 
ten das  Urchristentum  und  seine  Verfassung  als  den  wahren  Typus  der 
christlichen  Religiosität  und  ilirer  äußeren  Ordnungen;  Winkelmann  und 
Lessing  fanden  ihr  regelhaftes  Ideal  der  Kunst  uiul  Dichtung  in  Grieclien- 
land  verwirklicht.  Hinter  dem  Studium  der  durch  die  Pllicht  der  Voll- 
kommenheit gebundenen  moralischen  Person  trat  weiter  in  Psychologie  und 
Dichtung  der  Mensch  in  seiner  irrationalen  und  individuellen  Realität  her- 
vor. Und  wenn  in  der  Aufklärungszeit  die  Idee  des  Fortschritts  diesem 
ein  rational  bestimmbares  Ziel  setzte,  wenn  sie  die  früheren  Stadien  dieses 
Weges  in  ihrem  eigenen  Gehalt  und  Wert  nicht  zur  Geltung  gelangen  ließ, 
wenn  das  Ziel  des  Staates  von  Schlözer  in  der  Heranbildung  großer  Staaten 
mit  zentralisierter  und  intensiver  Verwaltung,  Wohlfahrts-  und  Kultur- 
pilege,  von  Kant  in  der  Friedensgemeinschaft  das  Recht  verwirklichender 
Staaten  festgelegt  wurde,  wenn,  in  derselben  Art,  eingeschränkt  durch  die 
Ideale  der  Zeit,  die  natürliche  Theologie,  Winkelmann  und  Lessing  auch  an- 
deren großen  Kräften  der  Kultur  endliche  rationale  Ziele  vorschrieben :  so 
revolutionierte  Herder  diese  vom  verstandesmäßigen  Zweckbegriff  geleitete 
Geschichtschreibung  durch  die  Anerkennung  des  selbständigen  Wertes, 
den  jede  Nation  und  jedes  Zeitalter  derselben  verwirklichen.  Damit  stand 
das  1 8.  Jahrhundert  an  der  Schwelle  der  neuen  Zeit  der  Geisteswissen- 
schaften. Von  Voltaire  und  Montesquieu,  Hume  und  Gibbon  geht  über 
Kant,    Herder,    Fichte    der   Weg    zu    der    großen    Zeit,    in    welcher    die 


Der  Aujltau  der  geschichtlirJien  Welt  in  den  Gehteswissenschaften.  I.        21 

Geisteswissenschaften  nun  neben  den  Naturwissenschaften  ihre  Stellung 
eroberten. 

Deutschland  war  der  Schauplatz  dieser  Konstituierung  eines  zweiten 
Zusammenhangs  von  Wissenschaften.  Dies  Land  der  Mitte,  der  inneren 
Kultur,  liatte  von  der  Reformation  ab  die  Kräfte  der  europäischen  Ver- 
gangenlieit,  die  griechisclie  Kultur,  das  römische  Rechtswesen,  das  ur- 
sprüngliche Cliristentum  in  sich  wirksam  erhalten:  wie  waren  sie  doch 
in  dem  »Lehrer  Deutschlands«,  Melanchthon,  zusammengenommen  ge- 
wesen! So  konnte  auf  deutschem  Boden  das  vollkommenste,  natür- 
lichste Verständnis  dieser  Kräfte  erwachsen.  Die  Periode,  in  welcher  das 
geschah,  hatte  in  Dichtung,  Musik  und  Philosophie  Tiefen  des  Lebens 
aufgeschlossen,  zu  denen  keine  Nation  bis  dahin  vorgedrungen  war.  Solche 
Blütezeiten  des  geistigen  Lebens  rufen  in  den  historischen  Denkern  eine 
größere  Stärke  und  Mannigfaltigkeit  des  Erlebens,  eine  gesteigerte  Kraft, 
die  verschiedensten  Formen  des  Daseins  nachzuverstelien,  hervor.  (Jorade 
die  Romantik,  mit  welcher  die  neue  Geisteswissenschaft  in  so  enger  Be- 
ziehung stand,  die  beiden  Schlegel  und  Novalis  voran,  bildete  zugleich  mit 
einer  neuen  Freiheit  des  Lebens  auch  die  der  Vertiefung  in  alles  Fremdeste 
aus.  In  den  Schlegel  erweiterte  sich  der  Horizont  des  Genusses  und  Ver- 
ständnisses Ober  die  ganze  MannigAxltigkeit  der  Schöpfungen  in  Si)rache 
und  Literatur.  Sie  schufen  eine  neue  Auffassung  literarischer  Werke  durch 
die  Erforsclnmg  ihrer  inneren  Form. 

Und  auf  dieser  Idee  von  innerer  Form,  von  Komposition  berulite  dann 
die  Rekonstruktion  des  Zusammenhanges  der  platonischen  Werke  durcli 
Schleiennacher  und  später  das  von  ihm  zuerst  gewonnene  Verständnis  der 
inneren  Form  der  paulinischen  Briefe.  In  dieser  strengen  Formbetrachtung 
lag  auch  ein  neues  Hilfsmittel  der  historischen  Kritik.  Und  eben  von  ihr  aus 
hat  Schleiermacher  in  seiner  Hermeneutik  die  Vorgänge  der  schriftstelleri- 
sclien  Produktion  und  des  Verständnisses  behandelt  und  hat  Böckli  sie  in 
seiner  Enzyklopädie  fortgebildet  —  ein  Vorgang,  der  ftir  die  Entwicklung 
der  Methodenlelire  von  der  größten  Bedeutung  war. 

W.  v.  Humboldt  steht  mitten  unter  den  Romantikern,  fremdartig  durch 
die  Sammlung  und  Geschlossenheit  seiner  Person  im  Sinne  Kants  und  doch 
ihnen  wiederum  verwandt  durch  den  Zug  nach  Genuß  und  Verständnis  von 
Leben  jeder  Art,  durch  eine  hierauf  gegründete  Philologie,  durch  ein  Ex- 
perimentieren mit  den  neuen  Problemen  der  Geisteswissenschaften,  dessen 


22  Diltiiey: 

Tendenz  ebenso  systematiscli  war  als  Friedricli  Schlegels  Entwurf  einer  Enzy- 
klopädie. Und  in  naher  geistiger  Verwandtschaft  mit  W.  v.  Humboldt  ist 
Fr.  A.  Wolf,  der  ein  neues  Ideal  der  Philologie  aufstellte,  nach  welchem 
diese,  festgegründet  in  der  Sprache,  die  gesamte  Kultur  einer  Nation  um- 
spannt, um  schließlich  von  hier  aus  das  Verständnis  ihrer  größten  geistigen 
Schöpfungen  zu  erreichen.  In  diesem  Sinne  sind  Niebuhr  und  Mommsen, 
Böckh  und  Otfried  Müller,  Jakob  Grimm  und  Müllenhoff  Philologen  gewesen, 
und  ein  unendlicher  Segen  fär  die  Geschichtswissenschaft  ist  von  diesem 
strengen  Begriff  ausgegangen.  So  entstand  eine  methodisch  begründete, 
das  ganze  Leben  umfassende  historische  Erkenntnis  der  einzelnen  Nationen, 
und  das  Verständnis  ihrer  Stellung  in  der  Geschichte  wurde  damals  zu- 
gleich höchst  lebendig  durch  die  politischen  Kämpfe,  in  denen  die  Natio- 
nalitätsidee sich  ausbildete. 

Von  hier  aus  erhielt  nun  das  Studium  der  ältesten  zugänglichen  Zeiten 
der  einzelnen  Völker  erst  seine  wahre  Bedeutung.  Die  schaffende  Kraft  der- 
selben, die  in  Religion,  Sitte  und  Recht  wirksam  ist,  die  Zurückfuhrung  der- 
selben auf  den  Gemeingeist,  der  in  diesen  Zeiten  in  kleinen  politischen  Körpern 
bei  größerer  Gleichförmigkeit  der  Individuen  sich  in  gemeinsamen  Schöpfungen 
betätigt  —  dies  waren  die  großen  Entdeckungen  der  historischen  Schule: 
sie  haben  ihre  ganze  Auffassung  von  der  Entwicklung  der  Nationen  bedingt. 

Und  fiir  solche  von  Mythos  und  Sage  orföllten  Zeiten  wurde  die  histo- 
rische Kritik  die  notwendige  Ergänzung  des  Verständnisses.  Auch  hier  war 
Fr.  A.  Wolf  der  Führer.  Indem  er  die  homerischen  Gedichte  untersuchte, 
gelangte  er  zu  der  Annahme,  daß  die  epische  Dichtung  der  Griechen  vor 
der  Entstehung  unserer  Ilias  und  Odyssee  in  mündlichem  Vortrag  und 
sonacli  aus  kleineren  Gebilden  entstanden  wäre.  Dies  war  der  Anfang 
einer  zerlegenden  Kritik  der  nationalen  epischen  Dichtung.  In  den  Bahnen 
Wolfs  ging  Niebuhr  von  der  Kritik  der  Überlieferung  zu  der  Rekonstruk- 
tion der  ältesten  römischen  Geschichte  fort.  Zur  Annahme  alter  Lieder 
im  Sinne  der  Ilonierkritik  trat  bei  ihm  als  ein  weiteres  Prinzip  für  die 
Erklärung  der  Tradition  die  Abhängigkeit  der  Berichterstatter  von  den 
Parteien  und  das  Unvermögen  späterer  Zeiten,  ältere  Verfassungsverhält- 
nisse zu  verstehen :  ein  Erklärungsprinzip,  von  dem  dann  Christian  Baur, 
der  große  Kritiker  der  cliristlichen  Überlieferung,  den  fruchtbarsten  Ge- 
brauch gemacht  hat.  Niebuhrs  Kritik  war  so  aufs  engste  verbunden  mit 
dem  neuen  Aufbau  der  römischen  Geschichte. 


Der  Aufbau  der  geschicktUcJien  Welt  in  den  GeiateswissemcJiaften.    l.         2H 

Er  verstand  die  älteren  römischen  Zeiten  aus  der  Grundanscliauung 
von  einem  in  Sitte,  Recht,  dichterischer  Tradition  der  Gescliichte  wirk- 
samen nationalen  Gemeingeist,  der  die  spezifische  Struktur  des  bestimmten 
Volkes  hervorbringt.  Und  auch  hier  machte  sich  die  Einwirkung  des 
Lebens  auf  die  Geschichtswissenschaft  geltend.  Zu  den  philologischen 
Hilfsmitteln  trat  seine  in  bedeutenden  Stellungen  erworbene  Kenntnis  von 
Wirtschaft,  Recht  und  Verfassungsleben  und  die  Vergleichung  analoger  Ent- 
wicklungen. Savignys  Anschauung  der  Rechtsgeschichte,  die  in  seiner  Lehre 
vom  Gewohnheitsrecht  ihren  stärksten  Ausdruck  fand,  ging  von  denselben 
Anschauungen  aus.  »Alles  Recht  entsteht  auf  die  Weise,  welche  der  herr- 
schende Sprachgebraucl)  als  Gewohnheitsrecht  bezeichnet.«  »Es  wird  erst 
durch  Sitte  und  Volksglaube,  dann  durch  Jurisprudenz  erzeugt;  überall 
also  durch  innere,  stillwirkende  Kräfte,  nicht  durch  die  Willkür  eines  Ge- 
setzgebers.« Uml  damit  waren  Jakob  (irimms  große  Konzeptionen  von 
der  Entwicklung  des  deutschen  (icistes  in  Sprache,  Recht  und  Religion  in 
Übereinstimmung.  Hieraus  ergab  sich  nun  eine  weitere  Entdeckung  dieser 
Epoche. 

Das  natürlicJje  System  der  (ieisteswissenschaflen  sah  in  Religion,  Recht, 
Sittlichkeit,  Kunst  nacJi  dem  Sinne  der  Aufklärung  einen  Fortschritt  aus 
barbarischer  Regellosigkeit  zu  einem  vernünftigen  Zweckzusammenhang, 
der  in  der  Menschennatur  begiündet  ist.  Denn  in  der  Menschennatur 
liegen  nach  diesem  System  gesetzliche  Verhältnisse,  in  festen  Begriflen 
darstellbar,  die  überall  gleichförmig  dieselben  Grundlinien  des  wirtschaft- 
lichen Lebens,  der  rechtlichen  Ordnung,  des  moralischen  Gesetzes,  des  Ver- 
nunftglaubens, der  ästhetischen  Regeln  erwirken.  Indem  die  Menschheit 
sie  sich  zum  Bewußtsein  bringt  und  ihnen  ihr  Leben  in  Wirtschaft,  Recht, 
Religion  und  Kunst  zu  unterwerfen  sti-eht,  wird  sie  mündig  und  sie  wird 
immer  fähiger,  den  Fortschritt  der  Gesellschaft  durch  wissenschaftliche 
Einsicht  zu  leiten.  Aber  was  in  den  Naturwissenschaften  gelungen  war, 
die  Aufstellung  eines  allgemein  giltigen  Hegriffssystems,  sollte  sich  nun 
als  in  den  Geisteswissenschaften  unmöglich  erweisen.  Die  verschiedene 
Natur  des  Gegenstandes  auf  den  liciden  (iebieten  des  Wissens  machte  sich 
geltend.  Und  so  ging  dieses  natürliche  System  an  seiner  Zersplitterung 
in  verschiedene  Richtungen,  die  doch  die  gleiche  wissenschaftliche  Fun- 
dierung —  oder  denselben  Mangel  einer  solchen  —  iiatten,  zugrunde.  Die 
große   Epoche  der  Geisteswissenschaften  hat  nun  im   Kampf  mit  dem   Be- 


24  D  I  L  T  H  E  Y  : 

griffssystem  des  1 8.  Jalirliunderts  den  historischen  Charakter  der  Wissen- 
schaften von  Wirtschaft,  Recht,  Religion  und  Kunst  zur  Geltung  gebracht. 
Sie  entwickeln  sich  aus  der  schaffenden  Kraft  der  Nationen. 

Eine  neue  Anschauung  der  Geschichte  erhob  sich  damit.  Schleier- 
machers Reden  über  die  Religion  haben  die  Bedeutung  des  Gemeinschafts- 
bewußtseins und  seines  Ausdrucks  in  der  vom  Gemeinscliaftsbewußtsein 
getragenen  Mitteilung  zuerst  im  Reiche  der  Religiosität  entdeckt.  Auf 
dieser  Entdeckung  beruht  seine  Auffassung  des  Urchristentums,  seine 
Jlvangelienkritik  und  seine  Entdeckung  des  Subjektes  der  Religiosität,  der 
religiösen  Aussagen  und  des  Dogmas  im  Gemeindebewußtsein,  wie  sie  den 
Standpunkt  seiner  Glaubenslehre  ausmacht.  Wir  wissen  jetzt',  wie  unter 
der  Einwirkung  der  Reden  über  Religion  Hegels  Begriff  des  Gesamtbewußt- 
seins als  des  Trägers  der  Geschichte,  dessen  Fortrücken  die  Entwicklung 
in  der  Geschichte  ermöglicht,  entstanden  ist.  Nicht  ohne  Einwirkung  von 
der  philosophischen  Bewegung  her  gelangte  die  historische  Schule  zu  einem 
verwandten  Ergebnis,  indem  sie  auf  die  älteren  Zeiten  der  Völker  zurück- 
ging und  hier  den  schöpferisch  wirksamen  Gemeingeist  fand,  der  den 
Nationalbesitz  von  Sitte,  Recht,  Mythos,  epischer  Dichtung  hervorbringt 
und  von  welchem  dann  die  ganze  Entwicklung  der  Nationen  bestimmt 
ist.  Sprache,  Sitte,  Verfassung,  Recht  —  so  formulierte  Savigny"  diese 
Grundanschauung  —  «haben  kein  abgesondertes  Dasein,  es  sind  nur  ein- 
zelne Kräfte  und  Tätigkeiten  des  einen  Volkes,  in  der  Natur  untrennbar 
verbunden«.  »Was  sie  zu  einem  Ganzen  verknüpft,  ist  die  gemeinsame  Über- 
zeugung des  Volkes.«  »Diese  Jugendzeit  der  Völker  ist  arm  an  Begriffen, 
aber  sie  genießt  ein  klares  Bewußtsein  ihrer  Zustände  und  Verhältnisse, 
sie  fühlt  und  durchlebt  diese  ganz  und  vollständig.«  Dieser  »klare,  natur- 
gemäße Zustand  bewährt  sich  vorzüglich  auch  im  bürgerlichen  Rechte« 
Der  Körper  desselben  sind  »symbolische  Handlungen,  wo  Rechtsverhält- 
nisse entstehen  oder  untergehen  sollen«.  »Ihr  Ernst  und  ihre  Würde  ent- 
spricht der  Bedeutsamkeit  der  Rechtsverhältnisse  selbst.«  Sie  sind  »die 
eigentliche  Grammatik  des  Rechts  in  dieser  Periode«.  Die  Entwicklung 
des  Rechts  vollzieht  sich  in  einem  organischen  Zusammenhang;  »bei  stei- 
gender Kultur  sondern  sich  alle  Tätigkeiten  des  Volkes  immer  mehr,  und 

'    Meine  Jugendgeschiclite  Hegels.    Abhandl.  d.  Akad.  d.Wiss.  1905. 
'    Beruf  f.  Gesetzgebung  S.  5  ff. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  GeL^teswküemchaften.  I.         25 

was  sonst  gerneinschaftlicli  betrieben  wurde,  lallt  jetzt  einzelnen  Ständen 
anlieiin«;  der  abgesonderte  Stand  der  Juristen  entstellt;  er  repräsentiert 
das  Volk  in  seiner  Rechtsfunktion ;  die  Begriffsbildung  wird  nun  das  Werk- 
zeug der  Rechtsentwicklung:  sie  erfaßt  leitende  Grundsätze,  d.h.  Bestim- 
mungen, in  denen  die  übrigen  gegeben  sind;  auf  ihrer  Auffindung  beruht 
der  wissenschaftliche  Charakter  der  Jurisprudenz,  und  die  Jurisprudenz 
wird  immer  mehr  Urundlage  der  Fortbildung  des  Rechts  durch  die  Gesetz- 
gebung. Eine  analoge  organische  Entwicklung  hat  Jakob  Grimm  in  der 
Sprache  nachgewiesen.  In  einer  großen  Kontinuität  liat  sich  von  hier  aus 
das  Studium  der  Nationen  und  der  verschiedenen  Seiten  ihres  Lebens 
entwickelt. 

Mit  diesem  großen  Blick  der  historischen  Schule  verband  sich  dann 
ein  methodischer  Fortschritt  von  der  höchsten  Bedeutung.  Von  der  ari- 
stotelisclien  Schule  ab  hatte  die  Ausbildung  der  vergleichenden  Methoden 
in  der  Biologie  der  Pflanzen  und  Tiere  den  Ausgangspunkt  für  deren  An- 
wendung in  den  Geisteswissenschaften  gebildet.  Durch  diese  Methode 
war  die  antike  politische  Wissenschaft  zur  höchstentwickelten  Disziplin 
der  Geisteswissenschaften  im  Altertum  erhoben  worden.  Indem  nun  die 
historische  Schule  die  Ableitung  der  allgemeinen  Wahrheiten  in  den  Geistes- 
wissenschaften durch  abstiaktes  konstruktives  Denken  verwarf,  wurde  ffir 
sie  die  vergleichende  Methode  das  einzige  Verfahren,  zu  Wahrheiten  von 
größerer  Allgemeinheit  aufzusteigen.  Sie  wandte  dies  Verfahren  auf  Sprache 
Mythos,  nationale  Epik  an,  und  die  Vergleichung  des  römischen  mit 
dem  germanischen  Recht,  dessen  Wissenschaft  eben  damals  emporblühte, 
wurde  der  Ausgangspunkt  für  die  Ausbildung  derselben  Methode  auch  auf 
dem  Rechtsgebiet.  Aiich  hier  besteht  ein  interessantes  Verhältnis  zu  dem 
damaligen  Zustand  der  Biologie.  Cuvier  ging  von  einem  Begriff  der  Kom- 
bination der  Teile  in  einem  tierischen  Typus  aus,  welcher  gestattete,  aus 
den  Resten  untergegajigener  Tiere  den  Bau  derselben  zu  rekonstruieren. 
Ein  ähnliches  Verfahren  übte  Niebuhr,  und  Franz  Bopp  und  Jakob  Grimm 
haben  die  vergleichende  Methode  ganz  im  Geist  der  großen  Biologen  auf 
die  Sprache  angewandt.  Das  Streben  der  früheren  Jahre  Humboldts,  in 
das  Innere  der  Nationen  einzudringen,  wurde  nun  endlich  mit  den  Mitteln 
des  vergleichenden  Sprachstudiums  verwirklicht.  An  diese  Richtung  hat 
sich  dann  in  Frankreich  der  große  Analytiker  des  Staat«lebens,  Tocque- 
ville,  angeschlossen:  im  Sinne  des  Aristoteles  hat  er  Funktionen,  Zusammen- 
Phil.-hist.  Klasse.    1910.    Abh.  1.  4 


26  D  I  L  T  11  E  Y  : 

hang  und  Entwicklung  der  politischen  Körper  verfolgt.  Eine  einzige,  ich 
möchte  sagen  morphologische  Betrachtungsweise  geht  durch  alle  diese  Gc- 
neralisationen  hindurch  und  führte  zu  Begriffen  von  neuer  Tiefe.  Die  all- 
gemeinen Wahrheiten  bilden  nach  diesem  Standpunkt  nicht  die  Grundlage 
der  Geisteswissenschaften,  sondern  ihr  letztes  Ergebnis. 

Die  Grenze  der  historischen  Schule  lag  darin,  daß  sie  zur  Universal- 
geschichte kein  Verhältnis  gevs^ann.  Johann  von  Müllers  allgemeine  Ge- 
schichte, die  besonders  an  die  gerade  in  diesem  Punkt  unvollkommenen 
"Ideen«  Herders  sich  anschloß,  offenbarte  die  ganze  Unzulänglichkeit  der  bis- 
herigen Hilfsmittel  zur  Lösung  dieser  Aufgabe.  Hier  griff  nun  gleichzeitig 
mit  der  historischen  Schule,  an  demselben  Ort  wirksam,  wo  sie  ihren 
Mittelpunkt  hatte,  Hegel  ein. 

Er  war  eines  der  größten  historischen  Genies  aller  Zeiten.  In  der 
ruhigen  Tiefe  seines  Wesens  sammelte  er  die  großen  Kräfte  der  geschicht- 
lichen Welt.  Das  Thema,  an  welchem  seine  Anschauungen  sich  entwickel- 
ten, war  die  Geschichte  des  religiösen  Geistes.  Die  historische  Schule 
hatte  ein  philologisch  strenges  Verfahren  gefordert  und  die  vergleichende 
Methode  angewandt;  Hegel  schlug  ein  ganz  anderes  Verfahren  ein.  Unter 
dem  Einfluß  seiner  religiös-metaphysischen  Erlebnisse,  im  beständigen  Ver- 
kehr mit  den  Quellen,  überall  aber  von  ihnen  zurückgehend  in  die  tiefste 
religiöse  Innerlichkeit,  entdeckte  er  eine  Entwicklung  der  Religiosität,  in 
welcher  die  niedere  Stufe  des  religiösen  Gesamtbewußtseins  durch  in  ihr 
tätige  Kräfte  eine  höhere  erwirkt,  in  der  nunmehr  die  frühere  enthalten 
ist.  Das  i8.  Jahrhundert  hatte  den  Fortschritt  der  Menschheit  aufgesucht, 
den  die  Zunahme  der  Erkenntnis  der  Natur  und  der  in  ihr  gegründeten 
Herrschaft  über  sie  herbeifahrt;  Hegel  ergriff  die  Entwicklung  der  reli- 
giösen Innerlichkeit.  Das  i8.  Jahrhundert  erkannte  in  diesem  Fortschritt  der 
Wissenschaften  die  Solidarität  des  Menschengeschlechtes;  Hegel  entdeckte 
im  Bereich  der  Religiosität  ein  Gesamtbewußtsein  als  Subjekt  der  Ent- 
wicklung. Die  Begriffe,  in  denen  das  i8.  Jahrhundert  die  Geschichte  der 
Menschheit  erfaßt  hatte,  bezogen  sich  auf  Glück,  Vollkommenheit  und  ver- 
standesmäßige Zwecksetzung,  die  auf  Verwirklichung  dieser  Ziele  gerichtet 
ist;  Hegel  war  mit  ihm  einverstanden  in  der  Intention,  durch  ein  allge- 
meingültiges System  von  Begriffen  menschliches  Dasein  nach  seinen  ver- 
schiedenen Seiten  auszudrücken;  aber  vernichtender  als  er  hat  auch  die 
historische  Schule  nicht  die  verstandesniäßige  Auffassung  der  menschlich- 


Der  Auf  hau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        27 

geschiclitlichen  Wirklichkeit  bekämpft:  das  Begriffssystem,  das  er  suchte, 
sollte  nicht  die  Seiten  des  Lebens  abstrakt  formulieren  und  regeln:  er  er- 
strebte einen  neuen  Zusammenhang  der  Begriffe,  in  welchem  die  Ent- 
wicklung in  ihrem  ganzen  Umfang  begreiflich  würde.  Er  erweiterte  sein 
Verfahren  über  die  religiöse  Entwicklung  hinaus  in  die  der  Metaphysik 
und  von  ihr  aus  auf  alle  Lebensgebiete,  und  das  ganze  Reich  der  Ge- 
schichte wurde  sein  Gegenstand.  Überall  suchte  er  hier  Tätigkeit,  Fort- 
gang, und  dieser  hat  an  jedem  Punkt  in  den  Beziehungen  der  Begriffe 
sein  Wesen.  Geschichtswissenschaft  ging  so  in  Philosophie  über.  Diese 
Umwandlung  wurde  möglich,  weil  die  deutsche  Spekulation  der  Zeit 
dem  Problem  der  geistigen  Welt  entgegenkam.  Kants  Analysis  hatte 
in  den  Tiefen  des  Bewußtseins  Formen  der  Intelligenz,  wie  sinnliche 
Anschauung,  Kategorien,  Schemata  der  reinen  Verstandesbegriffe,  Re- 
üexionsbegriffe,  tlieoretische  Vernunftideen,  Sittengesetz,  Urteilskraft  nuf- 
gefundfcn,  und  er  hatte  ihre  Struktur  bestimmt.  Jede  dieser  Formen  der 
Intelligenz  war  im  Grunde  Tätigkeit.  Aber  dies  trat  doch  erst  ganz  her- 
vor, als  Fichte  in  Setzung,  Entgegensetzung,  Zusannnenfassung  die  Welt 
des  Bewußtseins  entstehen  ließ  --  überall  darin  Energie,  Fortschreiten  auf- 
deckend. Da  nun  Gescliichte  im  Bewußtsein  sich  realisiert,  so  muß  nach 
Hegel  in  ihr  dasselbe  Zusammenwirken  von  Tätigkeiten  wiedergefunden 
werden,  das  in  Setzen,  Entgegensetzen  und  in  höherer  Einheit  im  überindivi- 
duellen Subjekt  l]ntwicklung  möglich  macht.  Damit  war  die  Grundlage  lür 
die  Aufgabe  Hegels  geschaffen,  die  Gestalten  des  Bewußtseins  in  Begriffen 
darzustellen  und  die  Entwicklung  des  Geistes  durch  sie  hindurch  als  ein 
System  begrifflicher  Beziehungen  zu  erfassen.  Eine  höhere  Logik  gegen- 
über der  des  Verstandes  sollte  diese  Entwicklung  begreiflich  machen:  sie 
war  das  schwei-ste  Werk  seines  Lebens.  Den  Leitfaden  für  die  Stufen- 
folge der  Kategorien  entnahm  er  Kant,  dem  großen  Entdecker  der  ver- 
schiedenen Beziehungsordnungen,  ich  möchte  sagen  Strukturformen  des 
Wissens.  Die  Realisierung  dieses  Ideenzusammenhangs  in  der  Wirklichkeit 
hatte  dann  nach  Hegel  ihren  Höhepunkt  in  der  Weltgeschichte.  So  hat  er 
die  geschichtliche  Welt  intellektualisiert.  Im  Gegensatz  gegen  die  histo- 
rische Schule  hat  er  die  allgemeingültige  Begründung  der  systematischen 
Geisteswissenschaft  in  dem  Vernunftsystem  gefunden,  das  der  Geist  ver- 
wirklicht, ja  mehr  als  das  —  er  hat  alles,  was  der  Rationalismus  des 
18.  Jahrhunderts    als    individuelles   Dasein,    besondere    Gestalt   des  Lebens, 


28  Dii.they: 

Zufall  und  Willkür  aus  dem  Vernuuftzusammenhang  ausschloß,  durcl»  die 
Mittel  der  höheren  Logik  der  Systematik  der  Vernunft  eingeordnet. 

Aus  dem  Zusammenwirken  aller  dieser  Momente  ist  Rankes  Ver- 
ständnis der  geschichtlichen  Welt  hervorgegangen. 

Er  war  ein  großer  Künstler.  Leise,  stetig,  ohne  Kampf  entsteht  in  ihm  seine 
Anschauung  der  »unbekannten  Weltgeschichte«.  Goethes  kontemplative 
Lebensstimmung  und  dessen  künstlerischer  Standpunkt  der  Welt  gegenüber 
ergreift  in  ihm  die  Geschichte  als  ihren  Gegenstand.  So  will  er  nur  dar- 
stellen, was  gewesen  ist.  In  reiner  Treue  und  mit  der  vollendeten  Technik 
der  Kritik,  die  er  Niebuhr  verdankte,  bringt  er  das,  was  die  Arcliive  und 
die  Literatur  enthalten,  zum  Ausdruck.  Diese  Künstlernatur  hat  kein  Be- 
dürfnis, in  den  hinter  dem  Gescliehenen  liegenden  Zusammenhang  der  Fak- 
toren der  Geschichte  zurückzugehen,  wie  es  die  großen  Forscher  der  histo- 
rischen Schule  getan  liatten:  sie  fürchtete,  in  solchen  Tiefen  nicht  nur 
ihre  Sicherheit,  sondern  auch  ihre  Freude  an  der  im  Licht  der  Sonne  sich 
))ewegenden  Mannigfaltigkeit  der  Erscheinungen  zu  verlieren,  wie  dies  Nie- 
buhr geschehen  war.  Er  bleibt  vor  der  Analyse  und  dem  begrifflichen 
Denken  über  die  Zusammenhänge,  die  in  der  Geschichte  zusammenwirken, 
stehen.  Das  ist  die  Grenze  seiner  Geschichtsschreibung.  Noch  weniger  be- 
hagte  ihm  die  farblose  begriffliche  Ordnung  der  historischen  Kategorien  in 
Hegels  Auffassung  der  geschichtlichen  Welt.  «Was  hat  mehr  Wahrheit«, 
äußert  er  sicli,  »was  fuhrt  uns  näher  zur  Erkenntnis  des  wesentlichen 
Seins,  das  Verfolgen  spekulativer  Gedanken  oder  das  Ergreifen  der  Zustände 
der  Menschheit,  aus  denen  doch  immer  die  uns  eingeborene  Sinnesweise 
lebendig  heraustritt?  Ich  bin  ftir  das  letztere,  weil  es  dem  Irrtum  weniger 
unterworfen  ist«.  Das  ist  der  erste  neue  Zug  in  Ra)ike:  er  zuerst  brachte 
ganz  zum  Ausdruck,  daß  die  Grundlage  alles  historischen  Wissens  und 
ein  höchstes  Ziel  desselben  die  Darstellung  des  singularen  Zusammenhangs 
der  Geschichte  ist  —  Ein  Ziel  wenigstens:  denn  Rankes  Grenze  lag  darin, 
daß  er  ausschließlich  in  diesem  Einen  sein  Ziel  sah  —  ohne  doch  andere 
Ziele  zu  verurteilen.     Hier  schieden  sich  die  Richtungen. 

In  seiner  dichterischen  Stimmung  gegenüber  der  geschichtlichen  Welt 
hat  er  das  Schicksal,  die  Tragik  des  Lebens,  allen  Glanz  der  Welt  und 
das  hohe  Selbstgefühl  des  Wirkens  aufs  stärkste  empfunden  und  zum  Aus- 
druck gebracht.  In  dieser  Verwebung  des  der  Dichtung  eigenen  Bewußt- 
seins vom  Leben  mit  der  Geschichte  ist  er  Ilerodot,  seinem  Vorbild  Thuky- 


Der  Auß)au  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        29 

(lides,  Joh.  Müller  und  Carlyle  verwandt.  Der  Blick  auf  das  Leben  wie  von 
einem  hohen  Ort  aus,  der  es  ganz  überschauen  läßt,  war  in  dieser  Goethe 
so  nahestehenden  Natur  notwendig  verbunden  mit  der  Auffassung  des  Ge- 
schichtliehen von  einem  das  Ganze  desselben  ül)erl)lickenden  Standpunkt. 
Sein  Horizont  war  die  Universalgeschichte;  er  faßte  jeden  Gegenstand  unter 
diesem  Gesichtspunkt;  darin  stimmte  er  mit  der  ganzen  Entwicklung  der 
Geschichtschreibung  von  Voltaire  bis  Hegel  und  Niebuhr  überein;  doch 
lag  ein  weiterer  ihm  eigener  Zug  in  der  Art,  wie  er  aus  dem  Zusammen- 
und  Gegeneinanderwirken  der  Nationen  neue  Einblicke  über  die  Beziehungen 
zwischen  politischem  Machtstreben,  innerer  Staatsentwicklung  und  geistiger 
Kultur  gewonnen  hat.  Dieser  universalhistorische  Gesichtspunkt  reicht  bei 
ihm  weit  in  seine  Jugend  zurück;  er  spricht  einmal  von  seiner  »alten  Ab- 
siclit,  die  Mär  der  Weltgeschichte  aufzufinden,  jenen  Gang  der  Begeben- 
heiten und  Entwicklungen  unseres  Geschlechts,  der  als  ihr  eigentlicher  In- 
halt, als  ihre  Mitte  und  als  ihr  Wesen  anzusehen  ist«.  Universalgeschichte 
war  der  Lieblingsgegenstand  seiner  Vorlesungen;  immer  blieb  ihm  der 
Zusamn)enhang  seiner  einzelnen  Arbeiten  gegenwärtig,  sie  war  auch  der 
(iegenstand  des  letzten  Werks,   das  der  mehr  als  Aclitzigjährige  unternahm. 

Der  Künstler  in  ihm  verlangte  die  sinnliche  Breite  des  Geschehens  dar- 
zustellen. Er  konnte  das  nur,  indem  er  an  einem  besonderen  Gegenstand 
seine  universalhistorische  Betrachtungsweise  geltend  machte.  t)ber  die 
Wahl  dieses  Gegenstandes  entschied  dann  nicht  nur  das  Interesse,  mit 
dem  ihn  die  venezianischen  (Je.sandtschaftsberichte  gefangennahmen,  son- 
dern auch  sein  Sinn  für  das  ofl'en  an  der  Sonne  Zutageliegende  und  ein 
innerer  Zug  der  Sympatiiie  zu  der  Epoche,  die  vom  Machtstreben  großer 
Staaten  und  bedeutender  Fürsten  erfüllt  war.  «Es  setzt  sich  mir  allmäh- 
lich eine  Geschichte  der  wichtigsten  Momente  der  neueren  Zeit  fast  ohne 
mein  Zutun  zusammen,  sie  bis  zur  Evidenz  zu  bringen  und  zu  schreiben, 
wird  das  (Jeschäfit  meines  Lebens  sein.«  So  wurde  der  Gegenstand  seiner 
Erzählungskunst  die  Ausbildung  der  modernen  Staaten,  ihr  Kampf  um 
die  Macht,  die  Rückwirkung  desselben  auf  ihre  inneren  Zustände,  in  einer 
Folge  von  Nationalgeschichten. 

In  diesen  Werken  äußert  sich  ein  Wille  und  eine  Kraft  zu  geschichtlicher 
Objektivität  ohnegleichen.  Da-s  universale  Mitfühlen  der  historischen  Werte, 
die  Freude  an  der  Mannigfaltigkeit  der  geschichtlichen  Erscheinungen,  die  all- 
seitige Empfänglichkeit  itir  alles  Leben,   wie  sie  Herder  erfüllte,   wie  sie  in 


30  D I L  T  ir  E  Y : 

Joli.  Möller  bis  zur  Ohnmacht  dos  empfänglichen  (^eistes  gegenüber  den  ge- 
schichtlichen Kräften  wirksam  war  —  diese  eigenste  Fähigkeit  des  deut- 
schen Geistes  erfüllt  Ranke  ganz.  Er  arbeitete  nicht  ohne  Einwirkung  Hegels, 
aber  vor  Allem  doch  im  Gegensatz  zu  ihm ;  hat  er  doch  überall  Mittel  von  rein 
historischer  Art  ausgebildet,  den  unendlichen  Reichtum  des  Geschehenen  in 
einen  objektiven  historischen  Zusammenhang  zu  bringen,  ohne  doch  zu 
philosophischer  Geschichtskonstruktion  zu  greifen.  Hierin  offenbart  sich 
uns  der  eigenste  Grundzug  seiner  Geschichtschreibimg.  Wirklichkeit  will  sie 
erfassen,  wie  sie  ist.  Ihn  erfüllte  jener  Wirklichkeitssinn,  der  allein  einen  Auf- 
bau der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften  schaffen  kann. 
Niemand  liat,  im  Gegensatz  zu  den  an  die  Historiker  oft  gestellten  Anforderungen, 
direkt  auf  das  Leben  zu  wirken,  dureli  Stellungnahme  in  dessen  Kämpfen,  so 
erfolgreich  alsRanke  denCharakter  der  Geschichte  als  einer  objektiven  Wissen- 
.schaft  vertreten.  Wir  können  nur  dann  eine  wahre  Wirkung  auf  die 
(iegenwart  ausüben,  wenn  wir  von  derselben  zunächst  absehen  und  uns 
zu  freier  objektiver  Wissenschaft  erheben.  Dies  Ziel  füiirte  dann  auch 
in  Ranke  zur  Ausl)ildung  aller  Mittel  der  Kritik.  Der  Geist  Niebuhrs 
lebte;  in  ihm  fort,  wie  der  kritische  Aidiang  zu  seinem  ersten  Hauptwerk 
am  besten  zeigt. 

Neben  Ranke  eröffnen  zwei  andere  große  Historiker  der  Zeit  neue 
Blicke  in  den  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt. 

(Jarlyle  zeigt  denselben  unaufhaltsamen  Willen,  in  die  Wirklichkeit  zu 
dringen,  von  einer  anderen  Seite.  Kr  sucht  den  geschichtliclien  Menschen 
—  den  Helden.  Wenn  Ranke  ganz  Auge  ist,  in  der  gegenständlichen  W'elt 
lebt,  beruht  Carlyles  Geschichtschreibung  auf  dem  Ringen  mit  dem  Problem 
des  inneren  Lebens;  so  ergänzen  sich  diese  beiden,  wie  die  beiden  Rich- 
tungen der  Poesie,  deren  eine  vom  Gegenständlichen  und  die  andere  von 
der  Entwickelung  des  eigenen  Wesens  ausgeht.  Den  Kampf,  den  Carlyle 
in  sich  durchgemacht  hatte,  verlegte  er  in  die  Geschichte.  Sein  selbstbio- 
graphischer philosophischer  Roman  ist  daher  der  Schlüssel  fiir  seine  Ge- 
schichtschreibung. Seine  einseitige  und  ganz  singulare  Genialität  war  von 
intuitiver  Art.  Alles  Große  entsteht  nach  ihm  aus  dem  Wirken  der  ver- 
bindenden und  organisierenden  Kräfte  des  Glaubens  und  der  Arbeit.  Sie 
schaffen  die  äußeren  Formen  der  Gesellschaft  in  Wii-tschaftsleben,  Recht  und 
Verfassung.  Die  Epochen,  in  denen  die  verbindenden  Kräfte  selbständig,  auf- 
richtig, verknüpfend  wirksam  sind,  nennt  er  positive  Zeitalter  —  eine  Bezeich- 


Der  Aufbau  der  (jeschichtlichen  Welt  in  den  Gebtenio'isftenschaften.   I.         Hl 

iiung,  in  der  ihm  die  Physiokraten  voraufgegangeu  waren.  Nachdem  die  po- 
sitiven Zeit-alter  auf  der  Grundlage  des  Glaubens  einen  festen  Bestand  von  In- 
stitutionen hervorgebracht  haben,  löst  das  fortschreitende  Denken  diesen  Gehalt 
auf,  und  die  negativen  Zeiten  brechen  nun  an.  Die  Verwandtscliaft  dieser 
Grundanschauung  mit  der  deutschen  historischen  Schule  und  Schellings  Ge- 
schichtsphilosopliie  ist  unverkennbar.  Carlyles  intuitiver  Geist  entfaltet  aber 
seine  größte  Macht  erst  in  der  Anwendung  dieser  Gedanken  auf  die  Auffassung 
der  großen  historischen  Menschen  —  die  Gestalter  dos  Lebens  und  der 
Gesellschaft  aus  dem  Glauben.  Tiefer  als  irgend  jemand  vor  ihm  liat  er 
in  ihren  Seelen  gelesen:  die  Innerlichkeit  ihres  Willens  vergegenwärtigt  er 
sich  in  jeder  ihrer  Mienen,  Gebärden,  dem  Tonfall  ihrer  Sprache.  Der 
Dichter  oder  Denker,  der  Politiker  oder  das  religiöse  Genie  ist  nicht  ver- 
ständlich aus  einzelnen  Begabungen,  sondern  nur  aus  der  einfachen  Kraft, 
durcli  einen  Glauben  die  Menschen  zu  verbinden  und  zu  bezwingen.  In 
dem  allen  spricht  sich  Fichtes  Einfluß  auf  ilin  deutlich  aus. 

Der  dritte  unter  den  originalen  historischen  Köpfen  der  Zeit  Rankes 
war  Tocqueville.  Er  ist  der  Analytiker  unter  den  geschichtlichen  Forschern 
der  Zeit,  und  zwar  unter  allen  Analytikern  der  politischen  Welt  der  größte 
seit  Aristoteles  und  Machiavelli.  Wenn  Ranke  und  seine  Schule  mit  peinlicher 
Sauberkeit  die  Archive  ausbeuteten,  um  das  ganz  Europa  umspannende  Geflecht 
diplomatischer  Aktionen  in  der  modernen  Zeit  zu  erfassen,  so  dienen  Tocque- 
ville die  Archive  fiir  einen  neuen  Zweck.  Er  sucht  in  ihnen  das  Zuständliche, 
das  für  das  Verständnis  der  inneren  politischen  Struktur  der  Nationen  Bedeut- 
.same :  seine  Zergliederung  ist  auf  das  Zusammenwirken  der  Funktionen  in  einem 
modernen  politischen  Körper  gerichtet,  und  er  zuerst  hat  mit  der  Sorgfalt 
und  Peinlichkeit  des  sezierenden  Anatomen  jeden  Teil  dos  politischen  Lebens, 
der  in  der  Literatur,  den  Archiven  und  dem  Leben  selbst  zurückgeblieben 
ist,  für  das  Studium  dieser  inneren  und  dauernden  Strukturverhältnisse  ver- 
wertet. Er  hat  die  erste  wirkliche  Analyse  der  amerikanischen  Demokratie 
gegeben.  Die  Erkenntnis,  daß  in  dieser  »die  Bewegung«,  »die  kontinuier- 
liche, unwiderstehliche  Tendenz«  bestehe,  eine  demokratische  Ordnung  in 
allen  Staaten  hervorzubringen,  erhob  sich  in  ihm  aus  der  Entwicklung 
der  Gesellschaft  in  den  verschiedenen  Ländern.  Diese  seine  Erkenntnis 
hat  sich  seitdem  durch  die  Vorgänge  in  allen  Teilen  der  Welt  bestätigt. 
Als  echter  hüstorisclier  und  politischer  Kopf  sieht  er  in  dieser  Rich- 
tung der  Gesellschaft  weder  einen    Fortschritt   noch    etAvas  in  jeder   Hin- 


32  Dir,  tiiky: 

sieht  Schädliches.  Die  politische  Kunst  muß  eben  mit  ihr  rechnen  und 
in  jedem  Lande  die  ihm  gemäße  politische  Ordnung  dieser  Kiclitung  <ler 
Gesellschaft  anpassen.  Und  in  seinem  anderen  Buche  drang  Tocquevillc 
zuerst  in  den  wirklichen  Zusammenhang  der  politischen  Ordnung  Frank- 
reichs im  i8.  Jahrhundert  und  der  Revolution.  Eine  politische  Wissen- 
schaft solcher  Art  gestattete  auch  Anwendungen  auf  die  politische  Praxis. 
Besonders  fruchtbar  erwies  sich  seine  Fortbildung  des  aristotelischen  Satzes, 
daß  die  gesunde  Verfassung  jedes  Staates  auf  dem  richtigen  Verhältnis 
der  Leistungen  und  Rechte  beruhe  und  die  Verkehrung  dieses  Verhältnisses, 
welche  Rechte  in  Privilegien  verwandelt,  die  Auflösung  herbeiführen  müsse. 
F^ine  andere  bedeutende  Anwendung  seiner  Analysen  auf  die  Praxis  lag 
in  der  Jlrkenntnis  der  Gefahren  einer  überspannten  Zentralisation  und  in 
der  Einsicht  in  den  Segen  der  Selbsttätigkeit  und  Selbstverwaltung.  So 
leitete  er  aus  der  Geschichte  selbst  fruchtbare  Generalisationen  ab,  und 
damit  entstand  aus  einer  neuen  Analyse  vergangener  Wirklichkeiten  ein 
neues  gründlicheres  Verhältnis  zur  gegenwärtigen. 

Ich  möchte  sagen,  daß  sich  in  diesem  ganzen  Verlauf  der  Aufgang 
des  geschichtlichen  Bewußtseins  vollzogen  hat.  Dies  erfaßt  alle  Phänomene 
der  geistigen  Welt  als  Produkte  der  geschichtlichen  Entwicklung.  Unter 
seinem  Einfluß  wurden  die  systematischen  Geisteswissenschaften  auf  P]nt- 
wickhmgsgeschichte  und  vergleichendes  Verfahren  gegründet.  Indem  Hegel 
den  Gedanken  der  Entwicklung  zum  Mittelpunkt  der  Geisteswissenschaften 
machte,  die  unter  dem  Schema  des  Fortgangs  in  der  Zeit  stehen,  verknüpfte 
er  durch  diesen  Gedanken  den  Rückblick  in  die  Vergangenheit  mit  dem 
Fortschreiten  in  die  Zukunft,  in  das  Ideal.  Die  Geschichte  erhielt  eine 
neue  Würde.  Bis  auf  die  Gegenwart  hat  das  so  geschaffene  geschicht- 
liche Bewußtsein  in  bedeutenden  Historikern  sich  auf  immer  neue  Gel)icte 
und  in  immer  neue  Probleme  erstreckt  und  es  hat  die  Wissenschaften  der 
Gesellschaft  umgestaltet.  Diese  bedeutsame  Entwicklung,  in  welcher  die 
Tendenz,  das  objektive  Wissen  von  der  geistigen  Welt  sowolil  in  den  Ge- 
sellschaftswissenschaften als  in  der  Geschichte  reiner  und  strenger  heraus- 
zuarbeiten, sich  emporringt  im  Streit  mit  der  Herrschaft  politischer  und 
sozialer  Bestrebungen,  bedarf  hier  keiner  Darstellung,  da  ihre  Probleme  die 
der  nachfolgenden  Untersuchungen  selber  sind. 

Die  Theorie  soll  den  so  entstandenen  Zusammenhang  der  Geisteswissen- 
schaften in  Begriffen  darstellen   und  erkenntnistheoretisch  begründen.     Und 


Der  Außmi  der  (jeschichlUrhen  Welt  in  den  Geixteswissenftchaßen.  I.         33 

wenn  man  von  Ranke  ausgeht  und  die  historiscJie  Schule  mit  ihm  verbindet, 
so  entsteht  ein  zweites  Problem.  Ranke  verlegt  in  seinen  großen  Gescliichts- 
werken  Sinn,  Bedeutung,  Wert  der  Zeitalter  und  Nationen  in  diese  selbst. 
Sie  sind  gleichsam  in  sich  selbst  zentriert.  In  diesen  Werken  Avird  nie 
an  einem  unbedingten  Wert  oder  Grundgedanken  oder  Zweck  die  histo- 
rische Wirklichkeit  gemessen.  Fragt  man  dann  nach  dem  inneren  Verhält- 
nis, das  in  der  Stufenfolge  von  Individuum,  Gemeinsamkeit,  Gemeinschaften 
diese  Zentrierung  der  Geschichte  in  sich  sel))st  möglich  macht,  so  greifen 
Jiier  die  Studien  der  historischen  Schule  ein.  Dies  ge.scliichtliche  Denken 
selbst  will  erkenntnistheoretisch  begründet  imd  durch  Begriffe  verdeutlicht, 
nicht  aber  durch  irgendeine  Beziehung  auf  ein  Uid)e(lingtes,  Absolutes  ins 
Transzendentale  oder  Metaphysische   umgewandelt  werden. 

4. 
So  haben  vom  Ende  des  18.  Jahrhunderts  ab  bis  in  die  zweite  Hälfte 
des  19.  die  Geisteswissenschaften  von  Deutschland  aus  durch  die  Fest- 
st(!llung  des  wahren  Zusammenhanges  ihrer  Aufgaben  allmählicli  das  Sta- 
dium erreicht,  das  ennöglichte,  an  das  logische  und  erkenntnistheore- 
tische Problem  derselben  heranzutreten.  Die  geschichtliche  Welt  als  ihr 
einlieitlicher  Gegenstand  und  das  geschichtliche  Bewußtsein  als  ein  einheit- 
liches Verhältnis  zu  ihr  waren  nun  aufgegangen.  Alle  weiteren  Fortschritte 
der  Geisteswissenscliaften,  so  bedeutend  sie  waren,  erweiterten  nur  den 
von  der  Aufklärungszeit  ab  allmählich  gewonnenen  Zusammenhang,  der 
jede  geschichtliche  P^inzelforschung  unter  den  universalhistorischen  Stand- 
pvinkt  stellte,  auf  die  so  verstandene  Geschichte  die  Geisteswissenschaften 
gründete  und  Philologie,  Kritik.  (;e.schichtschreil)vnig,  komparative  Methoden 
und  Entwicklungsgeschichte  zu  einem  Ganzen  verknüpfte.  So  wurde  die 
Geschichte  philosophisch,  sie  erhielt  durch  Voltaire,  Montesquieu,  Kant, 
Herder,  Schiller,  Hegel  eine  neue  Würde  und  Bedeutung,  und  durch  die 
historische  Schule  erhielt  das  Nachdenken  über  sie  in  dem  dargelegten 
großen  Zusammenhang  seine  Grundlage.  Langsam  und  allmählich  von  da- 
mals bis  heute  h.it  die  Tlieorie  der  (rcschichte  die  Einsicht  der  histori- 
schen Schule  in  jenen  Zusammenhang  verwertet,  und  wir  stehen  noch 
mitten  in  der  Lösung  dieser  Aufgabe.  Aber  welche  Positionen  auch  in 
diesem  Verlauf  ergriffen  wurden:  alle  sind  sie  am  großen  Faktum  des 
neuen  Aufbaus  der  (ieisteswissenschaften  orientiert. 

PkÜ.-Mst.  Klasse.    1910.   Abh.  I.  5 


34  Diltuky: 

Schriften  über  das  Studiinn  der  Gescliiclite  hatten  die  Ilntwicklung 
der  Geschlclitsclireibung  in  der  neueren  Zeit  immer  begleitet,  und  ilire 
ZaJd  war  in  der  Periode  der  Aufklärung  in  den  verschiedenen  Kulturlän- 
dern beständig  gewachsen.  Insbesondere  begann  seit  dem  Ausgang  des 
17.  Jahrhunderts  der  Kam])f  der  Skepsis  gegen  alle  Klassen  des  Wissens,  er 
richtete  sich  auch  gegen  die  historische  Überlieferung,  und  liieraus  sind 
starke  Antriebe  zu  methodischer  Betrachtimg  hervorgegangen.  Neben  den 
so  entstandenen  Arbeiten  zur  Begründung  des  historischen  Wissens  machten 
sich  im  Universitätsbetrieb  Enzyklopädien  der  Geschichtswissenschaft  geltend. 
Aber  Avelch  ein  Abstand  ist  selbst  zwischen  Wachsmuths  Versuch  einer 
Theorie  der  Geschichte,  der  1820  auf  der  Höhe  der  neuen  Geschichtschrei- 
bung hervorgetreten  ist,  und  der  gleichzeitigen  Schrift  Humboldts,  die 
vom  Geist  der  neuen  Geschichtsschreibung  ergriffen  war.  Hier  bestellt  eine 
feste  Grenze. 

Die  neue  Theorie  der  Geschichte  hatte  naturgemäß  in  dem  deutschen 
philosopliischen  Idealismus  und  in  der  Umwälzung  der  historischen  Wissen- 
schaft ihre  beiden  Ausgangspunkte.    Von  dem   ersteren   ist  auszugehen. 

Ks  war  Kants  Problem  gewesen,  wie  ein  einheitlicher  Zusammenhang, 
»ein  regelmäßiger  Gang«  im  geschichtlichen  Verlauf  aufgefunden  werden 
könne.  Er  fragt  nicht  in  erkenntnistlieoretischer  Absicht  nach  den  Be- 
dingungen des  in  der  vorhandenen  Wissenschaft  bestehenden  Zusammen- 
hangs, sondern  seine  Frage  geht  dahin,  wie  aus  dem  Sittengesetz,  dem 
alles  Handeln  unterstellt  ist,  Prinzipien  fiir  die  Auffassung  des  liistorischen 
Stoffes  a  priori  abgeleitet  werden  können.  Der  geschichtliche  Verlauf  ist 
ein  Glied  des  großen  Naturzusammenhangs;  dieser  kann  aber  vom  Auf- 
treten des  Organischen  aufwärts  nicht  einer  flrkenntnis  seiner  Ordnung 
nach  Kausalgesetzen  unterworfen  werden,  sondern  er  ist  nur  der  teleo- 
logischen Betrachtungsweise  zugänglich.  So  verneint  Kant  die  Möglichkeit, 
in  Gesellschaft  und  Geschichte  Kausalgesetze  aufzufinden,  er  unternimmt 
dagegen,  die  Ziele  des  Fortschritts,  wie  sie  die  Aufklärung  in  der  Voll- 
kommenheit, der  Glückseligkeit,  der  P^ntwieklung  unserer  Fähigkeiten, 
unserer  Vernunft,  der  Kultur  überhaupt  aufgestellt  hatte,  mit  dem  Apriori 
des  Sittengesetzes  in  Verbindung  zu  bringen  und  so  den  Sinn  und  die 
Bedeutung  des  teleologischen  Zusammenhangs  a  priori  festzulegen.  Da- 
mit vollzieht  Kant  also  einlach  eine  Umsetzung  der  in  der  Wolffischen 
Schule  angenommenen  Pilicht  zur  Vollkommenheit,  als  des  teleologischen 


Der  Aufltau  der  geschichtlu^lien  Welt  in  den  Geiste.missenscJiaften.   I.        35 

Prinzips  för  den  geschiclitlichen  Fortschritt,  in  sein  Apriori  des  Sitten- 
gesetzes. Und  auch  der  Gegensatz  der  empirischen  und  philosopliischen 
Wissenscliaften  bei  Wolff  kehrt  wieder  in  dem  Gegensatz  der  empirisclien. 
antljropologisclien  Auffassung  des  Menschengeschlechts  und  der  von  der  prak- 
tischen Vernunft  geforderten  apriorisclien.  Die  teleologische  Betrachtung 
der  üescliichte,  als  des  Fortschritts  in  der  Entwicklung  derjenigen  Natur- 
anlagen, die  auf  den  Gebrauch  der  Vernunft  abzielen,  zur  Herrschaft  der- 
selben in  einer  allgemein  das  Recht  verwaltenden  Gesellschaft,  zu  einer 
»vollkommen  gerechten  bürgerlichen  Verfassung«  als  der  »höchsten  Auf- 
gabe der  Natur  fiu*  die  Älenschengattung«,  ist  der  Leitfaden  a  priori,  durcli 
welchen  das  so  verworrene  Spiel  menschlicher  Dinge  erklärbar  wird.  Stärker 
als  in  der  in  ilirer  Abgrenzung  durch  den  Anlaß  und  »die  weltbürgerliche 
Absicht  »eingeschränkten«  Idee  zu  einer  allgemeinen  Geschichte«  tritt  es  an 
anderen  Stellen  hervoi',  wie  die  rechtliche  Friedensgesellschaft,  welche  die 
Machtverhältnisse  überwinden  soll,  ihre  Rechtfertigung  vor  der  Vernunft  darin 
hat,  daß  sie  ein  aus  Pllichtanerkennung  hervorgehender  Zustand,  nicht  ein 
»bloßes  physisches  (Jut«  sein  würde  und  sich  durch  ihren  Bestand  ein  »großer 
Scliritt  zur  Moralität«  vollzöge.  Kants  Bedeutung  auf  diesem  (iebiet  liegt 
sonacli  zunächst  darin,  daß  er  den  transzendentalen  philosophischen  Stand- 
punkt, wie  er  und  Fichte  ihn  begründeten,  auf  die  Geschichte  angewandt 
hat  und  damit  eine  dauernde  (ieschichtsauffassung  inaugurierte,  deren  Wesen 
in  der  Aufstellung  eines  absoluten,  im  Wesen  der  Vernunft  selbst  begrün- 
deten Maßstabes,  eines  Unbedingten  als  Wert  oder  Norm  liegt:  sie  hat 
ihre  Kraft  darin,  daß  sie  dem  Handeln  die  bestimmte,  sicii  durch  ihre 
sittliclie  Tendenz  selbst  rechtfertigende  Richtung  auf  ein  festes  Ideal  an- 
wies und  jeden  Teil  der  Geschichte  nach  seiner  Abzweckung  auf  die  Er- 
fiilhmg  dieses  Ideals  abschätzte. 

Von  diesem  prinzipiellen  Gesichtsp\inkt  aus  ergeben  sieh  noch  weitere 
bedeutungsvolle  Bestimumngen.  Die  Herrschaft  der  Verimnft  realisiert  sich 
nur  in  der  Gattung.  Dieses  Ziel  wird  aber  nicht  durch  friedliches  Zu- 
.sammenwirken  der  einzelnen  erreicht.  » Der  Mensch  will  Eintracht;  aber 
die  Natur  weiß  besser,  was  für  seine  Gattung  gut  ist:  sie  will  Zwietracht.« 
Sie  erreicht  eben  durch  die  Bewegung  der  Leidenschaften,  der  Selbstsucht, 
des  Widerstreits    der  Kräfte    ilire  Absicht. 

Der  Einfluß  der  Ideen  Kants  traf  mit  der  Anlage  und  dem  Lebens- 
gang  Friedr.    Chr.   Schlossers    zusammen.      In    seiner   (Jeschichtschreibung 

5* 


36  D 


I  r,  T  H  K  Y  ; 


gelangte  dieser  Standpunkt  Kants  zur  Geltung.  Kr  stellte  jede  geschicht- 
liche Kinzelarbeit  unter  den  universalliistorischen  Standpunkt:  er  unterwarf 
die  historische  Persönlichkeit  einem  starren  Moralbegrift"  und  vernichtete 
so  den  Sinn  für  den  Glanz  des  geschichtlichen  Lebens  und  den  indivi- 
duellen Reiz  der  großen  Persönlichkeit.  So  vermag  sie  den  Dualismus 
nicht  aufzulösen,  der  zwischen  diesem  moralischen  Urteil  und  der  Aner- 
kennung der  moralfreien  Tendenz  der  Staaten  zur  Macht  und  der  skrupel- 
losen politischen  Größe  besteht.  Wie  Schlosser  mit  Kant  den  Mittelpunkt 
der  Geschichte  in  der  Kultur  sucht,  ist  die  kulturhistorische  Betrachtung 
die  Grundtendenz  seiner  Geschichtsbehandlung,  und  die  Geschichte  des 
geistigen  Lebens  ist  die  glänzendste  Partie  seiner  Arbeiten:  man  kann  wolil 
sagen,  daß  auf  ihnen  Gervinus'  Darstellung  unserer  Nationall itteratur  im 
18.  Jahrhundert  in  ihren  Grvmdzügen  beruht.  Schlosser  bringt  den  Wert 
der  stillen  tiel'en  Innerlichkeit  allem  Gepränge  der  Welt  gegenüber  zur 
Geltung  und  zur  Anerkennung,  und  das  Größte:  Seine  Historie  verfolgte 
den  Zweck,  sein  Volk  zu  einer  praktischen  Weltanschauung  zu  erziehen'. 

Der  transzendentalphilosophische  Standpunkt  geht  von  dem  Gege- 
benen zu  dessen  apriorischen  Bedingungen.  Auch  Fichte  hält  ihn  nun  der 
(reschichtsphilosophie  Hegels  gegenüber  fest:  das  Faktische,  Historische 
kann  niemals  »metaphysiziert«  werden,  die  Kluft  zwischen  ihm  und  den 
Ideen  kann  nicht  durch  Begriffsdichtung  ausgefüllt,  das  Unbedingte  niclit 
in  den  Fluß  der  (»eschichte,  als  ein  ideeller  Zusammenhang  desselben  durch 
Begriffe,  aufgelöst  werden.  Die  Ideen  stehen  wie  die  Sterne  über  dieser 
Welt,  die  dem  Menschen  den  Weg  weisen. 

Von  diesem  Standpunkt  aus  machte  nun  Fichte  über  Kant  hinaus 
einen  bedeutenden  Fortschritt  in  der  Geschichtsauffassung.  Seine  Entwick- 
lung verlief  von  der  Kantischen  Avifklärung  bis  zu  den  oben  skizzierten  Auf- 
gang des  geschichtlichen  Bewußtseins.  In  der  Zeit  zwischen  der  Katastrophe 
von  Jena  und  dem  Beginn  der  Befreiungskriege  erlebte  er  die  Verlegung 
aller  Interessen  des  deutschen  Geistes  in  die  geschichtliche  Welt  und  in  den 
Staat.  In  dieselbe  Zeit  fiel  in  der  Wissenschaft  die  Hinwendung  der  Ro- 
mantik zur  Geschichte,  Schellings  Konstruktion  der  letzteren,  Hegels  Phäno- 
menologie des  Geistes  und  der  Beginn  seiner  Logik.     Dies  waren  die  Ver- 


'   Icli  verweise  weiter  liierüber  auf  meine  Abhandliinjj  Tiber  Schlosser  in  den  Prenßi- 
sclien  Jalirbiiciiern,  Bd.  9. 


Der  Auflmu  der  geschichtlwheii  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        37 

hältnisse,  unter  denen  Ficlite  das  Problem  erfaßte,  wie  aus  der  ideellen  Ord- 
nung die  Geschichte  verständlich  werde.  Dagegen  stellte  er  sich  so  wenig  wie 
Kant  die  erkenntnistheoretische  Frage,  wie  das  in  der  tatsächlich  bestehenden 
Geschichtswissenschaft  enthaltene  Wissen  vom  Zusammenhang  der  Geschichte 
möglich  sei.  Er  unterwari'  vielmehr  von  Anfang  an  die  Summe  der  hi- 
storischen Begebenheiten  dem  apriorischen  Wertungsgesichtspunkt  seines 
Moralprinzips,  der  den  Grundgedanken  in  allen  seinen  geschichtsphiloso- 
phisclien  Untersuchungen  bis  zu  ihrem  letzten  Schritt  in  der  »Deduktion 
des  Gegenstandes  der  Menschengeschichte«  bildet.  Von  diesem  Gesichts- 
punkt aus  erscheint  die  Geschichte  als  ein  durch  die  Freiheitstat  des  ab- 
soluten Ich  gegründeter  und  in  der  zeitlichen  P^ntwlcklung  des  Menschen- 
geschlechts verlaufender  Zusammenhang,  in  welchem  sich,  dem  göttlichen 
Weltplan  gemäß,  die  »Kultivierung  der  Menschheit«  vollzieht.  »Dem  Phi- 
losophen entwickelt  sich  das  Universum  der  Vernunft  rein  aus  dorn  Ge- 
danken als  solchen.«  Und  »die  Philosophie  ist  zu  Ende«,  wo  »das  Be- 
greifliche zu  Pjide  ist.«  Der  Philosoph  der  Geschichte  »sucht  daher  den 
ganzen  Strom  der  Zeit  hindurch  nur  dasjenige  auf,  und  beruft  sich  darauf. 
wo  die  Menschheit  wirklich  ihrem  Zweck  entgegen  sich  fördert,  liegen 
lassend  und  verschmähend  alles  andere. «  Sonach  wird  hier  von  dem  Ge- 
sichtspunkt eines  unbedingten  Wertes  aus  eine  Auswahl  des  geschicht- 
lichen Stoff'es  getroften  und  ein  Zusammenhang  hei-gestellt.  Der  »empiri- 
sche Historiker«,  der  »Annalist«  dagegen  geht  aus  von  dem  faktischen 
Dasein  der  Gegenwart.  Deren  Zustand  strebt  er  möglichst  genau  zu  er- 
fassen und  die  Voraussetzungen  ihres  Eintretens  in  früheren  Fakten  auf- 
zudecken. Seine  Aufgabe  ist  es,  die  historischen  Fakten  sorgsam  zu  sam- 
meln, ihre  Abfolge  und  ihi-en  Wirkungszusammenhang  in  der  Zeit  aufzu- 
zeigen. »Die  Geschichte  ist  bloße  Empirie;  nur  Fakta  hat  sie  zu  liefern, 
und  alle  ihre  Beweise  können  nur  faktisch  geführt  werden.«  Diese  Fest- 
stellungen des  Historikers  dienen  der  philosophischen  Deduktion  nicht  zum 
Beweise,  sondern  lediglich  zur  Erläuterung.  In  dem  Bereiche  dieser  beiden 
Verfahrungsweisen  kann  allein  das  liegen,  was  Fichte  einmal  als  »Logik 
der  historischen  Wahrheit«  bezeichnet,  und  was  also  nicht  eine  bewußte 
methodologische  Analyse  der  Geschichtswissen.schaft  bedeuten  kann.  Doch 
ist  anzuerkennen,  daß  sich  ihm  auf  dem  Wege  seiner  teleologischen  Deduk- 
tion bedeutende  Gedanken  ergaben.  Er  sondei-te  die  Physik,  die  das  Beharr- 
liche und  periodisch   Wiederkehrende    des   Daseins   zu    ihrem   Gegenstände 


38  I)  I  I.  T  II  K  Y  : 

hat,  und  die  Geschichte,  deren  Objekt  der  Verlauf  in  der  Zeit  ist,  voneinander. 
Dieser  Verlauf  ward  ihm  aber  von  seiner  Wissenschaftslehre  aus  Entwick- 
lung: war  doch  auch  Hegels  Entwicklungsbegriff  von  Fichte  aus  konzipiert'. 
Schon  die  theoretische  und  praktische  Wissenschaftslehre  wollte  die  innere 
Dialektik  des  realen  Fortganges  darstellen,  wie  er  aus  dem  schöpferischen 
Vermögen  des  Ich  hervorgellt;  sie  wollte  dem  Gang  der  Begebenheiten  im 
Ich  nachgehen  und  eine  pragmatische  Geschichte  dos  menschlichen  Geistes 
entwerfen.  Hier  war  der  Begriff  der  Entwicklung  in  den  Bestimmungen 
gefunden,  daß  im  leli  alles  Tätigkeit  ist,  jede  Tätigkeit  von  innen  be- 
ginnt und  ihr  Vollzug  die  Bedingung  der  folgenden  Tätigkeit  ist.  In  der 
Deduktion  von  1813  ringt  nun  Fichte  mit  derselben  Intuition  der  freien 
Kraft  im  Ich  im  Gegensatz  zur  Natur,  die  ruhend  und  tot  ist.  Die  Ge- 
schichte zeigt  einen  teleologisch  notwendigen  Zusammenhang,  dessen  ein- 
zelne (ilieder  hervorgebracht  sind  durch  die  Freiheit  und  deren  Richt- 
punkt im  Sittengesetz  liegt.  Jedes  Glied  dieser  Reihe  ist  ein  tatsäch- 
liches, einmaliges,  individuelles.  Der  Wert,  den  Kant  in  die  Person  ver- 
legte, sofern  in  ihr  sich  das  Sittengesetz  realisiert.  Hei  für  Fichte  wie  für 
Schleiermacher  in  die  Individualität;  wenn  die  rationalistische  Auffassung 
nur  in  dem  Vollzug  des  allgemeinen  Sittengesetzes  den  Wert  der  Person  sah, 
und  (las  Individuelle  ihr  so  zu  einer  empirischen,  zufälligen  Beimischung 
wurde,  so  verband  Fichte  die  Bedeutung  des  Individuellen  nun  tiefer  mit 
dem  Problem  der  Geschichte:  er  vereinigte  mit  der  Richtung  auf  den  Gat- 
tungszweck den  Wert  des  Individuellen  durch  den  tiefen  Gedanken,  daß  die 
schöpferischen  Individuen  jenen  Zweck  von  einer  neuen  bisher  verborgenen 
Seite  erfassen,  ihm  eine  neue  Gestalt  in  sich  geben  und  so  ihr  individuelles 
Dasein  zu  einem  wertvollen  Moment  im  Zusammenhang  des  geschiclitlichen 
Ganzen  erhoben  wird.  Fichtes  heroische  Natur,  die  Aufgabe  der  Zeit  und 
sein  historisches  Problem  verbanden  sich  zu  einer  neuen  Schätzung  des 
Wertes  der  Tat  und  des  handelnden  Menschen.  Er  verstand  aber  zugleich 
das  Heldentum  des  religiösen  Sehers,  des  Künstlers,  des  Denkers.  Hierin 
bereitete  er  Carlyle  vor.  Das  Einmalige  und  Tatsächliche  in  der  Geschichte 
erhält  eine  neue  Bedeutung,  indem  es  als  die  Leistung  des  schöpferischen 
Vermögens  und  der  Freiheit  aufgefaßt  wird.  Und  wenn  er  nun  die  Irra- 
tionalität des  Geschichtlichen  von  diesem  Standpunkt  aus  begreift,  so  muß 


'   Meine  Jugendgeschichte  Hegels  S.  54. 


Der  Auflxiu  der  yeschk-JitUchen  Welt  in  den  Geistesioissenscliaften.  I.         H9 

er  dem  Irrationalen  selber  nach  dessen  Wesen  als  Tat  der  Freiheit  und  seiner 
Beziehung  auf  Kultur  und  sittliche  Ordnung  nun   einen  Wert  zuschreiben. 

Neben  diesen  Theorien  über  Geschichte,  welche  den  transzendental- 
philosophischen Standpunkt  zur  Geltung  brachten,  haben  sich  zu  derselben 
Zeit  schon  solche  von  anderen  Richtungen  aus  entwickelt,  die  ebenfalls 
eine  dauernde  (Jeltung  behauptet  haben.  Vom  Standpunkt  der  Naturfor- 
schung lier  entstanden  in  Frankreich  und  England  Arbeiten,  von  denen 
sich  die  französischen  vorwiegend  auf  die  Iwolution  des  Universums,  die 
Geschichte  der  Erde,  die  Entstehung  von  Pflanzen  und  Tieren  auf  ihr,  ferner 
auf  die  Verwandtschaft  des  Tvi>us  der  höchsten  Tiere  mit  dem  des  Men- 
schen, endlich  auf  den  gesetzlichen  Zusammenhang  der  menschlichen  (be- 
schichte und  die  Aufzeigung  des  intellektuellen  und  sozialen  Fortschritts 
in  ihr  gründeten,  die  englischen  dagegen  die  neue  Assoziationspsychologie 
und  ihre  Anwendungen  aul'  die  Gesellschaft  zur  Grundlage  nahmen.  Ihre 
Fortentwicklung  in  Comte  und  Mill  wird  später  dargestellt  werden.  Eine 
weitere  Richtung  bildeten  zu  derselben  Zeit  die  deutschen  Monisten, 
Schelling,  Schleiermacher  und  Hegel,  aus,  welche  den  geschichtlichen  Ver- 
lauf einer  begrifflichen  Konstruktion  zugänglich  zu  machen  unternahmen'. 

Und  nun  folgte  seit  den  zwanziger  Jahren  in  Deutschland  eine  Zeit, 
in  welcher  die  historische  Schule  den  Zusammenhang  ihres  metliodischen 
Verfahrens  entwickelt,  der  Idealismus  seine  verschiedenen  Formen  aus- 
gebildet hatte  und  die  Verbindung  beider  Ideenkreise  die  ganze  geistes- 
wissenschaftliche Literatur  durchdrang.  Damals  sind  aus  der  großen  Be- 
wegung der  Geschichtsforsciuing  selber  mehrere  Schriften  über  die  Theorie 
der  Geschichte  hervorgegangen.  Wie  die  geschichtlichen  Studien  die  phi- 
losophi.schen  Riclitungen  vielfach  beeinflußt  haben,  so  machte  sich  umge- 
kelirt  auf  die  historischen  Denker  ein  erheblicher  Einfluß  der  Transzendental- 
])hilosophie,  Hegels  und  Schleiermachers  geltend.  Sie  gingen  auf  die  im 
Menschen  wirksame  schaffende  Kraft  zurück;  sie  erfaßten  dieselbe  in  dem 
Genieingeist  und  in  den  organisierten  (iemeinschaCten ;  sie  suchten  über 
das  Zusammenwirken  der  Nationen  hinaus  einen  im  Unsichtbaren  gegrün- 
deten Zu.sanunenhang  der  Geschichte.  Hieraiis  entstand  nun  in  den  allge- 
meinen Betrachtungen  von  Humboldt,  Gervinus,  Droysen  u.  a.  der  Begrifl' 
der  Ideen  in  der  Geschichte. 


'    Vgl.  in  (lip.«»-!- Abhaiulliin;;  S.  26  ff.  und  meine  oben  zitierte  .liisendgeschichte  Hegels. 


40  D  I  LT  II  E  Y  : 

Die  berühmte  Abhandlung  Humbohlts  über  die  Aufgabe  des  Geschicht- 
schreibers  geht  von  dem  transzendental-philosophischen  Satze  aus:  was  in 
der  Weltgeschichte  wirksam  ist,  bewegt  sich  auch  im  Innern  des  Menschen. 
Im  Einzelmenschea  liegt  Humboldts  Ausgangspunkt.  Die  Zeit  suchte  eine 
neue  Kultur  in  der  Gestaltung  der  Persönlichkeit;  indem  sie  nun  eine 
solche  in  der  griechischen  Welt  verwirklicht  fand,  entstand  das  Ideal 
der  griechischen  Humanität;  aber  dieses  erhielt  in  seinen  wichtigsten 
Vertretern,  wie  Humboldt,  Schiller,  Hölderlin,  Fr.  Schlegel  in  seiner 
ersten  Periode,  durch  die  Transzendentalphilosophie  eine  neue  Tiefe. 
Man  hatte  den  Selbstwert  der  Person  in  der  Schule  von  Leibniz  als 
Vollkommenheit  bestimmt,  in  der  von  Kant  erschien  er  als  Würde  aus 
dem  Selbstzweck  der  Person  und  in  der  von  Fichte  als  Energie  der  Ge- 
staltung: in  jeder  dieser  Formen  enthielt  dieses  Ideal  im  Hintergrund 
des  individuellen  Daseins  eine  allgemeingültige  Regelhaftigkeit  des  mensch- 
lichen Wesens,  seiner  Gestaltung  und  seines  Zweckes.  Hierauf  beruhte 
nun  in  Humboldt  wie  zugleich  in  Schleiermacher  die  Anschauung  von 
der  transzendentalen  Einheit  der  menschlichen  Natur  in  allen  Individuen, 
auf  welcher  die  organisierten  Gemeinschaften  und  der  Gemeingeist  benilien, 
die  sich  in  Rassen,  Nationen,  Einzelpersonen  individualisiert  und  die  in  diesen 
Formen  als  höchste  bildende  Kraft  wirksam  ist.  Und  indem  nun  die  schaf- 
fende Kraft  dieser  sich  im  Individuellen  verwirklichenden  Menschlichkeit 
mit  dem  Unsichtbaren  in  Beziehung  gesetzt  wurde,  entstand  der  Glaube 
an  die  Realisierung  des  der  Menschheit  eingepflanzten  Ideals  durch  die 
Geschichte.  »Das  Ziel  der  Geschichte  kann  nur  die  Verwirklichung  der 
durch  die  Menschen  darzustellenden  Idee  seyn,  nach  allen  Seiten  hin,  und 
in  allen  Gestalten,  in  welchen  sich  die  endliche  Form  mit  der  Idee  zu 
verbinden  vermag. «  Hieraus  ergab  sich  Humboldts  Begrifi'  der  Ideen  in 
der  Geschichte.  Sie  sind  schaffende  Kräfte,  die  in  der  transzenden- 
talen Allgemeingültigkeit  der  Menschennatur  gegründet  sind.  Sie  gehen, 
wie  das  Licht  durch  die  irdische  Atmosphäre,  durch  die  Bedürfnisse,  die 
Leidenschaften  und  den  scheinbaren  Zufall  hindurch.  Wir  gcAvahren  sie 
in  den  ewigen  Urideen  der  Schönheit,  der  Wahrheit  und  des  Rechtes;  sie 
geben  zugleich  dem  historischen  Verlauf  Kraft  und  Ziel;  sie  äußern  sich 
als  Richtungen,  die  unwiderstehlich  die  Massen  ergreifen,  als  Krafterzeu- 
gung, die  in  ihrem  Umfang  und  ihrer  Erhabenheit  aus  den  begleitenden 
Umständen   nicht  abgeleitet  Averden   kann.     Wenn    der   Geschichtschreiber 


Der  Aufhau  dir  (jeschk-htlichm  Wdt  in  den  Uekleswissemchaften.  I.         41 

die  Gestalt  und  die  Umwandlungen  des  Erdbodens,  die  Veränderungen  des 
Klimas,  die  treistesfähigkeit  und  Sinnesart  der  Nationen,  die  noch  eigen- 
tümlichere Einzelner,  die  Eintlflsse  der  Kunst  und  Wissenschaft,  die  tief 
eingreifenden  und  weit  verbreiteten  der  bürgerlichen  Einrichtungen  durch- 
forscht hat,  so  bleibt  ein  nicht  unmittelbar  sichtbares,  aber  mächtigeres 
Prinzip  übrig,  das  jenen  Kräften  Anstoß  und  Richtung  verleiht  —  die 
Ideen.  Schließlich  haben  sie  in  der  göttlichen  Weltregierung  ihren  letzten 
Grund.  Der  Handelnde  muß  an  die  Tendenz,  welche  die  Idee  enthält, 
sich  anschließen,  um  zu  positiven  historischen  Wirkungen  zu  gelangen. 
Sie  zu  erfassen,  ist  auch  des  Geschichtschreibers  höchstes  Ziel.  Wie  die 
freie  Nachahmung  des  Künstlers  von  Ideen  geleitet  ist,  so  hat  aucli  der 
Geschichtsclireiber  über  das  Wirken  der  endlichen  Kräfte  am  Geschehenen 
hinaus  solche  Ideen  zu  erfassen.  Er  ist  Künstler,  der  diesen  unsichtbaren 
Zusammenhang  in  den  Begebenheiten  aufzeigt.  Inmitten  der  großen  Be- 
wegung der  Geisteswissenschaften  hat  Humboldt  seine  Abhandlung  im  Be- 
ginn der  zwanziger  Jahre  verößentlicht.  Sie  hat,  indem  sie  die  in  jener 
Bewegung  zusammenwirkenden  Momente  zum  Ausdruck  bringt,  eine  außer- 
ordentliche Wirkung  ausgeübt. 

Im  Jahr  1837  erschienen  die  Grundzüge  der  Historik  von  Gervinus;  sie 
lieferte  zwar  eine  umfassende  Kenntnis  der  historischen  Literatur,  ihrer  For- 
men und  Richtungen  hinzu:  ilir  Kern  aber  war  doch  noch  dieselbe  historische 
Stimmung  und  dieselbe  Grundansicht  von  den  historischen  Ideen,  welche 
»unsichtbar  Begebenheiten  und  äußere  Erscheinung  durchdringen« :  die  Vor- 
sehung offenbart  sich  an  ihnen:  ihrem  Wesen  und  Wirken  nachzuspüren, 
ist  das  eigentliche  Geschäft  des  Historikers.  Auch  Rankes  Anschauungen 
Ober  die  Geschichte,  die  sich  Hand  in  Hand  mit  seinen  Arbeiten  allmählich 
ausgebildet  haben,  sind  Humboldt  nocli  verwandt,  erfassen  aber  die  histori- 
sche Bewegung  weit  lebendiger  und  wahrer.  Die  Ideen  sind  ihm  die 
Tendenzen,  die  von  der  historischen  Lage  hervorgetrieben  werden,  »sie 
sind  moralische  Energien«,  immer  sind  sie  eiiiseitig,  sie  verkörpern  sich 
in  den  großen  Persönlichkeiten  und  wirken  durch  sie:  eben  auf  der  Höhe 
ihrer  Macht  regen  sich  die  (Gegenwirkungen,  und  so  verfallen  sie  dem 
Schicksal  jeder  endlichen  Kraft.  Sie  können  nicht  in  Begriffen  ausgedrückt 
werden;  »aber  anschauen,  wahrnehmen  kann  man  sie,«  wir  haben  ein 
Mitgefiihl  ihres  Daseins.  Indem  Ranke  dann  den  Verlauf  der  Geschichte 
unter  den  Gesichtspunkt  der  göttlichen  Weltregierung  stellt,  werden  sie 
Phd.-hist.  Klasse.    1910.   Mh.  I.  t> 


42  Dil,  T II  K  Y  : 

ilim  zu  den  »Gedanken  (iottes  in  der  Welt«.  In  ihnen  »liegt  das  Geheimnis 
der  Weltgeschichte«.  In  bewußtem  (Jegensatz  zu  Ranke  und  doch  durch 
den  gemeinsamen  Idealismus  der  Epoche  ilim  innerlich  verwandt  ist  dann 
die  Historik  von  Droysen  1868  hervorgetreten.  Noch  tiefer  als  Humboldt 
ist  Droysen  durchdrungen  von  der  Spekulation  der  Zeit,  von  dem  Begriff 
wirkender  Idec^ii  in  der  Geschichte,  von  einer  äußeren  Teleologie  im  liisto- 
rischen  Zusammenhang,  welche  den  Kosmos  der  sittlichen  Ideen  hervor- 
bringt. Er  unterstellt  die  Geschichte  der  sittlichen  Ordnung  der  Dinge; 
das  widersprach  der  unbefangenen  Ansicht  des  wirkliclien  Weltlaufes;  es 
war  der  Ausdruck  des  Glaubens  an  den  unbedingten  ideellen  Zusammen- 
hang der  Dinge   in  Gott. 

Bedeutende  Blicke  sind  in  diesen  Arbeiten  enthalten;  Droysen  zuerst  hat 
die  hermeneutische  Theorie  von  Schleiermacher  und  Böckh  fiir  die  Methodik 
verwertet.  Aber  ein  theoretischer  Aufbau  der  Geisteswissenschaften  ist  von 
diesen  Denkern  nicht  erreicht  worden.  Humboldt  lebt  in  dem  Bewußtsein 
der  neuen  Tiefe  unserer  deutschen  Geisteswissenschaft,  die  in  die  Allge- 
meingültigkeit des  Geistes  zurückgeht;  so  erfaßt  er  zuerst,  daß  der  Histo- 
riker trotz  seiner  Gebundenheit  an  den  Gegenstand  doch  aus  seinem  Innern 
schafft;  er  erkennt  seine  Verwandtschaft  mit  dem  Künstler.  Und  alles,  was 
in  der  historischen  Forschung  gearbeitet  wurde,  ist  im  engen  Rahmen  seiner 
Abhandlung  irgendwie  enthalten  und  zusammengenommen.  Aber  ihm  ist 
auch  hier  die  Gliederung  seiner  tiefen  Totalanschauung  versagt.  Der  letzte 
Grund  hiervon  ist,  daß  er  das  Problem  der  Geschichte  nicht  in  Zusammen- 
hang zu  der  erkenntnistheoretischen  Aufgabe,  die  uns  die  Geschichte  stellt, 
gesetzt  hat;  diese  Frage  hätte  ihn  zu  der  umfassenderen  Untersuchung  des 
Aufbaues  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften  imd  hier- 
durch zur  Erkenntnis  der  Möglichkeit  des  objektiven  geisteswissenschaft- 
lichen Wissens  geführt.  Seine  Abhandlung  hat  schließlich  zum  Gegenstand, 
wie  unter  den  Voraussetzungen  der  idealistischen  Weltanschauung  Geschichte 
aussieht  und  Geschichte  zu  schreiben  ist.  Seine  Ideenlehre  ist  die  Expli- 
kation dieses  Standpunktes.  Eben  das  Rückständige  in  der  Einmischung  des 
religiösen  Glaubens  und  einer  idealistischen  Metaphysik  in  die  historische 
Wissenschaft  wurde  für  Humboldt  und  die  Denker  über  Geschichte,  die 
ihm  folgten,  zum  Mittelpunkt  der  Geschichtsauffassung.  Anstatt  in  die  er- 
kenntnistheoretischen Voraussetzungen  der  historischen  Schule  imd  die  des 
Idealismus  von  Kant  bis  Hegel  zurückzugehen  und  so  die  Unvereinbarkeit 


Der  Außmu  der  yeschlchtliclien  Well  in  den  Gehleswissenschaften.  I.        43 

dieser  Voraussetzungen  zu  erkennen,  haben  sie  diese  Standpunkte  unkritiscli 
verbunden.  Der  Zusammenhang  zwischen  den  neukonstituierten  Geistes- 
wissenschaften, dem  Problem  einer  Kritik  der  historischen  Vernunft  und 
dem  Aufbau  einer  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften  ist 
ihnen  nicht  aufgegangen. 

Die  nächste  Aufgabe  war,  der  Gescliichte  gegenüber  eine  solche  rein  er- 
kenntnistheoretisclie  und  logische  Fragest(;llung  geltend  zu  maclien  und  von 
ihr  die  Versuche  einer  philosophischen  Konstruktion  des  geschichtlichen  Ver- 
laufs, wie  sie  Fichte  mit  seinen  fünf  P^pochen  und  Hegel  mit  seinen 
Stufen  der  Entwicklung  unternommen  hatten,  auszuscheiden.  Jen(!  Frngc- 
stelhuig  mußte  gesondert  werden  von  der  des  Gescliicjitsphilosophen,  um 
die  verschiedenen  Stellungen,  welche  der  Erkenntnistheoretiker  und  Logiker 
in  diesem  Gebiete  einnehmen  können,  folgerichtig  durchzufüliren.  Von  den 
letzten  Dezennien  des  vorigen  Jahrhunderts  bis  zur  Gegenwart  haben  sich 
die  verechiedenen  Standpunkte  zur  Lösung  der  bezeichneten  Aufgabe  ent- 
wickelt. Früher  eingenommene  Positionen  formten  slcli  jetzt  um;  neue 
traten  hervor:  überblickt  man  deren  Mannigfaltigkeit,  so  macht  sich  in 
ihnen  ein  oberster  Gegensatz  geltend.  Man  versuchte  die  Lösung  der  Auf- 
gabe entweder  von  unserem  Idealismus  aus,  wie  er  sich  von  Kant  bis 
Hegel  ausgebildet  hatte,  oder  man  suchte  in  der  Realität  der  geistigen 
Welt  selbst  den  Zu.sammenhang  der  Geschichte  auf. 

Von  der  ersten  Stellung  aus  haben  sich  nun  vorzüglich  zwei  Rich- 
tungen mit  der  Lösung  der  Aufgabe  beschäftigt,  wie  dies  durch  den  Gang 
der  deutschen  Spekulation  bedingt  war.  Die  erste  derselben  beruhte  auf 
Kant  und  Fichte.  Ihr  Ausgangspunkt  ist  das  allgemeine  oder  überindi- 
viduelle Bewußtsein,  in  welchem  die  transzendentale  Methode  ein  Unbe- 
dingtes, wie  Normen  oder  Werte,  entdeckt.  Die  Bestimmung  dieses  Un- 
bedingten und  seines  Verhältnisses  zum  Verständnis  der  Geschichte  ist 
im  Bereiche  dieser  großen  und  einflußreichen  Schule  eine  sehr  mannig- 
fache. Die  beiden  letzten  Voraussetzungen,  zu  denen  die  transzendentale 
Analyse  Kants  gelangt  war,  sein  theoretisches  und  sein  praktisches  Apriori, 
wurden,  indem  man  den  Weg  Ficlites  weiter  verfolgte,  zu  einem  Einheitlich- 
Unbedingten  zusammengenommen.  Dieses  konnte  als  Norm,  als  Idee  oder  als 
Wert  gefaßt  werden.  Das  Problem  konnte  entweder  der  Aufbau  der  geistigen 
Welt  vom  Apriori  aus  sein  oder  für  den  beschränkteren  Kreis  des  individuellen 
gesciiichtlichen  Verlaufs  ein  Prinzip  der  Auswahl  und  des  Zusainiiienhangs. 


44  D  I  r,  T II  r.  Y  : 

Gegenüber  dieser  Richtung  des  deutschen  Idealismus  ist  Hegels  geniale 
Leistung  für  die  Geschichte  bis  heute  sehr  zurückgetreten.  Seine  meta- 
physische Position  war  der  Kritik  von  seitcn  der  Erkenntnistheorie  aus 
erlegen.  In  den  systematisclien  Geisteswissenschaften  dagegen  vollzieht 
sich  bis  auf  diesen  Tag  eine  Verbindung  seiner  großen  Ideen  mit  der  po- 
sitiven Forschung.  In  der  Geschichtschreibung  dauert  seine  Wirkung 
gerade  auch  in  der  Anordnung  von  Stufen  des  Geistes  fort.  Und  die  Zeit 
kommt  heran,  in  welcher  auch  sein  Versuch,  einen  Zusammenhang  von  Be- 
griffen zu  bilden,  der  den  unablässigen  Strom  der  Geschichte  bewältigen 
kann,  gewürdigt  und  verwertet  werden  wird. 

Im  Gegensatz  zu  dieser  Theorie  entstand  nun  eine  Auffassung,  welche 
jedes  transzendentale  und  metaphysische  Prinzip  für  das  Verständnis  der 
geistigen  Welt  verwirft.  Diese  verneint  den  Wert  der  transzendentalen  und 
metaphysischen  Methode.  Sie  leugnet  jedes  Wissen  von  einem  unbedingten 
Wert,  einer  schlechthin  gültigen  Norm,  einem  göttlichen  Plan  oder  einem 
im  Absoluten  gegründeten  Vernunftzusammenliang.  Indem  sie  so  die  Re- 
lativität jedes  menschlich,  geschichtlich  Gegebenen  oline  Einschränkung 
anerkennt,  hat  sie  zu  ihrer  Aufgabe,  aus  dem  Stoff  des  Gegebenen  ein 
objektives  Wissen  über  die  geistige  Wirklichkeit  und  den  Zusammenliang 
ihrer  Teile  zu  gewinnen.  Nur  die  Kombination  der  verschiedenen  Arten 
des  Gegebenen  und  der  verschiedenen  Verfahrungsweisen  stehen  ihr  zur 
Lösung  dieser  Aufgaben  zur  Verfügung. 

In  der  Gruppe,  welche  diesen  Standpunkt  in  seiner  Folgerichtigkeit 
theoretisch  zu  begründen  unternommen  hat,  haben  sich  ebenso  wie  in 
der  anderen  sehr  verschiedene  Richtungen  herausgebildet.  Am  meisten  ist 
für  die  Verschiedenheit  im  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  ein  Gegensatz 
bestimmend  gewesen,  der  schon  die  Schulen  von  Comte  und  Mill  geschieden 
hatte.  Der  Zusammenhang  der  geistigen  Welt  ist  einerseits  nur  im  psychischen 
Einzeldasein  und  anderseits  im  geschichtlichen  Verlauf  und  den  gesellschaft- 
lichen Zuständen  gegeben.  Indem  nun  die  Forschung  diese  beiden  Arten 
von  Gegebenheiten  je  nach  ihrer  Auffassung  von  ihrer  Tragweite  verschieden 
kombiniert,  entsteht  eine  Mannigfaltigkeit  von  Verfahrungsweisen  im  Auf- 
bau der  Geisteswissenschaften  von  dieser  Stellung  aus.  .Sie  erstreckt  sich 
von  denen,  die  ohne  Psychologie  auszukommen  streben,  bis  zu  denen, 
die  ihr  die  Stellung  in  den  Geisteswissensclial'ten  zuerkennen,  welche  die 
Mechanik  in  den  Naturwissenschaften  einnimmt.    Andere  Differenzen  machen 


Der  Aufhau  der  gesckic.htlichen  Welt  in  den  Geistemüssenschaften.  I.        45 

sich  geltend  in  der  erkenntnistheoretischen  und  logischen  Grundlegung  des 
Anfbaus,  in  der  Gestaltung  der  Psychologie  oder  der  Wissenschaft  von 
den  Lebenscinheiten,  der  Bestimmung  der  Regelmäßigkeiten,  die  aus  den 
sozialen  Verliältnissen  zwisclien  diesen  Einheiten  entstehen.  Und  von  sol- 
chen Difl'erenzen  sind  dann  scldießlich  die  mannigfachen  Lösungen  der 
letzten  Fragen  nach  historischen  und  sozialen  Gesetzen,  nacli  Forts(^luitt, 
nach   Anordnung  in  dem  gescliichtlichen  Verlauf  abhängig. 

5. 

Ich  versuche  n>in  die  Aufgabe  zu  bestimmen,  welche  innerhalb  dieser 
wissenschaftliclien  Bewegung  die  hier  vorliegende  Untersuchung  über  den  Auf- 
bau der  geschichtliclien  Welt  in  den  Geisteswissenschaften  sich  gesetzt  hat. 
Sie  schließt  sich  an  den  ersten  Band  meiner  Einleitung  in  die  Geisteswissen- 
scliaften  (i  883)  an.  Diese  Arbeit  Avar  von  der  Aufgabe  einer  Kritik  der  histo- 
rischen Vernunft  ausgegangen.  Sie  stellte  sich  auf  die  Tatsache  der  Geistes- 
wissenschaften, wie  sie  besonders  in  dem  ^on  der  historischen  Schule  ge- 
scliaffenen  Zusammenhang  dieser  \Vissenschaften  vorlag,  und  suchte  deren 
erkenntnistheoretische  Begründung.  In  dieser  Begründung  setzte  sie  sich  dem 
Intcllektualisnms  in  der  damals  herrschenden  Erkeimtnistheorie  entgegen. 
»Mich  führte  historische  wie  psychologische  Beschäftigung  mit  dem  ganzen 
Menschen  dahin,  diesen  in  der  Mannigfaltigkeit  seiner  Kräfte,  dies  wollend, 
fühlend  vorstellende  Wesen  auch  der  Erklärung  der  Erkenntnis  und  ihrer 
Begriffe  (wie  Außenwelt,  Zeit,  Substanz,  Ursache)  zugrunde  zu  legen'.« 
So  waren  ihre  Au.sgangspunkte  das  Leben  und  Verstellen  (S.  10,  136  f.), 
das  im  Leben  entlialtene  Verliältnis  von  Wirldichkeit,  Wert  und  Zweck, 
und  sie  unternahm,  die  selbständige  Stellung  der  Geisteswissenschaften  den 
Naturwissenschaften  gegenüber  darzutim,  die  Grundzüge  des  erkenntnis- 
theoretisch-logischen Zusannnenhangs  in  diesem  vollständigen  Ganzen  auf- 
zuzeigen und  die  Bedeutung  der  Auffassung  des  Singulären  in  der  Geschichte 
zur  Geltung  zu  bringen.  Ich  versuclie  jetzt  den  Standpunkt  meines  Buches 
dadurch  eingehender  zu  begründen,  daß  ich  von  dem  erkenntnistheoreti- 
schen Problem  aus  den  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geistes- 
wissenschaften untersuche.  Der  Zusammenliang  zwischen  dem  Erkenntnis- 
problem und  diesem  Aufbau  liegt  darin,  daß  die  Analyse  dieses  Aufbaus 

'    Einleitung  in  dif?  Gi'i.steswissenschaflen   I,   Vorrede  X\'ll. 


40  D 


ILT  H  E  Y  : 


auf  ein  Zusammenwirken  von  Leistungen  fülirt,  welche  durch  enie  solche 
Zergliederung  nun  der  erkenntnistheoretischen  Untersuchung  zugänglich 
werden. 

Ich  bezeichne  zunächst  kurz  die  Linie,  die  von  dem  bisher  Erör- 
terten zur  Erkenntnis  dieses  Aufbmis  fuhren  soll,  um  schon  hier  den 
Gegensatz  im  Aufbau  von  Natur-  und  Geisteswissenschaften  sichtbar  zu 
machen.  Die  Tatsache  der  Geisteswissenschaften,  wie  sie  sich  in  der 
Epoche  ihrer  Konstituierung  herausgebildet  liaben,  ist  beschrieben  wor- 
den; es  zeigte  sich  ferner,  wie  diese  Wissenschaften  im  Erleben  und 
Verstehen  begründet  sind;  so  muß  von  hier  aus  ihr  Aufbau,  wie  er  in 
jeder  Tatsaclie  ihrer  selbständigen  Konstituierung  durch  die  liistorische 
Schule  enthalten  ist,  aufgefaßt  werden,  und  damit  eröffnet  sich  der  Ein- 
blick in  die  gänzliche  Verschiedenheit  dieses  Aufbaus  von  dem  dargelegten 
Aufbau  der  Naturwissenschaften.  Die  selbständige  Eigenheit  des  Auf- 
baus der  (ieisteswissenschaften  wird  so  zum  Hauptthema  dieser  ganzen 
Arbeit. 

Kr  geht  vom  Erlebnis  aus,  von  Realität  zu  Realität;  er  ist  ein  Sich 
immer  tiefer  Einbohren  in  die  geschichtliche  Wirkliclikeit,  ein  Immer  mehr 
aus  ihr  Herausholen,  Immer  weiter  sich  über  sie  Verbreiten.  Es  gibt  da 
keine  hypothetischen  Annahmen,  welche  dem  Gegebenen  etwas  unterlegen. 
Denn  das  Verstehen  dringt  in  die  fremden  Lebensäußerungen  durch  eine 
Transposition  aus  der  Fülle  eigener  Erlebnisse.  Natur,  so  sahen  wir,  ist  ein 
Bestandteil  der  Geschichte  nur  in  dem,  was  sie  wirkt  und  wie  auf  sie  ge- 
wirkt werden  kann.  Das  eigentliche  Reich  der  Geschichte  ist  zwar  auch  ein 
äußeres;  doch  die  Töne,  welche  das  Musikstück  bilden,  die  Leinwand,  auf 
der  gemalt  ist,  der  Gerichtssaal,  in  dem  Recht  gesprochen  wird,  das  Ge- 
fängnis, in  dem  Strafe  abgesessen  wird,  haben  nur  ihr  Material  an  der  Natur; 
jede  geisteswissenschaftliche  Operation  dagegen,  die  mit  solchen  äußeren  Tat- 
beständen vorgenommen  wird,  hat  es  allein  mit  dem  Sinne  und  der  Bedeu- 
tung zu  tun,  die  sie  durch  das  Wirken  des  Geistes  erhalten  haben;  sie 
dient  dem  Verstehen,  das  diese  Bedeutung,  diesen  Sinn  in  ihnen  erfaßt. 
Und  nun  gehen  wir  über  das  bisher  Dargelegte  hinaus.  Dies  Verstehen 
bezeichnet  nicht  nur  ein  eigentümliches  methodisches  Verhalten,  das  wir 
solchen  Gegenständen  gegenüber  einnehmen;  es  handelt  sich  nicht  nur  zwi- 
schen Geistes-  und  Naturwissenschaften  um  einen  Unterschied  in  der  Stel- 
hmg  des  Subjekts  zum  Objekt,  um  eine  Verhaltungsweise,  eine  Metliode, 


Der  Anflmi  der  (jcürhlchtlichm  Welt  in  den  Vieistcswissemchaftm.    I.         47 

sondern  das  Verfaliren  des  Verstehens  ist  saclilicli  d;irin  begründet,  daß 
das  Äußere,  das  iliren  Gegenstand  ausmacht,  sicli  von  dem  Gegenstand  der 
Naturwissenschaften  durchaus  unterscheidet.  Der  Geist  hat  sicli  in  ilnien 
objektiviert,  Zwecke  liaben  sich  in  ilinen  gebihlet,  Werte  sind  in  ilinen  ver- 
wirklicht, und  eben  dies  Geistige,  das  in  sie  liinein  gel)ildet  ist,  erfaßt  das 
Verstehen.  Ein  Lebensverh<ältnis  bestellt  zwischen  mir  und  ihnen.  Ihre 
Zweckmäßigkeit  ist  in  meiner  Zwecksetzung  gegründet,  ihre  Scliönheit  und 
Güte  in  meiner  Wei-tgebung,  ihre  Verstandesmäßigkeit  in  meinem  Intellekt. 
Realitäten  gehen  ferner  nicht  nur  in  meinem  Erleben  und  Verstehen  auf: 
sie  bilden  den  Zusammenhang  der  Vorstellungswelt,  in  dem  das  Außen- 
gegebene mit  meinem  Lebensverlauf  verknüpft  ist:  in  dieser  Vorstellungs- 
welt lebe  ich,  und  ihre  objektive  Geltung  ist  mir  durch  den  beständigen 
Austausch  mit  dem  Erleben  und  dem  Verstehen  anderer  selbst  garantiert; 
endlich  die  Begriffe,  die  allgemeinen  Urteile,  die  generellen  Theorien  sind 
nicht  Hypotliesen  über  etwas,  auf  das  wir  äußere  P]indrücke  beziehen,  son- 
dern Abkömmlinge  von  Erleben  imd  Verstehen.  Und  wie  in  diesem  die 
Totalität  unseres  Lebens  immer  gegenwärtig  ist,  so  klingt  die  Fülle  des 
Lebens  auch  in  den  abstraktesten  Sätzen  dieser  Wissenschaft  nach. 

Somit  können  wir  nun  das  Verhältnis  beider  Klassen  von  Wissenschaf- 
ten und  die  Grundunterschiede  ihres  Aufbaus,  wie  sie  bis  hierher  erkaimt 
sind,  zusammenfassen.  Die  Natur  ist  die  Unterlage  der  Geisteswissen- 
schaften. Die  Natur  ist  nicht  nur  der  Schauplatz  der  Geschichte;  die 
physischen  Vorgänge,  die  Notwendigkeiten,  welche  in  ihnen  liegen,  und 
die  Wirkungen,  die  von  ihnen  ausgehen,  bilden  die  Unterlage  für  alle 
Verliältnisse  von  Tun  und  Leiden,  Aktion  und  Keaktion  in  der  geschicht- 
lichen Welt,  und  die  physische  Welt  bildet  auch  das  Material  für  das  ganze 
Reich,  in  welchem  der  Geist  seine  Zwecke,  seine  Werte  —  sein  Wesen 
ausgedi-Ockt  hat:  auf  dieser  Grundlage  erhebt  sich  aber  nun  die  Wirklich- 
keit, in  welche  die  Geisteswissenschaften  von  zwei  Seiten  her  immer 
tiefer  sich  einbohren  —  vom  Erleben  der  eigenen  Zustände  und  vom  Ver- 
stehen des  in  der  Außenwelt  objektivierten  Geistigen  aus.  Und  damit  ist 
nun  der  Unterschied  beider  Arten  von  Wissenschaften  gegeben.  In  der 
äußeren  Natur  wird  Zusammenhang  in  einer  Verbindung  abstrakter  Be- 
griffe den  Erscheinungen  untergelegt.  Dagegen  der  Zusammenhang  in  der 
geistigen  Welt  wird  erlebt  und  nach  verstanden.  Der  Zusammenhang  der 
Natur    ist    abstrakt,    der    seelische    imd    geschichtliche    aber    ist   lebendig, 


48  Du,  T  II  K  Y  : 

lebengesättigt.  Die  Naturwissenschaften  ergänzen  die  Phänomene  durch  Hin- 
zugedachtes; und  wenn  die  Eigenschaften  des  organischen  Körpers  und  das 
Prinzip  der  Individuation  in  der  organischen  Welt  bislier  solchem  Begreifen 
widerstanden,  so  ist  doch  in  ilmen  das  Postulat  eines  solchen  Begreifens 
immer  lebendig,  lür  dessen  Verwirklichung  ihnen  nur  kausale  Zwischenglieder 
fehlen;  es  bleibt  ihr  Ideal,  daß  sie  gefunden  werden  müssen,  und  immer  wird 
die  Auffassung,  welche  in  diese  Zwischenstufe  zwischen  der  anorganischen 
Natur  und  dem  Geiste  ein  neues  P>klärungsprinzip  einführen  will,  mit  diesem 
Ideal  in  ungeschlichtetem  Streit  sein.  Die  Geisteswissenschaften  ordnen  ein, 
indem  sie  umgekehrt  zu  allererst  und  hauptsächlich  die  sich  unermeßlich 
ausbreitende  menschlich-geschichtlicli-gesellschaftliche  äußere  Wirklichkeit 
zurückübersetzen  in  die  geistige  Lebendigkeit,  aus  der  sie  hervorgegangen  ist. 
Dort  werden  fiir  die  Individuation  hypothetische  Erklärungsgründe  aufge- 
sucht, hier  dagegen  werden  in  der  Lebendigkeit  die  Ursachen  derselben 
erfahren. 

Hieraus  ergibt  sich  nun  die  Stellung  zur  Erkenntnistheorie,  welche 
die  nachfolgenden  Untersuchungen  über  den  Aufbau  der  geschichtlichen 
Welt  in  den  (ieisteswissenschaflen  einnehmen  werden.  Das  zentrale  Pro- 
blem der  auf  die  Naturwissenschaften  allein  bezogenen  Erkenntnistheorie 
liegt  in  der  Fundierung  der  abstrakten  Wahrheiten,  des  Charakters  der  Not- 
wendigkeit in  ihnen,  des  Kausalgesetzes  und  in  der  Beziehung  der  Sicher- 
heit der  induktiven  Schlüsse  zu  abstrakten  Grundlagen  derselben.  Da  nun 
die  auf  die  Naturwissenschaften  gegründete  Erkenntnistheorie  sich  in  die  ver- 
schiedensten Richtungen  zersplittert  hat,  so  daß  es  vielen  scheinen  möchte, 
^üs  werde  sie  das  Schicksal  der  Metaphysik  teilen,  andererseits  aber  schon 
der  bisherige  Überblick  über  den  Bau  der  Geisteswissenschaften  eine  sehr 
große  Verschiedenheit  der  Stellung  des  Erkennens  zu  seinem  Gegenstande 
auf  diesem  Gebiet  erwiesen  hat:  so  scheint  zunächst  der  Fortgang  der  all- 
gemeinen Erkenntnistheorie  davon  abhängig,  daß  sie  sich  mit  den  Geistes- 
wissenschaften auseinandersetzt.  Dies  fordert  aber,  daß  vom  erkenntnis- 
theoretischen  Problem  aus  der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den 
Geisteswissenschaften  studiert  werde ;  dann  erst  wird  die  allgemeine  Erkennt- 
nistheorie von  den  Ergebnissen  dieses  Studiums  aus  einer  Revision  unter- 
worfen werden  können. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        49 
ni.  Allgemeine  Sätze 

iiber  den 

Zusammenhang  der  Creisteswissenschaften. 

Drei  verschiedene  Aufgaben  hat  die  Grundlegung  der  Geisteswissen- 
schaften zu  lösen.  Sie  bestimmt  den  allgemeinen  Charakter  des  Zusammen- 
hangs, in  dem  auf  diesem  Gebiet  auf  Grund  des  Gegebenen  ein  allgemein- 
gültiges Wissen  entsteht.  Es  handelt  sich  hier  um  die  allgemeine  logische 
Struktur  der  Geisteswissenschaften'.  Es  gilt  dann,  den  Aufbau  der  geistigen 
Welt  durch  die  einzelnen  Gebiete  hindurch  aufzuklären,  wie  er  sich  in  den 
Geisteswissenschaften  durch  das  Ineinandergreifen  ihrer  Leistungen  vollzieht. 
Das  ist  die  zweite  Aufgabe,  und  in  ihrer  Auflösung  wird  sich  dann  schritt- 
weise die  Methodenlehre  der  Geisteswissenschaften  durch  Abstraktion  aus 
ihrem  Verfahren  selbst  ergeben.  Endlich  fragt  sich,  welches  der  Erkenntnis- 
wert dieser  Leistungen  der  Geisteswissenschaften  sei  und  in  welchem  Um- 
fang durch  ihr  Zusammenwirken  ein  objektives  geisteswissenschaftliches 
Wissen  möglich  wird. 

Zwischen  den  beiden  letzten  Aufgaben  besteht  ein  näherer  innerer  Zu- 
sammenhang. Die  Sonderung  der  Leistungen  macht  die  Prüfung  ihres  Er- 
kenntniswertes möglich,  und  diese  zeigt,  in  welchem  Umfang  durch  sie  die 
geisteswissenschaftliche  Wirklichkeit  und  der  in  ihr  bestehende  reale  Zu- 
sammenhang ins  Wissen  erhoben  wird:  hierdurch  wird  dann  eine  selb- 
ständige Grundlage  der  Erkenntnistheorie  auf  unserem  Gebiete  gewonnen, 
und  die  Aussicht  auf  einen  allgeineinen  Zusammenhang  der  Erkenntnis- 
theorie eröflfeet  sich,  dessen  Ausgangspunkt  in  den  Geisteswissenschaften 
gelegen  wäre. 

Der  allgemeine  Charakter  des  Zusammenhangs  in  den  Cieisteswissen- 
schaften  ist  also  unser  nächstes  Problem.  Der  Ausgangspunkt  ist  die  Struktur- 
lehre des  gegenständlichen  Auffassens  im  allgemeinen.  Sie  zeigt  in  allem 
Auffassen  eine  fortschreitende  Linie  vom  Gegebenen  zu  den  Grundverhält- 
nissen der  Wirklichkeit,  die  hinter  jenem  dem  begrifflichen  Denken  aufgehen. 
Dieselben  Denkformen  und  dieselben  ihnen  untergeordneten  Klassen  von 
Denkleistungen  ermöglichen  in  den  Naturwissenschaften  und  den  Geistes- 


'    Vgl.  in.  Abhandl.:    Studien   zur   Grundlegung   der  Geisteswissenscliaften.     Sitzungs- 
liericlite  der  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1905,  8.  332  fr.  (S.  iiff.). 

Fhil.-hist.  Klassf.    1910.   Abh.  I.  7 


§0  Dilthey: 

Wissenschaften  den  wissenschaftlichen  Zusammenhang.  Von  dieser  Grund- 
lage aus  entstehen  dann  in  der  Anwendung  jener  Deukformen  und  Denk- 
leistungen aus  den  besonderen  Aufgaben  und  unter  den  besonderen  Be- 
dingungen der  Geisteswissenschaften  deren  spezifische  Methoden.  Und  da 
die  Aufgaben  der  Wissenschaften  die  Methoden  für  die  Lösung  hervorrufen, 
so  bilden  die  einzelnen  Verfahrungs weisen  einen  inneren,  vom  Zweck  des 
Wissens  bedingten  Zusammenhang. 


Erster  Abschnitt. 
Das  gegenständliche  Auffassen. 

Das  gegenständliche  Auffassen  bildet  ein  System  von  Beziehungen, 
in  dem  Wahrnehmungen  und  Erlebnisse,  erinnerte  Vorstellungen,  Urteile, 
Begriffe,  Schlüsse  und  deren  Zusammensetzungen  enthalten  sind.  Allen  diesen 
Leistungen  im  System  des  gegenständlichen  Auffassens  ist  gemeinsam,  daß 
in  ihnen  nur  Beziehungen  von  Tatsächlichem  gegenwärtig  sind.  So  sind 
im  Syllogismus  nur  die  Inhalte  und  deren  Beziehungen  gegenwärtig,  und 
kein  Bewußtsein  von  Denköperationen  begleitet  ihn.  Das  Verfahren,  welches 
dem  so  Gegebenen  als  Bewußtseinsbedingungen  einzelne  Akte  unterlegt, 
welche  den  sachlichen  Relationen  entsprechend  gedacht  werden,  und  nun 
aus  ihrem  Zusammenwirken  den  Tatbestand  des  gegenständlichen  Auffassens 
ableitet,  enthält  eine  nie  verifizierbare  Hypothese. 

Die  einzelnen  Erlebnisse  innerhalb  dieses  gegenständlichen  Auft'assens 
sind  Glieder  eines  Ganzen,  das  vom  psychischen  Zusammenhang  bestimmt 
ist.  In  diesem  psychischen  Zusammenhang  ist  die  objektive  Erkenntnis  der 
Wirklichkeit  die  Bedingung  für  richtige  Feststellung  der  Werte  und  zweck- 
mäßiges Handeln.  So  sind  Wahrnehmen,  Vorstellen,  Urteilen,  Schließen 
Leistungen,  die  in  einer  Teleologie  des  Auffassungszusammenhangs  zu- 
sammenwirken, welcher  dann  in  der  des  Lebenszusammenhangs  seine  Stelle 
einnimmt. 

1. 

Die  erste  Leistung  des  gegenständlichen  Auffassens  am  Gegebenen 
erhebt  das  in  ihm  Enthaltene  zu  distinktem  Bewußtsein,  ohne  daß  an  der 
Form  der  Gegebenheit  eine  Änderung  stattfände.  Ich  nemie  diese  Leistung 
primär,  sofern  die  Analyse,  die  vom  diskursiven  Denken  rückwäi-tsgeht,  keine 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        5 1 

einfachere  Leistung  auffindet.  Sie  liegt  jenseits  des  diskursiven  Denkens,  das 
an  die  Sprache  gebunden  ist  und  in  Urteilen  verläuft;  denn  die  Gegen- 
stände, über  welche  geurteilt  wird,  setzen  schon  Denkleistungen  voraus. 
Ich  beginne  mit  der  Leistung  des  Vergleichens.  Ich  finde  gleich, 
ungleich,  fasse  Stufen  des  Unterschiedes  auf.  Vor  mir  liegen  zwei  Blätt- 
chen von  verschiedener  grauer  Färbung.  Es  wei-den  Unterschied  und  Grad 
des  Unterschieds  an  der  Färbung  bemerkt,  nicht  in  einer  Reflexion  über 
das  Gegebene,  sondern  als  ein  Tatbestand,  wie  die  Farbe  selbst  ein  sol- 
cher Tatbestand  ist.  Ebenso  unterscheide  ich,  erlebend,  Grade  des  Wohl- 
gefallens, wenn  ich  etwa  vom  Anschlagen  des  Grundtons  und  seiner  Ok- 
tave zu  einer  vollen  Hai-monie  übergehe.  Diese  Denkleistung  selber,  mit 
der  die  Logik  es  nur  ganz  allein  zu  tun  hat,  ist  einfach.  Und  ihr  Ergebnis 
ist  in  bezug  auf  seinen  Wahrheitswert  nicht  verschieden  vom  Bemerken 
einer  Farbe  oder  eines  Tons;  etwas,  das  daist,  wird  merklich.  Gleichheit 
und  Verschiedenheit  sind  keine  Eigenschaften  von  Dingen  wie  Au.sdehnung 
oder  Farbe.  Sie  entstehen,  indem  die  psychische  Einheit  sich  Verhält- 
nisse, die  im  Gegebenen  enthalten  sind,  zum  Bewußtsein  bringt.  Sofern 
Gleichsetzen  und  Verschiedensetzen  nur  finden,  was  gegeben  ist,  so  wie 
Ausdehnung  und  Farbe  gegeben  sind,  sind  sie  ein  Analogon  des  Wahr- 
nehmens selbst,  aber  wie  sie  logische  Verhältnisbegriffe  wie  Gleichheit, 
Unterschied,  Grad,  Verwandtschaft  schaffen,  die  zwar  in  der  Wahrnehmung 
enthalten,  aber  nicht  in  ihr  gegeben  sind,  gehören  sie  dem  Denken  an.  — 
Auf  der  Grundlage  dieser  Denkleistung  des  Vergleichens  tritt  eine  zweite 
auf.  Denn  wenn  ich  zwei  Tatbestände  trenne,  so  liegt  darin,  logisch  an- 
gesehen —  und  um  die  psychologischen  Prozesse  handelt  es  sich  hier  gar 
nicht  — ,  eine  vom  Unterscheiden  verschiedene  Denkleistung.  In  dem  Ge- 
gebenen werden  zwei  Tatbestände  auseinandergehalten,  ihr  Außereinander- 
sein  wird  aufgefaßt.  So  werden  in  einem  Walde  eine  Menschenstimme,  das 
Rauschen  des  Windes,  der  Gesang  eines  Vogels  nicht  nur  unterschieden 
voneinander,  sondern  als  ein  Mehreres  aufgefaßt.  Wenn  ein  Ton  von  der- 
selben Beschaffenheit,  also  in  derselben  Höhe,  Klangfarbe,  Intensität  und 
Dauer,  ein  zweites  Mal  an  einer  anderen  Stelle  des  Zeitverlaufs  wieder- 
kehrt, so  tritt  in  dieser  zweiten  Denkleistung  das  Bewußtsein  auf,  daß 
der  folgende  Ton  ein  anderer  ist  als  der  erste.  Ein  weiteres  Verhältnis  wird 
in  einem  zweiten  Fall  von  Trennung  aufgefaßt.  An  einem  grünen  Blatt 
kann  ich  Fai-be  und  Gestalt  voneinander  sondern,   und  es  wird  dann  das 


52  D  I  L  T  H  E  Y  : 

in  der  Einheit  des  Gegenstandes  Zusammengehörige,  das  real  nicht  ge- 
sondert werden  kann,  doch  als  ideell  trennbar  befunden.  Auch  wo  die 
Vorbedingungen  dieser  Leistung  des  Trennens  sehr  zusammengesetzt  sind, 
ist  die  Leistung  selbst  einfach.  Und  sie  ist  ebenso  wie  das  Vergleichen 
vom  Sachverhalt  bestimmt,  den  sie  zur  Auffassung  bringt. 

Und  hier  entsteht  nun  der  Durchblick  in  den  für  den  Aufbau  der 
Logik  wichtigen  Vorgang  der  Abstraktion.  Die  Sonderung  der  Gliedmaßen 
eines  Körpers  haftet  an  der  konkreten  Wirklichkeit  des  Körpers;  in  jedem 
seiner  Teile  bleibt  diese  konkrete  Wirklichkeit  erhalten;  wenn  aber  Aus- 
dehnung und  Farbe  voneinander  gesondert  werden  und  das  Denken  der 
Farbe  sich  zuwendet,  dann  entsteht  aus  einer  solchen  Sonderung  die  Denk- 
leistung der  Abstraktion:  von  dem  ideell  Auseinandergenommenen  wird 
eine  Seite  für  sich  herausgehoben. 

Die  Verbindung  des  mehreren  Gesonderten  kann  sich  nur  auf  der  Grund- 
lage einer  Beziehung  zwischen  diesem  Mehreren,  Getrennten  vollziehen. 
Wir  fassen  die  räumliche  Lage  getrennter  Tatbestände  auf,  oder  die  Ab- 
stände, in  denen  Vorgänge  einander  zeitlich  folgen.  Auch  dieses  Beziehen 
und  Verbinden  bringt  nur  stattfindende  Verhältnisse  zum  Bewußtsein.  Es 
tut  das  aber  durch  Denkleistungen,  welche  Relationen  wie  die  in  Raum 
und  Zeit,  Tun  und  Leiden  zur  Grundlage  haben.  Ein  solches  Zusammen- 
nehmen ist  die  Bedingung  für  die  Bildung  der  Zeitanschauung.  Wenn  der 
Schlag  einer  Uhr  mehrmals  hintereinander  folgt,  so  liegt  nur  die  Sukzession 
dieser  Eindrücke  vor,  aber  erst  im  Zusammennehmen  wird  die  Auffassung 
dieser  Sukzession  möglich.  Das  Zusammenfassen  erzeugt  das  logische  Ver- 
hältnis eines  Ganzen  zu  seinen  Teilen.  Auf  dem  Boden  der  Verhältnisse 
des  Getrenntseins,  der  Abstufung  der  Unterschiede  der  im  Tonsystem  ent- 
haltenen Beziehungen  entsteht  im  Zusammennehmen  der  Töne  ein  so  Be- 
dingtes, das  aber  doch  erst  in  der  Zusammenfassung  selbst  hervorgebracht 
ist  —  der  Akkord  oder  die  Melodie.  Hier  ist  besonders  deutlich,  wie  die 
Zusammenfassung  an  dem  in  dem  Wahrnehmungs-  und  Erinnerungserlebnis 
Enthaltenen  stattfindet  und  doch  in  ihr  etwas  entsteht,  das  ohne  die  Zu- 
sammenfassung nicht  da  wäre.  Wir  sind  hier  schon  an  der  Grenze,  die 
über  die  Feststellung  des  in  den  Verhältnissen  Enthaltenen  hinausfiihrt  in 
die  Region  der  freien  Phantasie. 

Diese  Beispiele  —  und  um  ein  mehreres  handelt  es  sich  hier  nicht 
—  beweisen:   die  elementaren  Denkleistungen  klären  das  Gegebene  auf. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        53 

Dem  diskursiven  Denken  voraufliegend,  enthalten  sie  die  Ansätze  zu  ihm, 
da  in  dem  Gleichfinden  die  Bildung  der  allgemeinen  Urteile,  der  Allge- 
meinbegriflfe  und  das  vergleichende  Verfahren  sich  vorbereiten,  im  Trennen 
die  Abstraktion  und  das  analytische  Verfahren,  dann  in  den  Beziehungen 
jede  Art  von  synthetischer  Operation.  So  geht  ein  innerer  Begründungs- 
zusammenhang von  den  elementaren  Denkleistuiigen  zum  diskursiven  Denken, 
vom  Auffassen  des  Sachverhaltes  an  den  Gegenständen  zu  den  Urteilen 
über  sie. 

Die  Gegebenheit  des  sinnlich  Wahrgenommenen  oder  Erlebten  geht 
in  eine  weitere  Bewußtseinsstufe  in  der  erinnerten  Vorstellung  über.  In 
ihr  vollzieht  sich  eine  weitere  Leistung  des  gegenständlichen  Auffassens, 
und  dieser  Leistung  entspricht  ein  besonderes  Verhältnis  des  neuen  Ge- 
bildes zu  seiner  Grundlage.  Dies  Verhältnis  der  erinnerten  Vorstellung  zum 
sinnlich  Aufgefaßten  und  zum  Erlebten  ist  das  des  Abbilden s.  Denn 
die  freie  Beweglichkeit  der  Vorstellungen  ist  im  Bereich  des  gegenständ- 
lichen Auffassens  durch  die  Intention  der  Angleichung  an  die  Wirklichkeit 
eingeschränkt,  und  alle  Arten  der  Vorstellungsbildung  bleiben  durch  die 
Richtung  auf  die  Wirklichkeit  bestimmt.  In  dieser  Richtung  entstehen 
Totalvorstellungen  und  Allgemeinvorstellungen  und  bereiten  eine  neue  Stufe 
des  Bewußtseins  vor. 

Diese  neue  Stufe  tritt  im  diskursiven  Denken  auf.  Das  Verhältnis 
des  Abbildens  macht  hier  einer  andern  Beziehung  innerhalb  des  gegen- 
ständlichen Auffassens  Platz. 

Das  diskursive  Denken  ist  an  den  Ausdruck  gebunden,  vor  allem  an  die 
Sprache.  Hier  besteht  die  Beziehung  von  Ausdruck  zu  Ausgedrücktem, 
durch  welche  aus  den  Bewegungen  der  Sprachorgane  und  den  Vorstellungen 
ihrer  Erzeugnisse  Sprachformen  werden.  Die  Beziehung  zu  dem  in  ihnen 
Ausgedrückten  gibt  ihnen  ihre  Funktion.  Sie  haben  nun  als  Bestandteile 
des  Satzes  eine  Bedeutung,  während  der  Satz  selbst  einen  Sinn  hat.  Die 
Richtung  der  Auffassung  geht  von  Wort  und  Satz  zu  dem  Gegenstand,  den 
sie  ausdrücken.  Damit  entsteht  die  Beziehung  zwischen  dem  grammati- 
schen Satz  oder  dem  Ausdruck  durch  andere  Zeichen  und  dem  Urteil,  das 
alle  Teile  des  diskursiven  Denkens  hervorbringt. 

Welches  ist  nun  das  Verhältnis  zwischen  dem  Gegebenen  oder  Vor- 
gestellten, wie  es  von  den  durchlaufenen  Leistungen  der  Auffassungserleb- 
nisse bedingt  war,  und  dem  Urteil?     In  diesem  wird  ein  Sachverhalt  von 


64  D  I  L  T  H  K  Y  : 

einem  Gegenstand  ausgesagt.  Darin  liegt  schon,  daß  von  einem  Abbilden 
des  Gegebenen  oder  Vorgestellten  hier  nicht  die  Rede  ist.  Ich  gehe  für  die 
positive  Bestimmung  des  Verhältnisses  vom  Denkzusammenhang  aus.  Jedes 
Urteil  ist  in  ihm  analytisch  enthalten,  und  es  wird  als  Glied  desselben  ver- 
standen. Im  Denkzusammenhang  des  gegenständlichen  Auffassens  bezieht 
sich  nun  jeder  Teil  desselben  vermittels  des  Zusammenhanges,  in  dem  er 
steht,  zurück  auf  das  Enthaltensein  in  der  Wirklichkeit.  Denn  das  ist  die 
oberste  Regel,  unter  der  jedes  Urteil  steht:  es  muß  seinem  Inhalt  nach  in  dem 
Gegebenen  nach  den  formalen  Denkgesetzen  und  nach  den  Formen  des  Denkens 
enthalten  sein.  Auch  Urteile,  die  Eigenschaften  oder  Handlungen  des  Zeus  oder 
Hamlet  aussprechen,  sind  im  Denkzusammenhang  auf  ein  Gegebenes  bezogen. 

So  entsteht  zwischen  dem  Urteil  und  den  bisher  dargelegten  Formen 
des  gegenständlichen  Auffassens  ein  neues  Verhältnis.  Dies  Verhältnis  zeigt 
zwei  Seiten.  Die  Zweiseitigkeit  in  ihm  ist  dadurch  bestimmt,  daß  das  Urteil 
einerseits  in  dem  Gegebenen  fundiert  ist,  anderseits  aber  das,  was  in  diesem 
nur  implicite,  nur  als  erschließbar  enthalten  ist,  expliziert.  In  der  ersteren 
Beziehung  entsteht  das  Verhältnis  der  Vertretung.  Das  Urteil  vertritt  durch 
Denkbestandteile,  die  den  Anforderungen  des  Wissens  durch  Konstanz, 
Klarheit,  Deutlichkeit  und  durch  feste  Verbindung  mit  Wortzeichen  ent- 
sprechen, die  im  Gegebenen  enthaltenen  Sachverhalte.  Von  der  andern 
Seite  angesehen,  realisieren  die  Urteile  die  Intention  des  gegenständlichen 
Auffassens,  von  dem  Bedingten,  Partikularen  und  Veränderlichen  aus  sich 
den  Grund  Verhältnissen  der  Wirklichkeit  zu  nähern. 

Das  Verhältnis  der  Vertretung  erstreckt  sich  auf  den  ganzen  diskur- 
siven Denkzusammenhang  im  gegenständlichen  Auffassen,  da  dieser  sich 
durch  das  Urteilen  vollzieht.  Das  Gegebene  in  seiner  konkreten  Anschau- 
lichkeit und  die  es  abbildende  Vorstellungswelt  werden  in  jeder  Form  des 
diskursiven  Denkens  vertreten  durch  ein  System  von  Beziehungen  fester 
Denkbestandteile.  Und  dem  entspricht  in  umgekehrter  Richtung,  daß  bei 
Rückkehr  zum  Gegenstande  dieser  in  der  ganzen  Fülle  seines  anschaulichen 
Daseins  das  Urteil  oder  den  Begriff  bewährt,  verifiziert.  Gerade  für  die 
Geisteswissenschaften  ist  es  besonders  wichtig,  daß  die  ganze  Frische  und 
Macht  des  Erlebnisses  dann  direkt  oder  in  der  Richtung  vom  Verstehen 
zum  Erleben  hin  zurückkehrt.  In  dem  Verhältnis  der  Vertretung  ist  ent- 
halten, daß  in  bestimmten  Grenzen  das  Gegebene  und  das  diskursiv  Gedachte 
vertauschbar  sind. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        55 

Zergliedert  man  den  diskursiven  Denkzusammenhang,  so  trift't  man  in 
ihm  auf  Arten  der  Beziehung,  die  unabhängig  vom  Wechsel  der  Denk- 
inhalte regelmäßig  wiederkehren  und  an  jeder  Stelle  der  Denkzusammen- 
hang zugleich  und  in  innerem  Verhältnis  zueinander  bestehen.  Solche 
Denkformen  sind  Urteil,  Begriff  und  Schluß,  sie  treten  in  jedem  Teil  des 
diskursiven  Denkzusammenhangs  auf  und  bilden  dessen  Gefüge.  Aber  auch 
die  diesen  elementaren  Formen  untergeordneten  Klassen  von  Leistungen  des 
diskursiven  Denkens,  Vergleichung,  Analogieschluß,  Induktion,  Einteilung, 
Definition,  schließlich  der  Zusammenhang  der  Begründung  sind  unabhängig 
von  der  Abgrenzung  einzelner  Gebiete  des  Denkens,  insbesondere  der  von 
Natur-  imd  Geisteswissenschaften  gegeneinander.  Sie  sondern  sich  nach  den 
Aufgaben  des  ganzen  Denkzusammenhangs,  welche  die  Wirklichkeit  nach 
ihren  allgemeinen  (jrundverhältnissen  stellt,  während  dann  durch  die  Eigen- 
schaften einzelner  Gebiete  erst  besondere  Gestalten  der  Methode  bedingt  sind. 

Der  Regelhaftigkeit  dieser  Formen  entspricht  die  Gültigkeit  ihrer  Denk- 
leistung, und  dieser  sind  wir  durch  das  Bewußtsein  der  P>idenz  versichert. 
Und  die  allgemeinsten  Eigenschaften,  an  welche  in  diesen  verschiedenen 
Formen,  unabhängig  vom  Wechsel  der  Gegenstände,  konstant  im  Kommen 
und  Gehen  der  Denkerlebnisse  und  ihrer  Subjekte,  Gültigkeit  gebunden  ist, 
finden  ihren  Ausdruck  in  den  Denkge.setzen.  Wir  brauchen  das  Verhältnis 
von  Vertretung  oder  Repräsentation  nicht  zu  überschreiten,  wenn  wir  von 
den  Wirklichkeitsurteilen  zu  den  notwendigen  Urteilen  übergehen.  ¥An 
Axiom  der  Geometrie  ist  notwendig,  weil  es  die  überall  in  der  Raumanschau- 
ung durch  Analyse  feststellbaren  Grundverhältnisse  ausdruckt,  und  ebenso 
ist  der  Charakter  der  Notwendigkeit  in  den  Denkgesetzen  hinreichend  durch 
die  Tatsache  erklärt,  daß  sie  überall  im  Dtnkzusammenhang  analytisch  ent- 
halten sind. 

Eine  wissenschaftliche  Methode  entsteht,  indem  Denkformen  und  all- 
gemeine Denkleistungen  durch  den  Zweck,  der  in  der  Lösung  einer  be- 
stimmten wissenschaftlichen  Aufgabe  gelegen  ist,  zu  einem  zusammenge- 
setzten Ganzen  verbunden  werden.  Gibt  es  dieser  gestellten  Aufgabe  ähn- 
liche Probleme,  dann  wird  die  auf  einem  begrenzten  Gebiet  angewandte 
Methode  sich  auf  einem  umfassenderen  fruchtbar  erweisen.  Oft  ist  eine 
Methode  im  Geiste  ihres  ?"rfinders  noch  nicht  mit  dem  Bewußtsein  ihres 
logischen  Charakters  und  ihrer  Tragweite  verknüpft:  dann  tritt  dies  Be- 
wußtsein erst  nachträglich  hinzu.     Wie  sich  der  Begriff  der  Methode  insbe- 


56  Dilthey: 

sondere  im  Sprachgebrauch  der  Naturforscher  Jahrhunderte  hindurch  ent- 
wickelt hat,  kann  auch  das  Verfahren,  welches  eine  Detailfrage  behandelt 
und  demgemäß  sehr  zusammengesetzt  ist,  als  Methode  bezeichnet  werden. 
Wo  fiir  die  Auflösung  desselben  Problems  mehrere  Wege  eingeschlagen 
sind,  werden  sie  als  verschiedene  Methoden  auseinandergehalten.  Wo  die 
Verfahrungsweisen  eines  erfindenden  Geistes  gemeinsame  Eigenschaften 
zeigen,  spricht  die  Geschichte  der  Wissenschaften  von  einer  Methode  Cuviers 
in  der  Paläontologie  oder  Niebuhrs  in  der  historischen  Kritik.  Mit  der 
Methodenlehre  treten  wir  in  das  Gebiet,  in  welchem  der  besondere  Cha- 
rakter der  Geisteswissenschaften  sich  geltend  zu  machen  beginnt. 

Alle  Erlebnisse  des  gegenständlichen  Auffassens  sind  in  dem  teleologi- 
schen Zusammenhang  desselben  auf  die  Erfassung  dessen  was  ist  —  der  Wirk- 
lichkeit gerichtet.  Das  Wissen  bildet  ein  Stufenreich  von  Leistungen:  das  Ge- 
gebene wird  in  den  elementaren  Denkleistungen  aufgeklärt,  es  wird  in  den 
Vorstellungen  abgebildet,  und  es  wird  im  diskursiven  Denken  vertreten  und 
so  auf  verschiedene  Arten  repräsentiert.  Denn  die  Aufklärung  des  Gege- 
benen durch  die  elementaren  Denkleistungen,  die  Abbildung  in  der  er- 
innerten Vorstellung  und  die  Vertretung  im  diskursiven  Denken  können 
dem  umfassenden  Begriff  der  Repräsentation  untergeordnet  werden.  Zeit 
und  Ph'innerung  lösen  das  Auffassen  aus  der  Abhängigkeit  vom  Gegebenen 
los  und  vollziehen  eine  Auswahl  des  fiir  das  Auffassen  Bedeutsamen;  das 
Einzelne  wird  durch  Beziehung  zum  Ganzen  und  durch  Unterordnung  unter 
das  Allgemeine  den  Zwecken  des  Auffassens  der  Wirklichkeit  unterworfen ; 
die  Veränderlichkeit  des  intuitiv  Gegebenen  wird  in  einer  Beziehung  von 
Begriffen  zu  allgemeingültiger  Repräsentation  erhoben;  das  Konkrete  wird 
durch  Abstraktion  und  analytisches  Verfahren  in  gleichartige  Reihen  ge- 
bracht, welche  Aussage  von  Regelmäßigkeiten  gestatten,  oder  durch  Ein- 
teilungen in  seiner  Gliederung  aufgefaßt.  Das  Auffassen  schöpft  so  das 
im  Gegebenen  uns  Zugängliche  immer  mehr  aus. 


In  zwei  Richtungen  sind  die  Erlebnisse  logisch  verbunden,  welche  dem 
gegenständlichen  Auffassen  angehören.  In  der  einen  sind  die  Erlebnisse  auf- 
einander bezogen,  sofern  sie  als  Stufen  im  Auffassen  desselben  Gegenstandes 
ihn  durch  das  im  Erleben  oder  Anschauen  Enthaltene  zu  erschöpfen  suchen. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        57 

und  in  der  andern  verbindet  die  Auffassung  einen  Tatbestand  mit  dem 
andern  durch  die  zwischen  ihnen  aufgefaßten  Beziehungen.  Dort  entsteht 
die  Vertiefung  in  den  einzelnen  Gegenstand  und  hier  die  universale  Aus- 
breitung. Die  Vertiefung  und  die  Ausbreitung  sind  voneinander  abhängig. 
Anschauung,  Erinnerung,  Totalvorstellung,  Namengebung,  Urteil,  Unter- 
ordnung des  Besonderen  unter  das  Allgemeine,  Verbindung  von  Teilen  zu 
einem  Ganzen  —  das  alles  sind  Weisen  des  Auffassens:  ohne  daß  der  Gegen- 
stand zu  wechseln  braucht,  ändert  sich  die  Art  und  Weise  des  Bewußt- 
seins, in  der  er  fiir  uns  da  ist,  wenn  man  von  Anschauung  zur  Erinnerung 
oder  zum  Urteil  übergeht.  Die  ihnen  gemeinsame  Richtung  auf  denselben 
Gegenstand  verbindet  sie  zu  einem  teleologischen  Zusammenhang.  In  dem- 
selben haben  nur  diejenigen  Erlebnisse  eine  .Stelle,  welche  in  der  Richtung 
auf  Erfassung  dieses  bestimmten  Gegenständlichen  eine  Leistung  vollziehen. 
Von  diesem  teleologischen  Charakter  des  hier  vorliegenden  Zusammen- 
hanges ist  der  Fortgang  innerhalb  desselben  von  Glied  zu  Glied  bedingt. 
Solange  das  Erlebnis  noch  nicht  erschöpft  oder  die  in  den  Einzelanschau- 
ungen stückweise  und  einseitig  gegebene  Gegenständlichkeit  noch  nicht 
zu  voller  Auffassung  und  vollständigem  Ausdruck  gekommen  ist,  besteht 
immer  ein  Ungenüge,  und  dieses  fordert  weiterzuschreiten.  Wahrnehmungen, 
die  denselben  Gegenstand  betreffen,  sind  aufeinander  in  teleologischem  Zu- 
sammenhang bezogen,  sofern  sie  am  selbigen  Gegenstand  fortschreiten. 
So  fordert,  eine  sinnliche  Einzelwahrnehmung  immer  mehrere,  welche  die 
Auffassung  des  Gegenstandes  ergänzen.  In  diesem  Vorgang  der  Ergänzung 
ist  schon  die  Erinnerung  als  eine  weitere  Form  des  Auffa-ssens  erforder- 
lich. Sie  steht  innerhalb  des  Zusammenhangs  des  gegenständlichen  Auf- 
fassens in  dem  festen  Verhältnis  zu  der  Anschauungsgrundlage,  daß  sie  die 
Funktion  hat,  diese  Grundlage  abzubilden,  zu  erinnern  und  so  dem  gegen- 
ständlichen Auffassen  verwertbar  zu  erhalten.  Hier  zeigt  sich  sehr  deutlich 
der  Unterschied  der  Auffassung  des  Erinnerungserlebnisses,  welche  den  ihm 
zugrunde  liegenden  Prozeß  nach  seinen  Gleichförmigkeiten  studiert,  und 
unserer  Betrachtung  der  Erinnerung  nach  ihrer  Funktion  im  Auffassungs- 
zusamraenhang,  nach  welcher  sie  das  Erlebte  oder  Aufgefaßte  abbildet. 
Die  P>innerung  kann  an  sich  unter  einem  Eindruck  oder  dem  Einfluß  einer 
GemOtslage  mannigfache  von  ihrer  Grundlage  unterschiedene  Inhalte  in  sich 
aufnehmen:  gerade  hier  haben  die  ästhetischen  Phantasiebilder  ihren  Ur- 
sprung :  aber  die  in  dem  angegebenen  teleologischen  Zusammenhang  auf  Er- 
Phil.-hist.  Klasxr.    WIO.    Ab/,,  f.  8 


58  Dilthey: 

fassung  des  Gegenstandes  stehende  Erinnerung  hat  die  Richtung  auf  Identität 
mit  dem  Anschauungs-  oder  Erlebnisinhalt  der  Gegenstandsauffassung.  Daß 
die  Erinnerung  ihre  Funktion  im  gegenständlichen  Auffassen  erfiillt  hat,  be- 
währt sich  an  der  Möglichkeit,  ihre  Ähnlichkeit  mit  der  Wahrnehmungs- 
grundlage der  Gegenstandsauffassung  festzustellen.  In  dieser  Richtung  der 
Auffassungserlebnisse  auf  einen  einzelnen  Gegenstand  ist  schon  der  Fortgang 
zu  immer  Neuem  gegc1)en.  Die  Veränderungen  an  dem  Gegenstand  weisen 
auf  den  Wirkungszusammenhang,  in  dem  er  sich  befindet,  und  da  der  Sach- 
verhalt nur  durch  die  Mittel  von  Namen,  Begriffen,  Urteilen  aufgeklärt 
werden  kann,  wird  weiter  ein  Fortgang  von  der  Einzelanschauung  zum 
Allgemeinen  erforderlich.  Ist  hiernach  in  dieser  ersten  Richtung  der  Fort- 
gang zum  Ganzen,  zum  Wirkenden  und  zum  Allgemeinen  gefordert,  so 
entspricht  dieser  Aufgabe  der  Fortgang  von  den  Relationen,  die  im  Einzel- 
objekt vorfindlich  sind,  zu  denen,  die  in  größeren  gegenständlichen  Zu- 
sammenhängen stattfinden.  So  führt  die  erste  Richtung  der  Beziehungen 
in  eine  zweite  über. 

In  jener  ersten  Richtung  waren  diejenigen  Auffassungserlebnisse  auf- 
einander bezogen,  welche  denselben  Gegenstand  durch  verschiedene  Formen 
der  Repräsentation  hindurch  immer  angemessener  aufzufassen  streben.  In 
dieser  zweiten  sind  die  Erlebnisse  verbunden,  die  sich  auf  immer  neue  Ge- 
genstände erstrecken  und  die  zwischen  ihnen  bestehenden  Relationen  erfassen, 
sei  es  in  derselben  Form  des  Auffassens  oder  durch  die  Verbindung  verschie- 
dener Formen  desselben.  Es  entstehen  umfassende  Beziehungen.  Sie  liegen 
besonders  deutlich  in  den  homogenen  Systemen,  welche  Raum-,  Ton-  oder 
Zahlenverhältnisse  darstellen'.  Jede  Wissenschaft  bezieht  sich  auf  eine  ab- 
grenzbare Gegenständlichkeit,  in  der  ihre  Einheit  liegt,  und  der  Zusammen- 
hang des  Wissenschaftsgebietes  gibt  den  Sätzen  des  Wissens  in  ihm  ihre 
Zusammengehörigkeit.  Die  Vollendung  aller  im  Erlebten  oder  Angeschauten 
enthaltenen  Relationen  wäre  der  Begriff  der  Welt.  In  ihm  ist  die  Forderung 
ausgesprochen,  alles  Erlebbare  und  Anschaubare  durch  den  Zusammenhang 
der  in  demselben  enthaltenen  Relationen  des  Tatsächlichen  auszusprechen. 
Dieser  Begriff  der  Welt  ist  die  Explikation  des  Zusammen,  das  zunächst 
im  räumlichen  Horizont  gegeben  ist. 


'    Ideen  über  beschreibende  und  zergliedernde  Psychologie.    Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad. 
d.  Wiss.  1894,  S.  1352  [44]. 


Der  Aufbau  der  geschichllkhen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        59 

Aufklärung,  Abbildung  und  Vertretung  sind  Stufen  der  Beziehung  zum 
Gegebenen,  in  denen  das  gegenständliche  Auffassen  sich  dem  Weltbegriff 
nähert.  Sie  sind  Stufen,  weil  in  jeder  dieser  Stellungen  des  gegenständ- 
lichen Auffassens  die  frühere  die  Grundlage  für  die  nächste  Lage  des  gegen- 
ständlichen Auflfassens  bildet'. 


Zweiter  Abschnitt. 
Die  Struktur  der  Geisteswissenschafteil. 

Indem  nun  dieser  Zusammenhang  des  gegenständlichen  Auffassens  unter 
die  Bedingungen  tritt,  die  in  den  Geisteswissenschaften  enthalten  sind,  ent- 
steht deren  besondere  Struktur.  Auf  der  Grundlage  der  Denkformen  imd  der 
allgemeinen  Denkleistungen  machen  sich  hier  besondere  Aufgaben  geltend, 
und  sie  finden  ihre  Lösung  im  Ineinandergreifen  eigener  Methoden. 

In  der  Ausbildung  dieser  Verfahrungsweisen  sind  die  Geisteswissen- 
schaften  überall  von   den  Naturwissenschaften   beeinflußt  gewesen.     Denn 


'  Von  hier  aus  eröffnet  sich  der  Einblick  in  die  logische  Aufgabe,  die  Formen  des 
diskursiven  Denkens  auf  Ausdnicksweisen  der  Verhältnisse  im  Gegebenen  zu  reduzieren,  wie 
sie  durch  die  elementaren  Denkleistiingen  herausgestellt  werden.  Durch  die  Tatsachen  im 
Gebiet  des  sinnlichen  Auffassens  werden  wir  zur  Einsicht  in  die  Immanenz  der  Ordnung  im 
Stoff  unserer  sinnlichen  Erfahrung  geführt,  und  die  Sonderung  des  Stoffs  der  Eindrücke 
von  den  Formen  der  Zusammenfassung  erweist  sich  als  bloßes  Hilfsmittel  dej-  Abstraktion. 
Der  Satz  der  Identität  besagt,  daß  jede  Setzung  unabhängig  von  ihren  wechselnden  Stellen 
im  Denkzusammenhang  und  dem  Wechsel  in  den  Subjekten  der  Aussage  gültig  ist.  Der  Satz 
des  Widerspruchs  hat  den  der  Identität  zur  Unterlage.  Es  tritt  in  ilnn  zum  Satz  der  Identität 
die  Verneinung,  diese  ist  nur  die  Ablehnung  einer  in  oder  außer  uns  sich  darbietenden  An- 
nahme, sie  bezieht  sich  immer  auf  eine  schon  vorausgesetzte  Aussage,  mag  diese  nun  in  einem 
bewußten  Denkakt  oder  in  einer  andern  Form  enthalten  sein.  Nun  schreibt  der  Satz  der 
Identität  der  Setzung  konstante  Geltung  zu.  Darum  ist  die  .Aufhebung  dieser  Setzung  aus- 
geschlossen. Wir  sind  nicht  iinstaiule,  dasselbe  zu  behaupten  und  zu  verneinen,  sofern  uns 
das  Verhältnis  des  Widersjiruchs  zum  Bewußtsein  kommt.  Wenn  ich  nun  das  verneinende 
Urteil  für  falsch  erkläre,  so  lehne  ich  ab,  die  Setzung  aufzuheben,  bestätige  also  die  bejahende 
,\ussage:  diesen  Sachverhalt  spricht  der  Satz  des  ausgeschlossenen  Dritten  aus.  So  be- 
zeichnen also  die  Denkgesetze  keine  apriorischen  Bedingungen  für  unser  Denken.  Und 
die  Verliältnisse,  die  im  Gleichsetzen,  Trennen,  Abstrahieren,  Beziehen  enthalten  sind,  finden 
sich  wieder  in  den  diskursiven  Denkoperationen  wie  in  den  formalen  Kategorien,  von  denen 
später  die  Rede  sein  wird.  Die  Annahme,  daß  das  Urteil  das  Hinzutreten  des  kategorialen 
Verhältnisses  von  Ding  und  Eigenschaften  voraussetze,  ist  unnötig,  da  es  aus  der  Beziehung 
zwischen  dem  Gegenstand  und  dem  von   iiim   Prädizierten  verstanden   wenlen  kann. 

8» 


60  Öilthey: 

da  diese  ihre  Methoden  fiTiher  entwickelt  haben,  so  hat  sich  in  weitem 
Umfang  eine  Anpassung  derselben  an  die  Aufgaben  der  Geisteswissenschaften 
vollzogen.  An  zwei  Punkten  tritt  dies  besonders  deutlich  hervor.  In  der 
Biologie  sind  die  vergleichenden  Methoden  zuerst  aufgefunden,  die  dann 
auf  die  systematischen  Geisteswissenschaften  in  immer  weiterem  Umfang 
angewandt  wurden,  und  experimentelle  Methoden,  welche  Astronomie  und 
Physiologie  ausgebildet  hatten,  sind  auf  Psychologie,  Ästhetik  und  Päda- 
gogik übertragen  worden.  Auch  wird  sich  beim  Verfahren  zur  Lösung 
einzelner  Aufgaben  heute  noch  der  Psychologe,  Pädagoge,  Linguist  oder 
Ästhetiker  oftmals  fragen,  ob  die  zur  Auflösung  analoger  Probleme  in  den 
Naturwissenschaften  aufgefundenen  Mittel  und  Methoden  für  sein  eigenes 
Gebiet  fruchtbar  gemacht  werden  können. 

Aber  trotz  solcher  einzelnen  Berührungspunkte  ist  der  Zusammenhang 
der  geisteswissenschaftlichen  Verfahrungsweisen  schon  von  ihrem  Ausgangs- 
punkte ab  verschieden  von  dem  der  Naturwissenschaften. 

■     '  Erstes  Kapitel. 

Das  Leben  und  die  Geisteswissenschaften. 

Ich  habe  es  hier  nur  mit  den  allgemeinen  Sätzen,  welche  für  die  Ein- 
sicht in  den  Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  entscheidend  sind,  zu 
tun,  denn  die  Darstellung  der  Methoden  gehört  der  Darlegung  des  Auf- 
])aus  der  Geisteswissenschaften  an.  Zwei  Namenerklärungen  sende  ich  vor- 
aus. Unter  psychischen  Lebenseinheiten  werde  ich  die  Bestandteile  der 
gesellschaftlich-geschichtlichen  Welt  verstehen.  Mit  psychischer  Struktur 
bezeichne  ich  den  Zusammenhang,  in  welchem  in  den  psychischen  Lebens- 
einheiten verschiedene  Leistungen  miteinander  verbunden  sind. 

I.    Das  Leben. 

Die  Geisteswissenschaften  beruhen  auf  dem  Verhältnis  von  Erlebnis,  Aus- 
druck und  Verstehen.  So  ist  ihre  Entwicklung  abhängig  sowohl  von  der  Ver- 
tiefvmg  der  Erlebnisse  als  auch  von  der  zunehmenden  Richtung  auf  das  Aus- 
schöpfen ihres  Gehaltes,  und  sie  ist  zugleich  bedingt  durch  die  Ausbreitung 
des  Verstehens  auf  die  ganze  Objektivatiou  des  Geistes  und  das  immer  a^oU- 
ständigere  und  methodiscJiere  Herausholen  des  Geistigen  aus  den  verschie- 
denen Lebensäußerungen. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        61 

Der  Inbegriff  dessen,  was  uns  im  Erleben  und  Verstehen  aufgeht,  ist 
das  Leben  als  ein  das  menschliche  Geschlecht  umfassender  Zusammenhang. 
Indem  wii*  nun  dieser  großen  Tatsache  zuerst  gegenübertreten,  die  für  uns 
nicht  nur  der  Ausgangspunkt  der  Geisteswissenschaften,  sondern  auch  der 
Philosophie  ist,  gilt  es,  hinter  die  wissenschaftliche  Bearbeitung  dieser 
Tatsache  zurückzugehen  und  die  Tatsache  selbst  in  ihrem  Rohzustande  auf- 
zufassen.      ,,^  -'" 

Da  treffen  wir  denn,  wo  Leben  als  ein  der  menschlichen  Welt  eigener 
Tatbestand  uns  entgegentritt,  auf  eigene  Bestimmungen  desselben  an  den 
einzelnen  Lebenseinheiten,  auf  Lebensbezöge,  Stellungnahme,  Verhalten, 
Schaffen  an  Dingen  und  Menschen  und  Leiden  durch  sie.  In  dem  be- 
ständigen Untergrund,  aus  dem  die  differenzierten  Leistungen  sich  erhel)en, 
gibt  es  nichts,  das  nicht  einen  Lebensbezug  des  Ich  enthielte.  Wie 
alles  hier  eine  Stellung  zu  ihm  hat,  ebenso  ändert  sich  beständig  die  Zu- 
ständlichkeit  des  Ich  nach  dem  Verhältnis  der  Dinge  und  Menschen  zu 
ihm.  Es  gibt  gar  keinen  Menschen  und  keine  Sache,  die  nur  Gegenstand 
für  mich  wären  und  nicht  Druck  oder  Förderung,  Ziel  eines  StreJ)ens  oder 
Bindung  des  Willens,  Wichtigkeit,  Forderung  der  Rücksichtnahme  und  innere 
Näie  oder  Widerstand,  Distanz  und  Fremdheit  enthielten.  Der  Lebensbezug, 
sei  er  auf  einen  gegebenen  Moment  eingeschränkt  oder  dauernd,  macht  diese 
Menschen  und  Gegenstände  für  mich  zu  Trägern  von  Glück,  Erweiterung 
meines  Daseins,  Erhöhung  meiner  Kraft,  oder  sie  schi-änken  in  diesem  Bezug 
<len  Spielraum  meines  Daseins  ein,  sie  ül)en  einen  Druck  auf  mifli,  sie  ver- 
mindern meine  Kraft.  Und  den  Prädikaten,  die  so  die  Dinge  nur  im  Lebens- 
bezug zu  mir  erhalten,  entspricht  der  aus  ihm  stammende  Wechsel  der  Zu- 
stände in  mir  selbst.  Auf  diesem  Untergrund  des  Lebens  treten  dann  gegen- 
ständliches Auffassen,  Wfrtgeben,  Zweeksetzen  als  Typen  des  Verhaltens 
in  unzälüigen  Nuancen,  die  ineinander  übergehen,  hervor.  Sie  sind  im 
Lebenslauf  zu  inneren  Zusammenhängen  verbunden,  welche  alle  Betätigung 
und  Entwicklung  umfassen  und  bestimmen. 

Verdeutlichen  wir  dies  an  der  Art,  wie  der  lyrische  Dichter  das  Er- 
lebnis ziun  Ausdruck  bringt;  er  geht  von  einer  Situation  aus  und  läßt  nun 
Menschen  und  Dinge  in  einem  Lebensbezug  zu  einem  ideellen  Ich  erblicken, 
in  welchem  sein  eigenes  Dasein  und  iimerhalb  des.selben  sein  Erlebnisverlauf 
in  der  Phantasie  gesteigert  ist:  dieser  Lebensbezug  bestimmt,  was  der  echte 
Lyriker  von   den  Menschen,    von  den  Dingen,    von   sich   selbst   sieht  und 


fi2  D  r  L  T  H  E  Y  : 

fuisdräckt.  Ebenso  darf  der  Epiker  nur  sagen,  was  in  einem  dargestellten 
Lebensbezug  heraustritt.  Oder  wenn  der  Historiker  geschichtliche  Situ- 
ationen und  Personen  schildert,  so  wird  er  den  Eindruck  des  wirklichen 
Lebens  um  so  stärker  erwecken,  je  mehr  er  von  diesen  Lebensbezügen 
er])licken  läßt.  F,v  muß  die  in  diesen  Lebensbezügen  hervortretenden  und 
wirksamen  Eigenschaften  der  Menschen  und  Dinge  herausheben  —  ich 
möchte  sagen  den  Personen,  Sachen,  Vorgängen  die  Gestalt  und  Färbung 
geben,  in  der  vom  Gesichtspunkt  des  Lebensbezugs  aus  Wahrnehmungen 
und  Erinnerungsbilder  sie  im  Leben  selber  geformt  haben. 

2.    Die  Lebenserfahrung. 

Das  gegenständliche  Auffassen  verläuft  in  der  Zeit,  und  so  sind  in  ihm 
schon  Erinnerungsnachbilder  enthalten.  Wie  nun  mit  dem  Fortrücken  der 
Zeit  das  Erlebte  sich  beständig  mehrt  und  immer  weiter  zurücktritt,  entsteht 
die  Erinnerung  an  den  eigenen  Lebensverlauf.  Ebenso  bilden  sich  aus  dem 
Verstehen  anderer  Personen  Erinnerungen  ihrer  Zustände  und  Existenzbilder 
der  verschiedenen  Situationen.  Und  zwar  ist  in  all  diesen  Erinnerungen 
stets  Zuständlichkeit  mit  ihrem  Milieu  von  äußeren  Sachverhalten,  Ereig- 
nissen, Personen  verbunden.  Aus  der  Verallgemeinerung  des  so  Zusammen- 
kommenden bildet  sich  die  TiCbenserfahrung  des  Individuums.  Sie  entsteht 
in  Verfahrungsweisen,  die  denen  der  Induktion  äquivalent  sind.  Die  Zahl 
der  Fälle,  aus  denen  diese  Induktion  schließt,  nimmt  im  Lebensverlauf  be- 
ständig zu;  die  Verallgemeinerungen,  die  sich  bilden,  werden  immerfort 
berichtigt.  Die  Sicherheit,  die  der  persönlichen  Lebenserfahrung  zukommt, 
ist  unterschieden  von  der  wissenschaftlichen  Allgemeingültigkeit.  Denn 
diese  Verallgemeinerungen  vollziehen  sich  nicht  methodisch  und  können 
nicht  auf  feste  Formeln  gebracht  werden. 

Der  individuelle  Gesichtspunkt,  welcher  der  persönlichen  Lebenserfah- 
rung anhaftet,  berichtigt  und  erweitert  sich  in  der  allgemeinen  Lebens- 
erfahrung. Unter  dieser  verstehe  ich  die  Sätze,  die  in  irgendeinem  zuein- 
andergehörigen  Kreise  von  Personen  sich  bilden  und  ihnen  gemeinsam  sind. 
Es  sind  Aussagen  über  den  Verlauf  des  Lebens,  Werturteile,  Regeln  der 
Lebensführung,  Bestimmungen  von  Zwecken  und  Gütern.  Ihr  Kennzeichen 
ist,  daß  sie  Schöpfungen  des  gemeinsamen  Lebens  sind.  Und  sie  betreffen 
ebensosehr  das  Leben  der  einzelnen  Menschen  als  das  der  Gemeinschaften. 
In  der  ersteren  Rücksicht  üben  sie,  als  Sitte,  Herkommen  und  in  der  An- 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        63 

Wendung  auf  die  einzelne  Person  als  öffentliche  Meinung,  kraft  des  Ubei-- 
gewichts  der  Zahl  und  der  über  das  Einzelleben  hinausreichenden  Dauer  der 
Gemeinschaft  eine  Macht  über  die  P'inzelperson  und  deren  individuelle  Lebens- 
erfahrung und  Lebensmacht,  welche  dem  Lebenswillen  der  Einzelnen  in  der 
Regel  überlegen  ist.  Die  Sicherheit  dieser  allgemeinen  Lebenserfahrung  ist 
der  persönlichen  gegenüber  in  dem  Verhältnis  größer,  als  die  individuellen 
Gesichtspunkte  sich  in  ihr  gegeneinander  ausgleichen  und  die  Zahl  der  Fälle, 
die  den  Induktionen  zugrunde  liegen,  zunimmt.  Anderseits  macht  sich  in 
dieser  allgemeinen  Erfahrung  die  Unkontrollierbarkeit  der  Entstehung  ihres 
Wissens   vom   Leben   noch   viel   stärker  als   in   der  individuellen   geltend. 

3.  Unterschiede  der  Verhaltungsweisen  im  Leben  und  Klassen 
der  Aussage  in  der  Lebenserfahrung. 

In  der  Lebenserfahrung  treten  nun  verschiedene  Klassen  von  Aussagen 
auf,  welche  auf  Unterschiede  des  Verhaltens  im  Leben  zurückgehen.  Denn 
das  Leben  ist  ja  nicht  nur  die  Quelle  des  Wissens,  nach  seinem  Erfahrungs- 
gehalt angesehen:  die  typischen  Verhaltungsweisen  der  Menschen  bedingen 
auch  die  verschiedenen  Klassen  der  Aussagen.  Vorläufig  soll  hier  nur  die 
Tatsache  dieser  Beziehung  zwischen  der  Verschiedenheit  im  Lebensver- 
halten  \md  den  Aussagen  der  Lebenserfahrung  festgestellt  werden. 

In  den  einzelneu  tatsächlichen  Lebensbezügen,  die  zwischen  dem  Ich 
einerseits  und  Dingen  und  Menschen  anderseits  auftreten,  entstehen  die 
einzelnen  Zustände  des  Lebens:  differenzierte  Lagen  des  Selbst,  Gefühle 
von  Druck  oder  Steigerung  des  Daseins,  Verlangen  nach  einem  Gegenstand, 
Furcht  oder  Hoffnung.  Und  wie  nun  Dinge  oder  Menschen,  die  eine  Forde- 
rung an  das  Selbst  stellen,  einen  Raum  in  seinem  Dasein  einnehmen,  wie 
sie  Träger  von  Förderungen  oder  Hemmungen,  Gegenstände  des  Verlangens, 
der  Zwecksetzung,  der  Abwendung  sind,  entstehen  anderseits  aus  diesen 
Lebensbezügen  die  zu  der  Wirklichkeitsauffassung  von  Menschen  und 
Dingen  hinzutretenden  Bestimmungen  über  sie.  Alle  diese  Bestimmungen 
des  Selbst  und  der  Gegenstände  oder  Personen,  wie  sie  aus  den  Lebens- 
bezügen  hervorgehen,  werden  zur  Besinnung  erhoben  und  in  der  Sprache 
ausgedrückt.  So  treten  in  dieser  Unterschiede  wie  Wirklichkeitsaussage, 
Wunsch,  Ausrufung,  Imperativ  auf.  Überblickt  man  die  Ausdrücke  liir 
die  Verhaltungsweisen,  für  die  Stellungnahmen  des  Selbst  zu  den  Menschen 
und  Dingen,  so  zeigt  sich,  daß  sie  unter  gewisse  oberste  Klassen  fallen.    Sie 


64  Dilthey: 

stellen  eine  Wirklichkeit  fest,  sie  werten,  sie  bezeichnen  eine  Zwecksetzung, 
sie  formulieren  eine  Regel,  sie  sprechen  die  Bedeutung  einer  Tatsache  in 
dem  größeren  Zusammenhang,  in  den  sie  verflochten  ist,  aus.  Weiter 
zeigen  sich  Beziehungen  zwischen  diesen  in  der  Lebenserfahrung  enthal- 
tenen Arten  der  Aussage.  Die  Wirklichkeitsauffassungen  bilden  eine  Schicht, 
auf  der  die  Wertungen  beruhen,  und  die  Schicht  der  Wertungen  ist  weiter 
die  Unterlage  für  Zwecksetzungen. 

Die  in  den  Lebensbezügen  enthaltenen  Verhaltungsweisen  und  ihre  Er- 
zeugnisse werden  gegenständlich  gemacht  in  Aussagen,  die  diese  Verhal- 
tungsweisen als  Tatbestände  feststellen.  Ebenso  werden  die  Prädizierungen 
von  Menschen  und  Dingen,  die  aus  den  Lebensbezügen  hervorgehen,  ver- 
selbständigt. Diese  Tatbestände  werden  in  der  Lebenserfahrung  durch  ein 
der  Induktion  äquivalentes  Verfahren  zu  allgemeinem  Wissen  erhoben.  So 
entstehen  die  mannigfachen  Sätze,  die  als  Sprichwörter,  Lebensregeln,  Re- 
flexionen über  Leidenschaften,  Charaktere  und  Werte  des  Lebens  in  der 
generalisierenden  Volksweisheit  und  in  der  Literatur  hervorgetreten  sind. 
Und  auch  in  ihnen  kehren  nun  die  Unterschiede  wieder,  die  an  den  Aus- 
drücken unserer  Stellungnahme  oder  Verhaltungsweise  bemerkbar  sind. 

Noch  weitere  Unterschiede  machen  sich  in  den  Aussagen  der  Lebens- 
erfahrung geltend.  Schon  im  Leben  selbst  entwickeln  sich  Wirklichkeits- 
erkenntnis, Wertung,  Regelgebung,  Zwecksetzung  in  verschiedenen  Stufen, 
deren  jede  die  andere  zu  ihrer  Voraussetzung  hat.  Im  gegenständlichen 
Auffassen  sind  solche  aufgezeigt  worden;  aber  sie  bestehen  ebenso  in  den 
andern  Verhaltungsweisen.  So  setzt  die  Abschätzung  der  Wirkungswerte 
von  Dingen  oder  Menschen  voraus,  daß  die  in  den  Gegenständen  enthaltenen 
Möglichkeiten,  Nutzen  oder  Schaden  zu  stiften,  festgestellt  worden  sind, 
und  ein  Entschluß  wird  erst  möglich  durch  die  Erwägung  des  Verhältnisses 
von  Zielvorstellungen  zur  Wirklichkeit  und  den  in  ihr  gegebenen  Mitteln, 
diese  Vorstellungen  zu  realisieren. 

4.  Ideelle  Einheiten  als  Träger  des  Lebens  und  der  Lebens- 
erfahrung. 
Ein   unendlicher  Lebensreichtum   entfaltet   sich    in   dem  individuellen 
Dasein  der  einzelnen  Personen  vermöge  ihrer  Bezüge  zu  ihrem  Milieu,  zu 
anderen  Menschen   und  Dingen.     Aber  jedes  einzelne  Individuum   ist  zu- 
gleich ein  Kreuzungspunkt  von  Zusammenhängen,  welche  durch  die  Indi- 


Der  Aufbau  der  geschkMlicJien  Well  in  den  Geisleswissenschaften.  I.        65 

viduen  hindurchgehen,  in  denselben  bestehen,  aber  über  ihr  Leben  hinaus- 
reichen und  die  durch  den  Gehalt,  den  Wert,  den  Zweck,  der  sich  in  ihnen 
realisiert,  ein  selbständiges  Dasein  und  eine  eigene  Entwicklung  besitzen. 
Sie  sind  so  Subjekte  ideeller  Art.  Es  wohnt  denselben  irgendein  Wissen 
von  der  Wirklichkeit  bei;  es  entwickeln  sich  in  ihnen  Gesichtspunkte  der 
Wertschätzung;  Zwecke  werden  in  ihnen  realisiert;  sie  haben  im  Zusammen- 
hang der  geistigen  Welt  eine  Bedeutung  und  behaupten  diese. 

Dies  ist  schon  in  einigen  Systemen  der  Kultur  der  Fall,  in  denen 
eine  ihre  Glieder  zusammenfassende  Organisation  nicht  besteht,  wie  durch- 
gängig in  der  Kunst  und  der  Philosophie.  Weiter  dann  entstehen  organi- 
sierte Verbände.  So  schafft  sich  das  wirtschaftliche  Leben  Genossenschaften; 
in  der  Wissenschaft  entstehen  Zentren  zur  Verwirklichung  ihrer  Aufgaben; 
die  Religionen  entwickeln  unter  allen  Kultursystemen  die  festesten  Organi- 
sationen. In  der  Familie,  in  verschiedenen  Zwischenformen  zwischen  ihr 
und  dem  Staat  und  in  diesem  selber  findet  sich  die  höchste  Ausbildung 
einheitlicher  Zwecksetzung  innerhalb  einer  Gemeinschaft. 

Jede  organisierte  Einheit  eines  Staates  entwickelt  eine  Kenntnis  ihrer 
selbst  wie  der  Regeln,  an  die  ihr  Bestand  gebunden  ist  und  ihrer  Lage  zum 
Ganzen.  Sie  genießt  die  Werte,  die  sich  in  ihrem  Schoß  entwickelt  haben;  sie 
realisiert  die  Zwecke,  die  in  ihrem  Wesen  liegen  imd  zur  Erhaltung  und  Förde- 
rung ihres  Daseins  dienen.  Sie  ist  selbst  ein  Gut  der  Menschheit  imd  verwirk- 
licht Güter.  Im  Zusammenhang  der  Menschheit  hat  sie  eine  eigene  Bedeutung. 

Der  Punkt  ist  erreicht,  an  welchem  sich  nun  Gesellschaft  und  Ge- 
schichte vor  uns  auftun.  Es  wäre  indes  irrtümlicli,  wollte  man  Geschichte  auf 
das  Zusammenwirken  von  Menschen  zu  gemeinsamen  Zwecken  einschränken. 
Der  einzelne  Mensch  in  seinem  auf  sich  selber  ruhenden  individuellen  Dasein 
ist  ein  geschichtliches  Wesen.  Er  ist  bestimmt  durch  seine  Stelle  in  der 
Linie  der  Zeit,  seinen  Ort  im  Raum,  seine  Stellung  im  Zusammenwirken  der 
Kultursysteme  und  der  Gemeinschaften.  Der  Historiker  muß  daher  das  ganze 
Leben  der  Individuen,  wie  es  zu  einer  bestimmten  Zeit  und  an  einem  be- 
stimmten Ort  sich  äußert,  verstehen.  Es  ist  eben  der  ganze  Zusammenhang, 
der  von  den  Individuen,  sofern  sie  auf  die  Entwicklung  ihres  eigenen  Da- 
seins gerichtet  sind,  zu  Kultursystemen  und  Gemeinschaften,  schließlich  zu 
der  Menschheit  geht,  der  die  Natur  der  Gesellschaft  und  der  Geschichte 
ausmaclit.  Die  logischen  Subjekte,  über  die  in  der  Geschichte  ausgesagt  wird, 
sind  ebenso  Einzelindividuen  wie  Gemeinschaften  und  Zusammenhänge. 
PhU.-hUt.  Klasse.   1910.    Abh.  I.  9 


66  Dilthey: 

5,    Hervorgang  der   Geisteswissenschaften   aus    dem   Leben 
der   Einzelnen   und   der  Gemeinschaften. 

Leben,  Lebenserfahrung  und  Geisteswissenschaften  stehen  so  in  einem 
beständigen  inneren  Zusammenhang  und  Wechselverkehr.  Nicht  begrifif- 
liches  Verfahren  bildet  die  Grundlage  der  Geisteswissenschaften,  sondern 
Innewerden  eines  psychischen  Zustandes  in  seiner  Ganzheit  und  Wieder- 
finden desselben  im  Nacherleben.  Leben  erfaßt  hier  Leben,  und  die  Kraft, 
mit  welcher  die  zwei  elementaren  Leistungen  der  Geisteswissenschaften 
vollzogen  werden,  ist  die  Vorbedingung  für  die  Vollkommenheit  in  jedem 
Teil  derselben. 

So  bemerkt  man  auch  an  diesem  Punkt  eine  durchgreifende  Ver- 
schiedenheit zwischen  Natur-  und  Geisteswissenschaften.  Dort  entsteht  die 
Sonderung  unseres  Verkehrs  mit  der  Außenwelt  vom  naturwissenschaft- 
liehen Denken,  dessen  produktive  Leistungen  esoterisch  sind,  und  hier 
erhält  sich  ein  Zusammenhang  zwischen  Leben  und  Wissenschaft,  nach 
welchem  die  gedankenbildende  Arbeit  des  Lebens  Grundlage  fär  das  wissen- 
schaftliche Schaffen  bleibt.  Die  Vertiefung  in  sich  selbst  erlangt  im  Leben 
unter  gewissen  Umständen  eine  Vollkommenheit,  hinter  der  selbst  ein 
Carlyle  zurückbleibt,  und  das  Verstehen  anderer  wird  unter  ihnen  zu 
einer  Virtuosität  ausgebildet,  die  auch  Ranke  nicht  erreicht.  Dort  sind 
große  religiöse  Naturen  wie  Augustinus  und  Pascal  die  ewigen  Muster 
für  die  Erfahrung,  die  aus  dem  eigenen  Erlebnis  schöpft,  und  hier  im 
Verstehen  anderer  Personen  erziehen  Hof  und  Politik  zu  einer  Kunst,  die 
hinter  jeden  Schein  blickt;  ein  Mann  der  Tat  wie  Bismarck,  dem  seiner 
Natur  nach  bei  jedem  Brief,  den  er  schreibt,  jedem  Gespräch,  das  er  fuhrt, 
seine  Ziele  gegenwärtig  sind,  wird  in  der  Kunst,  hinter  dem  Ausdruck 
Absichten  zu  lesen,  von  keinem  Ausleger  politischer  Akten  und  keinem 
Kritiker  historischer  Berichte  erreicht  werden.  Zwischen  der  Auffassung 
eines  Dramas  in  einem  Zuhörer  von  starker  poetischer  Empfänglichkeit 
und  der  vortrefflichsten  literarhistorischen  Analyse  besteht  in  vielen  Fällen 
kein  Abstand.  Und  auch  die  Begriffsbildung  ist  in  den  Geschieh ts-  und 
Gesellschaftswissenschaften  durch  das  Leben  selber  beständig  bestimmt. 
Ich  weise  auf  den  Zusammenhang  hin,  der  vom  Leben,  von  der  Begriffs- 
bildung über  Schicksal,  Charaktere,  Leidenschaften,  Werte  und  Zwecke 
des    Daseins   beständig   zu   der   Geschichte   als  Wissenschaft  hinüberfuhrt. 


Der  Aufbau  der  gescMchtlkhen  WfU  in  den  GeiKteswissenscliaften.  1.        67 

In  der  Zeit,  in  welcher  in  Frankreich  politisches  Wirken  mehr  auf  Kenntnis 
der  Menschen  und  der  leitenden  Persönlichkeiten  als  auf  einem  wissen- 
schaftlichen Studium  des  Rechts,  der  Wirtschaft  und  des  Staats  begründet 
war  und  die  Stellung  im  Hofleben  auf  solcher  Kunst  beruhte,  gelangte 
auch  die  literarische  Form  der  Memoiren  und  der  Schriften  über  Charaktere 
und  Leidenschaften  auf  einen  Höhepunkt,  den  sie  nicht  wieder  erreicht 
hat,  imd  zwar  wurde  sie  von  Personen  ausgeübt,  welche  von  dem  wissen- 
schaftlichen Studium  der  Psychologie  und  Geschichte  wenig  beeinflußt 
waren.  Kin  innerer  Zusammenhang  verbindet  hier  die  Beobachtung  der 
vornehmen  Gesellschaft,  die  Schriftsteller,  die  Dichter,  die  von  ihnen  lernen, 
und  die  systematischen  Philosophen  und  wissenschaftlichen  Historiker,  die 
an  Poesie  und  Literatur  sich  bilden.  Man  sieht  in  den  Anfängen  der 
politischen  Wissenschaft  bei  den  Griechen  die  Entwicklung  der  Begriffe  von 
den  Verfassungen  und  von  den  politischen  Leistungen  in  ihnen  aus  dem 
Staatsleben  selber  entstehen,  und  neue  Schöpfungen  in  diesem  führen  dann 
zu  neuen  Theorien.  Am  deutlichsten  ist  dieses  ganze  Verhältnis  in  den 
älteren  Stadien  der  Rechtswissenschaft  sowohl  bei  den  Römern  als  bei 
den  Germanen. 

6.  Der  Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  mit  dem 
Leben  und  die  Aufgabe  ihrer  Allgemeingültigkeit. 
So  bildet  der  Ausgang  vom  Leben  und  der  dauernde  Zusammenhang 
mit  ihm  den  ersten  Grundzug  in  der  Struktur  der  Geisteswissenschaften; 
beruhen  sie  doch  auf  Erleben,  Verstehen  und  Lebenserfahrung.  Dieses  un- 
mittelbare Verhältnis,  in  dem  das  Leben  und  die  Geisteswissenschaften  zu- 
einander stehen,  ftlhrt  in  den  Geisteswissenschaften  zu  einem  Widerstreit 
zwischen  den  Tendenzen  des  Lebens  und  ihrem  wissenschaftlichen  Ziel. 
Wie  Historiker,  Nationalökonomen,  Staatsrechtslehrer,  Religionsforscher  im 
Leben  stehen,  wollen  sie  es  beeinflussen.  Sie  unterwerfen  geschichtliche 
Personen,  Massenbewegungen,  Richtungen  ihrem  Urteil,  und  dieses  ist  von 
ihrer  Individualität,  der  Nation,  der  sie  angehören,  der  Zeit,  in  der  sie  leben, 
bedingt.  Selbst  wo  sie  voraussetzungslos  zu  verfahren  glauben,  sind  sie  von 
diesem  ihrem  Gesichtskreis  bestimmt;  zeigt  doch  jede  Analyse,  die  an  den 
Begriffen  einer  vergangenen  Generation  vorgenommen  wird,  in  diesen  Be- 
griffen Bestandteile,  die  aus  den  Voraussetzungen  der  Zeit  entstanden  sind. 
Zugleich  aber  ist  doch  in  jeder  Wissenschaft  als  solcher  die  Forderung  der 


68  Di 


L  T  H  E  Y  ; 


Allgemeingültigkeit  enthalten.  Soll  es  Geisteswissenschaften  in  dem  stren- 
gen Verstände  von  Wissenschaft  geben,  so  müssen  sie  immer  bewußter  und 
kritischer  dies  Ziel  sich  setzen. 

Auf  dem  Widerstreit  dieser  beiden  Tendenzen  beruht  ein  großer 
Teil  der  wissenschaftlichen  Gegensätze,  die  sich  in  der  letzten  Zeit  in  der 
Logik  der  Geisteswissenschaften  geltend  gemacht  haben.  Am  stärksten 
äußert  dieser  Widerstreit  sich  in  der  Geschichtswissenschaft.  So  ist  sie 
auch  zum  Mittelpunkte  dieser  Diskussion  geworden. 

Die  Auflösung  dieses  Widerstreites  vollzieht  sich  erst  im  Aufbau  der 
Geisteswissenschaften;  doch  enthalten  schon  die  weiteren  allgemeinen  Sätze 
über  den  Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  das  Prinzip  dieser  Auf- 
lösung. Unser  bisheriges  Ergebnis  bleibt  bestehen.  Leben  und  Lebens- 
erfahrung sind  die  immer  frisch  fließenden  Quellen  des  Verständnisses  der 
gesellschaftlich-geschichtlichen  Welt;  das  Verständnis  dringt  vom  Leben 
aus  in  immer  neue  Tiefen;  nur  in  der  Rückwirkung  auf  Leben  und  Ge- 
sellschaft erlangen  die  Geisteswissenschaften  ihre  höchste  Bedeutung,  und 
diese  Bedeutung  ist  in  beständiger  Zunahme  begriffen.  Aber  der  Weg  zu 
dieser  Wirkung  muß  durch  die  Objektivität  der  wissenschaftlichen  Erkennt- 
nis gehen.  Das  Bewußtsein  hiervon  Avar  schon  in  der  großen  schöpfe- 
rischen Epoche  der  Geisteswissenschaften  wirksam.  Nach  manchen  Stö- 
rungen, die  im  Gang  unserer  nationalen  Entwicklung,  doch  ebenso  aucli 
in  der  Anwendung  eines  einseitigen  Kulturideals  seit  Jakob  Burckhardt 
gelegen  haben,  sind  wir  heute  vom  Streben  erfüllt,  diese  Objektivität  der 
Geisteswissenschaften  immer  voraussetzungsloser,  kritischer,  strenger  heraus- 
zuarbeiten. Ich  finde  das  Prinzip  für  die  Auflösung  des  Widerstreits 
in  diesen  Wissenschaften  in  dem  Verständnis  der  geschichtlichen  Welt  als 
einen  Wirkui)gszusammenhangs,  der  in  sich  selbst  zentriert  ist,  indem  jeder 
einzelne  in  ihm  enthaltene  Wirkungszusammenhang  durch  die  Setzung  von 
Werten  und  die  Realisierung  von  Werten  seinen  Mittelpunkt  in  sich  selber 
hat,  alle  aber  strukturell  zu  einem  Ganzen  verbunden  sind,  in  welchem 
aus  der  Bedeutsamkeit  der  einzelnen  Teile  der  Sinn  des  Zusammenhangs 
der  gesellschaftlich- geschichtlichen  Welt  entspringt:  so  daß  ausschließlich 
in  diesem  strukturellen  Zusammenhang  jedes  Werturteil  und  jede  Zweck- 
setzung, die  in  die  Zukunft  reicht,  gegründet  sein  muß.  Diesem  Ideal- 
prinzip nähern  wir  uns  nun  in  den  nachfolgenden  weiteren  allgemeinen 
Sätzen  über  den  Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        69 

Zweites  Kapitel. 

Die  Verfahrungsweisen,  in  denen  die  geistige  Welt  gegeben  ist 

Der  Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  ist  bestimmt  durch  ihre 
Grundlage  im  Erleben  und  Verstehen,  und  in  beidem  machen  sich  sogleich 
durchgreifende  Unterschiede  von  den  Naturwissenschaften  geltend,  welche 
dem   Aufbau   der  Geisteswissenschaften   seinen    eigenen    Charakter  geben. 

I.    Die  Linie  der  Repräsentationen  vom  Erlebnis  aus. 

Jedes  optische  Bild  ist  von  dem  andern,  das  sich  auf  denselben  Gegen- 
stand bezieht,  durch  den  Gesichtspunkt  und  die  Bedingungen  der  Auffassung 
verschieden.  Diese  Bilder  werden  nun  durch  die  verschiedenen  Arten  des 
gegenständlichen  Auffassens  zu  einem  System  innerer  Beziehungen  verbunden. 
Die  Totalvorstellung,  die  so  aus  der  Reihe  der  Bilder  nach  den  im  Sach- 
verhalt enthaltenen  Grundverhältnissen  entsteht,  ist  ein  Hinzuvorgestelltes, 
Hinzugedachtes.  Dagegen  sind  die  Erlebnisse  in  einer  Lebenseinheit  im  Zeit- 
verlauf aufeinander  bezogen;  jedes  derselben  hat  so  seine  Stelle  in  einem 
Verlauf,  dessen  Glieder  in  der  Erinnerung  miteinander  verbunden  sind.  Ich 
spreche  hier  noch  nicht  von  dem  Problem  der  Realität  dieser  Erlebnisse 
und  ebensowenig  von  den  Schwierigkeiten,  welche  die  Auffassung  eines 
Erlebnisses  enthält:  es  genügt,  daß  die  Art,  wie  das  Erlebnis  für  mich 
da  ist,  ganz  verschieden  von  der  Art  ist,  in  welcher  Bilder  vor  mir  dastehen. 
Das  Bewußtsein  von  einem  Erlebnis  und  seine  Beschaffenheit,  sein  Fürmich- 
dasein  und  was  in  ihm  für  mich  da  ist,  sind  eins :  Das  Erlebnis  steht  nicht 
als  ein  Objekt  dem  Auffassenden  gegenüber,  sondern  sein  Dasein  fiir  mich 
ist  ununterschieden  von  dem,  was  in  ihm  für  mich  da  ist.  Es  gibt  hier 
keine  verschiedenen  Stellen  im  Raum,  von  denen  aus  das,  was  in  ihm  da 
ist,  gesehen  würde.  Und  verschiedene  Gesichtspunkte,  unter  denen  es  auf- 
gefaßt würde,  können  nur  nachträglich  durch  die  Reflexion  entstehen  und 
berühren  es  selber  in  seinem  Erlebnischarakter  nicht.  Es  ist  der  Relativität 
des  sinnlich  Gegebenen  entnommen,  nach  welcher  die  Bilder  nur  in  der 
Relation  zu  dem  Auffassenden,  zu  seiner  Stellung  im  Raum  und  dem 
zwischen  ihm  und  den  Gegenständen  Liegenden  auf  das  Gegenständliche  sich 
beziehen.  Vom  Erlebnis  geht  so  eine  direkte  Linie  von  Repräsentationen 
bis  zu  der  Ordnung  der  Begriffe,    in  der  es  denkend  aufgefaßt  wird.     Es 


70  Dilthey: 

wird  zunächst  aufgeklärt  durch  die  elementaren  Denkleistungen.  Die  Er- 
innerungen, in  denen  es  weiter  aufgefaßt  wird,  haben  hier  eine  eigene 
Bedeutung.  Und  was  geschieht  nun,  wenn  das  Erlebnis  Gegenstand  meiner 
Reflexion  wird?  Ich  liege  des  Nachts  wachend,  ich  sorge  um  die  Möglich- 
keit, begonnene  Arbeiten  in  meinem  Alter  zu  vollenden,  ich  überlege,  was 
zu  tun  sei.  In  diesem  Erlebnis  ist  ein  struktureller  Bewußtseinszusammen- 
hang: ein  gegenständliches  Auffassen  bildet  seine  Grundlage,  auf  dieser 
beruht  eine  Stellungnahme  als  Sorge  um  \md  als  Leiden  über  den  gegen- 
ständlich aufgefaßten  Tatbestand,  als  Streben  über  ihn  hinauszugelangen. 
Und  alles  das  ist  für  mich  in  diesem  seinem  Strukturzusammenhang  da.  Ich 
bringe  den  Zustand  zu  distinguierendem  Bewußtsein.  Ich  hebe  das  strukturell 
Bezogene  heraus,  isoliere  es.  Alles,  was  ich  so  heraushebe,  ist  im  Erlebnis 
selbst  enthalten  und  wird  so  nur  aufgeklärt.  Nun  aber  wird  mein  Auffassen 
vom  Erlebnis  selbst  auf  Grund  der  in  ihm  enthaltenen  Momente  zu  Erlebnissen 
fortgezogen,  welche  im  Verlauf  des  Lebens,  wenn  auch  durch  lange  Zeiträume 
getrennt,  strukturell  mit  solchen  Momenten  verbunden  waren;  ich  weiß  von 
meinen  Arbeiten  durch  eine  frühere  Musterung,  damit  stehen  in  weiter  Feme 
der  Vergangenheit  die  Vorgänge  in  Beziehung,  in  denen  diese  Arbeiten  ent- 
standen. Ein  anderes  Moment  leitet  in  die  Zukunft;  das  Daliegende  wird 
noch  unberechenbare  Arbeit  von  mir  verlangen,  ich  bin  besorgt  darüber, 
ich  richte  mich  innerlich  auf  die  Leistung  ein.  All  dies  Über,  Von  und 
Auf,  all  diese  Beziehungen  des  P>lebten  auf  Erinnertes  und  ebenso  auf  Zu- 
künftiges zieht  mich  fort  —  rückwärts  und  vorwärts.  Das  Fortgezogen- 
werden in  dieser  Reihe  beruht  auf  der  Forderung  immer  neuer  Glieder, 
die  das  Durcherleben  verlangt.  Dabei  kann  auch  ein  aus  der  Geföhlsmacht 
des  Erlebens  hinzutretendes  Interesse  mitwirken.  Es  ist  ein  Fortgezogen- 
werden, keine  Volition,  am  wenigsten  das  abstrakte  Wissenwollen,  auf 
das  seit  Schleiermachers  Dialektik  zurückgegangen  worden  ist.  In  der 
Reihe,  die  so  entsteht,  ist  das  Vergangene  wie  das  Zukünftige,  Mögliche 
dem  vom  Erlebnis  erfällten  Moment  transzendent.  Aber  beides.  Ver- 
gangenes und  Zukünftiges,  sind  auf  das  Erlebnis  bezogen  in  einer  Reihe, 
welche  durch  solche  Beziehungen  zu  einem  Ganzen  sich  gliedert.  Jedes 
Vergangene  ist,  da  seine  Erinnervmg  Wiedererkennen  einschließt,  strukturell 
als  Abbildung  auf  ein  ehemaliges  Erlebnis  bezogen.  Das  künftig  Mögliche 
ist  ebenfalls  mit  der  Reihe  durch  den  von  ihr  bestimmten  Umkreis  von 
Möglichkeiten  verbunden.    So  entsteht  in  diesem  Vorgang  die  Anschauung 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        71 

des  psychischen  Zusammenhangs  in  der  Zeit,  der  den  Lebensverlauf 
ausmacht.  In  diesem  Lebensverlauf  ist  jedes  einzelne  Erlebnis  auf  ein  Ganzes 
bezogen.  Dieser  Lebenszusammenhang  ist  nicht  eine  Summe  oder  ein  In- 
begriff aufeinanderfolgender  Momente,  sondern  eine  durch  Beziehungen,  die 
alle  Teile  verbinden,  konstituierte  Einheit.  Von  dem  Gegenwärtigen  aus 
durchlaufen  wir  rückwärts  eine  Reihe  von  Erinnerungen  bis  dahin,  wo 
unser  kleines  ungefestigtes,  ungestaltetes  Selbst  sich  in  der  Dämmerung 
verliert,  und  wir  dringen  vorwärts  von  dieser  Gegenwart  zu  Möglich- 
keiten, die  in  ihr  angelegt  sind  und  vage,  weite  Dimensionen  annehmen. 
So  entsteht  ein  wichtiges  Resultat  fiir  den  Zusammenhang  der  Geistes- 
wissenschaften. Die  Bestandteile,  Regelmäßigkeiten,  Beziehungen,  welche 
die  Anschauung  des  Lebensverlaufs  konstituieren,  sind  allesamt  im  Leben 
selber  enthalten ;  dem  Wissen  vom  Lebensverlauf  kommt  derselbe  Realitäts- 
charakter zu  wie  dem  vom  Erlebnis. 

2.    Das  Verhältnis  gegenseitiger  Abhängigkeit  im  Verstehen. 

Erfahren  wir  so  in  den  Erlebnissen  die  Lebenswirklichkeit  in  der 
Mannigfaltigkeit  ihrer  Bezüge,  so  scheint  es  doch,  so  angesehen,  immer 
nur  ein  Singulares,  unser  eigenes  Lebten  zu  sein,  von  dem  wir  im 
Ijleben  wissen.  E.s  bleibt  ein  Wissen  aoii  einem  Einmaligen,  und  kein 
logisches  Hilfsmittel  kann  die  in  der  Erfahrungsweise  des  Erlebens  ent- 
haltene Beschränkung  auf  das  tlinmalige  überwinden.  Das  Verstehen  erst 
hebt  die  Beschränkung  des  Individualerlebnisses  auf,  wie  es  anderseits 
dann  wieder  den  persönlichen  Erlebnissen  den  Charakter  v(>n  Lebens- 
erfahrung verleiht.  Wie  es  sich  auf  mehrere  Mens(;hen,  geistige  Schöp- 
fungen und  Gemeinschaften  erstreckt,  (-rweitert  es  den  Horizont  des  Einzel- 
lebens und  macht  in  den  Geistes  Wissenschaften  die  Bahn  frei,  die  durch 
das  Gemeinsame  zum  Allgemeinen  fiihrt. 

Das  gegenseitige  Verst^'hen  versichert  uns  der  Gemeinsamkeit,  die 
zwischen  den  Individuen  besteht.  Die  Individuen  sind  miteinander  durch 
eine  Gemeinsamkeit  verbunden,  in  w(^lcher  Zusammengehören  oder  Zusammen- 
hang, Gleichartigkeit  oder  Verwandtschaft  miteinander  verknüpft  sind.  Die- 
selbe Beziehung  von  Zusammenhang  und  Gleichartigkeit  geht  durch  alle 
Kreise  der  Menschen  weit  hindurch.  Diese  Gemeinsamkeit  äußert  sich  in  der 
Selbigkeit  der  Vernunft,  der  Sympathie  im  Gefühlsleben,  der  gegenseitigen 
Bindung  in  Pflicht  und  Recht,  die  vom  Bewußtsein  des  SoUens  begleitet  ist. 


72  Dilthey: 

Die  Gemeinsamkeit  der  Lebenseinheiten  ist  nun  der  Ausgangspunkt 
für  alle  Beziehungen  des  Besonderen  und  Allgemeinen  in  den  Geisteswissen- 
schaften. Durch  die  ganze  Auffassung  der  geistigen  Welt  geht  solche  Grund- 
erfahrung der  Gemeinsamkeit  hindurch,  in  welcher  Bewußtsein  des  ein- 
heitlichen Selbst  und  das  der  Gleichartigkeit  mit  den  Andern,  Selbigkeit 
der  Menschennatur  und  Individualität  miteinander  verbunden  sind.  Sie  ist 
es,  die  die  Voraussetzung  für  das  Verstehen  bildet.  Von  der  elementaren 
Interpretation  ab,  die  nur  die  Kenntnis  von  der  Bedeutung  der  Worte  und 
von  der  Regelhaftigkeit,  mit  der  sie  in  Sätzen  zu  einem  Sinn  verbunden 
sind,  sonach  Gemeinsamkeit  der  Sprache  und  des  Denkens  fordert,  erweitert 
sich  beständig  der  Umkreis  des  Gemeinsamen,  welcher  den  Verständnisvor- 
gang möglich  macht,  in  dem  Maß  in  welchem  höhere  Verbindungen  von 
Lebensäußerungen  den  Gegenstand  dieses  Vorgangs  ausmachen. 

Aus  der  Analyse  des  Verstehens  ergibt  sich  nun  aber  ein  zweites  Grund- 
verhältnis, das  für  die  Struktur  des  geisteswissenschaftlichen  Zusammenhangs 
bestimmend  ist.  Wir  sahen,  wie  auf  dem  Erleben  und  Verstehen  die  geistes- 
wissenschaftlichen Wahrheiten  beruhen:  nun  setzt  aber  das  Verstehen 
anderseits  die  Verwertung  geisteswissenschaftlicher  Wahrheiten  voraus. 
Ich  erläutere  dies  an  einem  Beispiel.  Die  Aufgabe  sei,  Bismarck  zu  ver- 
stehen. Eine  außerordentliche  Fülle  von  Briefen,  Aktenstücken,  Erzählungen 
und  Berichten  über  ihn  bildet  das  Material.  Dieses  bezieht  sich  auf  seinen 
Lebensverlauf.  Der  Historiker  muß  nun  dies  Material  erweitern,  um  das, 
was  auf  den  großen  Staatsmann  einwirkte,  wie  das,  was  er  erwirkt  hat, 
zu  erfassen.  Ja,  solange  der  Vorgang  des  Verstehens  dauert,  ist  auch  die 
Abgrenzung  des  Materials  noch  nicht  abgeschlossen.  Schon  um  Menschen,  Er- 
eignisse, Zustände  als  diesem  Wirkungszusammenhang  zugehörig  zu  erkennen, 
bedarf  er  allgemeiner  Sätze.  Sie  liegen  dann  auch  seinem  Verständnis 
Bismarcks  zugrunde.  Sie  erstrecken  sich  von  den  gemeinsamen  Eigenschaften 
des  Menschen  zu  den  besonderen  einzelner  Klassen.  Der  Historiker  wird  in- 
dividualpsychologisch Bismarck  unter  den  Tatmenschen  seine  Stelle  geben, 
und  in  ilim  der  eigenen  Kombination  von  Zügen,  die  solchen  gemeinsam  sind, 
nachgehen.  Er  wird  unter  einem  andern  Gesichtspunkt  in  der  Souveränität 
seines  Wesens,  in  der  Gewöhnung,  zu  herrschen  und  zu  leiten,  in  der  Un- 
gebrochenheit des  Willens  Eigenschaften  des  grundbesitzenden  preußischen 
Adels  wiederfinden.  Wie  sein  langes  Leben  eine  bestimmte  Stelle  im  Verlauf 
der  preußischen  Geschichte  einnimmt,  ist  es  wieder  eine  andere  Gruppe  all- 


Der  Außau  der  geschichtlicIienWelt  in  dm  Geisteswissenschaften.  I.        73 

gemeiner  Sätze,  durch  welche  die  gemeinsamen  Züge  der  Menschen  dieser 
Zeit  bestimmt  werden.  Der  ungeheure  Druck,  der  nach  der  Staatslage  auf 
dem  politischen  Selbstgefühl  lastete,  rief  die  verschiedensten  Arten  von  Reak- 
tion naturgemäß  hervor.  Das  Verständnis  hiervon  fordert  allgemeine  Sätze 
über  den  Druck,  den  eine  Lage  auf  ein  politisches  Ganze  und  seine  Glieder  übt 
und  über  deren  Rückwirkung.  Die  Grade  der  methodischen  Sicherheit  im 
Verständnis  sind  von  der  Entwicklung  der  allgemeinen  Wahrheiten  abhängig, 
durch  welche  dies  Verhältnis  seine  Fundierung  erhält.  Es  wird  nun  klar, 
daß  dieser  große  Tatmensch,  der  ganz  in  Preußen  und  seinem  Königtum 
wurzelt,  den  auf  Preußen  von  außen  lastenden  Druck  auf  besondere  Art 
fahlen  wird.  Er  nmß  daher  die  inneren  Fragen  der  Verfassung  dieses  Staates 
vornehmlich  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Macht  des  Staates  taxieren.  Und 
wie  er  Kreuzungspunkt  von  Gemeinsamkeiten  wie  Staat,  Religion,  Rechtsord- 
nung ist,  und  als  historische  Persönlichkeit  eine  von  diesen  Gemeinsamkeiten 
eminent  bestimmte  und  bewegte,  und  zugleich  in  sie  wirkende  Kraft,  so 
fordert  das  vom  Historiker  ein  allgemeines  Wissen  von  diesen  Gemeinsam- 
keiten. Kurz,  sein  Verstehen  wird  seine  Vollkommenheit  schließlich  erst 
durch  die  Beziehung  zum  Inbegriff  aller  Geisteswissenschaften  erlangen. 
Jede  Beziehung,  die  in  der  Darstellung  dieser  historischen  Persönlichkeit 
herausgearbeitet  werden  muß,  erhält  die  höchst  erreichbare  Sicherheit  und 
Deutlichkeit  erst  durch  ihre  Bestimmung  vermittels  der  wissenschaftlichen 
Begriffe  über  die  einzelnen  Gebiete.  Und  das  Verhältnis  dieser  Gebiete  zu- 
einander ist  schließlich  in  einer  Gesamtanschauung  der  geschichtlichen 
Welt  gegründet. 

So  verdeutlicht  uns  unser  Beispiel  die  zwiefache  Relation,  die  in  dem 
Verstehen  angelegt  ist.  Das  Verstehen  setzt  ein  Erleben  voraus,  und  das 
Erlebnis  wird  erst  zu  einer  Lebenserfahrung  dadurch,  daß  das  Verstehen 
aus  der  Enge  und  Subjektivität  des  Erlebens  hinausführt  in  die  Region 
des  Ganzen  und  des  Allgemeinen.  Und  weiter  fordert  das  Verstehen  der 
einzelnen  Persönlichkeit  zu  seiner  Vollendung  das  systematische  Wissen, 
wie  anderseits  wieder  das  systematische  Wissen  abhängig  ist  von  dem  leben- 
digen Erfassen  der  einzelnen  Lebenseinheit.  Die  Erkenntnis  der  anorgani- 
schen Natur  vollzieht  sich  in  einem  Aufbau  der  Wissenschaften,  in  wel- 
chem die  untere  Schicht  jedesmal  unabhängig  von  der  ist,  die  sie  be- 
gründet: in  den  Geisteswissenschaften  ist  vom  Vorgang  des  Verstehens  ab 
alles  durch  das  Verhältnis  gegenseitiger  Abhängigkeit  bestimmt. 
Phil.-hisl.  Klasuf.    I'JIO.    AU.  f.  10 


74  Dilthey: 

Dem  entspricht  der  geschichtliche  Verlauf  dieser  Wissenschaften.  Die 
Geschichtschreibung  ist  an  jedem  Punkt  bedingt  vom  Wissen  über  die 
in  den  geschichtlichen  Verlauf  verwebten  systematischen  Zusammenhänge, 
und  deren  tiefere  Ergründung  bestimmt  den  Fortgang  des  historischen  Ver- 
stehens.  Thukydides  beruhte  auf  dem  politischen  Wissen,  das  in  der  Praxis 
der  griechischen  Freistaaten  entstanden  war,  und  auf  den  staatsrechtlichen 
Doktrinen,  die  sich  in  der  Periode  der  Sophisten  entwickelt  haben.  Polybios 
hat  in  sich  die  ganze  politische  Weisheit  der  römischen  Aristokratie,  die  zu 
dieser  Zeit  auf  dem  Höhepunkt  ihrer  gesellschaftlichen  und  geistigen  Ent- 
wicklung stand,  zusammengenommen  mit  dem  Studium  der  griechischen 
politischen  Werke  von  Piaton  bis  zur  Stoa.  Die  Verbindung  der  floren- 
tinischen  und  venezianischen  Staatsweisheit,  wie  sie  in  einer  hochent- 
wickelten und  politisch  lebhaft  debattierenden  oberen  Gresellschaft  sich  ent- 
wickelt liatte,  mit  der  Erneuerung  und  Fortbildung  der  antiken  Theorien, 
hat  die  Geschichtschreibung  von  Machiavelli  und  Guicciardini  möglich  ge- 
macht. Die  kirchliche  Geschichtschreibung  des  Eusebios,  der  Anhänger  der 
Reformation  und  ihrer  Gegner,  wie  die  Neanders  und  Ritschis,  ist  von  syste- 
matischen Begriffen  über  den  religiösen  Prozeß  und  das  kirchliche  Recht  er- 
füllt gewesen.  Und  endlich  hatte  die  Begründung  der  modernen  Geschicht- 
schreibung in  der  historischen  Schule  und  in  Hegel  dort  die  Verbindung 
der  neuen  Rechtswissenschaft  mit  den  Erfahrungen  der  Revolutionszeit  und 
hier  die  ganze  Systematik  der  neuentstandenen  Geisteswissenschaften  hinter 
sich.  Wenn  Ranke  in  naiver  Erzählerfreude  den  Dingen  gegenüberzutreten 
scheint,  so  kann  seine  Geschichtschreibung  doch  nur  verstanden  werden, 
wenn  man  den  mannigfachen  Quellen  systematischen  Denkens  nachgeht, 
die  in  seiner  Bildung  zusammengeflossen  sind.  Und  im  Fortschreiten  zur 
Gegenwart  hin  nimmt  diese  gegenseitige  Abhängigkeit  des  Historischen 
und  Systematischen  immer  zu. 

Selbst  die  historische  Kritik  ist  in  ihren  großen  epochemachenden 
Leistungen  neben  ihrer  Bedingtheit  durch  die  formale  Entwicklung  der 
Methode  jedesmal  von  der  tieferen  Erfassung  systematischer  Zusammen- 
hänge abhängig  gewesen  —  von  den  Fortschritten  der  Grammatik,  vom 
Studium  des  Zusammenhangs  der  Rede,  wie  es  zunächst  in  der  Rhetorik 
sich  ausgebildet  hatte,  dann  von  der  neueren  Auffassung  der  Poesie,  — 
wie  uns  denn  Wolfs  Vorgänger,  die  aus  einer  neuen  Poetik  ihre  Schlüsse 
auf  Homer  machten,  immer  deutlicher  bekannt  werden  — ,  in  Fr.  A.  Wolf 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        75 

selbst  von  der  neuen  ästhetischen  Kultur,  in  Niebuhr  von  nationalökono- 
mischen,  juristischen  und  politischen  Einsichten,  in  Schleiermacher  von  der 
neuen  Philosophie,  die  Piaton  kongenial  war,  und  in  Baur  von  dem  Ver- 
ständnis des  Vorgangs,  in  welchem  die  Dogmen  sich  gebildet  haben,  wie 
es  Schleiermacher  und  Hegel  geschaifen  hatten. 

Und  umgekehrt  ist  der  P'ortschritt  in  den  systematischen  Geistes- 
wissenschaften immer  bedingt  gewesen  durch  den  Fortgang  des  Erlebens 
in  neue  Tiefen,  die  Ausbreitung  des  Verstehens  in  einem  weiteren  Umfang 
von  Äußerungen  des  historischen  Lebens,  die  Eröffnung  bis  dahin  unbe- 
kannter historischer  Quellen  oder  das  Emporsteigen  großer  Erfahrungsmassen 
in  neuen  geschichtlichen  Lagen.  Dies  zeigt  schon  die  Ausbildung  der 
ersten  Linien  einer  politischen  Wissenschaft  in  der  Zeit  der  Sophisten, 
des  Piaton  und  Aristoteles  wie  die  Entstehung  einer  Rhetorik  und  Poetik 
als  einer  Theorie  des  geistigen  Schaffens  zu  derselben  Zeit. 

Überall  war  so  Ineinanderwirken  von  Erleben,  Verstehen  einzelner 
Personen  oder  der  Gemeinsamkeiten  als  überindividueller  Subjekte  be- 
stimmend in  den  großen  Fortschritten  der  Geisteswissenschaften.  Die  ein- 
zelnen Genies  der  erzählenden  Kunst  wie  Thukydides,  Guicciardini,  Gibbon, 
Macaulay,  Ranke  bringen  auch  in  der  Beschränkung  zeitlose  historische 
Werke  hervor;  in  dem  Ganzen  der  Geschichtswissenschaft  regiert  doch 
ein  Fortschritt:  die  Einsicht  in  die  Zusammenhänge,  die  in  der  Geschiclite 
zusammenwirken,  wird  allmählich  für  das  historische  Bewußtsein  erobert, 
die  Historie  dringt  in  die  Beziehungen  zwischen  diesen  Zusammenhängen, 
wie  sie  eine  Nation,  ein  Zeitalter,  eine  historische  Entwicklungslinie  kon- 
stituieren, und  von  da  aus  schließen  sich  dann  wieder  Tiefen  des  Lebens, 
wie  es  an  den  einzelnen  historischen  Stellen  bestanden  hat,  auf,  die  über 
alles  frühere  Verstehen  hinausreichen.  Wie  könnte  mit  dem  Verständnis 
eines  heutigen  Historikers  von  Künstlern,  Dichtern,  Schriftstellern  irgend- 
ein früheres  verglichen  werden! 

3.  Die  allmähliche  Aufklärung  der  Lebensäußerungen  durch  die 
beständige  Wechselwirkung  der  beiden  Wissenschaften. 
So  ergibt  sich  uns  als  Grundverhältnis  von  Erleben  und  Verstehen 
das  Verhältnis  wechselseitiger  Bedingtheit.  Näher  bestimmt  sich  dieses  als 
das  der  allmählichen  Aufklärung  in  der  beständigen  Wechselwirkung 
der  beiden  Klassen  von  Wahrheiton.     Die  Dunkelheit  des  Erlebnisses  wird 


76  Di  LT  Hey: 

verdeutlicht,  die  Fehler,  die  aus  der  engeren  Auffassung  des  Subjektes  ent- 
springen, werden  verbessert,  das  Erlebnis  selbst  erweitert  und  vollendet 
im  Verstehen  anderer  Personen,  wie  anderseits  die  andern  Personen  verstan- 
den werden  vermittels  der  eigenen  Erlebnisse.  Das  Verstehen  erweitert  immer 
mehr  den  Umfang  des  historischen  Wissens  durch  die  intensivere  Ver- 
wertung der  Quellen,  durch  das  Zurückdringen  in  bis  dahin  unverstandene 
Vergangenheit,  und  schließlich  durch  das  Fortrücken  der  Geschichte  selbst, 
das  immer  neue  Ereignisse  hervorbringt  und  so  den  Gegenstand  des  Ver- 
stehens  selber  verbreitert.  In  diesem  Fortgang  fordert  solche  Erweiterung 
immer  neue  allgemeine  Wahrheiten  zur  Durchdringung  dieser  Welt  des  Ein- 
maligen. Und  die  Ausdehnung  des  historischen  Horizonts  ermöglicht  zu- 
gleich die  Ausbildung  immer  allgemeinerer  und  fruchtbarerer  Begriffe.  So 
entsteht  in  der  geisteswissenschaftlichen  Arbeit  an  jedem  Punkte  derselben 
und  zu  jeder  Zeit  eine  Zirkulation  von  Erleben,  Verstehen  und  Repräsentation 
der  geistigen  Welt  in  allgemeinen  Begriffen.  Und  jede  Stufe  dieser  Arbeit 
besitzt  nun  eine  innere  Einheit  in  ihrer  Auffassung  der  geistigen  Welt,  indem 
sich  das  historische  Wissen  des  Singularen  und  die  allgemeinen  Wahr- 
heiten in  Wechselwirkung  miteinander  entwickeln  und  daher  derselben  Einheit 
der  Auffassung  angehören.  Auf  jeder  Stufe  ist  das  Verständnis  der 
geistigen  Welt  ein  Einheitliches  —  homogen,  von  der  Konzeption  der 
geistigen  Welt  bis  in  die  Methode  der  Kritik  und  der  Einzeluntersuchung. 
Und  hier  mögen  wir  noch  einmal  zurückblicken  auf  die  Zeit,  in  welcher 
das  moderne  historische  Bewußtsein  entstand.  Es  wurde  erreicht,  als  die 
Begriffsbildung  der  systematischen  Wissenschaften  auf  das  Studium  des 
historischen  Lebens  mit  Bewußtsein  begründet  und  das  Wissen  des  Sin- 
gularen mit  Bewußtsein  von  den  systematischen  Wissenschaften  der  poli- 
tischen Ökonomie,  des  Rechts,  des  Staats,  der  Religion  durchdrungen  wurde. 
An  diesem  Punkte  konnte  dann  die  methodische  Einsicht  in  den  Zusammen- 
hang der  Geisteswissenschaften  entstehen.  Dieselbe  geistige  Welt  wird  nach 
dieser  Einsicht  durch  die  Verschiedenheit  der  Auffassung  zum  Objekt  zweier 
Klassen  von  Wissenschaften.  Universalgeschichte  als  singularer  Zusammen- 
hang, deren  Gegenstand  die  Menschheit  ist,  und  das  System  der  selbständig 
konstituierten  Geisteswissenschaften  vom  Menschen,  von  Sprache,  Wirt- 
schaft, Staat,  Recht,  Religion  und  Kunst  ergänzen  einander.  Sie  sind  ge- 
trennt durch  ihr  Ziel  und  die  von  ihm  bestimmten  Methoden,  und  zu- 
gleich wirken  sie  in  ihrem  beständigen  Bezug  aufeinander  zusammen  zum 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        77 

Aufbau  des  Wissens  von  der  geistigen  Welt.  Von  der  Grundleistung  des 
Verstehens  ab  sind  Erleben,  Nacherleben  und  allgemeine  Wahrheiten  ver- 
bunden. Die  Begriffsbildung  ist  nicht  fundiert  in  jenseits  des  gegenständ- 
lichen Auffassens  auftretenden  Normen  oder  Werten,  sondern  sie  entsteht 
aus  dem  Zug,  der  alles  begriffliche  Denken  beherrscht,  das  Feste,  Dauernde 
aus  dem  Fluß  des  Verlaufes  herauszuheben.  In  einer  doppelten  Richtung 
bewegt  sich  so  die  Methode.  In  der  Richtung  auf  das  Einmalige  geht 
sie  vom  Teil  zum  Ganzen  und  rückwärts  von  diesem  zum  Teil,  und  in 
der  Richtung  auf  das  Allgemeine  besteht  dieselbe  Wechselwirkung  zwischen 
diesem  und  dem  Einzelnen. 


Drittes  Kapitel. 
Die  Objektivation  des  Lebens. 

1. 

Erfassen  wir  die  Summe  aUer  Leistungen  des  Verstehens,  so  tut  sich  in 
ihm  gegenüber  der  Subjektivität  des  Erlebnisses  die  Objektivierung  des 
Lebens  auf.  Neben  dem  Erlebnis  wird  die  Anschauung  von  der  Objektivität 
des  Lebens,  seiner  Veräußerliclning  in  mannigfaclien  strukturellen  Zusammen- 
hängen zur  Grundlage  der  (Teisteswis.senschaften.  Das  Individuum,  die  Ge- 
meinschaften und  die  Werke,  in  welche  Leben  und  Geist  sich  hineinverlegt 
haben,  bilden  das  äußere  Reich  des  Geistes.  Diese  Manifestationen  des 
Lebens,  wie  sie  in  der  Außenwelt  dem  Verständnis  sich  darstellen,  sind 
gleichsam  eingebettet  in  den  Zusammenhang  der  Natur.  Immer  umgibt 
uns  diese  große  äußere  Wirklichkeit  des  Geistes.  Sie  ist  eine  Realisierung 
des  Geistes  in  der  Sinnenwelt  vom  flüchtigen  Ausdruck  bis  zur  jahr- 
hundertelangen Herrschaft  einer  Verfassung  oder  eines  Rechtsbuchs.  Jede 
einzelne  Lebensäußerung  repräsentiert  im  Reich  dieses  objektiven 
Geistes  ein  Gemeinsames.  Jedes  Wort,  jeder  Satz,  jede  Gebärde  oder 
Höflichkeitsformel,  jedes  Kunstwerk  und  jede  historische  Tat  sind  nur 
verständlich,  weil  eine  Gemeinsamkeit  den  sich  in  ihnen  Äußernden  mit 
dem  Verstellenden  verbindet;  der  einzelne  erlebt,  denkt  und  handelt  stets 
in  einer  Sphäre  von  Gemeinsamkeit,  und  nur  in  einer  solchen  versteht  er. 
Alles  Verstandene  trägt  gleichsam  die  Marke  des  Bekanntseins  aus  solcher 
Gemeinsamkeit  an  sich.    Wir  leben  in  dieser  Atmosphäre,  sie  umgibt  uns 


78  Dilthey: 

beständig.  Wir  sind  eingetaucht  in  sie.  Wir  sind  in  dieser  geschichtlichen 
und  verstandenen  Welt  überall  zu  Hause,  wir  verstehen  Sinn  und  Be- 
deutung von  dem  allen,  wir  selbst  sind  verwebt  in  diese  Gemeinsamkeiten. 

Der  Wechsel  der  Lebensäußerungen,  die  auf  uns  einwirken,  fordert 
uns  beständig  zu  neuem  Verstehen  auf;  es  liegt  aber  zugleich  im  Ver- 
stehen selbst,  da  jede  Lebensäußerung  und  ihr  Verständnis  mit  anderen 
zusammenhängt,  ein  Fortgezogenwerden,  das  nach  Verhältnissen  der  Ver- 
wandtschaft von  dem  gegebenen  Einzelnen  zum  Ganzen  fortschreitet.  Und 
wie  die  Beziehungen  zwischen  dem  Verwandten  zunehmen,  wachsen  damit 
zugleich  die  Möglichkeiten  von  Verallgemeinerungen,  die  schon  in  der  Ge- 
meinsamkeit als  einer  Bestimmung  des  Verstandenen  angelegt  sind. 

Im  Verstehen  macht  sich  eine  weitere  Eigenschaft  der  Objektivation 
des  Lebens  geltend,  welche  sowohl  die  Gliederung  nach  Verwandtschaft  als 
die  Richtung  der  Verallgemeinerung  bestimmt.  Die  Objektivation  des  Lebens 
enthält  in  sich  eine  Mannigfaltigkeit  gegliederter  Ordnungen.  Von 
der  Unterscheidung  der  Rassen  abwärts  bis  zur  Verschiedenheit  der  Ausdrucks- 
weisen und  Sitten  in  einem  Volksstamm,  ja  in  einer  Landstadt,  geht  eine 
naturbedingte  Gliederung  geistiger  Unterschiede.  Differenzierungen  anderer 
Art  treten  dann  in  den  Kultursystemen  hervor,  andere  sondern  die  Zeitalter 
voneinander  —  kurz :  viele  Linien,  welche  Kreise  verwandten  Lebens  unter 
irgendeinem  Gesichtspunkt  abgrenzen,  durchziehen  die  Welt  des  objektiven 
Geistes  und  kreuzen  sich  in  ihr.  In  unzähligen  Nuancen  äußert  sich  die  Fülle 
des  Lebens  und  wird  durch  die  Wiederkehr  dieser  Unterschiede  verstanden. 

Durch  die  Idee  der  Objektivation  des  Lebens  erst  gewinnen  wir  einen 
Einblick  in  das  Wesen  des  Geschichtlichen.  Alles  ist  hier  durch  geistiges 
Tun  entstanden  und  trägt  daher  den  Charakter  der  Historizität.  In  die 
Sinnenwelt  selbst  ist  es  verwoben  als  Produkt  der  Geschichte.  Von  der 
Verteilung  der  Bäume  in  einem  Park,  der  Anordnung  der  Häuser  in  einer 
Straße,  dem  zweckmäßigen  Werkzeug  des  Handwerkers  bis  zu  dem  Straf- 
urteil im  Gerichtsgebäude  auf  Grund  des  bürgerlichen  Gesetzbuches  ist 
um  uns  stündlich  geschichtlich  Gewordenes.  Was  der  Geist  heute  hinein- 
verlegt von  seinem  Charakter  in  seine  Lebensäußerung,  ist  morgen,  wenn 
es  dasteht,  Geschichte.  Wie  die  Zeit  voranschreitet,  sind  wir  von  Römer- 
ruinen, Kathedralen,  Lustschlössern  der  Selbstherrschaft  umgeben.  Ge- 
schichte ist  nichts  vom  Leben  Getrenntes,  nichts  von  der  Gegenwart  durch 
ihre  Zeitferne  Gesondertes. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        79 

Ich  fasse  das  Ergebnis  zusammen.  Die  Geisteswissenschaften  haben 
als  ihre  umfassende  Gegebenheit  die  Objektivation  des  Lebens.  Indem 
nun  aber  die  Objektivation  des  Lebens  für  uns  ein  Verstandenes  wird,  ent- 
hält sie  als  solches  überall  die  Beziehung  des  Äußeren  zum  Inneren.  So- 
nach ist  diese  Objektivation  überall  bezogen  im  Verstehen  auf  das  Erleben, 
in  welchem  der  Lebenseinheit  sich  ihr  eigener  Gehalt  erschließt  und  den 
aller  anderen  zu  deuten  gestattet.  Sind  nun  hierin  die  Gegebenheiten  der 
Geisteswissenschaften  enthalten,  so  zeigt  es  sich  uns  sogleich,  daß  man 
alles  Feste,  alles  Fremde,  wie  es  den  Bildern  der  physischen  Welt  eigen  ist, 
wegdenken  muß  von  dem  Begriff  des  Gegebenen  auf  diesem  Gebiet.  Alles 
Gegebene  ist  hier  hervorgebracht,  also  geschichtlich;  es  ist  verstanden, 
also  enthält  es  ein  Gemeinsames  in  sich;  es  ist  bekannt,  weil  verstanden, 
und  es  enthält  eine  Gruppierung  des  Mannigfaltigen  in  sich,  da  schon  die 
Deutung  der  Lebensäußerung  im  höheren  Verstehen  auf  einer  solchen  beruht. 
Damit  ist  auch  das  Verfahren  der  Klassifikation  der  Lebensäußerungen 
schon  angelegt  in  den  Gegebenheiten  der  Geisteswissenschaften. 

Und  hier  vollendet  sich  nun  der  Begriff  der  Geisteswissenschaften. 
Ihr  Umfang  reicht  so  weit  wie  das  Verstehen,  und  das  Verstehen  hat  nun 
seinen  einheitlichen  Gegenstand  in  der  Objektivation  des  Lebens.  So  ist 
der  Begriff  der  Geisteswissenschaft  nach  dem  Umfang  der  Erscheinungen, 
der  unter  sie  fällt,  bestimmt  durch  die  Objektivation  des  Lebens  in  der 
äußeren  Welt.  Nur  was  der  Geist  geschaffen  hat,  versteht  er.  Die  Natur, 
der  Gegenstand  der  Naturwissenschaft,  umfaßt  die  unabhängig  vom  Wirken 
des  Geistes  hervorgebrachte  Wirklichkeit.  Alles,  dem  der  Mensch  wirkend 
sein  Gepräge  aufgedrückt  hat,  bUdet  den  Gegenstand  der  Geisteswissen- 
schaften. 

Und  auch  der  Ausdruck  »Geisteswissenschaft«  erhält  an  dieser  Stelle 
seine  Rechtfertigung.  Es  war  früher  die  Rede  vom  Geist  der  Gesetze, 
des  Rechts,  der  Verfassung.  Jetzt  können  wir  sagen,  daß  alles,  worin  der 
Geist  sich  objektiviert  hat,  in  den  Umkreis  der  Geisteswissen- 
schaften fällt. 


Ich  habe  bisher  diese  Objektivation  des  Lebens  auch  mit  dem  Namen 
des  objektiven  Geistes  bezeichnet.  Das  Wort  ist  von  Hegel  tiefsinnig  und 
glücklich   gebildet.     Ich   muß   aber   den  Sinn,   in   dem    ich   es  gebrauche, 


80  D 


ILTHEY ; 


genau  und  deutlich  von  dem  unterscheiden,  den  Hegel  mit  ihm  verbindet. 
Dieser  Unterschied  betrifft  ebenso  die  systematische  Stelle  des  Begriffs 
wie  seine  Abz weckung  und  seinen  Umfang.  .  n^v;  Hi 

Im  System  Hegels  bezeichnet  das  Wort  eine  Stufe  in  der  Entwicklung 
des  Geistes.  Hegel  setzt  diese  Stufe  ein  zwischen  den  subjektiven  und  den 
absoluten  Geist.  Der  Begriff  des  objektiven  Geistes  hat  sonach  seine  Stelle 
bei  ihm  in  der  ideellen  Konstruktion  der  Entwicklung  des  Geistes,  welche 
zwar  seine  historische  Wirklichkeit  und  die  in  ihr  waltenden  Beziehungen 
zu  ihrer  realen  Unterlage  hat  und  sie  spekulativ  begreiflich  machen  will, 
aber  eben  darum  die  zeitlichen,  empirischen,  historischen  Beziehungen 
hinter  sich  läßt.  Die  Idee,  welche  in  der  Natur  zu  ihrem  Anderssein  sich 
entäußert,  aus  sich  heraustritt,  kehrt  auf  der  Grundlage  dieser  Natur  im 
Geist  zurück  zu  sich  selbst.  Der  Weltgeist  nimmt  sich  zurück  in  seine 
reine  Idealität.     Er  verwirklicht  seine  Freiheit  in  seiner  Jlntwicklung. 

Als  subjektiver  Geist  ist  er  die  Mannigfaltigkeit  der  Einzelgeister. 
Indem  in  dieser  der  Wille  auf  dem  Grunde  der  Erkenntnis  des  sich  in  der 
Welt  verwirklichenden  vernünftigen  Zweckes  sich  realisiert,  vollzieht  sich 
im  Einzelgeist  der  Übergang  zur  Freiheit.  Damit  ist  die  Grundlage  fiir  die 
Philosophie  des  objektiven  Geistes  gegeben.  Diese  zeigt  nun,  wie  sich 
der  freie  vernünftige  und  darum  an  sich  allgemeine  Wille  in  einer  sitt- 
lichen Welt  objektiviert;  »die  Freiheit,  die  den  Inhalt  und  Zweck  der 
Freiheit  hat,  ist  selbst  zunächst  nur  Begriff",  Prinzip  des  Geistes  und 
Herzens  und  sich  zur  Gegenständlichkeit  zu  entwickeln  bestimmt,  zur  recht- 
lichen, sittlichen  und  religiösen  wie  wissenschaftlichen  Wirklichkeit'«.  Hier- 
mit ist  die  Entwicklung  durch  den  objektiven  zum  absoluten  Geist  gesetzt^ 
»der  objektive  Geist  ist  die  absolute  Idee,  aber  nur  an  sich  seiend;  indem 
er  damit  auf  dem  Boden  der  Endlichkeit  ist,  behält  seine  wirkliche  Ver- 
nünftigkeit die  Seite  äußerlichen  Erscheinens  an  ihr"«. 

Die  Objektivierung  des  Geistes  vollzieht  sich  im  Recht,  der  Moralität 
und  der  Sittlichkeit.  Die  Sittlichkeit  verwirklicht  den  allgemeinen  ver- 
nünftigen Willen  in  der  Familie,  der  bürgerlichen  Gesellschaft  und  dem 
Staat.  Und  der  Staat  verwirklicht  in  der  Weltgeschichte  sein  Wesen  als 
die  äußere  Wirklichkeit  der  sittlichen  Idee. 


'    Hegel,  Werke,  7.  Bd.,  2.  Abt.  (1845),  S.  375  (Philosophie  des  Geistes). 
*    Hegel,  Philosophie  des  Geistes,  Werke,  7.  Bd.,  2.  Abt..  S.  376. 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        81 

Damit  hat  die  ideelle  Konstruktion  der  geschichtlichen  Welt  den  Punkt 
erreicht,  an  welchem  die  beiden  Stufen  des  Geistes,  der  allgemeine  ver- 
nünftige Wille  des  Einzelsubjekts  und  dessen  Objektivienmg  in  der  sitt- 
lichen Welt  als  ihre  höhere  Einheit  die  letzte  und  höchste  Stufe  möglich 
machen  —  das  Wissen  des  Geistes  von  sich  selbst  als  der  schaffenden  Macht 
aller  Wirklichkeit  in  Kunst,  Religion  und  Philosophie.  »Der  subjektive 
und  objektive  Geist  sind  als  der  Weg  anzusehen,  auf  welchem  sich«  die 
höchste  Realität  des  Geistes,  der  absolute  Geist,  ausbildet. 

Welche  waren  geschichtliche  Stellung  und  Gehalt  dieses  von  Hegel 
entdeckten  Begriffs  vom  objektiven  Geiste?  Die  tief  verkannte  deutsche 
Aufklärung  hatte  die  Bedeutung  des  Staates  als  des  allumfassenden  Gemein- 
wesens, welches  die  den  Individuen  einwohnende  Sittlichkeit  realisiert,  er- 
kannt. Nie  hat  sich  seit  den  Tagen  der  Griechen  und  Römer  irgendwo 
mächtiger  und  tiefer  das  Verständnis  von  Staat  und  Recht  ausgesprochen 
als  bei  einem  Carmer,  Svarez,  Klein,  Zedlitz,  Herzberg,  den  leitenden  Be- 
amten des  friderizianischen  Staats.  Diese  Anschauung  vom  Wesen  und 
Wert  des  Staates  verband  sich  in  Hegel  mit  den  Ideen  des  Altertums  von 
Sittlichkeit  und  Staat,  mit  der  Erfassung  der  Realität  dieser  Ideen  in  der 
alten  Welt.  Die  Bedeutung  der  Gemeinsamkeiten  in  der  Geschichte  kam 
nun  zur  Geltung.  Die  historische  Schule  gelangte  gleichzeitig  zu  derselben 
Entdeckung  des  Gemeingeistes,  die  Hegel  durch  eine  eigene  Art  meta- 
physisch-historischer Intuition  gemacht  hatte,  auf  dem  Weg  der  historischen 
Forschung.  Auch  sie  kam  zu  einem  über  die  griechischen  idealistischen 
Philosophen  hinausreichenden  Verständnis  des  aus  dem  Zusammenwirken 
der  Individuen  nicht  ableitbaren  Wesens  der  Gemeinschaft  in  Sitte,  Staat, 
Recht  und  Glaube.  Damit  ging  das  geschichtliche  Bewußtsein  in  Deutsch- 
land   auf. 

Hegel  hat  in  Einen  Begriff  das  Ergebnis  dieser  ganzen  Bewegung  zu- 
sammengefaßt —  in  den  des  objektiven  Geistes. 

Aber  die  Voraussetzungen,  auf  die  Hegel  diesen  Begriff  gestellt  hat, 
können  heute  nicht  mehr  festgehalten  werden.  Er  konstruierte  die  Gemein- 
schaften aus  dem  allgemeinen  vernünftigen  Willen.  Wir  müssen  heute  von 
der  Realität  des  Lebens  ausgehen;  im  Leben  ist  die  Totalität  des  seelischen 
Zu.sammenhangs  wirksam.  Hegel  konstruiert  metaphysisch;  wir  analysieren 
das  Gegebene.  Und  die  heutige  Analyse  der  menschlichen  Existenz  erfüllt 
uns  alle  mit  dem  Gefühl  der  Gebrechlichkeit,  der  Macht  des  dunklen  Triebes, 
PhiL-hitt.  KInsxe.    WtO.    AU.  f.  11 


82  Dilthey: 

des  Leidens  an  den  Dunkelheiten  und  den  Illusionen,  der  Endlichkeit  in 
allem,  was  Leben  ist,  auch  wo  die  höchsten  Gebilde  des  Gemeinschaftslebens 
aus  ihm  entstehen.  So  können  wir  den  objektiven  Geist  nicht  aus  der  Ver- 
nunft verstehen,  sondern  müssen  auf  den  Strukturzusammenhang  der  Lebens- 
einheiten, der  sich  in  den  Gemeinschaften  fortsetzt,  zurückgehen.  Und 
wir  können  den  objektiven  Geist  nicht  in  eine  ideale  Konstruktion  ein- 
ordnen, vielmehr  müssen  wir  seine  Wirklichkeit  in  der  Geschichte  zugrunde 
legen.  Wir  suchen  diese  zu  verstehen  und  in  adäquaten  Begriffen  dar- 
zustellen. Indem  so  der  objektive  Geist  losgelöst  wird  von  der  einseitigen 
Begründung  in  der  allgemeinen,  das  Wesen  des  Weltgeistes  aussprechenden 
Vernunft,  losgelöst  auch  von  der  ideellen  Konstruktion,  wird  ein  neuer 
Begriff  desselben  möglich :  in  ihm  sind  Sprache,  Sitte,  jede  Art  von  Lebens- 
form, von  Stil  des  Lebens  ebensogut  umfaßt  wie  Familie,  bürgerliche  Ge- 
sellschaft, Staat  und  Recht.  Und  nun  fällt  auch  das,  was  Hegel  als  den 
absoluten  Geist  vom  objektiven  unterschied:  Kunst  und  Religion  und  Philo- 
sophie unter  diesen  Begriff,  ja  gerade  in  ihnen  zeigt  sich  das  schaffende  In- 
dividuum zugleich  als  Repräsentation  von  Geraeinsamkeit,  und  eben  in  ihren 
mächtigen  Formen  objektiviert  sich  der  Geist  und  wird  m  denselben  erkannt. 

Und  zwar  enthält  dieser  objektive  Geist  in  sich  eine  Gliederung,  welche 
von  der  Menschheit  bis  zu  Typen  engsten  Umfangs  hinabreicht.  Diese 
Gliederung,  das  Prinzip  der  Individuation  ist  in  ihm  wirksam.  Wenn 
nun  auf  dem  Boden  des  Allgemeinmenschlichen  und  durch  seine  Vermitt- 
lung das  Individuelle  im  Verstehen  zur  Auffassung  gebracht  wird,  entsteht 
ein  Nacherleben  des  inneren  Zusammenhangs,  der  vom  Allgemeinmensch- 
lichen in  seine  Individuation  führt.  Dieser  Fortgang  wird  in  der  Reflexion 
aufgefaßt,  und  die  Individualpsychologie  entwirft  die  Theorie,  welche  die 
Möglichkeit  der  Individuation  begründet*. 

Den  systematischen  Geisteswissenschaften  liegt  dann  dieselbe  Ver- 
bindung von  Gleichförmigkeiten  als  Grundlage  und  auf  ihr  erwachsener 
Individuation,  und  sonach  die  von  generellen  Theorien  und  vergleichenden 
Verfahren  zugrunde.  Die  generellen  Wahrheiten,  wie  sie  in  ihnen  über 
das  sittliche  Leben  oder  die  Diclitung  festgestellt  werden  können,  werden 
so  die  Grundlage  für  den  Einblick  in  die  Verschiedenheiten  des  moralischen 
Ideals  oder  der  dichterischen  Tätigkeit. 


Vgl.  meine  Abhandlung:   -Beiträge  ziun  Studium  der  Individualität«,  Sitzungsber.  1896. 


Der  Auf  hau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        83 

Und  in  diesem  objektiven  Geiste  sind  nun  die  Vergangenheiten,  in 
denen  sieh  die  großen  Totalkräfte  der  Geschichte  gebildet  haben,  Gegen- 
wart. Das  Individuum  genießt  und  erfaßt  als  Träger  und  Repräsentant 
der  in  ihm  verwobenen  Gemeinsamkeiten  die  Geschichte,  in  der  sie  ent- 
standen.   Es  versteht  die  Geschichte,  weil  es  selbst  ein  historisches  Wesen  ist. 

An  einem  letzten  Punkte  trennt  sich  der  hier  entwickelte  Begriff  des 
objektiven  Geistes  von  dem  Hegels.  Indem  an  die  Stelle  der  allgemeinen 
Vernunft  Hegels  das  Leben  in  seiner  Totalität  tritt,  Erlebnis,  Verstehen, 
historischer  Lebenszusammenhang,  Macht  des  Irrationalen  in  ihm,  ent- 
steht das  Problem,  wie  Geschichtswissenschaft  möglich  sei.  Für  Hegel 
existierte  dies  Problem  nicht.  Seine  Metaphysik,  in  der  der  Weltgeist,  die 
Natur  als  seine  Entäußerung,  der  objektive  Geist  als  seine  Verwirklichung 
und  der  absolute  Geist  bis  hinauf  zur  Philosophie  als  die  Realisierung  des 
Wissens  von  ihm  in  sich  identisch  sind,  hat  dies  Problem  hinter  sich.  Heute 
aber  gilt  es,  umgekehrt  das  Gegebene  der  geschichtlichen  Lebensäußerungen 
als  die  wahre  Grundlage  des  historischen  Wissens  anzuerkennen  und  eine 
Methode  zur  Beantwortung  der  Frage  zu  finden,  wie  auf  Grund  dieses  Ge- 
gebenen ein  allgemeingültiges  Wissen  der  geschichtlichen  Welt  möglich  sei. 

Viertes  Kapitel. 
Die  geistige  Welt  als  Wirkungszusammenhang. 

So  tut  sich  uns  im  Erleben  und  Verstehen  vermittels  der  Objektivation 
des  Lebens  die  geistige  Welt  auf.  Und  die.se  Welt  des  Geistes,  die  histo- 
rische wie  die  gesellschaftliche  Welt,  ihrem  Wesen  nach  als  Objekt  der 
Geisteswissenschaften  näher  zu  bestimmen,  muß  nun  die  Aufgabe  sein. 

Fassen  wir  zunächst  die  Ergebnisse  der  vorhergehenden  Untersuchungen 
in  bezug  auf  den  Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  zusammen. 
Dieser  Zusammenhang  beruht  auf  dem  Verhältnis  von  Erleben  und  Verstehen, 
und  in  diesem  ergaben  sich  drei  Hauptsätze.  Die  Erweiterung  unseres 
Wissens  über  das  im  Erleben  Gegebene  vollzieht  sich  durch  die  Auslegung 
der  Objektiv ationen  des  Lebens,  und  diese  Auslegung  ist  ihrerseits  nur 
möglich  von  der  subjektiven  Tiefe  des  Erlebens  aus.  Eljenso  ist  das  Ver- 
stehen des  Singularen  nur  möglich  dureli  die  Präsenz  des  generellen  Wissens 
in  ihm,  und  dies  generelle  Wissen  hat  wieder  im  Verstehen  seine  Voraus- 
setzung. Endlich  eri-eicht  das  Verstehen  eines  Teils  des  geschichtlichen 
Verlaufs   seine  Vollkommenheit   nur   durch    die  Beziehung   des  Teils   zum 

11' 


84  Dilthey: 

Ganzen,  und  der  universal-historische  Überblick  über  das  Ganze  setzt  das 
Verstehen  der  Teile  voraus,  die  in  ihm  vereinigt  sind. 

So  ergibt  sich  die  gegenseitige  Abhängigkeit,  in  der  die  Auffassung 
jedes  einzelnen  geisteswissenschaftlichen  Tatbestandes  in  dem  gemein- 
schaftlichen geschichtlichen  Ganzen,  dessen  Teil  der  einzelne  Tatbestand  ist, 
und  die  der  begrifflichen  Repräsentation  dieses  Ganzen  in  den  systematischen 
Geisteswissenschaften  zueinander  stehen.  Und  zwar  zeigen  sich  die  Wechsel- 
wirkung von  Erleben  und  Verstellen  in  der  Auffassung  der  geistigen  Welt, 
die  gegenseitige  Abhängigkeit  des  allgemeinen  und  singularen  Wissens  von- 
einander und  endlich  die  allmähliche  Aufklärung  der  geistigen  Welt  im 
Fortschritte  der  Geisteswissenschaften  an  jedem  Punkte  ihres  V^erlaufes. 
Daher  finden  wir  sie  in  allen  Operationen  der  Geisteswissenschaften  wieder. 
Sie  bilden  ganz  allgemein  die  Unterlage  ihrer  Struktur.  So  werden  wir 
die  gegenseitige  Abhängigkeit  von  Interpretation,  Kjritik,  Verbindung  der 
Quellen  und  von  Sjaithese  eines  geschichtlichen  Zusammenhangs  anzuer- 
kennen haben.  Ein  ähnliches  Verhältnis  besteht  bei  der  Bildung  der  Sub- 
jektsbegriffe, wie  Wirtschaft,  Recht,  Philosophie,  Kunst,  Religion,  die 
Wirkungszusammenhänge  verschiedener  Personen  zu  gemeinsamer  Leistung 
bezeichnen.  Jedesmal  wenn  das  wissenschaftliche  Denken  die  Begriffs- 
bildung zu  vollziehen  unternimmt,  setzt  die  Bestimmung  der  Merkmale, 
die  den  Begriff  konstituieren,  doch  die  Feststellung  der  Tatbestände  voraus, 
die  in  dem  Begriff  zusammengenommen  werden  sollen.  Und  die  Fest- 
stellung und  Auswahl  dieser  Tatbestände  fordert  Merkmale,  an  denen  ihre 
Zugehörigkeit  zum  Umfange  des  Begriffs  konstatiert  werden  kann.  Um  den 
Begriff  der  Dichtung  zu  bestimmen,  muß  ich  ihn  abziehen  aus  denjenigen 
Tatbeständen,  die  den  Umfang  dieses  Begriffs  ausmachen,  und  um  festzu- 
stellen, welche  Werke  unter  die  Poesie  gehören,  muß  ich  bereits  ein  Merkmal 
besitzen,  an  welchem  das  Werk  als  dichterisch  erkannt  werden  kann. 

Dieses  Verhältnis  ist  so  der  allgemeinste  Zug  der  Struktur  der  Geistes- 
wissenschaften. 

1. 

Allgemeiner  Charakter  des  Wirkungszusammenhangs 

der  geistigen  Welt. 

Die  so  entstehende  Leistung  besteht  in  der  Auffassung  der  geistigen 
Welt  als  eines  Wirkungszusammenhangs  oder  eines  Zusammenhangs, 
der   in    dessen    dauernden    Produkten  enthalten  ist.      Die   Geisteswissen- 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        S5 

Schäften  haben  ihren  Gegenstand  an  diesem  Wirkungszusammenhang  und 
dessen  Schöpfungen.  Sie  zergliedern  denselben  oder  den  in  festen  Gebilden 
sich  darstellenden,  den  Arten  der  Gebilde  zukommenden  logischen,  ästhe- 
tischen, religiösen  Zusammenhang  oder  den  in  einer  Verfassung  oder  einem 
Rechts1)uch,  der  räckwärts  auf  den  Wirkungszusammenhang  weist,  in  dem 
er  entstanden  ist. 

Dieser  Wirkungszusammenhang  unterscheidet  sich  von  dem  Kausalzu- 
sammenhang der  Natur  dadurch,  daß  er  nach  der  Struktur  des  Seelenlebens 
Werte  erzeugt  und  Zwecke  realisiert.  Und  zwar  nicht  gelegentlich,  nicht 
hier  und  da,  sondern  es  ist  eben  die  Struktur  des  Geistes,  in  seinem 
Wirkungszusammenhang  auf  der  Grundlage  des  Auffassens  Werte  zu  er- 
zeugen und  Zwecke  zu  i-ealisieren.  Ich  nenne  dies  den  immanent-teleologischen 
Charakter  der  geistigen  Wirkungszusammenhänge.  Unter  diesem  verstehe  ich 
einen  Zusammenhang  von  Leistungen,  der  in  der  Struktur  eines 
Wirkungszusammenhangs  gegründet  ist.  Das  geschichtliche  Leben  schafft. 
Es  ist  beständig  tätig  in  der  Erzeugung  von  Gütern  und  Werten,  und  alle 
Begriffe  von  solchen  sind  nur  Reflexe  dieser  seiner  Tätigkeit. 

Die  Träger  dieser  beständigen  Schöpfung  von  Werten  und  Gütern  in 
der  geistigen  Welt  sind  Individuen,  Gemeinschaften,  Kultursystemc,  in  denen 
die  Einzelnen  zusammenwirken.  Das  Zusammenwirken  der  Individuen  ist 
dadurch  bestimmt,  daß  sie  zu  Realisierungen  von  Werten  sich  Regeln  unter- 
werfen und  sich  Zwecke  setzen.  So  ist  in  jeder  Art  dieses  Zusammen- 
wirkens ein  Bezug  des  Lebens,  der  mit  dem  Wesen  des  Menschen  zu- 
sammenhängt und  die  Individuen  miteinander  verbindet  —  gleichsam  ein 
Kern,  den  man  nicht  psychologisch  erfassen  kann,  der  aber  in  jedem  solchen 
System  von  Beziehungen  zwischen  Menschen  sich  äußert.  Das  Erwirken  in 
ihm  ist  durch  den  strukturellen  Zusammenhang  zwischen  dem  Auffassen,  den 
psychischen  Zuständen,  die  in  Wertgebung  sich  ausdrücken,  und  denen,  die  in 
der  Setzung  von  Zwecken,  Gütern  und  Normen  bestehen,  bestimmt.  In  den  In- 
dividuen verläuft  primär  ein  solcher  Wirkungszusammenhang.  Wie  sie  dann 
die  Kreuzungspunkte  von  Beziehungssystemen  sind,  deren  jedes  ein  dauernder 
Träger  von  Wirken  ist,  entwickeln  sich  weiter  in  ihm  Güter  der  Gemein- 
samkeiten, Anordnungen  der  Verwirklichung  derselben  nach  Regeln.  Und  in 
sie  wird  nun  eine  Unbedingtheit  der  Geltung  verlegt.  Jede  dauernde  Be- 
ziehung von  Individuen  enthält  so  in  sich  eine  Entwicklung,  in  welcher 
Werte,  Regeln,  Zwecke  erzeugt,    zum   Bewußtsein  gebracht  und  in  einem 


86  D  I  L  T  H  E  Y  : 

Verlauf  von  Denkvorgängen  gefestigt  werden.  Dieses  Schaffen,  wie  es  in 
Individuen,  Gemeinschaften,  Kultursystemen,  Nationen  sich  vollzieht,  unter 
den  Bedingungen  der  Natur,  welche  beständig  Stoff  und  Anregung  zu  ihm 
bieten,  gelangt  in  den  Geisteswissenschaften  zur  Besinnung  über  sich  selbst. 

In  dem  Strukturzusammenhang  ist  weiter  fundiert,  daß  jede  geistige 
Einheit  in  sich  selbst  zentriert  ist.  Wie  das  Individuum,  so  hat  auch 
jedes  Kidtursystem,  jede  Gemeinschaft  einen  Mittelpunkt  in  sich  selbst. 
In  denselben  sind  Wirklichkeitsauffassen,  Wertung,  Erzeugung  von  Gütern 
zu  einem  Ganzen  verbunden. 

Nun  tut  sich  aber  an  dem  Wirkungszusammenhang,  der  der  Gegen- 
stand der  Geisteswissenschaften  ist,  ein  neues  Grundverhältnis  auf.  Die 
verschiedenen  Träger  des  Schaffens  sind  zu  weiteren  gesellschaftlich-ge- 
schichtlichen Zusammenhängen  verwoben;  solche  sind  Nationen,  Zeitalter, 
historische  Perioden.  So  entstehen  verwickeitere  Formen  des  historischen 
Zusammenhangs.  Die  Werte,  Zwecke,  Bindungen,  die  in  ihnen  auftreten, 
getragen  von  Individuen,  Gemeinschaften,  Systemen  von  Beziehungen, 
soUen  nun  vom  Historiker  zusammengefaßt  werden.  Sie  werden  von  ihm 
verglichen,  das  Gemeinsame  an  ihnen  wird  herausgehoben,  die  verschiedenen 
Wirkungszusammenhänge  werden  zusammengenommen  in  Synthesen.  Und 
hier  entsteht  nun  aus  der  Zentrierung  in  sich  selbst,  die  jeder  geschicht- 
lichen Einheit  beiwohnt,  eine  andere  Einheitsform.  Was  gleichzeitig  wirkt  und 
ineinandergreift  wie  Individuen,  Kultursysteme  oder  Gemeinschaften,  steht 
in  beständigem  geistigen  Verkehr  und  ergänzt  so  zunächst  sein  Eigenleben 
durch  das  fremde;  schon  Nationen  leben  öfter  in  stärkerer  Abgeschlossen- 
heit und  haben  dadurch  ihren  eigenen  Horizont:  betrachte  ich  nun  aber  die 
Periode  des  Mittelalters,  so  ist  ihr  Gesichtskreis  von  dem  früherer  Perioden 
getrennt.  Auch  wo  die  Ergebnisse  dieser  Perioden  herüberwirken,  werden 
sie  assimiliert  in  das  System  der  mittelalterlichen  Welt.  Dieses  hat  einen 
abgeschlossenen  Horizont.  So  ist  eine  Epoche  in  sich  selbst  in  einem 
neuen  Sinn  zentriert.  Die  einzelnen  Personen  der  Epoche  haben  den  Maß- 
stab ihres  Wirkens  in  einem  Gemeinsamen.  Die  Anordnung  der  Wirkungs- 
zusammenhänge in  der  Gesellschaft  der  Epoche  hat  gleiche  Züge.  Die  Be- 
ziehungen im  gegenständlichen  Auffassen  zeigen  in  ihr  eine  innere  Verwandt- 
schaft. Die  Art  zu  fühlen,  das  Gemütsleben,  die  so  entstehenden  Antriebe  sind 
einander  ähnlich.  Und  so  wählt  auch  der  Wille  sich  gleichmäßige  Zwecke, 
strebt  nach  verwandten  Gütern  und  findet   sich  in  verwandter  Weise  ge- 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisleswissenschaften.  I.        87 

bunden.  Es  ist  die  Aufgabe  der  historischen  Analysis,  in  den  konkreten 
Zwecken,  Werten,  Denkarten  die  Übereinstimmung  in  einem  Gemeinsamen 
aufzufinden,  das  die  Epoche  regiert.  Eben  durch  dieses  Gemeinsame  sind 
dann  auch  die  Gegensätze  bestimmt,  welche  hier  obwalten.  So  hat  also 
jede  Handlung,  jeder  Gedanke,  jedes  gemeinsame  Schaffen,  kurz  jeder  Teil 
dieses  historischen  Ganzen  seine  Bedeutsamkeit  durch  sein  Verh.ältnis 
zu  dem  Ganzen  der  Epoche  oder  des  Zeitalters.  Und  wenn  nun  der 
Historiker  urteilt,  so  stellt  er  fest,  was  der  Einzelne  in  diesem  Zusammen- 
hang geleistet  hat,  wiefern  etwa  sein  Blick  und  sein  ,Tun  schon  hinaus- 
reichte über  ihn. 

Die  geschichtliche  Welt  als  ein  Ganzes,  dies  Ganze  als  ein  Wirkungs- 
zusammenhang, dieser  Wirkungszusammenhang  als  wertgebend,  zweck- 
setzend, kurz :  schaffend,  dann  das  Verständnis  dieses  Ganzen  aus  ihm  selbst, 
endlich  die  Zentrierung  der  Werte  und  Zwecke  in  Zeitaltern,  Epochen,  in 
der  Universalgeschichte  —  dies  sind  die  Gesichtspunkte,  unter  denen  der  an- 
zustrebende Zusammenhang  der  Geisteswissenschaften  gedacht  werden  muß. 
So  wird  der  unmittelbare  Bezug  des  Lebens,  seiner  Werte  und  Zwecke 
zu  dem  geschichtlichen  Gegenstand  allmählich  in  der  Wissenschaft  nach 
ihrer  Richtung  auf  Allgemeingültigkeit  ersetzt  durch  die  Erfahrung  der 
immanenten  Beziehungen,  die  im  Wirkungszusammenhang  der  geschicht- 
lichen Welt  zwischen  wirkender  Kraft,  Werten,  Zwecken,  Bedeutung  und 
Sinn  bestehen.  Auf  diesem  Boden  objektiver  Geschichte  ergäbe  sich  dann 
erst  das  Problem,  ob  und  wiefern  Voraussage  der  Zukunft  und  Einordnung 
unseres  Lebens  in  gemeinsame  Ziele  der  Menschheit  möglich   werden. 

Primär  bildet  sich  die  Auffassung  des  Wirkungszusammenhangs  im 
Erlebenden,  dem  die  Abfolge  imieren  Geschehens  in  strukturellen  Be- 
ziehimgen  sich  entwickelt.  Und  dieser  Zusammenhang  wird  dann  durch 
das  Verstehen  in  fremden  Individuen  wiedergefunden.  Die  Gnmdform  des 
Zusammenhangs  entsteht  so  in  dem  Lidividuum,  das  Gegenwart,  Vei-gangen- 
heit  imd  Möglichkeiten  der  Zukunft  zu  einem  Lebensverlauf  zusammen- 
nimmt. Dieser  Lebensverlauf  kehrt  dann  in  dem  geschichtlichen  Verlauf 
wieder,  dem  die  Lebenseinheiten  eingeordnet  sind.  Indem  von  dem  Zuschauer 
eines  Ereignisses  weitere  Zusammenhänge  gesehen  werden  oder  ein  Bericht 
sie  erzählt,  entsteht  die  Auffassung  geschichtlicher  Begebenheiten.  Und 
da  nun  die  einzelnen  Begebenheiten  eine  Stelle  im  Zeitverlauf  einnehmen 
und  so  an  jedem  Punkte  Erwirken  aus  der  Vergangenheit  voraussetzen  und 


88  Dilthey: 

ihre  Folgen  ferner  in  die  Zukunft  hineinreichen,  so  fordert  jedes  Geschehnis 
einen  weiteren  Fortgang  und  die  Gegenwart  fuhrt  daher  hinüber  in  die  Zukunft. 
Andere  Arten  von  Zusammenhang  bestehen  in  Werken,  die,  von  ihrem 
Urheber  abgelöst,  ihr  eigenes  Leben  und  Gesetz  in  sich  tragen.  Ehe  wir 
zum  Wirkungszusammenhang,  in  dem  sie  entstanden,  vordi-ingen,  erfassen 
wir  Zusammenhänge,  die  in  dem  vollendeten  Werk  bestehen.  Im  Ver- 
stehen geht  der  logische  Zusammenhang  auf,  in  welchem  Rechtssätze 
in  einem  Gesetzbuch  miteinander  verbunden  sind.  Lesen  wir  ein  Lustspiel 
von  Shakespeare,  so  sind  hier  die  nach  den  Verhältnissen  der  Zeit  imd 
Wirkung  verbundenen  Bestandteile  eines  Geschehnisses  nach  den  Gesetzen 
der  dichterischen  Komposition  zu  einer  Einheit  erhoben,  die  sie  aus  dem 
Wirkungsverlauf  im  Anfang  und  Ende  heraushebt  und  ihre  Teile  zu  einem 
Ganzen  verknüpft. 

2. 

Wirkungszusammenhang  als  Grundbegriff  der  Geistes- 
wissenschaften. 

In  den  Geisteswissenschaften  erfassen  wir  die  geistige  Welt  in  der 
Form  von  Wirkungszusammenhängen,  wie  sie  sich  in  dem  Zeitverlauf  bil- 
den. Wirken,  Energie,  Zeitverlauf,  Geschehen  sind  so  die  Momente,  welche 
die  geisteswissenschaftliche  Begriffsbildung  charakterisieren.  Von  diesen 
inhaltlichen  Bestimmungen  bleibt  die  allgemeine  Funktion  des  Begriffs  im 
Denkzusammenhang  der  Geisteswissenschaften  unabhängig,  die  seine  Be- 
stimmtheit und  seine  Konstanz  in  allen  Urteilen  fordert.  Die  Merkmale  eines 
Begriffs,  deren  Verbindung  seinen  Inhalt  bildet,  müssen  denselben  Anforderun- 
gen entsprechen.  Und  die  Aussagen,  in  denen  Begriffe  verbunden  sind,  dürfen 
weder  in  sich  noch  untereinander  Widersprüche  enthalten.  Diese  vom 
Zeitverlauf  unabhängige  Geltmig,  welche  so  im  Zusammenhang  des  Denkens 
l)esteht  und  die  Form  der  Begi-iffe  bestimmt,  hat  nichts  damit  zu  tun, 
daß  der  Inhalt  der  geisteswissenschaftlichen  Begriffe  Zeitverlauf,  Wirken, 
Energie,  Geschehen  repräsentieren  kann. 

Wir  sehen  in  der  Struktur  des  Individuums  eine  Tendenz  oder  Trieb- 
kraft wirksam,  die  sich  allen  zusammengesetzteren  Gebilden  der  geistigen 
Welt  mitteilt.  In  dieser  Welt  treten  Gesamtkräfte  auf,  die  in  einer  be- 
stimmten Richtung  sich  im  geschichtlichen  Zusammenhang  geltend  machen. 
Alle   geisteswissen.schaftliehen  Begriffe,    sofern   sie   irgendeinen  Bestandteil 


Der  Aufhau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        89 

des  Wirkungszusammonliangs  repräsentieren,  enthalten  in  sich  diesen  Cha- 
rakter von  Vorgang,  Verlauf,  Geschehen  oder  Handeln.  Und  da,  wo  Objek- 
tivationen  des  geistigen  Lebens  als  ein  Fertiges,  gleichsam  Ruhendes  ana- 
lysiert werden,  wird  immer  die  weitere  Aufgabe  bestehen,  den  Wirkungs- 
zusammenhang, in  welchem  solche  Objektivationen  entstanden  sind,  zu 
erfassen.  In  einem  weiten  Umfange  sind  so  die  geisteswissenschaftlichen 
Begriffe  fixierte  Repräsentationen  eines  Fortschreitenden,  Verfestigung  dessen 
in  Gedanken,  was  selber  Verlauf  oder  Bewegungsrichtung  ist.  Ebenso  ent- 
halten die  systematischen  Geisteswissenschaften  die  Autgal)e  einer  Begriffs- 
bildung, welche  die  dem  Leben  einwohnende  Tendenz,  seine  Veränderlich- 
keit und  Unruhe,  vor  allem  aber  die  in  ihm  sich  vollziehende  Zwecksetzung 
zum  Ausdruck  bringt.  Und  in  den  historischen  und  systematisclien  Geistes- 
wissenschaften entsteht  dann  die  weitere  Aufgabe,  die  Beziehungen  in  den 
Begriffen  dementsprechend  zu  bilden. 

Es  war  Hegels  Verdienst,  daß  er  in  seiner  Logik  den  rastlosen  Strom 
des  Geschehens  zum  Ausdruck  zu  bringen  suchte.  Aber  es  war  sein  Irrtum, 
daß  diese  Anfordenang  ihm  nun  unvereinbar  erschien  mit  dem  Satz  des 
Widerspruches:  unauflösliche  Widerspriiche  entstehen  erst,  wenn  man  di(! 
Tatsache  des  Flusses  im  Leben  erklären  will.  Und  ebenso  irrig  war  und  ist 
es,  wenn  man  von  derselben  Voraussetzung  aus  zur  Verwerfung  der  syste- 
matischen Begriffsbildung  auf  dem  gesehiclitlichen  Gebiet  gelangt.  So  er- 
starrt in  Hegels  dialektischer  Methode  die  Mannigfaltigkeit  des  geschicht- 
lichen Lebens,  und  die  Gegner  der  syst(>matischen  Begriffsbildung  auf  dem 
historischen  Gebiet  lassen  in  einer  unrepräsentierbaren  I^ebenstiefe  die 
Mannigfaltigkeit  des  Daseins  versinken. 

An  diesem  Punkte  versteht  man  Fichtes  tiefste  Intention.  In  der  an- 
gestrengten Versenkung  des  Ich  in  sich  findet  es  sich  nicht  als  Substanz, 
Sein,  Gegebenheit,  sondern  als  Leben,  Tätigkeit,  Energie.  Und  er  hat  be- 
reits die  Energiebegriffe  der  geschichtlichen  Welt  ausgebildet. 

3. 
Das  Verfahren  in  der  Feststellung  von  einzelnen  Wirkungs- 
zusammenhängen. 
Der  Wirkungszusammenhang   ist   an    sich    immer  komplex.     Der  An- 
griffspunkt fiir  seine  Feststellung  ist  eine  einzelne  Wirkung,  zu  welcher  wir 
—  iTickwSrts  schreitend  —  die  wii'kenden  Momente  aufsuchen.    Unter  di^n 
FhU.-hi.st.  Klause.    1910.    Abh.  I.  12 


90  Dilthey: 

vielen  Faktoren  ist  nun  nur  eine  begrenzte  Zahl  bestimmbar  und  fiir  diese 
Wirkung  von  Bedeutung.  Wemi  wir  etwa  fiir  die  Veränderung  unserer 
Literatur,  in  welcher  die  Aufklärung  überwunden  wurde,  das  Ineinander- 
greifen der  UrsacJien  aufsuchen,  dann  unterscheiden  wir  Gruppen  derselben, 
wir  suchen  ihr  Gewicht  abzuwägen,  und  wir  grenzen  irgendwo  den  un- 
begrenzten ursächlichen  Konnex  nach  der  Bedeutung  der  Momente  und 
nach  unserem  Zwecke  ab.  So  heben  wir  einen  Wirkungszusammenhang 
heraus,  um  die  in  Frage  stehende  Veränderung  zu  erklären.  Anderseits 
sondern  wir  aus  dem  konkreten  Wirkungszusammenhang  in  einer  methodi- 
schen Analyse  desselben  unter  verschiedenen  Gesichtspunkten  Einzelzu- 
sammenhänge aus,  und  auf  dieser  Analysis  beruht  recht  eigentlicli  der  Fort- 
schritt in  den  systematischen  Geisteswissenschaften  wie  in  der  Geschichte. 

Induktion,  die  Tatsachen  und  Kausalglieder  feststellt,  Synthesis,  die 
mit  Hilfe  der  Induktion  Kausalzusammenhänge;  aneinanderfügt,  Analysis, 
welche  einzelne  Wirkungszusammenhänge  aussondert,  Vergleichung  —  in 
diesen  oder  ihnen  äquivalenten  Verfahnuigsweisen  vornclmilicli  bildet  sich 
unser  Wissen  von  dem  Wirkungszussimmenhang.  Und  wir  wenden  dieselben 
Methoden  an,  wenn  wir  die  dauernden  Schöpfungen,  die  aus  diesem  Wir- 
kungszusammenhang hervorgegangen  sind  —  Bilder,  Statuen,  Dramen, 
philosophische  Systeme,  Religionsschriften,  Rechtsbücher  erforschen.  Der 
Zusammenliang  in  ihnen  ist  verschieden  nach  ilu-em  Charakter,  aber  Zer- 
gliederung des  Werks  als  eines  Gajizen  auf  induktiver  Grundlage  und  syn- 
thetische Rekonsti'uktion  des  Ganzen  aus  der  Beziehmig  seiner  Teile,  wieder 
auf  Grundlage  der  Induktion,  unter  beständiger  Präsenz  allgemeiner  Wahr- 
heiten, greifen  auch  hier  ineinander.  Mit  dieser  Richtvmg  des  Denkens  auf 
Zusammenhang  ist  in  den  Geisteswissenschaften  nmi  die  andere  verbunden, 
welche,  vom  Besonderen  zum  Allgemeinen  imd  rückwäi-ts  gehend,  Regel- 
mäßigkeiten in  den  Wirkungszusammenhängen  aufsucht.  Hier  macht  sich 
das  umfassendste  Verhältnis  gegenseitiger  Abhängigkeit  der  Verfahrungs- 
weisen  geltend.  Die  Verallgemeinerungen  dienen  der  Bildimg  von  Zusam- 
menhängen, und  die  Analysis  des  konki-eten  und  universalen  Zusammen- 
hangs in  Einzelzusaramenhänge  ist  der  fruchtbai-ste  Weg  zur  Auffindung 
allgemeiner  Wahrheiten. 

Indem  man  nun  aber  das  Verfahren  zur  Feststellung  von  Wtrkungs- 
zusammenhängen  in  den  Geisteswissenschaften  ins  Auge  faßt,  zeigt  sich 
die    große   Verschiedenheit    desselben    von    dem,    das    den    Naturwissen- 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        91 

Schäften  ihre  ungeheuren  Erfolge  möglich  gemacht  hat.  Die  Naturwissen- 
schaften haben  den  räumlichen  Zusammenhang  der  Erscheinungen  zu  ihrer 
Grundlage.  Die  Zählbarkeit  und  Meßbarkeit  dessen,  was  sich  räumlich  er- 
streckt oder  im  Räume  bewegt,  ermöglichen  hier  die  Auffindung  exakter 
allgemeiner  Gesetze.  Aber  der  innere  Wirkungszusammenhang  ist  nur  hinzu- 
gedacht, und  seine  letzten  Elemente  sind  nicht  aufzeigbar.  Dagegen  sind, 
wie  wir  sahen,  die  letzten  Einheiten  der  geschichtlichen  Welt  im  Erleben 
und  Verstehen  gegeben.  Ihr  Einheitscharakter  ist  fundiert  in  dem  Struktur- 
zusammenhang, in  welchem  gegenständliches  Auffassen.,  Werte  und  Zweck- 
setzen aufeinander  bezogen  sind.  Wir  erleben  diesen  Charakter  der  Lebens- 
einbeit  ferner  darin,  daß  nur  das  in  ihrem  eigenen  Willen  Gesetzte  Zweck 
sein  kann,  nur  was  ihrem  Denken  sich  bewährt,  wahr  ist  und  nur,  was  zu 
ihrem  Fühlen  ein  positives  Verhältnis  hat,  Wert  für  sie  besitzt.  Das  Kori-elat 
dieser  Lebenseinheit  ist  der  nach  innerem  Antrit^b  sich  bewegende  und  wir- 
kende Körper.  Die  menschlich-gesellschaftlich-geschichliche  Welt  besteht 
aus  diesen  psychophysischen  Leb<'nseinheiten.  Dies  ist  der  sichere  analytische 
Befund.  Und  auch  der  Wirkungszusammenhang  dieser  Einheiten  zeigt  dann 
besondere  Eigen  seh  aflen,  welche  durch  die  Verhältnisse  von  Einheit  und 
Vielheit,  Ganzem  und  Teil,  Zusammensetzung  und  AV'echselvvirkung  nicht  er- 
erschöpft werden. 

Wir  folgern  weiter:  Die  Lebenseinheit  ist  ein  Wirkungszusammenhang, 
der  vor  dem  der  Natur  voraus  hat,  daß  er  erlebt  wird,  dessen  wirkende 
Teile  aber  nicht  nach  ihrer  Intensität  gemessen,  sondern  nur  abgeschätzt 
werden  können,  dessen  Individualität  vom  Gf^meinscliaftlicli-Menschlichen 
nicht  loslösbar  ist,  so  daß  Menschheit  nur  ein  unbestimmter  Typus  ist.  Daher 
ist  jeder  einzelne  Zustand  im  psychischen  Leben  eine  neue  Stellung  der  ganzen 
Lebensehiheit,  ein  Bezug  ihrer  Totalität  zu  Dingen  und  Menschen,  und  da 
nun  jede  Lebensäußerung,  die  von  einer  Gemeinschaft  ausgeht  oder  dem 
Wirkungszusammenhang  eines  Kultursystems  angehört,  das  Erzeugnis  zu- 
sammenwirkender Lebenseinheiten  ist,  so  haben  die  Bestandteile  dieser  zu- 
sammengesetzten Gebilde  einen  dem  entsprechenden  Charakter.  Wie  stark 
auch  jeder  psychische  Vorgang,  der  einem  solchen  Ganzen  angehört,  durch 
die  Intention  des  Wirkungszusammenhangs  bestimmt  sein  mag,  immer  ist 
dieser  Vorgang  nicht  von  dieser  Intention  ausschließlich  bestimmt.  Das 
Individxmm,  in  dem  er  sich  vollzieht,  greift  als  Lebenseinheit  in  den  Wir- 
kungszusammenhang ein;    in  seiner  Äußerung  ist  es  als  Ganzes  wirksam. 

12* 


92  Dilthey: 

Die  Natur  ist  durch  die  Differenzierung  der  Sinne,  deren  jeder  einen 
Sinneskreis  von  homogener  Beschaffenheit  enthält,  in  verschiedene  Systeme 
gesondert,  deren  jedes  in  sich  gleichartig  ist.  Derselbe  Gegenstand,  eine 
Glocke,  ist  hart,  bronzefarhen,  fähig  beim  Anschlagen  einen  Umkreis  von 
Tönen  hervorzubringen:  so  nimmt  jede  seiner  Eigenschaften  eine  Stelle  tu 
einem  der  Systeme  sinnlichen  Auffassens  ein;  ein  innerer  Zusammenhang 
dieser  Eigenschafton  ist  uns  nicht  gegeben.  Im  Erleben  bin  ich  mii'  selbst 
als  Zusammenhang  da.  Jed(!  veränderte  Lag(?  bringt  eine  neue  Stellimg  des 
ganzen  Lebens.  Ebenso  ist  in  jeder  Lebensäußerung,  die  uns  zum  Verständ- 
nis kommt,  immer  das  ganze  Leben  wirksam.  So  sind  uns  homogene  Systeme, 
welche  Gesetze  der  Veränderung  aufzufinden  möglich  machen,  uns  weder 
im  Erleben  noch  im  Verstehen  gegeben.  Gemeinsamkeit,  Verwandtschaft 
geht  mis  im  Verstehen  auf  und  dieses  läßt  uns  anderseits  unendlich  viele 
Nuancen  der  Differenzierung  gewahren,  von  den  großen  Unterschieden  der 
Rassen,  Stämme  und  Völker  ab  bis  zur  unendlichen  Mannigfaltigkeit  der 
Individuen.  Daher  herrscht  in  den  Natxirwissenschaften  das  Gesetz  der  Ver- 
änderungen, in  der  geistigen  Welt  die  Auffassung  der  IndiAidualität,  auf- 
steigend von  der  Einzelperson  bis  zum  Individuimi  Menschheit,  und  das 
vergleichende  Verfahren,  welches  diese  individuelle  Mannigfaltigkeit  begriff- 
lich  zu  ordnen  unternimmt. 

Aus  diesen  Verhältnissen  ergeben  sich  die  Grenzen  der  Geisteswissen- 
schaft sowohl  in  bezug  auf  das  Studium  der  Psychologie  als  das  der 
systematischen  Disziplinen,  die  später  in  der  Methodenlehre  im  einzelnen 
darzulegen  sind.  Allgemein  angesehen  ist  deutlich,  daß  sowohl  Psychologie 
als  die  einzelnen  systematischen  Disziplinen  einen  vorwiegend  beschreibenden 
und  analytischen  Charakter  haben  werden.  Und  hier  greifen  nun  meine 
früheren  Darlegungen  über  das  analytische  Verfahren  in  der  Psychologie 
und  in  den  systematischen  Geisteswissenschaften  ein.  Ich  berufe  mich  hier 
im  ganzen  auf  sie  zurück'. 


'  »Ideen  über  eine  beschreibende  und  zergliedernde  Psychologie.«  Sitzungsberichte 
d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1894.  Vgl.  in  den  »Studien  z.  Grundlegung«  S.  332  ff-,  »Einleitung 
in  d.  Geisteswissensch."  1883  und  dazu  Sigwart,  Logik  113,  S.  633 ff. 


Der  Aufhau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        93 

4. 

Die  Geschichte  und  ihr  Verständnis  vermittels  der 
systematischen  Geisteswissenschaften. 

Die  geisteswissenschaftliche  Erkenntnis  vollzieht  sich,  wie  wir  sahen, 
in  der  gegenseitigen  Abhängigkeit  von  Geschichte  und  systematischen  Diszi- 
plinen; und  da  die  Intention  des  Verstehens  in  jedem  Fall  der  begrifflichen 
Bearbeitung  vorausgeht,  so  beginnen  wir  mit  den  allgemeinen  Eigenschaften 
des  geschichtlichen  Wissens. 

Geschichtliches  Wissen. 

Die  Auffassung  des  Wirkvuigszusammenhangs,  den  die  Geschichte  bildet, 
entsteht  zunächst  von  einzelnen  Pimkten  aus,  an  denen  zusammengehörige 
Reste  der  Vergangenheit  durch  die  Bezielmng  zur  Lebenserfahrung  im  Ver- 
stehen miteinander  verbunden  werden;  was  uns  in  der  Nähe  umgibt,  wird 
uns  zum  Verständnismittel  des  Entfernten  und  V^ergangenen.  Die  Bedin- 
gung fiir  diese  Intei-pretation  der  historischen  Reste  ist,  daß  das,  was  wir 
in  sie  hineintragen,  den  Charakter  der  Beständigkeit  in  der  Zeit  und  der 
allgemein-menschlichen  Geltung  hat.  So  übertragen  wir  unsere  Kenntnis 
von  Sitten,  Gewohnheiten,  politischen  Zusammenhängen,  religiösen  Prozessen, 
und  die  letzte  Voraussetzung  der  Übertragung  bilden  immer  die  Zusammen- 
hänge, die  der  Historiker  in  sich  selbst  ei-lebt  hat.  Die  ürzelle  der  geschicht- 
lichen Welt  ist  das  Erlebnis,  in  dem  das  Subjekt  im  Wirkungszusammen- 
hang des  Lebens  zu  seinem  Milieu  sich  befindet.  Dies  Milieu  wirkt  auf 
das  Subjekt  und  empfängt  Wirkungen  von  ihm.  Es  ist  zusammengesetzt 
aus  der  physischen  und  der  geistigen  Umgebung.  In  jedem  Teil  der  ge- 
schichtlichen Welt  besteht  daher  derselbe  Zusammenhang  des  Ablaufs  eines 
psychi.schen  Geschehens  im  Wirkungszusammenhang  mit  einer  LTmgebung. 
Hier  entstehen  die  Aufgaben  der  Abschätzung  der  Natureinflüsse  auf  den 
Menschen  und  der  Feststellung  der  Einwirkung  der  geistigen  Umwelt  auf  ihn. 

Wie  Rohstoff  in  der  liidustrie  mehreren  Arten  der  Bearbeitung  unter- 
worfen wird,  so  werden  auch  die  Reste  der  Vergangenheit  durch  ver- 
schiedene Prozeduren  hindurch  zum  vollen  geschichtlichen  Verständnis  er- 
hoben. Kritik,  Auslegung  und  das  Verfahren,  welches  die  Einheit  in  dem 
Verständnis  eines  historischen  Vorgangs  herbeifiihrt,  greifen  ineinander.  Das 


94  D 1 1>  T  n  E  Y : 

Charakteristische  ist  aber  auch  hier,  daß  nicht  eine  einfache  Fundierung 
der  einen  Operation  auf  die  andere  stattfindet ;  sondern  Kritik,  Intei-pretation 
und  denkendes  Zusammennehmen  sind  ihrer  Aufgabe  nach  verschieden: 
aber  die  Lösung  einer  jeden  dieser  Aufgaben  fordert  stets  zugleich  auf 
den  andern  Wegen  gewonnene  Einsichten. 

Eben  dies  Verhältnis  hat  nun  aber  zur  Folge,  daß  die  Begrändnng 
des  geschichtlichen  Zusammenhangs  immer  auf  ein  logisch  nie  vollständig 
darstellbares  Ineinandergreifen  von  Leistungen  angewiesen  ist  und  daher 
niemals  dem  historischen  Skeptizismus  gegenüber  durch  unanfechtbare  Be- 
weise sich  rechtfertigen  kann.  Man  denke  an  Niebuhrs  große  Entdeckungen 
über  die  ältere  römische  Geschichte.  Überall  ist  seine  Kritik  untrennbar 
von  seiner  Rekonstruktion  des  wahren  Verlaufs.  Er  mußte  feststellen,  wie 
die  vorhandene  Überlieferung  der  älteren  römischen  Geschichte  zustande 
gekommen  ist  und  welche  Schlüsse  aus  ihrer  Entstehung  auf  ihren  histori- 
schen Wert  gemacht  werden  können.  Er  mußte  zugleich  aus  einer  sach- 
lichen Argumentation  die  Grundzüge  der  wirklichen  Geschichte  abzuleiten 
versuchen.  Ohne  Zweifel  bewegt  sich  dieses  methodische  Verfahren  in 
einem  Zirkel,  wenn  man  die  Regeln  einer  strengen  Beweisführung  anlegt. 
Und  wenn  nun  Niebuhr  sich  zugleich  des  Schlusses  der  Analogie  aus  ver- 
wandten Entwicklungen  bediente,  so  unterlag  das  Wissen  von  diesen  ver- 
wandten Entwicklungen  ja  demselben  Zirkel,  und  der  Analogieschluß,  der 
dies  Wissen  benutzte,  gab  keine  strenge  Gewißheit. 

Selbst  gleichzeitige  Berichte  müssen  erst  in  bezug  auf  die  Auffassmig 
des  Berichterstatters,  seine  Zuverlässigkeit,  sein  Verhältnis  zum  Vorgang 
geprüft  werden.  Und  je  weiter  Erzählungen  von  der  Zeit  des  Gescheh- 
nisses abstehen,  desto  mehr  wird,  wenn  nicht  durch  Reduktion  auf  ältere, 
den  Geschehnissen  selbst  gleichzeitige  Nachrichten  der  Wert  der  Bestand- 
teile einer  solchen  Erzählung  festgestellt  werden  kann,  die  Glaubwürdig- 
keit sich  verringern.  Sicheren  Boden  hat  die  politische  Geschichte  der 
alten  Welt,  wo  Urkunden  vorliegen,  und  die  der  neueren,  wo  die  Akten, 
die  den  Verlauf  eines  geschichtlichen  Geschehnisses  bilden,  erhalten  sind. 
Mit  den  methodisch-kritischen  Urkundensammlungen  und  dem  freien  Zu- 
gang der  Historiker  zu  den  Archiven  begann  daher  erst  sicheres  Wissen 
von  der  politischen  Geschichte.  Dieses  vermag  dem  historischen  Skeptizis- 
mus rücksichtlich  der  Tatsachen  vollkommen  standzuhalten,  und  auf  solchen 
sicheren  Grundlagen  baut  sich  mit  Hilfe  der  Analyse  der  Berichte  auf  ihre 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geistes^wissenschaften.  I.        95 

Quellen  und  der  Prüfung  der  Gesichtspunkte  der  Berichterstatter  eine  Re- 
konstruktion auf,  die  historische  Wahrscheinlichkeit  hat  und  der  nur  geist- 
reiche, aber  unwissenschaftliche  Köpfe  die  Brauchbarkeit  absprechen  können. 
Diese  Rekonstruktion  gewinnt  zwar  niclit  über  die  Motive  der  handelnden 
Personen  ein  sicheres  Wissen,  wohl  aber  über  die  Handlungen  und  Begeben- 
heiten, und  die  Irrtümer,  denen  wir  in  bezug  auf  einzelne  Tatsachen  immer 
ausgesetzt    bleiben,    machen   doch    nicht  das   Ganze  zweifelhaft. 

Weit  günstiger  als  in  der  Auffassung  des  politischen  Verlaufs  ist  die 
Geschichtschreibung  gestellt  gegenüber  Massenerscheinungen,  vor  allem  aber, 
wo  sie  künstlerische  oder  wissenschaftliche  Werke  vor  sich  hat,  die  der 
Analyse  standhalten. 

Stufen  des  geschichtlichen  Verständnisses. 

Die  allmähliche  Bewältigung  des  historischen  Stoffes  vollzieht  sich 
in  verschiedenen  Stufen,  welche  nach  und  nach  in  die  Tiefen  der  Ge- 
schichte eingedrungen  sind. 

Mannigfache  Interessen  führen  zunächst  zur  Erzählung  dessen,  was 
geschehen  ist.  Vor  allem  wird  hier  das  ursprünglichste  Bedürfnis  befriedigt 
—  Neugier  über  die  menschlichen  Dinge,  zumal  über  die  der  eigenen 
Heimat.  Nationales  und  staatliches  Selbstgefühl  macht  sich  daneben  geltend. 
So  entspringt  die  Erzählungskunst,  deren  Muster  für  alle  Zeiten  Herodotos 
ist.  Nun  aber  tritt  die  Richtung  auf  die  Erklärung  in  den  Vordergrund. 
Die  athenische  Kultur  in  der  Zeit  des  Thukydides  bot  zuerst  die  Bedin- 
gungen fiir  sie.  Die  Handlungen  werden  aus  p.sychologischen  Motiven  in 
scharfer  Beobachtung  abgeleitet;  die  Machtkämpfe  der  Staaten,  ihr  Verlauf 
und  ihr  Ausgang  werden  erklärt  aus  den  militäi-ischen  und  politischen 
Kräften  derselben,  die  Wirkungen  der  Staatsverfassungen  werden  studiert. 
Und  indem  nun  ein  großer  politischer  Denker  wie  Thukydides  die  Ver- 
gangenheit durch  das  nüchterne  Studium  des  Wirkungszusaninienhanges 
in  ihr  aufklärt,  ergibt  sich  zugleich,  daß  die  Geschichte  auch  über  die 
Zukunft  belelirt.  Nach  dem  Schluß  der  Analogie  kann  man,  wenn  ein 
früherer  Wirkungsverlauf  erkannt  ist  und  sich  ihm  nun  die  ersten  Stadien 
eines  Vorgangs  verwandt  erweisen,  das  Eintreten  eines  ähnlichen  weiteren 
Verlaufs  erwarten.  Dieser  Schluß,  auf  den  Thukydides  die  Lehren  der 
Geschichte  för  die  Zukunft  gründet,  ist  in  der  Tat  für  das  politische 
Denken   von  entscheidender  Bedeutung.    Wie  in  den  Naturwissenschaften 


96  Diltiiey: 

ermöglicht  auch  in  der  Geschichte  eine  Regelmäßigkeit  im  Wirkungs- 
zusammenhang Voraussage  und  auf  Wissen  gegründete  Einwirkung.  Wenn 
nun  schon  der  Zeitgenosse  der  Sophisten  die  Verfassungen  als  politische  Kräfte 
studiert  hatte,  so  tritt  uns  in  Polybios  eine  Geschichtschreibung  entgegen,  in 
welcher  die  methodische  Übertragung  der  systematischen  Geisteswissen- 
schaften auf  die  Erklärung  des  historischen  Wirkungszusammenhanges  es 
ermöglicht,  die  Wirkung  dauernder  Kräfte,  wie  es  die  Verfassung,  die  mili- 
tärische Organisation,  die  Finanzen  sind,  in  das  erklärende  Verfahren  ein- 
zuführen. Der  Gegenstand  des  Polybios  war  die  Wechselwirkung  der  Staaten, 
die  von  dem  Beginn  des  Kampfes  zwischen  Rom  und  Karthago  bis  zur  Zer- 
störung von  Karthago  und  Korinth  die  historische  Welt  für  den  europäischen 
Geist  bildeten,  und  er  unternimmt  nun,  aus  dem  Studium  der  dauernden 
Kräfte  in  ihnen,  die  einzelnen  politischen  Vorgänge  abzuleiten.  So  wird  sein 
Standpunkt  zugleich  universalhistorisch,  wie  er  selber  in  sich  die  griechische 
theoretische  Kultur,  das  Studium  der  raffinierten  Politik  und  des  Kriegs- 
wesens seiner  Heimat  mit  einer  Kenntnis  Roms  verband,  wie  sie  nur  der 
Verkehr  mit  den  leitenden  Staatsmännern  des  neuen  Universalstaats  ge- 
währen konnte.  Mannigfache  geistige  Kräfte  werden  nun  in  der  Zeit  von 
Polybios  bis  auf  Machiavelli  und  Guicciardini  wirksam,  vor  allem  die  unend- 
liche Vertiefung  des  Subjekts  in  sich  selbst  und  zugleich  die  Erweiterung 
des  historischen  Horizonts;  aber  die  beiden  großen  italienischen  Geschicht- 
schreiber bleiben  in  ihrem  Verfahren  dem  Polybios  durchaus  verwandt. 
Eine  neue  Stufe  der  Geschichtschreibung  wurde  erst  im  i8.  Jahr- 
hundert erreicht.  Zwei  große  Prinzipien  wurden  hier  nacheinander  ein- 
geführt, der  konkrete  Wirkungszusammenhang,  wie  er  als  historischer 
Gegenstand  aus  dem  großen  Fluß  der  Geschichte  herausgelioben  wird  durch 
den  Historiker,  wurde  zerlegt  in  Einzelzusammenhänge  wie  die  von 
Recht,  Religion,  Dichtung,  welche  in  der  Einheit  eines  Zeitalters  befaßt  sind. 
Dies  setzte  voraus,  daß  das  Aiige  des  Historikers  über  die  politische  Ge- 
schichte hinaus  auf  die  der  Kultur  blickte,  daß  in  jedem  Gebiet  der  Kultur 
von  den  systematischen  Geisteswissenschaften  her  dessen  Funktion  bereits 
zur  Erkenntnis  gebracht  worden  war,  und  daß  ein  Verständnis  für  das  Zu- 
sammenwirken solcher  Kultursysteme  sich  gebildet  hatte.  Im  Zeitalter  V^ol- 
taires  begann  die  neue  Geschichtschreibung.  Und  nun  trat  ein  zweites  Prinzip, 
das  der  Entwicklung,  seit  Winkehnann,  Justus  Moser  und  Herder  hinzu. 
Dies    Prinzip   besagt,    daß    in    einem    geschichtliehen   Wirkiingszusammen- 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        97 

hang  als  eine  Grundeigenschaft  eiitlialteii  ist,  daß  er  aus  seinem  Wesen 
von  innen  eine  Reihe  von  Veränderungen  durchläuft,  deren  jede  nur  auf 
der  Grundlage  der  frülieren  möglich  ist. 

Diese  verschiedenen  Stufen  bezeichnen  Momente,  die,  einmal  erfaßt, 
in  der  Geschichtschreibung  lebendig  geblieben  sind.  Freudige  Erzählungs- 
kunst, bohrende  Erklärung,  Anwendimg  des  systematischen  Wissens  auf 
sie,  Zerlegung  in  einzelne  Wirkungszusammenhänge  und  Prinzip  der  Ent- 
wicklung, diese  Momente  summieren  sich  und  verstärken  sich  untei-einander. 

Aussonderung  eines  Wirkuugszusammenhangs  unter  dem 
Gesichtspunkt  des  historischen  Gegenstandes. 

Immer  deutlicher  hat  sich  uns  die  Bedeutung  der  Zerlegung  des  kon- 
kreten Wii'kungszusammenhangs  und  der  wissenschaftlichen  Synthese  der 
in  ihm  enthaltenen  einzelnen  Wirkungszusammenhänge  gezeigt. 

Der  Historiker  geht  nicht  von  einem  Punkt  aus  dem  Nexus  der  Be- 
gebenheiten nach  allen  Seiten  ins  Endlose  nach;  vielmehr  liegt  in  der  Ein- 
heit eines  Gegenstandes,  der  das  Thema  des  Historikers  bildet,  ein  Prinzip 
der  Auswahl,  das  in  der  Aufgabe  der  Erfassung  gerade  dieses  Gegenstandes 
gegeben  ist.  Denn  die  Behandlung  des  geschichtlichen  Gegenstandes  fordert 
nicht  nur  dessen  Aussonderung  aus  der  Breite  des  konkreten  Wirkungs- 
zusammenhangs, sondern  der  Gegenstand  enthält  zugleich  ein  Prinzip  der 
Auswahl.  Der  Fall  Roms  oder  die  Befreiung  der  Niederlande  oder,  die  fran- 
zösische Revolution  erfordern  die  Auswahl  solcher  Vorgänge  und  Zusammen- 
hänge, die  für  das  aufgelöst«  römische  Reich,  die  befreiten  Niederlande,  die 
vollzogene  Revolution  die  Ursachen,  sowohl  die  einzelnen  als  die  allge- 
meinen, die  wirkenden  Kräfte  in  allen  ihren  Umformungen  enthalten.  Der 
Historiker,  der  mit  Wirkungszusammenhängen  arbeitet,  muß  so  aussondern 
und  in  solche  Verbindung  bringen,  daß  der  Kenner  des  Details  nichts  ver- 
mißt, weil  jedes  Einzelne  in  den  starken  Zügen  des  zusammengenommenen 
Wirkungszusammmenhangs  mitvertreten  ist.  Darin  besteht  nicht  nur  seine 
darstellende  Kunst,  sondern  diese  ist  das  Erzeugnis  einer  bestimmten  Art  zu 
sehen.  Wenn  man  diese  starken,  durchgreifenden  Zusammenhänge  unter- 
sucht, so  zeigt  sicli  auch  hier  wieder,  wie  die  Einsicht  in  sie  durch  die 
Verbindung  fortschreitenden  liistorischen  Verstehens  der  QuelkMi  mit  imm(>r 
tieferer  Auffassung  der  Zusammenhänge  im  Seelenleben  entspringt.  Faßt 
man  dann  näher  die  Art  des  Wirkungszusammenhangs  ins  Auge,  wie  er  in 
PhU.-hust.  Klasse.   1910.   Al>h.  l  13 


98  Dilthey: 

den  größten  Begebenheiten  der  Geschichte,  der  Entstehung  des  Christen- 
tums, der  Refoi-mation,  der  französischen  Revolution,  den  nationalen  Be- 
freiungskämpfen vorliegt,  so  kann  man  nun  denselben  als  die  Bildung  einer 
Totalkraft  auffassen,  die  in  ihrer  einheitlichen  Richtung  alle  Widerstände 
niederwii'ft.  Und  man  wird  immer  finden,  daß  zwei  Arten  von  Kräften  in 
ihr  zusammenwirken.  Die  einen  sind  Spannungen,  die  in  dem  Geföhl  von 
drängenden  und  durch  das  Gegebene  nicht  erfüllten  Bedürfnissen,  in  so 
entstehender  Sehnsucht  aller  Art,  in  einer  Zunahme  von  Reibungen  und 
Kämpfen  und  zugleich  in  dem  Bewußtsein  einer  Insuffizienz  der  Kräfte, 
das  Bestehende  zu  verteidigen,  liegen.  Die  anderen  entspringen  aus  vor- 
wärts drängenden  Energien  —  einem  positiven  Wollen,  Können  und  Glauben. 
Sie  beruhen  auf  den  kräftigen  Instinkten  vieler,  werden  aber  aufgeklärt  und 
gesteigert  durch  die  Erlebnisse  bedeutender  Naturen.  Und  wie  diese  posi- 
tiven Richtungen  aus  der  Vergangenheit  erwachsen,  auf  die  Zukunft  sich 
hmrichten,  sind  sie  schöpferisch.  Sie  schließen  Ideale  in  sich,  ihre  Form 
ist  der  Enthusiasmus,  und  in  diesem  ist  eine  besondere  Art,  sich  mitzu- 
teilen und  auszubreiten. 

Hieraus  leiten  wir  nun  den  allgemeinen  Satz  al),  daß  üi  dem  Wir- 
kungszusammenhang der  großen  Weltbegebenheiten  die  Verhältnisse  %on 
Druck,  Spannung,  Gefühl  der  Insuffizienz  des  bestehenden  Zustandes  — 
also  Gefühle  mit  negativem  Vorzeichen  und  Abwendungen  —  die  Grundlage 
bilden  for  die  Aktion,  die  von  positiven  Wertgeftihlen,  zu  erstrebenden 
Zielen,  Zweckbestimmungen  getragen  ist.  Indem  beide  zusammenwirken, 
entstehen  die  großen  Weltveränderungen.  In  dem  Wirkungszusummenhang 
sind  daher  das  eigentliche  Agens  die  seelischen  Zustände,  die  in  Wert,  Gut 
und  Zweck  ihre  Formel  finden,  und  unter  ihnen  sind  nicht  etwa  bloß 
die  Richtungen  auf  Kulturgüter  als  wirkende  Kräfte  anzusehen,  sondern 
ebenso   der  Wille  zur  Macht,   bis    ziu-   Neigung,    andere   zu   unterdrücken. 

Sonderung  der  Wirkungszusammenhänge  in  der  Geschichte 
durch  analytisches  Verfahren. 

I.    Die  Kultursysteme. 

So  zeigte  sich,  daß  schon  die  Bestimmung  des  Gegenstandes  eines 
historischen  Werkes  eine  Auswahl  der  Geschehnisse  und  Zusammenhänge 
mit  sich  bringt.     Aber   die  Geschichte   enüiält  ein  Ordnungssystem,  nach 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.        99 

welchem  ihr  konkreter  Wirkungszusammenhang  aus  einzelnen  isolierbaren 
Gebieten  besteht,  in  denen  gesonderte  I>eistimgen  vollzogen  werden,  so  daß 
die  Vorgänge  in  den  einzelnen  Individuen,  die  auf  eine  gemeinsame  Leistung 
bezogen  sind,  einen  einheitlichen  und  homogenen  Wirkungszusammenhang 
bilden.  Dies  Verhältnis  ist  schon  fräher  von  mir'  erörtert  worden.  Auf  ihm 
beruht  die  Begi-iffsbildung,  durch  welclie  Zusammenhänge  von  allgemeinem 
Charakter  in  der  Geschichtswissenschaft  erkennbar  werden.  Die  Analysis 
und  Isolierung,  d>irch  welche  solche  Wirkungszusammenliänge  ausgesondert 
werden,  ist  daher  der  entscheidende  Vorgang,  den  die  logische  Zergliede- 
i-ung  der  Geisteswissenschaften  zu  untersuchen  hat.  Die  Verwandtschaft 
dieser  Analysis  mit  derjenigen,  in  welclier  der  Struktiu-zusammenhang  der 
psychischen  Lebenseinheit  gefunden  wird,  liegt  am  Tage. 

Die  einfachsten  homogensten  Wirkungszusammenhänge,  die  eine  Kultur- 
leistung realisieren,  sind  Erziehung,  Wirtschaftsleben,  Recht,  politische 
Funktionen,  Religionen,  Geselligkeit,  Kunst,  Philosophie,  Wissenschaft,. 

Ich  entwickele   die  Eigensdiaften    eines    solchen  Systems. 

Eine  Leistung  wird  in  ihm  vollzogen.  So  realisiert  das  Recht  die 
erzwingbaren  Bedingungen  für  die  Vollkommenheit  der  Lebensverhältnisse, 
Die  Poesie  hat  ilir  Wesen  darin.  Erlebtes  so  auszudriicken  und  Objektivation 
des  Lebens  so  darzustellen,  daß  das  vom  Dichter  abgesonderte  Geschehnis 
in  seiner  Bedeutung  fiir  das  Ganze  des  Lebens  sich  wirkungsvoll  darstellt. 
In  dieser  Leistung  sind  Lidividuen  miteinander  verbunden.  Einzelne  Vor- 
gänge in  ihnen  beziehen  sicli  auf  den  Wirkungszusammenhang  der  Leistimg 
und  sind  ihr  zugehörig.  So  sind  diese  Vorgänge  Glieder  eines  Zusammen- 
hangs, der  die  Leistung  realisiert. 

Die  Rechtsregeln  des  Gesetzbuchs,  der  Prozeß,  in  welchem  Parteien 
vor  einem  Gerichtshof  über  eine  Erl)scliaft  verhandeln  nacli  den  Regeln 
des  Gesetzbuclu»s,  der  Beschluß  «los  Gerichtshofes  und  die  Ausfuhrung  des- 
selben: welch  eine  lange  Reihe  einzelner  psjchischer  Vorgänge  liegt  hier 
vor;  an  wie  viele  Personen  können  sie  verteilt  sein,  wie  mannigfach  greifen 
sie  ineinander,  um  schließlich  die  im  Recht  enthaltene  Aufgabe  in  bezug 
auf  ein  bestimmtes  vorliegendes  Leben.sverhältnis  zu  lösen. 

Der  Vollzug  der  Leistung  der  Poesie  ist  in  viel  höherem  Grad  an  den 
einheitlichen  Prozeß  in  der  Seele  des  Dichters  gel)unden;  aber  kein  Dichter 


Einleitiiug  io  die  Geisteswissenschnflen  .S.  52  fl'. 

13* 


100  Dilthey: 

ist  der  ausscliließlidie  Schöpfei-  seiner  Werke,  er  emptängt  ein  (nreschehnis 
aus  der  Sago,  er  findet  die  epische  Fonn  vor,  in  der  er  es  zm*  Poesie  er- 
liefet, er  studiert  die  Wirkung  einzelner  Szenen  an  Vorgängern,  er  benutzt 
ein  Versmaß,  er  empfängt  seine  Auffassung  von  der  Bedeutimg  des  Lebens 
aus  dem  Volksbewußtsein  oder  von  li ervorragenden  Einzelnen,  und  er  be- 
darf der  empfangenden  genießenden  Hörer,  welche  den  Eindruck  seiner 
Verse  in  sich  aufnehmen  und  so  seinen  Traum  von  Wirkung  realisieren. 
So  verwirklicht  sich  die  Leistung  von  Recht,  Poesie  oder  einem  anderen 
Zwocksystem  der  Kultur  in  einem  Wirkungszusammenhang,  welcher  aus  be- 
stimmten, zur  Leistung  verbundenen  Vorgängen  in  bestimmten  Individuen 
besteht. 

An  dem  Wirkungszusammenhang  eines  Kultursystems  macht  sich  eine 
zweite  Eigenschaft  geltend.  Der  Richter  steht  neben  seiner  Funktion  im 
Rechtswesen  in  verschiedenen  anderen  Wirkungszusammenhängen :  er  han- 
delt im  Interesse  seiner  Familie,  er  hat  eine  wirtschaftliche  Leistung  zu 
vollbringen,  er  ü))t  seine  politischen  Funktionen,  er  macht  dabei  vielleicht 
noch  Verse.  So  sind  also  nicht  Individuen  in  ihrer  Ganzheit  zu  solchem 
Wirkungszusammenhang  verbunden,  sondern  inmitten  der  Mannigfaltigkeit 
der  Wirkungsverhältnissc  sind  nur  diejenigen  Vorgänge  aufeinander  bezogen, 
die  einem  bestimmten  System  angehören,  imd  der  einzelne  ist  in  verschiedene 
Wirkungszusammenhänge  verwebt. 

Der  Wirkungszusammenhang  eines  solchen  Kultursystems  realisiert,  sich 
vermöge  einer  differenzierten  Stellung  seiner  Glieder.  Das  feste  Gerüst 
eines  jeden  bilden  Personen,  in  denen  die  der  Leistung  dienenden  Vor- 
gänge das  Hauptgeschäft  ihres  Lel)ens  ausmachen,  sei  es  nun  aus  Neigung 
oder  es  verbinde  sich  mit  der  Neigung  der  Beruf.  Unter  ihnen  treten  dann 
die  Personen  hervor,  die  in  sich  die  Intention  zu  dieser  Leistung  gleichsam 
verkörpern,  welche  die  Verbindung  von  Talent  und  Beruf  zu  Reprä.sentanten 
dieses  Kultursystems  macht.  Und  schließlich  sind  die  eigentlichen  Träger 
des  Schaffens  auf  einem  solchen  Gebiete  die  produktiven  Naturen  —  die 
Stifter  der  Religionen,  die  Entdecker  einer  neuen  philosophischen  Welt- 
anschaimng,  die  wissenschaftlichen  Erfinder. 

So  besteht  in  einem  solchen  Wirkungszusammenhang  ein  Ineinandei*- 
greifen:  aufgehäufte  Spannungen  in  einem  weiten  Kreise  drängen  zur  Be- 
dürfnisbefriedigung hin;  die  produktiA^e  Energie  findet  den  Weg,  auf  dem 
die  Befriedigimg  sich    A'oUzieht,  oder  sie  bringt  die  schöpferische  Idee  her- 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.      101 

vor,  welche  die  GeseUscliaft  weiterfährt,  Fortarbeitende  schließen  sich  an 
und  dann  die  vielen  Empfangenden. 

Wir  analysieren  weiter:  jedes  solches  Kultiirsjstem,  das  eine  Leistung 
realisiert,  verwii-kliclit  in  ihr  einen  gemeinsamen  Wert  für  alle  diejenigen, 
welche  auf  diese  Leistung  gericlitet  sind.  Was  der  einzelne  bedarf  und 
doch  niemals  verwirklichen  kann,  wird  ihm  zuteil  in  der  Leistung  des  Ganzen 
—  einem  gemeinsam  geschaflfenen  umfassenden  Wert,  au  dem  er  teilnehmen 
kann.  Der  einzelne  braucht  die  Sicherung  seines  Lebens,  seines  Eigentums, 
seines  Familienzusammenhangs;  aber  erst  eine  unabhängige  Macht  der  Ge- 
meinschaft befriedigt  sein  Bedürfnis  durch  die  Aufrechterlialtung  erzwing- 
barer Regeln  des  Zusammenlebens,  welche  den  Schutz  dieser  Güter  er- 
möglichen. Der  einzelne  leidet  auf  den  primitiven  Stufen  unter  dem  Druck 
der  unbeherrschbaren  Kräfte  um  ihn,  die  jenseits  des  engen  Bezirks  der 
Tätigkeit  seines  Stammes  oder  Volkes  liegen;  aber  Minderung  dieses  Drucks 
bringt  ihm  erst  die  Schöpfung  des  Glaubens  durch  den  Gemeingeist. 
In  jedem  solchen  Kultursystem  entspringt  aus  dem  Wesen  der  Leistung, 
welcher  der  Wirkungszusammenhang  dient,  eine  Ordming  der  Werte;  in 
der  gemeinsamen  Ai'beit  für  diese  Leistung  wird  sie  geschaffen;  Objek- 
tivationen  des  Lebens  entstehen,  zu  denen  die  Arbeit  sich  verdichtet  hat; 
Organisationen,  die  der  Realisienuig  der  Leistungen  in  den  Kultursystemen 
dienen  —  Rechtsbücher,  philosopliisclie  Werke,  Dichtungen.  Das  (iut, 
welches  die  Leistung  zu  realisieren  hatte,  ist  nun  da  und  es  Avird  immer- 
fort vervollkommnet. 

Den  Teilen  eines  solchen  Wirkungszusammenhangs  kommt  nun  Be- 
deutsamkeit in  ihrem  Verhältnis  zu  dem  (ranzen  als  dem  Träger  von 
Werten  und  Zwecken  zu.  Zunächst  haben  die  Teile  des  Lebensverlaufs 
nach  ihrem  Verhältnis  zu  dem  Leihen,  seinen  Werten  und  Zwecken,  dem 
Raum,  den  etwas  in  ihm  einnimmt,  eine  Bedeutung.  Dann  werden  liisto- 
rische  Ereignisse  dadurcli  bedeutend,  daß  sie  Ciliedei-  eines  Wirkungszu- 
sammenhangs sind,  indem  sie  zu  Verwirkliclnnigen  von  Werten  und  Zwecken 
des  Ganzen  mit  andern  Teilen  zusammenwirken. 

Während  wir  dem  komplexen  Zusammenhang  des  geschichtlichen  Gc- 
scheliens  ratlos  gegenüberstehen  und  weder  eine  Struktur  nocli  Regel- 
mäßigkeiten noch  eine  Entwicklung  in  ihm  gewahren  können,  zeigt  jeder 
Wirkungszusammenhang,  der  eine  Leistung  der  Kultur  realisiert,  eine  ihm 
eigene  Struktur.     Wenn   wir  die  PliilosopJiie  als  einen  solclien  Wirkungs- 


102  Dilthky: 

zusJimmenliang  auffassen,  so  stellt  sie  sich  zunächst  als  eine  Mannigfaltig- 
keit von  Leistungen  dar:  Erhebung  der  Weltanschauungen  zur  Allgemein- 
gültigkeit, Besinnung  des  Wissens  über  sich  selbst,  Beziehung  unseres 
zweckmäßigen  Tuns  und  praktischen  Wissens  auf  den  Zusammenhang  der 
Erkenntnis,  Geist  der  Kritik,  der  in  der  ganzen  Kultm-  gegenwärtig  ist,  Zu- 
sammenfassen und  Begründen.  Doch  die  historische  Forschung  erweist,  daß 
Avir  es  hier  überall  mit  Funktionen  zu  tun  haben,  die  unter  geschichtlichen 
Bedingungen  auftreten,  die  aber  letztlich  in  einer  einheitlichen  Leistung 
der  Philosophie  gegründet  sind.  Sie  ist  universale  Besinnung,  die  so  zu 
höchsten  Genei-alisationen  und  letzten  Begrändungen  beständig  fortschreitet. 
Sonach  ist  die  Struktur  der  Philosophie  in  dem  Verhältnis  dieses  ihres 
Grundzuges  zu  den  einzelnen  Funktionen  nach  Maßgabe  der  Zeitbedin- 
gungen gelegen.  Aus  dieser  Struktur  ergeben  sich  gewisse  Regelmäßig- 
keiten. So  entwickelt  sich  überall  die  Metaphysik  in  dem  inneren  Zusammen- 
hang von  Leben,  l^ebenserfahrung  und  Weltanschauung.  Indem  das  Stre- 
ben nach  Festigkeit,  das  in  uns  beständig  mit  der  Zufälligkeit  unseres 
Daseins  ringt,  in  deji  religiösen  und  dichterischen  Formen  der  Weltan- 
schauung keine  dauernde  Befriedigung  findet,  entsteht  der  Versuch,  die 
Weltanschauung  zu  allgemeingültigem  Wissen  zu  erheben.  Femer  kann 
im  Wirkungszusammenhang  eines  Kultursystems  jedesmal  eine  Gliedenmg 
in  einzelne  Formen  aufgefunden  werden. 

Jedes  Kultursystem  hat  auf  Gnmd  seiner  Leistung,  seiner  Struktur, 
seiner  Regelmäßigkeit  eine  Entwicklung.  Während  im  konkreten  Verlauf 
des  Geschehens  kein  Gesetz  der  Entwicklung  zu  finden  ist,  eröffiiet  die 
Analysis  desselben  in  einzelne  homogene  Wirkungszusammenhänge  den 
Blick  in  Abfolgen  ^  on  Zuständen,  die  von  innen  bestimmt  sind,  die  ein- 
ander voraussetzen,  so  daß  gleichsam  auf  der  unteren  Schicht  jedesmal 
eine  liöhere  sich  erhebt,  und  die  zu  zunehmender  Differenzierung  und  Zu- 
sammenfassung fortschreiten. 

2.    Die  ä>ißeren  Organisationen  und  das  politische  Ganze. 
Die  politisch  organisierten  Nationen. 

1. 
Auf  der  Grundlage    der   natürliclien  Gliederung   der  Menschheit   und 
der  geschichtliclien  Vorgänge  entwickelten  sich  nun  die  Staaten  der  Kultur- 
w(;lt,  deren  jeder  in  sich  Wirkungszusammenhänge  der  Kultursystemc  vereint, 


Der  Aufbau  der  geschkhtlicfien  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.      103 

und  vor  allem  die  im  Staat  organisierten  Nationen.  Auf  diese  typische  Form 
der  gegenwärtigen  politischen  Organisation  beschränkt  sich  hier  die  Analyse. 
Jeder  dieser  Staaten  ist  eine  aus  verschiedenen  Gemeinschaften  zusammen- 
gesetzte Organisation.  Der  Zusammenhalt  der  in  ihm  vereinigten  Gemein- 
schaften ist  schließlich  die  souveräne  Macht  des  Staates,  über  der  es  keine 
Instanz  gibt.  Und  wer  könnte  leugnen,  daß  der  im  Leben  begründete 
Sinn  der  Geschichte  sich  ebenso  im  Willen  zur  Macht,  der  diese  Staaten 
erftillt,  in  dem  Herrschaftsbedürfnis  nach  innen  wie  nach  außen  äußert, 
als  in  den  Kultursystemen?  Und  ist  nicht  mit  allem  Brutalen,  Furcht- 
baren, Zerstörenden,  das  in  dem  Willen  zur  Macht  enthalten  ist,  mit  allem 
Druck  und  Zwang,  der  in  dem  Verhältnis  von  Herrschaft  und  Gehorsam 
nach  innen  liegt,  das  Bewußtsein  der  Gemeinschaft,  der  Zusammengehörig- 
keit, die  freudige  Teilnahme  an  der  Macht  des  politischen  Ganzen  verbunden, 
Erlebni.ssp,  welche  zu  den  höchsten  mensddichen  Werten  gehören?  Die 
Klage  über  die  Brutalität  der  Staatsmacht  ist  seltsam:  denn,  wie  scliou  Kant 
sah,  ist  die  schwerste  Aufgabe  des  Menschengeschlechts  eben  darin  gelegen, 
daß  der  individuelle  Eigenwille  und  sein  Streben  nach  Erweiterung  seiner 
Macht-  und  Genußsphäre  durch  den  Gesamtwillen  und  den  Zwang,  den  er 
übt,  gebändigt  werden  muß,  daß  dann  aber  für  solche  Gesamtwillen  im  Falle 
ihres  Konflikts  die  Entscheidung  nur  im  Krieg  besteht  und  daß  auch 
im  Linern  derselben  Zwang  die  letzte  Instanz  ist.  Auf  dem  Boden  dieses 
der  politischen  Organisation  einwohnenden  Machtwillens  entstehen  die 
Bedingungen,  welche  überhaupt  erst  die  Kultursysteme  möglicli  machen. 
So  tritt  hier  nun  eine  zusammengesetzte  Struktur  auf.  In  dieser  sind 
Machtverhältnisse  und  Beziehungen  von  Zwecksystemen  zu  einer  höheren 
Einheit  verl)unden.  In  ihr  entsteht  zunächst  Gemeinsamkeit  aus  der  Wechsel- 
wirkung der  Kultursysteme.  Ich  versuche  dies  zu  erläutern  und  gehe  zu 
diesem  Zweck  zurück  auf  die  älteste  uns  zugängliclie  germanische  Gesellscliaft, 
wie  Cäsar  und  Tacitus  sie  beschreiben.  Hier  findet  sich  wirtschaftliclies  Leben, 
Staat  und  Recht  mit  Sprache,  Mythos,  Religiosität  und  Dichtung  ebenso 
verbunden  wie  in  jeder  späteren  Zeit.  Zwischen  den  Beschaffenheiten  der 
einzelnen  Lebensgebiete  besteht  eine  Wechselwirkung,  die  durch  das  Ganze 
zu  einer  gegebenen  Zeit  hindurchgeht.  So  entwickelte  sich  in  der  Tacite- 
ischen  Germanenzeit  aus  dem  kriegerischen  (ieist  die  Heldendichtung,  die 
schon  den  Arminius  in  Liedern  verherrlichte,  und  diese  Dichtung  wirkte  dann 
wieder  zurück  auf  die  Verstärkung  des  kriegerischen  Geistes.    Ebenso  cnt- 


104  Dilthey: 

stand  aus  diesem  kriegerisehen  Geiste  die  Unmenschlichkeit  in  der  religiösen 
Sphäre,  wie  das  Opfern  der  Gefangenen  und  das  Aufhängen  ihrer  Leichen  an 
heiligen  Orten.     Ebendieser  Geist  wirkte  dann  auf  die  Stellung  des  Kriegs- 
gottes in  der  Götterwelt,  und  von  da  fand  dann  wieder  eine  Rückwirkung  auf 
den  kriegerischen  Sinn  statt.    So  entsteht  eine  Übereinstimmung  in  den  ver- 
schiedenen  Lebensgebieten,    die   so   stark   ist,    daß    wir  von  dem  Zustand 
eines  derselben  auf  den  in  einem  anderen  schließen  können.     Aber  diese 
Wechselwirkung  erklärt  nicht  A^ollständig  die  Gemeinsamkeiten,  welche  die 
verschiedenen  Leistungen  einer  Nation  miteinander  verbinden.    Daß  zwischen 
Wirtschaft,   Krieg,  Verfassung,   Recht,    Sprache,  Mythos,  Religiosität   und 
Dichtung    in    dieser  Zeit    eine    außerordentliche    Zusammenstimmung  und 
Harmonie   besteht,    entspringt   auch   nicht  daraus,   daß   irgendeine   grund- 
legende Funktion,  wie  etwa  das  wirtschaftliche  Leben  oder  die  kriegerische 
Tätigkeit,  die  anderen  bedingt  hätte.     Die  Tatsache  kann  auch  nicht  ein- 
fach als  Produkt  der  Wechselwirkung  der  verschiedenen  Gebiete  in  ihrem 
damaligen   Zustande   aufeinander   abgeleitet   werden.     Ganz   allgemein   ge- 
sprochen: welche  Einwirkungen  auch  von  der  Stärke  und  den  Eigenschaften 
gewisser  Leistungen  ausgegangen  sind,  vorwiegend  stammt  doch  die  Ver- 
wandtschaft, welche  die  verschiedenen  Lebensgebiete  miteinander  iimerhalb 
einer  Nation  verbindet,  aus  einer  gemeinsamen  Tiefe,  die  keine  Beschreibung 
erschöpft.    Sie  ist  fiir  uns  nur  in  den  Lebensäußerungen  da,  die  aus  dieser 
Tiefe  hervortreten  und  sie  zum  Ausdruck  bringen.     Es  ist  der  Mensch  einer 
Nation  in  einer  gegebenen  Zeit,  der  in  jede  Lebensäußerung  auf  einem  be- 
stimmten   Gebiet   der  Kultur   etwas  von   der  Besonderheit   seines  Wesens 
hineingibt;  denn  die  in  dem  Leistungszusammenhang  verbundenen  Lebens- 
momente  der   Individuen   gehen,    wie  wir  sahen,   nicht   aus  diesem  selbst 
ausschließend  hervor,  sondern  immer  ist  der  ganze  Mensch  wirksam  in  jeder 
seiner  Betätigungen,  und   so  teilt  er  denselben  auch  seine  Eigenheit  mit. 
Und  da  die  staatliche  Organisation  verschiedene  Gemeinschaften  bis  herab 
zur  Familie  in  sich  schließt,  so  umfaßt  weiter  der  große  Kreis  des  nationalen 
Lebens  kleinere  Zusammenhänge,  Gemeinschaften,  die  ihre  Eigenbewegung 
für  sich  haben;    und   alle  diese  Wirkungszusammenhänge  kreuzen  sich  in 
den    einzelnen   Individuen.     Noch    mehr:    der  Staat  zieht  die  Tätigkeit  in 
den  Kultursystemen   an   sich;    das   friderizianische  Preußen  ist  der  Typus 
einer   solchen    äußersten    Steigerung    der  Intensität   und    Ausdehnung  der 
Staatswirksamkeit.     Neben  den  selbständigen  Kräften,  die  in  den  Kultur- 


Der  Aufbau  der  geschkMlichen  Welt  m  den  Geisteswissenschaften.  I.      105 

Systemen  fortarheiten,  wirken  in  ihnen  zuglcicli  die  vom  Staat  ausgehenden 
Tätigkeiten;  in  den  Vorgängen,  die  einem  solchen  Staatsganzen  angehören, 
ist  Selbsttätigkeit  und  Bindung  durch  das  Ganze  überall  miteinander  vei-- 
einigt. 

2. 

Die  Eigen bewegung  jedes  einzelnen  Kreises  in  diesem  großen  Wirkungs- 
zusammenhang ist  von  der  Richtung  auf  den  Vollzug  seiner  Leistung  be- 
stimmt. Diese  Wirkungskraft  hat  die  Duplizität  der  Spannung  und  einer 
positiven  Energie  der  Zwecksetzung  in  sich:  alle  Wirkungszusammen- 
hänge stimmen  hierin  überein:  aber  jeder  derselben  hat  doch  seine  eigene 
Struktur,  welche  von  der  Leistung  abhängig  ist,  die  er  vollzieht.  Wie  ver- 
schieden ist  die  Struktur  eines  Kultursystems,  in  welchem  ein  gegliederter 
Leistungszusammenhang  sich  realisiert,  in  welchem  von  diesem  aus  die 
Vorgänge  in  den  Einzelnen  bewegt  werden,  in  welchem  aus  dorn  imma- 
nenten Wesen  dieser  Leistung  die  ^Entwicklung  der  Werte,  Güter,  Regeln, 
Zwecke  bestimmt  ist,  von  dem  Wirkungszusammenliang  in  einer  politischen 
Organisation,  da  in  dieser  ein  solches  in  einer  Leistung  bestehendes  imma- 
nentes Entwicklungsgesetz  nicht  existiert,  da  in  ihr  nach  der  Natur  der 
Organisationen  überhaupt  die  Ziele  wechseln,  die  Maschine  gleichsam  zur 
Erfüllung  einer  anderen  Aufgabe  verwandt  wird,  ganz  heterogene  Aufgaben 
nebeneinander  gelöst  und  Werte  ganz  verschiedener  Klassen  verwirklicht 
werden. 

Aus  solcher  Zergliederung  der  geschichtlichen  Welt  in  einzelne  Wir- 
kungszusammenhänge ergibt  sich  ein  Schluß,  der  uns  für  die  weitere 
Auflösung  des  in  der  geschiclitlichen  Welt  enthaltenen  Problems  die  Rich- 
tung gibt.  Die  Erkenntnis  der  Bedeutung  und  des  Sinnes  der  geschicht- 
lichen Welt  wird  oft,  wie  durch  Hegel  oder  Comte,  aus  der  Feststellung 
einer  Gesamtrichtung  in  der  universalgeschichtlichcn  Bewegung  gewonnen. 
Es  ist  eine  Operation,  welche  das  Zusammenwirken  vieler  Momente  in 
einer  unbestimmten  Anschauung  ineinandersieht.  In  Wirklichkeit  ergalj 
sich  uns,  daß  die  historische  Bewegung  in  den  einzelnen  Wirkungszu- 
sammenhängen verläuft.  Und  weiter  zeigte  sich,  daß  die  ganze  Fragestellung, 
die  auf  ein  Ziel  der  Geschichte  gerichtet  ist,  durchaus  einseitig  ist.  Der 
offenbare  Sinn  der  Geschichte  muß  zuerst  in  dem  immer  Vor- 
handenen, immer  Wiederkelirenden  in  den  Strukturbeziehungen,  in  den 
Phil.-hist.  Klastf.    1910.    Abh.  I.  14 


106  Dilthey: 

Wirkungszusammenhängen,  der  Ausbildung  von  Werten  und  Zwecken  in 
ihnen,  der  inneren  Ordnung,  in  der  dieselben  sich  zueinander  verluilten, 
gesucht  werden  —  von  der  Struktur  des  Einzellebens  ab  bis  zu  der  letzten 
allumfassenden  Einheit:  das  ist  der  Sinn,  den  sie  immer  und  überall  hat, 
der  auf  der  Struktur  des  Einzeldaseins  beruht  und  der  in  der  Struktur 
der  zusammengesetzten  Wirkungszusammenhänge  an  der  Objektivation  des 
Lebens  sich  offenbart.  Diese  Regelmäßigkeit  bestimmte  auch  die  bisherige 
Entwicklung,  und  ihr  ist  die  Zukunft  unterworfen.  Die  Analyse  des  Aufbaus 
der  geistigen  Welt  wird  v(jr  allem  die  Aufgabe  haben,  diese  Regelmäßig- 
keiten in  der  Struktur  der  geschichtlichen  Welt  aufzuzeigen. 

Hiermit  erledigt  sich  auch  die  Auffassung,  welche  die  Aufgabe  der 
Geschichte  in  dem  Fortgang  von  relativen  Werten,  Bindungen,  Normen, 
Gütern  zu  unbedingten  sieht.  Wir  würden  damit  aus  dem  Gebiete  der 
Erfahrungs  wissen  Schäften  in  das  Gebiet  der  Spekulation  eintreten.  Denn  die 
Geschichte  weiß  zwar  von  den  Setzungen  eines  Unbedingten  als  Wert,  Norm 
oder  Gut.  Solche  treten  überall  in  ihr  auf  —  bald  als  in  dem  göttlichen 
Willen  gegeben,  bald  in  einem  Vernunftbegriff  der  Vollkommenheit,  in 
einem  teleologischen  Zusammenhang  der  Welt,  in  einer  allgemein  gültigen 
Norm  unseres  Handelns,  die  transzendental-philosophisch  fundiert  wäre.  Aber 
die  geschichtliche  Erfahrung  kennt  nur  die  ihr  so  wichtigen  Vorgänge  dieser 
Setzungen:  von  sich  aus  aber  weiß  sie  nichts  von  deren  Allgemeingültigkeit. 
Indem  sie  dem  Verlauf  der  Ausbildung  solcher  unbedingten  Werte,  Güter  oder 
Normen  nachgeht,  bemerkt  sie  von  verschiedenen  unter  ihnen,  wie  das  Leben 
sie  hervorbrachte,  die  unbedingte  Setzung  selbst  aber  nur  durch  die  Ein- 
schränkung des  Horizontes  der  Zeit  möglich  wurde.  Sie  blickt  von  da 
aus  auf  die  Ganzheit  des  Lebens  in  der  Fülle  seiner  historischen  Mani- 
festationen. Sie  bemerkt  den  ungeschlichteten  Streit  dieser  unbedingten 
Setzungen  untereinander.  Die  Frage,  ob  die  Unterordnung  unter  ein  solches 
Unbedingtes,  die  ja  ein  historisches  Faktum  ist,  logisch  zwingend  auf  eine 
allgemeine  zeitlich  nicht  eingeschränkte  Bedingung  im  Menschen  zurück- 
geführt w^erden  muß,  oder  ob  sie  als  Erzeugnis  der  Geschichte  anzusehen 
sei,  führt  in  die  letzten  Tiefen  der  Transzendentalphilosophie,  die  jenseits 
des  Erfahrungskreises  der  Geschichte  liegen  und  denen  auch  die  Philo- 
sophie eine  sichere  Antwort  nicht  entreißen  kann.  Und  wenn  diese  Frage 
auch  im  ersten  Sinne  entschieden  würde,  so  könnte  das  dem  Historiker  nicht 
nützen  für  Auswahl,  Verständnis,  Zusammenhangsauflfindung,    wenn   nicht 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.      107 

der  Gehalt  dieses  Unbedingten  bestimmt  werden  kann.  So  wird  der  Ein- 
griff der  Spekulation  in  das  Erfahrungsgebiet  des  Historikers  kaum  auf 
Ei'folg  rechnen  dürfen.  Der  Historiker  kann  nicht  auf  den  Versuch  ver- 
zichten, Geschichte  aus  ihr  selbst  zu  verstehen  auf  Grund  der  Analyse 
der  verschiedenen  Wirkungszusnmmenliänge. 

^^  3. 

So  kann  nun  eine  staatlich  organisierte  Nation  als  eine  individuell 
bestimmte  Struktureinheit  von  W'irkungszusammcnhängen  gefaßt  werden. 
Der  gemeinsame  Charakter  der  staatlich  organisierten  Nationen  beruht  auf 
den  Regelmäßigkeiten,  die  in  der  Bewegungsform  der  Wirkungszusammen- 
hänge, den  Beziehungen  derselben  untereinander  und,  da  sie  wert-  und 
zweckschaffend  sind,  in  der  Beziehung  von  Wirkungszusammenhang,  Wert- 
erzeugung, Zwecksetzung  und  Bedeutungszusamnienhang  innerhalb  einer 
politischen  Organisation  bestehen.  Jeder  dieser  Wirkungszusammenhänge 
ist  auf  eine  besondere  Art  in  sich  zentriert,  und  darin  ist  die  innere  Regel 
seiner  Entwicklung  fundiert.  Auf  der  Grundlage  solcher  Regelmäßigkeiten, 
welche  durch  alle  staatlieh  organisierten  Nationen  hindurchgehen,  erheben 
sich  die  individuellen  Gestalten  derselben,  wie  sie  in  der  Geschichte  um 
ihr  Leben  und  ihre  Geltung  ringen  und  zusammenwirken. 

In  jeder  staatlich  organisierten  Nation  unterscheidet  die  Analysis  — 
und  nur  diese,  nicht  die  Entstehungsgeschichte  der  Nationen  gehört  in  diesen 
Zusammenhang  —  verschiedene  Momente.  Zwischen  den  von  ihr  befaßten, 
in  Wechselwirkung  miteinander  stehenden  Individuen  existieren  Gemein- 
samkeiten ihres  Charakters  und  ihrer  Lebensäußerungen;  sie  haben  ein  Be- 
wußtsein dieser  Gemeinsamkeiten  und  ihrer  auf  ihnen  beruhenden  Zusam- 
mengehörigkeit; eine  Richtung  auf  Ausgestaltung  dieser  Zusammengehörig- 
keit ist  darum  in  ihnen  lebendig.  Diese  Gemeinsamkeiten  können  an  den 
Einzelindividuen  festgestellt  werden,  sie  durchdringen  und  färben  aber  auch 
alle  Zusammenhänge  innerhalb  der  Nation.  Die  Analysis  zeigt  weiter  in 
jeder  Nation  eine  Verbindung  von  einzelnen  Wirkungszusammenhängeii.  Die 
äußere  und  innere  Macht  des  Staates  macht  die  Nation  zu  einer  selbständig 
wirkenden  Einheit.  Soziale  Verbände  sind  in  dieser  Einheit  übereinander 
gelagert,  und  jeder  derselben  ist  ein  relativ  selbständiger  Wirkungszusam- 
menhang. Die  über  die  einzelne  Nation  liinausgreifenden  Struktursysteme 
treten  in  ihr  zu  den  anderen  Wirkungszusammenhängen  in  Verhältnis  und 

14* 


108  Dilthey: 

werden  modifiziert  durch  die  Gemeinsamkeiten,  welche  durch  das  Volks- 
ganze hindurchgehen.  Und  die  Kraft  ihrer  Wirkung  wird  durch  die  Ver- 
bände gesteigert,  die  aus  ihrer  Richtung  auf  eine  bestimmte  Leistung  er- 
wachsen. So  entsteht  die  zusammengesetzte  Struktur  der  staatlich  organi- 
sierten Nation.  Dir  entspricht  eine  neue  innere  Zentrierung  dieses  Ganzen. 
In  ihm  wird  ein  Wert  für  alle  erlebt;  das  Wirken  der  Einzelnen  hat  an 
ihm  ein  gemeinsames  Ziel.  Die  Einheit  desselben  objektiviert  sich  in  Lite- 
ratur, Sitten,  Rechtsordnung  und  in  den  Organen  des  gemeinsamen  Willens. 
Und  diese  Einheit  äußert  sich  im  Zusammenhang  der  nationalen  Entwicklung. 

Ich  verdeutliche  das  Zusammenwirken  der  verschiedenen  Momente  in 
einem  staatlich  organisierten  Ganzen,  wie  sie  bestimmt  worden  sind,  zum 
nationalen  Leben  einer  Zeit  in  einigen  Hauptpunkten. 

Ich  gehe  dabei  wieder  zurück  auf  die  Germanen  der  Zeit  des  Tacitus. 
Als  Tacitus  schrieb,  war  noch  immer  die  Verbindung  von  Krieg  mit  der 
Bodenausnutzung,  von  Jagd  mit  der  Viehzucht  und  dem  Ackerbau  die 
Grundlage  des  germanischen  Lebens.  Die  Eindämmung  der  Ausbreitung 
der  germanischen  Stämme  beschleunigte  den  natürlichen  Verlauf  zur  Seß- 
haftigkeit, und  Deutschland  wurde  ein  ackerbauendes  Land.  Aus  diesem 
Verhältnis  zu  Grund  und  Boden  in  Jagd,  Viehzucht  und  Ackerbau  ent- 
stand die  Nähe  des  damaligen  Germanen  an  die  Erde  und  das,  was  auf 
ihr  wächst  und  lebt.  Und  diese  Nähe  ist  das  erste  entscheidende  Moment 
fär  das  geistige  Leben  der  Germanen  in  dieser  Epoche.  Ebenso  deutlich 
ist  der  Einfluß  des  anderen  erwähnten  gesellschaftlichen  Faktors  dieser 
Zeit,  des  kriegerischen  Geistes  der  germanischen  Stämme  auf  das  politische 
Leben,  die  sozialen  Ordnungen  und  die  geistige  Kultur  der  Zeit.  Die 
Aufgaben  des  Krieges  durchdrangen  alle  Teile  des  Lebens.  Sie  machten 
sich  in  dem  Verhältnis  der  Familien  zu  der  militärischen  Ordnung,  in  den 
Hundertschaften  geltend.  Sie  wirkten  auf  die  Stellung  der  Häuptlinge  und 
Fürsten.  Aus  dem  kriegerischen  Geist  entstand  auch  das  Gefolgewesen, 
das  für  die  militärische  und  politische  Entwicklung  bedeutsam  war.  Den 
Fürsten  umgeben  als  sein  Gefolge  freie  Leute  als  militärische  Hausgenossen- 
schaft. Nur  der  Krieg  konnte  dies  Gefolge  ernäliren.  Es  war  durch  das 
stärkste  Treueverhältnis  an  den  Fürsten  gebunden:  ein  Verhältnis,  das  im 
Heldenlied  und  Volksepos  uns  in  seiner  ganzen  eigentümlichen  germanischen 
Schönheit  entgegentritt.  Aus  dem  Krieg  ist  dann  das  Heerkönigtum  eines 
Marbod  hervorgegangen. 


Der  Aufbau  der  geschkhtlichen  Welt  in  den  Geisieswissenschaßen.  I.      109 

Zu  diesen  Faktoren  tritt  die  Individualität  des  Nationalgeistes  hinzu. 
Gemeinsamkeiten  desselben  machen  sich  in  dem  Ergebnis  der  Wirkungszu- 
sammenhänge  geltend.  Der  kriegerische  Geist,  der  den  germanischen  Stämmen 
dieser  Zeit  mit  frühen  Stufen  anderer  Völker  gemeinsam  ist,  zeigt  bei  ihnen  doch 
eine  besondere  Stärke  und  Eigenart.  Der  Lebenswert  der  einzelnen  Personen 
ist  verlegt  in  deren  kriegerische  Eigenschaften.  Es  ist  nach  Tacitus,  als  ob 
die  Besten  von  ihnen  nur  im  Krieg  wirklich  voll  lebten;  die  Sorge  für  Haus 
und  Herd  und  Feld  überließen  sie  den  Frauen  und  den  Kriegsuntüchtigen. 
Ein  eigener  Zug  treibt  diese  germanischen  Menschen,  in  der  Ganzheit  ihres 
Wesens  zu  wirken  und  ganz  und  restlos  sich  aufs  Spiel  zu  setzen.  Ihr  Han- 
deln ist  nicht  durch  eine  rationale  Zwecksetzung  bestimmt  und  begrenzt;  ein 
Überschuß  von  Energie,  der  über  den  Zweck  hinausgeht,  etwas  Irrationales 
ist  in  ihrem  Tun.  In  ihrer  unverbrauchten,  unbezähmbaren  Leidenschaft 
setzen  sie  im  Würfelspiel  auf  den  letzten  Wurf  ihre  Person  und  Freiheit.  In 
der  Schlacht  freuen  sie  sich  der  Gefahr.  Nach  dorn  Kampf  verfallen  sie  in  träge 
Ruhe.  Ihr  Mythos,  ihre  Heldensage  sind  von  diesem  naiven,  unbewußten 
Wesenszuge  ganz  durchdrungen,  nicht  in  der  heiteren  Anschauung  der  Welt 
wie  die  Griechen,  nicht  in  der  gedankenmäßig  abgegrenzten  Zweckbestim- 
mung wie  die  Römer,  sondern  in  der  Äußerung  der  Kraft  als  solcher  ohne 
Begrenzung,  in  der  so  entstehenden  Erschütterung,  Erweiterung,  Erhebung 
der  Persönlichkeit,  den  höchsten  Wert  und  Genuß  des  Daseins  zu  besitzen. 
Dieser  Zug,  der  in  der  Kampfesfreude  seinen  höchsten  Ausdruck  findet, 
übt  seinen  Einfluß  auf  die  ganze  Entwicklung  unserer  politischen  Ordnungen 
und  unseres  geistigen  Lebens. 

Und  ein  letztes  unter  den  Momenten,  die  ein  bestimmtes  nationales 
Ganzes  enthält  und  die  seine  Entwicklung  determinieren,  liegt  in  der  Ein- 
ordnung von  einzelnen,  kleineren  Verbänden  in  das  politische  Ganze,  wie 
sie  durch  die  Verhältnisse  der  Herrschaft  und  des  Gehorsams  sowie  der  Ge- 
meinschaft, die  in  einem  souvei"änen  Staatswillen  zusammengefaßt  sind,  ent- 
steht. So  folgen  in  Deutschland  aufeinander  das  Volkskcinigtum  in  kleinen 
Gemeinscliaften  von  unvollkommener  DiflFerenzierung  der  Struktur,  dann,  auf 
zunehmender  Arbeitsteilung  gegründet,  Berufsgliederung,  Trennung  der  Stände 
in  einem  locker  verbundenen  nationalen  Ganzen,  die  Ausbildung  der  Selbst- 
herrschaft mit  ihrer  intensiven  und  ausgedehnten  Staatstätigkeit  in  den  Terri- 
torialstaaten, welche  allmäldich  zwischen  den  Rechten  der  Individuen  und 
dem  Machtstreben  der  Selbstherrscher  die  Gliederung  nach  Beiiif  und  Ständen 


110  Dilthey: 

zerreibt,  und  endlicli  der  Fortgang  dieser  Staaten  zu  beständiger  Erweiterung 
der  individuellen  Rechte  der  einzelnen,  der  Rechte  der  Volksgemeinschaft 
im  repräsentativen  System,  demokratischen  Ordnungen  entgegen,  und  ebenso 
anderseits  die  Unterordnung  der  fürstlichen  Rechte  unter  das  nationale  Kaiser- 
tum. Faßt  man  diese  Entwicklung  ins  Auge,  so  zeigt  sich,  daß  sie  über- 
all zweiseitig  bedingt  ist.  Sie  ist  einerseits  abhängig  vom  veränderlichen 
Verhältnis  der  Kräfte  innerhalb  des  Staatensystems,  sie  ist  anderseits  be- 
dingt von  den  Faktoren  der  inneren  Entwicklung,  des  Einzelstaats,  die 
wir  durchlaufen  haben. 

So  zeigt  sich  die  Möglichkeit,  den  Wirkungszusammenhang,  der  die 
einzelnen  Momente  in  der  Entwicklung  einer  Nation  und  die  Gesamtent- 
wicklung der  Nation  bedingt,  der  Analyse  zu  unterwerfen  und  in  seine  Fak- 
toren zu  zerlegen.  Die  Regelmäßigkeiten,  welche  in  der  Struktur  des  poli- 
tischen Ganzen  bestehen,  bestimmen  die  Lagen  des  Ganzen  und  seine  Ver- 
änderungen. Es  lagern  sich  gleichsam  Schichten  von  Lebensordnungen  dieses 
Ganzen  übereinander,  deren  jede  spätere  die  frühere  voraussetzt,  wie  wir  an 
den  Veränderungen  der  politischen  Organisation  gesehen  haben.  Jede  dieser 
Schichten  zeigt  eine  innere  Ordnung,  in  welcher  die  Wirkungszusammenhänge, 
vom  Individuum  ab,  Werte  ausbilden,  Zwecke  realisieren,  Güter  sammeln. 
Regeln  des  Wirkens  entwickeln.  Träger  und  Ziele  dieser  Leistungen  sind 
aber  verschieden.  So  entsteht  das  Problem  der  inneren  Beziehung  all  dieser 
Leistungen  aufeinander,  in  welcher  sie  ihre  Bedeutung  haben.  Damit  fuhrt 
uns  die  Analyse  des  logischen  Zusammenhangs  der  Geisteswissenschaften 
zu  einer  weiteren  Aufgabe,  über  deren  Lösung  durch  die  Verbindung  geistes- 
wissenschaftlicher Methoden  der  Aufbau  der  Geisteswissenschaften  uns  Auf- 
schluß geben  wird. 

3.  Zeitalter  und  Epochen. 
Lassen  sich  so  in  einer  bestimmten  Zeitperiode  eiiizeln<!  Wirkungs- 
zusammenhäüge  analytisch  herausheben  und  die  in  ihnen  enthaltenen  Ent- 
wicklungsmomente aufzeigen,  lassen  sich  ferner  die  Beziehungen,  die  diese 
Einzelzusammcnhänge  zu  einem  strukturellen  Ganzen  verbinden,  und  die 
Gemeinsamkeiten  in  den  Teilen  eines  politischen  Ganzen  bestimmen: 
so  vermögen  wir  weiter  die  andere  Seite  der  geschichtlichen  Welt,  die 
Linie  des  Zeitverlaufs  und  der  Veränderungen  in  ihm  durch  Rückgang 
auf  die    Wirkungszusammenhänge    als    ein    kontinuierliches    und    doch    in 


Der  Auf  hau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.      111 

Zeitabschnitte  trennbares  Ganzes  zu  verstehen.  Was  zunächst  die  Gene- 
rationen, Zeitalter,  Epochen'  charakterisiert,  sind  herrschende,  große,  durch- 
gehende Tendenzen.  Es  ist  die  Konzentration  der  ganzen  Kultur  eines 
solchen  Zeitraums  in  sich  selbst,  so  daß  in  der  Wertgebung,  den  Zweck- 
setzungeu,  den  Lebensregeln  der  Zeit  der  Maßstab  für  Beurteilung,  Wert- 
schätzung, Würdigung  von  Personen  und  Richtungen  gelegen  ist,  welche 
einer  bestimmten  Zeit  ihren  Charakter  gibt.  Der  Einzelne,  die  Richtung,  die 
Gemeinschaft  haben  ihre  Bedeutung  in  diesem  Ganzen  nach  ihrem  inneren 
Verhältnis  zum  Geist  der  Zeit.  Und  da  nun  jedes  Individuum  in  einen 
solchen  Zeitraum  eingeordnet  ist,  so  folgt  weitei-,  daß  die  Bedeutung  des- 
selben für  die  Geschichte  in  diesem  seinem  Bezug  zu  der  Zeit  liegt.  Die- 
jenigen Personen,  welche  in  dem  Zeitraum  kraftvoll  fortschreiten,  sind  die 
Führer  der  Zeit,  ihre  Repräsentanten. 

In  diesem  Sinne  spricht  man  vom  Geist  einer  Zeit,  vom  Geist  des 
Mittelalters,  der  Aufklärung.  Damit  ist  zugleich  gegeben,  daß  jede  solcher 
Epochen  eine  Begrenzung  findet  in  einem  Lebenshorizont.  Ich  verstehe 
darunter  die  Begrenzung,  in  welcher  die  Menschen  einer  Zeit  in  bezug  auf 
ihr  Denken,  Fühlen  und  Wollen  leben.  Es  besteht  in  ihr  ein  Verhältnis 
von  Leben,  Lebensbezügen,  Lebenserfahiung  und  Gedankenbildung,  welche 
die  Einzelnen  in  einem  bestimmten  Kreis  von  Modifikationen  der  Auf- 
fassung, Wertbildung  und  Zwecksetzung  festhält  und  bindet.  Unvermeid- 
lichkeiten regieren  hierin  Ober  den  einzelnen  Individuen. 

Neben  der  herrschenden,  großen,  durchgehenden  Tendenz,  die  der 
Zeit  ihren  Charakter  gibt,  bestehen  andere,  die  sich  ihr  entgegensetzen. 
Sie  streben  Altes  zu  konservieren,  sie  bemerken  die  nachteiligen  Folgen 
der  Einseitigkeit  des  Zeitgeistes  und  wenden  sich  gegen  ihn;  wenn  dann 
aber  ein  Schöpferisches,  Neues  hervortritt,  das  aus  einem  anderen  Gefühl 
des  Lebens  entspringt,  dann  beginnt  mitten  in  diesem  Zeitraum  die  Be- 
wegung, die  bestimmt  ist,  eine  neue  Zeit  herbeizuführen.    Jede  Entgegen- 


'  Ich  habe  zuerst  1865  im  Aufsatz  über  Novalis  den  historischen  Begriff  der  Gene- 
ration angegeben  und  benutzt,  dann  in  größerem  Umfang  in  Sclileiermacher  Bd.  I  verwertet 
und  dann  1875  in  dem  Aufsatz  über  das  Studium  der  Geschichte  der  Wissenschaften  vom 
Staat  usw.  (Philosophisclie  Monatshefte  Bei.  Xl,  123  ff.)  den  liistorischen  Begriff  der  Gene- 
ration und  mit  ihm  zusammengehörige  Begriffe  entwickelt.  Die  nähere  Bestimmung  der 
Begriffe  »historische  Kontinuität-,  «historische  Bewegung-,  »Generation«,  «Zeitalter«, 
■  fclpoche«   ist  erst  in  der  Dai-stellung  des  Aufbaus  d<.'r  Geisteswissenschaften  möglich. 


112  Dilthey: 

Setzung  vorher  bleibt  auf  dem  Boden  des  Zeitalters  oder  der  Epoche;  was 
in  ihr  sich  entgegenstemmt,  hat  auch  zugleich  die  Struktur  der  Zeit  selbst. 
In  diesem  Schöpferischen  beginnt  dann  erst  ein  neues  Verhältnis  von  Leben, 
Lebensbezügen,  Lebenserfahrung  und  Gedankenbildung. 

So  sind  die  Bedeutungsverhältnisse,  die  in  einem  Zeitraum  zwischen 
den  historischen  Kräften  bestehen,  gegründet  in  derjenigen  Beziehung  der 
Gemeinsamkeiten  und  Wirkungszusammenhänge  zueinander,  die  man  als 
Richtungen,  Strömungen,  Bewegungen  bezeichnen  kann.  Erst  von 
ihnen  aus  gelangt  man  zu  dem  verwickeiteren  Problem,  den  Strukturzusam- 
menhang eines  Zeitalters  oder  einer  Periode  analytisch  zu  bestimmen. 

Ich  verdeutliche  das  Problem,  indem  ich  die  deutsche  Aufklärung 
auf  diesen  inneren  Zusammenhang  hin  betrachte.  Denn  indem  man  die 
Analyse  eines  Zeitalters  zunächst  an  einer  einzelnen  Nation  vollzieht,  ver^ 
einfacht  sich  die  Aufgabe. 

Die  Wissenschaft  hatte  sich  im  17.  Jahrhundert  konstituiert.  Aus  der 
Entdeckung  einer  Ordnung  der  Natur  nach  Gesetzen  und  der  Anwendung 
dieser  Kausalerkenntnis  auf  die  Herrschaft  über  die  Natur  war  die  Zu- 
versicht des  Geistes  auf  regelmäßigen  Fortgang  der  Erkenntnis  entsprungen. 
In  dieser  Arbeit  für  die  Erkenntnis  waren  die  Kulturnationen  miteinander 
verbunden.  So  entstand  die  Idee  einer  im  Fortschritt  geeinigten  Mensch- 
heit. Es  bildete  sich  das  Ideal  einer  Herrschaft  der  Vernunft  über  die  Ge- 
sellschaft; dieses  erfüllte  die  besten  Kräfte;  sie  waren  so  zu  einem  ge- 
meinsamen Zweck  vereinigt;  sie  arbeiteten  nach  derselben  Methode,  sie  er- 
warteten von  dem  Fortschritt  des  Wissens  die  Fortbildung  der  gesamten 
gesellschaftlichen  Ordnung.  Das  alte  Gebäude,  an  dessen  Bau  Kirchen- 
lierrschaft,  Feudalverhältnisse,  unbeschränkter  Despotismus,  Fürstenlaunen, 
Priesterbetrug  zusammengewirkt  hatten,  das  die  Zeiten  immer  umänderten, 
das  immer  neuer  Arbeiten  bedurfte,  sollte  nun  umgewandelt  werden  in  einen 
zweckmäßigen,  heiteren  symmetrischen  Bau.  Dies  ist  die  innere  Einheit, 
in  welcher  das  geistige  Leben  der  Individuen,  Wissenschaft,  Religion, 
Philosopliie  und  Kunst  in  dem  europäischen  Zusammenhang  der  Aufklärung 
zu  einem   Ganzen  verbunden  sind. 

Diese  Einheit  vollzog  sich  auf  verschiedene  Art  in  den  einzebien  Län- 
dern. In  besonders  glücklicher  und  fester  Weise  gestaltete  sie  sich  in 
Deutschland.  Eine  allgemeine  Richtung  in  seinem  höheren  geistigen  Leben 
machte    sich    dabei   geltend.      Indem   man   rückwärts    geht,    erblickt   man, 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geistes wissensc/iaften.  I.      113 

bis  auf  Freidank  hinunter,  in  Deutschland  die  Tendenz,  das  Leben  durch 
feste  Regeln  mit  Bewußtsein  zu  ordnen.  Wollte  man  diese  als  moraliscli 
bezeichnen,  so  würde  das  die  Tatsache  unter  einen  einseitigen  Gesichts- 
punkt stellen  und  iliren  Umfang  zu  eng  bestimmen.  Der  Ernst  der  nor- 
dischen Völker  ist  hier  mit  einem  grübelnden  Bedürfnisse  der  Besinnung 
verbunden,  das  aus  einer  Hinwendung  zur  Innerlichkeit  des  Lebens  stammt 
und  ohne  Zweifel  mit  den  politischen  Zuständen  zusammenhängt.  Wie 
in  dem  unbeweglich  gewordenen  Reich  Rechtsklauseln,  Privilegien,  Über- 
einkünfte die  freie  Lebensbewegung  hemmen,  so  ist'  auch  im  Einzelnen 
das  Gefühl  der  Bindung  stärker  als  das  der  freien  Zwecksetzung.  Im 
Lebensgenuß  wird  immer  ein  Unrecht  empfunden.  Die  Starken  rafifen  Um 
an  sich,  aber  es  ist  in  ihm  etwas,  was  ihr  Gewissen  bedenklicli  macht. 
So  ist  in  der  deutschen  Philosophie  des  1 8.  Jahrhunderts  ein  Grundzug, 
der  Leibniz,  Thomasius,  Wolf,  Lessing,  Friedrich  den  Großen,  Kant  und 
unzählige  Geringere  miteinander  vereinigt.  Diese  Richtung  auf  Bindung 
und  Pfliclit  war  dui-ch  die  Entwicklung  des  Luthertums  und  seiner  Moral 
von  Melanchthon  ab  gefordert  worden.  Sie  wurde  begünstigt  durch  die  Glie- 
derung der  Gesellschaft  unter  dem  Begriff  des  Bei-ufs  und  des  Amts,  welche 
Luther  in  die  moderne  Zeit  hinübergefiihrt  hatte.  Und  indem  sich  nun  die 
Tendenz  zur  Selbständigkeit  der  Person  in  der  Aufklärinig  steigert,  wird 
die  Vollkommenheit  zur  Pflicht.  In  der  Vernunft  liegt  ein  Naturgesetz  des 
Geistes,  welches  \om  Individuum  die  Realisierung  der  Vollkommenheit  in 
sich  und  anderen  verlangt.  Diese  Forderung  ist  Pflicht:  eine  Pflicht,  die  nicht 
die  Gottheit  auflegt,  sondern  die  aus  dem  (Jesetz  unserer  eigenen  Natur  ent- 
springt und  durch  Vemunftgriinde  festgestellt  werden  kann.  Erst  nachträg- 
lich darf  dann  die  Vei-nunftregel  auf  den  (irund  der  Dinge  bezogen  werden. 
Dies  ist  die  Lehre  Wolfs,  die  rückwärts  auf  Pufcndorf,  Leibniz,  Thomasius 
zurückgellt  und  vorwärts  zu  Kant  liinfAihrt.  Sie  hat  die  ganze  Literatur 
der  deutschen  Aufklärung  erfiillt.  In  dieser  Lehre  liegt  das  einigende  Band, 
das  die  Deutsclien  der  AufkläiTing  mit  denen  des  i  7.  Jalirliunderts  verbindet 
und  einen  einheitlichen  Gesamtgeist  in  dieser  Epoche  hervorruft,  der  als 
etwas  Unwägbares,  überall  modifiziert  und  doch  immer  dassellie,  die  Nation 
durchdringt.  Es  ist  eine  Bestimmung  des  Lebenswertes,  welche  dem 
Lebenszusammenhang  der  deutschen  Aufklärung  zugrunde  liegt.  Das  neue 
Schema  des  Fortgangs  der  Seele  zu  ihrem  liftchsten  Wert  ist  in  dem  Ver- 
nunftcharakter des  Menschen  gegriinch't.  Die  ?]inzelperson  realisiert  ihren 
Phil.-hixt.  Klnssr.    10 JO    Ahh.  I.  15 


114  Dilthey: 

Zweck,  indem  sie,  mündig  durch  Vernunftgründe,  die  Herrschaft  der  Ver- 
nunft über  die  Leidenschaften  in  sich  lierbeifiihrt,  und  diese  Herrschaft 
der  Vernunft  äußert  sicli  als  Vollkommenheit.  Da  nun  die  Vernunft  all- 
gemeingültig und  allen  gemeinsam  ist  und  die  Vollkommenheit  des  Ganzen 
dui-ch  die  Vern\nift  höher  steht  als  die  Vollkommenheit  des  einzelnen,  — 
in  dem  Sinne,  daß  die  Vollkommenheit  aller  einzehien  einen  höheren  Wert 
hat  als  die  einer  Person  — ■,  wodurch  hier  die  höchste  Bindung  entsteht, 
kraft  deren  der  einzelne  an  das  Wohl  des  Ganzen  gebunden  ist, :  so  ergibt 
sich  hieraus  die  nähere  Bestimmung  dieses  Prinzips  als  der  Vollkommen- 
heit aller  einzelnen,  die  erreicht  wird  durch  den  Fortschritt  des  Ganzen. 
Dies  Prinzip  der  Aufklärung  hat  seinen  Grund  nicht  im  reinen  Denken, 
und  seine  Herrscliaft  beruht  nicht  auf  diesem,  sondern  es  sind  alle  die 
Lebenswerte,  welche  die  Menschen  der  ^iufklärung  erfahren,  die  in  diesem 
Prinzip  zu  einem  abstrakten  Ausdruck  gelangen.  Daher  wird  diesen  Köpfen, 
Wolf  voran,  Vollkommenheit,  seltsam  genug,  zu  einer  Pflicht,  das  Streben 
nach  ihr  zu  einem  Gesetz,  welches  das  Individuum  bindet,  und  schließlich 
wird  die  Gottheit  fiir  Wolf  und  seine  Schüler  zum  Gegenstand  von  Pflichten, 
die  im  Streben  zur  Vollkommenheit  ihren  Mittelpuidct  haben.  Die  Lebens- 
erfahrung selbst,  in  welcher  diese  Ideen  gegründet  sind,  kann  mau  am 
besten  an  Leibniz  studieren.  .Sie  beruht  auf  dem  Erlebnis  des  Glücks  der 
Entwicklung.  In  das  Fortschreiten  selber  verlegt  der  große  Denker,  wie 
dann  Lessing,  das  höchste  Glück  des  Menschen,  da  der  Inhalt  des  Augen- 
blicks dieses  ihm  nie  zu  gewähren  vermag.  Und  daß  dies  Fortsclu-eiten 
nicht  auf  diesen  oder  jenen  einzelnen  Zweck  sich  bezieht,  sondern  auf 
die  Entwicklimg  der  individuellen  Person  und  alles  In  ilir  imifaßt,  alles 
verbindet,  das  spricht  Leibniz  zuerst  so  aus  —  kraft  seines  Erlebens.  Dies 
Erlebnis  war  nllentlialben  vorbereitet,  weil  das  Individuum  in  der  Unselig- 
keit  des  nationalen  Lebens  immer  wieder  auf  sich  selbst  und  die  gemein- 
samen Kulturaufgaben  zurückgewiesen  wurde.  Wie  es  von  Leibniz  aus- 
gesprochen wurde,  wirkte  es  überall  hin.  Und  mit  den  so  aus  dem  Leben 
selbst  hervorgellenden  WertbegrifFen,  die  Leibniz  aufnahm,  ist  nun  zugleich 
die  Aufgabe  bestimmt,  die  er  seiner  Philosophie  stellte,  aus  dem  Zusammen- 
hang der  individuellen  Daseinswerte  die  Bedeutung  des  Lebens  und  den 
Sinn  der  Welt  abzuleiten. 

So  fölirt  im  Zeitalter  der  Aufklärung  ein  einheitlicher  Zusammenhang 
von  der  Form   des  Lebens    zu  der  Lebenserfahrung,   von  den   in  ihr  ent- 


Der  Aufbau  <ffr  geschichtlichen  Welt  in  den  Geisteswissenschaften.  I.      115 

haltenen  Erlebnissen  zur  Rei)räsentation  derselben  in  Wertbegriffen,  Pflicht- 
geboten,  Zweckbestimmungen,  Bewußtsein  der  Bedeutung  dos  Lebens,  des 
Sinnes  der  Welt.  Und  nun  wächst  in  diesem  Zusammenhang  das  Bewußt- 
sein des  Zeitalters  über  sich  selbst,  und  in  dem  Fortgang  zu  abstrakten 
Formeln  erhalten  diese  vermittels  der  Demonstration  aus  der  Vernunft  einen 
absoluten  Cliarakter;  unbedingte  Werte,  Bindungen,  Pflichten,  Güter  werden 
formuliert,  wälirend  doch  der  Historiker  gerade  hier  ihre  Elntstehung  aus 
dem  Leben  selbst  klar  durchschaut. 

Sehen  wir  so  in  der  Besinnung  des  Individuums,  über  das  Leben  in 
Deutschland  eine  Tendenz  auf  dessen  rationaler  Gestaltung,  so  entwickelt 
sich  hier  zugleich  eine  analoge  Tendenz  im  staatlichen  Leben  auf  Grund- 
lage der  Eigenbedingungen  des  politischen  Wirkungszusammenhangs. 

Immer  eingreifender  war  in  der  europäischen  Entwicklung  der  Neuzeit 
auf  den  verschiedenen  Kulturgebieten  die  Tätigkeit  des  Staates  geworden. 
In  dem  Beamtentum,  dem  Militär wesen,  den  Finanzeinrichtungen  liegt  nun- 
mehr das  organisatorische  Zentrum  aller  Maclitverhältnisse,  und  die  Tätigkeit 
des  Staates  wird  zu  einer  treibenden  Kraft  der  Kulturbewegmig.  In  diesem 
Vorgang  wirken  überall  der  Kampf  der  großen  Staaten  untereinander  um 
3Iacht  und  Ausdehnung  und  das  innere  Bedürfnis,  ilire  in  Krieg  und  Erbfall 
zusammengekommenen  Teile  zu  einem  einheitlichen  Ganzen  zu  machen.  In 
dem  Monarchen,  seinem  Beamtentum,  seiner  Armee  konzentriert  sich  die 
E^heit  der  neuen  Staaten.  Dieselben  müssen  zu  festerer  Gliederung  ihi-er 
Organe  und  zur  intensiveren  Ausimtzung  ihrer  Kräften  ül)ergehen.  Diese 
aber  wird  nur  möglich  durcli  rationaleren  Betrieb  der  (reschäfte;  der  poli- 
tische Fortschritt  wäclist  nicht,  sondern  er  wird  gemacht.  Jede  Tätigkeit 
des  Ganzen  wird  von  rationaler  Zwecksetzung  bestimmt.  Dieses  Ganze  nimmt 
immer  mehrere  Kulturaufgaben  in  sich  auf  —  das  Schulwesen,  die  Wissen- 
schaft, ja,  wo  es  erreichbar  war,  das  kirchliehe  Leben.  Die  Fürsten  re- 
präsentieren in  sicji  nicht  nur  die  Einheit,  sondern  die  Kulturrichtung  des 
ganzen  Staates.  Die  freien  irrationalen  Kräfte  der  Treue  von  Person  zu 
Person  werden  «•setzt  durch  berechenbare  und  sicher  wirkende.  So  voll- 
zieht sich  auch  im  staatlichen  Leben  die  Beziehung  der  Kräfte,  welche  dem 
Zeitalter  der  Aufklärung  seine  Einheit  gibt.  Dem,  was  der  Staat  bedarf, 
rationale  Ordnung  des  Lebens  und  rationale  Verwertung  der  Natur,  kommt 
nun  die  im  1 7.  Jahrhundert  begründete  wissenschaftliche  Bewegung  ent- 
gegen,    und  diese   ihrerseits   findet  im  Staat   das   Organ,   alle  Zweige  des 


116  Ö 


ILTHE  Y  ; 


Lebens    einer    rationalen    Regelung   zu   unterwerfen,    vom    wirtschaftlichen 
Betrieb  bis  zu  den  Regeln  des  guten  Geschmacks  in  den  Künsten. 

Kein  Land  war  nun  politisch  für  diese  innere  Beziehung,  in  welcher 
das  Wesen  der  Aufklärung  lag,  so  vorbereitet  wie  Deutschland.  Seine  klei- 
neren Staaten  waren  auf  Entwicklung  der  Kultur  angewiesen  und  Preußen 
dazu  auf  die  Förderung  der  geistigen  Kräfte  für  den  Machtkampf  Der 
Kreislauf  der  religiösen  und  wissenschaftlichen  Kräfte  vom  Leben  der  pro- 
testantischen Gemeinden  zu  Schulwesen  und  Universitäten,  von  diesen  zum 
Fortschritt  des  religiösen  Denkens  in  der  Geistlichkeit  und  der  Rechtsideen 
bei  den  Juristen,  dann  wieder  rückwärts  zum  Volk  war  nirgends  so  ent- 
wickelt wie  hier. 

So  sind  es  Kräfte  von  ganz  verschiedenem  Ursprung,  Wirkungs- 
zusammenhänge, die  in  ganz  verschiedenen  Stadien  ihrer  Entwicklung  be- 
griffen sind,  welche  in  der  deutschen  Aufklärung  zusammenwirken. 

Während  sich  so  die  Einheit  des  Geistes  der  Aufklärung  in  der  Wissen- 
schaft und  der  philosophischen  Besinnung  wie  im  gesellschaftlichen  Leben 
realisiert,  vollzieht  sie  sich  zugleich  durch  die  Wirksamkeit  dieses  Geistes 
in  allen  einzelnen  Gebieten  des  geistigen  Lebens.  In  der  Rechtsentwicklung 
in  Deutschland  haben  wir  ein  interessantes  Beispiel  hiervon  an  der  Ent- 
stehung der  vollkommensten  Gesetzgebung  der  Zeit  — ■  des  Landrechts. 
In  Halle  bildet  sich  eine  aus  dem  Geist  des  preußischen  Staats  ent- 
standene selbständige  Richtung  des  Naturrechts  und  der  darauf  gegrün- 
deten Jurisprudenz.  Thomasius,  Wolf,  Böhmer  und  viele  Geringere  ver- 
breiten die  Rechtsauffassung  dieser  Schule  durch  ihre  Schriften  überall- 
hin. Sie  bilden  die  Beamten  aus,  die  nunmehr  durch  die  Einheit  imd 
den  nationalen  Charakter  ihrer  Geistesrichtung  geeignet  sind,  das  lang- 
stockende Gesetzgebungswerk  Preußens  zu  vollenden.  Unter  der  Einwirkung 
dieses  Naturrechts  stehen  der  König,  der  das  Werk  fordert,  und  die  Minister 
imd  Räte,  die  es  ausfiihren.  Derselbe  innere  Zusammenhang  besteht  in 
der  religiösen  Bewegung  der  Aufklärungszeit.  Auch  sie  zeigt  die  eigentüm- 
liche Zweiseitigkeit  der  deutschen  Aufklärung.  Sie  ist  zugleich  polemisch 
und  aufl)auend.  Kirchengeschichte,  Naturrecht  und  Kirchenrecht  wirken  im 
deutschen  Protestantismus  zusammen  zu  einer  Anschauung  des  Urchristen- 
tums, die  in  Böhmer,  Semler,  Lessing,  Pfaff  die  Kraft  wird,  ein  neues 
Ideal  der  Religiosität  und  der  kirchlichen  Ordnung  hervorzubringen.  Und 
auch  hier  vollzieht  sich  die  Zirkulation  der  Ideen,  (Jie  von  dem  UngenOge 


Der  Aufbau  der  (jeschichtlkhen  Welt  in  den  GeisteswissenscJiaften.  1.      117 

am  Bestehenden  und  der  positiven  Macht  der  allgemeinen  neuen  Ideen 
durch  die  Schulen  und  die  Universitäten,  welche  von  der  Macht  der  kirch- 
lichen Orthodoxie  unabhängig  sind  und  mit  dem  allgemeinen  wissenschaft- 
lichen Geist  in  Zusammenhang  stehen,  hinüberfuhrt  zur  Ausbildung  des 
einzelnen  Geistlichen,  der  nun  in  Stadt  oder  Land  ein  aufgeklärtes  Christen- 
tum zur  Geltung  bringt,  welches  eins  ist  mit  dem  Geist  der  Zeit.  Eine  so 
schlichte,  folgerichtige,  auf  die  höchsten  moralisch-religiösen  Ideen  gerichtete 
und  zugleich  mit  dem  Theismus  des  Christenturas  so  einstimmige  Wirkung  hat 
die  clu"istliche  Religiosität  zu  keiner  Zeit  geübt  wie  im  Zeitalter  der  deut- 
schen Aufklärung.  Neue  religiöse  Werte  von  der  größten  Tragweite  haben 
sich  so  damals  im  kirchlichen  und  religiösen  Leben  gebildet.  Auch  die 
deutsche  Dichtung  der  Zeit  wird  bestimmt  von  der  Umwälzung  der  Werte 
und  Zwecke,  die  sich  in  der  Aufklärungszeit  vollzieht.  Die  Aufklärung  im 
Staate  der  Selbsthen-schaft  wirkt  auf  das  poetische  Schaffen.  Von  Frank- 
reich ausgehend,  wird  in  Deutschland  im  Zusammenhang  mit  der  gebil- 
deten Gesellschaft  die  neue  Prosa  gebildet.  Den  dichterischen  Gattungen 
werden  ihre  Regeln  vorgezeichnet,  und  diese  Regeln  disziplinieren  die 
höhere  Form  der  Phantasiekunst  von  Shakespeare  und  Cervantes  zu  der 
Form  streng  logisch  gegliederter  dichterischer  Gebilde.  Das  Ideal  dieser 
Dichtung  wird  der  durch  die  Idee  der  Vollkommenheit  und  der  Aufklärung 
bestimmte  Mensch.  Und  ihre  Weltanschauung  ist  der  Glaube  an  die  teleolo- 
gische Ordnung  der  Welt  von  der  Natur  aufwärts.  Der  direkte  Ausdruck 
dieses  Ideals  und  dieser  Weltanschauung  wird  das  Lehrgedicht;  Idyll  und  Ele- 
gie schließen  sich  ihm  an.  Der  tragische  Zug  im  Leben  wird  nicht  verstanden: 
Lustspiel,  Scliauspiel  und  vor  allem  der  Roman  werden  zum  höchsten  poeti- 
schen Ausdruck  der  Zeit  und  erhalten  eine  dementsprechende  Struktur:  ein  von 
optimistischen  Ideen  geleiteter  Realismus  durchdringt  alle  poetischen  Werke. 

Dieser  einheitliche  Zusammenhang,  in  welchem  auf  den  verschieden- 
sten Lebensgebieten  die  herrschende  Richtung  der  deutschen  Aufklärung 
zum  Ausdruck  kommt,  bestimmt  nun  aber  nicht  alle  Menschen,  die  diesem 
Zeitalter  angehören,  und  auch  wo  er  Einfluß  gewinnt,  wirken  oft  neben 
ihm  andere  Kräfte.  Die  Widerstände  des  voraufgehenden  Zeitalters  machen 
sich  geltend.  Besonders  wirksam  sind  die  Kräfte,  welche  an  die  älteren 
Zustände  und  Ideen  anknüpfen,  ihnen  aber  eine  neue  Form  zu  geben  suchen. 

In  der  religiösen  Sphäre  trat  so  der  Pietismus  auf.  Er  w  ar  die  stärkste 
unter  den  Kräften,    in  denen  das  Alte  neue  Formen  annahm.     Er  ist  der 


118  Dilthey: 

Aufklärung  verwandt  in  der  zunehmenden  (xleichgültigkeit  gegen  äußere 
kirchliche  Formen,  in  der  Forderung  der  Toleranz,  vor  allem  aber  darin, 
daß  er  jenseits  der  Tradition  und  Autoi-ität,  welche  die  Kritik  unter- 
graben hatte,  einen  einfachen,  klaren  Rechtsgrund  fiir  den  Glauben  sucht. 
Dieser  liegt  im  Umgang  mit  Gott  und  der  hierauf  gegründeten  religiösen 
Erfahrung.  Nur  der  Bekehrte  versteht  die  Bibel:  ihm  eröffnet  sich  das 
in  ihr  mitgeteilte  göttliche  Wort;  er  ist  imstande,  gleichsam  Entdeckungen 
im  Gebiet  des  Christentums  zu  machen.  Die  Toleranz  des  Pietismus  be- 
steht darin,  daß  sie  jeden  auf  Bekehrung  gegründeten  christlichen  Glauben 
anerkennt.  Die  eigene  religiöse  Erfahrung  muß  der  in  ihr  erweckte  Pietist 
ergänzen  durch  fremde  Bekehrungsgeschichten.  Und  so  sehen  wir,  wie 
der  Pietismus  der  großen  individualistischen  Bewegung  angehört,  indem  er 
über  das  Luthertum  mit  der  Ausschaltung  der  Kirche  aus  dem  innerpersön- 
lichen Vorgang  hinausgeht.  Aber  zugleich  setzt  er  sich  nun  doch  der  Auf- 
klärung entgegen  durcli  seine  Einstimmigkeit  mit  Lutliers  Zuversicht  zu 
der  im  Umgang  mit  Gott  entstehenden  religiösen  Erfahrung.  Der  Pietis- 
mus stellt  dann  wieder  in  einem  inneren  Verhältnis  zur  Vollendung  unserer 
geistlichen  Musik  in  Sebastian  Bach.  Wohl  war  Bacli  kein  Pietist,  aber  die 
Gesänge  der  christlichen  Seele,  welche  die  Darstellung  des  Lebens  Christi 
begleiten,  zeigen  schon  für  sich  allein  ausreichend  seinen  Zusammenhang 
mit  der  subjektiven  religiösen  Innerlichkeit,  die  in  der  pietistischen  Be- 
wegung ans  Licht  trat. 

Dieselbe  am  Bestehenden  haftende  Riclitung  äußerte  sich  gegenüber 
den  politischen  Tendenzen  der  aufgeklärten  Selbstherrschaft.  Sie  war 
auf  die  Aufrechterhaltung  des  Reichs,  der  ständischen  Privilegien  in 
den  einzelnen  Staaten  und  der  Fortbildung  der  alten  Rechte  gerichtet. 
Aber  auch  diese  Tendenzen  erhalten  ihr  liöheres  Bewußtsein  und  ihre  Be- 
ginindung  durcli  das  Studium  der  staatswissenschaftlichen  Literatur  der 
Aufklärung,  und  die  Vorschläge  eines  Schlosser  und  Moser  suchen  doch 
auch  den  neuen  Bedürfnissen  und  dem  Geist  der  Aufklärung  genug  zu 
tini.  Die  politischen  Ideen  der  Aufklärung  mußten  Moser  umgeben,  wenn 
er  aus  den  bestehenden  Zuständen  sein  Verständnis  derselben  und  seine 
praktischen  Tendenzen  cntwickehi  sollte. 

Und  man  erfaßt  doch  erst  ganz  die  innere  Beziehung  der  Richtungen, 
welche  die  Gegensätze  imd  die  Veränderlichkeit  in  einem  solchen  Zeit- 
raum  bestimmt  lial)en,  an  dem  Beispiel  der  deutschen  Aufklärung,  wenn 


Der  Aufbau  der  gesrhicJitlichen  Welt  in  den  Geistes-wissenschnften.  1.      119 

man  die  Momente  feststellt,  die  innerhalb  der  Grundi'ichtung  selbst  eine 
Wendung  in  Zukünftiges  ermöglichen.  Gerade  die  Richtung  der  Auf- 
klärung auf  ein  Regelhaftes  rief  auf  verschiedenen  Gebieten  die  Versenkung 
in  geschichtliche  Tatbestände  hervor,  in  welchen  die  Regel  erfüllt  zu  sein 
schien.  So  fand  man  im  Urchristentum  den  Tj^jus  einer  freieren  Reli- 
giosität, und  dies  verstärkte  die  Richtung  auf  das  Studimn  desselben  in 
Thomasius,  Bölimer  und  Semler.  Die  Regeln,  welche  die  Kritik  dieser 
Zeit  in  der  Kunst  aufstellte,  wurden  verstärkt  durch  die  Vertiefung  in 
den  Typus  der  antiken  Kunst,  und  dies  war  der  Standpunkt,  aus  welchem 
Winckebnann  und  Lessing  die  Kunst  des  Altertums  und  die  Gesetze 
künstlerischen  Schaffens  durcheinander  erleuchteten.  Ein  anderes  Mo- 
ment der  Wendung  auf  die  Aufgaben  der  Zukunft  lag  da,rin,  daß  die 
Vertiefung  in  die  Einzelperson  hinül  »erführte  in  die  Betonung  der  In- 
dividualität des  Schaffens  und  des  Genies. 

Fragen  wir  uns  also,  wie  inmitten  des  Flusses  des  Geschehens,  der 
Deutschland  umströmt  und  ununterbrochen,  beständig  Veränderungen  herbei- 
führend, fortgeht,  eine  solche  Einheit  abgegrenzt  werden  kann,  so  ist 
die  Antwort  zunächst,  daß  jeder  Wirkungszusammeidiang  sein  Gesetz  in 
sich  selbst  trägt,  und  daß  nach  diesem  seine  Epochen  ganz  verschieden 
sind  von  denen  der  anderen.  So  hat  die  Musik  eine  Eigenbewegung,  nach 
welcher  der  religiöse  Stil,  der  aus  der  höchsten  Macht  des  christlichen 
Erlebnisses  hervorging,  in  Bach  und  Händel  zu  derselben  Zeit  seinen  Höhe- 
punkt erreichte,  in  welcher  die  Aufklärung  bereits  die  herrschende  Rich- 
tung in  Deutschland  war.  Und  in  derselben  Zeit,  in  welcher  Lessings 
vollkommenste  Werke  entstanden,  trat  die  neue  schöpferische  Bewegung 
vom  »Sturm  und  Drang i  hervor,  welche  den  Anfang  der  folgenden  Epoche 
in  der  Literatur  bezeichnet.  Fragen  wir  dann  weiter,  welches  die  Bezüge 
sind,  die  zwisclien  den  verschiedenen  Wirkungszusammenhängen  eine  Ein- 
heit hei-stellen,  so  lautet  die  Antwort:  nicht  eine  P^inheit,  die  durch  einen 
Grundgedanken  ausdrückbar  wäre,  ist  es,  sondern  vielmehr  ein  Zusammen- 
hang zwischen  den  Tendenzen  des  Lebens  selbst,  der  im  Verlauf  sich  aus- 
bildet. 

Man  kann  im  geschichtlichen  Verlauf  Zeiträume  abgrenzen,  in  denen 
von  der  Verfa.ssung  des  Lebens  bis  zu  den  höchsten  Ideen  eine  geistige  Ein- 
heit sich  bildet,  Uiren  Ilöhepmikt  erreicht  imd  sich  wieder  auflöst.  In 
jedem    solchen  Zeitraum    besteht  eine   ihm  mit  allen  anderen  gemeinsame 


120  Dilthey: 

innere  Struktur,  die  den  Zusammenhang  der  Teile  des  Ganzen,  den  Verlauf, 
die  Modifikationen  in  den  Tendenzen  bestimmt:  wir  werden  später  sehen, 
was  die  Methode  der  Vergleich ung  für  eine  solclie  Strukturauffassung  leisten 
kann.  —  In  der  immerwährenden  Wirksamkeit  der  allgemeinen  Struktur- 
verhältnisse ergab  sich  uns  vor  allem  die  Bedeutung  und  der  Sinn  der  Ge- 
schichte. Wie  diese  an  jedem  Punkt  und  zu  jeder  Zeit  walten  und  das  Leben 
der  Menschen  bestimmen,  das  in  erster  Linie  ist  der  Sinn  der  geistigen 
Welt.  Die  Aufgabe  ist,  ganz  systematisch  von  unten  die  Regelmäßigkeiten 
zu  studieren,  welche  die  .Struktur  des  Wirkungszusammenhangs  in  den  Trä- 
gern desselben  vom  Individuum  aufwärts  ausmachen.  Wiefern  diese  Struktur- 
gesetze dann  ermöglichen,  Voraussagen  über  die  Zukunft  zu  bilden,  kann 
erst  bestimmt  werden,  wenn  dieses  Fundament  gelegt  ist.  Das  Unveränder- 
liche, Regelhafte  in  den  geschichtlichen  Vorgängen  ist  der  erste  Gegenstand  des 
Studiums,  und  davon  ist  die  Antwort  auf  alle  Fragen  nach  dem  Fortschritt 
in  der  Geschichte,  nach  der  Richtung,  in  der  die  Menschheit  sich  bewegt, 
abhängig.  —  Die  Struktur  eines  bestimmten  Zeitalters  erwies  sicJi  daim  als  ein 
Zusammenhang  der  einzelnen  Teilzusammenhänge  und  Bewegungen  in  dem 
großen  Wirkungskomplex  einer  Zeit.  Aus  höchst  mannigfachen  und  vei-- 
änderlichen  Momenten  bildet  sich  ein  kompliziertes  Ganzes.  Und  dieses 
bestimmt  nun  die  Bedeutung,  welche  allem,  was  in  dem  Zeitalter  wirkt,  zu- 
kommt. Wenn  der  Geist  eines  solchen  Zeitalters  aus  Schmerzen  und  Disso- 
nanzen geboren  ist,  dann  hat  jeder  einzelne  in  ilim  und  durch  ilm  seine  Be- 
deutvmg.  Von  diesem  Zusammenhang  sind  vor  allem  die  großen  historischen 
Menschen  bestimmt.  Ihr  Schaffen  gelit  nicht  in  geschichtliche  Ferne,  sondern 
schöpft  aus  den  Werten  und  dem  Bedeutungszusammenhang  des  Zeitalters 
selbst  seine  Ziele.  Die  produktive  Energie  einer  Nation  in  einer  bestimmten 
Zeit  empföngt  gerade  daraus  iln-o  liöchste  Kraft,  daß  die  Menschen  der  Zeit 
auf  deren  Horizont  eingescliränkt  sind;  ihre  jVrbeit  dient  der  Realisierung 
dessen,  was  die  Grundrichtung  <ler  Zeit  ausmacht.  So  werden  sie  die  Re- 
präsentanten derselben. 

Alles  hat  in  einem  Zeitalter  seine  Bedeutung  durch  die  Bezieliung 
auf  die  Energie,  die  ihm  die  Grundrichtung  gibt.  Sie  drückt  sich  aus  in 
Stein,  auf  Leinwand,  in  Taten  oder  Worten.  Sie  objektiviert  sich  in 
Verfassung  und  Gesetzgebung  der  Nationen.  Von  ilir  erfüllt,  faßt  der 
Historiker  die  älteren  Zeiten  auf,  und  der  Pliilosoph  versucht,  von  ihr 
aus    den    Sinn   der  Welt   zu   deuten.     Alle  Äußenmgen   der  das   Zeitalter 


Der  Aufbau  der  geschichtlichen  Welt  in  den  Geistesioissenschaften.  I.      121 

bestimmenden  Energie  sind  einander  verwandt.  Hier  entsteht  die  Auf- 
gabe der  Analyse,  in  den  verschiedenen  Lebensäußerungen  die  Einheit 
der  Wertbestimmung  und  Zweckrichtung  zu  erkennen.  Und  indem  nun 
die  Lebensäußerungen  dieser  Richtung  hindrängen  zu  absoluten  Werten 
und  Zweckbestimmungen,  schließt  sich  der  Kreis,  in  welchem  die  Menschen 
dieses  Zeitalters  eingeschlossen  sind;  denn  in  ihm  sind  auch  die  entgegen- 
wirkenden Tendenzen  enthalten.  Sahen  wir  doch,  wie  die  Zeit  auch  ihnen 
ihr  Gepräge  aufdrückt  und  wie  die  herrschende  Richtung  ihre  freie  Ent- 
wicklung niederhält.  So  ist  der  ganze  Wirkungszusammenliang  des  Zeit- 
alters durch  den  Nexus  des  Lebens,  der  Gemütswelt,  der  Wertbildung  und 
der  Zweckideen  desselben  immanent  bestimmt.  Jedes  Wirken  ist  historisch, 
das  in  diesen  Zusammenhang  eingreift;  er  macht  den  Horizont  der  Zeit 
aus,  und  durch  ihn  ist  schließlich  die  Bedeutung  jedes  Teils  in  diesem 
System  der  Zelt  bestimmt.  Dies  ist  die  Zentrierung  der  Zeitalter  und  Epochen 
in  sich  selbst,  in  welcher  das  Problem  der  Bedeutung  und  des  Sinnes  in 
der  Geschichte  sich  löst. 

Jedes  Zeitalter  enthält  die  Rückbeziehung  auf  das  frühere,  die  Fort- 
wirkung  der  in  jenem  entwickelten  Kräfte  in  sich,  und  zugleich  ist  in 
ihm  schon  das  Streben  und  Schaffen  enthalten,  welches  das  folgende 
vorbereitet.  Wie  es  entstanden  ist  aus  der  Insuffizienz  des  früheren,  so 
trägt  es  in  sich  die  Grenzen,  Spannungen,  Leiden,  welche  das  künftige  vor- 
bereiten. Da  jede  Gestalt  des  geschichtlichen  Lebens  endlich  ist,  muß  in 
ihr  eine  Verteilung  von  freudiger  Kraft  und  von  Dnick,  von  Erweiterung 
des  Daseins  und  Lebensenge,  von  Befriedigung  und  Bedürfnis  enthalten 
sein.  Der  Höhepunkt  der  Wirkungen  ihrer  Grundrichtung  ist  nur  kurz. 
Und  von  einer  Zeit  zur  anderen  geht  der  Hunger  nach  allen  Arten  von 
Befriedigung,  der  niemals  gesättigt  werden  kann. 

Was  sich  uns  aucli  ergeben  mag  über  das  Verhältnis  der  historischen 
Zeitalter  und  Perioden  untereinander  in  Bezug  auf  die  fortschreitende  Zu- 
sammensetzung in  der  Struktiu*  des  geschichtlichen  Lebens:  es  ist  die  Natur 
der  Endlichkeit  aller  Gestalten  der  Geschichte,  daß  sie  mit  Daseinsverküm- 
merung und  Knechtschaft,  mit  unerftillter  Sehnsucht  behaftet  sind.  Und  dies 
vor  allem  auf  Grund  davon,  daß  Machtverhältnisse  aus  dem  Zusammenleben 
psycho-physischer  Wesen  nie  eliminiert  werden  können.  Wie  die  Selbst- 
herrschaft der  Aufklärungszeit  ebenso  Kabinettskriege,  Ausnutzung  der 
Untertanen  für  das  Genußleben  der  Höfe  hervorbrachte  als  das  Streben 
PhiL-hist.  Klagte.    1910.    Ahh.  I.  16 


122  üiltjiey: 

der  rationalen  Entwicklung  der  Kräfte,  so  ejithält  jede  andere  Anordnung 
der  Machtvei'hältnisse  ebenfalls  wieder  Duplizität  der  Wirkungen,  und 
der  Sinn  der  Geschichte  kann  nur  in  dem  Bedeutungsverhältnis  aller 
Kräfte  gesucht  werden,  die  in  dem  Zusammenhang  der  Zeiten  verbunden 
waren. 

Die  systematische  Bearbeitung  der  Wirkungszusammenhänge 

und  Gemeinsamkeiten. 

Da  das  Verständnis  der  Geschichte  sich  vermittels  der  Anwendung  der 
systematischen  Geisteswissenschaften  auf  sie  vollzieht,  hat  die  vorliegende 
Darstellung  des  logischen  Zusammenhangs  in  der  Geschichte  die  allgemeinen 
Züge  der  geisteswissenschaftlichen  Systematik  bereits  erörtert.  Denn  die 
systematische  Bearbeitung  der  in  der  Geschichte  herausgehobenen  Wirkungs- 
zusammenhänge hat  die  Ergründung  des  Wesens  eben  dieser  Wirkungszu- 
sammenhänge zu  ilirem  Ziel.  Ich  hebe  nur  vorausschickend  die  nach- 
folgenden drei  Gesichtspunkte   für   die   systematische  Bearbeitung  hervor. 

Das  Studium  der  Gesellschaft  beruht  auf  der  Analysis  der  in  der  Ge- 
schichte enthaltenen  Wirkungszusammenhänge.  Diese  Analysis  geht  vom 
Konkreten  zum  Abstrakten,  von  dem  wissenschaftlichen  Studium  der  natür- 
lichen Gliederung  der  Menschheit  und  der  Völker  zur  Sonderung  der  ein- 
zelnen Wissenschaften  der  Kultur  und  der  Trennung  der  Gebiete  der  äußeren 
Organisation  der  Gesellschaft   fort'. 

Jedes  der  Kultursysterae  bildet  einen  Zusammenhang,  der  auf  Gemein- 
samkeiten beruht;  da  d(;r  Zusammcnliang  eine  Leistung  realisiert,  hat  er 
einen  teleologischen  Charakter.  Hier  tritt  nun  aber  eine  Schwierigkeit  her- 
vor, welche  der  Begrifisbildung  in  diesen  Wissenschaften  anhaftet.  Die  In- 
dividuen, welclie  zusammenwirken  zu  einer  solchen  Leistung,  gehören  dem 
Zusammenhang  nur  in  den  Vorgängen  an,  in  denen  sie  zur  Realisierung 
der  Leistung  mitwirken,  aber  sie  sind  doch  in  diesen  Vorgängen  mit  ihrem 
ganzen  Wesen  wirksam,  und  so  kann  niemals  aus  dem  Zweck  der  Leistung 
ein  solches  Gebiet  konstruiert  werden,  vielmehr  wirken  neben  der  auf  die 
Leistungen  gerichteten  Energie  in  dem  Gebiet  stets  auch  die  anderen  Seiten 
der  menschlichen  Natur  mit;  die  historische  Veränderlichkeit  derselben 
macht  sich  geltend.    Hierin  liegt  das  logische  Grundproblem  der  Wissen- 


Dies  ist  naher  beliandelt:  Einleittnij?  in  die  Geisteswissenschaften  1  S.  448". 


Der  Aufbau  der  geschichtlicJwn  Welt  in  den  Geisteswissenschafien.  I.      123 

Schaft  von  den  Kultursystemen,  und  wir  werden  sehen,  wie  sich  zu  seiner 
Auflösung  verschiedene  Methoden  gebildet  haben  und  sich  befehden. 

Zu  dieser  Schwierigkeit  tritt  eine  Grenze,  welche  der  Begriffsbildung 
in  den  Geisteswissenschaften  anhaftet.  Sie  folgt  daraus,  daß  die  Wir- 
kungszusammenhänge Leistungen  realisieren  und  einen  teleologischen  Cha- 
rakter haben.  Die  Begriffsbildung  ist  dalier  hier  nicht  eine  einfache 
Generalisation,  welche  das  Gemeinsame  aus  der  Reihe  der  einzelnen  Fälle 
gewinnt.  Der  Begriff  spricht  ehien  Typus  aus.  Er  entsteht  im  verglei- 
chenden Verfahren.  Ich  suche  etwa  den  Begriff"  der  Wissenschaft  festzu- 
stellen. An  sich  fallt  unter  ihn  jeder  Gedankenzusammenhang,  der  auf  den 
Vollzug  einer  Erkenntnis  gerichtet  ist.  Da  ist  nun  aber  unter  den  Büchern,  die 
wissenschaftlichen  Aufgaben  gewidmet  sind,  vieles  unfruchtbar,  vieles  un- 
logisch, verfehlt.  Es  widerspricht  also  der  auf  die  Leistung  gerichteten 
Intention.  Die  Begriffsbildung  hebt  diejenigen  Züge  hervor,  in  denen  die 
Leistung  eines  solchen  Zusammenhangs  realisiert  ist:  das  ist  die  Aufgabe 
einer  Wissenschaftslehre.  Oder  ich  will  den  Begriff  der  Dichtung  feststellen. 
.Vuch  dies  geschieht  durch  eine  begriffliche  Konstruktion,  welcher  nicht  alle 
Verse  unterzuordnen  sind.  Die  Mannigfaltigkeit  der  Elrscheinungen  in  einem 
solchen  Gebiet  gruppiert  sich  um  einen  Mittelpunkt,  den  der  ideale  Fall 
bildet,   in   welchem  die  Leistung  vollständig  verwirkliclit  ist. 

Die  Erörterung  über  den  allgemeinen  Zusammenhang  in  den  Geistes- 
wissenschaften ist  hiermit  abgeschlossen.  Die  nun  folgende  Darstellung  des 
Aufbaues  der  Geisteswissenschaften  wird  die  einzelnen  Methoden  entwickeln, 
in  denen  der  allgemeine  logische  Zusammenhang  sicli  realisiert. 


Strategenk(")pfe. 

Vom 

IV"  KEKl'LK  VON  STUADüNrrZ. 


Phü.-hist.  Klasse.    I'JIO.   Abh.  II. 


Vorgelegt  in  der  Sitzung  der  phil.-hist.  Klasse  am  17.  Mär/.  1910. 
Zum  Druck  eingereicht  am  25.  August  1910,  ausgegeben  am  3.  November  1910. 


JtLunio  Qiiiriiio  Visconti  liatte  von  Napoleon  (l(>n  Anf'ti"i.i>-  erlialton,  dif 
Bildnisse  der  lii-oßen  3Iänner  des  Altertums  zusanmienzustellen.  Die  Ikono- 
grupliie.  die  er  vorleiite.  war  eine  l>e\vun(lerns\\üi'di<;<',  uroße  und  selbständige 
Gesanitleistiiny.  Nui-  seltene  Male  ist  ei-  \o\i  seinem  frühen  Voriiänger 
Fnlvins  Irsinus  aMiänyiger.  als  man  deidsi'u  sollti'.  Ks  sind  jetzt  hundert 
JaJire  her,  seit  der  ei-ste  Band  der  leonographie  (;rec(iue  erschienen  ist, 
nnd  es  ist  nicht  anders  in("mlich.  als  daß  sie  zum  li-uten  Teil  xcraltet  ist. 
Das  ei'giht  sicli  schon  aus  der  Erweiterung  des  archäolonisclien  Materials 
lind  <lem  X'orwärtsgehen  der  wissenschaftlichen  Arlx'it,  auch  aus  den 
strengeren  Anfordeniniicn.  die  wir  heute  zu  stellen  herechtigt  sind,  (ie- 
rado  in  den  letzten  Jahrzehnten  hat  man  sich  mit  Vorliehe  mit  den  an- 
tiken Porträts  he.schäftiiit.  Die  Sorgfalt i^cn  ZusamnuMistelluntfen  und  Inter- 
suchungen  von  Bernoulli  konnten  sich  hei'cits  auf  das  unter  iler.  ^Mitwirkung 
von  Brunn  hegonnene.  \(»n  Ai'iiill  allein  weitergeführte  große  Bruckman- 
nische  Tafelwei'k  licziehen.  und  es  lici;t  \(in  ausgez<'ichneten  (Jelehrten 
eine  ganze  Rf-ihe  lehrreicher  und  scharfsinniyei'  l'ntci-suchuniicn  und  Vcr- 
uiutungpu  vor.  Alx-r  nicht  umsonst  ist  der  .Miidierr  der  ikonogra[)hischen 
Studien  Fuivius  Ursinus.  Kr  und  Visconti  lialien  diesen  Studien  ihren 
Stem[)el  antgedrückt.  Wie  l'rsinus  und  seine  (ienosscn  mit  heiterer  Naivität 
unil  souveräner  Willkür  Kclites  und  rncchtes.  Wahres  >ind  Falsches  miscliten, 
wie  Visconti  seine  annmlinc.  erlindunii-s-  und  listenreiche  (ielehi'sand^eit 
spielen  ließ,  um  nur  niriyliclist  \  iel  Bildnisse  der  (Jroßen  des  Alti'rtnms 
vorzuweisen,  so  Ix-herrsclit  <lie  Frau'e  »Wer  ist  darii'estellt V«  oder  ^  wenn 
man  das  nicht  wissen  kann  —  "Ja.  wer  könnte  denn  aher  möglicherweise 
dargestellt  sein?'«  das  yanze  Interesse.  Freilich,  man  ist  sich  IxM  diesem 
Raten   mehr  als   früher  der  Schranken  liewußt,   die  die  kunstgeschichtlichen 


4  K  E  K  r  I,  F.    V  ()  N    S  T  U  A  I)  O  N  I  T  z  : 

KpocluMi  setzen,  und  weiß  den  künstleriselien  und  kunstgeseliiclitlichen 
Wert  eines  liochstehenden  Eildnisses  an  sicli  zu  schätzen.  Aber  der  leb- 
liafte  und  natürliclie  Wunseli.  zu  wissen,  wie  die  größten  Persönlichkeiten, 
von  denen  wir  hören,  ausgeselien  liaben,  und  der  Wmisch,  die  erhaltenen 
Bildnisse  zu  benennen,  stört  leiclit  die  ruhige  Betrachtung  und  die  Einsicht 
in  den  kunstgeschiehtlichen  Znsammeidiaiig  oder  Gegensatz,  ohne  die  auch 
hier  nicht  vorwärtszukommen  ist.  Wir  werden  uns  daran  gewöhnen  müssen, 
Avie  es  in  der  modernen  Kunstgeschichte  gescliieht,  so  auch  für  die  an- 
tike die  Bihbiisse  als  Dokumente  künstlerischer  und  kunstgcschichtlicher 
Art  anzuerkennen,  künstlerisclie  und  knnstgeschichtliche  Dokvunente,  die 
den  Vorzug  lialx'ii  können,  <'in  l)esonderes  geschichtliclies  und  persönliches 
Interesse  auf  sich  zu  Aereinigen,  die  aber,  sogar  auch  um  der  historischen 
(lereclitigkeit  sell)st  Avillen,  vor  allem  und  zuerst  kunstgescliiclitlich  zu 
betrachten  sind.  Mir  schien  innner.  es  komme  nicht  sowohl  darauf  an, 
durch  scharfsinnige  Vermutungen  die  Mögliclikeiten  der  Wiedererkennung 
im  einzelnen  zu  erschöpfen,  als  vielmehr  aus  den  vorhandenen  Bildnissen, 
gleichgültig,  ob  sie  bekannt  oder  unbekannt  sind,  besondere  Reihen  und 
kleine  (iru[)pen  zusannnenzustellen  und  zu  verfolgen,  um  ein  Urteil  über  das 
Verhältnis  der  verscliiedenen  Typen  und  Arten  und  der  einzelnen  P.xemplare 
zueinan(l(T  zu  gewinnen.  Auf  diesem  Wege  möchten  sicli  dann  auch  die 
Elemente  zu  einer  wirkliclien  ({escliiclite  des  antiken  Porträts  finden  lassen, 
die  nocli  Bernoulli  als  außerliall)  der  Aufgabe  liegend,  die  er  sicli  gestellt 
liat,   ausdrücklich  abweist. 

Hei  dem  Versuche,  den  ich  heute  vorlege,  gehe  ich  aus  von  einem 
Aidsatz  über  »(n-iecliische  Porträtköpfe«,  den  Hr.  Conze  in  der  Archäolo- 
gischen Zeitung  von  i868  zu  Tafel  i  und  2  veröftentlicht  hat.  Seitdem 
hat  sich  das  Material  vermehrt,  und  diesellien  Köpfe,  die  Hr.  Conze  seineu 
Erörterungen  zugrunde  legte,  sind  mehrfach  auch  von  anderer  Seite  be- 
sprochen worden.  Ich  mach<^  aufs  neue  den  Versuch,  ihr  Verliältnis  zu- 
einander zu  liestimmen:  stilistiscli,  kunstgeschichtlich.  Icli  werde  den  An- 
laß hallen,  noch  andere  Vergleiche  anzustellen  und  manche  Fragen  auf- 
zuwerfen. Auf  die  vorgebrachten  willkürlichen  Versuche  der  Namengebung, 
liei  denen  sich  die  Späteren  weniger  Zurückhaltung  auferlegt  haben  als 
llr.  Conze,  wird  es  nicht  nötig  sein  einzugehen.  Icli  liegnüge  mich  damit, 
die  vorgesclilagenen  Namen  nebeneinanderzustellen.  Der  einzig  sichere 
Name  ist  der  des  Perikles  —  weil  er  aiif  den  lieiden  Inschrifthermen  steht. 


Strategenköpfe.  5 

Conze  fiihrt  auf:  den  von  Visconti  Miltiades  genannten  Kopf  im  Louvre, 
den  einzigen  seiner  Reihe,  der  den  sogenannten  attisciien  Helm  trägt,  den 
von  Visconti  Themistokles  genannten  im  Vatikan,  den  auf  einen  Hermen- 
schaft mit  der  Inschrift  GewicTOKAfic  b  naymAxoc  willkürlich  aufgesetzten  Kopf 
im  Berliner  Museum,  die  beiden  inschriftlicli  bezeugten  Periklesliermen, 
den  Kopf,  der  willkürlicli  auf  die  Statue  des  sogenannten  Pliokion  auf- 
gesetzt worden  ist  und  geholfen  liat,  dieser  iliren  falschen  Namen  zu  geben, 
und  endlich  den  damals  in  Paris  bei  Hrn.  Pastoret  befindliclien  Kopf, 
von  dem  es  Conze  gelungen  war,  einen  Abguß  zu  beschaffen,  und  der  den 
Anlaß  zu  seinem  Aufsatz  ga)).  Von  dem  seitdem  Hinzugekommenen  sind 
am  wichtigsten  der  Perikles  im  Berliner  Museum  und  die  Wieder! lolungen 
des  Pastoretschen  Kopfes;  aber  die  ganze  Reilie  läßt  sicli  jetzt  sehr  viel 
vollständiger  ausgestalten.  Mit  Ausnalime  des  Berliner  Perikles,  zweier 
Repliken  des  Pastoretsclien  Kopfes  und  eines  Kopfes  in  Madrid  liegen  jetzt 
alle  diese  den  sogenannten  korinthisclien  Helm  tragenden  Köpfe  in  dem 
großen,  von  Arndt  bei  Bruckmann  lierausgegebenen  Porträtwerk  in  Vorder- 
und  Profilansichten  vor.  Es  felilt  darin  der  von  Conze  als  Porträt  ange- 
führte, von  Visconti  Miltiades  genannte  Kopf  in  Paris,  der  den  attisclien 
Helm  trägt.  Die  im  Kapitolinischen  Museum  vorliandene  Wiederholung 
dieses  Kopfes  ist  bei  Arndt  und  Amelung,  Photograpliisclie  Einzelauf- 
nalimen  antiker  Skulpturen  Nr.  437.  438,  mitgeteilt. 

Für  die  Erlaubnis,  eine  Anzahl  der  wiclitigsten  für  den  gegenwärtigen 
Zweck  in  Betraclit  kommenden  Lichtdrucke  aus  dem  Arndt-Bruckmann- 
schen  Porträtwerk  in  Verkleinerung  zu  wiederholen,  bin  icli  der  Firma 
Bruckmann  und  Hrn.  Dr.  Arndt  zu  Dank  verptliclitet;  Hrn.  Dr.  Arndt  auch 
sonst  für  vielerlei  freundliche  Hilfe.  Mein  Dank  richtet  sich  ferner  an 
Hm.  Baron  Barracco  in  Rom,  an  Hrn.  Dr.  Jacobsen  in  Kopenhagen,  an 
Hm.  Dr.  Oppermann  und  Hrn.  Wilhelm  Tryde  ebendort,  der  die  neuen 
Photographien  des  frülier  Pastoretschen  Kopfes  aufgenommen  liat,  an  Hrn. 
H.  Egger  in  Wien,  Hrn.   E.  Michon   in  Paris   und  Hrn.  Dr.  PoUak   in  Rom. 


a.    Kopf  in  der  Glyptothek  in  Münclien. 

Amdt-Bruckmann,  Griechische  und  römische  Porträts,  Tafel  Nr.  21.22 
(1891).  Brunn,  (Uyptotliek'  S.48,  Nr.  40.  Furtwängler,  Glyptothek  ( 1 900) 
S.  53,  Nr.  50    (Zweite  Auflage  (1910)  S.  56J.     Friederielis -Wolters  Nr.  232. 


Kekul E  VON  Stradonitz 


»Kopf  eines  Kriegers Parisclier  Marmor.     H.  0.54 Frülier 

in    Dodwells    Besitz Die   Arbeit    dieses    Kopfes    eines    spitzbärtigen 

Kriegers  mit  korintliiscliem,  nacli  liinten  zurückgeschobenem  Helme  ist  eclit 
altertümlich    griechisch.      Der   Zeit   nach    steht    er   etwa   den   Figuren   des 

vorderen  äginetischen  Giebels  gleich; 
welcher  Kunstschule  er  angehört,  läßt 
sich  leider  nicht  bestimmen.  Während 
er  in  der  Strenge  und  Sorgfalt  der  for- 
mellen Durclibildung  den  Ägineten  nach- 
stellt, übertrilTt  er  sie  im  Ausdrucke  in- 
dividuellen Lebens  und  gewinnt  durcli 
die  unregelmäßige  Stellung  des  Mundes 
sogar  einen  ganz  porträtartigen  Charakter. 
Die  Augensterne  sclieinen  bemalt  gewesen 
zu  sein.  Das  kurzgeschnittene  Haupthaar 
ist  noch  in  typisch  regelmäßigen  Löck- 
chen  geordnet;  im  Bart  zeigt  sich  bei 
massiger,  aber  richtiger  Anlage  des  Gan- 
zen ein  Bestreben,  zu  einer  naturge- 
mäßeren Beliandlung  der  Oberfläche  zu 
gelangen.  Eine  gewisse  Nachlässigkeit 
"■  in  der  Ausführung  des  auch  in  der  An- 

lage zu  dicken  Halses  dient  zum  Be- 
weise, daß  der  Kopf  nicht  zu  einer  Statue  geliörte,  sondern  ursprünglich 
als  Herme  gearbeitet   war.«  Brunn. 

«Es  scheint,  daß  dieser  Kopf  gleicli  als  Herme  gearbeitet  war;  das 
führt  darauf,  ihn  für  ein  Porträt  zu  halten,  wozu  der  —  allerdings  viel- 
leicht nur  zufällig  —  etwas  schief  stellende  Mund  und  das  auch  sonst  siclit- 
bare  individuelle  Leben  paßt.«  Wolters. 

«l'()rtrnfko[)l' eines  grieehiselien  Feldherrn  aus  der  Zeit  der  Perserkriege. 
1820  aus  (l(>r  Sannnluiig  Dodwell  in  Rom  erworben:  wie  die  übrigen  Stücke 
dieser  in  Kom  gebihleten  Sammlung  stannnt  aueh  dieses  ohne  Zweifel  aus 
Italien.  Der  Marmor  ist  feinkörnig  und  wahrscheinlich  italisch.  Der  Kopf 
ist  stark,  al)er  geschickt  ergänzt,  ganz  in  der  Art  wie  die  Ägineten  und 
nach  (lern  Vorbilde  (lies(M-,  mit  künstlicher  Korrosion  und  Färbung  des 
Marmors.     Es    sind   modern    die  Nase,    der   ganze  vorspringende  Teil    des 


Strateyenköpfe.  7 

Bai-tos,  die  untere  Hälfte  Ix'ider  Oliren  und  fast  der  ganze  Helm;  antik 
sind  an  diesem  nur  die  beiden  Nel)enseiten;  der  ganze  obere  und  hintere 
Teil  sowie  was  vorne  vorsi)rin,i>t,  sind  ergänzt:  die  Form  war  indes  durch 
das  Erhaltene  gegeben.  Audi  das  zwischen  den  Augenlöchern  am  Ober- 
kopfe ersclieinende  Haar  geliört  zu  den  Plrgänzungeu.  Der  Hals  mit  einem 
kleinen  Stücke  der  rechten  Brust  ist  antik:  durch  die  Formgebung  dieser 
Teile  wird  es  wahrscheinlicli,   daß   (hu- Kopf  von   ehier  Hernie   al)gebroclieii 

ist.    Va-  ist  lel)eiisgroß Der  Koj)f  ist  durchaus  nicht,  wie  man  gemeint 

liat,  eine  original  griechische  Arbeit,  sondern  leider  nur  (Miie  rrmiisclie  Kopie 

nach    einem    griechischen    Originale    der    Zeit   der  Perserkriege Fin 

feineres  Eingehen  in  individuelle  /Äige  ist  <ler  Kunst  jener  Zeit  noch  V(")llig 
fremd;  sie  stellt  nur  die  tv])isclieii  allgemeinen  Züge  des  Menschen  dar 
und  von  individuellen  bringt  sie  nur  wenige  bucht  faßliche  Äußerlichkeiten, 
wie  Haar-  und  Barttracht.  Hier  sciieint  indes  auch  in  dem  schräg  ver- 
zogenen Munde  ein  Versuch  indi\  idueller  Bildung  vorzuliegen Daß  der 

Kopf  nur  Kopie  ist.  wird  endlich  auch  dadurch  bestätigt,  daß  neuerdings  in 
Koni  eine  Replik  \h\  zutage  gekonunen  ist.  die  freilicli  von  weniger  gut(M' 
Kopistenarbeit   ist.      .\ucli    eine   dritte    Replik    |r|   läßt  sicli    nachweisen,   an 

welcher  nur  das  (lesicht  völlig  überarbeitet  worden  ist Die  Tatsache 

der  Existenz  mehrerer  Kopien  römischer  Fpoche  beweist  aber,  daß  ein  aus 
irgendeinem  (irunde  berühnit<'s  Original  Norlag.  Schwerlich  wird  die  kiiiist- 
lerische  Eigenart  <les  Kopfes  der  (Jrund  gewesen  sein,  viel  waiirseheinlicher 
war  es  seine  Bedeutung:  es  wird  der  I)ai-gest(>llte  ein  berülimter  !\Iaiin. 
ein    vir    illustris,    gewesen    sein,    dessen    llernienlnld    der    gebildete   Römer 

gerne   aufstellte Wir   haben   es  mit  der  letzten  Stufe  der  archaischen 

Kunst  zu  tun.  Jene  Ähnlichkeit  mit  den  Agineten  geht  aber  durchaus 
niclit  so  weit,  daß  wii-  dieselbe  Sciiule  für  das  Original  annehmen  dürften. 
Es  könnte  dies  sehr  wohl  attisch  gewesen  sein.  Wenn  wii'  aber  nach  einem 
nocli  in  späterer  Zeit  berühmten  Strategen  jener  Fi)oche  suclien.  fällt  uns 
zuallererst  gewiß  Miltiach's  ein.  Fs  ist  in  der  Tat  recht  möglich,  daß  wir 
liier  die  Kopie  eines  ^Miltiades  darstellenden  Werkes  der  Zeit  zwischen  490 
und  480  vor  uns  hai)en.  Miltiades"  Statue  befand  sich  in  der  großen,  vom 
Staate  der  Athener  als  Dank  für  die  Schlacht  von  ^Marathon  nach  Del[)hi 
gestifteten  statuarisclien  (iru[)pe.  Der  Kopf  könnte  auf  diese  zurückgehen: 
doch  mag  es  auch  private  Darstellungen  des  .Alannes  aus  jener  Zeit  gegeben 
liaben. «  Furtwän(u.er. 


8 


K  K  K  U  L  K    VON    S  T  K  A  1)  O  N  I  T  Z  : 


h.  Kopf  in  Rom,  Museo   Barracco. 

Catalogo  del  Museo  di  scultura  antica.  Fondazione  Barracco  (1910), 
S.  26,  Nr.  79.    Vgl.  Furtwängler,  Glyptothek,  S.  55.    [Zweite  Auflage,  S.  57.] 

»Testa  arcaica  di  guorriero  con  elmo  corinzio.  —  Nel  Museo  di  Mo- 
naco se  ne  trova  una  siniile.  —  Ristaurati  il  naso  e  la  punta  della  barba.  — 
A.  0.48.     Marmo  pentelico.«  Barkacco. 

Mir  liegen  durch  die  Güte  der  IUI.  Arndt  und  Barracco  Photogra- 
phien vor.  Danach  ist  der  Kopf  auch  sonst  etwas  beschädigt  und  er  sieht 
verwaschen  und  matt  aus. 


c.   Kopf  in  Villa  Albani  in  Rom. 

Indicazione  antic^uaria  per  la  villa  suburbana  dell"  eccellentissima  casa 
Albani  (1785),  S.  11,  Nr.  38  »erma  di  Amilcare«.  Beschreibung  der  Stadt 
Rom  III,  2,  S.  477.  3IorceIli,  Fea,  Visconti,  Description  de  la  villa  Al- 
bani aujourd'hui  Torlonia  (1870),  S.  7,  Nr.  30.  Furtwängler,  Glyptothek 
S.  54.  55   [Zweite  Auflage  S.  57.  58]. 


Struteyenküpfe.  U 

"Guenier,  liermös  grand  conime  nature,  marbre  de  Luni.  —  Ce  por- 
trait  est  coitVe  du  cas([ue.  La  chevelure,  en  petites  toulVes  rap})elant  les 
chevelures  africaines.  la  tait  prendre  pour  cehii  du  fameux  Amilcar,  et  on 
y  a  mis  ce  nom:  iiiais  il  taut  le  tenir  pour  inconnu  jus([u  ä  ce  (jue  Ion 
ait   ä  ce  sujet  des  donnees  plus  certaines.«  Description  (1870). 

»Die  dritte  Replik  |zu  u  und  h\  mit  gänzlich  überarbeitetem  Gesicht 
ist  in  Villa  Albani  Nr.  30,  ein  alter  Abguß  davon  in  der  Akademie  der 
Künste  zu   München.«  Fi  ktwänulkk. 

Photographien  kenne  ich  durch  die  Güte  des  Hrn.  Dr.  Arndt.  Da- 
nach ist  der  Kopf  in  die  Herme  ein.iiesetzt,  aber  ich  kann  nicht  angel)en. 
wie  weit  er  antik  und  unberührt  ist.  Die  t^berarbeitung  scheint  ebenso 
wie  die  Ergänzung  hauptsächlich  die  ganze  Vorderseite  betroffen  zu  haben. 
Außer  dem  vorderen  Teil  des  Helmes  wird  auch  noch  das  Stück  hinten 
neu  sein.  Die  Nase  ist  ergänzt  und  die  abgebrochene  Spitze  wieder  an- 
gesetzt.    Neu  ist   ein  Teil  des  rechten,  wie  es  scheint,  und  des  linken  Ohrs. 

A.     \\  opf  in    .AIü  neben. 

.\rndt-Briickniaiin  Tafel  417.418.  Brunn,  (dyptl^thek^  S.  2  i  2  f.,  Nr.  157. 
Furtwängler.  (ilyptothek.  S.  307  f..  Nr.  299.  [Zweite  .\iiflage,  S.  326  C. |  Ber- 
noulli  I.   S.  9S  f. 

»Kopf  eines  griechischen  Feldherrn,  von  pentelisehem  Marmor,  lebens- 
groß      Das  llermeiistiick  ist  ergänzt  (mit  diesem  Höhe  0.64I:   neu  sind 

auch    die  Na.se  und   das   vordere   Ende  des   Helmes.      Der  Hals   ist   antik.« 

Fri;rwÄN(;i,r.i;. 

»Die  Züge  des  Münchener  Kopfes  stimmen  mit  den  sicheren  Bild- 
nissen des  I'erikles  überein.  Eine  Abweichung  findet  sich  nur  in  den 
Haaren,  die  hier  nicht  in  kurz  geschnittenen  Lücken  unter  dem  Helme 
hervortreten,  sondern  lang  und  gescheitelt  über  die  ."schlafe  zurückgestrichen 
sind.  Die  .\usfuhrung  ist  aus  später  Zeit.  Die  nackten  Teile  des  (ie- 
sichts  scheinen  allerdings  durch  starkes  Putzen  sehr  üciitten  zu  haben: 
aber  auch  in  der  Hehandhing  des  Haares  fehlt  durchaus  die  Frische  und 
Leichtigkeit  der   Hand.«  Brunn. 

>'F"s  ist  ein  härtincr  .'Mann  in  dei-  Hlütc  der  .laiiri'  mit  dem  zurück- 
Ljeschobencn  koi-iiitliisciieii  Heime  <lari>esicill.  den  die  altisclicn  Slrateii-eii 
im  5.  .bdiriiiindert  zu  trauen  ptlctiteii.  Nur  W(t;cii  dieser  (Ix'i'eiiislinuuung 
Phil.-hist.  Klaxse.    J!)JO.    AU.  IL  2 


10 


K  E  K  U  L  E    VON    S  T  R  A  I)  O  N  I  T  Z  : 


lijit  man  den  Kopf  Periklcs  ,i>on;nint,  wälircnd  er  sonst  von  dessen  Porträt 
total  verscldcden  ist.  Der  Mann  trägt  längeres  Haar,  das  vorn  gescheitelt 
inid  zurückgestrichen,  Idnten  in  Kollc  anfgenoninien  ist.  An  den  Seiten 
des  Helmes  kommt  ein  Itreiter  Lederstreif'  des  Futters  lieraus.  0))en  auf 
dem  Helme  der  Rest  eines  eisernen  Stiftes,  wolil  zur  Anfügung  eines 
leichten    Busches    von    Bronze.      Der    Bart    ist    stark    gelockt    und    in    der 

Mitte  geteilt ;  auch  der  Schnurrhart 
ist  lockig;  er  läßt  die  Lippen  ganz 
frei,  die  voll  und  lel)endig  ge- 
schwungen sind:  der  Mund  er- 
scheint klein  und  sinnlich  scliön; 
die  Umrahnning  des  Bartes  wirkt 
ül)eraus  elegant.  Im  Knde  jeden 
Bartlöckchens  ist  ein  Bohrlocli.  Die 
Stiriie  ist  kna})i).  aber  reich  mo- 
delliert: in  der  Mitte  ist  eine  tlache 
llöldung.  an  den  Seiten  ist  sie 
stark  vorgewölbt.  Die  Augeidider 
liegen  knapj)  am  Anga])fel  an.  Die 
Haartracht  weist  in  die  vorjx'il- 
kleische  K[)oc]ie.  Stilistisch  ist  der 
Kopf  nahe  verwandt  einem  Porträt- 
kopfe  ausgesprochen  myronischen 
Stiles  in  St.  Pet(Tsl)urg.  Auch  der 
Münchner  Kopf  ist  die  Kopie  eines 
attischen  Werkes  der  myronischen 
Kuustriclitung.  und^zwar  der  Zeit  um  460 — 450  v.  Chr.  Da  der  Kopf  in 
röuüscher  Zeit  kopiert  ward,  stellt  er  wahrscheinlich  eine  bekannte  Per- 
sönlichkeit vor.  Man  darf  bei  diesem  schönen  eleganten  ^lainie.  einem 
atlienischen  Feldherrn  jener  Ejxjclie.  wf)]d  als  naheliegende  Mögliclikeit 
an  Khnon  denken,  l^s  ist  gut  überliefert,  daß  dieser  schön  und  groß 
gewesen  und  volles  dichtes  Hauptliaar  getragen  habe:  die  besonders  im 
Peloponnes  heimische  3Iode.  das  hinten  lange  Haar  in  eine  Rolle  aufzu- 
nehmen, die  wir  an  unserem  Kopfe  fanden,  würde  zu  dem  den  Peloponne- 
siern   so   geneigten  Kimon   besonders   passen.« 

FURTWÄXGLEK. 


Strategenköpfe. 


11 


B.    Oberer  Teil  einer  Herme,   im  Vatikan. 

Arndt-Bruckmanii  271.  272  (1896).  Heibig,  Führer'  (1899)  I,  S.  169, 
Nr.273.  Friederichs-Wolters  Nr.482.  Bernoulli  I,  S.  211.  Graef  bei Toepffer, 
Pauly-Wissowa  I,  2,  S.  1532.  Studiiiczka,  Neue  Jahrbücher  III  1900,8.173 
Anm.  3. 

»Neu:  Vorderteil  des  Visiers  (Viscontis  von  Friederichs-Wolters  wieder- 
holte Angabe,  die  Nase  sei  neu,  ist  nach  Heibig  und  nach  meinen  eigenen 
Notizen  falsch).  Geputzt.  Augensterne 
leicht  eingerissen.  An  der  Herme  be- 
finden sich  an  Stelle  der  sonst  üb- 
lichen Armlöcher  runde  Löcher  mit 
Bronzestiften  und  nach  oben  gellendem 
Ablaufe.«  Arndt. 

»Man  hat  in  diesem  Kojife  ein 
Bild  des  Themistokles  erkennen  wollen, 
doch  ist  dies  mehr  wie  unsicher.  Vor 
allem  ist  der  Stil  jünger,  als  wir  ihn 
für  dessen  Zeit  voraussetzen  müssen, 
ja  selbst  jünger  als  Phidias,  wie  ein 
Vergleich  mit  dem  Porträt  des  Perikles 
lehrt.  Aber  ein  Feldherr,  und  zwar 
ein  attischer  Feldherr  etwa  des  vierten 
Jahrhunderts,  scheint  dargestellt  zu 
sein.«  WoLTKRS. 

"Nach  einer  Vermutung  B.Graf.ks 
ist  der  scheine,  behelmte  Kopf  im  \'a- 
tikan,  den  Wolters  bereits  mit  Recht  wegen  seines  jüngeren  Stiles  dem 
Themistokles  abgesprochen  liat,  auf  Alkibiades  zu  beziehen.  Der  Kopf  stellt 
einen  schönen,  jugendlichen  Feldherrn  mit  langem  Haupthaar  dar  und  zeigt 
nach  Grakf  eine  so  große  stilistische  Verwandtschaft  mit  Kephisodot,  daß 
er  ihn  am  liebsten  für  ein  Werk  aus  der  Hand  dieses  Künstlers  halten 
möchte. «  ToEi'i  FEK. 

»Diese    Hennenbüste    kann    nicht T]u>inistokles    darstellen,    da 

ihr  Stil  frühestens  auf  den  Anfang  des  vierten  Jahrhunderts  v.  Ghr.  hin- 
weist und  es  ganz  unglaublich  scheint,  daß  noch  damals  ein  Porträt  des 
großen   athenischen  Staat.smanues  geschalTen   worden  wäre.     Vielmehr  wird 

2* 


B 


12 


Kekui, K  VON  Stradonitz: 


man   sie  auf  eine  einer  späteren  Zeit  angehJh-ige  Pers(>nlichkeit  zu   deuten 

haben Der  Ausdruck  und  die  elegante  Anordnung  des  Haupt-  und 

Barthaares  erinnern  an  die  dandyhafte  Richtung,  welche  bald  nach  dem 
Ende  des  peloponnesischen  Krieges  in  den  vornehmen  athenischen  Kreisen 
maßgebend  wurde,  eine  Richtung,  der  sich  selbst  der  große  Piaton  und 
seine  Schüler  nicht  zu  entziehen  vennochten . «  Helbig. 

» Worauf  Graefs Vermutung,  der  Kopf  stelle  Alkibiades  dar,  be- 
ruht, ist  mir  unbekannt Furtwängler   (Meisterwerke  S.  275   Anm.  2) 

hält  diesen  sowie  den  auf  den  Tafeln  275 — 280  |iii  meiner  Aufzählung  G, 
H,  J]  abgebildeten  Typus  für  Werke  eines  dem  Kresilas  nahestehenden, 
aber  etwas  jüngeren  Künstlers,  als  welchen  er  Demetrios  von  Alopeke  ver- 
mutet. Meines  Erachtens  gehcirt  der  Kopf  noch  in  das  fünl'te  Jahrhundert, 
in  dessen  letzten  Dezennien  sich  die  stilistischen  Analogien  für  Haar-  und 
Augenl)ehandhmg  finden.  Einem  l)estimmten  Künstler  den  Typus  zuzuschrei- 
ben, halte  ich  für  zu  gewagt.   Re[)liken  sind  mir  niclit  bekannt.«      .Vrndt. 

Graefs  Benennung  stimmen  bei  Stidniczka   und  Bernotimj. 


C.    Perikles,  Koi)f  in  Berlin. 

Abgel)ildet  im  Berliner  Winekel- 
maimsprogramm  1 901,  Tafel  1  und  II 
(vgl.  Tafel  III,  I  und  Text  S.  4,  5,  6). 
Besprochen  ebenda:  Kekule,  über 
ein  Bildnis  des  Perikles. 

Der  in  Lesbos  erworbene  Kopf 
ist  aus  pentelischem  Marmor.  Er 
ist  etwas  größer  als  die  Natur;  die 
Gesichtslänge  von  dem  unteren  Ende 
des  Bartes  bis  zum  Haaransatz  unter 
dem  Helm  beträgt  etwas  mehr  als 
20  cm.  Er  war  zum  J^insetzen  be- 
stimmt, wie  der  große,  rundliche, 
nach  unten  sich  verjüngende,  rauli 
gelassene  Zapfen  zeigt.  Die  Vertie- 
fung vorn  in  dem  Bruststück  ist  nicht 
ursprünglich,    sondern  der  Marmor 


Strategenköpfe. 


13 


ist  an  dieser  Stelle  ausgesprungen.  Der  Sprung  hat  auf  der  Vorderseite 
Hals,  Gesicht  und  Helm  verschont;  hinten  erkennt  man  dieselbe  schwache 
Schicht  im  Marmor  an  dem  Riß,  der  von  dem  Helm  in  den  Hals  herabgeht. 
Nase  und  Helm  sind  am  meisten  auf  der  rechten  Seite  des  Kopfes  beschädigt. 
An  der  Rückseite  sind  Helm,  Haar  und  Hals  nicht  genauer  ausgearbeitet. 
Bei  der  Aufstellung  in  Berlin  ist  vorausgesetzt  worden,  daß  er,  wie  die  Ex- 
emplare im  Vatikan  und  in  London,  ursprünglich  der  Teil  einer  Herme  ge- 
wesen sei,   und   er   ist  in  ein  Hermenstück   aus  Gips  einmodelliert  worden. 


D 


14 


K  r  K  IT  L  E    VON    S  T  R  A  D  O  N  I  T  Z  ; 


D.    Perikles,   Inschriftlierme  im  Vatikan. 

Arndt-Bruckmann  413.  414  (1898),  nur  mit  dem  obersten  Teil  des 
Hermenschafts.  Die  Insc-lirift  lautet  TlepiKAHC  iANeInnoY  AeHNAToc.  Es  gibt 
Photographien  mit  einem  größeren  Teil  des  Schaftes,  die  die  Stelle  der 
Inschrift  und  den  Charakter  der  Buchstaben  deutlich  erkennen  lassen.  Ein 
Abguß  mit  dem  obersten,  aber  hinten  weggeschnittenen  Teil  des  Schal'tes  ist 
im  Berliner  Museum,  Inventar  der  Gipsabgüsse  Nr.  2365.  Hell)ig,  Führer  1% 
S.  180  f.   Nr.  288,  BernouUi  I,  S.  108  ff.     Winckelmannsprogramm  1901. 

»Erhalten  ist  die  ganze  Herme,  die  die  Inschrift  .  .  .  trägt.  Der  Schaft 
der  Herme  war  in  der  Mitte  gebrochen;  der  Penis  ist  verschmiert.  Der 
untere  Block  der  Herme  ist  neu;  darüber,  am  unteren  Ende  des  alten,  Si)uren 
von  roter  Farbe.     Der  Kopf  ist  vom  Hals,  die  Gesichtsmaske  vom  Hinter- 


Strategenköpfe.  1 5 

schädel  einmal  gebrochen  gewesen.  Ergänzt  sind:  Nasenspitze,  Vorderteil 
des  Visiers  und  einige  andere  Stücke  des  Helms,  die  linke  Schulter.  Ein- 
zelnes ist  gellickt,   das  Ganze  stark   geputzt.    Bohrerarbeit  in  den  Locken.« 

Akndt. 

E.    Perikles,   Inschriftherme    in   London. 

Arndt-Bruckmann  411.  412  (1898).  Aul"  dem  Ober.stück  die  Inschrift 
TTepiKAHc.  A.  H.  Smith,  A  Catalogue  of  sculpture  (London  1892)  1  S.  288 
Nr.  549.  Friederichs -Wolters  Nr.  481.  BernouUi  I  S.  106  ff.  Winckel- 
mannsprogramm  1 90 1 . 

»Restorations:   Nose,   and  small  parts   of  helmet. «  A.  H.  Smith. 

F.    Kopf,   wohl  als  Perikles  gemeint,  bei  Barracco. 

Arndt-Bruckmann  415.  416  (1898).     Ilelbig  et  Barracco,   La  Collection 
Barracco  Tafel  39.  39a.    BernouUi  1  S.  1 1  7  f  Winckelmannsprogramm  1901 
S.  7.    Catalogo  del  Museo  di  scultura  antica. 
Fondazione  Barracco  (19 10)  S.  27   Nr.  96. 

»Pentelischer  Marmor.  Herme  und  NaU- 
ken  neu  ....  Leider  sehr  schlecht  erhalten. 
Die  Kopie  scheint  geschickt,  aber  nicht  sehr 
getreu  gearbeitet  gewesen  zu  sein;  zur  Re- 
konstruktion des  Originals  dürfte  sie  kaum 
in  Betracht  kommen.«  Arndt. 


G.    Kopf  in   der  Glyptothek 
Ny    Carlsberg   in    Kopenhagen. 

Früher  beim  IMarquis  Pastoret  in  Paris. 
Abbildung  nach  dem  Original  auf  Tafel  1 
und  II.  Arndt-Bruckmann  275.  276  (nach 
einem  Abguß.  1896).  Nach  dem  Original 
ist  die  kleine  photographische  Abbildung-  auf 
Tafel XXXII  in  dem  Bilderwerk  NyCarlsl)erg  y 

(dyptotek    Billedtavler    tit    Kataloget    over 

antike  Kunstwa-rker  1907,   die  auch  l)croits  die  liauptsächlichsten  modernen 
J^rgänzungen    erkennen    ließ,    vor   allem    die   Herme,    in  die   der  Kopf  ein- 


1  ()  K  E  K  U  L  E     V  O  N     8  T  R  A  ])  ü  N  IT  Z  : 

gesetzt  ist.  Jacobsen,  Ny  Carlsberg  Glyj)totek.  Fortegnelse  over  de  antike 
Kunstwjorker  (1907)  S.  157  Nr.  438.  Archäologische  Zeitung  1868  Tafel  i 
S.  I  f.  (Conze).  Friederichs -Wolters  Nr.  484.  Mariani  im  Bullettino  coinu- 
nale  XXX  (1902)  8.7!'. 

»Strateg.  Herme.  M.  —  Nspsen.  det  0verste  af  Fanden  og  af  Hjselmen, 
samt  det  meste  af  Hermestykket  er  fornyet.  Lidt  over  naturlig  St0rrelse. 
Det  characteristiske  Hoved  forestiller  en  Feltherre  fra  den  peloponnesiske 
Krigs  Tid.  Smukt  udf0rt.  Efter  den  tidligere  Eier  kaldes  det  ofte  Pastorets 
Hoved.  —  h.  0,42   fra  Skjfpg  til  Hjelmtop. «  Jacobsen. 

»Wen  dieser  schöne  und  echt  griechische  Kopf  vorstellt,  wissen  wir 
nicht.  Man  hat  ihn  dem  Perikles  zugeschrieben,  dessen  Büsten  aber  keine 
Ähnlichkeit  mit  ihm  haben.  Dem  Stile  nach  scheint  er  allerdings  nicht 
lange  nach  Perikles  entstanden,  und  auch  die  Deutung  als  Bildnis  eines 
Staatsmannes   wird  das   Richtige  treffen.«  Wolters. 


IL    Kopf,   in   Rom,   Anti(|uarium   im   Orto   Botanico. 

Aus  den  Grotten   unter  dem   Quirinal.     Abbildung  auf  Tafel  III.     Bul- 
lettino comunale  XXX  (1902)  Tafel  I.    II.     S.  3  ff.   (Mariani). 

»La  testa,  poco  piü  grande  del  vero, e  in  marmo  greco  di  grana 

sottile  e  sfaldabile,  molto  probabilmente  pentelico;  r  alta  m.  0.50  dalla  cima 
deir  elmo  fino  all"  orlo  del  collo,  intagliato  in  modo  da  essere  inserito  in  una 
statua  o  in  un  erma  o  busto  che  sia.  Dalla  visiera  dell  elmo  alla  estremit<ä 
della  barba  e  alta  m.  0.27.  Rappresenta  uno  stratego  greco,  come  di- 
mostra  1'  elmo  corinzio  tirato  indietro  sul  capo.  E  un  uomo  adulto  di 
circa  40 — 50  anni,  barbato  e  con  folta  chioma:  barba  e  capelli  sono  lanosi, 
scompigliati  e  alquanto  ricciuti.  Nella  fisonomia  sono  notevoli  la  faccia 
hirga,  con  forti  zigomi,  gli  occhi,  senza  indicazione  dell  iride,  grandi  ed 
aperti,  entro  un"  orbita  profonda,  incorniciata  in  alto  d;il  sopracciglio  non 
troppo  folto,  ma  regolare  e  a  spigolo  netto;  11  naso.  che  e  in  gran  parte 
rotto,  doveva  esser  grande  e  largo  alla  base;  grande  e  la  bocca  e  caratte- 
ristico  il  labbro  inferiore  largo  e  spianato:  i  baffi  folti  si  partono  dal  labbro 
superiore,  come  la  barba  dal  volto,  con  un  contorno  netto,  come  se  le 
guancie  fossero  rase  al  conlinc  coUa  barba.  Barba  e  capelli  sono  divisi  in 
ciocche,    solcate    nel  mezzo,   che  al  loro  nascere  si  partono  diritte  e   tese, 


Straleyenköpfe.  1 7 

per  poi  attorcigliarsi  in  riccioli  ben  distiuti,  ma  irregolari.  nei  quali  lo 
scultore  lia  adoperato  qua  e  lä  il  trapano  per  rilovai'e  gli  scuri  piü  pro- 
fondi.  I  capclli  giungono  sul  davanti  delle  oreechie  sino  all"  altezza  della 
bocca,  sulla  iiuca  sono  tirati  innanzi  (juasi  a  confondersi  colla  barba,  ma 
lasciano    interamente    scoperti   gli    oreeclii:    i    baffi    si  uniscono   alla   barba 

mediante   due   lunghi   riccioli   pcndenti  ai  lati  della  bocca Oltre  ai 

guasti  giä  enumerati,  c'  ('■  da  notare  qualche  sclieggia  mancante  nelle  spor- 
genze  dei  riccioli  e  la  visiera  dell'  elino,  le  cui  occliiaie  non  sono  sfondate. 
La  testa  non  poggia  perpendicolare  sul  collo,  ma  e  leggermente  piegata 
verso  destra  e  inclinata,  linea  che  non  corrisponde  esattamente  colla  nor- 
male deir  elmo,  il  che  da  al  ritratto  una  certa  asimmetria,  che  va  d"  ac- 
cordo  col  modo  in  cui  sono  modellate  tutte  le  parti  del  viso  non  aventi 

nulla  di  schematico L  arte  cui  appartiene  un  tale  ritratto  non  scende 

fino  ai  tempi  ellenistici  o  romani 1"  originale,  dal  quäle  e  copiato 

deve  appartenere  alla   prima  metä    del  IV  sec.  a.  C In  tipo 

contemporaneo ('■  effigiato  nella testa  Pastoret,  la  (|uale  somiglia 

molto  alla  nostra  per  essere  il  ritratto  d"  un  uomo  cerlaiucntc  di  casta  non 
molto  eU'vata I  capelli  tuttavia  sono  piü  lunghi  e  nascondono  inte- 
ramente le  oreechie  e  il  dettaglio  delle  ciocche  della  barba  e  altri  tratti 
del  viso  dilTeriscono  in  modo  che  non  si  puö  asserire  con  sicurezza  che 
nei  due  casi  trattisi  d"  una  stessa  persona  in  due  periodi,  non  molto  discosti 
perö,    della   sua  vita.     Identica   r    invece   la   testa    di    Monaco,    proveniente 

dalla    Villa    Albani   [./J Rallegriamoci   duncjue  che  1'  esemplare    teste 

scoperto  ci  faccia  conoscere  innitcr.ita  la  fisonomia  d"  uno  stratego  greco, 
forse  attico,  se  il  inarmo  attico  ö  un  buon  argomento,  il  ((uale  deve  essere 
fra   i   rinomati,  se  del  suo  busto   esisteva   piü   d' una  rii)roduzione.« 

»II  ßernoulli,  a  pro[iosito  della  testn  di  .F'ocioiie-  |P|.  nota  come  tutti 
•  luesti  ritratti  possono  rappresentare  o  Cabria,  o  Ilicrate.  o  Timoteo,  o  altri 
meno  celebri  generali  di  (|uel  tempo.  Per  1"  etä  in  cui  visse.  per  !a  du- 
rata  della  sua  vita,  per  1'  origine  volgare,  pel  cjirattere  pieno  d'energia. 
il  tipo  d'  Ilicrate  parrebbc  meglio  degli  altri  incarnato  nei  ritratto  del  Qui- 
rinale.  Di  Ificrate  viene  ricordata  una  statua  di  bronzo,  posta  all"  ingresso 
del  Partenone,  erettngli  sotto  1"  arcontato  di  Alkisthenes,  nell"  Oliuqiiade 
I02,  I  (372  —  I)  in  memoria  della  distruzionc  da  lui  fatta  dell"  esercito 
Spartano  nei  392  a.  ('.  Nei  372  Ificrate  aveva  47  anni,  1"  etä  che  per  1'  ajipunto 
dimostra  il   ritratto  del  (Jiiirinale.«  Mariani. 

Phil.-hist.  Klause.    19/0.    Ahh.  II.  3 


18 


K  E  K  l!  L  E     ^■  0  N     S  T  R  A  I)  f)  N  I  T  Z  : 


" Silanion,   autore    di    ritratti  di  ricostruzionc   c  studioso  di  re- 

golc  accademich(>.  dovcva  csserc  mciio  rcalista  dcl  suo  piu  vccchio  coiitcm- 
poranco  Dcmctrio,  al  (jualc,  sia  per  1'  ctä.  sia  per  lo  stilc,  sarei  propeiiso 
ad  attribuirc  il  iiostro  ritratto. «  Mariani. 


J.    Kopf  in   MüncJicii. 

Ariidt-Bruckmaiui  277.  278(1896).    Brunn,  ülyptotlick  Nr.  159.    Furt- 
wäii,n'lcr.  Gly[)tot]i('k  S.  311,  Nr.  301  |Z\v('it(>  AiiClaiic  S.  330f.|.    Fricdcriclis- 

Wolters  Nr. 483.  Mariani,  BuUcttino 
comunalc  XXX  (1902),  S.  8  ff. 

"Porträtlicrmc    eines     uriedü- 
sclien  Feldlierrn,   von   [)enteliscliem 

Marmor Der  Hals    und    das 

Oberteil  der  Herme  sind  antik;  es 
sind  nur  die  .i>latten  Vorder-  und 
Seitentlädien  des  llermenstückes 
modern  überarbeitet;  auch  ist  der 
untere  Rand  des  Helmes  hinten  alt; 
allein  die  ganze  ol)ere  Hälfte  des 
Kopfes  von  der  Mitte  der  Nase  nach 
oben,  ferner  die  Nase  selbst,  ein 
großer  Teil  der  ()lierllpj)e  und  meh- 
rere Bart-  und  Haarenden  sind  er- 
gänzt. P]in  \  ollständigeres  Exem- 
plar dieses  Kopfes  befand  sich  in 
Paris  bei  einem  Herrn  Pastoret  |G] 
und  ist  durcli  Abgüsse  bekannt.  Aus 
demselben  erhellt,  daß  die  kurzen  Locken  über  der  Stirne  an  unserem 
Kopfe  uiu-ichtig  ergänzt  sind.  Der  .Alann  liat  weiclies  längeres  Haar,  das 
in  Wellen  von  deii  Seiten  über  die  Ohren  Iierabfällt:  im  Nacken  ist  das 
Haar  al)er  kurz  abgescJniitten  und  gescheitelt.  Der  Bart  legt  sicli  am  Kinn 
eng  an  und  ist  hier  ein  wenig  gescheitelt;  nach  unten  fließt  er  lose  herab. 
Haar  und  Bart  sind  an  dem  Münchener  Kopfe  sehr  sorgfältig  gearbeitet, 
wälirend  das  vollständige  Pastoretsclie  Exemplar  nur  eine  thichtige.  im  Detail 
nachlässige  Kopie   ist.    Die  Lockenenden   sind   aufgerollt  in   der  im   fünften 


Strategenköpfe.  19 

Jalirliundort  übliclieii  Stilisierung.  Die  losen  Zipfel  des  Haares  um  <lie  Ohren 
erscheinen  wie  vom  Winde  erfaßt.  Vermutlicli  stellt  der  Kopf  einen  Spar- 
taner dar.  indem  diese  gern  das  lange  H;iar  trugen,  und  zw;ir  einen  Fehl- 
herrn des  peloponnesisclien  Krieges:  denn  in  diese  Zeit  weist  der  Stil  des 
Koi)t'es.  Man  kann  ctAva  an  Lysander  denken  (vgl.  Plut.,  Lys.  i).  Der  Kopf 
ist  waiirscheiidicli  aucli  cliaraktenstisch  für  die  Kunstrichtung  des  großen 
Portr;itl)ildners   Denietrios.«  Furtwänglek. 

Brunn  und  Wolters  iiatten  den  Kopf  unriclitig,.  statt  mit  dem  Pa- 
storetschcn  Kopf  G.  mit  dem  von  Visconti  einst  als  Themistokles  bezeich- 
neten,  in   meiner   Aufzälduny  B.   verglichen. 

K.    Kopf  im   Besitz  des  Hrn.  Pollak  in   Rom. 

Mir,   durch    die   Güte   des   Besitzers,   durcli   Pliotograpliien    liekannt. 

»Replik  des  von  Mariani  aus  dem  Mayazzino  comuiiah'  pnhlizierten, 
liisher  unhenannten  Strategen  \H\.  Im  ganzen  46  cm  hoch,  pentelischer 
Marmor.  Das  Wasser  hat  die  i>anze  Front  selir  zerstört,  so  daß,  in  Gips, 
das  Vorderteil  des  Helmes  iiis  zum  Ende  des  Nasenscliutzes,  dann  die  Au.^cn, 
Nase   und  Lippen   eri^Whizt  werden   mußti'n.«  Pollak. 

Die  .Vugen  sind  hohl,  und  zwar  ist  dies,  wie  der  Besitzer  ausdrücklieh 
he.stätigt,   ursprünglich. 

L.    Kopf  in   Villa   Alhaiii  in   Rom. 

Arndt-Bruckmaini  279.  280(1896).  Indicazione  antiquaria  (i  785)  S.ii. 
Nr.  34  oder  S.  12.  Nr.  5o(?).  Beschreihung  der  Stadt  Rom  111,  2  S.  477.  Anm. 
Morcelli,  Fea,  Visconti,  Description  ( i  870)  S.  9.  Xr.  40.  Furtwängler,  Meister- 
werke S.  275.   Anm.  2. 

»Portrait  inconnu  d  un  i>;uerrier  harhu,  hernies  en  marliri'  grec.  On 
a  pretendu  (|ue  cet  hermes,  (jui  est  dune  i'xecution  remar([ual)le,  etait  le 
Portrait  d'Ainiil)al,  dont  le  nom  y  l'ut  meme  grave  ä  Tepofjue  du  fondateur 
de  la   Villa.«  Description. 

»Neu:  die  Hernie;  ülter  die  sonstigen  Kryänzunucn  des  Kopfes  hin  ich 
infoltce  der  schon  melirfach  erwähnten  vollständigen  Unzugänglichkeit  der 
Villa  zur  Zeit  nicht  imstande.  Genaueres  anzniichi'n.  Nach  Ausweis  des 
Liclitdruckes  scheinen  nocli  die  Nasenspitze  und  der  ohere  Teil  d(\s  llehnes 
neu   zu  .sein.     In   der   \'illa    'llannihaF   genannt."  Arndt. 

3* 


20 


Iv  K  K  u  I,  i:    ^•  O  N    S  T  li  a  d  o  n  i  t  z 


»Die  drei  letzterwähnten  Köpfe  [G,  I,  L\  liat  als  Wiederholungen  des- 
.sel))en  Typus  Furtwängler  a.  a.  0.  [Meisterwerke  S.  275,  Anm.  2]  zusammen- 
gestellt. Der  ....  Münehner  Kopf  w;ir  frülier  fälselilieli  fiir  eine  Re])lik 
des  vatikaniselien  sog.  Themistokles  \B\  angeselien  worden.  Oh  die  Ver- 
seliiedenheiten,  die  ilni  vom  Pastoretsehen  Kopfe  trennen,  mir  auf  Reehnnng 
des  Ko[)isteii  zu  s(;tzen  sind,  wie  Furtwängler  will,  ist  mir  zweifelhaft. 
So  sind  z.  I).  die  llaarpartien  ül)er  dem  linken  Ohre  in  der  Profilansieht 
der  Köpfe   stark    versehieden,    und    aueli    in   der  Vorderansieht  zeigen   sieh 

heträehtliehe  Al)weicliuiigeii  im  Arrangement 
der  Bartlocken  auf  dem  Kinn.  Der  Alhani- 
selie  Ko])f,  olierfläeldieli  gearheitet  und  stark 
verriehen,  stimmt  in  einer  p]inzellieit,  wie  der 
Locke  seitlieh  von)  rechten  Auge,  mit  dem 
Ko[)fe  Pastoret  ül)ereiii,  von  dem  ihn  al)er 
—  vorausgesetzt,  daß  an  Ix'iden  Köpfen  diese 
Partien  antik  sind  —  die  mangelnde  Angahe 
der  di(>  Stirn  Ix'greiizenden  Ilaare  unter- 
scheidet. Aucli  in  der  Beliandluiig  der  seit- 
lichen Haarpartien  über  den  Olireii  scheint  er 
sieh  mehr  zum  Münclincr  Kopfe  zu  stellen. 
Nach  meinem  Dafürlialten  müssen  wir,  hevor 
wir  nielit  genau  im  einzelnen  ülier  die  Ergän- 
L  Zungen  des  Pariser  und  des  römischen  Ko])fes 

unterrichtet  sind  und  l)evor  wir  ferner  niclit 
klar  erkannt  lialien,  his  zu  welchem  Grade  ein  Original  im  .Vltertum  durch 
Kopist<mhand  verändert  worden  ist,  die  Frage  über  das  Verliältnis  der  drei 
Köpfe  zueinander  als  offne  l)etrachten.  Furtwängler  sclireiht  das  von  ilmi 
für  die  drei  Köpfe  vorausgesetzte  Original  dem  Künstler  des  o1)en  [zu 
Tafel  271.  272]  besprochenen,  stilistisch  älteren  vatikaniselien  Tliemistokles 
|in  meiner  Aufzählung  B\  zu;  er  vernmtet  als  diesen  Künstler  einen  dem 
Kresilas  verwandten,  jüngeren  Genossen,  den  Demetrios  von  Alopeke.  Zeit- 
lich dürfte  er  damit  das  Kiclitige  getroffen  lial)en.  Die  Originale  der  drei 
Köpfe  werden  um  die  Wende  des  fünften  und  vierten  Jalirliunderts  ent- 
standen  sein.«  Arndt. 

Dazugekommen  ist  der  Kopf  im  Orto  Botanico  \H]  und  der  bei 
Dr.  Pollak   \K\. 


Strategenküpfe. 


21 


M.    Kopf  in  Villa   Albaui   in   Rom. 

Arndt-Bruclvmaiin  287.  288  (1896).  Iiidicazioiic  aiiti([uaria  (1785)  S.  i  i, 
Nr.  39  (erma  di  Lcoiiida,  sc  noii  piu  tosto  di  Fcriclc).  Besclircibujig  der 
Stadt  Rom  HI,  2  S.  477.Aiini.  MorccUi,  Fca,  Visconti,  Descri[»tioii  (1870) 
S.  7f.,  Nr.  31. 

»Guorrior,   licrmös  graiid  commc  naturc,   niarl)rc  de  Liiiii.     Noiis  avoiis 
dans   cot  licmies  les  traits  de  quel([ue  ccle1)rc  clief"  de  Tantiquitc,   mais  ricii 
n'autorisc»    ä   y  voir   le    fameux  Leonidas, 
comnie  on  en  eut  l'idce  ä  repo([ue  du  Car- 
dinal All)ani,  ([ui  fit  memc  mettrc  ce  noni 
sur  Uli  cöte  de  lliermes.«        Description. 

»Sog.  Leonidas.  Neu:  die  Herme; 
weitere  P^gäiiziingeii  l)iii  icli  zur  Zeit  iiiclit 
in  der  Laifc  anzugeben.  Nacli  Ausweis  des 
Druckes  scheinen  aucli  größter  Teil  der 
Nase  und  oberer  Teil  des  Helmes  neu. 
Der  i)atlictisclie  Ausdruck  der  Augen  und 
ihre  Bildung  im  einzelnen  sowie  die  Wen- 
dniig  des  KopCes  zur  Seite  erinn<'rii  an 
Werke   der  zweiten   attisclien   Scliule.« 

Arndt. 

Hier  wegen  einer  entfernten  Ver- 
gleichbarkeit mit   G,  II,  J,  K  angefülirt.  .1/ 


ins.    IUI 


Loii  \  re. 


mm:   KojiC  in   P 

Description  des  anti([iics  du  .'\lusee  Royal  coniniencee  par  leii  .M.  le 
Ch'  Vi.sconti,  continnee  par  M.  le  ('"  de  Clarac,  Paris  (1820),  S.  232.  Nr.  594. 
Catalogiie  soniiiiaii-e  des  marbres  anli(|ues  ( i  896),  S.  16,  Nr.  278.  Henioulli  I, 
S.  94.  Furt wängler,  .Meisterwerke,  8.  I  27.  Vi^l.  zu  MM\  Plioiogra|)hien 
venlanke   ii-h   di'r  gefälligen  N'ermittluiig  des    Hrn.  litienne   Michon. 

»Miltlade,  heniies,  inarbre  pentelifpie.  11.  0.568  111.  I  ]).  9  p.  —  ('e 
Portrait  est  cclui  de  Miltlade,  ainsi  qu'on  l'a  pronve  dans  riconogi-apliio 
gi-ec(|ue  pl.  13.  II  faut  remarquer  lo  taureaii  l'iirieux  de  Marathon  sculptc 
sur  la  partie  t\y\  casque  qui  desccnd  sur  le  cou:  cet  embleiiie  fait  allusion 
au  lieu  oü  ce  capltaine  athenien  reniporta  sur  les  Perses  uiie  victoire  ä 
Jamals   niciiioralile.     Vil|la|    Alb|aiii|.'<  Visconti. 


22  Iv  i:  K  U  L  K     V  O  X     S  T  K  A  I)  < )  M  T  Z  : 

«Voici  quelles  sont  les  pnrties  restaurces  du  buste  du  soi-disant  Miltiade. 
Je  crois  que  vous  les  roconnaitrez  facilement  sur  les  reproductions  avec 
les  indications  suivantes:  le  cimier  en  a\  ant  et  un  morceau  du  devant 
du  casque.    une   piece   au   sourcil  droit  (visible  sur  la  vue   de  face),    tout 


MM' 

le  nez,  la  levre  superieure  avec  la  moustache,  presque  toute  la  barbe  en 
avant,  une  meche  de  cheveux  sur  le  cnte,  le  bord  du  couvre-nuque  ä 
droite  (visible  sur  la  vue  de  profil),  diverses  pieces  ä  riiermes  (vue  de 
lace  et  de  profil).«  Michon. 

MM''.    Kopf  in  Rom,  im  Kapitolinischen  31useum. 

Stanza  de'  filosofi  Nr.  68.  Arndt  und  Amelung,  Photograpische  Einzel- 
aufnahmen 437.   438  (1895).     llelbig,  Führer  P,  S.  327,  Nr.  497. 

»P>gänzt  der  vordere  Teil  der  Nase  und  der  Ilals.  —  Die  früher  geläufige 
Deutung  auf  Masinissa,  König  von  Numidien,  ist  unbegründet.  Der  Kopf 
scheint  kein  Porträt  zu  sein,  sondern  einen  im  Kreis  des  Pheidias  geschaffenen 
Idc^altypus,  etwa  des  Ares  oder  eines  Heros,  wiederzugeben.«  Hemjig. 


Sti'ateyenköpfe . 


23 


»Der  Helmschmuck  besteht  aus  zwei  Greifen  (links  weiblich,  rechts 
männlich)  auf  den  Seiten  und  einem  nicht  mehr  erhaltenen  Tiere  in  der 
Mitte;  am  Nackenschutz  stehen  sich  ein  Löwe  und  ein  Stier  gegenüber. 
Über  der  Stirn  ein  Stern.  Furtwängler,  Meisterwerke  S.  122,  englische 
Ausgabe  S.  90  und  Tafel  IV,  woselbst  Abbildung  der  schönen  und  außer- 
ordentlich viel  charaktervolleren  Pariser  Wiederholung  [MM'\.  Die  weitere 
von  Furtwängler  angeführte  Replik  in  Palazzo  Colonna  habe  icli  (1891)  in 
Übereinstimmung  mit  Matz-Duhn  (Nr.  1743)  f"i'  modern  gehalten.  Furt- 
wängler deutet  den  Kopf  auf  einen  Heros,  llelbig  anspiechend  auf  Ares. 
Der  Helmschmuck    wird    in  seiner  Allgemeinheit  in   keiner  Beziehung  zur 


A' 

Persönlichkeit  des   Dargestellten   stehen;    liöchstens  der  Stern,   der  an   der 

Pariser  Replik   wiederzukehren   scheint,   könnte  bedeutungsvoll  sein 

Furtwängler  will  den  Kopf  dem  Phidias  selbst  zuschreiben,  ohne  zwin- 
gende Gründe;  doch  trifft  seine  Datierung  in  die  Mitte  des  5.  Jalirhunderts 
jedenfalls  das  Riclitige.«  Arndt. 


N.     Kopf  in   Madrid,   Königliche   Sammlung. 

llübner.  Die  antiken  Bildwerke  in  ."Madrid  (1862),  S.  112,  Nr.  180. 
In  kleiner  photographisclier  Aufnaiime  auf  einem  Laurentschen  lUatt,  links 
an    der   Seite.      Zwei   größere    Pliotograpliien    bei    Dr.  Arndt    in    München. 

»C.  83  [460;  PeriklesJ  11.  64.  Griecliisciier  Marmor.  Bärtiger  (irieche 
mit   Helm.      Neu    sind   der  Schirm    des   Helms   von    den   Angeiilöcliern   an, 


24 


K  F.  K  i  L  i;   ^■  ()  N   S  r  n  .\  d  o  n  i  r  z  : 


0 


die  Nase  und  das  ganze  Bruststück.  Die  Unterlippe  ist  abgebrochen. 
Auf  dem  Schirm  des  Helms  sind  zwei  Widderköpfe  naeli  den  Resten  der 
Hörner  richtig  ergänzt,  üer  Helm  sitzt  höchst  ungeschickt  auf  dem  dichten 
krausen  Haar.  Die  Benennung  [Perikles]  beruht  wohl  nur  darauf,  daß 
der  Kopf  bärtig  und  behelmt  ist,  denn  außerdem  ist  keine  Spur  von  Ähn- 
lichkeit mit  der  so  bezeichneten  vatikanischen  Büste  vorhanden  .  .  .  .  :  es 
kann  ebensogut  ein  anderer  griechischer  Feldherr  gemeint  sein.  Auch  den 
Miltiades-  und  Themistoklesköpfen  (Visconti,  Tafel  13  und  14)  sieht  der 
Kopf  nicht  ähnlicli.      Die  Arbeit  ist  roh   und  imbedeuteiid. «        Hübner. 


Sirategenköpfe. 


r^v 


ei   /tlo-rt^f 


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Zu   () 


0.    Kopf   in   Hcrliii. 

Willkürlich  auf  einen  Hermenschaft  mit  der  Inschrift  Gemictokahc  ö 
NAYMAxoc  aufgesetzt.  Arndt-Bruckmann  273.  274  (1896).  Beschreil)ung 
der  antiken  Skulpturen  (Berlin  1 89 1 )  S.  1 30,  Nr.  311.  Furtwängler,  Meister- 
werke Tafel  X,  S.  2  75ft". 

Parischer  (?)  Marmor,  während  der  llermenschaft  aus  pcntcliscliem  ist. 
Gesichtshöhe  von  der  Bartspitze  bis  zum  Haaransatz  unter  dem  llelni  0.2  i  m. 
Am  Ko])f  ist  ergänzt  die  Hälfte  der  Nase  und  der  vordere  Teil  des  Ilelm- 
vi.siers.      Das  Gesicht  ist  geputzt. 

Phil.-hist.  Klasse.    lÜlO.    AOL  IL  4 


2(> 


K  i:  K  i  L  K   V  ()  N   S  r  r  a  d  o  n  i  t  z  : 


P 


Der  llcnueiischal't  war  schon  i'nilier  einmal  willkürlicli  mit  einem 
modernen  Kopf  ergänzt  worden.  In  diesem  Zustand  liefand  er  sicli  in  Villa 
Montalto,  und  so  zeigt  ihn  eine  Zeichnung  aus  dem  Nnchlaß  von  Stosch, 
deren  Kenntnis  ich  Hrn.  Prof.  Hermann  Kgger  in  Wien  verdanke.  Danach 
die   umstehende  Abbildung. 

»Das  regelmäßige,  wenig  individuell  durchgebildete  Gesicht  ist  etwns 
zur  Rechten  gewandt.  Das  Haar,  mitten  über  der  Stirn  geteilt,  ist  ausein- 
ander und  wellig  über  die  Ohren  gestrichen:  hinten  lallt  es  langlockig  in  den 
Nacken  heral):  im  I>art  liegt  es  kürzer  in  kleinen  Löckchen.  Den  Kopf  be- 
deckt ein  zurückgeschobener  korinthisclier  Helm.  Der  Dargestellte  wird  etwa 
ein  attischer  Stratege  der  zweiten  Hälfte  des  lunl'tcn  Jahrhunderts  v.  Chr. 
sein:  doch  h;il)('n  wir  keine  Arbeit  dieser  Zeit,  sondern  eine  Kopie  vor  uns. 
Das  Ilanr  ist  meln-Cach  nur  mit  Bohrlöchern  ausgeführt.«  Conze. 


Strategrnköpfe, 


27 


P.     Ko[)f  im    V;itik;iii. 

Willkürlich  auf  die  Statue  des  so,i>enannteii  Phokion  aufgesetzt.  Arndt- 
Bruckmann  281.  282  (1896).  llelbi.r>-,  Führer  I'  S.  2i7f.,  Nr.  339.  Friede- 
richs-Wolters  Nr.  479.  BernouUi 
II,  S.  58. 

»Ergänzt  die  Nase,  der  vor- 
dere Teil  des  I  lelmvisiers  mit  den 
darunter  hervorragenden  Locken, 
der   o))ere  Teil  der  llelniku[)pel.« 

»Er  scheint das  Porträt  eines 

griechischen  Stnitegen  aus  den  er- 
sten Dezennien  des  viertcMi  .lahr- 
hunderts  v.  Chr.  zu  sein.« 

IIelhk;. 


Q.    Kopf  im   Vatikan. 

Arndt -Bruckmann  283.  284 
(1896).  Auielung,  Die  Skulpturen 
desVatikanisclien  Museums  1  ( 1 903), 
S.  661  f.   Nr.  531    T;if.  70. 

»II.  desGanzen  0.70  m,  des  An- 
tiken 0.27  m.    Feinkörni,ii:er  weißer 


Q 


Marmor  mit  schwarzen  Streifen.  Ergänzt:  Helm  bis  auf  den  unt(>rsten  R;ind 
zur  Seite  und  im  Nacken,  N;ise,  Büste  mit  Fuß.  Das  Gesicht  ist  stark 
geputzt.  —  Auf  moderner  Büste,  h'icht  nacli  der  linken  Scludtcr  gewendet, 
der  Kopf  eines  Mannes  in  mittleren  .ialiren,  mit  kurzem  X'ollhart,  dichten, 
an  den  Schläfen  wirr  gelockten  Ilaar<ii,  auf  denen  ein  korinthischer  Helm 
sitzt.  Die  Gesichtszüge  wenig  individuell:  volle,  runde  Wangen:  leicht 
geöffneter  Mund,  stark  vors|)ringen(le  Stirn:  der  Ausdruck  hat  etwas  Müdes. 
Der   mäßig  ausgeführti-    Kopf  ist  eine   Replik   des   besser  gearbeiteten,    der 

(h-m   sogenannten    Phokion    in    der   Sala    ddla    l>iga    aulgesetzt   ist: 

der  Ausdruck  ist  dort  sehr  viel  lebendiger.  Das  Original  war  jedenfalls 
ein   idealisiertes  Strategen port rät  vom  .\nfang  des   4.  .lalirliunderts  v.  (Jlir. « 

Amki.un*;. 


28 


KeKUI,  K     VON     Str  A  I)  ONI'I'Z  : 


li.    Kopi'  in  Berlin. 

Arii(lt-Bruckm?uin  Tafel  289.  290 
( 1 896).  BescJireil)ung  der  antiken 
Skulpturen  (1891)  S.  ißßf.,  Nr.  323. 
1)  Grobkörniger  weißer  Marmor. 
II.  0.675.  Eri>änzt  von  E.  Wolff:  Das 
llermenbruststück  mit  dem  größten 
Teile  des  Ilnlses.  die  ganze  Nase,  ein 
Teil  beider  Ohren  und  das  vordere 
Ende  des  Visiers.  Die  Obertläche  er- 
sclieint,  wohl  durch  Anwendung  von 
Säuren,  stum[)f'.  Erworben  1827  in 
Rom.« 

"Der  Kopf  eines  Mannes  in  rei- 
ferem Alter,  ein  wenig  links  blickend, 
von  sehr  l)estimmt  individuellem  Aus- 
druck.   Ein  volles  Gesicht  mit  kurzem 
li  Haar  und  Vollbart,    der  ganz  natura- 

listisch in  kleinen  Löckchen  liegt.  Der 
Dargestellte  trägt  zurückgeschoben  einen  koriiithisclien  Helm,  an  dessen 
Visier  Widderk()pfe   in  Relief  angebracht  sind,   und  gibt  sich  so  als  Krieger 

zu  erkennen.  Dem  ganzem  Typus  nach  wird 
man  die  Persönlichkeit  etwa  in  der  Zeit  des 
Demosthenes  zu  suchen  iiaben."  Conze. 

S.    Kopf  in  der  Glyptothek 
Ny  Carlsberg  in  Kopenhagen. 

Arndt-Bruckmann  Tafel  285.  286  (1896): 
Jacol>sen,  Ny  Carlsberg  Glyptotek  (1907), 
S.  1 5  7,  Nr.  440.  Bilderheft  dazu  ( 1 907 )  Tafel 
XXXllI,  440.   —  Marmor.      H.  0.31. 

»Kopf  eines  Strategen.  Rom,  ehemals 
beim  Kunsthändler  Scalambrini.  Neu:  die  Nase. 
Uberschmiert.  Auf  dem  Helm  oben  ein  Loch, 
wohl  für  den   Busch.     Widderköpfe   als   Zier 


Strategenköpfe.  29 

der  Helmwangen.  Von  einer  Statue.  Einzelzüge,  wie  der  geschlossene 
Mund  und  die  abwärtsgehenden  Nasenfalten,  verbieten,  den  Kopf  vor  der 
Mitte  des  4.  Jahrhunderts  anzusetzen.«  Arndt. 


Ich  rechtfertige  die  gegebene  Anordnung  und  fiige  p]rläurerungen  bei. 

Den  Münchener  Kopf  a  mit  seinen  Repliken  h  und  c  habe  ich  nicht 
ausgeschlossen,  aber  besonders  beziffert,  weil  ich  nicht  sicher  bin,  ob  er 
wirklich  ein  Bildnis  ist,  wofür  er,  soviel  ich  sehe,  jetzt  allgemein  gilt. 
Ob  er  schon  ursprünglich  Hermenform  hatte,  wie  Brunn  annahm,  und  wo- 
fiir  sich  Furtwängler  zu  entscheiden  scheint,  macht  dafür  niclits  aus.  Denn 
auch  eine  spcätere  Bildnislierme  braucht  nicht  nach  einer  älteren  Herme, 
sondern  konnte  nach  einer  älteren  Bildnisstatue  gearbeitet  sein,  wie  es 
bei  den  Periklesliormen  der  Fall  war.  Nachdem  einmal  die  Hermenform 
fest  ausgebildet  und  üblicli  war,  ist  niciit  abzusehen,  warum  sie  nicht 
früli  auf  Bildnisse  angewendet  worden  sei,  so  sonderbar  es  ist,  daß  dafür 
Insher  ausdrückliche  Zeugnisse  zu  fehlen  scheinen  '.  Aber  sollen  wir  glauben, 
die  uns  in  Hermenform  erhaltenen  Bildnisköpfe,  die  in  ihren  Grundformen 
das  Gepräge  des  5.  Jahrliunderts  an  sich  tragen,  seien  jedesmal  nur  durcli 
Übertragung  aus  der  Statuenibrm  in  die  Hermenform  zu  erklären?  Das 
mag,  wie  fiir  die  Perikleshennen,  so  auch  fiir  andere  zutreffen;  und  wenn 
berühmte  Statuen  vorhanden  und  zugänglich  waren,  so  war  es  selbst- 
verständlich, sich  an  sie  zu  wenden.  Aber  alle  Walirsclieinlichkeit  spricht 
dafiir,  daß  wenigstens  ein  Teil  der  Vorbilder  bereits  in  llermenlbnn  vor- 
lag, und  zwar  nicht  nur  in  den  Mustern,  die  in  den  großen  Kopisten- 
werkstätten vorhanden  waren,  sondern  sclion  deren  Vorbilder,  die  Originale 
selbst,  nach   denen   diese  Muster  hergestellt  wurden".      Bei  den  vielen  An- 

'  Das  Bildnis  des  Perikles  auf  der  Akropolis  war  nicht,  wie  Furtwängler,  Meister- 
werke S.  268 ff.,  und  Micliaelis,  Arx  Athenanini  a  Paiisania  descripta  1901,  S.  12,  92,  an- 
nahmen, eine  Henne,  sondern  eine  Statue.  Siehe  mein  Winckelmann.sprogramm  von  1901, 
.S.  15  ff.  Bei  den  nacli  dem  Sieg  des  Kimon  auf  der  Agora  aufgestellten  Hernien  mit  dem 
Preis  der  Athener  (Kirchhoff  in  Hermes  1871,  S.  48ff. ;  Wachsmuth,  Die  .Stadt  Athen  im 
Altertum  II,  .S.  391  f.;  Judeich,  Topographie  von  Atlien  .S.  69  und  329)  gerät  man  unwillkür- 
lich immer  wieder  auf  die  Frage,  ob  dies  Porträlhermen  gewesen  sein  könnten.  Aber  nach 
dem  Zusammenhang  imd  Wortlaut  hei  Äschines  ist  das  ausgeschlossen.  Vgl.  Stenereen, 
De  historia  variis<iue  generibus  statuaruni  iconicarum  (1877),  S.  8.  9;  Wilamowitz,  Aristo- 
teles und  Athen  I,  S.  155  f.   159. 

"    Vgl.  meine  Bemerkungen   im   Berliner  Winckelmannsju-ogramni  1897,  S.  34. 


BO  Kkkule  von   Stradonitz: 

lassen,  die  die  Herstellung  und  Wiederholung  von  Bildnissen  hervorriefen, 
liegt  der  Gedanke  zu  nahe,  es  sei  nicht  Jedesmal  die  feierlichste  volle 
statuarisclie  Form  gewählt  worden,  sondern  man  habe  sieli  neben  und 
nach  ihr  auch  der  al »kürzenden  Bildnisliermc;  schon  im  5.  Jahrhundert  oft 
bedient. 

Bei  dem  Münchener  Kopf  sclieint  mir  gerade  der  schief  verzogene 
Mund,  der  «ein  Versuch  individueller  Bildung«  sein  soll,  auf  der  Stufe 
der  Kunst,  von  der  der  Kopf  auch  als  Kopie  Zeugnis  gibt,  vielmclir  gegen 
ein  Porträt,  jedenfalls  gegen  ein  ruhiges  Porträt  in  Hermenform,  zu  spreclien. 
V.r  dcMitet  vielmelir  auf  eine  stark  bewegte  augenblickliclie  Darstellung 
etwa  in  der  Art,  wie  der  Gigant  auf  der  Metope  des  Tempels  F  in  Seliinis 
(Benndorf.  Metopen  von  Selinunt,  Tafel  V)  oder  der  Gigant  in  dem 
Megarergiebel  (Olympia,  Ergebnisse  der  Ausgrabungen,  Band  III,  Tafel  IV,  i , 
S.  10),  vielleicht  auf  ein  Motiv  der  Art.  wie  sich  Six  den  Hermolykos, 
Sauer  den   A'olneratus   deficiens   des  Kresilas  dachten. 

Von  den  beiden  von  Furtwängler  beigebrachten  Repliken  weicht  der 
Kopf  bei  Barracco,  h,  in  Einzelheiten  der  Formgebung  ab:  der  Mund  ist 
weniger  schief  gezogen,  der  Schnurrbart  kreisförmiger  gebogen,  der  Unter- 
lippenbart wulstiger  und  wie  der  ganze  Bart  in  der  Einzelzeichnung  un- 
bestimmt, die  ganze  Erscln'inung  matter,  der  Absclduß  unten  am  Hals 
niclit  recht  verständlich.  Das  Original,  das  icli  vor  Jahren  nur  einmal 
flüchtig  gesehen,  möchte  einer  genauen  Untersuchung  und  Prüfung  bedürfen 

Der  Kopf  in  Villa  Albani,  c,  scheint  durch  die;  t'^berarbeitung  so  selir 
gelitten   zu   liaben,   daß  damit  nichts   anzufangen   ist. 

Außer  den  oft  verglichenen  Ägineten,  die  ungefähr  in  die  gleiche 
Epoche  gehören,  aber  nacli  der  Art  der  Kunst  verschieden  sind,  lassen  sich 
zum  Vergleich  noch  benutzen  die  b<'iden  Köpfe  aus  Olympia,  Jlrgebnisse 
Bändln,  Tafel  VI,    S.  agif.   (Treu). 

Der  Müncheiier  Kopf,  ^l,  läßt  eine  ziemlich  gleichmäßig  durcligeflihrte, 
freilich  ]iur  ganz  äußerliclie  Auflockerung  der  strengen  archaisclien  Formen 
seines  Vorbildes  erkennen,  das  doch  schwerlich  ebenso  unbedeutend  und 
reizlos  ausgesehen  lialien  kann.  An  den  Schläfen  gelien  tlie  Haare  seitlich 
rückwärts,  wodurch  Haare  und  Helm  in  ein  Mißverliältnis  geraten,  das  l)ei 
der  steifen  Anordnung  auffällig  wirkt.  Aber  eine  soh-lie  etwas  willkür- 
liche Anordnung  ist  aiicli  lici  weit  hesscr  und  freier  gearbeiteten  Köpfen 
nicht   selten. 


Strateijenköpfr.  ■{  1 

Weit  liölicr  stellt  der  Kojjf  im  A'atikan,  B.  Die  k'iclitc  Hcwcguii.ü;' 
ist  durch  das  erhaltene  Hermenstück  qcsicliert,  die  Arlyeit  soruf'ältiii-  und 
sehr  irescliickt.  Der  Kopf  sieht  vornehm  und  schön  aus,  fast  etwas  nach 
der  Seite  des  Eith'u  oder  Leeren  liin.  Aher  die  eh'iiante  Arbeit  darf  nicht 
ühor  den  strengen  Cliarakter  des  Vorhildes  täuschen.  Auch  liier  liefen 
noch  archaische  Formen  zugrunde,  die  dieses  Mal  nicht  hilflos  und  äußerlich, 
sondern  soliiständig  und  frei  weiternchildet  und  umgeformt  sind.  In  einer 
Einzelheit  verrät  sich  die  archaische  Gewöhnung  l»esond<Ts  deullicli,  in  d(>r 
Form  und  Zeichnunt;-  des  Bärtcheiis  an  der  Unterlippe.,  Lehrreicli  ist  der 
Vergleich  mit  dem  in  Herkulanum  licfundenen  hronzeiien  Dionysoskopf 
(Friederichs-Woltcrs  Nr.  1285),  der  clienfalls  kunsty'cscliichtlich  zu  sjiät 
an,ii:esetzt   zu    werden   ])lle,i;t. 

Das  Bildnis  des  Pei'ikles  lieiit  uns  in  drei  Fassungen  vor,  in  dein  Ber- 
liner Kopf,  C,  und  in  den  insciiriftlich  hezeiclin(>ten  Flennen  im  Vatikan, 
IJ,  und  in  London,  E,  während  di'r  Kopf  hei  Barracco,  F.  wenn  er  auch  her- 
zugehören scheint,  nichts  Icliren  kann.  Da  icli  üher  das  Verhältnis  dieser 
Köpfe  zueinander  ausführlich  gesprochen  lial)c  (im  Berliner  Winckelmanns- 
]iro,i,'rannn  von  1901),  so  brauche  ich  nicht  von  neuem  genauer  darauf  ein- 
zugehi-n.  Ich  lielx-  nur  hervor,  was  für  die  Benrteilnm;-  entscheidend  ist. 
Der  Berliner  Kopf,  C,  ist  als  citjentlicli  i<ünstlcrisc]ie  Leistnm;-  weit  geringer 
als  die  heiden  Ilermenköpfe,  1)  und  K.  Dat;-e!;-cii  yiht  er  durcli  die  unfreie 
und  peinlich  genaue  Nachiiildunii-  aller  ciiizeliicii  Formi'U  die  hestc  An- 
sciiauuni;-  von  der  noch  alterlünilich  streniicii  Stiüsieiuiit;-,  die  wir  hei  dein 
Original,  der  Broiizcstatue  des  Kresiias,  voraussetzen  müssen.  Auch  sieht 
er  am  meisten  lironzemäl.ui,^  ans.  Die  Nachwirkungen  des  altertümlichen 
Stils  sind  auch  bei  der  vatikanischen  Herme,  1),  zu  spüren,  im  einzelmii 
l)esonders  in  den  Auucn.  in  dem  kurziiclockten  Haupthaar  und  dem  llach 
anliegenden  Bart,  auch  in  dem  Hochstellen  der  Ohren.  Der  Charakter  des 
Ganzen  ist  fest,  geschlossen,  männlich  und  kraftvoll.  Hei  der  Londoner 
Herme  ist  das  Bestrchcn  einer  idealisierenden  Auffassung  nicht  zu  verkennen. 
Der  Hildiiaiier  hatte  die  Al)sicht,  die  Forträlzüuc  so  zu  g<'stalten,  daß  sie 
dem  Bilde,  <ias  man  sii-li  \'oii  der  Persönlichkeit  des  Perikles  machte, 
möjj;lichst  ,i>;ereciit  würden.  Kr  wollte  ihn  schön,  liest rickend,  schwungvoll 
darstellen.  F>  hat  deshalb  aus  dem  Vorbild  die  bcwei;te  Haltung  hcibe- 
halten  und  dafür  die  uni;-efü,t;-e  ül)erleituiit;-  in  die  Hermenform  in  den 
Kauf   y-enommen.      Sein    \\'crk    ist  die    t'reieste   nml    inarrnormäßigste    l'bcr- 


32  K  E  K  U  1,  K     %•  ( )  N     S  X'  li  A  I)  ()  N  1  l'  /.  : 

Iniguiiii'  aus  der  Bronzestatuc  des  Krcsilas,  wie  es  unter  den  uns  erlialtenen 
Kopien  die  frülieste,  der  stilistisch  peiidiclie  Berliner  Kopf  die  späteste 
sein   wird. 

Zu  dem  früher  bei  Hrn.  Pastoret  in  Paris,  jetzt  in  Kopenhagen  be- 
findliclien  Kopf  G  (Tafel  I  und  II)  ist  außer  dem  leider  verdorbenen  Kopf  J 
in  Münehen,  dessen  Arbeit  sehr  vorzüglieh  g(;wesen  zu  sein  scheint,  noch 
eine  gute  Wiederholung  in  Rom,  H,  gekommen.  Icli  stelle  den  frülier 
Pasloretsehen  Kopf,  G,  voran,  weil  ich  ihn  im  Abguß  und  in  Photographien 
vor  mir  habe,  während  ich  H  nur  aus  Pliotographien  kenne.  Die  Fonnen- 
gebung  von  G  scheint  einfacher  und  marmormäßiger,  bei  H  schärfer  und 
etwas  ausführlicher,  aber  nicht  besser,  wenn  auch  vielleicht  mehr  einer 
bestimmten  Art  der  Bronzearbeit  entsprecliend.  Alle  wesentlichen  Züge 
scheinen  gleich  oder  fast  gleich,  die  kleinen  Abweichungen  mehr  wie  zu- 
fällig, zum  Teil  auch  durch  den  Zufall  der  Erhaltiuig  hervorgerufen.  Noch 
als  Replik  darf  wohl  gelten  der  nicht  gut  erhaltene  und  nicht  gut  ge- 
arbeitete Kopf  Ä",  obwohl  die  Form  tmd  der  Sitz  des  Helmes  etwas  ver- 
schieden sind.  Die  Augen  sind,  der  vorzugsweise  bei  Bronzen  angewen- 
deten Art  entsprecliend,  hohl.  Im  übrigen  würden  die  freilich  verwasche- 
nen Formen  den  Kopf  eher  zu   G  als  zu   H  stellen. 

Anzuschließen  ist  der  Kopf  L  in  Villa  Albani,  während  es  schwerer 
fällt,  in  dem  rohen  Kopf  M,  ebenfalls  in  A^illa  Albani,  eine  Verwandtschaft 
anzuerkennen.  Genannt  sein  mag  an  dieser  Stelle  noch  der  ebenfalls  rohe 
Kopf  in  Madrid,  N,  weil  er  cnne  Art  t^bergang  zu  dem  erst  nachher  zu 
beliandelnden  Kopf  abgeben  kann,  der  dnn  Hermenschaft  mit  dem  Namen 
des  TJiemistokles  willkürlich  aufgesetzt  worden   ist. 

Als  Conze  den  damals  noch  l)ei  Hrn.  Pastoret  befindlichen  Kopf  in 
die  Literatiu-  einführte,  bemerkte  er,  alle  die  vfni  ihm  zugleich  l)esprochenen 
Köpfe,  in  denen  man  gewiß  mit  Hecht  di(>  Bilder  athenischer  Staats- 
männer gesucht  habe,  seien  f)hne  Zweifel  Bildnisse  von  wenigstens  nicht 
sehr  weit  der  Zeit  nach  auseinander  lebenden  Persöiüichkeiten,  und  zwar, 
ila  einer  als  Bildnis  des  Perikles  l)eglau1)igt  ist.  wahrscheinlich  von  Athenern 
aus  der  Zeit  nach  den  Perserkriegen  und  vor  Alexandei-.  Denn  an  ehie 
frühere  Zeit  lasse  die  Kmistform  nicht  denken,  und  die  Porträts  aus  der 
Zeit  Alexanders  nähmen  schon  wieder  einen  anderen  Charakter  an.  »Wir 
bemerken  in  allen  diesen  Köpfen«  —  so  fährt  er  hiernach  fort  —  »die- 
jenige  Art    von   Familienähnlichkeit,    wie    sie   uns   lieis])ielsweise   aus   IJild- 


Strateyenköpfe.  33 

iiissou  von  Persönlichkeiten  des  Dreißitijährii^-en  Krieges  oder  des  Siecle 
de  Louis  XIV  entgegentritt.  Wie  Zeittnichten  gibt  es  j;i  aueh  Zeitphysio- 
gnomien«. Diese  allgemeine  Ähnlichkeit  könne  also  nicht  berechtigen,  solche 
einander  nur  insoweit  ähnlichen  Köpfe  für  Bildnisse  nun  auch  einer  und 
derselben  Person  zu  erklären,  wie  denn  der  Pastoretsche  Kopf,  trotz  der 
unverkennbaren  A'erschiedenheit  der  beiden  Köpfe  in  Bart  und  Haar  und 
in  der  Gesichtsbildung,  gelegentlich  einmal  als  Perikles  benannt  worden 
sei,  während  er  in  der  ganzen  Anlage  breiter  und  von  weniger  geistigem 
Ausdruck  sei  als  das  Bildnis  des  Perikles.  Aber  in  der  Ausfuhrung  steht 
nach  Conzes  Urteil  der  Pastoretsche  Kopf  bedeutend  höher  als  die  Perikles- 
porträts,  die  schon  nach  den  Buchstabenformen  der  Inschriften  nur  späte 
Kopien  nach  einem  älteren  verlorenen  Original,  vielleicht  dem  des  Kresilas, 
sein  könnten,  während  die  leliensvoUere  Modelliennig  der  Züge  des 
Pastoretschen  Ko[)fes  in  diesem  mehr  Anzeichen  einer  originalen  Arbeit 
erscheiiu'n  lasse.  Freilich,  eine  unvoiikonunenere  Arbeit  neben  einer  voll- 
kommeneren werde  leicht  liir  älter  als  diese  gehalten,  ohne  es  jedoch 
immer  zu  sein.  »Der  Pastoretsche;  Koi)f  muß  uns  aber«  —  so  schließt 
(,'onze  —  »nicht  mu'  aus  solchen  Scheiugrüuden  für  jünger  gelten  als 
das  Original  der  Periklesk(>pfe,  wenn  wir  diesem  aucli  noch  melir  individu- 
elle Lebendigkeit  in  den  Formen  zutrauen  <lürfeii.  als  die  Ko[)icn  sie;  ))e- 
wahrt  lialien.  Di<'  Ilerl>igkeit  und  eine  ;ui  das  Altertümliche  anstreifende 
Knappheit  in  der  Formenbeliandlung  kfMinen  diese  Kopien  nur  \  on  dem 
Originale  haben,  und  dieses  sticht  inuner  sehr  stark  ab  gegen  (ten  weichen, 
nirgends  beschräiditen  Fluß  der  Linien,  nicht  nur  im  Ilaare  am  Pastoret- 
schen Kopfe.  Hierdurch  wird  man  veranlaßt,  den  Pastoretschen  Ko])f 
etwas  später  entstanden  zu  deid<en  als  das  Original  der  PiM-iklesk()])f(S 
und  gesetzt,  daß  der  Pastoretsche  Kopf  mit  seinen  Abzeichen  originaler 
.Arbeit  ein  Bild  nach  dem  Lelien  ist,  so  wird  man  auch  in  der  darge- 
stellten Persrudiclikeit  sellist  einen  etwas  nach  Perikles  leix'udcn  Staats- 
und  Kriegsmann   voraussetzen    müssen.« 

Conzes  Urteil  über  das  Verhältnis  des  Pastoretschen  Ko[ifes  zu  dem 
Bildnis  des  Perikles  bleibt  richtig,  obgleich  er  ihn  insofern  überschätzt 
lial.  als  er  ihn  für  das  Original  sell)st  halten  wollte.  Kr  ist  nur  eine 
sehr  gute  und  charakteristische  Kopie,  der  seitdem  andere  Fxemplare  an 
die  S(nte  getreten  sind.  Der  so  schlecht  erhaltetie,  \<'rdorbene  Münchencr 
Kopf.  .7,  weist  in  den  vorhandenen  antiken  Teilen  sorgfältiger  gearbeitete, 
Phil.-hist.  Klasse.    1910.    Abh.  II.  5 


H4  K  E  K  U  L  E    VON     S  T  R  A  1)  O  N  I  T  Z  : 

besser    vorstüiideiie,    ui'sprüng-liclicrc    Züge    auf    als    der   Pastoretsdic,    wie 
mau  besoudcrs   au   deu   Ilaarou   im   Nacken   deutlich   sieht. 

Die  herbe,  »an  das  Altertümliche  streifende  Knai>pheit  in  der  Formen- 
l)ehandlung«,  die  wir  für  die  Statue  des  Kresilas  voraussetzen  müssen, 
ist  durch  den  inzwischen  hinzugekommenen  Berliner  Perikleskopf  noch 
deutlicher  und  schärfer  hervorgetreten.  Aber  der  so  bestimmt  unterschie- 
dene Charakter  des  Pastoretschen  Kopfes  und  des  Bildnisses  des  Perikles 
möchte  nicht  allein  aus  dem  allgemeinen  Wandel,  den  die  zeitliche  Ent- 
wicklung mit  sich  l)ringt,  sondern  auch  durch  den  besonderen  künstle- 
rischen Sinn,  der  sich  in  ihrem  Gegensatz  offenbart,  zu  verstehen  sein. 
Als  Vorstufe  für  das  Bildnis  des  Perikles  werden  wir  uns  die  Stilentwick- 
lung denken  müssen,  zu  deren  Veranschaulichung  der  freilich  geringe  und 
flaue  Münchener  Kopf  A  dienen  mag,  der  denn  auch  lange  für  Perikles 
gegolten  hat.  Mit  dem  Pastoretschen  Kopf  läßt  sich  die  aus  einer  Statue 
zurechtgeschnittene  Berliner  Büste  (Inv.  Nr.  1502.  Jahrbuch  1903,  Anzeiger 
S.  3  I  f.  Grriechische  Skulptur^  S.  165)  zusammenstellen.  Deren  Zusammen- 
hang mit  dem  sogenannten  »König«  in  der  Münchener  Glyptothek,  in  dem 
ich  einen  Zeus  vermutet  habe,  ist  unverkennbar.  Die  Münchener  Statue 
A^ersuchte  ich  mit  Polyklet  und  polykletischer  Art  zusammenzubringen. 
Wie  der  Berliner  Kopf,  Inv.  Nr.  i  502,  sich  zu  dem  der  Statue  in  der  Glypto- 
thek verhält,  in  demselben  Verhältnis  möchte  der  Pastoretsche  Kopf  zu 
der  für  ihn  vorausgesetzten  Vorstufe  stehen.  Daß  er  gerade  von  einem 
attischen  oder  in  Attika  tätigen  3Ieister  gesehalfen  sei,  ist,  so  vielerlei 
künstlerische  Richtungen  und  Bestrebungen  damals  von  allen  Seiten  her 
in  Athen  zusammentrafen,  gewiß  nicht  zu  erhärten,  wie  es  auch  nicht 
angeht,  die  Hermen  form  ausschließlich  auf  Attika  zu  l)eschränken.  Furt- 
wängler  ist  der  Name  des  Demetrios,  von  dessen  Art  der  Kopf  eine  An- 
schauving  geben  könne,  in  den  Sinn  gekommen,  freilich  indem  er  den 
Künstler  zugleich  als  dem  Kresilas  nahestehend  bezeichnet,  was  sich 
doch  gegenseitig  ausschliel3t.  Vielleicht  gaben  dazu  die  losen  Zipfel  des 
Haares  um  die  Ohren,  die  »wie  vom  Wind  erfaßt«  erscheinen  sollen,  mit 
den  Anlaß.  Die  Schilderung,  die  Lukian  von  der  Statue  des  Pellichos  gibt, 
mag  stark  aufgetragen  und  übertrieben  sein.  Die  ernsthafteren,  zum  Über- 
maß oft  angeführten  Kunsturteile  Ix'i  Quintilian  und  Plinius  »Demetrius 
tanquam  nimis  iu  veritate  reprehemlitur  et  fuit  similitudinis  quam  pul- 
cJiritudinis  amantior«    und   von  Kresilas    »fecit  Olympium  Periclem  dignum 


Strategenköpfe.  35 

cogiiomine,  mirumque  in  liac  arte  est  quod  iiol)iles  viros  nobiliores  f'ecit« 
lehren,  daß  der  Gegensatz  zwischen  Kresilas  und  Demetrios  selir  stark 
empfunden  wurde.  Diesen  Gegensatz  schärfer  und  anscliaulicher  zu  be- 
stimmen, ist  gerade  el)en  von  Winter  versuclit  worden'.  Nicht  als  Kari- 
katur sei  die  Statue  des  PcUichos  zu  denken,  sondern  in  einfacher,  rück- 
sichtsloser Wiederga1)e  der  Wirklichkeit.  »Demetrios  war  ein  Künstler, 
dem  das  ,i;ew(")hnlic]ie  Lclien  interessanter  war  als  das  Lehen  im  Schön- 
heitshilde und  im  idealen  Ahylanz  des  Mythus.  Auf  ihn,  als  Porträtisten, 
hätte  einem  Meister  wie  Kresilas  ,i;ei;enüi)er  dasselbe  Anwendung  finden 
können,  was  von  Euripides  im  Gegensatz  zu  Sophokles  gesagt  worden  ist: 
er  gah   den  Menschen  Avieder,   wie  er  ist,   Kresilas,   wie   er  sein  sollte.« 

Einen  hohen  Grad  von  individueller  und  lebensvoller  Bildnistreue, 
bei  der  oft  auch  die  einzelnen  Zü,i;-('  stark  hervortreten.  Iiat  sclion  die 
archaisclie  Kunst  erreicht.  In  der  Epoche  (h'S  Pcrikles  ist  wenigstens  in 
Attika  die  Stilisierung  ins  Typische  hinein  zum  Sieg  gekt)nnnen.  Das 
Problem  bleibt,  wieweit  die  Wiedergabe  der  Wirklichkeit,  wie  sie  Deme- 
trios verstand,  sicli  in  diesen  allgemeinen  Zui>'  einordnen  läßt  und  in  ilircr 
Besonderheit  für  uns  noch   faßbar  ist. 

Nocli  ist  das  Verhältnis  des  Pastoretschen  Kopfes  zu  dem  vatikani- 
schen Hermenkopf  B  zu  bespreclien.  das  besondere  Schwierigkeit  bietet. 
Die  beiden  Köpfe  sind  in  der  Wirkung  völlig  verschieden.  Kraftvoll. 
U'bendig,  frei  der  Pastoretsche,  vornehm,  glatt,  eng  der  vatikanisclie.  Aber 
eine  allgemeine  weitgehende  Almlichkcit  in  der  (Tesamtanlage,  in  der  Um- 
rahmung des  (iesichts,  in  der  Anordnung  von  Haar  und  Bart,  ist  niclit 
zu  verkennen.  Sie  tritt  am  meisten  hervor  in  der  Ansicht  von  vorn,  wenn 
auch  beim  Pastoretschen  Kopf  die  Haare  breiter  und  län.i>er  herabt;-ehen. 
Stärker  wirkt  die  Versciiiedeniieit  in  den  Profilansicliten.  Am  vatikanisclien 
Kopf  bleiben  <lie  Wangen  freier,  über  Ain\  Ohren  ist  das  Hauptliaar  durch 
einen  Zwischenraum  deutlich  in  zwei  verschiedene  Teile  geschieden,  während 
es  bei  dem  andern  Kopf  in  überaus  üppiiicr  Fülle  überquellend  ein  sehr 
wesentliches  Stück  der  (Charakteristik  ist.  Hierzu  kommt  die  Verschieden- 
heit der  Helme  in  der  Form  und  in  der  Art  des  Aufsitzens.  Bei  dem 
Pastoretschen   Kopf  ist   der  Helm    schräger   aufgestülpt.      Die  Kappe  geht 


'    Griechi-sclie  Kunst,  S.  185,  in  Hand  II  der  Kinleitiinj^  zur  Altertuniswissenscliaft,  lieraus- 
gegeben  von  Gei-cke  und  Norden. 

5* 


36  KeKUI.  K    VON    S  TR  A  I)  ONITZ  : 

tief  nacli  liinten  lierab,  so  daß  nur  ein  schmaler  Rand  als  Nackenschirm 
bleibt.  Form  und  Sitz  des  Helmes  gibt  dem  Ganzen  etwas  Kraftvolles 
und  Kulmes,  wälirend  am  anderen  Kopf  der  steiler  in  die  Hölie  gescliobene 
Helm  sich  Aveniger  ausdrucksvoll  in  die  Gesamtzeichnung  einfügt  und, 
wie  oft  bei  dieser  Art  behelmter  Köpfe,  weniger  Avie  ein  Stück  der  Wapp- 
nung als  wie  ein  Teil  der  Traclit  aussielit.  Die  liochgerückte  Kappe  ist 
vom  ausladenden  Nackenscliirm  durch  einen  hohen,  scliarf  abgesetzten  ein- 
gezogenen Streifen  getrennt.  Es  ist  dieselbe  Grundform,  wie  sie  bei  den 
meisten  behelmten  Köpfen  dieser  Gattung  vorkommt.  Die  Helmform  des 
Pastoretschen  Kopfes  ist  eine  Ausnahme,  und  man  könnte  geneigt  sein, 
auch   darin  etwas  von  landscliaftlicher  Eigenart  zu  suclien. 

Bei  dem  vielen  Gleichartigen,  das  die  beiden  Köpfe  aufweisen,  kann 
man  kaum  anders  denken,  als  daß  dem  Künstler  des  Pastoretschen  Kopfes 
ein  in  wesentliclien  Zügen  mit  dem  Hermenkopf  B  übereinkommendes  älteres 
Werk,  oder  auch  mehrere  dergleiclien,  wold  bekannt  und  geläufig  war, 
und  daß  ihn  dies  in  seiner  Scliöpfung  mitbestimmt  hat,  so  daß  sicli  da- 
durcli  die  enge  Verwandtscliaft  erklärt.  Aber  Avenn  der  Ursprung  der 
ersten  Ausgestaltung  der  beiden  Köpfe  nalie  beieinanderliegen  mag,  in  der 
festeren  Ausprägung  ist  die  Entwicklung  weit  auseinandergegangen.  Bei 
dem  Hermenkopf  B  bleiben  auch  bei  der  Umformung  die  Grundzüge  der 
archaisclien  Strenge  und  Zierliclikeit,  an  deren  Stelle  bei  dem  Pastoret- 
schen Kopf  eine  große  und  sichere  Freilieit  in  der  Gestaltung  und  der 
Formenbehandlung  getreten  ist.  Gegenüber  der  lebensvollen  Kraft  des 
Pastoretschen  Kojafes  nähert  sich  der  vatikanisclie  Hermenkopf  in  seiner 
falsclien  Idealität  vielmelir  der  freilich  viel  besseren  vatikanischen  Perikles- 
herme  und  der  in  London.  Von  demselben  Meister  können  der  Pastoretsche 
Kopf  und  der  Hermenkopf  B,  oder  genauer  gesprochen,  die  Muster,  nach 
denen  sie  hergestellt  w^urden,  oder  deren  entscheidende  Vorbilder  Avirklicli 
nicht  wohl  sein. 

Der  willkürlich  auf  den  Hermenscliaft  mit  der  Inschrift  des  Themisto- 
kles  aufgesetzte  Kopf  0  steht  an  der  Spitze  einer  kleinen  Gruppe,  in  der 
die  älteren  Typen  wohl  fortgebildet,  liauptsächlich  aber  in  der  Wieder- 
holung immer  äußerlicher  und  leerer  geworden  sind.  Einzelne  Züge  ließen 
sich  vielleicht  als  eine  freie  Weiterbildung  des  vatikanischen  Perikles  ver- 
stehen, aber  auch  andere  ältere  Typen  spielen  mit  hinein.  Die  Absicht 
ging  auf  das  Idealistische  und  das  Pathetische,  fast  sclion  in  die  Richtung 


Strategenköpfe.  37 

des  Pasquill  vorausdoutend.  Mit  Kresilas  liat  der  Kopf  nichts  zu  schaffen. 
Das  ist  durcli  das  Berliner  Exemplar  des  Perikles  völlig  klar  geworden. 
Leer  und  unbedeutend  sind  die  beiden  K(">pfe  P  und  Q.  Um  so  er- 
freulicher ist  der  Gegensatz  des  vortrefflichen  Berliner  Kopfes  R,  aus  dem 
der  neue  Geist    des  4.  Jalirhunderts  spricht.     Nahe  verwandt,    al)er  nicht 


lii'iliii   Nr.  1473 

gleich  gut,  im  Vorbild  vielleicht  ein  wenig  älter,    ist  der  jetzt  in  Kopen- 
hagen befindliche  Kopf  S. 

Einmal  habe  ich  die  Reihe  der  K/'ipfe  mit  dem  sogenannten  korinthi- 
schen Helm,  die  wir  uns  gewöhnt  haben,  als  Strategenköpfe  zu  l)ezeichnen, 
unterbrochen  durch  den  Hermenkopf  mit  sog(>nannteni  attischen  Helm  im 
LouA're,  MM',  und  seine  Replik  im  Kapitolinischen  Museum.  MM".  Visconti 
hatte    in    dem    Kopf  Miltiades    zu    finden    gemeint,    (Jonze   führt    ihn  unter 


38  K  i:  K  U  LE    VON    StR  A  IJ  O  NITZ  : 

den  Porträtk()pfen  auf,  Arndt  hat  ihn  sowenig  wie  die  Replik  in  das 
Porträtwerk  aufgenommen,  Furtwängler  einen  Heros,  llelbig  Ares  in  ihm 
gesehen,  und  Furtwängler  mcünte  ein  Werk  des  Phidias  wiederzuerkeimen, 
was  Arndt  mit  Recht  unbegründet  findet.  Warum  soll  der  Kopf  kein  Por- 
trät sein?  Das  Aufgehen  im  Typischen  geht  doch  nicht  weiter  als  bei 
anderen  als  Bildnisse  gemeinten  Kr)pfen  der  gleichen  Epoche,  also  Werken, 
die  der  attisclien  Kunst  in  der  zweiten  Hälfte  des  5.  und  den  ersten  Jahr- 
zehnten des  4.  Jahrhunderts  angehch-en.  Für  dieses  Aufgellen  im  Typischen 
ist  zugleich  mit  den  besproclienen  Bildnissen  der  Parthenonfries  das  große 
Beispiel.  Wie  mächtig  und  lange  nachlialtig  das  Vorbild  der  fuhrenden 
Künstler  nachgewirkt  liat,  lehren  die  attischen  Grabreliefs.  Mit  dem 
Pariser  Hermenkopf  bietet  in  dem  großen  Grabrelief,  Berlin,  Inv.  Nr.  1473 
(Antike  Denkmäler  II  Tafel  36,  Griechische  Skulptur'  S.  182),  das  ich  hier 
abl)ilde,  der  Kopf  des  Mannes  einen  lehrreichen  Vergleich.  Welchen  Rang 
dieser  gewappnete  Iloplit  einnahm,  weiß  icli  nicht  zu  sagen.  Bei  aller 
uns  fremden  lässigen  Freiheit'  kramen  gewisse  feste  Normen  in  den  Ab- 
zeichen und  in  der  Bewaffnung  nicht  gefehlt  haben".  Al)er  die  Bildiiis- 
kunst  hat  sich  doch  nicht  auf  die  attischen  Strategen  im  sogenannten 
korintliischen   Ih'lm  beschränkt. 


'    Boeckh,  Staatsliaushalt  1 3  S.  352. 

^    Haiivette-Besnault,  Les  strateges  Atlieniens  S.  98  f. 


Strateijenköpfe. 


39 


Ul>ilUlS    S.   I  I 


UrNilUis  S.  12 


Anhang. 
Das  Porträt  des  Miltiades  bei  Fulvius  ürsinus  und  Statius. 

Fulviiis  l  r.siniis  in  den  Inianiiics  et  clo^i.-i  \iroiuin  illiisiriuiii,  die  im 
Verhig  von  Lafrcri  1570  ci-scliicnen  sind',  giht  ;iul'S.  ii  und  12  die  lieiden 
vorstehend  verkleinert  wicdergegclienen  IJildnisheiincn.  die  nucli  IJcrnotdli  in 
seiner  Ikonograpliie  I.  S.  93  und  92  ;ni.s  Ii-sItius  wicderliolt  hat.  i)er  Sclial't 
der  einen  Ilernii'  S.  11  enthält  unterlialh  des  Namens  des  Mihiades  ein 
lateinisches  und  darauf  folgend  ein  griechisches  Distichon,  ik'ide  sind  oft 
angeführt.  Das  lateinische,  dessen  Lesung  keine  Schwierigkeit  lüetet.  hat  hei 
ßüeheler,  Antliologia  Latina  11.  S.410.  die  Nr.  885  |(.  1.  l..\'l.  i  330  a|  und  lautet: 

/\. .:    I)„ 1   .11         .    ■     :.    AI 1 :        :„      : 


'ersas    l>ello   uicit  Maratlmnis    in   aruis 
ciuilms   ingratis   et    patria    interiit. 


'  t'ber  Ursinii.s  um!  Statins:  Iliilseii,  Die  llcriiieiuiiscluifteii  berühmter  Griechen  und 
die  ilionograiiiiLsciieii  Saininliingcn  de.s  X\"I.  .laiiihiindeits,  Römische  Mitteihingen  X\'I  (190t), 
8.  i23ff.  Dazu  Michaelis,  Die  Hikhiisse  des  Thukydides  (1877),  .S.  i  ff.,  Rot)eit,  Hermes  XVII 
(1882),  S.  i34ff.,  Stiidiiiczka,  Da.s  Bihlnis  des  Ai'istoteles  (Leipzig  1908),  S.  3ff..  meine  Be- 
nierkiiiigen,  Bildnisse  des  Herodot  (1890),  S.  3iff.,  Bililnisse  des  .Sokratcs  (1908),  .S.  5  ff. — 
Über  I'ighins:  O.  Jahn  in  den  Leipziger  Beiiciiten  1868,  S.  161  ff.,  1869,  S.  i  fV.,  Matz, 
Monatsliericiite  der  Berliner  .\kademie  1871,  8.  445ff.,  Naclirichten  der  Göttinger  Gesell- 
schaft der  Wissenschaften    1872,  8.  45  ff. 


40 


K  E  K  U  1>  E     VON     S  T  1!  A  J)  O  N  1  T  Z 


das  griechische  l)ei  Kaibel,  Inscriptiones  Graecae  Italiae  et  Siciliae  S.  314, 
Nr.  1185 

rTÄNTeC     MlATlÄAH     TÄa'    APAiA     ePTA    tCACIN 
n^PCAl     KAI    MAPAeUN    CHC    APeTHC    TeweNoc, 


wobei  Kail)el  das  A,  das  die  Abbildungen  aufweisen  und  die  ersten  Ab- 
schreilier  angeben,  in  A  korrigiert  hat,  während  Büclieler  die  Fassung  tA  c' 
vorzielit. 

Von  dem  Kopf  der  ersten  Henne  ist  der  der  zweiten  auf  S.  1  2  völlig 
verschieden.  Auf  dem  Schaft  steht  nur  Miatiäahc  Kimunoc  ÄeHNAToc  (Kaibel 
Nr.  1186). 

In  den  ein  Jahr  vor  den  Imagines  et  elogia  des  Ursinus  bei  dem- 
selben Verleger  Lafreri  mit  der  Vorrede  vmd  den  Unterschriften  des  Achilles 

Statins  herausgegebenen  Inlustrium  virorum  vidtus 
ist  die  zweite  3Iiltiadeslierme  des  Ursinus  auf  Tafel  II 
al)gebildet  mit  dersell)en  Benennung,  nur  mit  kleinen 
Verschiedenheiten  der  Zeichen  am  Schluß  der  ersten, 
zweiten  und  dritten  Zeile.  Aber  der  Ilermenschaft 
geht  länger  herab,  und  dann  folgen  die  beiden  Di- 
stichen, die  bei  Ursinus  auf  der  anderen  Henne  S.  1 1 
stehen,  und  noch  obendrein  folgen  sie  nicht  in  der 
Anordnung  wie  bei  Ursinus,  zuerst  das  lateinische 
und  dann  das  griechische,  sondern  diesmal  zuerst 
das  griechische,  dann  das  lateinische.  Hier  ist  mit 
einem  Versehen  des  Stechers  in  einem  der  beiden 
Stiche  nicht  auszukommen,  sondern  es  handelt  sich 
um  bare  Willkür,  und  zwar  ist,  wie  sich  ergeben 
wird,  die  Willkür  in  der  Zusammenkoppelung  der 
Inscliriften  auf  selten  der  Tafel  des  Statins,  wäh- 
rend sie  im  übrigen  auf  beiden  Seiten,  auch  bei 
Ursinus,  nicht  fehlt.  Nicht  in  Betracht  kommt 
für  das  Verhältnis  der  beiden  Hermen  und  ihrer  Inschriften  zueinander 
die  Abbildung  92  in  des  Gallaeus  Illustrium  imagines  (Antwerpen  1598). 
Denn  sie  gibt,  nur  verkleinert  imd  im  Gegensinne,  den  Stich  aus  Ursinus 
S.  1 1  wieder.  Nur  hat  es  sich  Gallaeus  erlassen,  die  beiden  Distichen 
zu   wiederholen.      Kr  begnügt   sich  mit  dem  Namen  miatiaahc.     Auch  aus 


MIATIAAIH\A 
KIMaNDEl 

abhnaid:^! 


Statins  'l'af.  II 


Strategenköpfe.  41 

seiner  Unterschrift  Apud  Fulvium  Ursinum  ex  marmore  ist  nichts  zu 
lernen.  Denn  sie  bedeutet  nicht  etwa,  die  Herme  sei  bei  ITrsinus  ge- 
wesen, sondern  nur,  daß  Ursinus  si(^  als  Herme  aus  Marmor  gekannt  hat. 
Im  Verzeichnis  der  Nomina  virorum  illustrium  S.  io8  gibt  er  fiir  den 
Miltiades  S.  i  i  an:  apud  Hippol.  Card.  Estensem,  für  den  S.  i  2 :  apud  Fer- 
dinandum  Cardin.  Medic.  Unter  der  Tafel  des  Statius,  die  die  Inschrift 
mit  dem  Namen  und  die  mit  den  Distichen  vereinigt,  steht:  In  hortis 
Cardinalis  de  Medicis  prope  villam  Julij  III.  Pont.  Max.  Die  Herme  mit 
den  Distichen  ist,  wie  ausdrücklich  bezeugt  ist,  aiif  dvm  Caelius  gefunden. 
Die  mit  A'Iiatiaahc   KImunoc  AeHNAToc  stammt  aus  Tivoli. 

Ich  bes])reehe  zunächst  diese  (Hülsen,  Köm.  Mitt.  1901,  S.  167,  Nr.  30) 
und  beginne  dabei  mit  den  Nachrichten  des   Pighius. 

Die  Herme  gehört  zu  einer  Reihe  von  Hermen,  die  Stephanus  Vinan- 
dus  Pighius  nach  seinen  Angaben  dort  zuerst  bemerkt  und  bekanntge- 
macht haben  will.  Indem  1587  erschieneneu  Hercules  Prodicius  berichtet 
er  S.  539  über  den  Besuch,  den  er  mit  dem  Prinzen  Karl  von  Kleve  auf 
dessen  italienischer  Reise  1574/75  den  Trümmern  der  Hadriansvilla  bei 
Tivoli  abgestattet  habe,  und  fährt,  nachdem  er  die  Besciireibung  der  Villa 
durcli  Spartianus  angeführt  hat,  fort(S.  540):  y<YX  liaec  ([uidem  loca  propriis 
et  aptis  suis  ornamentis,  ex  quibus  cognosci  possent,  instructa  quin  fuerint, 
non  est  quod  dubitemus :  nimirum  signis,  picturis,  et  emblematibus,  atque 
etiam  statuis  et  hermis  illustrium  homiimm,  (jui  vcl  praeclaris  gestis  vel 
scriptis  illa  loca  quondam  celebrarunt;  ((uae  cuncta  bellorum  clades,  bar- 
barorum ac  temporum  iniuriae  dissiparunt  ati[ue  perdiderunt.  Equidem  me- 
mini,  cum  olim  iuvenis  agrum  Tiburtinum  haecce  indagandi  studio  percitus 
saepe  percurrerem,  atque  etiam  diligenter  perscrutarer,  nie  non  pauca 
repperisse  similium  ornamcntorum  ex  eins  villae  ruinis  extractorum  prae- 
clara  monimenta,  me  quoque  tum  c  latebris  protulisse  hermarum  truncos 
plures  e  villae  dictae  locis  a  Spartiaiio  nominntis  (ut  certo  colligimus) 
sul)latos  et  in  aedificia  vicina  translatos;  in  ([uibus  legehantur  adimc  illu- 
strium Graecorum  nomina,  quorum  vultus  expressenmt,  cliaracteribus  Graceis 
insculpta:  scilicet  Themistoclis,  Miltindis,  Isocratis,  Heracliti,  Cai-neadis, 
Aristogitonis,  et  aliorum:  quos  truncos  indicio  meo  non  diu  post  Julius 
tertius  Pontifex  Max.  coUigi  transvehi(iue  Romnm  curavit,  ad  exornaiidos 
hortos  suos,  quos  ad  Fianiiniani  vi.-un  cltra  pontem  Mul\  ium  niagnis  im- 
pensis  tunc  excolebat,  a  Maecenate  meo  Marcello  Ccrvino  Cardinnle  S.  Crucis 
Phil.-hist.  Klasse.    1910.    Abh.  II.  6 


42  K  K  K  U  L  K    XON    S  T  R  A  D  O  M  T  Z  : 

ecrtior  de  his  f;ictus,  cui  ego  horiini  nrgumenta  quaedam  peima  deliiiiaram.« 
Diese  Entdeckuni^-  der  llenncu  muß  in  die  Zeit  ^•on  Pighius"  erstem  rö- 
misclieu  Aufenthalt  fallen;  2 7 jährig  war  er  1547  lüngekonnnen  und  ist 
nach  dem  Tode  MarceUus'  II.  1555  nach  Brüssel  übergesiedelt  (Jahn,  Leip- 
ziger Berichte    1868,   8.16311".). 

Dieselben  Hermen  erwähnt  Pighius  aucli  schon  in  seiner  1568  er- 
schienenen Themis  Dea.  8.95  läßt  er  3Iorillonus  l)ei  Besprechung  einer 
S.  23  abgebildeten  und  als  Themis  erklärten  Herme,  deren  Untersuchung 
zu  vielen  Abschweifungen  Anlaß  gibt,  folgendes  ausfüliren:  »Qua  propter 
(ut  ad  Terminmn  nostrvnn  redeamus)  honoratissimae  apud  Atlienienses 
olim  alios(|ue  (liraecos  fuerunt  statuae  illae  terminales:  effigiem  tantum 
capitc,  sine  manil)us,  sine  pedibus,  et  Innnanam  altitudinem  recta  qua- 
drangula  colunuia  al)  humeris  deorsum  exprimentes:  ut  ([uae  mentis  in- 
genii(;[ue  vim  (piandam  divinam  significent,  cui  nee  manil)us'  nee  pedibus 
est  opus,  ut  (juod  facere  destinarit,  efficiat.  Nee  minus  lirniam  ae  con- 
stantem  designat  iustitiam  recta  (>t  aequalis  ilhi  forma  (piadrata,  propor- 
tionem  undi(jue  iuslam  et  immotani  sta1)ilitatem  retinens.  Quare  nee  his 
statuis  donabantur  nisi  herocs  virtutis  ergo,  nemjye  ingenio.  ])ni(lentia, 
doctrina,  rebusve  praeclare  gestis  conspicui,  quonun  vita  ad  legis  divinae 
A'el  virtutis  reguhnn  prol)e  facta  (>rat,  (pios  Plato  passim  sapientes  ac  divincs 
ajjpellat,  Ilomerus  A'ero  eeoeiKdAOYC,  kai  eeoeiAeTc.  Inter  (pios  etiam  refe- 
rendos  censet  a])ud  Tullium  Africanus,  cpii  ])raestantibus  ingeniis  in  vita 
liumana  dlvina  studia  colunt.  IIK'  demio  Cardinalis:  Profecto  verum  dicis, 
mi  Morillone:  plui'es  (>nim  eins  generis  statuas  et  illustriuin  ducum,  et 
doctorum  hominum  adlnie  videnuis,  quas  partim  e  (iraecia  allatas.  partim 
ad  imitationem  (iraecarum  factas  arbitror.  Multae  enim  nomina  sua  pec- 
tori  inscrlpta  ])rae  se  ferunl,  ut  Miltiadis,  Socratis,  Piatonis,  Tlieophrasti, 
P.  A'alerii  Poblicolae,  aliorunniue.  Reperitur  et  Numae  Ponq)ilü  effigies 
terminaH  forma  in  denariis  argenteis,  cpii  Numa  Terminum  Dcuni  Romae 
primus  consecravit.  TOI  ego,  Cardinalis  verl)a  comprobans:  Rede,  inquam: 
vidi  enim  denarium  illum  his  diebus  apud  humanissimum  eruditissimumque 
virum  Acliillem  Massaeum,  ([ui  cusus  a  M.  Varrone  fuerat,  cum  legatus 
esset  procpiaestore  Cn.  Pompeii  Magni  1)ello  Piratico  et  31ithridatico.  C'eterum 
plurimas  eins  generis  statuas  e  (iraf'cia  in  villam  suam  Ti))iu'tinam  transtulisse 
Iladriaiiuiii  bnperatorem  colligo  ex  fragmentis.  (juae  miper  iljidem  vidi  cum 
titnlis   adluic   suis,   utpote  Thcniistoclis,   Cimonis.   Alcil)ia(lis.  Ileracliti,  An- 


Strategenköpfe. 


43 


-■7:- 4 


i  M1\TIAAHS 
KlMQNnS 
ABHNA.inS 


& 


docidis,  Isocratis,  Aeschinis,  Aristotelis,  (jirncadis,  Aristogitonis,  et  Aristo- 
phanis.  Sed  capita  (quod  dolendum)  feir  oninia  teniporis  iniuria  perierunt: 
Titiili  (iraoci  quadratis  littoris  eleyaiitissime  iiiscvdpti  permanent.«  Daran 
anschließend  ergeht  sieli  dann  ^lorillonus  ausf'ülirlieh  ül)er  die  symbolische 
Bedeutung  des  (;e1)rauchs  von  litterae  quadratae.  DalS  in  di(\ser  Aufzählung 
der  Ilcrmeninschrif'ten  nur  versehentlich  Cimon  statt  ^liltiades  genaiuit 
ist  —  der  Name  des  Kimon  kam  als  Vatername  in  der  Inschrift  der 
3Iiltiadesherme  vor  — .  liat  sclion  Michaelis.  Die  Bildnisse  des  Thukydides 
•S.  i6,  24,  bemerkt.  Denn  die  kopflose  Herme  mit 
der  Bezeiclmung  Kimun  Miatiaaoy  ÄeHNAToc  liei  l'r- 
sinus  S.  14  (mit  (Jewandstück)  und  l)ei  (Jallacus  46 
(olme  (iewandstück)  i.st  gefälscht  (liüisen.  K'öm.  Mit- 
teil. 1901.  S.  190,  Nr.  90*),  und  sie  fehlt  untei'  den 
Zeichnungen    des   Codex   Pighianus. 

An  der  einen  Stelle,  in  der  'I'hemis  dea,  sayi 
Pighiiis,  die  Köpfe  seien  »fere  onnüa«  verloren,  an 
der  anderen,  im  Hercules  Prodicius,  nennt  er  die 
Hermen  überliaupt  nur  »truncos«.  An  dieser  Stelle 
spricht  er  auch  von  Zeiclinungen  dieser  Hermen  :  diese 
Zeiclmungeii  oder  zweite  Exemi)lare  davon  sind  er- 
lialten  im  Berliner  Codex  Pigliianns  fol.  142.  142'. 
143,  und  zwar  tragen  sie  genau  die  Inscliriflen,  die 
in  der  Tliemis  dea  aufuczähll  werden,  und  diese  voll- 
zählig: die  Abbihlungen  aber  sind  sämtlich  ohne 
Köpfe,  wie  die  hier  verkleinert  wiederholte  der  Mil- 
tiadesherme  von  fol.  142.  Also  ist  das  »fere  omnia« 
in  der  angeführten  Stelle  der  Themis  dea  wohl  nur  als  Redewendung  auf- 
zufassen, nicht  etwa  daraus  zu  folgi'rn,  daß  einzelne  der  Hennen  noch  Köpfe 
gehabt  liätten.  So  hat  aucli  Hülsen,  Rom.  Mitteil.  1901,  S.  128  den  Sacli- 
verhalt  aufgefaßt:  er  nimmt  an,  daß  bei  der  dekorativen  Verwendung  der 
Hermen  in  der  ^'ilia  di  Papa  (üulio  ihnen  sofort  beliebige  Köpfe  aufgesetzt 
worden  seien.  Irsinus  gibt  dieselben  Hermen  ohne  Köpfe  mit  Ausnalime 
eben  des  Miltiades  S.  i  2  und  des  .\scliines  S.  79.  Ob  diese  beiden  Köpfe 
den  Hermen  wirklich  aufgesetzt  waren  und  vom  Zeichner  des  Ursinus  da- 
nach kopiert  sind,  oder  ob  sie  Zutat  des  Zeichners  selbst,  also  Buch- 
fälschung,  sind,  läßt  sich  nicht   bestimmt  entscheiden.    Aber  man  wird  der 


J 


Cod.  Pi-li.  fol.  142' 


44 


K  E  K  U  L  i:    VON    S  T  R  A  I)  O  N  I  T  Z  : 


Aniialnne  der  Buchfälscliiing'  zuneigen,  wenn  man  sieht,  daß  derselbe  Kopf 
bei  Statins  auf  Tafel  YIII  und  IX  ancli  den  Hermen  mit  den  Namen  des 
Herakleitos  und  des  Aristoplianes  aufgesetzt  ist,  die  bei  Ursinus  S.  63 
inid  29  olnift  Kopf  gegeben  sind,  und  zwar  erstere  mit  einer  bei  Ursinus 
S.  109  neben  anderen  nacligetragenen  l^ericlitigung  der  Anordnung  der  In- 
scJirift  »ad  vetustorum  lapidum  fideui«,  wodurcli  die  Inschrift  als  dreizeilig 
gesicliert  wird,  wie  sie  aucli  Statius  gibt. 

Nacli   dem  allem   ist  zweifellos,   daß   der  in  Tivoli  gefundene  Hermen- 
schaft  mit   der  Inschrift  /^iatiaahc   KImunoc  AeHNAToc  olme  Kopf  war,    und 


HPAKAElTnS 
BAT20ND2 
E4^E21D2 


Statins  Taf.  VIII 


Statius  Taf.  IX 


wenn  er  später  mit  einem  Kopf  versehen  worden  sein  sollte  —  was  niclit 
walirscheinlicli  ist  — ,  dieser  Kopf  scliwerlich  antik,  keinesfalls  aber  zu- 
gehörig   gewesen    ist    und    tiir   uns    nur   als    Buclifälschung    gelten    kann. 

Ich  wende  micli  ztir  Bespreclnuig  der  auf  dem  CaeUus  gefundenen 
Herme.  Die  Nachrichten  über  den  Fund  stellen  bei  Kaibel  und  Hülsen, 
Rom.  Mitt.  1901,  S.  167,  Nr.  31,  und  besagen  in  der  Hauptsache  »In  monte 
Caelio  statua  terminalis  nuper  eruta,  (d.  X.  Febr.  1553)  Masius  in  epistula 
ad  Octavium  Pantagatluim  inter  scliedas  Manutii«.  »In  monte  Caelio  in 
vinea  Strozae,  Metellus  Yat.  6038  f  95,  6040  f  8«.  Die  Angaben  des  Ligorio 
sind  bei  Hülsen  abgedruckt. 

Faber  im  Commentar  zu  (iallaeus  (Hlustriiun  imagines  ex  antiquis 
marmoribus,  nomismatibus  et  gennnis  expressae,  quae  extant  Romae  maior 


Strategenköpfc.  45 

pars  apud  Fulvium  Ui-siiium.  Editio  altera  ali(|uo(  imaginibus  et  lohannis 
Fabri  ad  singulas  conimcntario  auctior  et  ilhistrior.  Tlieodorus  (iallaeus 
delineabat  Romae  ex  arclietypis,  incidebar  Antverpiae  MDXCIIX,  Antverpiae 
ex  officina  Plantiniana  MDCVI)  nennt  zu  Tafel  92  in  erster  Linie  nicht 
die  daselbst  aus  Ursinus  wiederliolte  Herme  vom  (Jaelius,  sondern  die  Herme 
aus  Tivoli  und  fährt  erst  dann  fort:  Alius  autem  Hermes  cum  disticho 
Graeco  et  hatino,  olim  in  monte  Caelio  rep<Ttus  fuit:  ubi  in  villa  (|ua(lam 
inter  multos  alios  Hermas  positus  erat:  ut  ex  fragmcnto  eins  Herniae,  (|ui 
simul  est  repertus,  apparet.  Is  Persei  fuit:  et  in  eo,  praeter  disticlion 
Graecum  et  Latinum,  haec  est  inscriptio  nEPZEYZ  typannoy.  Sic  enim 
nominatur  luppiter,  ut  rex  Deorum.  Ex  eins  Hermae  versibus,  etsi  vetustate 
litteri.s  corrosis  et  evanescentibus,  tabula  oriiiinis  Persei  collisitur  ex 
Danae  et  love  in  aurum  converso.  Res  gestae  Miltiadis  adeo  copios(>  ab 
Herodoto,  aliiscpu;  auctoribus  describuutur,  ut  minime  necesse  sit  easdem 
hie  commemorare.  Porro  versus  (iraeci  et  Latini,  ([ui  lenuiitur  in  illo 
Herma,  sunt  lii,  und  es  folgen  dann  die  beiden  Disticlien,  erst  das  latei- 
nisclie,  dann  das  griechische. 

Die  Inschrift  hepseys  typannoy  setzt  Kaibel  S.VIIl,  Nr.  238a*  unter 
die  falschen,  und  ich  weiß  nichts  mit  ihr  anzufangen.  Es  klingt  sonder- 
bar, daß  auch  hier  auf  einem  Hermenbruehstück  griechische  und  lateini- 
sche Verse  gestanden  haben  sollen  und  bei  aller  Unleserlichkeit  noch  eine 
Hinweisung  auf  den  mythischen  Perseus  verständlich  gewesen  sei.  Es 
muß  wohl  ein  Mißverständnis  oder  eine  Verwechslung  oder  beides  zugleicli 
in  die  Nachricht  hereingeraten  sein,  und  man  kommt  fast  auf  den  (ie- 
danken,  die  treuere  Übersetzung  des  auf  der  Miltiadesherme  vorhandenen 
griechischen  Distichons  von  Gambara,  die  Ursinus  S.  10  mitteilt,  könne  zu 
der  Verwirrung  beigetragen  haben.      Sie  lautet: 

Miltiade,   norunt  omnes  tua  facta   sciuntque 
Virtutem  Persae  cum  Marathone  tuam. 

Weim  wir  überhaupt  etwas  aus  der  Nachricht  bei  Faber  schließen 
dürfen,  so  kann  es  nur  sein,  daß  auf  dem  Caelius  zugleich  mit  der  3Iiltia(les- 
herme  noch  ein  anderes  Bruclistück  einer  Inschriftherme  gefunden  worden 
sein  soll.  Denn  daß  sie  »inter  multos  alios«  gestanden  habe,  ist  bereits  ein 
Schluß  von  Faber  aus  dem  zweiten  Hermenbruchstück,  und  des  Fundes  hat 
sich  bereits  Ligorio  (Hülsen,  Rom.  31itteil.  1901.  S.  167,  Nr.  31)  angenommen. 


46 


K  !■:  K  U  L  K    \  ON    S  T  K  A  I)  ()  N  I  T  Z  : 


Für  die  auf  dem  Caclius  gefundene  Herme  des  Miltiades  ist  wiederum 

auf  Pigliius  zurückzugehen. 

Auf  demselben  Blatt  wie  die  kopflosen  Hermen  des  Andokides,  Alki- 

biades,  Aristoplianes,  Codex  Pigliianus  fol.  143.  bildet  er  auch  eine  Herme 

mit  bärtigem  Kopf  ab  und  mit  derselben  In- 
schrift, wie  sie  die  Herme  bei  Ursinus  S.  i  i 
zeigt.  Die  Schriftart  ist  dieselbe,  die  Angabe 
des  Namens  ohne  Vaternamen  und  Heimat- 
bezeichnung ist  dieseH)e,  die  Reihenfolge  der 
Distichen  ist  dieselbe.  Also  muß  dasselbe  Stück 
gemeint  sein.    Aber  das  Aussehen  des  Ganzen 


ist   ganz    verschieden.      Daß    bei   Ursinus    die 
Hernie  in  der  Art,  wie  es  nicht  immer,  aber  oft 


QVt  MMM  »ILVO  VI 
T1»»<T'<AA»».TIA».MT1 


w 


bei  diesen  Stichen  geschieht,  kurz  und  schmal 
abgeschnitten  ist,  während  sie  bei  Pighius  massig 
und  breit  ist  und  der  Schaft  lang  herabgeht,  ver- 
schlägt nicht  viel.  Die  Willkür  in  den  Stichen 
und  das  Ungescliick  in  den  Zeichnungen  geht 
sehr  weit.  Sehr  seltene  Male  hat  man  den  Ein- 
druck, daß  der  ZcicJmer  die  Herme  in  dem 
Zustand  habe  wiedergeben  wollen,  in  dem  sie 
sich  befand.  Vielmehr  dient  die  Angabe  der 
Hermenform  dazu,  zu  zeigen,  daß  es  eben  ein 
Hermenschaft  war,  auf  dem  die  Inschrift,  deren 
Absclirifr  mitgeteilt  wird,  stand.  Es  ist  meist 
eine  enge  und  schmale,  seltener  eine  breite 
und  massige  Form  gewählt,  und  die  äußer- 
liche Konv(mtion  geht  so  weit,  daß  auch  bei 
den  kopflosen  Hermen  die  Zerstörung  in  der 
ganz  ghnchen,  auswendig  gelernten  Weise  angegeben  wird.  Bei  der  ge- 
fälschten Kimonherme,  die  ich  eben  anzuführen  hatte,  zeigt  der  Stich  bei 
Ursinus  ein  Gewandstück  auf  d(>r  linken  Schulter;  bei  Gallaeus  fehlt  es 
trotz  der  Unterschrift  Apud  Fulvium  Ursinum  in  schedis  ex  marmore.  Und 
so  mag  denn  auch  diese  Verschiedenheit  zwischen  Pighius  und  Ursinus  hin- 
gehen —  sowenig  sie  für  die  Glaubwürdigkeit  des  Stiches  oder  der  Zeich- 
nung  spricht.     Aber  man   mag   die  Kunstfertigkeit   des  Pighius   noch   so 


Cod.  Pi.uli.  fol.  143 


Strategenköpfe.  47 

gering',  die  Manioriorthoit  des  Stechers  oder  Zeichners  in  dem  Blatt  bei  Ur- 
sinus  noch  so  hoch  ansehlagen,  man  wird  sich  doch  schwer  zu  der  Annahme 
entschließen  können,  daß  der  Kopf  in  der  Zeichnung  des  Plghius  und  der 
im  Stich  bei  Ursinus  auf  ein  und  dasselbe  Vorbild  zurückgehen.  Was  be- 
weist, daß  der  Kopf,  der  uns  in  so  verschiedenen  Formen  vorgefülirt  wird, 
überhaupt  auf  der  Herme  aufsaß,  als  sie  gefunden  wurde?  Aus  den  bei 
Kaibel  mitgeteilten  Angaben  ist  dafiir  nichts  zu  entnehmen,  und  auch  die 
Scheden  zum  C.  I.  L..  die  auf  Hrn.  Hirschfelds  Bitte  Hr.  Dessau  freund- 
lichst für  mich  nachgesehen  hat,  ergeben  nichts  Genaueres.  Er  sehreibt: 
»Von  cod.  Vat.  6038  und  6040  finden  sich  in  unseren  Scheden  die  ge- 
wohnten Exzerpte.  Das  Exzerpt  aus  Vat.  6040  trägt  das  Lemma  .reper- 
tum  in  monte  Celio,  in  vinea  Strozae,  in  termino  marmoreo',  also  wie 
CLL.  und  Kaibel;  das  Exzerpt  aus  Vat.  6038  Jiat  .s.  1"  —  es  ermangelt 
die  Inschrift  also  dort  jeder  Orts-  und  Fundbezeichnung  —  und  über  der 
Inschrift  .Busto  di  Milziadc.  Damit  hat  der  italienische  .\manuensis,  der 
die  Handschrift  exzerpiert  hat.  sagen  wollen,  daß  in  der  Ihuidschrift  die 
Büste  gezeichnet  ist;  um  festzustellen,  ob  diese  Büste  identisch  ist  mit 
der  des  Ursinus,   müßte   man   dii'   Handschrift  einsehen.« 

Wenn  wir  aus  der  ("lierselirift  Busto  di  Milziade  schließen  müssen, 
daß  auf  dem  Schaft  mit  den  Insclirilten  bereits  ein  Kopf  üezeiciinet  ist, 
so  lohnt  es  kaum,  nachzusehen,  ol)  die  Zeichnunii'  mit  der  des  Pighius 
oder  mit  dem  Stich  liei  Ursinus  übereinstimmt.  Denn  weder  die  Zeiclmung 
noch  der  Stich  liaben  Au.sprucli  auf  Glauliwürdinkeit.  Weder  so  nocli  so 
kann  ein  Kopf  ausi^esehen  lialien,  der  in  antiker  Zeit  als  Miltiades  nalt. 
Der  Widerspruch  der  beiden  Al)l)ildunt;eii  bei  Pit>liius  und  Ursinus  scheint 
darauf  hinzuführen,  daß  der  Hermenschaft  kopflos  gefunden  wurde,  und 
eine  Hindeutunii-  darauf  könnte  man  aueli  darin  suchen,  daß  in  der  Tafel 
des  Statins  die  beiden  Distichen  auf  dem  freilich  auch  kopflos  gefimdenen 
Hermenschaft  aus  Tivoli  angebraclit  wurden.  Jedenfalls  aber  stehen  wir 
hier  wie  l)ei  der  Herme  aus  Tivoli  nur  vor  der  Wahl  einer  —  einmaligen 
oder  hier  auch  zweimaligen  —  willkürlichen  .Vufsetzung  eines  nicht  zu- 
geh()rigen  und  dann  vermutlich  nicht  antiken  Kopfes  oder  einer  —  ein- 
maliy:en  oder  auch  hier  zweimaligen  —  Buchfälseliung.  Mit  einem  wirklichen 
Bildnis  des  Miltiades  oder  auch   nur  mit  einem   im  Altertum  für  Miltiades 


'    Matz,  Berliner  Moiiat.shericlite   1871    .S.  447 IV.,  460. 


48  K  E  K  u  L  K  V  o  N  S  T  R  A  D  o  N I T  z  :    Strategenküpfe. 

geltenden  Bildniskopf  haben  die  beiden  modern  zurechtgemachten  Köpfe 
T)ei  Ursinus  so  wenig  etwas  zu  schaffen  wie  der  des  Pighius.  Wir  er- 
kennen, mit  welchen  Mitteln  man  in  den  Tagen  des  Lafreri,  des  Statins 
und  Ursinus  sich  die  Anschauung  der  Bildniszüge  der  Viri  illustres  des 
Altertums  zu  verschaffen  gewöhnt  war.  Und  es  ist  schmerzlich,  bei  Visconti, 
Sonographie  Grecque  I  zu  Tafel  13,  zu  lesen:  »J'ai  choisi  cet  Hermes  de 
Miltiade  entre  les  deux  que  Fulvius  Ursinus  a  publies,  parce  qu'il  m'a 
paru  meriter  plus  de  confiance,  ä  cause  de  la  ressemblance  qu'il  a  avec 
les  autres  images  de  ce  guerrier,  reunies  daus  cette  planche,  et  de  la  forme 
carree  des  caractcres  grecs,  usitee  dans  ce  genre  de  portraits.  L'autre, 
decouvert  sur  le  mont  Celius,  ä  Rome  (Fabr.  Imag.  n.  92),  soit  qu'il  eüt 
ete  degrade  par  les  restaurations,  ou  que  l'estampe  ait  ete  gravee  d'apres 
uu  mauvais  dessin,  n'offre  qu'une  tres  legere  resseml)lance  avec  le  preraier. « 


K.  Pretiß.  Akad.  d.  Wissensch. 


PhÜ.-hist.  Abh.  1910. 


Kekule  von  Stradonitz:  Strategenköpfe. 

Taf.  l. 


K.  Preuß.  Akad.  d.  Wissensch. 


Phil.-hisf.  Abh.  1910. 


G 


Kekule  von  Stradonitz:  Strategenköpfe. 

Taf.  II. 


Ä'.  Prniß.  Äkad.  d.  Wissensch. 


Phil.-hist.  Ahh.  1910. 


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Uigurica  II. 

Von 

F.  W.  K.  MÜLLER. 


IM.-h*sf.  Klwtse.   1910.   Abh.  HI. 


Gelesen  in  der  Sitzung  der  phil.-hist.  Klasse  am  20.  Oktober  1910. 
Zum  Druck  eingereicht  am  gleichen  Tage,  ausgegeben  am  I.Juni  1911. 


Uie  folgenden  Seiten  bilden  die  Fortsetzung  meiner  » Uigurica ' «  vom  Jahre 
1908.  Die  übersetzten  Texte  gehören,  wie  das  Inhaltsverzeichnis  zeigt,  den 
verschiedensten  Phasen  der  buddhistischen  Literatur  an.  Neben  philosophi- 
schen Ausführungen,  Fragmente  aus  der  Erzählungsliteratur,  der  späteren  be- 
quemen Theologie,  Zaubersprüche  und  Beichtformulare  aus  der  praktischen 
Theologie  des  Buddhismus. 

Die  Texte  sind  meist  gut  lesbar  und  daher  nur  in  Transkription 
wiedergegeben  worden.  Wo  sich  ein  chinesisches  Original  oder  eine  Par- 
allel-Übersetzung  ermitteln  ließ,  sind  sie  daneben  abgedruckt  worden,  da 
Citate  aus  dem  chinesischen  Kanon  jetzt  nur  von  wenigen  Bevorzugten  in 
einigen  großen  Bibliotheken  nachgeschlagen  werden  können.  Die  Über- 
setzungen können  bei  dem  jetzigen  Stand  unserer  Kenntnisse  des  alten 
Türkisch  meist  nur  als  Übersetzungsversuche  bezeichnet  werden.  Es  ist 
daher  auch  absichtlich  die  Form  der  Zwischenzeilen-Übersetzung  gewählt 
worden,  trotzdem  sie  eine  glatte,  sich  fließend  lesende  Übersetzung  er- 
schwert, eben  um  dem  Leser  eine  bessere  Kontrolle  gewähren  zu  können. 


'    Abhandlungen  der  Berl.  Akad.  d.Wiss.  1908. 


F.W.K.  Müller; 


1.  Bruchstück  T.  n  Y.  32. 

(Bildet  mit  dem  folgenden  T.  II  Y.  21  ein  Ganzes.) 
Inhalt:  Entwicklung  der  Nidäna-Reihe,  aus  einer  Lebensbeschreibung  Buddhas'. 

» -ktin  öngü-ü 

s yol      yinga'y    näng      bilmäz-lär  00  ap       nomluy-y 

des  Weges  Richtung  durchaus  kennen  sie  nicht.      Sowohl  den  Gesetzes- 

3  yol'in    uqarlar  00  ap  ymä  toymaq  ölmäk-ning 

"Wtg  verstehen  sie,         als    auch  des  Geborenwerdens  und       Sterbens 

4 {mün\in  qadayin    biUrlär         ötrü      ol   oyurcl[a\  .  . 

Schuld  kennen  sie.     Darauf  zu  der  2<eit 

5  mn  qamay         biS    azun  t'inly       oyl .  .  [ani]  üzä 

habe  ich  Ober      aller       fünf  Existenzformen    Lebewesen-Kinder 

6  uluy  y \rliqan6\m'i      köngül  turyurup  kördilm     iriru'. 

eine  große,  mitleidsvolle  GemQtsstimmung  entstehen  lassen  und       sah        jämmerlich 

7  .  .  .  ly   umuysz      inaysz     bu    t'inly-lar  muntay  ämgäklig 

. . .  hoffnungslos,  zufluchtslos  diese  Lebewesen     in  solch       qualvolle 

8  .  .  .  .  [yol\da     tidmiS     turur  lar  00  inm       bilrnäzlär  00 

Existenzform     herabgesunken   sind  sie,  solches  erkennen  sie  nicht. 

9 bar'ir-Jfiz  tip     00     öz         biligsiz     bilgä 

gehen  wir  dahin.     So  sprechend,  durch  ihres  wissenlosen  Wissens  (der  Avidyä) 

10  küöintä       hu  muntay       ämgäk  iöintä      aytaru 

Kraft     in  diesem,  so  beschaffenen    Leiden    befangen  bald  'schnell, 

'  Der  von  Zeile  7  ab  hier  und  im  folgenden  Bruchstück  beigegebene  chinesische 
Text  ist  der  des  chinesischen  Lalitavistara  =  ^>7  S  y<C 7J±  J^  »^  '  über  welchen  vgl. 
Bunyiü  Nanjiös  Catalogiie  of  the  Chinese  translation  of  the  Buddhist  Tripitaka,  Ox- 
ford 1883,  Nr.  159.  Er  befindet  sich  in  unserer  .\usgabe  (vgl.  Uigurica  I,  S.  11)  im  9. 
=  T'au  9,  Band  f,  S.  688  Rucks,  oben  Z.  11  ff. 


Uigurica  11.  5 

■I  tonytaru  tägzinnr-Jär  oo  ötrü         ol     oyurda     mn 

bald  *  langsam  '  drehen  sie  sich  im  Kreise  (des  Samsära).     Darauf  zu  jener        Zeit      habe  ich 

"...  \y\mä     inöä      sayind  say'intin  mn  öngrä       ynl         tiläyn      hin 

auch     folgenden  Gedanken    gedacht:     Ich     zuerst    einen  Weg  will  suchen,  später 

13  adnayu-'ia     yoWi  yirii  bolayn  tip  00  yaria      könglümtä 

filr  andere     ein  Föhrer  und  Wegweiser  will  ich  werden  1         Wieder  in  meinem  Herzen 

M  inöä       sayinö      ördi     nä  üdün  %ar'imay        ölmäk     tor^ar      nägü- 

folgender  Gedanke  stieg  auf:       Warum      das  Altern  und  Sterben  entsteh!  es,  wodurch 

'5  -da  ötkürü        %ar'im(r^        ölmäk      törHijür 

weiter  wird  das  Altem  und  Sterben  her^'orgebracht? 

'6  scr/'inip  utyuray    tuidum    inöip    to[y?naq-da] 

Indem  ich  es  bedachte,  habe  ich  es  vollkommen  verstanden.    Also  . . .  (durch  das  Geborenwerden  entsteht) 


Bruchstück  T.  n  Y.  21. 

Inhalt:  Entwicklung  der  NidSna-Reihe. 
'  iglämäk   ölmäk  törilyür  tcyymay  üdiln  %ar'iniay  iglnmäk  ' 

Erkranken,  Sterben     entsteht,  infolge  des  Geborenwerdens  wird   Altern,      Erkranken  und 

'  ölmäk  toyar  .  .  .  [o  o]    inöip     yann  indä  sny'intm  loymay      nägü-dä 

Sterben  erzeugt.  Darauf  wiederum    so      dachte  ich:  das  Geborenwerden,  wodurch 

3  törüyiir    nä  üdün         toymay  blgürär  tip    ötrü  muncolayu-u 

entsteht  es,      wanini      das  Geborenwerden  erscheint  es?        Darauf  folgendermaßen 

4  titrü  say'iriip  utyuray   tuidum      oo      bolmay-la   ötkürü 
genau  bedachte  ich  es  und  vollkommen  verstand  ich  es:   durch  das  Sein  weiter 

'    'li.  lo — II  aytaru  tongtaru  zunächst:  (ließen  lassend,  gefi'iercnd  lassend  ;  vgl.  ^\  ^^yi ya. 


6  F.W.K.  Müller: 

5  .  .  [tÖ\rüi/ür  oo  bolmay  ücün         torimo!^  hlgürär   oo    ötrü  holmaya^ 

entsteht  es,  infolge  des  Seins  das  Geborenwerden  erscheint.     Danach  über  das  Sein 

6  say'intm  bolmay  nägüdä   törüyür  nä  ücün  holmay 

dachte  ich  nach:   das  Sein,    wodurch    entsteht  es,     warum      das  Sein 

7  tayar      tip     o o     indip       titrü    say'iriip  utyuray    tuidum  tut. . .  ^ycty]- 

wird  es  erzeugt?    Indem  ich  es  so  genau  durchdachte,  habe  ich  es  vollkommen  verstanden :  durch  das 

8  -ta  ötkürü  bolmay  törüyür      tutyay^  üdün  bolmay       io^ar  oo 

weiter      das  Sein  entsteht,  infolge  des  Festhaltens  wird  das  Sein  erzeugt. 

0  m  i^  W  ^n  ^ 

9  titrü  tutayayay'  say'intm  tutayay  nägüdä  törüyür    nä 
Genau  darauf  habe  ich  das  Festhalten     durchdacht,  das  Festhalten,   wodurch  entsteht  es,  war- 

>o  üöün  tutayay    toyar  tip  o  o  incip  titrü  say'intp         nt .  .  [yu]- 

um  wird  das  Festhalten  erzeugt?  Da      habe  ich  es  genau  durchdacht  und  vollkommen 

«■  -ray  tuidum      nmranmaytn   ötkürü  tutayay 

verstanden :  durch  das  Lieben    weiter  entsteht  das  Festhalten 

n tutayay    toyar 

[infolge  des  Liebens]  wird  das  Festhalten  erzeugt. 

n  %anyuda  törüyür  tip 

wodurch  entsteht  (nun  letzteres) 

>4  inöip    titrü      say'intp [utyuray     tuidum    täginmäk-tä] 

Solches  genau  durchdenkend,  (habe  ich  es  vollkommen  verstanden,  durch  Erleiden) 

mm  m      ^     m^^ 

15  Ötkürü  gmranmay  törüyür  oo  täginmäk     üöün    ainranmay  .... 

weiter       das  Lieben      entsteht.  Infolge  des    Erleidens    wird  Lieben 

i6  toyar    o  o    ötrü  täginmäMg  say'int'im  yjinyu-da  tö \rüynr\ 

erzeugt.     Darauf  habe  ich    das  Erleiden    durchdacht:        worin  entsteht 

^^ 

'    2J.  8  tutyay.     Dagegen  Z.  9 — 1 2  tutayay.  ' 


Uigurica  IL 

■7  tägHnmäk  nä  t'iltay-'in  täyinmäk    to^ar  tip   oo  ind[ip]  .  .    ■ 

das  Erleiden,  aus  welcher  Ursache  wird  das  Erleiden  erzeugt?  Darauf 

i8  titrü  say'intp  utyuraj     tuidum  bürtmäk-tä      ötkürü 

indem  ich  es  genau  durchdachte,  habe  ich  es  voilkoinnieii  verstanden,  durch  das  Berühren     weiter 

ip^      _. m.      ^       mm 

[Ende  des  Bruchstücks.] 


2.  T.  n  S.  2b. 


Großes  Pothiblatt. 

Inhalt:  Entwicklung  der  Nidäna-Keihe,  aus  dem  Maitrisimit. 

In  der  Übersetzung  sind  die  entsprechenden  indischen  Termini  aufgeführt. 

«  üki  t'iltay       sögüt  önmiS       ärür 

....  die  erste  Ursache  des  Baumes  Entsprossensein     ist. 

'  andolayu  ymä       qartmaq  iglämäk-ning 

So  wird       ancb    des     Jarä-  vyädhi 

3  tiltayi    üdünö    to^maq     titir  oo  ötrü 

Ursache  als  dritte        Jäti       genannt.     Darauf  wird 

4  bodXsvt  inöä  saqtnur  ol   ymä  toy- 

der  Bodhisattva    so  nachdenken:  jene     nun      Jäti 

5  -maq         nä     tiltayda  ötkürü  blgülüg 

aus  welcher    Ursache      weiter      sichtbar 

6  bolur  oo    quduru         qolulap  titrü 
wird  sie?       Vertiefend  es  'festhaltend,  wird  er  es  recht 

7  uqar  bolmaq  t'iltay'inta 

verstehen:  dnrch     Bhava      verursacht, 

8  tofymaq  bolur  oo  bolmaq  ymä  anl(ry 

wird  Jäti     sein.  Mit  Bhava  auch        so 

9  ärür  oo  azunlarty  Iniru        avUrdadi      ätöz- 

verbftlt  es  sich:  die  die  Existenzen  durchwandelnd  kreisenden,   im  Körper, 

■o  -däki  köngültäki        tiltäki  q'itindlar 

im  Sinn,  mit  der  Zange  getanen      Taten, 

•«  ol  bolmaq  titir  oo  qUinöta    ötkürü-ü 

diese  Bhava  werden  genannt.     Durch  die  Tat     weiter 


r 


8  F. W.K.  Müller: 

"  agun  bolur    oo    näng        makiSvrida       bolmaz 

wird  die  Existenz,    keineswegs  durch  Mahesvara  geschieht  es, 

13  näng  pardan-t'in  bolmaz      yjxlVi  puranH 

nicht  dnrch  die  Weltseele  (pradhäna)  geschieht  es,  wie  die  Purapas 

M  ulaH  azw^  7iomluy-lar  sözläyür-lär 

und       Irr-  Lehrer  sagen. 

15  t'iltay-siz  kntün  blgürär  Hp  ohr-ning 

»Ursachlos  (aAeto)  durch  sich  selbst  erscheint  es  (»payamiAü)',  wie         jene 

16  sözlämiä-läri  tag     ymä  ärrnäz  ädgüli 

gesagt  haben,  ist  es  auch  nicht.     Durch  die,  entweder  guten 

17  ay'iyU  iki   türlüg  qttincta  Öt-  '■■ 

oder  bösen,  beiden    Arten    von  Taten  treten  im  Verfolg 

18  -kürü  to^um  azun-lar  blgülüg  bolur 

die  Wiedergeburten  und      Leben         in  Erscheinung. 

>9  -lar  00  ötrü  bodisvt       incä      saqinö 

Darauf  wird  der  Bodhisattva  folgenden  Gedanken 

*>  saqinur  00  qilinö        ymä  nä    Ultayin 

denken:     Die  Tat  (Bhava)  femer  wird  durch  welche   Ursache 

"  blgülüg  bolur  basutöM^  kirn  ärür  00 

sichtbar,  und  der  (Hervorrufer?)  davon  wer      ist? 

a»  ongatt  köngülgärip  utyurcry  uqar  iut- 

*  Verbessernd  es  'durchdenkend,  wird  er  es  vollkommen  verstehen:  durch  Upädäna 

J3  -yaqta  ötkürü  qil'inc  bolur  o  o  tutyaq 

weiter      Bhava     wird.  Upädäna 

»4  ymä    munta  üc  ängim    sansar-daqt 

auch  wird  so  durch  die  im  drei-*  teiligen  ^  Samsära  herrschenden 

»5  riizvanilar     oyfinta     tört  türlüg 

Leidenschaften  verursacht  in  vier    Arten 

a6  adfilur-lar       qalt'i      quruy    otung      i'ilta- 

zerlegt.  Wie  durch  trocknes  Brennholz  veranlaßt 

»7  -y'tnta      ot  laniitur        idiz  kuyär  ör- 

das  Feuer  entzündet  wird,     hoch    flammt 


'    Z.  21.    Oder  ist         jktfifßtf'  prsut  zu  lesen?    Dann  wäre  es  Fremdwort:  y*J^(rl  (das 
Erzeugen).     Vgl.  die  Lehnwörter  in  Z.  13. 

*    Z.  24  Jt£f''\    aus  äng  4-  im  ::=  *  Anfang,  *  Prinzip?  =  VlfJ,    ^" 


Uigurica  II.  9 

ä8  -tänür  ancolayu    ymä  tutyaq   riizvarii-hj 

und  lodert,  so  werden   anch   durch  der  Upädäna  Leidenschaft- 
ag otungta    ötrü   yßtincly  ot-lar  ör- 

BrennstofT  alsbald  der  Taten    Feuer    zum  Lodern 

30  -tänür  yalar-lar  ötrü  hodisvt    indä 

und  Flammen    gebracht.     Darauf  wird  der  Bodhisattva    also 

^^i^  saqinur    ol      tutyaq  ntzcant      ymä  nägüdä 

denken :    Diese  Upädäna-Leidenschaft  auch  wird  wodurcli 

Rückseite. 
Überschrift:  biä  ygrmlni  yiti  =  XV.  (Abschnitt,  Bl.)  7. 
■  ötkürü  blgürür  00  onyati    köngültä 

weiter     sichtbar?     Wenn  er  das  * \erbessernd  im  Gemflt 
"...  \mq\in'ip  adara         uqar       az  q'ilinc     t'it- 

überdenkt,      wird  er  es  (weiter)  zurückgehend  verstehen:  Durch  Trsnä  verursaclit 

3  -foyinto   ttUyaq  nizvani    lilgüli/g 

die  Upädiina-Leidensrhaft   siclitbar 

4  l}olur  qalt'i  kicig    Jcui       ot      ööüri 

wird.     Sowie  eines     nur    kleinen  Feuers  Erlöschen 

5  yilig  nsinig  (sie !  lie.s  äsinü/)  hasutci  is  bulup 

den  Wind  und  den  Luftzug  als  *  Hervoirufer  und  Genossen  erlangt  hnhend 

6  iikliyür      Ix'idnyür      ancolayu  ymä 

wächst    und  größer  wird,  so  werden   anch 

7  az     q'ilinc  tillayinta   alqu 

durch    Trenä     verursacht       alle 

8  nizvanilar    iikliyür  aSilur-lar 

Leidenschaften    größer   und  vermehrt. 

t  Ötrü  l)odisvt      imä      saq'inc   saqinur 

Darauf  wird  der  Bodhisattva  folgenden  Gedanken     denken : 

•o  az  qihnf  ymä    nä  baäliy'in  qoyu 

Ti'snri    ferner,  durch  welchen  Anfang,  welchen 

"  ftasvtifin  blgiiliig   Itolur    antay      onga- 
'Erroger     wird  sie  sichtbar?     I>anach  noch  'besser 

"  -Ä       bögüS      orup  utyurati      uqar         tägin- 

»eine  'Weisheit  anwendend  wird  er  es  \ollkonnncn  verstehen :  Durch  Vedana 

<3  -rnäk  tiltayintd  azlanmaq  bolur        ol 
verursacht,  Trsnii       entsteht.     Durch 

Phil.-hi.tt.  Klasse.    lUlO.    Abh.  11 1.  2 


10  F.W.  K.  Müller: 

M   oq  täginmäk  t'ütay'inta         azunlar-qa 

eben  diese     Vedanii       verursacht,  entsteht  das  nach  Leben, 

15  äd  taxar-qa  ärkkä       türkkä         azlanm- 

nach  Hab  und  Gut,  nach  Macht  und  Stärke  Trsnä-Empfinden. 

16  -aq  turur  o  o        ötrü       bodisvi      inid  saq- 

Darauf  wird  der  Bodhisattva  folgendes 

■7  -inc  saq'inur  00  nä  t'ilta'^tn     nä  iicün 

bedenken:  aus  welcher  Ursache,      warum 

18  täginmäk     holw  ärki  o  o  ubjura^    bilgä 

mag  Vedanä  wohl  entstehen  ?         Durch  sein   vollkommen  weises 

19  hlligin  adtrtlayu  uqar  qac'iy  adyan- 

Wissen  wird  er  es  zerlegend  erkennen :  das  den  Durchgang  und  des  Unterscheidenmüssens 

20  -yu^  törü  hilig  köngül  hirln  qaiM- 

Gesetz  mit  dem  weisen    Herzen  (=  der  Vernunft)  Vereinigen 

21  -ip    hürtmäk    titir    00    ol         bürtmäk     til- 

wird       Sparsa      genannt.    Durch  dieses      Sparsa      verursacht 

2>   -tajinta  täginmäk  holur   o  o   qalt'i  ot- 

Vedanä     entsteht.  Gleichwie  durch  Feuer- 

23  -luy    Ir  quruy  qavayu    är-nlng  dccymWi 

Stein  (?),  trockenen   Zunder,  eines  Mannes  Geschlagenhaben 

24  ösm'ifi  hu  HC  türlüg  t'iltay-da 

und  Angeblasenhaben,     durch  diese   drei  Arten      Ursachen 

=5  ötkürü        ot  hlgüliig  bolur  00  anco- 

im  Verlauf  Feuer        erscheint,  so  wird 

s6  -layn  ymä  %oc'iy     yol  adyanyu^        törü 

auch  durch  den  '  Durchgangs-Weg  (der  Sinne),  durch  der  Differenzierung  Gesetz  und 

27  hiUg  köngül  hu       üctä       ötkürü 

das  weise  Gemüt  (=;  Vernunft),  durch  diese  drei  im  Verlaufe 

28  hürtmäk     holur  00  hürtmäk    t'iltayinta 

Sparsa      entstehen.       Durch  Sparsa    verursacht 

29  mängi        täginmäk  ämgäk  täginmäk         igin 

wird  Freude     Erleiden,      Sclnnei-z     Erleiden,     durch  Krankheit 

30  aeay'i  täginmäk     blgülüg  bolur   o  o    ötrü 

Bitteres    Erleiden     in  Erscheinung  ti-eten.        Daraiif 

31  bod'isvt-ning  incä     saqtn^i  bolur  00  qayu 

wird  des  Bodhisattva  Gedanke  folgender    sein :  welches  . . . 

[Ende  des  Blattes.] 


'    Z.  19  und  26  =  das  UnterscheidenmQssen  (/.wischen  Ich  und  Nicht-Ich). 


Uigurica  IL  11 

T.n  S.2b-1. 

Großes  Pothiblatt. 
Inhalt:    Kntwickelung  der  Nidäna-Reihe  aus  dem  Maitrisiniit. 

>  täginmäk     l'iltayinta  az  qil  .  .  .  [und]       bolur 

Durch  V«dana  veranlaßt,  wird  Trsiiä  liervorgerufeii, 

ä  az  qitinc  t'iltay'inta  tutyaqlanrnaq 

durch        Trsnä  veranlaßt,       wird  Upädäaa 

3  bolur  oo        tutyaq  t'iUay'inta       qitinc  höl- 

hervorgemfen,  durch  Upädäna  veranlaßt,  wird  Bhava  hei\orgerufen, 

4  -ur  oo   q'itinc  t'iltay'inta  toyviaq        bolur 

durch  Bhava      veranlaßt,     wird  Jati  hervorgerufen, 

5  toymaq  tiltw^finta  qar'imaq  ölmäk 
durch  Jäti    veranlaßt,     wird   Jarä-  maraQa 

6  holur     oo  bomS     qadyu  änigäk 

hervorgerufen,  und  BetrQbnis,  Kummer,     Leid,     {soka,  parideva,  du/tkha) 

7  tutyaq  s'iqiy      tarußy    uluy 

Wehen,  'Angat,  'Entsetzen,  gioßes 

8  amgäk-lig  ög-mäk  blgi'di'ig 

peinvollen       Denkens    (daurmanatya)  Sichtbar- 

9  bolmaqi  bolur  oo   ötri'i  ayay-qn    liikini- 

werden  wird  hervorgerufen.     Darauf   wird  der   elirwilrdige 

'<>  -lig  bodistv  sansar-ning     baru     äcril- 

Bodhisattva  des  Samsara  wandelnd  Kreisen  (=  saiii-sära) 

"  -mäkin  uqup  nüri'i  tärribnäkin^      ämgäk- 

verstehen  und  duirli  'Unikehrung  [der  Nidaiia-Entwickelung]   das  leid- 

■»  -siz  u6uz     uqar    oo     toymaq  bolmasar  qar'i- 

lose      Ziel     erkennen :     wenn     Jäti  nicht  ist,    ist  auch  Jara- 

>3  -maq  ölmäk  bolmaz  oo  q'itinö  bolmasar 

marana       nicht;      wenn  Bhava      nicht  ist, 

M  toymaq  bolmaz  oo   tutyaqlanmuq  bolmasar 

ist  Jäti         nicht;  wenn  Upädäna        nicht  ist, 

•5  qttind  bolmaz  oo  az  ö/wr  (sie!)*  bolmasar        tut- 

ist  Bhava  nicht;  wenn  Ti'snä  nicht  ist,    ist  Upädana 

'    Z.  II   vielleicht  zu  lesen:  märü  dävrilmäkin'-! 
'    Z.  15  Siehe  folgende  Seite,  Anmerkung. 


12  F.  W.  K.  MüLLKu: 

"6  -yaq  bolmuz  oo     täginmük  bolmasur  az  al- 

niclit;        weiin    Vedanä         nicht  ist,      ist  Trsiiä 

■7  -m«r  (sie!)'   holtnuz    oo       hürtmäk  hohnusar    täyinmük 

nicht;  wenn     Spiir^^a         nicht  ist,    ist    Vedanä 

i8  holmaz     o  o       ata  qai^vy  orunlar  bobnasor 
nicht;     wenn  die  Sad-  ayatana      niclit  sind, 

19  bürtinäk  bolmaz   oo    at  öny  bolmasar 

ist  Sparsa       nicht;     wenn  Nama-rüpa  nicIit  ist,    dann  sind  die 

20  alt'i  qaöiy  orunJar  holniaz-lm   o  o   bil- 

Sad-  äyatana  nicht;  wenn 

2'  -ig  köngül  bolmasur       at  öny    bolmaz  o  o 

Vijnäna      nicht  ist,    ist  Nänia-rüpa     niclit; 

2j  taoranmaq     bolmasar      bilig  känyiil  bolmaz  oo 

wenn  Saiiiskära    nicht  ist,     ist         Vijfiäna  nicht; 

»3  biligsiz  bilig  bolmasar      tavranmaq  bolmaz  oo 

wenn  Avidyä       nicht  ist,    ist   Saiiiskära  nicht. 

S4  biligsiz  bilig  öcsär  tavranmaq    ö^är  oo 

Wenn  Avidya    erlisclit,  wii'd  Saiiiskiira         eiiösclieii ; 

2  5  tavranmaq      öcMr  bilig  könyill     öcär  oo 

wenn  Saihskära  erlischt,  wird  Vijnäna        erlösclien; 

26  bilig  köngül  öcsär  at  öny       öcär  oo 

wenn    Vijnäna   erlisclit,  wird  Näma-rnpa  erlöschen; 

=7  at  öng  öösär  alt'i  qaciy  orun- 

wenii  Näma-nipa  erlischt,  werden  die  Sad-  äyatana 

=8  -lar    öcär     o  o  alt'i  qaciy  orun-lar      öc- 

erlöschen;     wenn  die  Sad-  äyatana     erlöschen, 

29  -sär         Inirtmäk     öcär    o  o     amr'ilur    o  o  bi'irtmäk 

wird  Sparsa  erlöschen  und  zur  Ruhe  kommen :  wenn  Sparsa 

3°  Öcsär  täginmük   öcär     o  o     tägimidik  öcsär 

erlischt,  wird  Vedanä        erlöschen;    wenn  Vedanä         erlischt, 

31 az  bilig    öCär  amr'ilur     oo  az 

wird         Ti'snä     erlöschen  und  zur  Ruhe  kommen;  wenn  Trsnä 


'    Die  Wörter   in    Z.  15 — 17  almr,   almir  sehen    wie  Verlesung  (von  amranmaq?)  aus. 


Uigurica  II. 


13 


Rückseite. 
Überschrift:  [biS\  ygrmnc  [d\n  —  XV.  (Abschnitt,  Bl.)  lo. 
■  hilig  ....  [ödsä]r       amfilsar  tutyaq     öcär 

eriischt   und  zur  Ruhe  kommt,  wird  Upädäna  erlöschen  und 

»  amrilur     oo  az  bllig  ödsär  amfiba/- 

zur  Ruhe  kommen;  wenn     Trsnä       erlischt  und  zur  Ruhe  kommt,  wird 

3  tutyaq     öcär  amrilur     oo  tutyaq  öcsür 

Upädäna  erlösclien  und  zur  Ruhe  kommen;  wenn  Upädana  erlisclit 

4  amr'ilsar  qili/u}   öcär  amrilur     o  o         qilinc 

und  zur  Ralie  kommt,  wird  Bliava  erlöschen  und  zur  Rulie  kommen ;  wenn  Bhava 

5  Ödsär         amrtlsar  toymaq    öcär  amrilur  o  o 

erlischt  und  zur  Ruhe  kommt,  wird  Jäti  erlöschen  und  /.ur  Ruhe  kommen ; 

«  toymaq   öösär  amfilsar  qafimaq 

wenn  Jäti  erlischt  und  zur  Ruhe  konmit,  wird  Jara- 

7  ölmak    ödär  amrilur  oo   usw. 

roarana  erlöschen  und  zur  Ruhe  kommen. 

[Bis  hierher  die  Nidäna-Entwicklung.] 


Aus  diesen  vier  Texten  läßt  sicli  die  Nidäna-Reihe  lückenlos  und,  wie 
man  sieht,  sogar  mit  gleichbedeutenden  oder  umschreibenden  Ausdrücken 
wie  folgt  herstellen: 


Sanskrit: 


Chinesisch: 


I .  avidya  (Nichtwissen)         flffi  ^  (Unklarheit) 


2.  samskära  (Gestaltung) 

3.  tijMna  (Venmnft) 

4.  näma-riipa  (Name  und 
Form) 

5.  sad-äyaluna  (die  sechs 
Statten) 

6.  sparia  (Berührimg) 

7.  vfdanS  (Empfindung) 


ff  (wandeln) 
^  (Erkenntnis) 
i^^     (Name  und 

Farbe) 
/>;  y^  (die  sechs  Ein- 
gänge) 
^  (stoßen) 
^  (empfangen) 


Uigiiriscli : 

bUigsiz    hilig    (wissenloses 
Wissen) 

tavranmaq  (sich  bewegen) 

hilig  köngül  (weises  Gemüt) 

at  öng  (Name  und 
Farbe) 

alti  qacity  orunlar  (die  sechs 
Durchgangs-Stellen) 

biirtmäk  (*  stoßen) 

täginmäk  (entgegen- 
nehmen, erleiden) 


14 


F.W.  K.  Müllkk; 


Sanskrit: 

8.  trmä  (Durst) 


9.  upädänu  (Haften) 

10.  bhava  (Werden) 

1 1 .  jäti  (Geburt) 

1 2 .  jara-vyädhi-marana 
(Alter,  Krankheit, 
Tod) 


Chinesisch: 


^  (lieben) 


^  (ergreifen) 
^  (dasein) 
^  (geboren  werden) 
y^^M  (altern,  er- 
kranken,  sterben) 


Uigurisch: 

amranmaq  (lieben) ;  az  bilig 
(Irrtums- Wissen) ;  az  g'i- 
Pinc   (Irrtums-Tat);    az- 
lanmaq  (irren) 
tutyaq[-lanmaq)    (*  packen) 
holmaq  (sein);  qil'inc  (Tat) 
toymaq   (geboren  werden) 
qarvnaq  iglämäk  ölrnäk  (al- 
tern, erkranken, 
sterben) 


Es  ergibt  sich  aus  dieser  Liste,  daß  die  türkischen  Ausdräcke  sich 
eng  an  das  Chinesische,  nicht  an  das  Sanskrit  anschließen,  vgl.  besonders 
Nr.  2,  4,  5,  7  und  8.  Da  die  vorliegenden  Texte  (Maitrisimit)  aber  auch 
im  Toeharischen  vorhanden  waren  und  teilweise  noch  sind,  so  erhebt  sich 
die  Frage,  ob  nicht  überhaupt  die  chmesischen,  vom  Sanskrit  so  sehr  ab- 
weichenden Übersetzungen  erst  im  Anschluß  an  mittelasiatische  Über- 
tragungen entstanden  sind. 


3. 


Bnichsttick  T.  II  T.  10. 


Inhalt:   Die  ^^  Erscheinungsformen  des  Avalokitesvara '.     Bruclistiick   aus  dem  Kap.  24  des 
"Lotos  des  guten  Gesetzes«.    Vgl.  Beal,  Catena  S.  392  (Samantamukhaparivarta  Avalokitesva- 

ra-vikurv.na-nirdesa)  =  y^^p^-/^^i^$l^iä:^^g^p^jJ^p^r.+  Eg 

T'au  9  Bd.  3  S.  297  vorn  oben  Z.  18. 


yjutadmts  hüdi        ärdämi  anlaq  uluy  ämr  oo  am 

beglückende  Kraft    und     Macht     derartig    groß      ist.  Des- 


%uanSi  'im      pusar-ning 

"...  Kuan-si-yin  p'u-sas 

üöün  qatnay  yahigquqlar  ayayu     ayrlayu        tutmü  krgäk  kirn       tünlä 

wegen       alle  Menschen        ihn  hochachten,      eliren     und  behalten  müssen.     Wenn  jemand  Nacht 


mw^^mm-kw^mi^m^  li  ^mm^. 


^    M      ^  's- 


o 


[küntüz 

[und  Tag 


'  Vgl.  u.a.  das  japanische  buddhistische  Wörterbuch  ^^^  l/^  />  ^^ÄBukkyS 
iroha  jiteii,  Nagoya  1900,  s.  v.  Kvvanzeon  S.  79    ^^  -4-*  '^^  !^ . 


Uigurica  II.  15 

3  unttmasar  o o  tayi  ymä  kirn    qayu  tiSl       fintylar  ur'i  . . .  [oyu\l  tiläsär 

ihn  nicht  vergißt,  so  wird  femer  auch,  wenn  irgendeines  der  weiblichen  Lebewesen  einen  Sohn   wünsclit 

^WicAic^^J^^  [yjianit-im 

[und  dem  Kuan-si-yin 

4  jmsar-qa  tap'inu   udunu  täginip  anl'in  iizüksüz  atasnr  ötrü  köngül- 

p'u-sa      Verehrung  demütig  darbringt,  und  ihn  darauf  unaufhörlich  anruft,  alsbald   jener  dem  im  Herzen 

5  -täki  lag  körklü  qutluy  ülüglüg  iir . .  \'t\  oyul  kälüri'ir  hirök  qiz  tiläsär 

gehegten  (Wunsche)  entsprechend  einen  schönen,  Gh'ickcs  teilhaftigen  Sohn  bringen.   Wenn  sie  eine  Tochter 

^  m  m  ^  m  z^.  $^  '^  '^  :k.  [^"=" ""'"^^'^'' 

6  ymä  körklä  q'iz   käliiriir  o  o  ärtingii  öküS  ädgü  qiUm  qazyanr  qazyanur 

(so  wird  er)  auch  eine  schöne  Tochter  schenken.  Sehr       viele     gJite    Taten  wird  sie  sich  erwerben, 

7  oo  alyu  kiMkä    nmraq  boluroo  kirn  qayu    kiii  yjiaiiMtiii pusar-qa  tapvnmaaq{s\e\) 

allen  Menschen  lieb  wird  sie  sein.  Weim  irgendein  Mensch,  um  Kuan-si-yin  p'u-sa  zu  dienen 

s  udunumy    tägürgäli  ämgäk  nmgänsär  ol . . .  [?  iölü]ki       näng     yojsuz  bolmaz  o  o 

und /.u  folgen  ehrerbietig,  sich  quält,     so   wird    seine    .\iistrengung(?)  keineswegs  vergeblich    sein. 

[Darum 
\^^ 

9  qamay  yalnguqlar  nlqwßm  '^^uanit  im  puaar  at'in      atams     krgäk    o  o 

alle  Menschen       insgesamt  des  Kuan-si-yin       p'u-sa   Namen  aussprechen  mflssen. 

>o  tacfi    ymä     alqinc^iz  köküzlng  hodi-sct  siz     incä    hiling  kirn    qayu 

Ferner  auch,    o    Aksaya-  niati        Bodhisattxa,  du  folgendes  wisse:    wenn  irgendein 

mm     ;t,  3^WA 

>>   ttnh^     altm'ü  iki  kuti  sarii         käng  ögilz  icintäki       qum      saninea  bod'i-svt 

Lebewesen  die  62  Kotis  an  Zahl,  den  im  Ganges-Strom  befindlichen  Sandkörnern  an  Zahl  gleiclien  Bodhisattva- 

"  at'in     atayu       lapinu  udunu  %ataylansar  ölütn  künkätägi  atayu  tapay'iu 

Namen  rezitiert,  sie  zu  verehren  »ich  befleißigt,  bis  zum  Todestage  hin  sie  rozitiert  und  in  der  Verehrung 

•3  uduyin  äysütmäsär        asin       ickütiin    lonin  lonanyu.s'in    tükäti    tugiirsär 

und  Befolgung  nichts  ermangeln  läßt,  Speise  und  Trank,    Kleidung  und  Gewand,  voIIstSndic    darbringt, 


16  F.W.K.  Müller: 

14  ol  ädgü  yjilinc    ärüs     mu     titir      alqincxtz  kökijz  bodi-svt  ol 

(köniiün  dann)  diese  guten    Taten   zahlreich  genannt  werden?«    Aicsaya-       mati    Bodhisattva  sagte:  »Diese 

#^A)    ^j  fi   ^  r^         mm  m         t. 

\ädgü  (filind 

[guten     Taten 

15  ärtingü  öküS  titir  tip  ötünti  tngri  hur%an  yana   incä  tip  yrlyqadi   birök 

sind  sehr  viele  !■■  So  sprach  er  ehrerbietig.  Dor  göttliche  Buddha  wieder  geruhte  so  zu  sprechen :  »Wenn 

m    ^,  WM  #u  H,    * 

■6  taqi   bir   kiSi     tag    bir        yjuanSi  'im  pusar  at'in     atayu    tag    bir   ödüa    taptnu 

ferner  ein  Mensch  z.  B.,  einen  von  Kuan-si-yin  p'u-sas  Namen  ausspräche  /..  B.,  eine  Zeitlang  verehrte 

17  udunu     atayu    iäginsär  ol  kisi  o  o  ädgilyjilinri  öngräki  kiiiädgii  yjriruH  bir- 

und nussfrUcheehveiViotig,  so  ist ']enes  Menschen  gate       Tat      des  ersteren    guter      Tat 

mm^.m  ^  :=-a  m 

■8  -lä  töz  titir      bu     iki  kiäi  ning  ädgü  qtltn£i    bir  tag  adruqsuz  titir  o  o 

gleich  zu  nennen,  dieser  beiden  Menschen     gute  Taten  sind  wie  eine  und  werden  unterechiedslos  genannt. 

iE#  m^.       ;i^WT       [min..{g] 

[In  tausend 

'9  türnän  klp      öd         nomlasar  alqinmaqai  %uani'i  im  pusar  at'in  ata- 

uiid  luuiderttausend  Kalpa-Zeiten,  wenn  man  sie  predigt,  wird  sie  nicht  erschöpft.  Kuan-si-yin  p'u-sas  Namen 
Hiiii;,   ^  PTH^,  mm.m:i   '^^nW^^m^^.      [auszusprechen 

20  -mis  o'^rinta       ädgü  yjil/incly  asty'i        tusus't    antay  titir 

wird  darum  sein  mit  guter        Tat        verbundener  Nutzen  und  Vorteil  genannt.»     (Darauf) 

n  ia  ^  m  M.  m  m  m  m  z  %k 

=■  alqincs'ls  k'öküz   bodi-svt  tngri    burx,an-qa  indä  tip 

Akfaya-         mati     Bodhisattva  zu  dem  göttlichen       Buddha  .ilso 

mm    M  ^^gi  ö  # 

"  ölük  ötünti  tngrim       bu  yjiaiiS'i  'im  pusar  ruicüki}i      nä  atin 

elirerbietig  spracli :   »Mein  Gott!  dieser    Kuan-si-yin     p'u-sa,    wanun  und  welches   Hilfsmittels  (upäya) 
W,  WM  mW^       "Wm  5-^      [sich  bedienend 

23  nä  cävisin  bu    cmbudvip  (sie)  yir  suvda  yor'iyur    t'inlylarqa    asy  tusu 

in  welcher  *  Umwandlung  auf  dieser  Jambudvlpa-  Welt      wandelt  ei',  den  Geschöpfen  Vorteil 

mat'^'^w^.^nmi^  m^ 

'^  q'ilur  nom  nomlayur  alt  cävisi  nätäg     ärki      tngrim 

bringt  er,     predigt  er?    Sein  Mittel  u.  s. 'Umwandlung  mag  wohl  welcher  Art  sein?    0  mein  Gott!   »Der 

Wf^  ^\^Z:h^^^^^  [tngri  bur%an  inrä 

[göttliche  Buddha        so 


Uigurica  II.  1 7 

tip     yrly-qad'i      aly'incstz  kökiiz    hodtsot    siz  Incä  biling  hu  yirtinMl 

ließ  sich  vernehmen:        »Ak^aya-mati        Bodhisattva!     solclies       wisse:  wenn  in  dieser     Welt 
.üb. 


a 


UMM    ^t:,  (#^^j  ^m  m± 


'6  yir     suvdaq'i  t'inlylar      birök  bur/ßn  körkin  körü  qurtulyu  ärsär  yjuanM 

Erd-  und  Wassergeschöpfo  durch  einer    Buddhagestalt     Einblicken  zu  erretten  sind,  dann  läßt  Kuan-si- 

m^   a«    ##.     n^^\  iiiö: 

»7  im  pusar  ol  finly-qa        bur%an  körkin  körlkürür   nomlayur    qurrtyarur  (sie) 

yin     p'u-sa  jene  Greschöpfe  eines  Buddha     Gestalt  sehen,         predigt  (ihnen)   und  befreit  (sie). 

28  prtikabut  körkin     qurtulyu  t'inlylar  ärsär  yp,nmi  'im  pusar  ol 

AVenn  es  durch  eines  Pratyekabuddha  Gestalt  zu  erlösende    Geschöpfe    sind,  so  läßt  K.  jene 

m.\<X^-^\%  #,  t#;g=i\  iO  V'inly- 

[Geschöpfe 

»9  -lar-qa     prtikalmt      körki'm  (sie)  körtki'triip    nomlayur  qutyarur     o  o     hlrök 

eines      Pratyekabuddha     Gestalt  sehen,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).    Wenn  es  durch 

[der  Srävakas 

30  körkin  qurlulyu    t'inlylar  ärsär  quanSi  im  pusar   ol   t'inlylar-qa 

Gestalt  zu  errettende  Geschöpfe     sind,  «o  läßt  Kuan-si-yin      p'u-sa    jene  Geschöpfe  der 

31  srcklär  körkün  (sie)  laufgekleht :  körtküri'i  nomkiyu       qutyarur  birök       äzrua 

Srävakas    Gestalt  sehen,  predigt  (ihnen)  und  befreit  (sie).  Wenn  es  durch  Brahmas, 

[des  Gottes,] 

3>  körkin    qurtulyu     t'inlylar  ärsär  quansi  im  pusar  ol  t'inly-lar-qa  äzrua 

Gestalt    zu  errettende  Geschöpfe     sind,   so  läßt  Kuan-si-yin      p'u-sa    jene     Geschöpfe      Brahmas,  des 

33  tngri  hu  körkin  körtküri'i  nomlayur  qutqarur  birök    ^/jurmuzta      tngri 

Gottes,        Gestalt         sehen,      predigt  (ihnen  und)  befreit  (sie).    Wenn  es  durch    Indras,    des  Gottes, 

34  körkin   '/jurtv.lyu    t'inlylar  ärsär         yjuanSi  im  pusar   •  •    \ol\  l'inly-hr-qa 

Gestalt    zu  errettende  Geschöpfe     sind,  so  läßt  Kuan-si-yin      p'u-sa  jene       Geschöpfe 

35 myßvar     uluy 

(Indras  Gestalt  sehen  usw.).     (Wenn  es  durcli)  Mahe-svaras,  des  großen 

'    Z.  35.    Chinesisch  noch  :    Ü  J^  ||  ^  :^  #,  t#  Jg  i^",  g|l  ig  g  ^Ö^  %-  #, 
iffi  ^  ^  '/^    —  durch    Isvara.s,  des  Gottes,   Körpei-  usw. 

Phil.-M.it.  Kla.w.    1910.    Abh.  IIJ.  3 


18                                                F.W.  K.  Müllkr: 
36 pusar  ol      t'inly 

(Gottes  Gestalt  zu  errettende  Geschöpfe  sind,  so  ISßt  Kuan-si-yin  p'u-sa)  jene  Geschöpfe 


37 


(die  Gestalt  Mahesvaras  sehen  usw.). 


w  00  bu  hirök 


T.  II  Y.  18  und  T.  U  T.  10. 

(so  läßt  K.  sie  die  Gestalt) 

>  suu       baSi      tai  mngun  körkin  körtkürü     nomlayur        qittyarur  o  birök  o  o 

eines  Heerfflhrers,  Tai  tsiang-kün,  Gestalt      sehen,     predigt  (ihnen  und)  befreit  (sie.)    Wenn  es  durch 

2  bisawn  Ingri     körkin    qurtulyu    t'inlylar  ärsär  yjxanSi  'im  pusar  ol 

Vaisrauianas,  des  Gottes,  Gestalt    zu  erlösende  Geschöpfe    sind,     so  läßt    Kuan-si-yin      p'u-sa  jene 

3  t'inlylar-qa    bisamn        ingri     körkin  körtkürü  nomlayur       qurtyarur      birök 

Geschöpfe        Vaisramana,  des  Gottes,  Gestalt        sehen,     predigt  (ihnen  und)  befreit  (sie).    Wenn  m 

4  kicig  kicig  iliglar  körkin   qurtulyu    t'inlylar   ärsär  %uan^t  im 

durch   kleiner   Könige     Gestalt    zu  erlösende  Geschöpfe     sind,     so  läßt    Kuan-si-yin 

5  pusar  ol   tinly-qa  kicig  kicig  o 

p'u-sa  jene  Geschö])fe         kleiner 

iliglär  körkün  (sie)  körtkürü  nomlayu  (sie)    qutyarur    birök      uluy         ämränclär 

Könige      Gestalt  sehen,     predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).    Wenn  es  durch  der       Srefthis> 

7  atly-lar  körkin  qutrulyu   Vinly-lar  ärsär  %uanä  Um  pusar  oo  ol    t'inly- 

iind  Vornehmen 2  Gestalt  zu  erlösende  Geschöpfe    sind,    so  läßt   Kuan-si-yin    p'u-sa        jene  Geschöpfe 

8  -lar-qa  uluq  (sie)  ämränc-lär   körkin  körtkürü  nomlayur      qutyarur     birök 

der      großen  SresihTs  Gestalt     erblicken,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).  Wenn  es  durch 


6 


'    Z.  6.    So  ist  nach  den  Paralleltexten  ämränc  zu  übersetzen. 
2    Z.  7.    Wenn   01^-/7:=:   nam-haft  ist,  vgl.  ^i^^J- 


Uicjurka  II.  19 

9  iffil   tlmöi  qari        törüci  qanqtlibilyäk'irkörkim(sic)qut7-ulyut'inlylar 

der ..."  Doliiietsclier,  der  alten  Gesetzeskundigen,  dei'  alten  . . .     Weisen     Gestalt         zu  erlösende  Wesen 

»o  ....  [nrsär]  %uanM  'im  ptcsar  ol  t'inlylar-qu      igil  bilgä         törii&i        körkin 

sind,   so  lißt         Knan-si-vin      p'a-sa  jene       Wesen      eines  . .     weisen  Gesetzeskundigen  Gestalt 

"  körkürfi  (sie)  nomlayur     quiyarur  oo  birök  llci     hiJgälär  körkin  qwiulyu 

sehen,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).    Wenn  es  durch  eines  Staatsmannes  Gestalt  zu  erlösende 

[Wesen 

'»  ärsär       yjjuinä'i  im  pusar  ol  t'inlylar-qa  ilci     bilgäUir    körkin  körtkiirür  noml- 

sind,  solSfit  Kuan-si-yin      p'u-sa    jene       Wesen        eines  Staatsmannes  Gestalt       erblicken,       predigt 

'3  -ayur  qutyarur      birök    fjramnlar  körkün{sic)qurtulyu  tinlylar   ärsär  %uanSi 'im oo 

(ihnen  und)  erlöst  (sie).  Wenn  es  durch  Brahmanengostalt        zu  erlösendeWesen  sind,  so  läßt  Kuan-si-yin 

'*  pusar  o  o  ol  t'inty-lar-qa  bramnlar  körkin  körtküri'i  nomlayur  qutyarur  o  o  Mrök 

p'u-sa  jene     Gesciiöpfe     eine  Brahnianengestalt  erblicken,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).       VVenn 

'5  toyun  (sie)        smnml      upast    upasanclar  körkün(^\c)iiurtulyu  tinlylar  ärsär yjxan- 

es  durch  Mönchs-,  Nonnen-,  Laienbnider-  oder  -scli"  cster-Gestalt       zu  erlösende  Wesen  sind,  so  zeigt  Kuan- 

'«  a  'im  pusar   ol  t'inlylar-qa  toyun  (sie)    smnanr       upas'i  upasunclar 

si-yin      p'u-s«  jenen       Wesen        .Mönchs-,  Nonnen-,     Laienbruder-  oder  Laienschwester- 

•^  körkin  körtküri'i  nomlayur  qut^/arur     birök  ad'in  adin       iigä 

Gestalt,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).    Wenn  es  durch  der  verschiedenen  rulimvollen, 

.8  bilgä        ally         ytizlüg     är  ici    körkin  qurtulyu    t'inly-lar     ärsär  yjiani'i 

weisen,  vornehmen  u.  geehrten '  Männer  u.  Frauen  Gestalt  zu  erlösende  Wesen  sind,    so  zeigt  Kuan-si- 

,9  im  pusar  ol  t'inly-lar-qa    ad'in  ad'in         iigä       bilgä      atly        yüzlüy     är 

yin     p'u-sa  jenen        Wesen        der  verschiedenen  ruhmvollen,  weisen,  vornehmen  n.  ijeehrten  Männer  u. 
m. 

'    Z.  l8.    Wenn  ;/üz  hier  =  Gesicht,  vgl.  thine-s.  )^    ii.   |g(  =  Gesicht  und  Ehic. 

3" 


20  F.W.  K.  Müller: 

»o  ici      körhin  körtkürü  nomlayur        qut'^arur  o  o  birök  känö  ur'i  kdnc  qizlar 

Frauen  Gestalt,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).        Wenn  es  durch  Jünglings-  oder  Jungfrauen- 

2'  körkin  qurtul'yu    ttnl<y  (sie)  ärsär  %uanSt  im  pusar    ol  t'inly-lar-qa    känd 

gestalt    zu  erlösende  Wesen  sind,  so  zeigt  Kuan-si-yin       pu-sa  jenen      Wesen        Jünglings- 

#,  nm^.  mm  M 

"  ur'i  känö  q'iz-lar  körkin  körtkürü  nomlayur     qui'^arur   o  o    birök  tngrilär  yäklär 

oder      Jungfrauen  -  Gestalt,  predigt  (ihnen  und)  erlöst  (sie).     Wenn  es  durch  Deva-,  Yak^a-, 

"3  lu-lar   kntr-lär       asurlar     taPim  qra  %uS-lar  ma%aruklar     kiäili    kiSi  ärmäz-li 

Näga-,  Gandhapva-,         Asura-,      Garnda-,  Mahoraga-,      Manusya-,      Amanugya- 

M  körkin    qurtulyu 

Gestalt  zu  erlösende  Geschöpfe  sind-  usw. 

#^.  #JS^,  USW.  <-; 

[Ende  des  Bruchstücks.] 


Auf  der  Rückseite  Bemerkung  von  anderer  Hand  in  Pinselschrift: 

I  yßcoda      hädiz-ci  il  toz  o 

in  Chotscho  der  Maler 

=  käbunzun  6u  tutuq 
3  hägim  {bilgäm?) 


4.  T.n  Y.52,1. 

Großes  Pothiblatt.  ^" 

Inhalt:   Prinzessin  Bhadrä,  Tochter  des  Königs  Mahendrasena,  wählt  König 

Brahinadatta  als  Gatten. 

1  qunöui  bolup  yangalar  bägingä  qi'in       q'izqut 

•'....  Prinzessin  (Königin)  geworden,  will  ich  dem  Elefanten-     Fürsten     Pein  und  Zwang 

2  tägüräyin    oo     hu  munta'y  saqintp  anta    oq     batra- 

bereiten.«  Indem  sie  so      dachte,     redete  darauf   Bhadrä, 


'    Z.  23.    Chinesisch  noch   SSß-^    =  Kinnara. 


Uigurica  II,  21 

3  qtz  atas'i        bägkä  incä  tip .  .  .  \ti\di  o  o    qantßm  iduy 

die  Jungfrau,  ihren  Vater,  den  Fürsten,      so  an:  «Mein  Vater,  der  große 

t  ilig  bosuSluy       sagMöhy  bohtiazun  oo   birök 

König,  möge  nicht  betrübt  und  nachdenklich         sein!  Wemi     ■       j- ■    ■  i' 

5  tna  ....  yirtinöüdäki  bäglärkä      krgäk 

den  in  der  Welt  befindlichen     Ffli-sten     es  sich  ziemt  ...'.  ■' 

t".  .  .  .  . lar  JKirda     haru     kdlzimlär       uluy 

(dir  zu  gehorchen),  alle     mögen  sie  herkommen,  der  groß- 

7  türlüg \stayain\l)ar  yf^ng'i  kirn       '       qitip 

artigen  Gattenwahl    (svayamvara)     neuen     Tag  wollen  wir  festsetzen  und 

8  mn  känt ....[«]  [öz\-üm  ök         bäglig  taplayai- 

idi  selbst  auch  einen  fürstlichen  (Mann)  wählen  will 

9  mn  oo  bu    saiyiy  ääidip  mkintrasini  ..        ;, 

ich.-         Dieses  Wort  vernahm  Mahendrasena, 

o  .  .  \il\ig    artuqraq  .  .  .  [ög]rünöülü{/     Mü      tipditi  (sie)   oo 

der  König,  und  hocherfreut  folgendes  sprach  ei-: 

■  ai  mäning  qizvn     bilgä  biligin   mintada  (sie)  utdung 

•O     meine      Tochter!     Durch  Weisheit  hast  du  so  den  Sieg 

>  yigädting  oo  ata amranmaqin       ögründ         sävinö 

davongetragen.       Dorch  die  Liebe  zu  (deinem)  Vater  ist  Freude  und  Fröhlichkeit 

3  köngülümtä       tö oo  sn  sözlärniS     tag 

in  meinem  Herzen  entstanden;  so  wie  du  gesagt  hast, 

4  ök       yang'i  kün kntü  özüng  bäglig 

aoU  ein   neuer     Tag  (festgesetzt  werden)  und  da  selbst  mögest  einen  fürstlichen 

5  är      tapkr/il   oo     mu  ....    ol  bäglär  ymä  manga 

Mann     wählen!  So  (werden)  jene  Fürsten    auch         mir 

«  yvlay  sa\v-\ anta  ötril 

böse      Worte  (nicht  mehr  sagen  können).-     Darauf  nun, 

7  mkintrasini  ilig  tört        yingaq  .  .  .  [-t'in\  kälmü 

nachdem  Mahendrasena,  der  König,  die  von  den  vier  Himmelsriclitungen        gekommenen 

8  arqU  yalavaö-lafiy    oqtp  üc    ai-ta     kin 

Karavanen  und     Boten  gerufen  hatte,  teilte  er  die  drei  .Monate  spiter 

9  stayambar  yangi      kün    qilquluq  savlariy  barca 

für  den  Svayamvara  einen  neuen  Tag    festsetzenden    Worte         alle 

K>  olar-qa   tözü  tükädi  sözlädi  o  o  an  .  .  [i]     [ä\S^idip 

ihnen  ausführlich  mit.  Als  sie  das       gehöH     hatten. 


22  F.  W.  K.  Müller: 

äi  ol  yalava&lar  ymä  .  .  \tr\kin  ök     öz  öz     ulus- 

die  Roten  auch  eilends  jeder  in  sein  Land 

2>  -inya  bardi-lar  oo  ölrü     anta  üc      ai        ärtmäkin- 

begaben  sich  hin.  Nachdem   darauf  drei  Monate  vergangen  waren, 

»3  -gä         cambudivip-daq'i  bäglär  qafistz   vqid ....  ulus .... 

kamen  die  auf  JambudvTpa  vorhandenen  Fürsten  ohne  Ausnahme  zu  dem  Videha  (?)-Reiche 

»4  kälti-lär  oo  svayambar  yanyi  kim  qilq  ....  \uluqf\  orun- 

her.  Svayamvara 

'5  -ta  oo   öz  öz  köründJäijülüy  qati<y-l- 

>6  -lar  oo  slrayastriS  tngri     yirintäki  inyr\i\ 

Den  im  Trayastrimsat-Götten-eiche    lebenden     Göttern 

»7  tag     Ifir        iklntikä  yigädmäkläSü  yirin 

gleich  einer  mit  dem  andern  auf  dem         Wettstreitsplatze 

>8  üinöülädi-lär  o  o  anta  ötrü  yo-ngi  \küri\ 

ergötzten  sie  sich.       Darauf  also,   an  dem  neuen     Tage,    an  der  (Wahl-) 

Rückseite. 
Überschrift:  iUünc  hir  ottiz  =  III  (Blatt:)  21. 

1  orunta  sagi  qatun      tag  batra  qiz      yofiyu 

Stätte,       Sa('i  (Indras  Gemahlin),  der  Fürstin,  gleich,  kam  Bhadrä,    die   Jungfrau,     einher- 

2  kälti     00  täkräki  tapv^dt-lafinga  incä  tip  ay'itdi 

geschritten.     Ihre  sie  umgebenden         Dienerinnen  also     fragte  sie: 

3  tüziinlärim  hr  .  .  .  [^nialdati  ilig  ning   körüncliigi 

"Ihr,  meine  Edelen !  Brahmadatta,  des  Fürsten  Abzeichen  (?),  wird  wohl 

4  qayu    ärki  00       kamini   -atly       ärinc    tap'iyct-st      incä 

welches  sein?«        Ihre  Kämint    genannte  Lieblings-      Dienerin      gab  ihr  so 

5  iip  iidi  o  o  qatunum       br%madati  ilig-niny -/ 

Antwort:         »Meine  Fürstin!  König  Brahmadattas 

«  una      iraqtan  közünü   turur  00  b- \-u  oyur-dä\ 

folgend  von  weitem  sichtbar  steht  da...  [Zu  dieser  Zeit] 

7  batra  qiz  ärdini-liy  qangl .  .  .  \i-da\ olurup 

Bhadrii,  die  .Jungfrau,  auf  edelsteingeschmücktem  Wagen  sitzend 

8  'iy'in  käzikcä  yofi- bfr/jnadati 

nach  ihrem  Belieben  der  Reihenfolge  nacli  kam  daher.  Brahmadatta, 

9  iUg-ning   köriinc  .  .  .  [fng]i  tö\  r\mint(i 

des  Königs     Abzeichen  (?)  nacli  Vorschrift 


Uiguricn  IL 


23 


o  kälti     o  o    ptum  tinyji-a  täy  t tüz    sävOclig 

kam  (herbei).     Mit  ihrem  der  Padmablnme  gleichenden    lieblichen 

■  közin  bryjnadati  ilig  tapa    titril     körmäk- 

Ange      auf  König  Brahmadatta    geradezu  einen  Blick- 

j  -Hg  yamqin     idtt     oo         täv  .  .  \kiir]  .  .  .  yv/aq    saqinc 

-Strahl     entsandte  sie.     In  ihrem  Trug  und  Böses     hegenden 

3  könyülintä  yaSum  kit- turur  ärdi  o  o  öngrä 

Sinne  heimlich  war      sie.  Weil  .sie  in  einem  früheren 

4  aguntaqi  öd^         käk  özn-  ....  | /i!|//a7ii'rt/fl  br^/jnadati 

Leben      Rache  und  Haß  gehegt  hatte,  (hatte  sie)  Brahmadatta, 

5  iligiy        artuqraq  t- yortyu      barip 

den  König  noch  mehr Einhersehreitend   ging    sie  hin 

6  «  .  .  \u\pusup  otl[y\ -n  psakin' 

ond  mit  der  Supuspa  genannten  (Bhimcn-) Krone 

7  br/jnadali  iligig         aldi     oo  antn   oq  br/jriadati 

den  König  Brahmadatta  warf  sie.  Darauf  nun  Brahmadatta, 

8  ilig  batra  qiz-'iy  yjitin  quvrccy  arasinta 
der  König,  die  Prinzessin  Bhadrä  in  der  dichten       Schar  Mitte 

9  üstünki      yiy  qun&ui-i  qilt'i  oo  anta  iKiia 

zur  obersten  Hauptgemahltn  machte  er.      Darauf  wiederum  die 

jo  tört  y'ingaqdaqi  iliglär        bägUir  barca    öz  öz 

in  den  vier  Himmelsrichtungen  wohnhaften  Könige  und  Fi\rsten  sSmtlich  ein  jeder 

11  ultis-lafingn  bardilar  oo  ötri'i    ol  batra   qatun 

in  ihr  Land      gingen  sie.  Danach  die  Königin  Bhadrä  infolge  ihres 

»»  Öngrä  azuntaqi  \,'^,^n.  ytlaq\  saqind  ttltajinta  inunlay 

in  einem  früheren  Leben  gehegten  bösen       Sinnes  eine  so 

»3  osuyluy    ögrätig      qilt'i  oo  qunmi-lar-niivg  isiz 

beachaflene     Übung  vollfilhrte  sie. 

»4  yac'iz nin  oo  uziin       turqaru  Ix'iyi  l>r/jiriaäati 

lange  2^it  beständig 

>5 yalqanliirur  <irdl  oo  birök   özinyü 

täuschte  sie.  »Wenn  gegen  mich 

36 tag  nä  näyii  iä  i^lägäli  fr^jrasar 

(dem?)      gleich  irgendwelche  Tat  zu  tun  \'eranlassen  würde 


/.  14:   öd  nicht 


iXÜK  .  sondern 


(o<xf)  geschrieben,   wohl  um  es  von 


.XSK   iic  (=  3)    zu    unterscheiden,   wie  in   ähnlichei-  Weise    in    manchen  Handschriften 


ot  {=  Feuer)  von         -^ 
»    Z.  16.    Vgl.  S.  40,  Anm.  3. 


ot  (=  Gras)  in  der  Schrift  geschieden  wurde. 


I 


24  F.W.K.  Mülleh: 

27 [ol  oyu]rda     hu    muntivy    tili    tiWiynr^-'mn  tip  :■'. 

zu  der  Zeit     diesen  derartigen  Traum     träume  ich«,       so        :;  ■ 

»8 ärdi  00  anta  ötrü      batra      qatun 

Darauf  die  Königin  Bhadrä 

•^■i.  ■  [Ende  des  Blattes.] 


T.n  Y.52,2. 

'     ■    "'  Großes  Pothiblatt. 

Inhalt:  Kampf  zwisclieri  Bimbasena  |=^  Biiimasena]  und  dem  DSnion  Hidiinba. 

I  yindkä  bil .  .  [m]  utiriip        tolqaräp  öziin 

.  .  .  ihre    zarte  Hüfte  drehend    und  wendend     .... 

>  yumsaq  oylayu       adar/j.n      aquru  aqurn  mang'in 

sanft . . .  mit  jdem  Fuße    leise  auftretend,  mit  (derartigem)  Gange, 

3  yor'iyur  00;  äzuk  sögütnüng  but'iq'i     lapa 

schreitet  sie  einher.     Zu  eines  Asoka-       Baumes         Zweig  (?)     hin 

4  tltrü       cinqaru  körüp  bi/diyü  qol'in  sala 

geradeaus  sehend       .....     mit  dem  Arm  den  Säla(baum) 

5 qa    dfözi . .  [n\d . :  [ä]ki  itlgläri    barda 

...ihre  an  ihrem     Körper    befindlichen  Schmucksachen     alle         ■'■  '• 

6  yangqi .  .  [ra?J  turur  00  arduni    tonga    indä  tip 

hallten  wieder.  Arjuna,    der  Held,   also 

7  tidi .  .....  M  kilinibi         yäk-ning   qiz'i 

sprach:                  "Hidimbas,     des  Dämonen  Tochter 
»  ol     00      k  sasip  turur 

ist  das. 


9 tcocayu      qunup 

wegführen  und  *  raubend 

^o  il 00  b\u\  .  .  yirtinen  yir   suvda   dr  atly 

in  dieser       Welt,       auf  der  Erde  ein   Mann  zu  nennender 

"  kirn       bolyai  birök  .  .  .  muz-tn  ö .  .  .  ip 

wer  wird  sein?      Wenn 

"  turdaci  00  birök       atasi       kilimbi  ...,.•...       yäkkä 

wenn  er  ihrem  Vater,  Hidimba  dem  Dämon 

'    Z.  27.    Im  Original:  iüsäyäk-mn. 


Uiguriea  II.  25 

«3  yaqtn  käkär  o  o    ol  oyur-da  t \ölükin\       Mein 

nahe      kommt,  dann  zu  der      Zeit  werden  wir  unsere  Kraft 

'4  öntürgüi-biz  oo  gnta   sözläp    arcuni       longa 

anschwellen  lassen.-      So     sprechend   Arjuna,    der  Held,    ließ 

15  uzun        saöin  kidin  arqas'inta    it'ip  biläkin 

sein  langes    Haar    hinten  auf  seinen       Rücken       fallen,  seinen  Unterxrm 

■6  siqanip  anVng  aras'inla  bäling  lag  kilimhi 

•beugend,     darin        wie  in  einer  Schaukel    Hidimbas, 

17  yäk  qizin  %oymla  kötiiril  atip  nilapvJiup 

des  Dämonen,  Tochter  an  seiner  Bi-ust  hob  er  hoch  und  zu  des  Nilapuspa 

■8  athj         wgüt  alt'in  iliil    Imrdi     oo     ötrü 

genannten  Baumes    Fuß     trug  er  sie  hin.  Als  nun 

'9  atasi       kilimhi  .  .  .  \yäli\         öz  pata  ordus'inga 

ihr  Vater,  Hidimba,    der  Dimon,  !n  seinen  Palast 

»o  kälip  amraq  qizin  bulmadin  incä  tipditi  (sie)  o  o 

trat  und  seine  geliebte  Tochter  nicht  fand,    sprach  er  so: 

»I  mäning  qiz'im  qan6a  baryuq  ol  tip  täkräki 

•  Meine    Tochter,    wohin    Ist  sie  gegangen?«    Die  sein  Gefolge  bildende 

"  liri  yüklär  incä  tip  tidi-lär    oo    yäklär  uluyt 

Schar,  die  Dämonen         antworteten:  »O,  Dämonenfiirst 

'3  a  sizing  qizing'iz-ni       aröuni       longa  qunup 

!     Eure  Tochter       hat  Arjuna,  der    Held,    'geraubt 

»4  ildü  bardi     oo     Im  sac'iy  äSidip  kilimhi  yäk 

und  weggetragen."        Als  er  dieses  Wort   vernahm,  wurde  Hidimbas,  des  Dämons, 

"5  öpkäsi  tölükintä        ögsijz        lag  boll'i  oo  incü 

Zorn     in  seiner      Stärke      einem  Sinnlosen       gleich.  So 

=6  qlfi  tämirlig  tay^-din  .  .  .  örl      yatin 

wie  wenn  vom    eisernen    Berge    her  eine  Fenersbrunst 

»7  önär  ärsär  oo  nntar^  osujluy        kilimhi      yäklär 

sich     erhöbe,  solcher        Art        war  Hidimba,  dem  Dämonen- 

Rückseite. 
Überschrift:    loquzunr  üliiS  yiti  olMiS  =  IX  (Blatt:)  57. 
'  körkin/ä       öpkä  köngül-in  hüdiyü        ilgin 

Aussehen  nach,  indem  er  mit  zornigem      Gemüt  mit  Hand  und 

'  adnqin     arfuni  longay  ölürgülüg  är'uj 

PnJB      ein  den  Helden  Arjuna  mit  Tod  bedrohendes 'Gebahren  (Kommen 


'    Z.  26.   Wohl:  Calci aväla    ^|S|1|. 
PInl.-hist.  Klasse.    1910.    Ab/,.  III. 


26  F.W.K.  Müllkr: 

3  hafiy  qilip  kimacant  tay  qMtinta  kirip 

und  Gehen?)  zeigte,  in  die      Himavant-Berg-Schlucht      ging  er 

4  Ixzrifi  oo  ötrü  arruni  longa  Mlimhi  yäk- 

liinein.  Darauf  nun  der      Held  Arjuna      mit  des  Dämonen  Hidimba 

5  -ning  qizi     birlä  .  .  .  yjiaUy  cäcäk-lig  .  .  .  \!/ir]d[ä]  .  .  . 

Tochter  vereint  an  blumengeschmückter  (Stelle) 

6  oinayu  ilinöüläyü^  olur  .  .  -di  oo  traqd\in]  .  .  .  oq 

spielend  und  sich  ergötzend  verweilte.  Da  von  ferne 

7  kUnnhi  yäk  öpkäsi  .  .  [hi]rlä 

den  Dämon  Hidimba  mit  Zorn 

8  kälmiS-in       kördi  oo öril 

herbeikommen     sah  er. 

9  ymä  turmudin -/ 

Ohne    aufzustellen  [Bimbasena| 

10  tongwy       oqip  imä  tip  tidi  oo  n\ä] 

den  Helden  rief  er    und    sprach  so:  »Was 

11  yig  .  .d .  .  q  sn  ärür  sn     oo     ol      kilimbi  yäk 

bist  du?  Mit  dem  Dämon  Hidimba 

12  birlä  .s söngüSgil  o  o  birök  säning  kücüng 

streite      du!     Wenn      deine         Kraft 

•3  yitmäsä  .  .  .{r\  ant .  .  [a]  oq  mini  untäkil  vz'ir-ti'y 

nicht  ausreichen  sollte,  dann  mir  rufe  zul  Mit  dem  mit  einem  Vajra  versehenen 

14  nqin  tv^quru  t  .  .  [o]q'ip  .  .  [o]l  yäkkä   qin   q'izqut 
Pfeile                      ihn  treffend,  will  ich  jenem  Dämon    Pein  und  Qual 

15  biräyin  o  o  anta   ütr  .  .  \il\  inisi  blmbasini-i 

bereiten«.  Darauf  hob  sein  älterer  Bruder     Bimbasena, 

i6  longa  r2'ii--liy  lurzi-sin  kölnrüp  oo   l'idr^- 

der  Held,  die    Vajra-        *  Keule        hoch  und      unbekümmerten 

17  -SU  köngül-in  kilimbi  yäk      ulru     Ixird'i  oo 

Herzens       Hidimba,  dem  Dämon,  entgegen  ging  er. 

is  anta    oq     ol    kilimbi       yäk  uluy    bädük 

Darauf  nun  jeuer  Hidimba,  der  Dämon,  einen  großen,    holien 

■9  sög/ilüg         lübitidäbaru         qu .  .  .  [ngar\up        bimlxisini 

Baum      bis  ziu"  (mit  der)  Wui-zel        riß  er  heraus        und  Bimbasena, 


'  Da  oin-  doch  wohl  mit  dem  in  den  sanskrit-türkischen  Brähmi-Texteu  belegten  cac'in- 
(?ncn»TR<7^=  dlc^nl)  zusammenzustellen  ist,  so  ist  die  Grundbedeutung  der  beiden  Verba 
des  »Spielens» :  oina-  und  il-in-cii-lä-  wohl  =^  sich  jagen  und  fangen,  vgl.  av  =:  Jagd,  aw  -~  Netz 
(Krm.),  iL-  ^^  hängen,  (Tar.  Sag.)  =  stoßen  (von  Raubvögeln),  Hin-  :=  sich  anhängen,  ümcek 
—  Schlinge  (Kar.  T.).     \'gl.  Radi  off,  Wörterbuch,  s.w. 


Uigurica  II.  27 

3o  totigay  baSya    urdi  o  o  antu.  oq  bimbasini 

den  Helden,  aufs  Haupt  schlug  er.  Da      aus  Binibasenas, 

"  tonga-niny    iki    közintm       bwntnt'in  Itarca 

des  Helden,   beiden     Augen      und        Nase         überall  (alles) 

"  qan    alnp    önti  oo  ötrü   bimbasini  longa 

Blut  'spritzte  heraus.         Alsbald      Held  Bimbasena 

»3  ymä  o  o  cztrtvy  lurzi-si  üzä  kilimhi 

auch  mit  seiner  Vajra-       'Keule  Hidiniba, 

»4  yäkig         tölükin    urup  oo   anla  oq  yirdä 

den  Dänton,  mit  Kraft  schlug  er,  und  darauf  zu  Boden 

35  qaniti  o  o  braman-lar-niny  sastr-'inta  incä  tip 

'schleuderte  er  (ihn).     In  der  Brahiiianen  Lehrbuch       also 

»6  tiyür-lär  o  o  bim  ....  \basini\  longa  vstr-l'i'y  lurzi- 

sagen  sie:  «Als  Held  Bimbasena  mit  seiner     Vajra-      'Keule 

>7  -.«»■  Üzä       urmi^-ta  kilimbi  yäk      ögsüz 

ihn  geschlagen  hatte,  da  wurde  der  Dämon  HiHimba  bewußtlos 

[Ende  des  Blattes.] 


5.  T.  m  M.  185. 

Blockdriick    mit    (liier    nicht   berücksichtigten)  IiriihmigIo<;.sen,    ebenso    die  folgenden  Stücke. 

Alqu  ay'iy  yavtz  yol-lar'iy  artuqraq  uz  ar'itdaci  .  .  .  uSnisa  vicai  atly  darni. 

Uigurische  Übersetzung  der  Bannforinel : 

Sarva-durgati-pariSodhana-uitni^a-vijayU-dhäranl ' . 

%  m  M  m  "^  m.  ^  u 

[Chinesische  Seitenzihlung:]     ]  1    [==  II]. 

■  abfu        buryßn-lar        bodistt-hr  \  Text  Nr.  349:   (^1^  —  ^^) 

Vor  aller       Baddhas        und  Bodhisattvas  ' 

I 

3  yjut-lar-inga     yükünürmn  00 

Majestäten       verneige  ich  mich! 

'  Diese  DhSrani  kommt  im  chinesischen  Kanon,  Bunyiü  Nanjiö's  Catalogue  of  the 
Buddhist  Tripitaka  zufolge,  siebenmal  vor,  nämlich  als  Nr.  348 — 35a,  796,  871.  Die  beiden 
letzten  Nummern  haben  nichts  mit  unserm  Text  zu  tun,  871  hat  außerdem  eine  andere  Einleitung, 
796  ist  nur  Transkription  einer  Sanskritformel.  Von  den  anderen  Texten  .schließt  sich  bald 
der  eine,  bald  der  andere  genauer  an  unsern  uigurischen  Text  an.  Im  allgemeinen  ist  hier 
der  Text  348  abgedruckt  worden  und  349  nur  an  den  Stellen,  die  besser  zum  Uigurischen 
paßten.  —  In  unserm  Exemplar:  T'aii  XI,  Bd.  i,  S.  30  ff. 

4* 


28 


F.W.K.  Müller: 


3  anöolayu  ärür  mäning  äs'tdmis-im 

Solcher  Art     ist  mein       von  mir  Vernommenes: 

4  ytnä  bir   ödün  adt  kötrülmis 

Wiederum  zu  einer  Zeit  (befand  sich)  der  Alter-Erliabeiiste 


5  strayastris  tngri  yir-intä       sudaram 

in  der  Trayastririisat-Götter-Welt,     an  der  Sudharma- 

6  sal       atly  tngri-lär-niny       yiqüqulw^ 

sälä    genannten,    zur  Götter-  Versammlung 

[bestimmten  [Stätte] 


[Lücke.] 


Text  Nr.  348:    ^0;^^^ 

Zu  einer    Zeit      Bhagavän      befand  sich 
in  Srävasti.  Zu  der  Zeit  imter 

H  +  H     %     Vk    ^"^s 

den  33        Göttern    in  der    Su-dliarma- 
sälä- Versammlung 

\M   -    %^        ^ 

gab  es  einen  Göttersohn.    Sein  Name 
lautete  Wohl-wolmend  =  Snpratifthita. 


T.m  M.207a. 

Blockdruck. 

[Von  der  Göttermädchen  Schar] 

%ursadilu      %avsadilu     tngridäm  visai- 

umgeben      (mit  ihnen)  vereint  der  Götter  Siniies- 

-Ä7'  mänyi-lärig   qlt'i   tapinia 

Freuden  nach  Herzenslust 

täginür  ärti  o  o       munH      mundolayu  tngridäm 

genoß  er.  Während  er    solcher  Art     der  Götter 

visai-fiy  mängi-lärig  täginür-tä 

Sinnesfreuden  genoß, 

tünUi  bir     ün      äsidilH  o  o 

ließ  sich  in  der  Nacht  eine  Stimme  vernehmen: 

supiratisdit         tngri  ur'i-s'i-ntng 

•Füi-  Supratisthita,        den  Göttersohn 

yiiinc  küntä  ölgüliig  öd-i 

ist  am  siebenten   Tage     die  Todesstunde 


8  ärür    00    ol       ölüp 


yma 


öambudivip 


gekommen.     Nach  dem  Tode  wird  er  wieder  in  der  Jambudvipa- 


•    visai,  Lehnwort  aus  dem  Sanskrit:  foJCJJJ'. 


Uigurica  IL 


29 


i6 


yirtincü-tä        toqyai  o  o  anta  ymä 

weit  geboren  werden.      Dort   wieder  wird  er 

^yiti  a§un-lar'iy    täginip  o  o    tamu- 

sieben    Existenzen    durchmaclien  und  darauf  in  der  Hölle 

-ta  toymay-t  holqai  o  o  hirök       qnyu- 

wiedergeboren  werden.     Wenn  er  auch  irgendwo  und 

-ta  %aöan  yalangw^j  azun-'inta 

irgendwann      in  der  Menschenexistenz 

tojmay-'i      bolsar  ymä  o  o  anta 

wiedergeboren  werden    sollte,    so  wird  er  dann 

irindf  diqai  bolup  toya        tägliig 

bejammernswert  und    arm       sein  und  der  Kranklieit  unterworfen 

ymä  bolyai  tip  o  o  anta  ötrü 

auch      sein.-  Als  darauf 

ol     tngri  tiri-si    ol    ilnüg     äsidip 

jener      Göttersohn      diese  Stimme  vernommen  liattc, 

%oryup  ürküp  batinglap  tuu 

geriet  er  in  Schrecken,    angstvoll  wälzte  er  sich  hin  und  her,  seine 

{tiik^  tüb- 

Haarwui'zeln 

-läri  yoqaru  turup      tya    taya 

standen  zu  Berge,  zitternd     und 

tavranu    y^ayu-t'in  singar  tngri-lär 

bebend     nach  derjenigen  Himmelsrichtung,  wo  der  Götter- 

iligi  %ummzta    tngri  ärsär  o  o 

könig         Indra,        der  Gott,  sich  befinden  mußte, 

ant'in  stngar       yaqHn  bar'ip  o  o  tngri- 

nach  dieser  Himmelsrichtung   begab    er  sich  und  vor  des  Götter- 

-Jär  iligi  yjmrmuzta  tngri-ning 

königs       Indra,  des  Gottes 

aday-lar-'inta  töpüsi    üzä 

Füßen,  mit  dem  Haupte 

yükünüp         iya  laya-a   ämgäk-ä  o  o 

sich  verneigend,   zitternd  und    -o  Schmerz! 


wiedergeboren     in    Arnuit     und 
Niedrigkeit 

und    vom   Mutterleibe    an   blind. 

mm 


s  jsL  >ii»»  äse 


IJU 


t^ 


•    Zu  Z.  10—14.     Besser  paßt  hierzu  der  Text  in  Nr.  352:    -tl  jS  :^  ^  f^t  ^^  Ei 


Ä^^^- 


ao 


F.  W.  K.  MüLLEu: 


[Chinesische  Seiteiizälilang:] 


[=  m- 


'5  ä  ämgäk-ä    lip  o  o       ultyu  siqdayu 

o  Scliineiz!"     rufend,  unter  Jammern  und  Sehluchzen 

26  tnyri-lär  iliyi      yjurmuz-ta     tngri- 

zu  dem  Götterkönig  Indra,  dem  Gotte, 

"7  -kä  inM  dp  sözläli  o  o  tngri-lär 

so         sprach  er:  »0  Götter- 

28   iligi-y-a !    äsldü    yrtvyazun  o  o  nm 

liöiiig!      Zu  liören     geruhe  du.      Während  ich 

»9  incip  tngrl  yjz-lai'i-lr^       tirin 

also      \on  der        Göttermädchen  Begleitung 

3u  yjuvray  vzä  %ursndilu  %avsadilu 

und  Schar  umringt  und  mit  ihnen  vereint 

31  tngridäm        c'isai-tvy  mängi-lärig  %lt'i 

der  Göttüchlieit  Sinnesfreuden  nacli 

32  tap'im-öa  täginür-üm-tä  o  o  incä 

meinem  Belieben  genoß,  ließ  sich  so 

33  tip        im         äsidilü  o  o  supiratusdit 

eine  Stimme  vernelmien:  »Supratisthita, 

34  (ng7'i   ur'i-st  yitinc    kiln-tä 

der  Göttersohn  wird  am  siebenten      Tage 

35  ölüp  o  o  cambudivip-ta      toqmay-i 

sterben  und  auf  JambudvTpa    (wieder)geboren 


W  i3  M^  WS 


^mm 


T.m  M.207an. 

Blockdruck. 

36  bolyai  o  o  anta  ymä  yiti   azun- 

werden.  Dort  wird  er    auch  sieben  Leben 

37  -lar-'iy  täginip  tamu-ta       toqmay-'i 

durchleben  und  in  der  Hölle   (wieder)geboren 

38  holqai  o  o  birök  %ayu-ta         %a6an 

werden.  Wenn  er  auch  irgendwo  und  ii'gendwann 


i^-brtßiP 


^mmn\ 


\^ 


Uigurtca  II. 


31 


yalanyuy    azun-tnta    togniay-'i 

in  der  Menschen-Existeiiy.  wiedergeboren 

holsar  ymä  o  o  anta       ymä        irinc 

werden    sollte,       wird  er  dort    anch  bejammernswert 

diqai     bolup  o  o  toqa  täylüg     ymä 

und  arm    sein,      dem  Siechtum  unterworfen    auch 

Mqai  tip  o  o  tngri-lär  iligi-y-a 
wird  er  sein.«  0  Götterfilrst! 

anya     mn  nätäy  yjUiy'in    ärkif 

Dagegen   ich        wie         soll  ich     handeln?- 

tip  o  o  anta  ötrii  tngri-lär  ilk/i 

So  sprach  er.      Als    daranf    der  Götterköni;; 

%urtriuz-ta    tngri      supiratisdil 

Indra,  der  Gott,  des  Supratisthita, 

tnyri  ufi-si-iiiruj  ol  sat-'in 

des  Göttei'sohnes  Rede 

äsidip  ärtingü    ad'inu        miinyadu  o  o  Im 

veniommen  hatte,  wurde  er  sehr  verändert  (?)  und  geängstigt.   «Dieser 

tngri  ufi-^i      "Aflyu      yiti    azun- 

Göttei-sohn       wird  welche  sieben    Leben 

jChinesische  Seitenzählung:]   ^J   (=;  IV]. 

-lariy  täginür      ärki      tip  sayinu    o  o    hir 

dnrchleben    müssen?-    so    dachte  er  und,  wenn  es  einen 

ödün  ki-ä     nägü  ärsär        timädin 

Augenblick  anch  nur     sein  mochte,     ohne  zu  sprechen 

siik        l/olup        körti  yiti  azun- 

verharrte      er,       da  eiblicktc  er  seine  sieben  Existen/.form- 


-/a?"t«  o  o  torujuz-nung  o  o  it-ning  o  o 

-en :  eines  Schweines,       eines  Hundes, 

tükil-nihig  o  o  biöin-niny  o  o  aqu- 

eines  Fuchses,  eines  Affen,  einer  gift- 

-/«7  y'ilan-n'iny  o  o  %ara  yjui-nuny  o  o ' 

igen        Schlange,  eines  Adlers 


wiedergeboren  in  armer,  niedriger 

!    und  blind 
'     %% 

itb#tt 


mm 


Rabe, 


.Vdicr 


'   Z.  54  schließt  .sich  genauer  an  Nr.  349  iin:    ^^^A'^^^'^^ 


U.'M'M] 


^n^mu^^M^^ 


32 


F.W.K.  Müller: 


55  %arya-nmg  bu      yiti    afiy-siz 

und  eines  Raben,  (daß  er  in)  dieser  sieben,   Unreines 

56  yitädi-lär-ning  azun-'inta 

Fressenden,  Leben 

57  toqar-m  körüp  o  o  tngri-lär  illgi 

wiedergeboren  werden  würde,  sah  er,  und  der  Götterfilrst 

58  %urmuz-ta    tngi'l  ol         yiti   azun- 

Indra,        der  Gott,  (über)  diese  sieben    Leben 

59  -lar'i'^     köngül-intä    incä  saqint'i  o  o 

in  seinem  Gemöt     so     dachte  er: 

60  hu  tngri  ur'i-si  munta^i  osuy-lwi 

»Wenn  dieser      Göttersohn  derartigen 

6i  uluy    türlüg      oncsuz  särinösiz 

großen,  unangenelimen  (?),  unerträglichen 

62  ämgäk-lärig  tägingülüg  bolsar 


Leiden 

63  munga 

so  ist  für  ihn  ■ 


unterworfen    sein  soll, 

anöolayu  kälmis  ayny-ya 

von  dem  »So-Gekommenen«  (Tathägata),  Verehrungs- 


64  täkimlig  köni  tözüni  tuimis 

würdigen,      vollkonimen      verstanden  habenden  (Saniyaksanibnddha) 

65  huryßn-t'in 


ongt 


umuy 


may 


Buddlia  abgesehen  —  ein  anderer  Hoffnung-  und  Zuflucht- 

66  holtaci        kirn      ärsär  yoy  ärür  tip  o  o 


seiender,  wer  es  auch     sei,       nicht  vorhanden.« 


[Indra  begibt  sich  zu  Buddha  und 
trägt  ihm  diese  Angelegenheit 
vor.  Der  Buddha  erividert  ihm : 
.0  Götter-] 


[Lücke.] 


T.m  M.238. 

Block  druck. 


I  iligi-y-a  usnis-a  viöai     atly 

Fürst!     Es  ist  eine     Usiiisa-vijayä    genannte, 

=  ancolayu  kälmis-ning  töpü-fä 

auf  des  »So-Gekommenen»   (Tathägata)   Haupt 

3  abisik  %iMnns  o  o  alyu     ay'iy       yav'iz 

geweihte,  alle     schlechten,  schlimmen 

(sarva-  dnr- 


Uigitrica  11. 


33 


4  yol-Uir'iy  artuyray   uz    ar'itdac/i  o  o 
Wege  (Existeiiiibrmen)  zunehmend  recht  reinigende, 

g^ali  pnri-sodhnnn) 

5  örtük  tit'iy-/orty    alyti     ämyäk- 
Verdeckung  und   Hindernisse  nnd  alle     Leiden 

6  -liy  toqum-lariy     hosdaci'  artadtaci  o  o 
und  Wiedergeburten  vernichtende  nnd  /.erstörende, 

7  tamu-l'i  ythfi-ti  nrkliy'  yßn 

die  Hölle  und  die  Tier{existenr),  des  mächtigen  (nöllen)hr.rrscher8 

8  yirtinöü-sin  alyu-ni  afitdaci  o  o 

Welt  alle  diese  reinigende, 

9  ädgü  yol-ya  udustaöf  darni  l>ar 

anf  den  guten  Weg  (Existenz)  befördernde  Dhirinii  vor- 

lo  (iri'ir  o  o  tngri-Uir  iliyi-y-a  anin 

handen.  O  GölterfQrst!  Daher 

■■  Im     itsnis-a  vifai    ath/        dornt     alqu 

di«se     Ufnisa-vijayä     genannte  Bannformel,     alle 

"  oyty     yac'iz    yol-lariy    artuyray      uz- 

■>ösen,  schlimmen      Wege       mehr  und  mehr  recht  [reinigende]  .  .  . 
(CWnesiache  SeltenzShlnng:]    J(    [=  VI]. 

[Lücke.] 


(ich  flbergeb«  dir  diese  Formel] 


T,m  M.207. 

Blockdruck. 


I  (TfiqU'ya  sarit  yßyU'ya  o  o 

zum  Lesen,   zum  'Recitieren, 

>  saqinqu-ya  o  o  pisrunqU'ya  o  o  ökü- 
zum  Ube;-denken,         ijim  Üben,        zum  Verstehen, 


[ 


it. 
a 


^'^^mit 


.S>'lt#^1i4^ 


■   2.6  =  60«.. 

*    Z.  7.    Aus  ärklig  yan  ist  der  Name  des  Höllenkönigs  bei  den  Mongolen:  Ärlik  ^än 
(»Erlik  chän.)  entstanden. 
'    Z.  9  =-  udiz-. 
PhiU-Ust.  Elaste.  1910.   Abh.  III.  b 


34 


F.W.K.  Mülles; 


3  M  o  o  tap'inqu-ya  o  o  tutqu-ya  o  o 

zum  Vereliren,       zum  Festhalten, 

4  bosqunqu-ya  o  o  muntay-in        olqu  tngri 

zum  Lernen,       auf  solche  Weise,    um  aller  in  den  Götter- 

5  yirlär-intä    ärtäöi   tngri  uri- 

welten         weilenden  Göttersöhne 

6  -lar'i  birlä  (famlmdivip-taq'i       t'iidy- 

und  der  auf  Jambudvipa  befindlichen  Lebewesen 

7  -lar-ning  as'iy-tiy-i       mängiligl 

Nutzen     und      Seligkeit 

8  üdi'in      hu  darni       birlä  o  o  nnidur-nt  [!] 

willen  mit  dieser  Bannfprmel  zusammen         eine  Mudra 

9  tudusur^-mn  oo  ant  ücün  tngri-lär 

übei'gebe  ich.  Daher,        o  Götter- 

10  iligi-y-a  sini   üzä  tutquluy 

först!      durch    dich  festzuhalten  ist 

11  ol  o  o  tngri-lär  iligi-y-a  bu   darni-ni  [!] 

sie.  0  Götterfilrst!        Wenn  man  diese  Bannformel 

"  bir  yjxta  äsidsär  o  o  yüz  ndng  k{a)lp- 

einmal  hört,  so  findet  der  in  hunderttausend  Kaipas 

13*  -lärtä     y'iqnns  yjasyanrnis^  yß'incUy 

angehäuften  und    erworbenen  Tateii- 

14  örtük-läri-ning  afimay-'i  bolur  o  o 
Verhüllungen  (^=  Hindernisse)    Reinigung     statt. 

15  apin-lar  sayu  tamu-ta  o  o  y'ilqi 

In  allen  Existenzformen:  in  der  Hölle,     in  der  Tier- 

i6  apxn-'inta    o  o     ärklig     yßn-riing 

Existenz,     in  des  mächtigen  (Höllen)königs 

■7  yirtindü-sintä  o  o  prit  yirtinöü- 

Welt,  in  der  Preta-       Welt, 

i8  -sintä  o  o  asuri  oyus-'inta  o  o  incä 

im  Asura-     Stamme,  so 


m- 


M  mM-sK 


Mj 


M.. 


'    Z.  9  =  tuduz-, 

*    Z.  13—17  schließt  sich  genauer  an  Nr.  349  an:    ^  ^^  P.^  )^f=^'^  ^  ^  I 

'    Z.  13  =  yßz^an-.  ;    v 


Uü/urica  IL 


35 


[Chinesische  SeitenzälJung:]    -l-    1     [=  XI]. 

yjti  o  o  yäk  o  o  raksaz  o  o  huti  o  o  pisaöi 
wie  als  Yaksa,  Räksasa,  Bhüta,  Pisäca, 

pudani  o  o  katapudani  o  o  npasmari^  o  o  /; 

PüUna,  Katapütaiia,  Apasmära,  Hund, 

müyüz  baya  o  o  y'ilan  o  o  %at'ir  yarluy 

Gehörntes  (?),  Kröte,  Schlange,  als  bösartiges 

aäy-tiy  t'iiiyray-tiy        t'in/y   o  o  y^uS  o  o 

mit  ZShneu  und  'Klauen  versehenes  Geschöpf,  als  Vogel, 

sinyäk  o  o  titär  o  o  cöinäli  ypnguz-ta 
Fliege,  *Maiiti8(?),      Ameise,  K&fer 

ulaVi  hu  hu     ttnly-lar  azun-'inla 

und  in  deraitiger  Geschöpfe  Existenzform 

näny  %ac(m  ärsär  toyinay-'i  bohnaz 

findet  niemals  ein  (Wieder)gel>orenwerden  statt. 

tip  hilgülily    ol  o  o  adin-ta  miöolayu 

Uas  muß  man  wissen.     Anderseits  mit  den   »So- 

kälmis'lär  hirlä  tumsmuy-'i 

Gekommenen«  l'l'ath^gatas)    zusammenzutreffen 

holur  o  o  bodistc  oqus-luy     bolmay-'i 

wird  stattfinden,  zu  der  Bodhisattvagemeinitchaft  zu  gehören 

holur  o  o  uluy  tüz-tä    oqus-la 

wird  stattfinden,  in  lioher    Sippe    oder  Stamm 

toymay-'i  holur  o  o   anfa  uluy  tüz 

wiedergeboren  zu  werden  wird  stattfinden.  Wenn  es  so  eine  hohe  Sippe 

ayus  ärsär  o  o  inöä  yjt'i    o  o    uluy 

oder  Stamm  sein  soll,  z.  B.  in       einem  großen, 

sal  sögüt-kä     oqsnl'i     hraman 

dem  Sälabaum    gleiclieudeu   Brahmaneu- 

oqus-'inta  ärsär  azu  uluy    sal 

Geschlecht  oder  in  einem  dem  großen  ääla- 

söyüt-kä    oysat'i     ksatirik 

bäum       gleichenden   R.^atriya- 

oyus-'inta  ärsär    o  o    azu  uluy  sal 

Geschlecht,  oder  in  einem  dem  hohen  Sala- 


^XH^i 


•^  ist  n  ^^  m^ 


^ 


■Ty»  Kh7*  li-tl    pBi    rSri.  /XT 


Z.  20:   .Nr.  349  ilhcr.sctzt   apasmära    (w\cr  \  iclinelir  a/xifiiitari  =  Fallsüchtiger): 


n 


F.W.  K.  Müller: 


36  sögüt-M  oysat'i  siristi 

baiiiii       gleichen  aresthT-  und 

37  hai/ayui-lor  oyvs-'infa  toymay-'i 

'  Begüterter-Geschlecht        wird  er  wiedergeboren 

38  holur  tip  mn  sözläyür-mn  o  o  tngri- 
werden.       Solches  sage  icli.  0  Götter- 

39  -lär  iligi-y-a  anin  bu  darnt-nüng 

filrst!       Daher,  bis  er  durch  dieser  Formel 

Ao  küdi        küsüni     üzä     hodimant 

Kraft  und    Stäike     bis  zum  Bodhiniancja, 

41  nomluy  orun-ya       täggindä  munung 

der  Gesetzesstätte,     liingelangen  wird,  wird  er  in  diesei- 

42  ikin  aras'inta         afiy  toqum  az- 

*  Zwischenzeit  (?)  eine  reine  (Wieder)geburt  und 

[Chinesische  Seitcnzählung:]    4—  ]  1    [=  XII]. 

43  -un-uy  buhriay-'i  tapmay-'i  bolur  o  o  tängri- 

Existenz     erlangen  und  finden.  0  Göttei'- 

44  'lär  iligl-y-a  anin  bu  darni  ärsär 

fürst!     Datier,  wenn  es  sich  um  diese  Formel  handelt, 

45  uluy  liüclüg        Imsünliig  ärib-  o  o 

(so  muß  man  sagen),  groß,    krSftig    und     mächtig      ist  sie, 

46  iduy         as'iy-tiy  tusu-luy  ärür  o  o  yjutluy 

großen  Nutzen  bringend  und  vorteilhaft  ist  sie,  Glück 

47  %w-tiy  ad-l'iy    manggal-tiy  ärür  o  o 

und  Ansehen  bringend,  ruhmreich,  Segen  bringend  ist  sie. 

48  tngri-lär  digi-y-n  Vinly-lar-iüng 

0  Götterfürst!       Um  ihrer  für  die  Lebewesen  vorhandenen 

49  asty-fiy-'i   ikHtn  tisnis-a  viöai 

Nützlichkeit   willen,  lege  ich  die  UsiiTsa-vijaya 

50  atly         alyu      ay'iy       yamz     yol-lar-'iy 
genannte,    alle     schlechten,  schlininien       Wege 

51  grtuyray  uz  afitdaüi  bu     darrii-n'i\^.\ 

nielir  und  mehr  vollkommen  reinigende  Bannforniel 

52  yjidar-mn  o  o  incä  %lti    adUi-a- 

iiieder.  So        wie    das  Äditya- 


m. 


m^aü 


Uigurka  11. 


37 


53  -karhi     atly      kkir'-sü  ariy  kök 

garbha    genannte,  fleckenlose,  reine,  dem  blauen 

54  yßPiy-ya  oqsat'i  ariy  miznk 

Atber         gleich    reine,  lautere 

55  1/ruy  yasuy  mani  monduy  ärdini  inöip 

Glanzschimnier-  Mani-       Perlen-Kleinod.         so 

5«  öz  yruy-i  üzä  yaltriyu        yamyu 

mit  seinem  Glänze  funkelnd  und  schimmernd 

57  turmus      tä(j  o  o  tngri-lär  iligi-y-a 

ist        gleichsam,  o  Götterfili'st, 

58  andolayu  oy       ol      Muy     i'inly-'iy  (sie)  yyru'i 

80  eben  ist  jenes  heilige     Geschöpf  auch 

59  yoqlunmay-stz  ärür     tip  hUyiilmj  ol  00 

*  unveniichtbar,  das  muß  man  wissen. 

60  yana  ymä  indä  7,/rt  o  o  i^amhumit' 

Weiter  aucli      so       wie      das  Jambünada- 

*■  alhm  inöip  ärtingü  kkir'-,siz   lapcmiz 

gold        80  sehr        fleckenlos,    *  weich  (?), 

6a  ärtingü  ariy     mziik     ärtingü  gmramHy 

sehi'         rein    und  lauter,        sehr        beliebt  und 

«3  ärtingü  säriklig  ärür  o  o  tngriUir  iligi- 

sehr  lieblich       ist,  o  GötterfOrst, 

»4  y-a  anfolayu  oy  ol    iduy  tinly-iy  [sie)  ymä 

so        eben  ist  jenes  heilige  Gescliöpf  auch 

*5  nrtuyray  ariy         süzük  ärür  tip  bilgülüg 
sehr  rein    und    laoter  ,  das    muß  man 

««0/    00      adin    azun-Iar-ta  (.sie)  ymä 

wissen.    In  anderen  Leben  ancli 

«7  ant(ty  07         toymaij-i    Itolur  o  o  Ingrilär 

wird  demgeniiß  auch  die  Wiedergebui-t    sein.  0  Götter- 

68  iligi-y-a       %ayu    onin-la  hu 

först!     An  welchem       Orte      aucli  immer  ein  diese 


^^JIZ 


'   Z.  53  und  6i.    Diese  Orthogi'aphie  ß^MH)  ist  auch  in  das  Mongolische  ülicrgegangen. 
'    Z.  6o;  cam6una<  ent.spriclit     sH?^»^  --  Gold.     Die  chinesische  Transkription  setzt 
eine  fehlerhafte  Form  jambwian  voi'aus. 


38 


F.W.K.  Müm-er: 


69  dai'nt-ni\\]  körkitdäÖi  00  angayu  hüidtäöi 

Formel  Zeigender,  verständig  Abschreibenlassender, 

70  tutdaöi  o  o  oqidact  o  o  saril  %iltadt 

Haltender,         Lesender,  *  Recitierender 

71  tapindaSi  o  o  hosqundaSi  o  o  äsidtäöi      bar   ■ 

Verehrender,  Lernender,  Hörendei'  vorhanden 

7»  ärsäi'  o  o  ol  orun-taqi  alyu   t'inly- 
sein  wird,  dort  werden     alle  Geschöpfe 

73  -lar-Tiiny        artuyray      afiy       siizük 

in  höherem  Grade    rein  und    lauter 

74  bolmay-i  bolur  o  o    tamu-ta  toydac'i 

werden.  Für  die  in  der  Hölle  wiedergeboren  werdenden 

75  t'inly-lar-'nXny  üzülmäki  bolur  o  o 

Geschöpfe  wird  ein  Ende  gemacht  werden. 

76  tngri'lär  iligi-y-a   bu    durni-rii  [!J 

0  Götterfilrst!        Diese  Bannformel 

77  pätik^-tä  büidip  tuy     uc- 

sollte  man  in  Versen  abschreiben  lassen  und  auf  der  Fahnen-Spitze 

78  -inta  orqu-luq     ol    o  o    azu  idiz  o  o 

anbringen   lassen.  Oder  wenn  auf  einem  hohen 

.r.  [Chinesische  Seitenzählung :]   4—  I  ]  1    [=  XIII]. 

79  tay-ta  ärsär  o  o  azu  idiz    äv-tä 

Berge  es  wäi-e,  oder  einem  hohen    Hause 

8°  ärsär     o  o     azu  stup-nung   icintä 

es  wäre,  oder  in  eines        Stüpa         Inneren, 

8-  oiyiduy  ol  o  o  tngri-lär  iligi-y-a 

man  sollte  sie  anbringen  lassen.         0  Götterfürst! 

82  toy'in  smnanc    upasi  npasanc 

Wenn  es  (dann)  ein  Mönch  oder  Nonne,  Laienbruder  oder  -scliwester 

83  ärsär  o  o  azu  olar-t'in      ad'in      töz- 

wäre  oder  von  diesen  abgesehen,  edler  (Menschen) 

«4  -ün-lär       oyti  ärsär  ymü  o  o  tözün- 

Sohn   es  auch  wäre,  '  edler  (Menschen) 

85  -lär  %iz-'i  ärsär  ymä  o  o  kiin-lär  birök 

Tochter  es  auch  wäre,  wenn       solche  die  auf  der 


^  3E  w  ^ 

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(^ 


)^'^^A 


^^■ 


Uiyurira  IL 


39 


««  tw/      uc-'inta  ormis-iy   nai 

Fahnen-    Spitze    angebrachte  jene  (Fonnel) 

«7  körsär  o  o  azu  anga  yaqin  tursar 

sähen  oder      ihr        sich  näherten,  (oder) 

S8  angmintin  ariing  köligä-sl 

'sogar  nnr        ihren       Schatten 

89  läf/sär  o  o  azu  animj  tooz^-i  topray-'i 
berilhrten,        oder     ihren       Staub,    ihre  Erde, 

90  yiil'  ihn    toqiditip    täysär    ymä 

vom    Winde    getroffen,    berührten    auch: 

91  ingri-lär  iliyi-y-a       ol      l'inbi-ya 

O  Götterfürst !         daß  jenes  Geschöpf  (dann) 

9a  rmng     ay'iy     yjtiiic  buhpthiy  ay'iy 

je  eine  böse      Tat         venlhcn     und  die  bösen, 

93  ynciz        ijol-larqa       bai-yuluy        yj>ryinc 
schlimmen         JTade         betreten  würde,    l)rauclit  nicht  besorgt  und 

94  ay'inc        l>olmm    o  o    tamu-tci     ytlyt  ag- 
befllrclitet  zu  werden.  In  der  Hölle,        Tier- 

95  -un-'intn    o  o    ärkUij         %(m        yirUiidü- 

welt,       in  des  mächtigen  (Höllen)königs        ^^'clt 

96  -sintä     prit  azun-'inta  (sie)   o  o 

in  der  Pretaexistenz, 

97  asuri  oqus-'into  nän;/  loqinaz 

in  dem  Asura-Geschlecht       nie     worden  sie  (wicdcr)geboren. 

9«  tip     bilgülüg     ol  o  o  tngrilnr  iligi- 
Daa  muß  man  wissen.  0  Götterfilrgt ! 

99  y-a    ol      t'inly-iy        incip     nhfu 

Jenem  Lebewesen  ist     so       von  allen 

100  andolayu  kälmis-lär  üzä  viynkrif 

■  So-Gekommenen-  (Tathägatas)  prophezeit 

■Ol  yjMtn'is   ärip  o  o  üznllksiz       könl 

worden     und  ein  von  der  allerhöchsten,  wahrhaften 

(anattara-samyak- 


J: 


'  Z.  89.  So  toc  (Staub)  von  A/i  (Snlz)  unterschieden.  Vi;l.  oben  S.  23  w;,  «d;  o<  (Kraut), 
ot  (Feuer). 

'    2.90.    Ebenso  i/il  (Wind)  von  yt/  (Jahr)  graphiscli  getrennt. 

*  Z.  100:  vit/akril  =z  oi|(c^f| .  Dies  ist  das  Ori;,'inaI  zu  dem  verlesenen  mongolischen 
vinanggirit,   nicht  vyäkarana,   wie  Kowalewski  in  seinem  mongolischen  Wörterbüche  angibt. 


4Ö 


F.W.  K.  Müller: 


tüz  tuimay  bur/ßn  %ut'in-t'in 

Erleuchtung«-     Buddha-        Würde 
sambodhi) 

[Chinesische  Seitenzählung:]   -j- S   [=  XIV]. 

yanmay-s'iz  ävrilmäh-siz   ärür  tip 

nicht  Wanljender  und  nicht   Weichendei'     wird  er  sein.     Solches 

hlhjüUlg  ol  o  o        ayamay         aq'ir/amay      tap'intnay 
muß  man  wissen.       (Wenn  jemand)  Ehrenbezeigungen,  Verehrung 

vdnnmay        yjitip    yji-a  yar'isqu  o  o  küsP 

und  Befolgung  vollzieht,    Blumengirlanden,        ^^'eilirauch- 

tütsük     o  o      yu-a-Tiy  psak'-   türtüngil 

Räucherstäbchen,       Blnmenkrone,  Salbe 

sitip  o  o  tuy  ucruy  o  o  töpü  iart'iy-ta 

einreibt  und  mit  Fahnenspitze  (?),  Kopfzierrat  (?) 

uJat'i     idiy  tümäk-Jär  üzä 
nnd  mit  Schmuckgehängen  (?) 

[Lücke.] 


mm 
^#* 

[Der  HölIenfOrst  Yania  erscheint, 
macht  Pfijä  vor  Buddha  und  ver- 
spricht seinerseits,  den  diese  For- 
mel Besitzenden  oder  Recitie- 
renden  beständig  zu  beschQtzen 
usw.] 


T.  m  M.  185. 

Blockdruck. 

Von  den  neun  ersten  hier  weggelassenen  Zeilen  fehlt  das  mittlere  Drittel. 

[ich,  Yama,  werde  dem  diese  Formel  Besitzenden]  ! 

iy'in  idarip  küyü  köz .  .{dd]ü     ^*^|^^^^ 

nach  seinem  Wunsch  zu  folgen,  ihn  zu  schützen,  und   zu  behüten,    j 

iäginür-   , 


übernehmen. 


-mn  alyu  tamu-lar-t'in         yanturu 

Aus      allen  Höllen  ihn  zurückschicken 


-^^^^^m^^m 


'    Z.  105:  küsi  für  küzi.    Vgl.  moogol.  Icüji, 

^    Z.  106:  psah,  iranisches  Lehnwort.    Vgl.  soghdisch«»#iACkArt  '"  llandschriften- 

reste  usw.  II  S.  98  (Anhang  zu  den  Abhandlungen  1904)  und  armenisch  «^uu/^  psaJc  =  Krön«. 


Utgurica  II. 


41 


"  täginür-rnn  o  o  adi  kötrülmis-a 

will  ich  auf  mich  iietinien.     Aller    Erhabenster! 

[Chinesische  Seitenzählung:]    J—  |^    [—  XV|. 

'3  mn  iniip  utti  biltäil     bohi    täijiniir- 

ich  weide      so       ein  Dankbarkeit  Kennender    sein     elircrbietig, 

utti       bihnädäci     äruiäz ' 


III]  ^g  t{is\  -^ 


■4  -inn  o  o  nariff 


W^- 


itü^B*^^ 


nie    ein  die  Dankbarkeit        nicht  Kenneitder.- 

tip  o  o  anta      ötril  tört  nr/ßrac 

Dai-auf  begannen  die  \-ier    Mahäräja- 

tnyri-Ulr  adi  kölrü/mis-iy   üö 

götter       den  Allererhabensten  drei- 

i/ol-'i      ongaru      tägsininäk"  (fi/ip  o  o 

mal     nach  rechts  zu  zu  umwandeln  (pradaksina)  und 

adi  kötrülmis-kä       inöä  tip 

den    Allerorhabentiten  folgendermaßen 

ötündi-lär  o  o  adi  kötrülm/'j^-a    hu 

anzureden:  -Ailererhabenster !    dieser 

damt-nim^  inckä  yam/i         omy-'i 

Formel         genaue      Art      und     Weise 

birlä   o  o    yjl^ufuy       dökä       i/aivfin 
dazn  der  zu    tuenden      Kniebeugung       Art      gemäß  ihrer 

kimßrii-simä  nomloyu    yrti^jazun      Ü  fß;  t^  [J^  ü /^L '/ir 

ausfBhrlicheren  Weise  möge  (der  Buddha)  zu  verkünden      geruhen  !- 

tip  o  o  anta    ötrü  adi    kötrü/mis 
Darauf  begann  der  Allererliabenste 

inöip    o  o    tört  m%oraö  tngri-Iärkä 

alsbald  vt  den  vier    Mahäräja-        Göttern 

indä  tip  yrtiyadi  o  o  hu  darm-ning 

»o  tu  reden:  -Dieser  Formel 

bir  kün-lüg        '/jilyuluy    cökä  yang- 

aa  einem  Tage  zu  vollziehende  Kninhengnngsart 


'M^f^ 


^m%i. 


'ik^nm^tnik 


^ÄjituenÄ'/i 


>   Zu  Z.  IO-I4  paßt  teilweise  besser  Text  Nr.  349:    ^  ^D  # /©#  ^^11-©   ^'S'- 

'   Z.  17   =  täffzin: 
Pka.-hiet.  Klasse.    1910.    Ahh.  III.  6 


42 


F.  W.K.  Müli,kh: 


27  -'in       siz-lärkä  nomlay'in  o  o  yßsqa 

will  ich         euch        verkünden.  Der  kurz- 

s8  öz-lüg  yas-lty  t'inly-hr-/üng 

lebigen  Gescliöpf'e 

»9  üdün  o  o         tözün-lär         oyM  ärsär 

halber,        ob  es  nun  eines  Edelen  Sohn      sei 

30  ymä  o  o        tözün-lär        %iz'i  imip 

auch,        (ob  es)  eines  Edelen  Tochter  (sei),  solche  niflssen  an 

3-  ai-niny      bis  yyrnii-slntä    ofiy 

des  Mondes  fünfzehnten  (Tage)  sich  rein 

32  yunup        arit'imp  o  o  afiy     ton  kädiiu- 

waschen  und    säubern     und     reine  Gewänder  und  Kleider 

33  -lärüj   kädip    hacay-ta    turup 

anziehen,   im  Fasten  verharren 

34  miny  yßta   hu    dami-ni\^\  sözläsär 

tausendmal     diese     Formel  hersagen;  wenn  sie  das  tun, 

35  anta  kin  özl       yas-'i         aly'inm'is 

so  wird  danach  des  Lebens  Dahingeschwundenes 

36  0/         t'inly-ning  yana  özi  yas-'i 

für  jene    Lebewesen     wieder  eine  Lebens- 

I Chinesische  Seitenzählung:]    -i-  •iC    i=  XVI]. 


T.m  M.207. 

Blockdruck. 

Die  hier  weggelassenen  Zeilen  i — 6  entsprechen  Z.  31 — 36  des  voi-aufgehenden  Blatt«':' 

airriing  .  .  .  yasi.  . .  ;.    ■• .  _. 

7  usamay-'i '   bolur    o  o    ig-intin         käm- 

verlängerung  werden.     Von  seiner  Ki'ankheit  und  seinem  Leiden 

8  -intin  öngi  ötrülür    o  o    alyu 

getrennt,  wird  er  vyerden.     Aller 

9  örtilk  t'it'iy-lari-ning    ar'imay-'i 

Verdeckungen  und       Hindemisse       Wegräumung 


»»in  .<6 


s^ 


'    Z.  7  =  uea-. 


Uigurica  IL 


43 


o  holur  o  o  tamu-ta  ulat't  alyu    yav'iz 

wird  stattfinden.     Aus  der  Höile  und  allen  schlechten 

yol-lartin  artuyray  osmaq-'i^ 

Existenzformen  wird  er  immemiehr      erlöst 

%utrulmay-'i  bohr    o  o  angminttn       y'ihß 

und  befreit      werden.    Wenn  man  'auch  nur  etwas  die  In  der  Tier- 


3  azun-'inta  (.sie)    harnfis    %us-lar-ning 


existenz 


wandelnden 


Vögel 


(oder) 


4  käyik-lär-ning  yjiilqär^-lar-'inta 

wilden  Tiere  mit  ihi'en  Ohren 

5  ymä  hu     dwni-n'iny      ün-in 

auch   von  dieser  ßannformel    Laut 

«  iisidtürsär  o  o  ania-ta   kin     aning 

hören  läßt,  so  wird   später    für  jene 

7  ayiV  yol-t-rämj       hu  07       üzlüncü- 

schlechte  Existenzform  das  eben  ihre  Beendigung 

8  -si  ärür  tip  bilgiUüy  0/00  kim-lär 

sein.  Das  muß  man  wii^sen.      Irgendwelche, 

9  birök     uluy  ig  kam    üzä 

wenn  sie  durch    schweres  Leiden 

o  tutulup  otafi-lar  üzä  adirtlanip 

gepackt,      von  den  Ärzten       getrennt  (?), 

fittriis  yjUtnm       ärsär  ymä  0/  nnlay 

verwehrt  und  aufgegeben  (?)    auch  wären,    so  würden  (doch)  der- 

>  osuy-luy  ay'ir       ig-tin    ymä 

artige  von  der  schweren  Krankheit    aucli 

3  osmay-'i^    %utrulma^-i  bo/ur   o  o   ani/ig 

erlöst    and        befreit  werden.     Fflr  einen  solchen 

4  alyu  yaniz       yol-lurta  toymay-'i- 

wflrde  es  in  allen  schlechten  Existenzformen  für  seine  Wiedergeburt 

5  -rüng  ymä    üzülmäki  bolur  o  o   ät'öz 

auch  die  Beendigung     sein.     Nach  seines  Leibes 


mmmm 


'    /.  1 1  iiiiii  Z.  23 


44 


F.W.  K.  Müller: 


'«  %utduy-'inta  ymä  sukavati     aßy 

Niederleguiig  (s.  Tode)  wird  er  auch  in  der  Sukhavati  f^eiiaiintoii 

=7  yirtindü  (r^us-inia     to'^may-'i     bolur  o  o 

Welt  wiedergeboren  werden. 

a«  ol        oy  aning  öy     %ar'in-ta 

Das  eben  \viid  seines  aus  dem  Mutter-        Leibe 

^9  toyiiiay-Tiing  iizlünön-si  äi'iir   tip 

(Wieder)geborenworden9        Ende  sein.     Das 

30  bilgülüg  ol  o  o    ol    yjiyv,  yßyu  apxn 

muß  man  wissen.     Jener      in  welchem      Leben 

3"   -lar-ta  toysar  o  o  anta  anta  yniä 

er  auch  wiedergeboren  werden  sollte,  jeweilig  wird  er  auch 

3^  llnyji-a-n'ing         ösün-intin^   ök 

aus  einer  Lotosblume      'Innerem       eben  durch 

33  högi'm    käligin        toymay-'i     bolur  o  o 

Zauber-Erscheinung''  wiedergeboren  werden, 

34  azun-lar  (sie)  sayu  ymä  azun-'in 

in  allen  Leben  auch  wird  er  sicli  der  (übrigen)  Leben 

(ein  Jäti- 

35  ödüöi     bolur  o  o  klm       yßyu      ay'iy  %iTinc- 
orinnei'n  können.  Wenn  irgendwelche  böse      Taten 
smara  sein) 

36  -iy  yjiUac'i  t'inly-lar   ölsär  o  o  ol    t'inly 

tuende     Lebewesen  stürben  und  man  dieser  Wesen 

37  -lar  Müll   Im  darni-iViY.\  yürüng 

halber  diese     Formel        zu  den  weißen 

38  yqüst-ya      hir  otuz    %ata      söz- 

Knochen  ^   eimmd/wanzig    Mal      sprechend 

39  -läp  o  o  ol    Vinly-lar-ning  küidnng 

auf  jener  Wesen  *Leib       (und) 

10  dt'özi  iizä       sacsar  o  o  olar  incip 

Köi-per  (Erde)  streuen  würde,     so  würden  sie       also,  möge  es 


:m^' 


'      /.  32    :=:    ÖZäll-. 

-    Z.  32 — 23:  also  durch  übei'natiirliclnt  Geburt  'fP /t  =  upapäduka.   Vgl.  Schiefner, 
Buddhistische  'IViglotte,   S.  26,  Kiickseit«:  i^MM^'Hg  ="-  F^"^'^'''|—  nwngoVi&ch:  ^ubiljii  tö- 

rökil,  und  Jäsclike,   A  Tibetan-English  dictionary,  v,.  v.  sky^-ba,  S.  29. 
'    Z.  38.    Lehnwort  .tus  dem  Chinesischen:    H^Hp   kai-tn,  hai-txi. 


Uiyurlca  IL 


45 


41  tamu-ta  ärsär  azu  y'ihfi    azun-  (sie) 

in  der  Hölle  seia,  oder  in  der  tieriächen 

<»  -Hnta  ärsär  o  o  azu  ärklig  %an- 

Existenz  sein,  oder  in  des     Erlik       Klian  (Uöllenricliters) 

[Chinesische  Seiteniählung:]    4- A^    [=  XVII]. 

«  -Tang  yiründü-sintä  ärsär  o  o  azu 

sein, 


oder 


Welt 
44  prit  apm-'infa     ärsär  o  o  azu 

in  der  Preta-Existenz  sein,  oder 


45  olartin        adtn        %<tyu      aznn-lar-  (sie) 

von  diesen  abgesehen,  in  welchen  Existenzformen 

4»  -ta     toymis      ärsär  ymä  o  o  olar 

sie  wiedergeboren  wären     auch,  (so  würden)  sie 

47  indip  hu    darn'i-nHiig  kii^i       lilsiini 

also  durch  dieser        Formel         Kraft  und    Stärke 

48  üzä       ol        yuviz       t/ol-lar-t'in    osinny-'i' 

ans  jenen  schlimmen  Existenzformen       erlost      und 

49  yjutrultnay-'i  Itolur  o  o  olar  ant'irdiii  (sie) 

befreit  werden.        Sie  werden  \on  dort  (?) 

50  osup^  %utrulup    ymä  tnyrl  yir-inlä 

hinObergehen  und  befreit  werden    und     in  der  (iötterwelt 

s>   to^mcrf-'i         bolur  o  o  kim-Uir  birök       Im 

(wieder)geboren  werden.        Wenn  irgend  jemand  diese 

i>  darni-niC[\]  kün       kiin  sayu  birär 

]!annfonnel        Tag  filr  Tag      je         ein- 

53  otuz     '/ßto  sözläsär  o  o  ol  ituHp 

nndzwan/.ignial     hersagt,  so  wird  er 

54  ulxty      yirHncü-li'Kjlär  üzä  ai/aqali 

durch  die  groflen  die  Welt  Haltenden  (Lokapälas?)  ein  Verehrungs- 

55  täkiniliy    bolur   o  o    özi  yas-'i     iisun^ 

würdiger    werden,  »ein  Leben   wird     verlängert 

56  bolur  o  o       ig-siz  kätn-siz         Itolur  o  o  viängi- 
werden,  olnie  Krankheit  und  leidensfrei  wird  er  werden,     glQcklich 

'      Z.  48  OZ-. 

»    Z.  55  - .  uzun. 


n 


^ 


(=  37-38) 

^^mji  ^=37) 

:=•+— ^  (=38) 

tiCÜ^-f-h   <=39bis 

40) 

in  fl^^  (-50-5.) 

mm  ^A 


46 


r.W.  K.  Müi.i.kr: 


37  -lig  tonga-liy        holur  o  o  turyaru 

und      iiiaclit\ oll    wird  er  weiden,      beständig  wird  er  im  .,  ■.'. 

58  %inmay  %atv'lanmay'ja  tükäl-Ug 

Festwerden  und  Krstarken  vollkonunen    .    ;    ,  •  -; 

59  bolup  uluy  nirvan-ly  bulmay-i  bolur  o  o 

sein  und  das  große      Nirväna  erlangen. 

60  äföz      yjatduy-'inta      ymä  sukavati 

Nach  Ablegung  des  Leibes  wird  er  in  der  Sukhavatl 

6"  atly         yirtincü  oyus-'inta       toymaq-i 
genannten  Welt  (wieder)geboren 

62  bolur  o  o  anta  ymä  anöolayu  kälmis- 

werden     und  dort     auch  mit  den  "So-Gekommenen.   (Tathagatas) 

«3  -lär  birlä  tumsmay-'i  bolur  o  o  alyu 

zusammentrefien.  Von  allen 

64  andolayu  kälmis-lär  üzd    t'inturulmaq-'i 

»So-Gekonnueneu"   (Tathagatas)  wird  er        beseelt' 

6s  bolur  o  o  alyu  anöolayu  kälmis-lär-tin 

werden,   \on  allen  »So-Gekonuneiien«   (Tathagatas)  wii'd  er 

66  ymä  viyakrit    nly'is-'iy  Inilitiay-'i 

auch    die  Prophezeiniigs-Segiiunsj:      erlangen. 

[Chinesische  Seitenzäliluiig:]     J—  r^     [_-  XVIII|. 

67  bolur  o  o  alyu  Imr/jin-lar  ulus-lar- 

in  allen  Buddha-Kseti'as 

68  -iitta    ymä  yirtlncikj  yruimay 

wird  er   auch      die  Welt       leuchtend 

69  yaltfidmay-iy  yjilmay-'i  bolur  o  o      munung 

und  glänzend  machen.  Wenn  es  sich  um 

70  mudur-%  ärsär  Iki   ay-n-lar-ni\\\ 

die  Mudrä  dafür  handelt,  so  muß  man  die  beiden    Handflächen 

71  %avsurup  00       iki     suy  a7iffräk'-lär-ni[\]    . 

aneinanderlegen,    die  zwei  *  Zeige-  Finger 


:■■!- 


iM:  'Ö-  sä  /b. 


lä^WmJ  (=55-56) 

^f0'|'J^^(=56    -57) 

^i^M±  (=67) 

— ^  (-62^63) 

—  tTJIftlillS  [lies: 
t^]Ä|B(=66) 

—  ^T\M±  (=67-69) 

usw.-,    Fortsetzung  siehe 
neben  Z.  73    j^ 


^tm 


'  Z.  64:  Im  Cliinesischen  »wird  iliui  beständig  die  abstrtise  Bedeutung  (der  Lehre) 
ausfiilirlich  erklärt  werden«;  tin-tur-ul-  zunäch.st  wohl   >(neu)belebt  werden-. 

"  Von  hier  ab  Umstellung  im  Chinesischen.  Hier  sind  die  chinesischen  Sätze  dem 
lligurischen  entsprechend   angeordnet  worden. 

'    Z.  7 1   sie:  Mi^ßiH  .     \'^gl.  dazu   das  m<inichäische  «uriV^W^  =  «^''"^ö/t. 


Uiff  urica  11. 


47 


7»  ägip  iki   uluy  a/igr(ik-Iär-nl[\]       yapsurup 

krOmmen,  die  zwei  großen  Finger  (Daumen)  sicli  gegenseitig  bedeckon 

73  anta  basa     bu    darrii-ni  \\\    ögiilw/ 

nnd  darauf  wieder  dieser      Foi-niel  sicli  eriniieni, 

74  saytnyu/uy  o/  a  o  törtkil       mnntal  yinii 
sie  überdenken.              Kin  viereckiges  Zaubergeliege  (raanHala)  auch 

75  yjtip  o  o  tiisrük      yju-<i  cäMk-lär- 

muß  man  marhen,  wohlriechende  Blumen 

7*  -üf  tizä  nfip  o  o  ömj'i  ömji 

aneinander  reihend  hinlegen,  alle  Arten 

77  kÜM  tiUsük-lär'uj  tiHi'isiip 

Ränclierstäbchen  nnd  Räucherwerk   räuchern,  mit  dem 


78  oiuj      tizm     fökUlp  o  o  nlryu 

rechten     Knie     niederknien       mit  aller 

79  andolayu  külmis-lär-niiuj  sainadi 

•  So-Gckommenen«   (Tathägata«)  Samädhi  nnd 

«o  dyan-lari  ilzä    sayi/iu  yiiküiüip 

Dhyäna  nachdenken  und  sich  verneigen  und 

«■  anta      basa     dar/rt-m[!]  säkis  yüz 

darauf  wiederum  die  Formel         acht-  Imndert- 

8'  yßta  oy'iqultey  0/00  mu//fay  h/r  yjita 

mal    mnß  man  lesen.  Solelieran  wird  man  mit  einmaligem 

83  oytmay  üzü    kuÜi      nayut     yüz 

Lesen        die  Kofis,  Nayutas,  Hujidert 

«4  ....  {miny\  säkiz  on  säkiz  käng  ögüz- 

(und  Tausend«),      achtqndaclitzig       Gangesstrom- 


l'nrtsetzung  s.  neben  Z.79  ■) 

f^^f^  74-75) 

(=  74) 
'^t^^#  (=77) 

>ll^'^;tt#)  (=79)  ••• 

(Fortsetziings.o.  neben  Z.7 1  #) 
^Ol^i(Z.3-4f"lK-Text) 

#-#A-hA  (=84) 

m)l&l^t*0'd^^<  =  83-84) 

M)^^^  (=83) 


T.m  M.207b. 

Blockdruck. 
•täki  yjum      saninca         a^u     anöolayv 

-Sandkörnern    entsprechenden,  sämtlichen        -So- 

kälmis-Uiriy  ayamts  ay'ir-hmts  o  o 

Gekommenen«  (Tathagatas)     geehrt,        geachtet 

tapinmis  udunmls  o  o  tapiy  vduy-luy 

und  verehrt  haben,  mit  der  Verehrungs- 


# 


4g 


F.  W.  K.    MÜM,  KR 


bul'it  ilzä  tapinin'is  bolur  o  o  olar 

Wolke'  verehrt      haben.  Jene  (Buddhas) 

alyu-yun  ymä  sadu^      tiniäk-luj 

insgesamt  werden    auch  das  »trefflich!«  ausdi-Ockende 

sav'iy  sözlämäkl  bolur     o  o     ol  l'inly-'iy  (sie) 

Wort     aussprechen:  -Dieses  Lebewesen 

indip  alyu  anöolayu  kähnis-lär- 

demnach  ist  der  aus  aller  »So-Gekommenen«  (Tatliagatas) 

-riing  käntü  öz-lär-'intin  toqni'is 
eigenem         Wesen        eneugte 

oyli  ärür  tip  bllgülvg  ol  o  o 

Sohn.«  Solches  muß  man  wissen. 

örtük-silz  t'ü'iy-siz      bikjä 

In  der  nnverhrdlten,  unbehinderten,  weisen 

büiff-kä     tükäl-li/j         hoJup  o  o  uluy 

Erkenntnis  vollkommen  wird  er  werden  und  ein  mit  der  großen 

bod'istv-lar-ning  köngiÜ-'i    birlä 

Bodhisattvas  Gemüt      überoin- 

tämj  kömjül-iUj  bulmay-i    bolur  o  o 

stimmendes       Gemüt  wird  er      erlangen. 

anta  Im    dnrni-ning  yanfj-'i 

Daher  mit  dieser        Formel         Art  und 

osuy-'i  al-'i    altay-i  ilzä     tngri- 

Weise,    Mittel  und  Kunstgriff,   o  Götter- 

-lär  iligi-y-a  alyu  t'inly-lar  ymä 

fürst!       werden    alle     Lebewesen    auch 

tamu-ta        uht'i       yamz        yol-lnr-t'iu 

aus  der  Hölle     und     den  schlechten  Existenzformen 

grtuyray  osmay-f       xutrulmay-'i  bolur  o  o 

immemiehr       erlöst 


und  befreit 

[Chinesische  Seiteniähluug :] 


werden. 

4-^  [^XIX]. 


olar  alyu  finl^-lar  ymä  ariuyray 

Jene  Lebewesen        werden   auch    immermehr 


#^  (=5) 


6) 


^ 


-^^ii* 


'    Z.  3— 4  =  qslltly.    VgL  Annales  du  musee  Giiimet  II,  S.  322,  Nr.  43. 

'-  z.5=:5ng. 

'     Z.  18   :=   0Z-. 


Uitjttricd  11. 


49 


jo  arh/  ho/may-i  bohir  o  o         öz^i  yas-i 

rmn  werden,  ihr        Leben         wird 

ä>  MSW7«'  bolur  o  o  tngri-lär  iligi-y-a 

lange      dauern.  O  Götterfürat ! 

'»  sn        Äa/y)?  supiratisdll  ( 0 )       /?«;/// 

Du  nun  gehe  liiu  und  den  Snpratisihita,  den  Oötter- 

>3  urt-s'inga        Im    r/örrti-m[!]       iij'in 

söhn,       laß  diese  Bannforrael       nach  Wunsch 

'4  körliidip       äsidlärgil  o  o  tuyri-lär 

sehen       nnd       hören.  O  Götter- 

»5  iligi-y-a  ani  üzä  ol     tngri 

fiirst!  Dadurch  werden  in  jenes  Götter- 

36  uri-si-nirig   yiti    kün-tä" 

Sohnes         sieben     Tagen 


>7  fl^        ayiy  yav'iz  azun-lar-'i  (sie) 

alle  seine    sclilechten       Lebensläufe 

»8  grtuyray      ariyu        kilip  öz-i  ya.s-'i 

imnicrmehr  reinwerdend  vergehen  und   sein         Leben        wird 

»9  usun*  bolur  o  o  antn  ötrü         tnyri- 

lange     dauern.  Als     darauf  der  Götter- 

30  -lär  iligi   '/jurmuzla        tngri      incip  o  o 

fürst  Indra,        der   Gott,    solchergestalt 

3i  anöolayu  kälmis-tin  hu      öd- 

von  dem  -So-Gekonimenen-   (Tathägata)  diese  Lehren  und 

3»  -\l\ärig  sav-lafiy  ctli'p  tnginip  o  o 

Reden       entgegengenommen     hatte,  begab  er  sich  in 

33  antng  orun-'inga  bafip 

sein  Reich        hin  und 

34  supiratisdit        tngri  uri-s'inga 

dem  Snpratisthita,     dem  GSttersohn, 


[Abweichend  im  Chinesisclien:] 
Nach  Verlauf  von  jenen  sieben 
J'agen  du  mit  Su-prati.5thita 
zusammen  komme  und 
besuche  mich ! 


Ä"/i^ 


^%^ 


'    Z.  J I  =  usun. 

'    ZuZ.  26  paßt  besser  Text  351  (am  Schlüsse  der  Erzählung;  niclit  die  eigentliche  Parallel- 

stelle    .u    Z.26-.9)    -bö^ÖÄilfß-^^Öäcll^R^^^W^M- 
Phil.-hüt.  Klasse.    IflW.    Abh.  ITT.  7 


50 


F.W.K.  Müller; 


35  bu     darrii-rii  [!]     hirti  o  o  anta    ötrü 

diese  Baiinformel      übergab  er.      Darauf,     als 

3«  ol      tngri  ufi-st  yitinc   kün- 

jener      Gottessohn      bis  zum  siebenten  Tage 

37  -Mdägi  o  o  alt'i  Mm         alt'i    tun 

hin,  sechs  Tage  und  sechs  Nächte 

38  hu         darni-ta  %at'i'^lanip  o  o  ariing 

in  dieser     Formel         sich  übte,  seine 

39  alyu-s'i      tolu bolt'i  o  o   incä 

Gesamtheit  völlig  ....  wurde.  So  . . . 

40  ^It'i 


(Rest  fehlt.) 

(Fortsetzung  nach  dem  Chinesischen:  So  wurden  seine  Wünsche  sämtlich  erfüllt,  von  dem 
ihm  bestimmt  gewesenen  Leiden  aller  bösen  Existenzformen  wurde  ej'  erlöst.  Er  verweilte  auf  dem 
Bodhi-Wege  und  erfreute  sich  eines  unermeßlichen  Alters.  Schluß :  Supratisthita  preist  Buddha  nnd 
verehrt  ihn  zusammen  mit  Indra  und  den  andern  Göttern  usw.) 


6.  T.  m  M.  225. 

Blockdruck.     Doppelblatt  in  roter  Schrift. 

Alqu   anöolayu  Mlmis-lär-ning  usnir-laksan-lar-intm   önmis   adi  kötrülmis  sita- 
.  -.        -tapadra  atly  utsuqmaqs'iz  dorm. 
Uigurische  Übersetzung  der  Bannformel: 
Ärya\sarva-\tathägata-usrüsa-Sitätapatra-näutaraparäjitS-dhäranP.    — 

-^-^^fiffi  g||^||,:f^  =  T'au  16,  Band  3,  S.  225,  Rückseite  oben. 

Vor  Beginn  des  Textes  in  Rotdruck  zwei  Abbildungen :  links  Buddha,  predigend  mit 
zwei  Mönchen,  wohl  Käsyapa  und  Ananda,  rechts  die  Göttin  Sitätapaträ  mit  drei  Gesichtern. 
Attribute  in  den  drei  Armen  links  (von  vorn  gesehen  und  von  oben  nach  unten),  Haken, 
Pfeil,  Donnerkeil;  —  rechts:  Rad.  Bogen.  Schlinge.    Das  Schirm- Attribut  schwebt  iiber  der 

'  Chinesische  Transkription  dieses  Titels  in  »hidischer  Spraciic«  (^^po")-  PÖS  l'p 
^(eP^*)'|fl^iiP^.^^|i*lTl§B|^(^!=g«dehnt).|a^|j}|:Rij:^jg 

P^^PlPiP'lfiBl^PlIi- 


Uigurica  11.  51 

Göttin  und  dem  Heiligenschein.  Nebenfiguren:  zwei  Bodhisattvas.  —  Im  Texte  sind  die 
Sanskritwörter  von  Glossen  in  Brähini-Sclirift  hegleitet,  die  aber,  als  den  Zweck  der  vor- 
liegenden Arbeit  nicht  wesentticii  fördernd,  hier  übergangen   werden. 

»  namo  bud  oo  namo  dann  oo  namo        ^jfls§_t.^^ 

Vemeigung  vor  Buddha!    Veriieiguiig  vor  dem  Gesetz!    Vemeigung 

sang  o  o 

vor  der  Gemeinde! 

»  yükünürmn         alqu    buryßn-lar        bodistc-lnr  \ 

Ich  verneige  mich  vor  aller      Buddha»         und   Bodhisattvas 

3  qut-lar-'inga  o  o  yükünürmn      alqu    pratlka- 

Majestit.  Ich  verneige  mich  \or  aller  Pratyeka- 

4  Imd-lar  tözün  sracak-lar  qut-lar-inga  o  o 

baddhas  and  der  edelen        Srävakas  Majestät. 

5  yükünürmn  alqu  ada-lariy  yanturdafi        adin- 

Ich  verneige  micli  vor  der  alle      (iefaliren    umwendenden,  von  anderen 

'  -lar-qa  utsuqmay-stz  o  o  adi  kötrülmis  sita- 

unhesieglichen.  sehr    erhabenen      Sitä- 

7  -tapadri  qutmya  o  o  anfolayu  ärür  mäniny  "k^^^ 

tapaträ      Majestät.  Also  ist  mein 

«  äsidmis-im  o  o  ymä     bir  ödün  adi  kötrül-      ^ — "HlflljW^' 

Vernommenes :        aucli    zu  einer  Zeit  befand  sich  der  Allererhabenstc 

'   Z.  8.    Der  rätselhafte  .\usdruck    HJ  ■^ ^^  ixt  die  wörtliche  Übersetzung  des  tibeti- 
schen q^«<"^5|'(^^«l  {^  HildH),  wobei   [f|   dem  Q^«;^',  ^  dem  (^3i'  und  ^  dem  q^*l' 

entspricht,  das  Ganze  also  bedeutet  »sieghaft  hervorgegangen«.  So  scheint  mir  diese  Formel 
—  gegen  Ilarlez,  Vocabulaire  bouddhi(|ue  sanscrit-chinois  (T'oung-Pao  VII,  S.  360)  —  ein- 
fach zu  erklären  zu  sein.  Diese  sonderbaren,  nur  aus  dem  Tibetischen  zu  verstehenden 
chinesischen  Übersetzungen  finden  sich  übrigens  schon  in  den  Inhaltsangaben  auf  den  .Stirn- 
flächen der  Kand.schin--ßände  vom  Jahre  14 10,  Kgl.  Bibliothek,  Berlin.  —  Vielleicht  sind 
beide  Übersetzungen,  die  uigiirisclie  wie  die  chinc'iische,  der  .Sitätapaträdiiärani  schon  mit 
Benutzung  der  tibetischen  Vei-sion  hergestellt.  Daß  das  tatsächlich  vorkam  bei  diesen  späten, 
in  ungenauer  Orthographie  geschriebenen  Blockdrucken,  beweist  der  folgende,  auf  einem 
losen  Blatt  eines  Blockdrucks  erhaltene,  an  die  bekannten  Siitra-Titel  im  Kandschur  erinnernde 
Titel,  der  auch  sonst  wegen  seiner  Transkription  des  Tibetischen  bemerkenswert  erscheint: 

(Blatt  56). 

namo  buday-a  o  o   ...  [namo]       drmay-a  o  o  namasanggay-a  (  i^^^fnäiÄ^fä^jL^  j  o  o 

Verehrung  dem  Buddha  I  Verehrung  der  Lehre !    Verehrung  der  Gemeinde  I 

änätkäk   til-in-cä    ari-a    aparimiti 
(Titel)  in  indischer  Sprache:  ärya    aparimita 


52  F.W.K.  Müllkr: 

9  -ntis    strayastrk  tngri  yir-intä  sudaram-  '    'fj:  ^  -|-*  ^  ^  ^  '^ 

in  der  Trayastriiiisat-       Götterwelt,        in  der    Sudliarma- 

(guten  Gesetzes 

.o  -saUa   (#)  triyri-lär-ning  yiqilqu-[l]uy-m  ifif^^^^Jx  B  ^^ 

salä,                       der  Götter         Versaniiiilnngshalle  .  .  . 
Halle)  

[Lücke.] 
T.  IHM.  225.     Blockdruck.    (23.) 

I Chinesische  Seitenzählung:]    |||    [r=  III]. 
(Ich  verneige  mich) 

'  yirtincü-täkl  an/ßnt-lar-qa  ärtniis  ^fa^WIttf^^ 

\or  den  in  der  Welt  befindlichen  Arhants,  vor  den  in  Vergangenheit,  ^^  '  ^^ 

2  Mlmädük        közilniir  üö  ötdäki-lär-hä  o  o 

Zukunft    und  Gegenwart,  (diesen)  drei  Zeiten      lebenden, 

i  yüküniirmn  surtapan-lar-qa  o  o  yükümirmn        ^jfla^WSlJtfe^^ 

icli  verneige  mich  vor  den       Srotäpannas,  ich  verneige  mich  jjjffl  jjC  ^fe' 

(in  den  Strom  Eingetretenen) 

4  sakartakam-lar-qa  o  o  ynki'mürmn  anakam-lar-      — '^^^J^ißJx-^^ 

vor  den  Sakrdägäniins,  ich  verneige  mich  vor  den  Anäganiins,  i^  S& 

(noch  einmal  Wiederkehrenden)  (nicht  mehr  Wiederkehrenden). 

5  -qa  00  yfikünnnnn        yirtincü-tä         könin  ^JÜs^Wiftl^ÄÄ 

Ich  verneige  mich  vor  den  in  der  Welt  wahrhaft 

T.  m   M.  225.     Blockdnick.    (24.) 

1  hirjn'is-lar-qa  00  kön-in         qat  .  .  [iy]landaci-lar-  ;@^^^f§^'^>\. 

Dahingegangenen,  den  wahrhaft  sich  Bestrebenden.  ö^  ^^  S^- 

2  -qa  00  yükünürmn  tngri-lär  'irzi  {sie) -lafinya     i^)|ig^'f(ljPJi  p^^^ 

Ich  verneige  niicli  vor  den     Götter-      Rsis j  -lift  S/-  -tt  Äfc  ^& 


ayumama     m'/jiyan-a  sudur-a   o  o   iiiböt 
-tit/ur  näma  mahöyämi     sijfra.     In  tibetischer 

tit-m-cä      paqispa    (   '  jyj**^^  )    si    ( ^4f )    irjiaqdu    (     -^  t\£fi''*i  )    fnitpa    (   '  ^fitj^f  ) 
Sprache:   'p'aga-pa  Is'v  ilptig-tu  metl-pa 

.s/z  (  AJk^  )  biyau-ii  (   (dOäi^  )  tlkpa  (   L.^fiP'^ö  )  c'mpo  (   flff-**^)  yl  (  Ji^  )  imUi  (  rt^^  t<  )  oo 
£p»       "         byii-ru  t'eg-po  cen-po  i  tiido. 

'    Z.  I.    Auch   dieser  .\usdnick  :^^    entspricht   wörtlich    der   tibetischen  Volksety- 
ar/ia?it:  ^^'^^^^'^  (Keiiulevernichter),  wobei  ^^'  =  3^,  q^*|'  ~  ^r^. 


inologie  von 


Uifjurira  IL  5B 

i  yükünilrmn  piitmis  v'ityadar'i  grz'i  (sie) -lar-qa  oo     ^fliä^^ti^^^^^  B)ii 

Ich  verneige  mich  vorden vollendeten  Vidhyadhara-Rsis, 

4  ynkünürmn  sp    alq'is  öz  yas-ta       ulat'i-  •;;..'..;. 

Ich  verneige  mich  vor  den  'Siddhi-Segen,      Leben  und  anderes 

5  -lany  oo  bulm'is-larqa  oo  yükünürnm  sp    alqiK     ^  ^  j^  ^  ^       v 

Erlangthabenden.  Ich  verneige  mich  vor  den  mit  ihrem  *  Siddhi-Segen 


T.  m  M.  225.     Blockdruck.    (25.) 
I  üzä  asiy     q'ilqah    uta^-larqa  00  yükünür- 

Nutzen  zn  bringen  Vermögenden.      Ich  verneige  mich 

a  -wm  ahfu  v'ityadafi-iar-qa   ynkünürmn  ^fiw  -.•  -• 

vor       allen         Vidyadharas,        ich  verneige  mich 

3  äzrua  tngrirkä     yükünvrmn         %urmuzta  1^^      i^fB*^^ 

vor  Brahma,  dem  Gotte,  ich  verneige  mich  vor       Indra, 

*  tngri-kä  o  o  yükünnrmn  ädyülwj  uma  ^  ifls  ^  M  Ä  ^  il^  ^ 

dem  Gotte.        Ich  verneige  mich  vor  der    gütigen      Uma,  JjH  BS-^t^T  "^  i  ^' 

5  <yjat...\un\  bägi    makisvari  birlä  hirgärü-kä  ^  ..  :" . 

der  Königin,  ihrem  Fürsten:    Mahesvara      dazu      vereint  ... 

T.in  M.  225.     Blockdruck.    (15.) 
I varuni-qa  o  o  ynkünürmn  ädgülwj 

vor      V^aruna.  Icli  \enieige  mich  vor  dem  gütigen 

>  naraya[n\-qa  00  bis  uluy   niudur-lar  nzü  /'iit  iflä  Ä  ^  i^  iS^  ^  J^J 

Naräyana,       \ot  dem  mit  fünf  großen       Mudrüs  -jj^  S^  JjC.  -Jr  fiC  föi  ^tt- 

3  yüküntiirühnis-kä  00         ynkünürmn  ögrünc       ^'^  f H  :^  §^  hI -1^^ 

(dnrch  Verneigen)  Verehrten.     Ich  verneige  mich  vor  dem  Freuden- 

(Samkara,  Samvara?)' 

4  ärklig    nur/ßkadi-qa      tiripur  hatiy-iy  hoz-  E£^'^'^ 
Herrscher      Mahakala,      dem  Tripura-Stadt-Zerstörer  ('l'ripuraghna, 

s  -dad'i-qa    ...    sin        .^uburqan  arns  .  .  .  .\'inta\  "tfe  >i^  Ä  ^^  ^ '-j^ 

Tripwäntaka  usw.),  dem  in        Sti'ipa-        Mitte 

'  \';»l.  l'aiiilur,  tlu.s  i'uiitlieoti  des 'l'-schniigtsciia  lliitiiktii  Nr.  63  und  die  laniaislisclien 
Tonpakten  aus  der  Zeit  de.s  Kaisers  K'ien-liing:  h.  ^  "t  f^  ;  inongoli?<che  Transkription: 
cakra-sanMtara  (daneben   noch:  sambara,  sambar). 


54  F.W.  K.  MCm.er: 

T.  III  M.  225.     Blockdruck.    Doppelblatt.    (i6.) 
•  ärig  ornaq tapladaö'i  ana-lar  %uvrayt     — '  "^  ^  ^  J^/f  ^ 

durch  die  [an]  mächtiger 'Stelle  ...  verehrende     Mütter-      Schar' 

inatr-  gana 

»  üzä  yüMlntnrülmis-kä  oo  yükünürmn  adt        ^}^      ^Ws. 

Angebeteten  [mäti-nandij.      Ich  verneige  mich  vor  dem  Aller-  '  •jrri'i.i 

3  kötrülmis         andolayu  kälmis  oqus-      luy-qa  j    {ij^^^B^^^'^ 

erhabensten,  dem  Tathägata-  Stamm  Angehörigen, 

4  yükünürmn  ad'i  kötrülmis        linqu-a  oqus-        ^1^.^^^'^ 

Ich  verneige  mich  vor  dem  AUererhabensten,  dem    Lotos-  Geschlecht 

5  -luy {y\ükiinürmn  ad'i  kötrülmis        vöir      ^J^^W\^^ 

Angehörigen . . .  Ich  verneige  mich  vor  dem  AUererhabensten,  dem  Vajra- 

(17.) 

t [oqits-luy-qä]  00  yükünürmn         ad'i  kötrülmis     ^  jjj^ 

geschlecht  Angehörigen.    Ich  verneige  mich  vor  dorn  AUererhabensten, 

'  monöuy \ärdin]i  oqus-luy-qa  o  o  yükünürmn         ^  ^  ^  ^ 

dem  Perlen-Kleinod-Geschlecht  Angehörigen.     Ich  verneige  mich  vor   ' 
roani-     ratiia-  kulaka. 

3  ad'i  kötrülmis  il       qan  oqus-luy-qa    00       [Der  chinesische  Text  deckt  sich 

dem  AUererhabensten,  dem  Ueichs-Königs-Geschlecht  Angehörende«       ^■<'°  '''«'"  »^  "'•■^"  ■"''  <*«'»  »'g"" 

rischen.J 

4  yükünürmn  od'i  kötrülmis  is     oqus-luy- 

Ic'h  verneige  mich  vor  dem  AUererhabensten,  dem  Freunde-Geschlecht 

[Allgehörenden, 

5  -qa  o  o  yükünürmn  ad'i  kötrülmis  ärdini         ■ 

Ich  verneige  mich  vor  dem  allererhabensten      Ratna  ... 

[Lücke.] 
T.  IHM.  225.     Blockdruck.    Dopp(;ll)latt.    (6  b.) 

[Chinesische  Seiten/.äldung:]     lö     [=  Vj. 

I  mn  adÄ  kötrülmis  andolayu  kälmis  ayay-      W^Ws. 

Ich  (verneige  mich)  vor  des  allererhabensten  Tathägata,  des  verehnings- 

»  -qa  täkhnlüj      köni      tözüni     tuirnis        abi-  1    ffi^  M  3u 

würdigen,  vollkommen  erleueliteton  Amitiibha- 

'    Die  acht  Begleiterinnen  Si\  US  (iTIrt^ij.    Vgl.  auch  .Vnuale.s  du  musee  (iuinet  Jl,  S.  434, 
s.  V.  mdfri. 


4 


Uiffuria/  IL  55 

3  ta  bur%an  qut'inya  o  o  ynkünürrnn  adt  ^       ^  jj)^ 

Baddhas     Majestät.  Ich  verneige  mich  vor  des  aller- 

kötrillniis  ai/ay-qa  täkimlig  köni  töz- 

erhabensten,    verehiiingswürdigen,    vollkommen 

-üni  tuhriis  ah<obi  Imr/jin  qut'inga  o  o  ^Wj"^ 

erleuchteten      Aksobhya-Bnddhas  Majestät. 

(7  b.) 
yükünürmn  adi  kötrülmis  ancohyu  kälnm 

Ich  verneige  mich  vor  des    aliererhabensten       -So-Gekommenen« 

ayay-ya  täkimlig      köni  tözüni     tuim'is       [(Tathagata), 

des  verehrangswflrdigen,      vollkommen     erleuchteten, 

vöir  tut-dad'i        taloi  öyüz-ilg     üvätäii 

Donnerkeil  haltenden,       das  Meer        'erregenden  (anblasenden) 

hur/jan  qut'inga  o  o  yükünürmn  ud'i  kölrül-       ^fg 

Buddbas   Miyestät,  Ich  verneige  mich  vor  des  allererliabensteii 

-mis  anöoUiyu  kälrnis  ayay-qa  täkimlig 

•  So-Gekommenen<  (Tathagata),       des  ehrwürdigen 


T.  m  M.  225.     Blockdruck.    Dopprlhlatt.    (2.) 
«  köni  tözüni       tuimis    vaituri  ärdini     ^trßJ^J^ 

(ich  verneige  mich  vor)  dem  vollkommen  erleuchteten,  »Beryll-Kleinods 

(vaidürya-ratna- 

»  yrnq-lw^  odaSi-lar  iligi  tngri  Imrqan      ^^  ^ 

Glanz  besitzenden      Ärzte-    Fürsten ",  (vor  seiner)  göttlichen  Buddha- 
prabhä  bhaiMJya-räja) 

3  '/jtiVinga  (  ^  )  o  o  yükünürmn        adi  kötrülmis 

Majestät.  Ich  venieige  mich  vor  des  allererhabensten 

4  andolayu  kälmis  ayay-qa  täkimlig      köni 

•  So-Gekommenen-  (Tathagata),    des  ehrwOrdigen,        vollkommen 

5  tözüni  tuim'is    amogasiti     bur/ßn     qut- 

erleuchten         Amoghasiddha-    Buddhas   Majestät. 

(3-) 
'  -inga  o  o  yükünürmn  adt  kötrülmis  anöolayv      ^jji^ 

Ich  verneige  mich  vor  des  allererhabensten  -So- 

»  kälmis  ayay-qa  täkimlig  köni  tözüni 

Gekommenen"   (Tathagata),    des  ehrwürdigen,  volikonunen 


56  F.W.  K.  Müi.i.kk: 

tuinäs  uz  aiilmis       cäcäk-Uy         sal  söyiU-  ^^Ü- 

erleuchteten,  "VoU    erblühte  Hluinen  besitzender  säla-   Uaiim-  •'■     ■•'-• 


3 

4  -lär  iligi  yjan-'i  Imiyßn  %utinga  o  o  yükünür-      ^ 

König"  (genannten)  Buddhas     Majestät.  Ich  verneige 

5  -mn     adi,  kötrnlmis     ancolayu  kälmis  ayay 

mich  vor  des  allererhabensten    -So-Gekonnneiien"  (Tathägata),  desehr- 

T.in  M.  225.     Blockdmck.    (14.) 

[Chinesische  Seiten^älilung:]     -C     [=  VIJ. 

I  -qa  iäkindUj  köni  tözi'mi     tuim'is        yig  

würdigen,       vollkommen     erleucliteten,    "gut«n 

"  mfünki  linqu-a  cäöäk  iUyl  qan-'i 

oberen       Lotos-     Blumen-       Königs» 

3  bur%an       %ut'inga  (  ^' )  00  yükünürmn      ad'i  kötriil- 

(dieses)  Buddhas  Majestät.     Ich  verneige  mich  vor  des  allererhabensten 

4  -mis  aniohyu  kälmis  ayay-qa  täkimlig 

"So-Gekommenen»  (Tathagata),    des  ehr\vürdigen, 

5  köni  tözüni     tubins     vipasi    bur%an     qul- 

vollkonimen     erleuchteten   Vipasyi-     Buddhas  Majestät. 

[Lücke.] 
T.IIIM.  225.     Blockdruck.    Duppelblatt.    (6a.) 

[Chinesische  Seitenzählung:]     -jJ     [=;  V1I|. 

1  tuim'is  sakimuni  Jmryßn  qut'inga  00  yi/küni/r-      ^  jji^  ^  iÖS  ^  Ä  "^ 

(vollkommen)  erleuchteten  Sakyamuni-Buddhas  Majestät.   Ich  verneige  •     . 

2  -7nn         ad'i  kötrülmis  ancolayu  kälmis  ayay- 

mich  vor  des  allererhabensten  »So-Gekommenen»  (Tathagata),  des  ehr- 

3  -qa  täkimlig  köni  tözüni     tuim'is     ärdini 

würdigen,      vollkommen      erleuchteten   Ratna-  '  ■•'■ 

4  -lig  al  tngri  hw%an  qut'inga  o  o  yükünür-  J 

candra-deva-    Buddhas     Majestät.  Ich  verneige  ''      "    ' 

5  -mn         ad'i  kötrülmis  ancolayu  kälmis  ayay- 

raich  vor  des  allererhabensten  "So-Gekommeneu"  (Tathagata),  des  ehr-  ....ä;        :.-         :.'      .'  ; 

•  -qa  täkimlig  köni  tözüni     tuim'is       ärdini-  ^fa^ 

würdigen,       vollkommen      erleuchteten  -Kleinodien- 

2  -%  ucuruy-kir  iligi  hur%an  qut'inga  00  Jl  3:  'W 

Gipfel-       König-   (dieses)  Buddhas     Majestät.  j 


Uigurica  IL  57 

■m 


3  yükünürmn  ad'i  kötrülmis  ancolayu  Mlnm 

Ich  verneige  mich  vordesallererliabensten  .So-Gekoinmenen"(Tathagat!i), 

4  ayarj-qa  täkimliy  köni  tözüni     tuimis  Mc^ 

des  ehrwürdigen,  vollkommeii      erleuchteten 

5  saniantahadiri  hur-/ßn  quttnya  o  o  yükünürmn  W  W  '^  ^  fa 

tjamantabliadra-      Buddha      Majestät.         Ich  venieige  micli 

T.  m  M.  225.     Blockdruck.    (4.) 

■  ad'i  kötrülmis  anMayu  käbnis  aya'y-qa 

vor  des  allererhabeusteii  •So-Gekonimeiien>  (Tathiigata),  des  elir- 

2  täkimlig  köni  tözüni      tuimis     vairocuna  5^  ^ 

würdigen,      vollkommen       erleuchteten     Vairoi'ana- 

3  hur%an  qutinga  00  yükünürmn  adi  kötrül-       3£  filj}  ^jjig 

Buddhas    Majestät.         Ich  verneige  mich  vor  des  aliorerhabensten 

4  -mis  anöolayu  kälmis  ayay-qa  täkimlig 

•  So-Gekommenen.   (Tathägata),      des  ehrwilrdigen 

5  köni  tözüni     tuimis  a^ihnis      utpul  linf^i-  W  jfl  V®  »^  G  ^ 

vollkonimeu      erleuchteten,  -dem  aurgebiflhten  Utpala-   Lotos 

T.  IHM.  225.     Blockdmck.    (5.) 

■  -«     köz-lüji  y'it  ucruy-hr    iligi  bur//m     f^J'  BE'^ 
gleiche  Augen  besitzenden.Wohlgeruchs-Oipfel-König"  (dieses)  Buddhas 

»  qutinga  o  o  yükünürmn         alqu  huiyjin-lar  o  o  •^^ 

Majestät.  Ich  verneige  mich  vor  aller    Buddhas  und 

3  bodtstc-lar  qut-lar-'inga    o  o    köni  töz- 

Bodhisattvas         Majestät.     Vor  den  vollkommen 

4  -üni  tuim'is-lar-qa  o  o  onttn  singar  %aliy-  j^ 

Erleuchteten,  in  den  zehn  Himmelsrichtungen  sich 

5  -landaci-lar-qa  olar-qa  yükünüp  mwii  ah/u     ^fs  B  ÜJ  W^"©' 

Anstrengenden,  vor  diesen  mich  verneigt  habend,  will  ich  Jene  aus  aller  4-7| 

T.  ni  M.  225.     Blockdruck.    Doppelblatfc.    (6.) 

[Chinesische  Soitenzählung:]     t^    [=  VIII]. 

>  anöolayu  kälmis-lär-ning  usnir  lakxan-  ^B^T^^ 

•80-  Gekommenen"  (Tathägatas)  UsijTja- Abieichen 

>  -lar-int'in        önmis        ad'i  kötrülmis  sita-  4^  91  Ö 

heraus      hervorgegangene     allererhabenste     Sitä- 
nu-hitt.  KUute.   1910.   Abh.  III.  8 


58 


F.W.  K.  Müller: 


3  -tapadiri      atly     utsvqmaqsiz  uluy  yanturda- 

-tapaträ     genannte,    unbesiegliche,    große,    abwehrende 

4  -Gi-ni    sözläyür-mn  o  o  alqu      qor  ay'iy 
[l'ormel]    aussprechen.         Die  allen  *  Schimpf  und  böse 

5  tüdm  käris  qarisinaq-'iy    am'irtqurdaö'i 

'Zwietracht,   Streit  und  Widersetzlichkeit  'Besänftigende 

(7.) 

1  ärür  o  o  alqu    huti     yak         idkäk-lärly 

ist  sie,      die  alle     Bhütas,  Yaksas  und       Vampire 

2  t'itdnci  o  o  adin-lar-riing  alqu  türlüy 

Abwehrende,        die  anderer  alle      Arten     von 

3  arms-lafin       käsdäcl  alqu  ödsiiz    ölihn-  o  o 

Magie         Zerschneidende,  die  in  allen  unzeitigen  Todes- 

4  -lärdä  urnuy  may    boltaci  o  o  alqu  t'inly-lar- 

arten  Hoffnung  und  Zuflucht  Seiende,        die  alle     Lebewesen 

5  -riing  hay-hfin-t'in  ozqurdnci^  o  o  nlqu 

aus  ihren  Banden  Befreiende,  alle 


mm 


-^jimm 


T.  in  M.  225.     Blockdruck.    Doppelblatt.    (8.) 


bulqanmis   yav'iz    tül-läriy  yanturdac'i  o  o  alqu 

verwirrten        bösen       Träume      Abkehrende,  alle 

yäk        raksaz  huti-hfiyi    arladtaci  o  o  säkiz 
Yaksas,  Räksasas,      Rhütas        Vernichtende,      die  acht 

tümän         tört  ming  buti-hr'iy    bozdaci 

Myriaden  und  \  ier-  tausend      Bhütas      Verderbende, 

säkiz  otuz        yultuz-lar  %uvray-tn    ögirün- 

der  achtundzwanzig  Gestirne-  Schar         Erfreuende 

-türdäci  o  o  säkiz   uluy  kan// -hfiy  artadtaci  o  o 

die  acht  großen      Sternbilder      Zerstörende, 

(9-) 
alyu  yay'i-lafiy  yanturdac'i  o  o  qadir  (sie)  yavlay- 

alle  Feinde      Zurückweisende,  die  Harten,  Bösen 

-lafiy  hulqanmis  köngül-lüg-lärig       alqu  yav'iz 

und  verwirrte  Herzen  Besitzenden  und    alle  schlimmen 


•    Dagegen  S.  59,  11,  Z.  3  =  os-. 
'   8,  Z.  5  ^  51^. 


Uigurica  II. 


59 


3  tül-lärig    yoqatdurtaci    alqu  türlüg 

Träume     Znnichtemachendc,     alle       Ai'teii 

4  aqu  ■  bi  ln£qu    not         suv-ta  ulat'i  ada- 

Gift,      Messer,     Feuer  und  Wasser    und     Nöte 

5  -fan'7  tttda&i   o  o  alqu        üc  yavlay    yol-luy 

Abwehrende,  ans  allen,  den  drei  sclilechten  Existenzen  eigenen, 


T.  m  M.  225.    Block Jiuck. 

[Chinesisch«  Seitenzählnng:]    -^    [==  IX]. 

yflrytnö-lardtn      tartdad'i  o  o  säkiz      türlüg 

Schrecken  Herausziehende,  in  den  acht     Arten 

ödsüz  ölüni-tä      uht'i-lurta    umuy 

des  nnzeitigeo     Todes     and  so  weiter      Hoffnung 

■«■«07  boUaffi  ärür  o  o  jnunt  munöolayu  ad'in- 

und  Zuflucht  Seiende  ist  sie.     Derartig  also  (ist  sie)  die  von  anderen 

-qa  utsuy7nay-stz  uluy   qal'ir  (sie)  yaclay    uluy 

unbesiegbare,     große,  heftige,  schlimme,  große, 

(krodlia) 

küölüg  küsün-lüg  o  o  uluy    6oy-luy    yatin- 

starke,       mächtige,  große,  stralilcnde,  glänzende 

T.  m   M.  225.     Blockdruck. 
•U^  o  o  uluy  yavlay  o  o  uluy  yüri'my  o  o  uluy     yati- 

große     böse,  große    weiße,  gmße   glänzende 

(maha-krodhä)  (Pändurä)  (Alarld) 

-nadad'i  00  uluy    ('-oy-luy  uluy  psak-tiy  o  o  uluy 

große   strahlende,  große    gekrönte,  große 

yürüng  ton-lw^j  o  o  tözün  osqurdaci     tük- 

weißgekleidet«,  edle        Erlöserin,     gerunzelte 

(äryä)        (-Tärä) 

-tnis      atin-tiy    yinä  o  o   utitiis    cacXqmis 

Stirn  habende  aui-h,  siegreiche,   mächtige, 

(Bhrökuti,  Bhrkuti) 

v^ir  psak-tiy    o  o  linqu-a  blgülmj  o  o 

eine  Vajrakrnne  tragende,  eine  Lotosblume  als  Konnzeichoii  habende, 

{oc'ir 

[mit  dorn  Vajra- 


(10.) 


[Z.  I — 3  fehlen  im  Chinesischen, 
1    darauf  folgen  einige  Verse.] 


(II.) 

^mm^.m.  mm 


«0  F.W.  K.  Müller: 

T.  in  M.  225.     Blockdruck.    Doppelblatt.    (21.) 

laksan-My           adi  .  .  \ri\-qa  utsuqmaqsiz            psak-  ig    te  ^  ^|  ^  ^  ^ 

abzeiclien  veiseheiic,    von  anderen        nnbe^il^gbare,  mit  dem  Diadem  Öt 

-/«7            ymä  ök  o  o  vc'ir  tunimy-luy    khuj     köväz  ^  l^l]  i^  ^  ^  ^  f^' 

geschniüc'kfe  aucli,            mit  Vajra-       Schnabel      versehene ,  Vajra-Mauer  (!) 

ymä  o  o  ämrilinis  t kä  incip  ayat'i-  ^  ^  ^^  ^-  |it  ^  f]J- 

ancli  friedliche,     \on  den    also     geehrte,  ! 

-Im'is  o  o  ämrilinis  alt k-Ti'y  00  ulw^  ^  Ä  M  ^  Ä  3^  f^- 

friedlichen '  große 

yürüng  öngliig  tö  .  .  [zn]n  yiirüny  ton-lwy  \ 

hellfarbige,  edle,  hellgekleidete,  ] 

(22.) 

tözün  qiitqardaci  uluy  küclüg  kümn-lilg  S  ^^  j^  "Q^  3^  ^  "il^ 

edle,        befreiende,     große,    starke,         kräftige, 
(Tara) 

öliim-süz  vc'ir  s'i'nc  ....  [iq? -li]y  ymä  00     vc'ir-I'iy  >T*  ^  ^  P*]lJ  ^  M  ^ 

unsterbliche  Vajra-             'Hacke'             auch,  den  Vajra-besif/.endcn  unsterbliche  Vajra -Eisenhacken- 

(vajra-  Mutter, 

ufi-ning  oqus-'i  ....  -\tu\-t'inda(^'i  o    vc'ir  ilig-  ^WI'^'m.'^^:^^ 

Jnnglings-Stamni                          haltende,              Vajra-Hand-  '^Hll-^-^S 
kumära-  kulan-                              dharl)                  (vajra-pani) 

-lig           vcir   arv'is-      tiy      svhuy  altun  psak-  ^j^^.. 

besitzende,  Vajra-  Zauber-  besitzende  (=^  ?)      Gold-    Krone- 

(vajra-    vidyä-        dharl)  _L  HK  ä  tä  $g  i^t  -iq. 

-%             kuswnba    qu-a  onglmj    cairocana  große  rotfarbige  und  Ratna-mai..i- 

besitzende,     Kusuma-     Blunicnfarbige,      Vairocana-  Mutter. 

[Lücke.] 
T.  ni  M.  231.     Blockdiuck.     Vier  noch    znsaiiimenliängende  Blätter. 

[Chinesische  Seitonzählung:]     ^  g[    |=  XIV].  %^^M^ 

[siksil            qundcicn-hir  00  qafin-taqi  känc-ig\  ^^'^IM./^ 

[1]  die  die  ...  .  Raubenden,            [II]  die  die  Embryonen  -^  ^  'o*  ÖÖ      [^  II] 

yjmdan-lar  (  #' )  00  y^an  ictäc'i-lär  00     müncig  us-tiy-  ^j^^ß^         [=  Ul] 

•Raubenden,         [III]  die  Blut-     Trinker,  [IVJ  die  *  Uterus- FresM'i.  '«•  H^J  H'^^  Ö^      |r=lVn 

-lar                 ät    as-l'iy-lar  00      yaqr'i  as-Tiy-lar  00  -b*  1^  ÖÖ          [=^'1 

|V|  die  Fleisch-    Fresser,     f\'I|  die  I'<!tt-        Fresser, 

'     21,  Z.  3  und  4.     Wie  uiuy  qaltr,   ulw^j  yactay  (.S.  öo)  die    ./ürnige-    Er.silii-iiiungslorni 
der  Göttin,  so  sclieiiit  ämriimis  die   -.sanfte»    Form  derselben  zu  bedeuten  =  a\\'r\\  >  ^f^/jl^- 

^    Vgl.  Radioff,  AVörtei'buch,  s.  v.  .sinjiq  (Sag.)  ==  »ein  hölzerner   Keil«. 


Uigurim  IT. 


61 


r 


3  yilik  as-Ny-hr  oo  toqm'is-'iy  qundaci-lar  oo 

[VII]  die  Knochenmark-Fresser,  [Vni]  die  Geborenes  *Ranl)enden, 

4  isig  özily  qwndafi-lar  o  o  i/aqts     as-fiy- 

pX]  die  das  Leben  'Raubenden,  [X]  die  'Fettiges  Fressenden, 

5  -lar  o  o     psak  qundaöi-lar  o  o  y'id     as-Uy-lar  oo 

f XI]  die  Kranz.  *  Ranbendeii,  [XIIj  die  Wohlgenich-Fresser, 

«  tütsnk  as-tiy-lar  o  o  qu-a  ^äöäk  as-tiy- 

[XIIIJ  die  Räucherwerk-Fresser,     [XIV]  die  Blumen-     Froser, 

7  -hr  o  o  tils  yimis  as-tiy-lar  o  o      i  tafiy     as- 

[XVJ  die  Früchte-      Fresser,     [XVIJ  die  Saaten-Fresser, 

8  -tty-lar  o  o  oot-qa  (^öklämis-'uj  yitä6i- 

[XVnj  die  das  ins    Feuer      'Geschüttete  Essenden, 

9  -lär  o  o       yiriiuf  as-tiy-lar  o  o  ayty  as-tiy-lar  oo 

[XVUIJ  die  Eiter-    Fresser,    [XIX]  die  '  Tränen-  Fresser, 

">  sül  as-tiy-lar  o  o       yar  as-tiy-lar  o  o        lisip 

[XX]  die  •  Eiter-Fresser,  [XXI|  die  Speichel-Fresser,  [XXII]  die '  Ruhr- 

>■  as-tiy-lar  o  o       yinu  as-tiy-lar  o  o  qusuy  as- 

Fresser,    [XXIII]  die  ..  .    -Fresser,  | XXIV]  die  Erbrochenes 

[Fressenden, 

la  -tiy-lar  o  o         ötmis-iy  yitäci-lär    o  o  afiy-s'iz 

[XXVJ  die 'Gpiergaben  Essenden,    [XW'IJ  die  Unreine> 

13  as-tiy-lar  o  o      qatincu  as-tiy-lar  o  o        qasan'iy  i6- 

Fressenden,  [XXVITj  die  »Kot-  Fresser,  [XXVUIJ  die  'Harn-Trinkei . 
>4  -tädi-lär  o  o        nä  näyn  as-tUj-lar  o  o         köiigül-iUj 

[XXIX]  die  alles  Keliebige  Fressenden,  [XXX]  die  den  Sinn 

■5  qundaci-lar  o  o  mund.olnyu  o  o  Imlar-nincj  alqu 

'Raubenden.  Alsn  dieser  aller    und 

(uianohara) 

■*  %aiitay     Irntt-lar-m/uj  q'ilm'is  yai-ahn'is   arc'is- 

säuttlicher  Gespenster  (bhüta)         ausgeübte  Zauber- 

17  -larin       %itif,  iizd      käsdr-mn  vcir  iizä 

künste     mit  dem  Schwerte  zerhaue  ich,  mit  dem  Donueikeil  (vujni) 

i8  qasquq       ioqiyw-mn  o  o  yprmuzla  nzä  yniä 

uagle       ich  fast  (banne  ich).  l)ie  mit  Indra         auch 


^%% 

=  VI] 

ÄhI^ 

=  VII] 

:fea^55cm 

=  X] 

M^% 

=  IX] 

ÄHiflf^ 

z=  XXIV] 

ÄASm 

=  XXVII] 

'kA-\^% 

=  XXVIIl] 

-k^ms^ 

=  XXII] 

'k^% 

==  XXIX?] 

^m^ 

=  XXI] 

k%% 

=  X1X] 

Äfc^^ 

=  XXI] 

Äm^ 

—  XVIII] 

-km^^ 

L=  XXV 1 

k%% 

=  XI] 

^#Mm 

=  XII] 

k^% 

=  XIII] 

^Em. 

=  XXX] 

km% 

=  XIV] 

k^% 

=  XV] 

k1S^ 

=  XVI] 

k-mm^ 

—  XVII] 

mz^ 

Inmitten  dieser  (D 

ämoncn) 

wünsche  ich  Frieden  und  Glück  zu 
erlangen  (vgl.  S.  64  T.  III  M.  182 

Z-  9), 

Jener       aller    und 

siimtlichor    Dämonen     ausgeübte 
Zauberkunst     hiermit 


62 


F.W.  K.  Müller: 


yßilmls     arryis-'in    Msär-mn  qasquq     toq'i- 

verübte      Ziiulierkunst       zerliaue    idi,  ich    nagle    sie  fest, 

•yur-mn  o  o  taliadakini-lar-tiing  qtlmis        arv'is 

der     Däkas'  und  Dakinis     ausgeübte  Zauberkunst 


zerschneide     ich    und    mit    dem 
Stößel  •  schlage  ich  sie. 


T.ni  M.  225.     Blockdruck.     (59.) 


....  [in]    käsär-mn        qasquq  toq'ii/ur-[mn] : 

haue  ich  durch  und    nagle  ich  fest.         Der 

....  [ni]>i(/    qiJmis        arv'is-m       käsär-mn       qasq- 

vollzogene    Zauberhandlung    zerhaue  icli  und  nagle 

...  [uq  tö\qiyur-mn  00  pnrivaracaki-lar-riing    qil-         5§^^^jS: 

ich  fest.  Der  Parivräjakas        vollzogene       Umherschweifenden 

.  .  .  \rnis\     arv'is-lar-'in    käsär-mn        qasquq  toyiyur-      ^WjJ.j^jtt^^^l'^ 

Zanberhandlungen  zerliaue  ich  und     nagle       ich  fest.  f^  -J^ 

narayani-rCing  yßnäs  arms-'in  käsär-mn  00         ^^^^^f^  usw. 

Den  von        Naräyana        vollzogenen    Zauber     zerhaue  ich  und  . .  .  [=  Z.  20  oben] 

[Lücke.] 


T.  m  ]y[.  225.     Blockdruck.    Doppelblatt.    (26.) 

qikms  arviS-larin      käsärmn    qasquq  .  .  .  [toqiyur-]       (Von  hier  ab  hat  der  chinesische 

vollzogene  Zauberhandlungen  durchhaue  ii'li  und  nagle  sie  fest. 

-mn       tört  singil-lär-ning  qtlmis  arv'is  .... 

Der  vier  Schwestern  verübte  Zauber- 


{oqiyur-i)in\ 
fest. 


-lartn       käsär-mn  qasquq      t  . 

handlungen     durchliaue  ich  und      nagle     sie 

karuH-riing  qtlmis       arvis  .... 

Die  von  dem  Ganula  vollzogene  Zauberhandlungon  (durchhaue  icli| 


qasquq         toqiyurmn  o  o 

und  nagle  sie  fest. 


Text    eine  andere   Heihenfolge.) 

]^mkmww'm 

zr 
m  ^) 

(Äther-Flieger  =  tibet. 
mk'a-    Iding) 


[Lücke.] 


'    Z.  19.   Mit  '}f^    und  qasquq   (lies  qazquq  :~-  ijjjl»)  ist  der  Zaiiberdolch  (^'5  oder 

^\^  =--  Pflock,  Nagel)  gemeint:  Jäschke,  Tib.  dict.,  s.  v.:  sa-p'vr  'de/>.i-pa  to  stick  such  a 
dagger  into  tlie  groiind,  whereby  tlie  subterranean  demons  are  kept  ort". 


Uigurwa  11. 

(27-) 

«  matukari-ning         dti    qiltaci 

Des  Madhukara,    des  SiddhivoUiiehers ,  den  von  dem 

>  pütmis  as'iy-tiy-ntng        q'ilm[is\  .... 

vollendeten  Vorteil  Erreichthabenden  vei-übten    Zaubci- 

3  käsär-mn  qasquq  toqti/[in'-inn]  biranggi  .  .  . 

duiflihaue  ich  und     nagle  ich  fe^t.       Des  Bhrngiriti 

4  -nim/  qilmU  arms-tn  käsär-mn  qasquq  .  . 

verübten     Zauber    dnrchhaue  ich      und 

5  toqiyur-mn  o  o  ögirihidä . .  \ci\  ärkliy  kar-  .  .  . 

nagle  ich  fe.st.     Des       erfreuenden  Herrschers  (s.  S.  53  Anm.) 

T.m  M.225.     Blockdruck 

[Chinesische  Seitenzlhlung:J   ^  t^    [^=  XVIII]. 

t \({\ucray-'i-nin(j  q'ilm'is      arcis-lafin 

(der  von  der )  Schar  vollzogene  Zauberhandlnngcn 

2  .  .  .  .  \käsär-mn\  qasquq     toqtiyur-mn  o  o  alfu  ay'iy 

(zerhaue  ich  und)  nagele  ich  fest.  Aller    bösen 

3  .  .  .  .  [-la]r-ning  qilirm       arcis-lafin     käsär- 

vollzogene  Zanberhandlungen  /.crhaae  ich 

4  .  .  ,  .  \-mn  qasquq]  toqiyur-mn  o  o  00m  adt  kötrül- 

und     nagele  ich        fest.  Gm!    Sehr  Erhabene! 


6^ 


des  Jayakara,  Madhukara  und  der 
Sar\  arthasadhakas 

Z) 

Bhr-        n-  gi-    ri-    ti 

-g-3E) 


mwmZomi 


....  \-mis-a  köz\ädzün  mini  oo  közädzün  alyu  t'inly- 

HeschOtze        mich!  Beschütze     alles  Lebendr 


der  Vita-rägas 

des  (iuliya-  pati  Vajra-  päni 

ilil 

Ich   verehre    die 
Bhagavatr       sar\  a-tathagata 
iisni^a-  sitatapaträ 

Buddliamutter. 
üeschütze  micli !     lieschfltze 
mich ! 


[Lücke.] 


64  F.W.  K.  MüLLKu: 

T.  III  M.  231.     Loses  Blockdruckblatt  mit  Dhärani. 

[Chinesische  Seitenzälilung:]     ]  1  -^  |  1     [=  XXIIJ. 

t  pt  o  o  nai  irtiyi  pt  o  o  varuni  yi  pt  maru- 

phat,  nairrtlye    phat,  varuiilye        phat,   maru- 

2  -üyi  pt  o  o  mayß  maruti  yi  pt  o  o  soomiyi 

tlye  phat,  inahä-     marutiye        phat  saumyeyi 

i  pt  o  o  isaniyi  pt  o  o  pukasiyi  pt  o  o  atarvani 

phat,  Isäniye  phat,  pulckaslye  phat,  atharvani- 

4  yi  pt  o  o  saharai  yi  pt  o  o  karsna  sabari  yi 

yc  phat,  säbareyi  phat,  kisiia-     sabariyc 

5  pt  o  o  yamatudi  yi  pt  o  o  nisi  tiu-a  caribi 

phat,         yamadütlye        phat,  cäni  (?) 

[Lücke.] 

T.  in  M.  182.     Blockdruck.     Neun  nocli  zusammenhängende  Blätter. 

1  -t'in  cai-a  tutmw^-t'in  o  o  osdaraki  tnt/nay- 

vor  der    Jaya  Griff,       vor  des  Austraka         Griff, 

2  -t'in   o  o    irivati  tutmay-t'in     o  o    carnika 

vor  des  Revafa  Griff,        vor  der  .Tämikä(?) 

3  tutmay-t'in  o  o    snkuni  tuimay-t'in    o  o    matar- 

Griff,       vor  des   Sakuna  Griff,       vor  des     Mätr- 

4  -nanti  tutmay-t'in  o  o     knnhika  tutmay-t'in  o  o 

nandl-  Griff,       vor  der  Lambika  Griff, 

5  samika  tutmay-t'in  o  o     alamhana  iidmay- 

vor  der  Samikä        Griff,      vor  der  Älambhanä       Griff, 

6  -t'in    o  o    takini  tutmay-t'in  o  o  kadatakini  tutmay- 

vor  der  Däkinl  Griff,  der     KatadäkinT        Griff, 

7  -tm  o  o  katangkada  mali-ta  ulat'i-lar-n'ing 

des  Kataökatamäli  und  vor  den  durcli  der  übrigen 

8  tutmay-liy  ada-lar-'int'in  alyu  tutdaci- 

Packen  hervorgerufenen  Nöten  und  \or  allen    Fängern 

9  -lar-t'in  ine  äsän  qilzun  mini  oo     Imu  (MSfe^t^"^^^ 

Ruhe  und  Frieden  schaffe  mir!     [I]  Diese,  die  =^  S  6i  1 

10  siksil  qundaffi-lar  qar'in-taqi     känö-ig 

'Raubenden,  [IIJ  die  im  Leibe  befindlichen   Jungen  | 


Uigurica  IL  65 

[Von  hier  ab  identisch  mit  T.  III  M.  231,  vgl.  S.  60 — 61.] 
[Chinesisciie  Seitenzählung:]    1  |  -f"  S  [=  XXIV]. 

"  %undaci-lar  o  o  yßn  ictäöi-lär  o  o       mnncig  as-lty- 

•  Raubenden,      [EEI]  die  Blut-Trinker,  [IV]  die  'Uterus-    Fresser, 

"  -lar  o  o  ät    as-liy-lar  o  o  yaqfi  as-tiy-lar  o  o 

[V]  die  Flei.sch-    Fresser,    [VI]    die  Fett-    Fresser, 

«3  1/ilik  as-tiy-lar  o  o     toqm'is-'iy  qunda&i-lar  o  o 

[VII]  die  Marie-  Fresser,  [VIII]  die  Geborenes    Raubenden, 

■4  isig  özüy  qunda^i-lar  o  o        yaqis     as-lty- 

^         [IX]  die  das  Leben  'Raubenden,  [X]  die  'Fettiges  Fressenden, 

■5  -lar  o  o     psak  qunta^i-lar      o  o  y'id      as-tiy-lar  o  o 

(sie) 

[XI]  die  Kran/.-' Raubenden,  [XII]  die  Wohlgeruoh-  Fresser, 
'(>  iiltsük  as-tiy-hr  [o  oj  qu-a  cädäk  as-tiy- 

[XIII]  die  Räuelierwerk-   Fresser,  [XIVj        die  Blumen-     Fresser, 

■7  -lar  o  o  tils  yiinis  as-tiy-lar  o  o      i  tariy     as- 

[XV]  die  Früchte-     Fresser,      [XVIj  die  Saaten-Fresser, 

■8  -tiy-lar  o  o  oot-ya  ööklämis-ig        yiirkH- 

[XVII]  die  das  ins  Feuer  'Geschüttete  Essenden, 

>9  -lär   [o  o]   yiring  as-tiy-lar  o  o         aqiy      as-tiy-lar  \o  o] 

[XVIII]  die  Eiter-    Fresser,    [XIX]  die  'Tränen-    Fresser, 

'°  sül  as-tiy-lar  o  o  yar    as-tiy-lar  o  o  lisip 

[XX]  die  Eiter-  Fresser,  [XXI]  die  Speichel-    Fresser,  [XXH]  die  'Ruhr- 

j'  as-tiy-lar  o  o  yiny  as-tiy-lar  o  o  %usuy  as- 

Fresser,  [XXIII]  die...  Fresser,  [XXIV]  die  'Erbrochenes  Fressenden, 

"  -tiy-lar    o  o     ötmis-ig      yiUUVi-lär  o  o         afiy-siz 

[XXV]  die  Opfergaben     Essenden,    [XXVf]  die  Unreines 

23  as-tiy-lar  o  o         qatinöu  as-tiy-lar  [o  o]       qasaniy 
Fressenden,  [XXVIIJ  die  'Kot-     Fresser,     [XXVUI|  die  'Harn- 

'4  i6tü6i-lür  o  o       nä  nägii  as-tiy-lar  köngül-üg 

Trinker,  [XXIXj  die  Beliebiges  Fressende»,  [XXX|  die  den  Sinn 

>5  qundaii-lar  o  o  muncolayu  Imlar-ning  alqu 

'  Raubenden.  Also  von  diesen        alle 

»6  köngül-lüg-lär      ayiy    ögü-lär    o  o    ay'iy       ögli 

mit  Sinn  versehenen,  Bü.ses  Sinnenden,  ein  böse  gesinntes 

27  köngül-lüg-lär  o  o  olar  qajtiayu  (sie)     mini     alqu  ttnly- 

Herz  Besitzendon,  diese        alle  mögen  mir  und  allen    I.ebe- 

PhU.-Mst.  Klasse.    1910.    Abh.  III.  9 


66  F.W.K.  Müller: 

"8  -larvy  ymä  o  o  közdtmäk    qilzun-lar  o  o  yasatz- 

wesen      auch  Schutz     angedeihen  lassen!     Sie  mögen  uns  am 

29  -un-lar    o  o    hiz-ni  yüz     y'il       tükäl     körkitzün- 

Leben  erhalten!     Uns     hundert  Jahre  voUkonnnen  sehen  lassen! 

30  -lär    yüz     küz  öd-lär-ig  o  o  kim-lär  ....  \c[ayu\-lar 

Und  hundert  Herbst-     Zelten.  Was  auch  immer 

[Chinesische  Seitenzählung:]    ]  j  ^  ^f^    [=  XXV]. 

3>  hirök  yäk-lär    buii    amanizi  (.sie)  ärsär-lär  o  o 

für  Dämonen,  Bhütas,  Amanusyas      es  sein  mögen, 

3»  hau       siksil  qundaci-lar  qafin-taqi    kän6-ig       » 

[I]  diese    *  Raubenden,  [II]  die  im  Leibe  befindlichen  Jungen 

33  %undaci-lar  o  o    qan      ictäöi-lär  o  o    mündig    as-tiy- 

*  Raubenden,      [HI]  die  Blut-Trinkenden,  [IV]  die  *  Uterus-Fresser, 

34  -lar  o  o  ät  as-lty-lar  [o  o]  yaqri  as-lty-lar  o  o 

[V]  die  Fleisch-  Fresser,        [VI]  die  Fett-   Fresser, 

35  yilik  as-tiy-lar  o  toqurmis-'iy     yitmi- 

[VII]  die  Mark-Fresser,  [VIU]  die  Geborenhabendes  Essenden  (s.  o.), 

36  -lär  o  o  isig  özüg  ^undaffi-lar    o  o    yaqis         as- 

[IX]  die  das  Leben      'Raubenden,  [X]  die  'Fettiges  Fressenden, 

37  -tiy-lar  o  o  psak  as-tiy-lar  [o  o]  yid   as-tiy-lar  [o  o] 

[XI]  die  Kranz-Fresser  (s.  0.),  [XII]  die  Wohlgeruch-Fresser, 

38  qu-a  as-tiy-lar  o  o  tütsük  as-tiy-lar  00  tüs 

[XIV]  die  Blumen-Fresser,  [XIII]  die  Räucherwerk-Fresser,  [XV]  die  Früchte- 

39  yimis  as-tiy-lar  00      i  tariy   as-tiy-lar  o  o  00t- 

Fresser,     [XVI]  die  Saaten-    Fresser,  [XVII]  die  das  ins  Feuer 

40  -7a  Göklämis-ig  yitäci-lär  00         Tiä  iiägü        as- 

*  Geschüttete      Essenden,  [XXIX]  die  Beliebiges  Fressenden, 

41  -tiy-lar  00  ögüg       köngül-üg  %undaci-lar  o  o      yiring 

[XXX]  die  Verstand  und      Horz  Raubenden,  [XVIII]  die  Eiter- 

4»  as-tiy-lar  o  o  aqiy  as-tiy-lar   o  o         sül  as-tiy- 

Fresser,     [XIX]  die  'Tränen-   Fresser,     [XX]  die  Eiter-Fresser, 

43  -lar  o  o         yar    as-tiy-lar  o  lisip  as-lty-lar  [o  o]     ying 

[XXI]  die  Speichel-    Fresser,  [XXII]  die  <  Ruhr-     Fresser,   [XXEl]  die 

44  as-tiy-lar  o  o       qnsuy  as-tiy-lar  o  o  ötmis-ig 

Fresser,  [XXIV]  die  Erbrochenes  Fressenden,  [XXV]  die  Opfergaben 

45  yHäöi-lär    o  o         afiy-siz  as-tiy-lar    o  o  %atindu 

Essenden,     [XXVI]  die  Unreines  Fressenden,    [XXVII]  die  *Kot- 


Uigurlca  II. 


67 


T.m  M.225.     Blockdruck. 

as-tty-lar  o  o         qasaniy  as-fiy-lar  o  o  arta?m[s]  .  . 
Fi-esser,  [XXVIIIJ  die  'Hwn-     Fresser,  die  verderbten 

köngül-liig-lär  o  o  qattr  kmgül-lng-lär  o  o  yavlay 

Gemütes,  die  harten  Gemütes,  bösen 

köngül-lüg-Iär  o  o  bulqanmis  köngül-lüy-lär  o  o 

Gemütes,  die  verwirrten  Gemütes,  die 

ay'iy    ögli      köngül-liig-lär  o  o  ingri  yäk-läri  o  o 

bös  gesiimte  Herzen  Besitzenden,     die  Götter-Dämonen, 

luu         yäk-läri  oo  rakmz  yäk-läri  oo  kantarvi     yäk- 

die  Drachen-Dämonen,  die  Raksasa-Dämonen,  die  Gandharven-Dämonen, 

T.  m  M.  225.     Blockdruck. 

[Chinesische  Seitenzälilung:]     "^^     [=  XXIVI]. 

-läri    asuri  tutdad'i-lar'i  o  o  karuti  tutdaö't-lafi  o  o 

die  Asura-     »Haltenden-  ',    die  Garuda-    -Hakenden-, 

kinori    tutdaci-lafi  mu -i  tutdad'i-lar'i  oo  yalangu^ 

die  Kinnai-a-"Haltenden",  die  [Mahoraga-]»Haltenden -,  die  Meuschen- 

tutdaö'i-lar'i  o  o  amamizi  . . .  [tut]dact-lar'i  o  o  maruti 

»Haltenden-,  die  Nicht-Menschen-         «Haltenden-,         die  Marut- 

[tutdaci- 

[ -Haltenden-, 

-lan  00  prit  tutdaöi-l . . .  [afi]  oo  . .  [p i]saiU  tutdadi-lar'i  oo 

die  Preta-       -Haltenden«,  die  Pisäia-  -Haltenden-, 

iökäk      tutd(i&i-hr'i o  o  kutnhanti  tutdacTi-lar't oo  pudani 

die  Vanipir--Haltcnden",   die  Kumbhända- -Haltenden",    dio  Piitana- 

fLücke.] 


(42.) 


(13) 

I 


vighna 


T.  in   M.225.      Blockdru.-k.     (20.) 
tutdaöi-lar'i  o  o  inntar-nanti  tutdaci-lnr'i  o  o  kanlahim-     ^^'%'^^,^' 

■Haltenden-,        die    Matrnandi-        -Hultonden-,  die  Gandhakäniinl- 

-ini  tutda&i-lar'i  o  o  alamlxini  tutdad'i-lar'i  o  o  kadatak'i- 

"Haltenden-,    die  Älanibhana-  -Haltenden«,    die  Kata-Däkinf- 

-ni  tutdaci-lar'i  o  o  katanggada-niali-ta   ulat'i  o  o 

-Haltenden-,  den  Kaiahkata-nnli     und  dazu  die 


'     13.  Z.  iff.    7J^    in    der   Bedciitmip;   Dümoii   r     ^>^'-  oder  =  inongol.  totyur,  totyj 


9* 


68 


F.W.K.  Müller: 


4  alyu         tutdaö'i  oqus-lafin-t'in   tördimis     isi- 

aus  aller  »Haltenden«  Sippen  entstandene  Fieber- 

5  -mäk-llg  .  .  .  [Mzig      igig    o  o    hir\  kün-lüg 

Periode-Krankheit,  die  einen       Tag     und  eine 


-0^ 


tün-lüg 

Nacht  dauernde 


T.  m  M.  225.     Blockdruck. 

isimäk-lig  käzig      igig 


Fieber-      Periode-Krankheit, 

iki        kün-lüg  tün-lüg       isi7näk-lig 

die   zwei      Tage     und  Nächte  dauernde       Fieber- 

käzig       igig  o  o     üc  kün-lüg  tün-lüg 

Periode-Kranklieit,  die  drei      Tage     und  Nächte  dauernde 

isimäk-lig  käzig      igig   o  o   iört  kün- 

Fieber-      Periode-Krankheit,  die  vier    Tage  und 

-lüg       tün-lüg      isimäk-lig  käzig     igig  o  o 

Nächte  dauernde      Fieber-      Periode-Krankheit. 


(44-) 
r-0^ 


i-tBrn) 


-lüg  ig-lärig  o  o  safiy    tüz-lüg  lisip  tüz- 

Krankheiten,  die  durch  die  *  Galle  verursachten,  durch  *Ruhr 


T.  ni  M.  225.     Blockdruck.    Doppelblatt.    {45). 
uzadu  isimäk-lig  ig-lärig   o  o  yiil        tüz-       \   fW  'ffii'  ^  ^ 

die  lange  Fiebeins-   Krankheiten,  die  durch  den  Wind  %erursac]iten  ^  l-jj  -^  /jh  13  ip  ^e 

-lüg  oo  sanipat     tüz-lüg       ig-lärig  oo  alyu     i^^^^^ — -^ 

verursachten,  durch  Sariinipäta  verursachten  Krankheiten,  alle 

isimäk  tüz-lüg  ig  ayriy-lafiy  '    ^^^^^ 

das  Fiebern  zum  Ursprung  habenden  Krankheiten  und       Leiden  j§5  ,^  ^^  |J4; 

[kiddrz- 

[möge  sie  entfernen! 

-Ü7i  oo  has    aqrty     igig  kidärzün  o  o   yafim  .  .  .  \   3C  ^ 

Die  Kopf-Schmerz-Krankheit  möge  sie  entfernen !  Die  einseitige       j 


(46). 

■   ät'özi  aqfimnq-tiy    igig  o  o  tapsiz  bolm  .  .  .  \oq-] 

Körper-      Schmerz-     Krankheit,  die  Kßunlust- 

2  -l'iy    igig  o  o     köz     ayi'iy      igig  o  o  bwun  nyr'i . .  [7] 

Krankheit,  die  Augen-Sclimerz-Krankheit,     Nasen-     Weil- 


Uiyurica  II. 


69 


3  igig  ay'iz   ayrty      üjiy  o  o  bayuz  ayr'iy     igig 
Krankheit,  die Mand-Schmerz-Krankheit,  die Hals-Schmeiz-Kraiiklieit, 

4  yüräk    ayr'iy      igig  oo    öngüö  ayr'iy   igig  oo  qulqq(s'ic) 

die  Herx-Schmerz-Krankheit,  die  Kehl-Schmerz-Krankheit,  die  Ohren - 

5  ayr'iy        igig  o  o      yüräk  ayrtmay'iy       rnar'im  ayr'iy 

Schnierz-Ki-ankheit,  des  Herzens   Schmeraen,  deu  'Rippen-  Sclunerz 

[Lücke.] 


T.  in  M.  225.     Blockdruck.    Drei  nocli  zusammouliängende  Blättfu-.    (39.) 

I  ara-tiy  ärxär  ymä  o  o  arv'ü hayur-mn      ^^- — "  ^  ^  '%  ^  "^ 

was  auch  immerdarunter  sein  möge,  (seine)  Vidyä-  binde  ich.  ffiS^Ä 

>  kiic'm  küsi'in-in  hayurmn  .  .  [a]din-lar-ning 

Seine  Kraft  and     Stärke         binde  ich  (sie).        Der  anderen 

3  alyu      arv'is-lar'in  hayurmn  o  o  sim-'in    ymä 

sämtliche      Vidyä«  bindeich,  •Fest(?)    aacli 

t  darni-stn     bayur-mn  o  o      kök  qatiy-taqi-ni 

seine  Dhäranl    binde  ich.     Die  im  Äther      Befindliche 

5  hayurmn  o  o       adin-lar-ning  suu-sin         cärik- 

binde  ich.     Für  der  Obrigen  Heer      und  Truppe 


(40.) 

-in      t'itmaq  särkürmäk  qilur-mn  o  o 

Verhinderung  und  Zurückhaltung    mache  ich   (nämlicli) 

tatyada  00m  anali  anali  00  aöali  adali  00 

folgendermaßen  (tadyathä):    -orii     anale    anale!         acale    acalel 


\^-^m 


*0     in    kleincrerl 
Si-hrift     J 


3  kakami  kakami  o  o  vi^ßti  visati  o  o  viri  viri 

khagame    khagame!  visade    visadel  vire    vire! 


4  vairi  vairi  o  o  .»oomi  nooml  o  o  mnti  santi  o  o 

vaire  vaire!  sanmye  saumye!  sänte    sante! 

5  tanti  o  o  tanti  o  o  v6ir-a-tara  banti  o  o 

dänte!  däntel  vajra-dliara    bandha! 


ta-         d 

ya- tlia  oiii    a-  na-    le  ming-(!) 
na-    le 

bi-  >a-  de 

bi-  sa-  de 

•^  (^1)  m 

bT-  |geileliiit|  re 
va-    j-    ra-  illia-  re 

*'(±if)  m  Mm 

bau-  [am  (Jaiimoii|  dlia      baii-dlia 


70 


F.W.K.  Müller: 


(4I-) 

1  vcirapani  pt  oom  %uny  ....  %irisdorom. 

vajrapäni     phat    oiii        hüiii  hristroih 

2  p/  o  o  sva%a  o  o  oom  vcirapani  banta   hanta  o  o 

phat!         svähä!  oiii        vajrapäni      bandha    bandlia! 


3  vcir-a-pasina  sarva  tusdai  vikna  vina- 

vajrapäsini         sarva       tuste      vighna-    vinä- 

4  -yakam  %ung  %ung  pt    pt  o  o  raks-a  raks-a  o  o 

yakam        hüih        hüiii     phat  phat  raksa        raksa! 

5  man  sarva  satvanöa  sva%a  o  o  Mm  yß.yu 


maiii      sarva      sattvanca      svahä! 


Wer  auch  immer 


va-   j-    ra-  pä-  ni  pha-t 

11^  Pt  ^  ['Ifi  '"s^him 

hüih  huiii  pha-t 

^  ['IS.  '"s'^SX'lo 
pha-t 

hüih         d-  roiig  [eine  Silbe] 

ban-dha  pha-t 

sva-  ha 


T.  in  M.  225.     Blockdruck.    Acht  noch  zusammenliängende  Blätter.    (31.) 

[Chinesische  Seitenzählung:]     |  ]  .^  tx;^   [z=  XXVIH].  j 

'  munt    alyu  ancolayu  kälmis-lär-ning  usnir 

diesen   -aus  aller       ,So-  Gekommenen'     (Tathägatas)  usijisa- 

2  laksan-lar-intin     önmiS    sitadapatiri     athj 

laksanas  entstandene    Sitätapaträ«    genannten, 

3  utsuqinaqsiz  uluy    yanturdaci  tiluy  arv'is-lar 

unbesieglichen,  großen,    abkehrenden,  großen      Vidya- 

4  iligin         toz-ta  yap'irqaq-ta       kägdä-tä 

raja    auf  Birken(rinde)  auf  ein  (Baum)-Blatt,    auf    Papier',  auf         I        auf  Birkenrinde     oder  Baum- 

wolle*  oder  Baumrinde 

5  höz-tä  han-ta  ärsär        ymä  bitip       ät'öz  \   ^  ^  EL  y^  ^  :^ 

Baumwolle'',  auf  eine  Tafel ^      schriebe  und,  wenn    auf  dem  Körper  | 


'  31,  Z.  4.  Zu  kägdä  vgl.  koibalisch  Ar<?^rfä  =  dickes  Papier  bei  Radioff,  Wörter- 
buch, s.  V.  und  JLC-D  kä^aS,  käfyiS. 

^    31,  Z.  5.     !)öz  ist  wohl  identisch  mit  K'^Oa  byssus. 

'  31,  Z.  5.  Wohl  Lehnwort:  )^/^-  Vgl.  Chavanues,  Les  livres  cbiuois  avant 
Fiiivention  du  papier,  Journal  asiatique  1905,  S.  14,  28. 

"  Giles,  Dictionary  s.  v.  ^|  Heh:  »a  soft  wliitisii  clotli,  called  Q  g|,  woven  froni  a 
coeoon-like  fruit,  and  brouglit  froui  ^  ^  Ivarakliodjo.«  Diese  Erklärung  geht  wohl  auf 
die    folgende    Stelle    in    dem    Nau-si   des    Li    Yen-sou    (7.  Jahrhundert    n.   Chr.)    zurück: 


Uigurica  II. 


71 


(32.) 
-intä  ärsär  ymä  boquz-'inta  ärsär  ymä 

es  wäre  auch,      am  Halse     es  wäre  auch, 
tutsar-lar  oqisar-lar  o  o  ol  finly-Icr-yß  {0) 

trüge.         oder  läse,  jene  Lebewesen  wird 

bir  azun-ta  näng  aqu  tägmäkäi  o  o  nöng 

im  ganzen     Leben         kein     Gift      berühren,  keine 

bi  I/i&yu  Uiginäkäi  00  näng  is^ig      ig  tägmäkäi  00 

schneidende  Waffe     berühren,  keine  hitzige  Krankheit  berühren,  | 

näng  artuq       ämgak        ada     kälmäkäi  o  o   näng 

nie       mehr  wird  Leiden  und  Gefahr  herbeikommen,  keine 


IM  Tic  T^hI^I  1-33,1] 


in-) 

00t  suv  adast  tägmäkäi  o  o  näng  alyu  ay'iy 

Feuers-    oder   Wassersnot      berühren,  nie       der  sclileclit 

qitilmU    is    küd-lär     tägmäkäi-lür  o  o    näng 

getanenen  Taten  Wirkungen      berühren,  kein 

yilvi  kömän   tägmäkäi  o  o  näng  yac'iz    yarat'iy 

Zauber  und  Täuschung    berühren,  keine  schHinme  Zurflstung 

tägmäkäi  00  näng  ödsüz  ölümin  ölmäkäi- 

berOhren,  nie  werden  sie  durch  nnzeitigen    Tod        sterben, 

lär  o  o  ah/U    buti  amanusi-lar-qn  o  o  alqu  vikni 

für  alle     Bhntas,        Anianusyas,  die  Vighna- 


(34.) 

vinayiki-larqa     00     amraquluq  bolqni    00     köngiil     j^^^^^^^-t^ 

-vinäyakas  werden  sie  liebenswert      werden    und  ihr      Herz 

[yitkü-  I   %nl\B.M'& 

Izu  erreichen  imstande 


-lüg  ymä  o  o    säkiz  tümän  tört  ming    kuldi 

auch.         In  acht  Myriaden  und  viertausend   Kutis  von 


^mAnm=f 


riicksichtigt  man  dazu  die  vorangeliende  .Stelle:  ^  gg  ^  ^  ^  Isll  tU  ^"  M  ?£  4*  ^ö 
Km  ^t  •rffl  ■^^m^^  ^  ■?}]  '  '**"  ^^''S^"  *''*^  Vergleiche  mit  ■.Seidenwurnikokon.S"  imd  »üänse- 
daiinen«,  daß  es  sich   bei  beiden  nur   um  die  Ba  11  iinv  ollen  fruchte  handeln  kaiiu.    T'u-su- 


72 


F.W.  K.  Müller: 


3  klp-larta  azun       apin  sayu   toqum-in 

Kaipas  werden  sie  Leben  für  Leben    jeder  Wiedergebuit 

4  ötäcl  catisimarl  bolqai  o  o  säMz  tümän  tört 

sich  entsinnende  [d.  h.]  .lätismaras  werden,  acht  Myriaden  und  vier- 

5  ming  kuldi        nayut    sarii  v6ir  oqus-luy 

tausend  Kofis  und  Nayutas  an  Zahl  werden   die      Vajra-kula- 


^nmm 


(35.) 

[Chinesische  Seitenzählung:]    ]      i. -f^  [=  XXIX]. 

arv'is  tngri-läri  o  o    örük  uzat'i       turqaru    ol 

vidyä-         räjas  fortdauernd    und  beständig  jenes 

t'inly-'iy  kümäk       közünmäk  qtlqai-lar  o  o 

Wesen      behüten  und    beschützen 

tört  säkiz  on    vöir  oqus-lwy  yumtts-ffi 

die  vierundsiebzig  Vajra-      kula-       Beauftragten 

tap'iy-ffi-lar  turqaru  küyü  közädil        tutqai- 

und  Diener     werden  beständig       sie       schützen  und  behüten. 

(ar  oo  olar-%a  (  0 )  ymä      amraquluq  bolqai      köngül 

Bei  jenen  auch  wird  er  l)eliel)t        werden  und  ihr  Herz 


Jätismara 


m^  mm 

Vighnakara      Räksasa 


(36.) 

yitkülüg  ymä  00  näng  qacan  ärsär      yäk     az- 

zu  erreichen  imstande  auch,     nie,  wann  es  auch  sei,  in  der  Yaksa-Existenz,  j 

-un-'inta  o  o  jiäng  raksaz  azun-'inta  o  o  näng     ' 

nie    in  der  Räksasa-      Existenz,  nie 

Jmti  azun-'inta  00  näng  prit  azun-'inta   00  j 

in  der  Rhüta-    Existenz,  nie    in  der  Preta-     Existenz,  , 

näng         pisaöi  agun-'inta  o  o  näng        pudani  azun- 

nie  in  der  Pisäca-     Existenz,  nie  in  der  Pütana-Existenz, 

-intd  00  näng  katapudani  azun-inta  toqma- 

nie  in  der  Katapütana-Existenz  werden  sie  (wieder)geboren 

(37-) 
-qai-lar  o  o  näng  yalonguy  azun-'inta    6'iqai     %.yf>^  \^  ^^Z 

werden.  Nie  werden  sie  in  der  Menschen-Existenz  das  Arm-  | 

bohnaq'iy  tägimnäkäi-lär  00  kanggavaluk  kang 

sein  erleiden.         Der  Gaiigavaluka  [d.h.]  den  im  Ganges- 


Preta 


Pntana 


Katapntana 


Uigurica  II. 


73 


ögüz  iöin-däki      quin  saninda      sanayuluqsuz 

Strom   befindlichen  Sandkörnero  an  Zahl  gleichen,       unzählbaren, 

ölgü-lägülüg-süz  buryfln      ad'i  kötrülrnis- 

unendlich       vielen   Buddhas  und  Allererhabensten, 

Uir-ning    huyan-lvi    öhnäk-läri  birlä  tüz 

verdienstvollen        Preiswürdigkeit      gleich 

(38.) 

qilmts  buyan-tiy       bolqai-lar  o  o  kirn     qayu     mun'i 

\erdienstvoll         werden  sie  werden.     Wenn  irgendwer    diese 

alr/u  anöolayu  kälmis-lär-ning  usnir  laks- 

(Dhärani,  mit  Namen:)  «Aus  aller  Tathägätas  Ufni^-laksana 

-an-lar-'inta    önmis      süadapatiri  atly 

entspnmgene      Sitätapaträ, 

ulsuqmaqsüz     uluy  yanturda^i  o  o  ulrig  arins- 

der  onbesiegliche,  große    Abwehrende,      der  große  Zauber- 

-lar  ilig-in  tutsar-lar        iltinsär-lar 

fQrst-       festhalten  und  mit  sich  tragen, 

[Lücke.] 

T.  m  M.  225.     Blockdruck. 
vyßr-ta  sangram-ta  arariinda sar 

wenn  sie  im  Vihära  und  Sanghäräma  .  .  . 

ymä  00  bu      utsuqmaqm'z  uluy  yanturda&i  00  . . .  [atl])' 

diesen  "der  unbesiegliche,  große  Abwehrende-  genannten 

arcis-lar      üigin         uluy  türlüg  aqir  ayay 

Zauberkünste  Fürsten  mit  großer  Ehrerbietung 

üzä  kögürsär-lär    o  o    anta  q'i-a  07  il 

ausbreiten,      so  wird  naoh  ganz  kui'zei-  Zeit  des  Reiches 
{kingüriär-lär  ?) 

ulm  ada-si-riing  amfilmaq'i  bolqai  o  o  alqu 

imd  Stan)mes  Not  beschwichtigt    werden.       In  jeder 


;i2.) 


T.m  M.  225.     Blockdruck.    (61.) 

[Chinesische  Seitenzihlang:]    ]  { |  -|-  1=  XXXJ.  i 


kikän-intä  y'ilq'i  qara  kikän  . 

Seuche,       in  der  schwarzen  Viehseuche  .  , 
ig  kam       siqi.'i  langt''    cida  tuda  . 

Krankheit,  in  allen   Ängsten,  Schädigungen 
PhH.-hist.  Klwise.    1910.    Abh.  m. 


[inlä] 


^#?Äil 


10 


74 


F.W.K.  Müllee: 


tolqaq-lar-'inta  o  o  ad'in-lar  ti\n]  .... 

und  Bedrängungen,    bei    Fremder 

alyu  türlüg         suu         öärik-lärdä 

aller     Arten  von  Heeren  und      Truppen 

-mis  aya'^-qa  täkimllg  köni  t [özüni] 

Die     ehrwürdigen,  vollkommen  (verstanden  habenden) 

[Lücke.] 
T.  in  M.  225.     Blockdruck.    (48.) 

[Chinesische  Seitenzählung:]    ||[^||[    [=  XXXIIIJ. 

tatakada  usnis-a  sitadapatri  %ung  pt  svayß  o  o 


tathägata-       usnisa        sitätapatre        hüni    phat  svähä! 

oom  raks-a  raks-a  man  sarva  saivanda  o  o  yjing 

oih        raksa       raksa      mäm     sarva-     sattvanca!  hüih 


ipt    svayß  o  o  tatyada  oom  anali  anali  adali 

phat   svähä!  tadyathä      oih       anale     anale     acale 


aöali  o  o  kakami  kakami  o  o  viri  viri  valri  cair- 

acale!  khagame    khagame!  vire    vire     vaire     vair- 


-i  o  o  soomyi  soomyi  mama  sarva  huda    aiis- 

-e  saumye     saumye      mama     sarva-  buddha  adhi^- 


om!  sa-  r-   va- 

ta-  tha-  ga-   ta    u-    s-    lü-   sa 
hürii  pha-t        pha-t         sva-  ha- 

ta-      d        ya-  tha :  oiii     a-  na '- 

le     a-    na-  le 

kha-  sa(I)-me  kha-sa-  me    bl- 
[gedehnt]  re  bi-  [gedehnt]  re 

sa-    r-     va  bud-dba  a- 

mm 

dhi-  s- 


T.  m  M.  231.     Blockdruck. 


-dani   athditi  sarva 

-thäna-  adhisthite    sarva 


sitadapatri  sarva  tusda 

sitafapatre      sarva-      tusta 


thä-  na  a-  dhi-  s-    thi-  t« 

sa-   !•-    va   ta-  thä-  ga-   ta    u- 

si-  tä-   ta-  pa-    t-  re  hiirii  pha-t 


Bl.  48,  Z.  3   lies  JÄ  na,  so  auch  im  folgenden. 


Uigurica  II. 


75 


3  svaqa  {£)  o  o  hu  darnt-lafiy  buy  .  .  . 

svähä!  Diese     Dharaiils  '■     .  .  .  . 

4  alyu    ada-larta  üc 

b  allen  Gefahren     drei(mal  zu  sprechen  ist) 

5  krgäk  o  o  munt    äsidip  ol 

nötig.  Als  sie  das  gehört  hatten,  (wurden  jene 


T.  m  M.  225.     Blockdruck. 
-lar  bodistc-lar  o  o  ah/u  tngri  yalanyu-y  asuri 

(Bnddha«)  und  Bodhisattvas,  alle    Götter,  Menschen,    Asuras, 

karuti    kinari  kantarci-ta  ulati  yirtiniü 

Garudas,  Kionaraa,  Gandharvas,      dazu  (alle  in)  der  Welt 
y birgdrü    öyirti-lär       säcinü-lär       öydi- 

zusaninien  wurden  fi-oh  und     erfreut     und  priesen 

-ntUar  o  o  tözün    alyu      ancolayu  käl- 

(diese  Lehre).  Die  aus  der  edelen,  sämtlichen  -So-Gekommenen- 

{mis-lär\-ning  usnir  lak§an-lar-'inta    ön- 

(Tathägatas)      U.snTsa-  laksanas       entsprossene 


^^ 

svä-  hä. 

(43-) 


:Z, 


T.m  M.  225.     Blockdruck. 

■  -mis  sUadapatri  a  .  .  [i]ly       utsuqmaq-siz  ul .  .  [uy] 
Sitätapaträ       genannte,     der  unbesiegliche,  große 

"  yanturdadi    atty    arvis-lar  iligi  tükädi  -> 

Abwendende   genannte     Vidyä-       raja  ist  zu  Ende, 
fpratyangira] 

3  oom  sUadapatri  aparaöiti  sarva  kiray^-a 

Odi       sitätapatre        aparäjite      sarva-      grahä 

4  anundirasay-a  %ana  (  0)  qana  (  £)  torom  torom  yjing 

anuträsaya  hana  hana  troiii        troiii       hürii 

5  %ung  pl    pt  sva%a  o  o  nama   sitadakatay-a 

hfim     phat  phat  svähä!  Namas-       Tathägatäya! 

[Ende.] 

Anmerkung.  Dem  chinesischen  Text  der  Sitätapatiadhärani  geht  eine  Einleitung 
mit  einer  Anweisung  zum  Citieren  der  Gottheit  (sädhana)  vorauf.  Darin  wird  u.  a.  gesagt, 
daß  beim  Aussprechen  der  drei  Zauberworte  -oni  älj  hüm«  beim  Darbringen  der  Opferspeise 
diese  sich  wunderbarerweise  in  Ambrosia  {amfta)  verwandelt  (^  J^^^^P^D^IIt*  ^ 
^'Ä'^^^^'M^®)-    ^'S'-  Jäschke,    Tibet,  dict.,    s.w.  nan-m6'6d  und  'ö-'a-hüm. 

Der  tiljetische  Text  dieser  Dhärani  wird  vorau.ssiclitlich  in  Kürze  von  Hrn.  Dr.  Beckli 
herausgegel>en  und  bearbeitet  werden. 


10* 


76  F.W.K.  Müllee: 

7.  T.  n  Y.  48. 

Ende  einer  Rolle,  deren  Anfang  fehlt. 
Inhalt:    Sündenbekenntnis  der  buddhistischen  Laienschwester  (upäsikdi)  Uträt. 
(Wenn  ich) 

•  talip  quna  käsip  qap'iy    ac'ip  sosin   söküp 

•plündernd,  'raubend  und  abschneidend,  das     Tor     öffnend,  seine  'Kette  abreißend    

'  qiznaq-qa  kirip         ay'i-bar'im-qa        tägip     bay'in  säsip  busin         atip 

in  die  Schatzkammer  eingedrungen  bin  und  zum  Schatze  gelangt  bin,  dessen  Band  aufknüpfend,  die  Opfergabe 

[nehmend, 

3  angin  yükin    yütä  oo  arqa  yükin     kötürü    ünzüzin  (=  ünsüzin)  önüp     tavU-stz'in 

vorn    die  Last  tragend,     hinten  die  Last  emporhebend,    lautlos  hervorkommend,  geräuschlos 

4  toMqip  ad/inlar-ning    äd  tvar     üzäki  isig  özin    üzüp  kntü  ät'öz- 

hinausschleppend,  anderen  das  auf  Hab  und  Gut  beruhende   Leben  abgeschnitten,  meinen  eigenen     Leib 

5  -ümin  igültim  ärsär  oo  äv  yutuz'inga  yaz'indim  ärsär  oo  tilin  azuk  (lies  äzük)  ylyan 

gepflegt  haben  sollte,  wenn  ich  gegen  das  Hausgesinde  gefehlt  habe,  wenn  ich  mit  der  Zunge 

[ein  falsches,  lügnerisches 

6  sav    sözlädim  ärsär   o  o   öasut  yongay    qilt'im  ärsär  o  o    ävrik       sar^y 

Wort     geredet       habe,      'Heimlichtuerei  und  Verleumdung  ausgeübt  habe,   ein 'verkehrtes,  'albernes 

sav    sözlä- 

Wort  geredet 

7  -dim  ärsär  o  o  aSyunculad'i?n       ärsär  oo  köngülin  ad'in  kM-(s\c)ning  ädgüsingä  küni 

habe,     wenn  ich  mich  'überhoben  habe,  im  Herzen  gegen        anderer  Leute  Wohl        Neid- 

8  saqinc    iuryurdum  ärsär  oo  öpkä       üz  hoz    köngül  tutdum  ärsär  oo  trs    körüm 

gedanken  habe  entstehen  lassen,         Zorn  und  zerstörende  Gesmnung  bewahrt     habe,     verkehrte  Ansicht 

9  öritdim  ärsär  o  o  bu    on  krmaptlafiy     sip  hozup  on  ay'iy  qttindiy 

gehegt      habe,  diese  zehn    Karmapathas  zerbrochen  und  zerstört  habe,  die  zehn  bösen     Taten 

«°  tükäl  qilt'im  ärsär  o  o         ärnti  arii  baröa  alqu  ökünii  bilinü  käanti  qilu-u  (Zeilenfailer) 

vollkommen  ausgeführt  habe,  so  will  ichjetzt  das  alles  bereuen,  erkennen  und  bekennen 

<■  täginür-mn      tsui-da  yazuqdaboS      bolay'in      tigit  kSanti  bolzun  oo  oo 

demütig.    Von  der  Sünde  und  dem  Vergehen  frei  möchte  ich  werden!    Dista  (?) -Bekenntnis  soll  dies  sein! 

«»  taqt    ymä     mn      üträt      ilki     üki     apinta         nä  ymä  bu  agun-ta 

Femer  auch,  wenn  ich,  Üträt,  in  jeder  früheren  Existenz,  und  was  auch  immer  ich  in  dieser  Existenz 

'3  dt'özin  qilu     yanöt'im  ärsär  o  o     tilin  sözläyü  yandt'im  ärsär  o  o  köngülin 

mit  dem  Korper  handelnd     'gefehlt      habe,  mit  der  Zunge  sprechend   'gefehlt     habe,  im  Gemflte 

M  saqmuyanöt'imärsär  o  o         az   Öpkä   blligsiz    bilig  küni  köcänckörüm-dm  (Zeilen- 
denkend 'gefehlt     habe,  und  durch  Iirtum,  Zorn,  unwissendesWissen,  Neid,  Hochmut,  Auschauungs-  [füller) 


Uigurlca  IL  77 

■5  sizik-tä         ulat'i     odun     riizvani-lar  oyfinta        buryßn-qa  norn-qa         bursong 

Zweifel  und  die  anderen  lasterhaften  Leidenschaften  veranlaßt  gegen  den  Buddha,  die  Lehre  und  derGeistlichkeit 

i6  dintar-larqa  yazdim  yang'ilt'im  drsär  o  o  ögM  qangqa   bayßilarqa  yazd'im 

Frommen       gesündigt  und  *  gefehlt  habe,  wenn  ich  gegen  Mutter  und  Vater  und  die  Lehrer  gesündigt 

17  yang'ild'im  özüm-tn  uluy-qa         utruhtum  tudat'im 

und    'gefehlt  habe,    in    meinem     Leben        dem    Großen    mich    widersetzt   habe,     ihn  verletzt    und 

üznädim  ärsär  o  o  ät'özüm- 

ihm  widei'sprochen  habe,        in  meinem  Körper 

18  -tä  kiöig-lärig  uötiz  yinik  lutdum  ärsär  .  .  ayay-qa     ciltäkkä  iäkimlig 

kleine         gering        geschätzt  habe,  ehr-     und  *achtmigswflrdige 

>9  tinly-lariy  ayaystz      tod      uöuz        qilt'im  ärsär  o  o  ämÜ         qilmi&  quvratmtS 

Lebewesen  als  ehrlos  und  ganz  geringwertig  behandelt  habe,  so  will  ich  jetzt  alle  meine  verübten 

•  [und  angesammelten 

simtlichen 

ao  ayiy  qitinö-larimin  ökünü    bilinü  käanti  qilu  täginür-mn  iiglt  Mnnti 

bösen    Taten  bereuen,  erkennen  und  bekennen  demütig.  *DLsta-ksänti 

"  bolzun  o  o    taqi   ymä     mn      üträt  ilki  agunt'in      baru        bu    agun- 

möge  es  sein!    Dazu    auch,  wenn  ich,  Ütrit,  von  der  ersten    Existenz  her    bis     zu  dieser  Existenz 

»a  -qatägi  vr/ßr-ta  sangram-ta  linta  prian-ta  ^ prcan-ta\  ar'iy        ioruy  yirlärdä 

hin  wandelnd  im    Tempel    und   Kloster,       in und  in ,         an  reinen  und  lauteren    Stätten 

(vihära)        (tanghäräma) 

>3  sävig  amraq  köngüUn         ovutsuz    biligin  qilmayuluq  [st.  qtr-\  qitinc-lafiy  qilt'im-m 

mit  verliebtem      Herzen     und  schamlosem  Gewissen  die  nicht  zu  tuenden  Taten  getan 

M  ärsär  o  o  vr%ar  sangram  santiy  äd  tcnr-'iy  atip  Ulätip  yanq'isin  yantut'in 

habe,  wenn  ich  als  Tempel-  und  Klostergut  anzusehende  Habe  genommen  habe,    habe  arbeiten  lassen, 

[ohne  daß  ich  Ersatz  und  Vergütung 

25  birmädim  ärsär  00  azu        sat'ty         yuluy  (r^r'tnta     tdngin    trazukin  r/iy'in  tsuriin 

dafür  gegeben  hätte,        oder  bei  Verkauf-  und  'Kauf-Gelegenheit  mit  Wage  und  Libelle,    'Fuß  und  'Zoll, 

»6  singin  qav'in       kürin       kürlügin     afip         yuyup  (yuvup?)  az     birip  öküä 

* ScheSel  und  * Metze,  mit  'List  und 'Uberlistung  reinigend  und       abwaschend        wenig  gegeben,   viel 

aÜ'im      ärsär  o  o 

genommen  habe, 

»7  azu  ymä     yir  suc      bay  horluq 'i  lar'iy  tafimaq    oyfinta        suoday'i  t'inly- 

oderauch  bei  Grundstücks-,  Weingarten-  D.  Acker-Bepflanzungs-Gelegenheit  dieimWasser  lebenden  Geschöpfe 

18  'lariy      quryay-ta  kämiSip  ölnrtüm  ärsär  o  o  quryay  yirdäki 

aafs  Trockene     geworfen  und  dadurch     getötet        habe,     und  die  auf  der  trockenen       Erde 

tinly-lariy  suvda 

lebenden  Geschöpfe  ins  Wasser 


78  F.W.  K.  Müller: 

=9  kämisip  ölürdüm  ärsär    o  o    ad'inayu-nung  isig  özin  üzüp  kntü  Özümin 

geworfen  und  dadurch    getötet       habe,  wenn  ich  anderen  das  Leben  abgeschnitten  habe  und  mich  selbst 

3°  igdiläntim  ärsär    o  o    azu  ymä        suu     suuläp  yariq   kädip  yarfi 

'gepflegt        habe,  oder    auch    ein  Heer   befehligend,    einen  Panzer    anlegte    und  den  Feind 

sanötp  yti     qitincin 

erstach  und  mit  scharfem    Schwert 

31  biffip  y-a  qurup        oq   ad'ip        ad'inayu-nung  isig  öz-lärintä  adirtim  ärsär  oo 

zerhieb,  den  Bogen  spannte,  den  Pfeil  abschoß  und  so  andere  von  ihrem        Leben  getrennt   habe, 

3>  irinc  yrly       yazuqsuz  kiSi-lär-ning  oytin        qiz'in  bulyndtm  ärsär  amraqinta 

wenn  ich  miglücklicher,  schuldloser         Menschen        Sohn  und  Tochter    verwirrt       habe,    unter  Lieben 

33  adirt'im  oo  ärsär  tözilnyavaäädgiiköngillilgifi\c)t'inly-lnriy  küng        qul   qttip 

Trennungvenirsachte,wennichedle,  sanfte,        gutherzige  Geschöpfe  zu  Sklavin  und  Sklave  machte, 

34  ucuz  yinik  tutup  ämgädip        irintürdüm  ärsär  o  o  azu  ilig         törüg  bulyadim 

sie  geringschätzend       gepeinigt  und  elend  gemacht    habe,  oder  Land  und  Gesetz      verwirrt 

35  ärsär    o  o     il  bulyay'inga         qatitip  t-duq     qutluy  tinly-lar-ya  trs  yangluq 

habe,   in  die  Staats- Verwirrung  mich  eingemischt,  gegen  heilige,  majestätische  Personen,      verkehrte  und 

pn-tümliche 

3*  saqtnc     saq'int'im  ärsär  ulusuy       haliqiy      iki  yart'im  qüt'im  ärsär  batiy-t'in 

Gedanken      gehegt        habe,       Reich    und     Stadt     in  zwei  Teile  gespalten    habe,  von  Stadt 

37  haUq-qa  ulus-t'in   ulus-qa        iltin     ilkä       tingöi   payjuaiöi  bolup  yofit'im 

zu  Stadt,   \'on  Stamm  zu  Stamm,  von  Land  zu  Land  als  *  Spion  und  'Zerstörer      gewandert 

38  ärsär  o  o  bu  muncohyu  öküS  türlüg       inösrtmäk    tsui  irindü  ay'iy  qUinc-lar 

bin  und      derartige        viele    Arten  der  Unruhestiftens-Sünde  und  erbärmliche  böse       Taten 

39  q'ilt'im   qu[v]ratd'tm  ärsär     o  o     ämti       alqurii    baröa     ökünürmn      büinür-mn 

getan      und  angehäuft     habe,         so  will  ich  jetzt      alle       insgesamt        bereuen        mid    bekennen. 

ddgü  %ilmadim 

Gutes  habe  ich  nicht  getan, 

40  yamz  qtlt'im     ämti  mn    ütrdt       qihriiS    ay'iy  qiUnc-lar'iimn  bükünki  burU 

Böses  habe  ich     getan.     Jetzt  will  ich,  Üträt,  die  von  mir  verübten  bösen  Taten  am  heutigen,  diesem 

4'  qutluy     küntä  ökünür-mn  bilinür-mn  tamu  ärkligläri     ögümin  köngülämin 

glücklichen    Tage         bereuen  und  bekennen.    Damit  die  Höllen-  Herrscher  meinen  Verstand,  mein  Hera 

42  sa6maz-qan  tamu-day'i    ort  yalin       utru  önmäz-kän         ört-lüg  yirlärdä 

nicht  verwerfen,  die  in  der  Hölle  befindliche  Flammenglut  mir  nicht  entgegenschlage,  in  die  feurigen  Regionen, 

43  taqi      aqt'inmaz-qan  ämti  ökünür-mn   bilinür-mn    incip        bur%an-tiy  qang'im'in 

auch  ich  nicht  'versinke,        bereue  ich  jetzt      und  bekenne  ich.     So    meinen  Buddha-  Vater 

44  körür-mn  nomluy  yrliy'in  äsi-dürmti  bursong  qucray-inga  ymä     taptnur-mn 

sehe  ich,      die  Gesetzespredigt      höre  ich,  vor  der  Geistlichkeit       Schar  auch  verneige  ich  micli. 


Uigurica  II.  79 

45  arntt-qan    ökünsär  ol  yig  bolya'i  o  o     aviä  tamu  iöintäki  örtlüg        yalin- 

Jetzt  gerade  lu  bereuen     wird  gut  sein.     In  der  Avi6i-  Hölle  flammende        und  glühende 

4«  -tiy  yir-lär-dä  nqdinmiS-ta     anta  tning  ökünsär  tümän  yrcakar-mn        nä 

Stätten  •  hinabgestürzt,  wenn  ich  dann  tausend(mal)  bereute  und  zehntausend(mal)  mich  demütigte,  was 

47  tusu      bolyai  oo  ani  üöi'm  ämti  öMinür-mn  biUnür-mn  qarnay     iic     ödki 

würde  das  nützen?       Deswegen   jetzt    bereue  ich  und  bekenne  ich!  Nach  aller,  den  drei  Zeiten  angehörigen, 

kang 

wie  die  im  Ganges- 

48  ögüz  iöintäki  yjum  sariinda  haryjin-lar  ödintä  ayay-qa  täkimlig  pintola 

Strom  befindlichen,  wie  Sandkörner  so  zahlreichen,       Buddhas        Lehre,   nach  des  ehrwürdigen  Pindola- 

49  brtvaöi-da   ulat'i  alt'i  ygrmi   m%siravik   nr%int-lar  ödintä  tuzit 

bharadväja      und  der  sechzehn      Mahäsrävaka-        Arhants        I^ehre,    und  in  des  im  Tusita- 

so  tngri  yirintäki  maitri  bodistv-ta    ulnt'i  tört  yüz  tor^uz  on  altt 

Götter-     Lande    weilenden  Maitreya-  bodhisattva  und  der  vierhundertundsechsundneunzig 

5>  örki       bdraklpiki  bodistvlar  iiskintä  qanny       bü       azun        t'inly    oylan'i 

erhabenenBhadrakalpikabodhisattvas  Angesicht  will  ich  um  aller  in  den  fünf  Existenzformen  lebendenGeschöpfe 

5>  üöün  ylvara  ötünür-mn  tsui-da  yazuqda  bo§  bolatim  kSanti    bolzun  o  o 

willen  mich  demütigen.    Von  Sünde  und  Vergehen  mögen  wir  frei  werden.     Bekenntnis  sei  dies! 

53  kSanti  qitip  qttindiin    arit/iad'i    al^/tnmadin  (  0)  qatir  ärsär 

Wenn  nach  Ablegong  dieses  Bekenntnisses  meine  Tat  nicht  gänzlich      vernichtet,  sondern  noch  ein  Rest 
,.,,.      ..    .  rda  sein  sollte, 

adistit  uza 

so  will  ich  an  der  Segnung  (Gnadenerweisung,  Wuuderki'aft) 

54  tMta  täginür-rnn  00  qa^an  qayu  kün        tiikäl     hihjn  maitri     tngri  tngrisi  ImryßU 
demütig  festhalten :  Wenn  eines  Tages  der  vollkoninion  weise  Maitreya,  der  Götter  Gott      Buddha 

55  bu  yirtinöü  yir  suc-ta  blgürü  yrliqasar  o  o  ol  oyurta  bu  adiStit  ilzä 

in  dieser  Welt  und  Gegend  zu  erscheinen  geruhen  wird,  zu  der  Zeit  möge  icli,  die  an  dieser   Segnung 

56  tutmU  ayty   qttinöimin  anta  kSanti  ötünüp  bu   sansar  ämgäkindin  ozmaqvn 

Festhaltende,    meine    bösen  Taten    dort  bekennen  und  nus  dieses  Samsära-        Leiden  erlöst 

dann 

57  bolzun  Manti  q'ilmay  nom  biiig  bir  tägzinö  tükädi 

werden !  —  Zu  Eude  ist  die  eine  Rolle  (umfassende)  Bekenntnisschrift. 

58  n^nno  but  0000  namo  dnn  nanio  sang 

Verehrung  dem  Buddha!     Verehrung  dem  Dhaniia!     Verehmng  dem  Sangha! 

(\'on  hier  ab  in   kleiner  Schrift:] 

59  mnga     tökvlti    yazuy  bolmazun 

Mir,  dem  Tökülti,  möge  Sünde  nicht  .sein!     [OIFeriliar  Benieikung  des  Abschreibers.] 


80  F.W.K.  Müller: 

60  ymä  alqatmU  ai-qa  kösänöig  kün-kä     ötrülmü     ädgü  öd-kä  qutlnrj  qolu-ya 

Im  gesegneten     Monate,  an  einem  erwünschten    Tage,  zur  ausgewählten  guten    Zeit,      an  einem  glück- 

[bringenden  Zeitpunkt  (Stimde?) 

yjULtlw^  qoin  y'il  üöünc      ai  üc    ohiz-ya 

im  glückbringenden  (cyklischen)  Jahre  »Widder-,  im  dritten  Monat,  am  23.  (Tage)  habe 

6>  mn  üc  ärdäni-kä  pk  qat'iy  süzük  kirtgünö  könyülüy  (sie)     upasanö    üträt 

ich,  die  für  die  drei    Kleinodien     eine  feste,    lautere,    gläubige  Gesinnung  hegende  Laienschwester  Üträt 

buryßn-larvy        öp  saqtriip  bu    bizing  ät'özüg 

der  Buddhas  mich  erinnert  und  ihrer  gedacht,  und,  daß  dieser    unser         Leib  ? 

6>  ärtimlig       ärmü  qaz^anmis  dd  tcar  qaltaöi  ärmiS  tip  bilip     uqup  o  o 

*\'eniichtungswert  ist,  und  (nur)  ein  gewonnenes      Gut  bleibt,       dies  erkannt  und     verstanden, 

artamaqsiz  bozulmaqsiz  äd  tavar  buyan  ädgü  q'ilind-ta 

und  da  es  unvernichtbaren,  unzerstörbaren        Besitz       von  der  verdienstlichen    guten  Tat 

63  adin       yoy  tip  00  antJi  bu  alqu  ay'iy  qitinö-lafiy  antdad'i     käanti  norn 

(sie) 

abgesehen  nicht  gibt,     deswegen  habe  ich  dieses  alle    bösen        Taten  reinigende  Bekenntuis-Schrift- 

ärdinig   bitidü  tägindim    o  o    bu       buyan      ädgü  qtlinöty 

kleinod    abschreiben  lassen  ehrfurchtsvoll.    Diese  verdienstliche,  gute  Tat      will  ich  als 

64  öng  ülüg    avüra    ötü  täyinär-mn  üstün  kök-däki       alt'tn  yay'iz-tayi  tüi 

ersten  (vorderen)  Anteil  zuwenden    ehrerbietigst  den      oben  im  blauen  (Himmel),  unten  auf  der  braunen 

[(Erde)  befindlichen  Frauen  und 

irkäk  nom      aStiy  naivaziki  tngri-lär-kä 

Männern,  den  das  Gesetz  als  Speise  habenden  guten  Geistern  (-den  hochseligen«)  undGöttern  (Füi-stlichkeiten) 

65  yar/uyta  taiyßn  %an    kümsä  %atun  tngrim  miäan  %an    iaisi  wang 

dem  Taichanghan  (?)  ( äl  "^  S  '') 

unter  den  Nahestehenden:  dem  Tavghanchan(?),  Kümsä,      der  Chanin,      Mischan-Chan,  Tschaisi-wang- 

bäy  ulat'i  tngri-lärkä  hu        buyan      ädgü  qitinc  kücintä 

Beg  und  den  anderen  Göttlichen  (Personen).    Durch  dieser  verdienstlichen  guten      Tat        Kraft    möge 


«'  tngridäm    kücläri      küsün-läri        parioar  quvray-lar'i       aS'itip  üsiälip 

ihre  göttliche     Kraft    und     Stärke,        ihre  Pai'ivära-  Schar         sich  vermehren    und  vergrößern, 

iötin  »ingar  nomuy        saziriiy  o  o  taSt'in  singar  ilig         idusuy 

nach  innen  mögen  sie    Gesetz    und  *  Lehre  (?),  nach  außen      Staat  und    Stamm 

*7  küyü      közädü    tutmaq-lafi  bolzun  00     00  yana         bu       buyan    ädgü  qitin- 

schirmen,  schützen  und  ei-halteu!  Weiter  will  ich  diese  verdienstliche  gute       Tat 

-ciy  avirar-nm  citung  sali-kä  o  o  ay'itjn'iäqa         tnyai 

zuwenden    dem  Tschitung-     Sali,        dem  Aitmlsch,    dem  Taghai- 


Uigurica  IL  81 

68  longa  sanyun-qa    bu       buyan     ädgüyßUndkncmtä  közünvr-dä  igsiz 

Tonga-Sangun.  Durch  dieser  verdienstlichen  guten     Tat        Kraft  mögen  sie  in  der  Gegenwart  krankheitslos 

bolup  kinintä  sansar  ämgäkindin  ozmaqlafi  bolzuii 

sein      und  in  der  Zukunft  aus  des  Saihsära-         Leiden  errettet        werden  1 

69  antabaSa         hu      huyan  ädgü qitin&t^ nv'irar-rmt  '      ärtmiä  aradin 

So  weiter  will  ich  diese  verdienstliche  gute       Tat  zuwenden  der  Majestät  des  hingegangenen,  in  die  Zwischen- 

aipin-qa    harmü     qonirn  du  vapSi  sali  häg  qut'inga 

Existenz      gegangenen     QonTni   Du-  Fapschi-  Sali-  Beg, 

70  j7        ongurt  qarcuqt-ya      %utluy  üzük-kä      atatn      bai  äpä  cangSi-qa       anavi 
dem  Il-Ongnrt-       QarcnqT,      dem  Qullny-      Üzük,     meinem  Vater  Bai  Apa-  TschangschT,  meiner  Mutter 

kösät-kä  bu        huyan      ädgü  qitinö  kücintä  o  o  yalnguq 

KösSt.     Durch  dieser  verdienstlichen  guten       Tat  Kraft    mögen  sie  in  der  menschlichen 

7'  azuriinta        torpnaq        o^r'inta      yvlay    %ttinölarya  yalM'ip  yarays'iz 

Existenzform  wiedergeboren,  wenn  sie  an  schlimmen         Taten  sich  beteiligt  habend  in  unwürdigen 

orun-larta  toyTHt^-lari    bar  ärsär    ant'in  .... 

Gebieten      wiedergeboi-en  werden  sollten,  daraus 

7>  ozup  ilstün   tngri  yirintä  bur%an-lar  ulns'inta  taymaq-lafi 

erlöst  werden    und    in    der   oberen    Götter-      Welt,     in    der       Buddlias  Reiche      wiedergeboren 

bolzun    sadu     sadu  ädgü  iki   sadu  bir  ädgü 

werden  1     Sädhu!    S.tdhul    Gutl    Zwei  Sadhu,  ein     gut! 

[Ende.] 

Erläuterungen. 

Z.  1 .  tati-  lialte  ich  fiir  eine  Nebenform  zu  iaki-,  davon  wäre  dann 
"abzuleiten  tatim  =  Raub,  Beute,  tatim  qra  qua,  womit  Garuda  übersetzt  wird 
(z.  B.  S.  20),  bedeutet  demnach  zunäclist  Raub-Adler.  —  tatim,  nicht  tälim, 
ist  brieflicher  Mitteilung  von  Villi.  Thomsen  zufolge  zu  sprechen,  auf 
Grund  eines  köktürkischen  Manuskripts  der  Sammlung  M.  Aurel  Stein. 
so  ist  wohl  Lehnwort  aus  dem  Chinesischen:    ^   (korean.  soa,  Japan,  sa). 

Z.  6.    Zu  dasut  vgl.  jaz'it,  jazü  in  Radioffs  Wörterbuch. 

Z.  8.  trs  kiyrüm  entspricht  dem  /ff^^  »heterodoxe  Anschauung«  der 
chinesischen  Beichtforaiulare. 

Z.  1 1 .    tüü  vielleicJit  —  dista. 

Z.  13.    yani^,-  wird  ungefähr  »fehlen«,  »sündigen»  bedeuten.    Radioff 
zufolge  -—  »siegen«,   was  aber  hier  nicht  paßt.     Sielie  Alttürkische  Studien 
von  Radi  off,  II,  Bulletin  Akademie  Petersburg  1910,  S.  228. 
Phü.-hüt.  Klasse.    1910.    Abh.  HJ.  1 1 


82  F.W.K.  Müller: 


Z.  14.  >Me^  liier,  nicht  wie  gewölinlich  köni,  sondern  küni  zu  lesen 
=  osman.  güni  (mündliche  Mitteilung  Vilh.  Thomsens). 

Z.  22.  Bei  lin  liegt  es  nahe,  an  ein  chinesisches,  bei  pr'tun,  prvan 
an  ein  persisches  Lehnwort  zu  denken. 

Z.  25.  yul-  wird  »kaufen«  bedeuten.  Bisher  in  den  buddhistischen 
Texten  immer  nur  in  der  stehenden  Verbindung  sat'i'^  yulwy  »Verkauf  und 
*Kauf«  vorgekommen.  So  auch  in  der  Polyglotte  Hua-i-yi-yü  überliefert; 
vgl.  Klaproths  Uigurisches  Vokabular  S.  28:    sadich  yulucJi  »Handel  und 

Wandel«  =  Hua-i-yi-yü  (Hirth  Ms.  i,  Bd.  5,  S.  99b:  /liaiua,  /ii»^.A^  =  ^ 
Ö'xl^^  kantonesisch :  sät-tik  yü-luk)  =  ^  ^  »kaufen  und  verkaufen«. 
p]benda.  ciy  und  tsun  sind  Lehnwörter  aus  dem  Chinesischen  =  /^  6'ik 
und  tJ"  ts'ün  (Kantonesische  Aussprache).  Desgl.  Z.  26  sing  und  qav  =  ^  iiny 
und  ^  köp.  Die  genauere  Übersetzung  wäre  Liter  und  Deciliter.  —  Mit 
«reinigend  und  abwaschend«  ist  oifenbar  eine  betrügerische  Handlung  beim 
Abmessen  oder  Abstreichen  des  Eingemessenen  gemeint.  Vgl.  das  Sütra 
mMil^W&-     ^4»  S.  798  vorn  unten:  ,^  l^fÄtf^t fiPiÄ  TJl  ^||# 

ii^^al  #  ^lJ^n:^#P4^^'l^'l^  =^  wenn  ich  beim  Feilschen  tmd 
Handeln  in  Läden  und  auf  Märkten  mit  (zu)  leichter  Wage  und  (zu)  kleinem 
Scheffel  verminderte  und  abschnitt,  Geld  und  Münzen  ergaunerte,  mit  fal- 
schem Gemäß  betrog,  Grobes  eintauschte  gegen  Gutes,  Kurzes  einwechselte 
gegen  Langes,  an  allen  Ecken  und  Enden  schlau  betrügend  nach  dem  aller- 
kleinsten  Nutzen  ausschaute,  so  bekenne  und  bereue  ich  jetzt  alle  solche  Sünden. 

Z.  37.  tingci  wohl  Lehnwort  aus  dem  Chinesischen:  f^^.  Zur  Si- 
tuation vergleiche  noch  den  synonymen  Ausdruck  j^'f^  »umherziehend 
spionieren « . 

Ebenda.  pa%uai,  Lehnwort  aus  dem  Chinesischen:  ^^-  Letzteres 
kommt  als  Übersetzung  von  hoz-{ulur)  vor  auf  Blatt  T.  111  M.  84.  52.  Noch 
jetzt  bedeutet  die  Verbindung  ÄaZ,-wfl/-/ö  (^:^^)  »Anarchisten«  in  Japan. 
Vgl.  Gubbins,  Dictionary  of  Ghinese-Japanese  words,  s.  v. 

Z.  38.  Die  Erklärung  der  Formen  il-sir-ät-,  qoyan-si'r-af-,  urw^-sir-at- 
bei  Vilh.  Thomsen,  Inscriptions  de  l'Orkhon  1896  S.  32,  aus  il-siz-,  qayan- 
s't'%-,  uruy-s'iz-,  also:  »land-los,  könig-los,  nachkommen-los  machen«,  erweist 
sich  durcli  das  neue  Beispiel  inc-s{i)r-{ä)t-  --=  »ruhe-los  machen«  als  richtig 
gegen  Kadioffs  Erklärungsversuche,  Alttürkische  Inschriften,  Neue  Folge 


Uigurica  IT.  83 

S.  163:  »als  El  einrichten«  (s.  v.  äkirät),  S.  167:  »die  Khanschaft  stärken, 
befestigen«   (s.  v.  qayans'irat). 

Z.  46.    yrval-  ist  wohl  nur  verschrieben  aus  ylvnr-,  vgl.  Z.  50. 

Z.  64,  67,  69.  avüra-  ist  ersichtlich  die  Übersetzung  von  [o]  [hJ  hui-hüiny, 
=  »sein  religiöses  Verdienst  {puiiyu,  daraus  uigur.  buyan)  jemandem  zu- 
wenden, zukommen  lassen«.  Da  dies  wohl  meist  fiir  Verstorbene  geschieht, 
erklärt  sich  die  japanische  Bedeutung  dieses  Ausdi'ucks  »Totenmesse«,  vgl. 
die  Lex.,  s.  v.  e-kU  ([pl[RiJ)-  —  Vgl.  hierzu  die  Ausführungen  Schlegels 
im  T'oung-Pao  VIII  S.  501 :  En  pratique  le  Hoei-hiany  est  donc  absolu- 
ment  la  möme  chose  que  la  messe  ou  les  messes  lues  pour  retirer  les 

ämes   damnees   du   purgatoire  .  .  dans   le   culte   catholique Na- 

turellement  le  bon  effet  de  ces  ^  ffi  ou  » oRuvres  meritoires «  revient  sur  le 

defunt  qui  en  profite $!lf^  ■  •  •  •  ^^  ""'-  signification  rituelle  specifique: 

»rites  performed  for  the  dead,  to  get  them  out  of  Hades,  or  get  their  conditions 
improved«  (Douglas,  Dictionary  of  the  Amoy  vernacular  S.  484  B).  Was 
Schlegel  a.  a.  0.  sonst  noch  beibringt,  erscheint  nicht  immer  einwandfrei. 

Z.  64  nakaziki  halte  ich  für  identisch  mit  niwasiki  ^  »guter  Genius« 
bei  Klaproth,  a.a.O.  S.  17.  Im  Hua-i-yi-yü  5  S.  37b  aber:  ^'%M^0t  1 W  = 
TjT  |HJ  ^  /L  nai-ica-si-ki  ■--  jfi^.   Beides  aus  dem  mittelpersischen  mr  rnyjiy. 

Z.  64  und  65.  tnyrilär  bedeutet  hier  nicht  Götter  schlechthin,  sondern 
ist  wie  tnyrim  (=  mein  Gott)  Titel. 

Z.  69.  aradin  a?un  (die  Zwischenexistenz)  ist  offenbar  die  Übersetzung 
des  Terminus:  jyH^IVT^.  cfl  ^  oder  P^  ^,  mongo\.  jayura tu,  ja'-jurttu,  ^z;«c^. 
fSo  wird  die  Zwischenzeit  genannt,  oder  der  Zustand,  in  welchem  sich 
der  Mensch  oder  ein  Wesen  nach  dem  Tode  bis  zu  der  Zeit  befindet,  wo 
es  wiedergeboren  wird.«  Wassiljew,  Der  Buddhismus  S.  266.  •"'^'iXbar-äo 
also  q3v'*<^  bar-ma-do  the  intermediate  state  between  death  and  re-birth,  of 
a  shorter  or  longer  duration,  ordinarily  under  49  days«  usw.  Vgl.  Sarat 
Chandra  Das,  A  Tibetan-English  dictionary  S.  867.  —  Vgl.  noch  Japan. 
ei?  ^  chü-in,  a  period  of  mourning  lasting  49  days.    Gubbins,  Dict.  s.  v. 

Ebenda.  vap§i  ist  die  alte  Aussprache,  noch  im  Annamitischen  und  Hakka 
(fap-si)  erhalten,  der  T'ang-Zoit  von  '/^^jß   (^  dharmahhäaakd). 

Z.  70.  Hier  in  der  Nachsclirift  heißt  Vater  nta,  Mutter  ami.  In  dem 
eigentlichen  Bekenntnis,  das  altertümliche  Ausdrücke  aufbewahrt,  heißt  Vater 
qang  (Z.  16,  43),  Mutter  ög  (Z.  16). 


84  F.W.  K.  Müller: 

8.  T.  n  Y  42. 

Ende  einer  Rolle,  deren  Anfang  fehlt. 
Sündenbekenntnis  der  Laienschwester  Qutluy  nebst  Tochter  und  Sohn. 

I 'inüqa     ada  cfilt'im 

(wenn  ich)  dem  .  .  .  Schaden  zugefilgt  habe 

3 bäglärdä  afiy-lar 

(wenn  ich)  an  den  Fürsten  und  Reinen 

3    ärsär  bu  tcrjuz  t 

getan  liabe,  diese    neun 

4     yßt'im  ärsär  ämt\i\ 

wenn  ich      getan      habe       jetzt 

5 -in  boS  bolay'in  k{s\c)  tizit 

so  möchte  ich  davon  frei  werden.  Dista-[ksänti  sei  es!] 


6 tlwy  qiz'im  qudat  birlä 

/wenn  ich)  [Qujtlu;/  und  meine  Tochter    Qudat     dazu 

7 asravay    atly      tsui        ay'iy  qUinö 

die  äsrava  genannte  Sünde  und  böse     Taten  (getan  habe), 

8 in<}ä ölürgüöi        tuzi        boltam  ärsär  taqiyu 

(wenn  ich)    so  ein  Töter  ganz  und  gar  geworden     bin,  wenn  ich  ein  Hühner- 

9  .  .  [ölürgüc]i  boltum  ärsär  tonguz  ölürgüöi  boltum  ärsär         käyikci      angöi 

(töter)       geworden     bin,        ein  Schweinetöter    geworden     bin,     ein  Hirschjäger,  Wildjäger 

10  .  .  .  boltum  ärsär  t qadi     quäöt  uduyma  t'inlylaray 

geworden     bin, als  ein  Vogelsteller  ein  die  fliegenden     Lebewesen 

11  . . .  \ölürgüd\i  boltum  ärsär     it  ätin      satytcdt  boltum  ärsär    anöakarm 

{racakarm  ?) 

Tötender    geworden  bin,  ein  Hundefleisch-Verkäufer  (+ svapaca)  geworden  bin,      ein  *rajakranla- 
■^  y'ihn  ölürgüöi    boltum  ärsär       luu         öntürgüci  yadöi  (sie)  boltum 

Schlangentöter      geworden      bin,  ein  Nägas  aufsteigen  machender  Zauberer'        geworden 


'  Z.  12.  Dem  Zusammenhange  nach  ist  wohl  nicht  an  einen  »mit  dem  Regenstein  {yada 
Ul,  »Jj)  die  (Gewitter)drachen  heraufTührenden  Wettermacher«  {yada-ci  t^bl,  ^^»Jv)  zu 
denken.  Vgl.  u.  a.  F.  von  Andrian,  Über  den  Wetterzauber  der  Altaier,  Korrespondenz- 
blatt d.  deutsch.  Ges.  für  Anthropologie,  Ethnologie  und  Urgeschichte,  .\ugust  1893,  S.  57 
und  Tomascheks  Ausführungen  ebenda  S.  62.  Gemeint  ist  anscheinend  ein  Schlangen- 
beschwörer =  ahigunthika  der  Jätakas.  Vgl.  R.  Fick,  Die  soziale  Gliederung  im  nord- 
östlichen Indien  zu  Buddhas  Zeit,   1897,  S.  154,  190. 


I 


XJigurica  II.  85 

«3  ärsär     boyayudt  boltum  ärsär  i .  .  .  [ort  put]luy  ttnlylaray     q'inayu&i 

bin,  ein    Fesseler    gewoi-den     bin,  für  die  vierfüßigen  Lebewesen  ein    Quäler 

M  ärngälgüöi  boltum  ärsär         kiSi    ölürgüci  cantal  boltum  ärsär  hu 

and  Peiniger  geworden     bin,    ein  Menschen    tötender    Candäla  (=  Scharfrichter)  geworden    bin,    diese 

15  iki  ygrmi  türlüg  asravrkt . . .  i  üin     iSlägüci      bolup  irinö        yrly 

achtzehn        Arten     äsrava-  Taten  Vollfahrender  geworden  bin   und  die  jämmerlichen,  elenden 

■«  t'inlylaray    yartiyanö^z  kö [ngültä]       isig  özlärintä  ad'irt'im 

Lebewesen  in  unbarmherziger  Gesinnung         von  ihrem      Leben         gelrennt  habe, 

'1 dim  ölürdüm  ärsär      ämti  anX  baröa   billnür-mn    ökünür-mn 

sie     getötet        habe,  so  werde  ich  mir  jetzt     alles     dessen  bewußt,  ich  bereue  es, 

■8  yazuqumta  bilinür-mn         bursong  quvray-ya  kkmti  ötünür- 

meine  Sünde  erkenne  ich.     Der  Geistlichen  Schar        bekenne  ich  (sie), 

'9  -mn  irinöüdä    boS  bolay'in  tizit  Manti  bohun  tay'i  ymä     mn 

von  Jämmerlichkeit  möchte  ich  frei    werden.    Möge  (das)  Dista     ksäiiti        seini    Ferner  auch  wenn  ich 

■">  .  \cj\utluy     an     . .  \t\ürlüg     krmbut    . . .  {t^sui       ay'iy  cßinc  qilt'im  ärsär  o  o 

Qutluy     die  zehn  Arten     Karmapatha  .  .  .,  Sünde  und  böse       Tat        getan      habe, 

"  inö Iti  yinin  ölüm  \ö\lürdim  ärsär  atnayu  tavar'in  o  o 

die  getötet         habe,     anderer       Habe 

"  oyurladim  ärsär  äonng  (sie)  yutuz-inga   yaz'indim   ärsär  tilin      äzüg 

gestohlen       habe,      gegen        das  Hausgesinde       gesündigt       habe,  mit  der  Zunge  trügerische 

»3 sav  sözlätim     ärsär  fayurdum     äcrik     sarsay   sav     sözlädm 

Worte    geredet     und      gerufen   habe,    'verkehrte,  'alberne  Worte  gesprochen 

»4  ärsär    nsqan&ulad'im     köngüUn  atnayu-nung  ädgüsingä  köni  say'inö 

"habe,  mich  überhoben  habe,  im  Herzen        zu  anderer  Wohl        rechte  Gedanken 

>5  turyurmat'im  ärsär  övkä    üz  boz      köngül  tutdum  ärsär  trs         körilm 

nicht  entstehen     ließ,    Zornes-Zerstörungs-Gesinnung         festhielt,         eine  verkehrte  Anschauung 

•s  örtdüm  ärsär  bu    on    krmabut      s'idim  ärsär       on  türlüg  ay[i\r 

gehegt       habe,  diese  zehn  Karmapatha  gebrochen  habe,  die  zehn    Arten    schwerer 

»7  uy'iy  . .  [gjj/ . .  inj]  tükäl  .  .[qi\U'im  ärsär  ani  baröa  alyurii  m' (Zeilenfiiller) 

böser  Taten         vollkommen      getan         habe,   dieses    alles    insgesamt 

»8  ökünür-mn  bilinür-mn  yazuqwntu  boä  bolay'in  tizit 

bereue  ich,        erkenne  ich     an,   von  meiner  Sonde   frei      werden  möchte  ich.     Dista 

»9  käanti  bohun    tayi  ymä  %utluy  ilkisiz  dabaru         ilki  ilki 

ksänti      tei  es!     Femer  auch  [was  ich]  Qutlu/  in  der  anfangslosen  [Zeit]  wandelnd,  in  allen  früheren 

30  azunlarda        nä  bu   azunda  ät'özin   yjilu    yand/il'im  tilin 

Existenzen  und  was  ich  in  dieser  Exi^^tenz  mit  dem  Körper  handelnd      'gefehlt  habe,  mit  der  Zunge 


86  F.W.K.  Müller: 

3«  sözläyü  yancdtm  kimgülin        saqinu  yamäim  ärsär  az    övkä  biligsiz 

redend        'gefehlt  habe,     im  Herzen  durch  Denken      *  gefehlt      habe,  durch  Irrtum,  Zorn,  wissenloses 

32  bilig  küni  kövänc    sizik  k. . .  [ör]üm     mzcarii-lar     cr^ufinta      nonvya 

Wissen  (avidyä),  Neid,  Hochmut,  Zweifels-Anschauung,  diese  Leidenschaften  veranlaßt  gegen  die  Lehre 

33  bursong  vr%arqa  yazt'im  ärsär  ögkä         qangqa      hnyßi-larqa 

gegen  der  Geistlichlieit  Kloster      gesündigt    habe,  gegen  Mutter,  gegen  Vater    und  gegen  Lehrer 

34  yazdtm       yang'ildim  ärsär  öz-dä      ulwylarya     utrundum         ät'öz-dä 

gesündigt  und      gefehlt         habe,    wenn  ich  im  Leben  den     Großen  mich  wideraetzt  habe,  im  Körpei' 

35  kidig-lärkä    ucuz  yinik  tutdum  ärsär     aya'yqu      öiltäkä        täkimlg 

die  Kleinen  für  geringwertig     gehalten     liabe,     die  Ehre  und  Achtimg  (?)  verdienenden 

36  t'ifitiylara'^     uyaysitz        toi       uduz       qilt'im  ärsär      ämti  ahju  yazufurnuz 

Lebewesen  zu  ehrlosen  und  ganz  verächtlichen  gemacht  habe,  so  erkenne  ich  jetzt  alle  meine  Sünden 

37  bilinür-mn  ökünür-mn  Isuida       yazuqda  bos  bohy'in      tizU 

an,  bereue        sie  und  wünsche  von   Sünde  und  Vergehen     frei  zu  werden.     Dijta- 

38  kSanti  bolzun    tayi  ymä  qutluy  qiz'im  yßitada  (sie)  (  «  )  birlä  ilki 

k§änti      sei  es!     Ferner  auch  wenn  ich,  Qutlu;/  und  meine  Tochter     Qutad  in  allen  ersten 

39  ilki  azunta      baru        vr%ar       sangram-ta  linta  pryanta       afiy 

(früheren)  Existenzen  wandelnd,  im  Vihära  und  Saughärama,  im  .  .  .  und  .  .  .,    den  reinen 

40  yir-lärtä  sävig  köngülin    ootsuz  (sie,  lies  ovutsuz)  biligin  qilmaqu     qilinölar 

Stätten  in  Liebesgesinnung  mit  schamlosem  Wissen  die  nicht  zu  tuenden    Taten 

41  yßt'im  ärsär  vr%ar    sanlay    sangig     tavaran  yidim  yungaldim       ärsär  00 

getan       habe,  den  zum  Vihära  gerechneten   Schatz  und  seine        Habe       verzehrte    und  .  .  .  -te, 

4»  azu         sat'iy  yuluy  oyufinta       tängin      tarazukin  ciy'in       tsunin 

oder  bei  Verkaufs-  und  ' Kaufs-Gelegenheit,  mit  Wage     und    Libelle,        *Fuß  und  *Zoll, 

43  sinngin        yßv'in  küriti     küriligin  arttm  yutdum      az     birip 

'Scheffel  und  *Metze,     List  und  Huiterlist  zerstörte  und  verschluckte,  wenig  gebend, 

44  öküS  aÜ'itn    ärsär  azu  yir    suv       bay      borluy  i  tafiq  tafimaq  o  o 

viel  genommen   habe,     oder  beim  Land-,  Garten-,  Weinberg-  luid    Acker-      Bebauen 

45  oyufinta  suvday'i      tintiy-laray  quryayda  kämiSip  ölürdüm   ärsär 
zu  dieser  Zeit  die  im  Wasser  befindlichen  Lebewesen  aufs  Trockene    geworfen  und  dadurch  getötet  habe, 

46  yjurqaqdayi  t'intiylaray  suvda  kämiSip  ölürtüm  ärsär  atnayu 

und  die  auf  dem  Festlande  lebenden  Lebewesen  ins  Wasser  geworfen  und  dadurch  getötet  habe,  wenn  ich 

[andern 

47  özin  ilzüp      kntü  özümin  igtülädäm  (sie)  ärsär  azu       suu    suuläp 

das  Leben  abschneidend   mich       selbst  gepflegt  habe,     oder  ein  Heer  befehligend, 

48  yarty         kätip        sucri  söngün  sanötp  yiti    yßMin    läcip  ya     qurup 

den  Panzer  angelegt,  mit  spitzer   Lanze  gestochen,  mit  scharfem  Schwert  gehauen,  den  Bogen  gespannt^ 


Uigurica  II.  87 

49  oy  at'ip     atnayti  isig  özintä  at'irt'im  irind  yarly  yazuq- 

den  Pfeil  abgeschossen  habe  und  dadurch  andere  vom  Leben      getrennt,     niiglüekliche,      schuld- 

50  -suz  t'intiy-laray  oytin        '/jizin  holulyot'im  (sie,  lies  bulyat'im)  gmrayytnta  at'ird'im 

lose        Lebewesen,     Sohn  und  Tochter,  verwirrt  habe,  von  ihren  Lieben  getrennt 

51  ärsär  töziin  yuvaä  ädgü  kiäi-lärig      küng  ^ul   ■/j.lt'im         ucuz 

habe,       edle,      sanfte,     gute     Menschen  zn  Sklavin  und  Sklave  gemacht,  für  gering- 

5»  yinik  tuttum  ämgättim     irintürtüm  ärsär  az  (sie,  s.  azv)  ilig        törüg  bulyadm 

wertig  gehalten,     gequält     und       elend       gemacht  habe,  oder  Reich  und  Gesetz     verwirrt 

53  ärsär       Im     bulyay       tilngäng-kä  %atiltim  'iduy        %utluy-larya 

habe,    in  diese  Verwirrung  und  Eri-egung     mich  eingemischt  habe,  gegen  Heilige  und    Majestätische 

trs         yrfily  (sie,  lies  yrtiy) 

verkehrtes  Wort   und 

54  yang^iluq  say'in^  sayiniim  ärsär  uluLsuy     hfittq'iy     iki  yarlam 

fehlerhafte  Gedanken    gedacht       habe,      Stamm  und  Stadt  in  zwei     Teile 

55  yßlu  turqurtum  ärsär     hatiyt'in  batiqqu      iltin       ilkä       tägürgüöi 
spaltend  einen  Aufstand  erregt  habe,  von    Stadt    zu  Stadt,  von  Reich  lu  Reich  als  Überbringer  (Spione  ?) 

56  yor'it'im  ärsär  bu    munöolayu  öküS  iürlüg     tinttylaray    iiicsirätinäk 

gegangen       bin,  wenn  ich  diese  so  beschaffenen     vielfältigen,    die  Lebewesen  ruhelos  machenden 

57  tsui  irincü      ay[i\y  -/ßtinö  ^ilt'tin  ärsär     ämti  nlquni  ökünür-mn 

SQudeu  und  erbärmlichen     bösen      Taten       getan       habe,  so  jetzt       alles         bereue  iclt, 

58  bilinür-mn  yazuyurnin  köriinür-mn      ädgü  xilmafün        yaviz 

erkenne  es  an,  meine  SOnde      erschaue  ich;    da^  Gute  habe  ich  nicht  getan,  das  Schlechte 

59  qilt'im  hilip        qilmatim  ärinö(NB. !)  bilmätin    uymat'in     %ilt'im,  ärsär 

habe  ich  getan.  Wenn  ich  wissend  etwas  nicht  getan,  ohne    es    zu  wissen  und  verstehen  etwas  getan   habe, 

60  ämti  otilnür-mn  hnnu  ärkligi  ögiimin       köngülümin  saömaz-yan 

jetzt        bereue  ich  es.     Uaniit  der  Hölle  Herrscher  meinen  Verstand  und  mein  Gemüt     nicht  verwerfe, 

61  lamutaqi  ort  yatin     fay'i      önmäz-käa  örtli'tg  yaUnhrtu 

der  Hölle         Flamme      auch  nicht     emporsteige,   in  die  feurigen       Flammen      wir 

«>  tar/t        uyunmuz-yan  ükünäUm  inöip  Imiy/in  qang'imiz-ni  köri'ir- 

auch  nicht  * hinabstOrzen,    wollen  wir  unsere  Reue    äußern.        Sc»        Buddha,     unsern  Vater,       sehen 

63  -biz    /lomin    üdü  (sie)  täginür-biz         bursong  quoniy'in  tapinurbtz 

wir,  sein  Gesetz  hören  wir     ehrerbietig,  seiner  Geistlichen        Scliar  \erelnen     wii-. 

64  amti-yan       ökünsär       ol  yig  bolyai  avis  tainuday'i  ort  yatinta 

Jetzt  'gerade  zu  bereuen,  wird  vortrefiflich  »ein.     Wvnn  in  der  AvTci-        Hölle  Flammenglut 

65  uyuntuyta  antu  öküiisär  nä       lusu  bolyai        am  ildün  ökünür- 

*  versunken       dort  (erst)  ich  liereuen  wcillt^'.  welchen  Nutzen  winde  das  l)ringen?     Daher  bereue 


88  F.W.  K.  Müller: 

66  -mn     biünür-mn  yßtna'i  ü6    ödki  kang  ögüz    löintäki   qum 

ich  und  bekenne  ich.        Aller      drei  Zeiten,  wie  die  im  Ganges-Strom  befindlichen  Sand-(körner) 

67  saninöa         buryßnlar  ödintä  ayayya  täkimlig  pintolahardvöidä 

so  zahlreichen       Buddhas        Lehre'    gemäß  und  in  des  ehrwürdigen  Pindolabharadväjas 

68  ulat'i  all'i  ygrmi  ma%a  Sraviklar  üskintä  tuzit  ordu-dayi 

und  der  sechzehn         Mahä-       srävakas     Gegenwart,  des  im  Tusita-Palast  lebenden 

69  maitri  hodisvt-da  ulat'i       tört  yüz  toyuz  on  alt'i  bodisvtlar 

Maitreya-Bodhisattvas    und  der  vierhundertundsechsundneunzig  Bodhisattvas 

70  Üskintä     yamay  bi§        azun        t'inliy-lar  üskintä        yahrla 

Gegenwart,      aller      fünf  Existenzformen      Wesen      Gegenwart  mich  demütigend, 

71  ötünür-mn  yürünü         boSunu        kSanti      qolu     täginür-mn  mini      irindkäyü 

bitte  ich,  i'ein      und  frei  zu  werden,  Vergebung  ei-flehe  ich     ehrerbietig.     Meiner    sich  erbarmend, 

7»  irinckäyü  yartiyancuci  kongülin  yazuyumin  boSuyu  birzün 

sich  erbarmend  mit       gnädigem  Gemüt      meine         Sünde  möge  er  vergeben. 

73  tizit  kSanti  bolzun    %av%ast       vr%arday'i     sinandu  satt  tägindm 

Dista-  ksänti      sei  es!     Der  im  ....  Vihära  befindliche    STnandu     Sali     ich  habe  es  übernommen. 

74  namo  but  o  o  namo  drrn  o  o  namo  sang  o  o 

Verehrung  dem  Buddha!     Verehrimg  dem  Gesetze!     Verehrung  der  Gemeinde! 

75  üc  ärdäni-kä  päk  qatay  kirtgünölüg      cintamani  ärdäni  yüräkindä 

(Ich),  die  an  die  drei  Kleinodien     ganz      fest        glaubende,  eine  in  dem  Cintamani-ratna-Herzen 

76  tutmß         süzük      köngül-lüg         upasanö     qutluy  q'iz'im   qutad 

festgehaltene,  lautere  Gesinnung  hegende  Laienschwester  Qutlu)',  meine  Tochter  Qutad, 

77  oylum         turmiS    indä    say'inö   say'indim  baya  q'i-a     toym'iS 

mein  Sohn     Tm-mTsch    haben    folgenden     Gedanken  gedacht.     Der  '  vorübergehend  (?)       aufgegangene 

kün    tngri 

Sonnen-Gott 

78  ämti  sün^    önäti  tingürki-ä  toyiniS       özümz  ämti  sün^ 

jetzt   *eben  steht  hoch,  unser  *für  ganz  kurze  Zeit    geborenes  (?)    Wesen  (wir  selbst)  hat  jetzt   *eben 

79  y'itimz  yaSimz      yitdi  ärdimlig  ät'özüm    tcyinsar-mn 

unser  Jahr,    unser  Lebensalter    erreicht.    Wenn  ich  meinen  vei'gänglichen        Leib  verliere 

yinä  yjiyu 

wieder  —  an  welchem 

'  Z.  78  sün  scheint  ein  Suffix  wie  q'i-a,  ki-ä,  qan  (aus  qaiia  =  qiiia  •.=  qya?)  zu 
sein,  vgl.  Uigurica  1  S.  23:  öngrä-siin  iidün  t=t.  in  früherer  Zeit  (^iE^^)>  ebenda  S.  5  unten 
q'i-a,  ki-ä  (so !). 


Uiyurica  IL  89 

80  kün       bolyai      rnum  lag      tükäl-lig        kiSi    ät'özin  bulyum 

Tage  wird   es  sein?   einen   dem  gleich  vollkommenen  Mengchen-Körper  werde  ich  zu  erlangen  haben. 

ämti 

Jetzt  lasset  uns 

8<  üstün  tngri  yirintä  aÜ'in  kiSi     azuninta  toyyuluy 

eine  oben  in  der  Götter-      Welt       imten  in  der  Menschen-     Existenz     eine  Wiedergeburt  bewirkende 

8>  buyan         ädgü  %itinc   alatim  tip  bir  kün       tsunsing-ki    bir  kün 

verdienstliche  gute       Tat  unternehmen !    So  denkend,  habe  ich  einen  Tag  das  Tsunsing-king,  einen  Tag 

83  alyurya  öz       birdäöi  %vanSi  om  (sie,  lies  im)  pusar  nomi  bir  kün       kSanti 

des  für  alle  sein  Leben  gebenden  Kuansi-    im  p'u-sa    Sütra,  einen  Tag  die  Confessio 

84  bititkäli  ötündüm         bu      buyan  ädgü  xiltnö    %amay  Ü6  yüz  altmi(§) . . 

abschreiben  zu  lassen  mich  unterfangen.  Diese  verdienstliclie  gute    Tat  möge  flSr  alle  dreihnndertundsechzig 

85  tngrirlärkä  (mg  ülüS  bolzun 

-Odtter«  (a.  o.)  der  erate  Anteil      sein  1 

(2  Zeilen  leer.] 

86  tarf'i  buyan  ädgü  yjtinc     ärtmiS  bägim        yäti  bur/ßnhr  ulminda 

Femer  möge  (durch)  die  verdienstliche  gute  Tat  mein  verstorbener  Fürst  in  der  sieben  (?)  Buddhas  Reich 

87  tirzün 

leben'I 

.\  nuicrkiiDg.    Zur  Würdigung  dieser  Confe.ssioues  ist  die  folgende  Erklärung  Ja  sc  hke.s 
in  seinem  tibetischen  Wörterbuche  S.  566  von  Wichtigkeit,    ffl^tjj'tj  to  confess,  sdig-pa,  nyis-pa, 

Itung-ba,  to  confess  a  sin,  and  tkus  to  exjyiate  it,  which  two,  according  to  the  views  of  a 
Buddhist,  »re  always  united,  at  least  as  it  regards  lighter  traiisgressions.  Hence  sdig-pa 
hiags  frq.  means:  the  sin  is  atoned  for,  is  blotted  out,  and  gieg-pa  is  the  usual  word  for 
*to  forgive'  usw.  Der  rituelle  Name  dieser  Bekenntnisse  bei  den  türkischen  Buddhisten  (und 
Manichäem)  ist  kianti  (==  t^llrl)  nicht  Afawiö  ("j^)^)  wie  das  Fan-yi  ining-yi  tsi  (sfe 
pt]  S.  35  ed.  Tokyo  1881)  und  danach  B.  Nanjiö  bei  seinen  Rückübersetzungen  des  Aus- 
dnicks  'Hw'IM  (Nr.  1090,  1 106  seines  Catalogue)  angibt.  —  In  den  Versen  des  chinesischen 
Suvarnaprabhäsottama-räja-sütra  ^^  ZL,  |jp  fy  (B.  Nanjiö,  Catal.  Nr.  126)  und  des  von 
Qarat  Chandra  Das,  Kalkutta  1898,  herausgegebenen  Suvarnaprabhä-sütra,  Kapitel  4:  Da- 

.sanSma,    entsprechen    sich    äp. "tOTlS    ""d  päpakam desayisyämi,  pSpam 

deiayämy-aham.  Vgl.  dazu  oben  tizit  kianti.  Die  Manichäer  haben  Begriff  und  Wort  von 
den  Buddhisten  übernommen,  wie  schon  zeitlich  sich  ergibt:  die  älteste  Übersetzung  des 
buddhistischen  Sünden bekenntnisses  Triskandhaka  (B.  Nanjiö  Nr.  1106)  ist  schon  hundert 
Jahre  vor  Mäni  von  dem  Arsacidenprinzen  An  Si-kau  in  den  Jahren  140 — 170  n.  Chr. 
angefertigt  worden.  Aber  auch  inhaltlich  ließe  sich  die  Abhängigkeit  der  Manichäer  von  den 
Buddhisten  erweisen,  wozu  anderen  Ortes  sich  Gelegenheit  erweisen  wird. 


Phü.-hitt.  Klasse.    1910.    Abh.  lll.  12 


90  F.W.K.  Müller: 

",    Nachträge  und  Verbesserungen  zu  den  Uigurica  (I,  Abh.  1908). 

S.  8,  Mitte.  Statt  qai  ist  qaya  zu  lesen,  wie  Radioff,  Alttürkische 
Studien  I  S.  1220  richtig  bemerkt.  Er  übersetzt  »sahen  sie  sich  um«. 
Vgl.  Radioff,  Wörterbuch  II  S.  89  unter   »yayö«. 

S.  1 1 .  Von  zwei  Seiten  bin  ich  schriftlich  auf  den  angeblichen  Irrtum 
aufmerksam  gemacht  worden,  ü6  (3)  ygrminö  (20'')  bedeute  nicht  der  drei- 
zehnte, sondern  der  dreiundzwanzigste.  Die  schöne  Entdeckung 
W.  Bangs  (Vorrede  zu  J.  Marquarts  Chronologie  der  alttürkischen  In- 
schriften 1898),  die  die  Chronologie  der  Inschriften  befriedigend  erklärte 
und  u.  a.  dem  Rätsel  der  37  Tage  des  9.  bzw.  7.  Monats  des  Schafs-  und 
Affenjahres  ein  Ende  machte,  scheint  demnach  doch  nicht  so  bekannt  ge- 
worden zu  sein,   wie  sie  es  verdient. 

Ebenda.  Der  Titel  »Suvarna-prabhäsa-uttama-sütra-indra-räja«  ist  von 
Franke  (Hamburg)  angezweifelt  worden,  s.  Archiv  für  Religionswissen- 
schaft, Bd.  13,  Heft  I,  S.  141 :  »ich  weiß  nicht,  woher  M.  den  Titel  Suvarna- 
prabhäsa-uttama-süti'a-indra-räja  hat«.  So  heißt  er  aber  tatsächlich  im  Kan- 
dschur,  wie  eine  Vergleichung  der  von  mir  S.  1 1  unten  citierten  Stelle  der 
Annales  du  Musee  Guimet  II  S.  315  zeigt'.  Ferner  in  den  Unterschriften 
des  von  Qarat  Chandra  Das  herausgegebenen  Textes  »Suvarna  Prabhä«, 
Fase.  I,  Kalkutta  1898  am  Ende  der  einzelnen  Kapitel  (iti  suvarnaprabhä- 

sottamasütrendraräja- parivartto  näma  dvitiya,  trtiya  usw.),  Kap.  2, 

3,  4,  5,  6,  7,  8,  9,  10,  II,  12,  13,  14,  15  (soweit  ediert).  —  »Daß  unter 
den  Mönchen,  die  auf  Befehl  des  Kaisers  Kubilai  (13.  Jahrhundert)  bud- 
dhistische Schriften  übersetzten,  auch  solche  gewesen  seien,  die  Uigurisch 
verstanden«,  diese  zuletzt  von  Laufer  wiederholte  Notiz  geht  auf  Stan. 
Julien  (Journal  asiatique  1849,  S.  366  oben)  zurück,  der  a.  a.  0.  die  letzte 

'  Vgl.  auch  Schmidts  Kandjur-lndex.  Oder  meint  derRecensent  die  nicht  ausgeführte 
Zusammenziehung?  Das  ist  aber  bei  den  tibetischen  Angaben  von  Sanskrittiteln  ganz  gewöhnlich. 
Vgl.  u.  a.  Schmidt  und  Böhtlingk,  Verzeichnis  der  tibetischen  Handscliriften,  z.  B.  Nr.  258. 
Auch  der  Zusatz:  »Ob  auch  diese  uigurische  Übersetzung  nach  dem  chinesischen  Text  an- 
gefertigt ist  oder  nach  dem  Sanskrit,  wird  sich  er.st  dann  entscheiden  lassen,  wenn  man  das 
Datum  der  Übersetzung  kennt»  ist  mir  nicht  verständlich.  Die  S.  13 — 14  mitgeteilte  Original- 
unterschrift erklärt  doch,  der  Text  sei  aus  dem  »Indischen«  in  das  Chinesische  und  aus 
dem  Chinesischen  in  das  Türkische  übersetzt  worden.  Ob  nun  gerade  aus  den  im  Chinesi- 
schen Kanon  erhaltenen  Versionen,  ist  natürlich  eine  andere  Frage.  Bekanntlich  haben  meh- 
rere chinesische  Übersetzungen  dieses  Textes  existiert.    Vgl.  B.  Nanjiö,  Catal.  Nr.  130. 


r 


Uigurica  II.  91 

Vorrede  vom  Jahre  1306  des  M 7t '^ § ^ |5l ^, if  (B.  Nanjiö,  Catal. 
Nr.  1612)  bespricht:  »Vingt-neuf  savants  verses  dans  les  langues  thibetaine, 
oigoure,  sanskrite  et  chinoise,  qui  furent  charges,  comme  on  le  voit  dans 
la  preface  de  i  289,  de  comparer  les  textes  entre  eux,  de  coUationner  les  tra- 
ductions,  et  de  les  revoir  et  arreter  definitivement  pour  la  reimpression  ge- 
nerale.   Leur  travail,  commence  en  1285,  fut  termine  en  1287.    Parmi  ces 

savants,  on  remarque  un  Samaneen,  du  departement  de  Pe-thing 

et  un  academicien,  appele  To-in-tou-tong,  qui  reQut  la  commission  de  tra- 
duire  les  mots  oigours  (Wei-ouo-eul-ya).« 

S.  13  unten.    Statt   »rastlos«   (qotis'iz)  lies   »restlos«. 

S.  14  oben.  Zu  dem  unerklärt  gebliebenen  öu  kälyük  bulyani/uq 
biä  cöbik  y{a)vlaq  öd  ist  zu  bemerken,  daß  die  Formen  auf  -yük  und 
-yuq  Erweichungen  von  -diik  und  -duq  darstellen,  wie  durch  mehrere  Bei- 
spiele belegt  ist.  Also  kälyük  —-  käUlük,  bulyanyuq  =  Imlyanduq.  Die  Er- 
klärung  zu  bis  ööbik  fand  ich    in  dem  Sütra  pf?^  ||f:  29  ^ 5^  (ß-  Nanjiö, 

Catal.  Nr.  696  =  T'au  14,  Heft  10,  S.  34a,  unten  Z.  8):  j^^ ^ 

^  ;^  ^  jtfc  i^  5l  ySÜ  =  »Buddha  sprach:  ...  Die  Zeit  nach  meinem  Hin- 
gang heißt  die  fünf  Trübungen«.  Vgl.  ferner  das  Sütra  [^Üt-b^lS 
(B.  Nanjiö,  Catal.  Nr.  718  =  T'au  15,  Heft  i,  S.  5a,  oben  Z.  11):  'S'^i 
V^^itil  ^-  "1^^  zukünftige  schlechte  Zeit  der  fiinf  Trübungen«,  was  also 
einer  türkischen  Form  *  kin  käii</7nä  biä  ööbik  yvlaq  öd«-  oder  -»kälinä- 
dük  bis  ööbik  yvlaq  öd»  entsprechen  würde.  Obige  Stelle  (S.  14)  ist  dem- 
nach zu  übersetzen :  » .  .  [von  dem]  in  dieser  lierbeigekommenen  [^  gegen- 
wärtigen]   verwirrten    [=  unruhevollen],    bösen    Zeit    der    fünf  Trübungen 

[lebenden Bischbaliker  Singku  Sali  Tutung|«   usw.  —  Zur  Ableitung 

von  ööbik  vgl.  dschagat.  ööp  =  Mist.  —  Nachträglich  fand  ich  noch  bei 
Watters,  Essays  on  the  Chinese  language,  Schanghai  1889,  die  mir  jetzt 
erst  zugänglich  wurden.  S.  491  folgende  Zusammenfassung:  »a  Cho-shi 
(J§1ft)  ''^  ä'^  ^8^  of  utter  degeneracy  when  vice,  ignorance  and  false 
teachings  prevail,  when  man's  life  is  shortened,  and  the  world  is  hastening 
to  destruction. «  Watters  zitiert  das  Fa-yüan-cu-lin  chap.  XCVIII  (^  1 17), 
woselbst  eine  Reihe  von  Sütra-Stellen  angeführt  werden,  die  den  Ausdruck 
jEi^  behandeln.  — •  Vgl.  endlich  noch  das  Bukkyö  iroha  jiten  (^j}^  V^ 
h  lii^%\  s.  V.  go-joku   aku-se  {-j^Ji^MW)- 

S.  15.  ada-s'iz  muß  lieißen  »unversehrt,  unbeschädigt«.  Vgl.  die  zu- 
treffenden Bemerkungen  Radioffs  zu  nda  tuda  (im  »Tisastvustik«  19 10  S.66. 

Vi* 


92  F.W.K.  Möller: 

Ebenda  Anm.    Der  Name  Dharmaraksa  beiß.  Nanjiö,  S.  391  (so  statt 
341  zu  lesen)  ist  wohl  besser  in  Dharmaraksit(a)  umzuändern,  denn  die  för 
die  letzte  Silbe  gebraucbten  Zeichen  enden  in  der  alten  Aussprache  auf  t: 
#*lSt5^:^  \t'äm-mo-lo-6'ät  (Kanton),  t'am-mo-lo-ts'at  (Hakka), 
-^}^t^.^   ( don-ma-ra-sat{su)  (Japan) ; 

ö^l^m^il  {t'5m-mo-lo-ö'ät  (Kanton),  t'am-mo-lo-sat  (Hakka), 
^*=*"^*    '^"*  \  do7i-ina-ra-set{su)  (Japan). 

S.  19  oben.    Lies  kösüi-lüg  (Nr.  27),  yigig  (29),  S.  20  Blitz-Glanz  (45). 

S.  21  unten,    k'^u-r-pu  (^_^  \*)- 

S.  23  unten,  sizig  ist  mit  ^  »Zweifel«  übersetzt  auf  Blatt  T.Il  M.  1 2 — 7 
{käanti  nom).     Die  Übersetzung   »Weh«   ist  demnach  zu  tilgen. 

S.  33  oben.  Lies  dundubhi-svara  (Korrektur  Leumanns).  Diese  Form 
stimmt  dann  mit  dem  Chinesischen  überein:  Pauken-Ton   ^^• 

Ebenda  unten.    ^''*— *\  ,  lies  statt  divini  vielmehr  devyai. 

S.  39  unten,    bältir. 

S.  41.  osuyluy  ist,  wie  aus  anderen  Texten  hervorgeht,  Synonym  von 
yangtvy.  singirkälir  osuyluy  also  »nach  Art«,  »als  ob  sie  auf  ihn  ein- 
dringen wollten«. 

S.  43.  Das  Wort  s'iöyanaq  wiU  Radioff,  Alttürkische  Studien  II, 
S.  226  übersetzen  »,das  Mäuschen',  offenbar  hier  ,die  Hoden'«,  und  dem- 
gemäß übersetzt  er  die  fi-agliche  Stelle  »indem  ...  sie  [die  Dämonen]  auf- 
schrien und  brüllten,  preßten  sie  die  Handflächen  zusammen  (oder:  ballten 
sie  die  Hände),  drückten  sie  die  Hoden  fest  an  sich,  warfen  ihre 
.  .  .  Haare  nach  hinten,  die  .  .  .  Dreizacke,  Standarten  und  die  .  .  .  Keulen 
in  den  Händen  haltend,  machten  sie  sich  bereit,  den  Fürsten  Tsch.  zu 
durchbohren  und  niederzuschlagen«  usw.  Ist  es  aber  nicht  eine  merk- 
würdige Vorbereitung  zum  Kampfe  und  eine  zwecklose  dazu,  »die  Hoden 
an  sich  zu  drücken«?  —  »Sich  mit  beiden  Händen  das  Gemächt  festhalten« 
(^•^P-y")  bedeutet  in  einer  sprichwörtlichen  chinesischen  Redensart  — 
allerdings  in  einer  anderen  Situation,  beim  Flußübergang  —  »übertriebene 
Vorsicht«  (vgl.  Arendt,  Einfiöhrung  in  die  nordchinesische  Umgangs- 
sprache S.  530).  Wenn  si&^anaq  wirklich  Mäuschen  bedeutet,  so  kann  man 
zwar  an  einen  Bedeutungsübergang  wie  gq^  —  g'^  denken,  aber  ebenso- 
gut an  den  von  mv^,  myc  —  mus-culus.  Daß  die  Dämonen  sich  ihre  Muskeln 
drücken  oder  kneten  als  Kampfesvorbereitung,  paßt  eher  in  den  obigen  Zu- 
sammenhang. 


Uigurica  II.  93 

S.  46.  iaidan  stammt  vielleicht  aus  dem  chinesischen  ^^  öai-t'an 
(alte,  aus  der  Intonation  zu  erschließende  Form:  öai-dan),  wörtlich  »Fasten- 
Platz«  oder  »Fasten-Halle«  (Giles,  Lex.,  gibt  die  Bedeutung  »altars 
of  abstinence«,  —   »Taoist  temples  or  halls«). 

S.  48.  Zu  dem  Ausdruck  ymki  »sitzen«  (olur-)  sind  die  chinesisch- 
buddliistischen,  mit  ^  tso  »sitzen«  zusammengesetzten  Ausdrücke  zu 
vergleichen : 

^fl^        to  retreat  during  the  twelfth  moon,  W.  Williams,  Dict; 
^^^ip  to  meditate  in  a  retreat,  ebenda; 

^^Jg  rester  en  retraite  (St.-Julien,  Ex.  prat.  S.  169)  sc.  retraite  re- 

ligieuse,  ebenda; 
^g        6tre  sedentaire  dans  la  retraite  d'ete,  ebenda  S.  191. 

Ebenda,    tngrim  war  tatsächlich  eine  Titulatur,  denn  unter  den  Fres- 
ken der  Turfanexpedition  n  (A.  von  Le  Coq)  befindet  sich  die  Abbildung  einer 
uigurischen  Prinzessin  mit  der  Beischrift  ,^*iet  ^tjJKtü  ^  ^£f*0  f-^jß'^ 
ögründ  tigin  tngrim  körki  —  das  Bild  der  Prinzessin  ögrünc  (Freude).    Vgl. 
auch  den  Titel  tngrilär  im  Bekenntnis  der  Üträt,  S.  80  Z.  64. 

Ebenda.  ^0£ß<n  jui^  [nach  Radi  off  El  ökäsi  und  ihm  zufolge  »Volks- 
mutter« zu  übersetzen]  ist  nicht  //  ögäsi  auszusprechen,  sondern  //  ügäsi,  wie 
die  chinesische  Umschreibung  beweist.  Auf  einem  Fragmente  des  Kara  Bal- 
gassun-Denkmals  findet  sich  nämlich  der  Titel 

p^  ^  n  m  "f-  w  m. 

aus  dem  Schlegel  (Chinesische  Inschrift  auf  dem  uigurischen  Denkmal  in 
Kara  Balgassun  S.  11)  einen  »inneren  Minister,  Kit-kan  ka-su«  oder 
» Kirkhan-ka§ «  (ebenda  S.  11,  12)  herausliest.  Schlegel  hat  eigen- 
mächtig -J--  (m)  in  ^  [kan)  verändert,  da  nach  seiner  Meinung  die  Bücher 
der  T'ang-Dynastie  maßgebend  seien,  nicht  die  Steininschriften!  Umgekehrt 
vielmehr  sind  die  durch  Büchertradition  überlieferten  Titel 

der  Premicrmiuister     II    ü-   gä-  si     der  innere  Minister     II     ü-    gä-  si 

ZU  restituieren.  II  ügäsi  »Ruhm  des  Reichs«  (ungefähr  liUil  J>6)  wird 
(wie  kiUH  fll*)  ein  Titel  gewesen  sein,  nicht  ein  Name.  Damit  entfallt 
auch  die  sachliche  Schwierigkeit,  den  II  ügäsi,  der  schon  a.  781  erster  Mi- 
nister war,  noch   60  Jahre  später,  a.  841,  fast  am  Ende  der  Glanzzeit  des 


94  F.W.  K.  Müller: 

Uigurenreichs,  noch  erwähnt  zu  finden.  Dieser  Titel  ist  uns  auch  durch 
die  manichäischen  Texte  erhalten,  z.  B.  M.  i ,  wo  er  «^^^H^^i^*-  -  'H- 
ügäsii  geschrieben  ist.  Durch  diese  Umschreibung  ist  anderseits  auch  die 
Aussprache  des  Zeichens  ^^  festgelegt,  die  Schlegel  Verlegenheit  bereitet 
hatte.  Vgl.  a.  a.  0.  S.  136.  Daraus  ließ  sich  nun  weiterschließen,  daß  auch 
die  andern  mit  ^^  zusammengesetzten  Titel  das  Wort  il  enthalten  müßten, 
nämlich  (a.  a.  0.  S.  18,  4  und  T'oung  Pao  VII  S.  187). 


alte  rekonstruierte  Aussprache  etwa: 


il-lii=  di)-bar, 

il-tir-i-Si, 

il-tut-te{ng)-mi-Si. 


Zu  dem  ersten  Worte,  aus  welchem  Schlegel  ein  kilhat  rekonstruierte, 
ist  zu  bemerken,  daß  die  Gleichsetzung  von  li  und  di  keine  Schwierigkeit 
bietet.  |^,  jetzt /o^,  können  wir,  da  es  noch  im  Koreanischen  pal  ausge- 
sprochen wird,  unbedenklich  mit  bar  gleichsetzen.  Dazu  kommt,  daß  ein 
mit  soghdischen  Lettern  transkribiertes  chinesisches,  buddhistisches  Text- 
bruchstück unter  unseren  Turfanfunden  die  jetzt  in  den  südlichen  Dialekten 
auf -/ auslautenden  Wörter  regelmäßig  mit -r  am  Wortende  wiedergibt'. 
Neben  der  koreanischen  und  soghdischen  Überlieferung  wird  diese  -r- Aus- 
sprache aucli  von  tibetischer  Seite  her  unterstützt,  da  ^  (=  Buddha)  mit 
^  p' hur  wiedergegeben  ist.     Vgl.  Annales  du  Musee  Guimet  II  S.  287'. 

NO 

Ferner  vgl.  noch  oben  S.  14  ff.  pusar  für  pusat. 

Jenes  *il-di-bar  wird  also  die  Wiedergabe  des  türkischen  Titels  «7- 
täbir  sein,  denn  so  wäre  es  nach  Vilh.  Thomsen,  Inscriptions  de  l'Orkhon 
S.  182  korrekter  gewesen  zu  umschreiben  statt  des  gewöhnlich  gebrauchten 
» ältäbär « . 

Auch  *il-tir-i-Si,  nach  Schlegel  ^>kidir-i.§  {?)<i,  kann,  da  für  ^  tit 
aus  dem  gleichen  Grunde,  wie  bei  fat  ausgeführt,  tii-  gelesen  werden  kann, 


'    Vgl.  auch  die  manichäische  Wiedergabe  von  ^  durch  '  ir,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad. 
d.  Wis.s.  1907  8.464(7). 

*    Der  dort   gegebene    transkribierte  Titel   läßt  sich    nämlich    mit  Hilfe  des  tibeti.schen 
Nebentitels  leicht  folgendermaßen  wiederherstellen: 

de'i  päd  (lies  p'äng)  byana  (lies  hyan),  p' hur  po'u  in  kyeng 

^  ^  fH      #    #  -®  u 

und  entspricht  somit  der  Nr.  431   in  B.  Nanjios  Catalogue. 


Uigurim  IL 


95 


sicher  mit  illiris  (Thomsen,  a.  a.  0.  S.  145,  196),  Radioffs  "ältäräs'^ 
gleichgesetzt  werden.  Ilteris  (i.  e.  -iz)  hat  schon  Klaproth,  Uigurisches 
Wörterverzeichnis  S.  4 1 . 

Eben  weil  jetziges  tut  in  damaliger  Zeit  tur  gesprochen  wurde,  war 
es  nötig,  die  Aussprache  tut  durch  zwei  Silben,  gewissermaßen  tü-te,  wieder- 
zugeben. So  möchte  ich  die  Schreibung  |l{lj^  auffassen,  bei  der  der  Nasal 
h  von  teil  nicht  stört,  denn  er  kann  dem  darauffolgenden  m  assimiliert  worden 
sein,  oder  er  war  überhaupt  nicht  sehr  hörbar,  denn  die  uigurischen  Um- 
schreibungen chinesischer  Wörter  auf  h  (vulgo  =  ng)  ignorieren  diesen  Nasal 
gewöhnlich  (vgl.  ki  für  king  j^  usw.),  obgleich  sie  ihn  in  der  eigenen 
Sprache  durch  n  +  y  wiedergeben.  Ist  diese  Erklärung  richtig,  so  muß 
der  Name  des  Khans  auf  der  Kara  Balgassun-Inschrift,  unter  dem  der 
Manichäismus  bei  den  Uiguren  eingeführt  wurde,  folgendermaßen  gelesen 
werden : 

täng-  ri-    da  qut  bul-  mi-    S      il     tu-    t-    mi-    S    al/>  kü-  li'ig 

[dazu  im  Pien-i-tien,  vgl.  Schlegel  S.  4: 

der  durch  Tapferkeit  und  Gerechtigkeit  sich  Verdienste  erworben  habende  bil-  ^i.  ^-yan. 

Das  wäre  dann  der  in  dem  manichäischen  Bruchstück  T.  11  D.  135  genannte 
ulwy        ilig        tängridä  qut.        bulm'is  ärdämin   il  tutniis 

der  große  König,  der  vom  Himmel  (Gott)  die  Majestät  erlangt  habende,  durch  sein  Verdienst      das  Reich 

[gehalten  habende 

alp  qutluy       kiilüg  bilgä  uvyur  "x/iyan         zahag  'i  mäm 

heldenhafte,   majestätische,  ruhmvolle,  weise      Uigur-     chagan,    die  Emanation    Mänis. 


'  Radioff  macht  etwas  zu  reichlichen  Gebrauch  von  dem  ä.  Das  Chinesische  ist 
gerade  in  die.sem  Worte  unzweideutig.  •^  ist  i  in  der  T'ang-Zeit,  wie  jetzt,  gewesen,  das 
bezeugeu  auch  die  jaj)anischen  Transkriptionen  aus 
dieser  Zeit.  Vgl.  ferner  die  Syllabare  dieser  Sprache. 
So  geht  auch  die  Form  Türyäsch  auf  seine  .\utorilät 
zurück.  Thomsen  drückt  sich  voi-sichtiger  aus, 
a.a.O.  S.  70,  und  läßt  auch  die  Form  Tiirgis, 
Türgii  zu.  Auch  hierbei  ist  die  chinesische  Wieder- 
gabe des  Namens  ganz  unzweideutig:  ^vi®Jtf& 
Tur-gi-Ü.  Dazu  kommt  jetzt  noch  eine  Münze 
(a.  Figur)  mit  der  Aufschrift:   turgü  'yayan  hai  ßyi 


Bro  ,/,1'käsch  ciiu' 

(lediTiilcii  in  ilcr  Uuiiin  A' ' 

Zweite  Turfaii-l'!    p " 


Ttirgiseh  f'Ii;i^;iii 
orRuii;eii!.la.lt  l'liotscli 


(oder  vielleicht  ßr/i  \- 


alte  Aussprache:  hak-ga]  tnrgh-  yji'^/an  bai).    \'gl.  Chavannes, 


Documents  sur  les  Tou-kiue  occidentaux  1903,  s.  v.  mo-ho. 


m  F.W.  K.  Müller: 

Erst  nachdem  ich  die  obigen  Gleichungen  festgestellt  hatte,  habe  ich 
aus  Hirths  Nachwort  zur  Inschrift  des  Tonjukuk  1899  ersehen,  daß  Hirth, 
von  anderen  Gesichtspunkten  ausgehend,  schon  festgestellt  hat,  daß  ^^ 
»alter  Laut:  Aj^«  =  il  (a.  a.  0.  S.  108,  109)  und  pjj^^lj^  y>hit-Ht-li-scht»  = 
ilteres  ist  (S.  53).  Zu  ^^T^IJl^  {^hit-li-fat'^  S.  1 10)  zieht  Hirth  noch  -^t^J 
1^  oder  '^7Jt|J'f3s  "i-U-fat*,  vermutet  aber  (statt  des  obigen  iUähir)  dahinter 
ein  türkisches  Wort  wie  »  älpat  oder  ilbat «  (S.  1 10  luiten).  Unser  il  tut(m'iS) 
erklärt  Hirth  (S.  109)  ebenso  abweichend  durch  »  ältör*  oder  »  ilter»  (=?). 


Seit  der  Drucklegung  meiner  »Uigurica  (I)«  sind  eine  ganze  Reihe  auf 
das  »Alttürkische«'  bezüglicher  Abhandlungen  Radioffs  erschienen,  die  er 
so  freundlich  war,  auch  mir  zu  übersenden.  Ich  kann  nicht  allen  darin  vor- 
getragenen Übersetzungen  meine  Zustimmung  geben,  möchte  alier  hier  jetzt 
nur  einiges  von  grundsätzlicher  Bedeutung  erörtern : 

1.  Auf  die  aus  den  relativ  späten  Blockdrucken  mit  schwankender 
Orthographie  abstrahierten  Gesetze^  großes  Gewicht  zu  legen,  halte  ich 
nicht  für  angezeigt  oder  doch  wenigstens  verfrüht. 

2.  Zur  Lexikographie  wäre  zu  bemerken,  daß  unsere  Aufgabe 
jetzt  nur  darin  bestehen  kann,  die  in  einer  bestimmt  umschriebenen  Lite- 
raturgattung herrschenden  festen  Wortbedeutungen  zu  ermitteln.  Der  ety- 
mologische Gesichtspunkt  muß  dabei  etwas  zurücktreten,  ähnlich,  wie  wenn 
man  Ausdrücke  des  heutigen  Deutsch  wie  »Kind  und  Kegel«  etymolo- 
gisch wörtlich  in  eine  andere  Sprache  übersetzen  wollte:  eheliches  und 
außereheliches  Kind.  So,  meine  ich,  sind  Ausdrücke  wie  isig  öz,  ät'öz, 
fiir  die  uns  im  Chinesischen  und  Sanskrit  feste  Übersetzungen  =  »Leben« 
bzw.  »Körper«  im  buddhistischen  Stil  vorliegen,  immer  so  zu  übersetzen 
und  nicht  in  ihre  etymologischen  Bestandteile  aufzulösen,  amraq  isig  öz  ist 
also  nicht  in  amraq -\- isig  =  »ruhig  und  warm«  (Radioff,  Tisastvustik 
S.  52)  4- 02"  (»selbst«)  aufzulösen  und  zu  übersetzen:  »euch  selbst,  auf  daß 
ihr  friedlich  und  im  Wohlsein  lebet«  (ebenda  S.  35),  sondern:  amraq  isig 
+  öz  =  (euer)  liebes  {amraq)  Leben  {isig  öz).  Ebenso  ist  für  ^07  yalin  die 
feste  Bedeutung  »Würde,  Majestät«  durch  die  Chinesen  gegeben.    Ich  glaube 

'  Nach  Analogie  des  Persischen :  Altpersisch,  Mittelpersisch,  Neiipersisch  können  wir 
eigentlich  nur  von  einem  Mitteltürkisch  oder  älteren  Türkisch  reden.  Das  Alttürkische  ist 
uns  unbekannt. 

'    Vgl.  z.B.  »TiSastvustik.  S.  115,  Anm.  2. 


Uigurica  IL  97 

dalier  auch,  daß  die  »glühend  flammenden«  {coy-luy  yatin-Uy)  Yaksas  bei 
Radioff,  S.  36  u.  ö.  nur  »glänzende,  majestätische«  sind  und  dem  mongo- 
lischen ioq-tu  jiby^ulang-tu  (worin  6oq  wohl  Entlehnung  ist)  entsprechen. 
Ebenso  (S.  36)  heißt  küyü  közädü  yrl'iqad'i  nicht:  »er  befahl  zu  behüten«, 
sondern:  »er  geruhte  zu  behüten«.  Der  Buddha  hat  auch  (S.  44)  keinen 
»Bücherbefehl  erlassen«  {nomluy  yrlty-iy  yrltqa-tuq),  sondern  »geruht,  einen 
Lehrausspruch  zu  tun«. 

3.  Zur  Grammatik  des  älteren  Türkisch  möchte  ich  bemerken,  daß 
das  Suffix  -üngüz-lär  nicht  gleichzeitig  ihr  (vos)  und  euer  {vester)  bedeutet. 
Das  soll  es  aber  Radioff  zufolge  in  den  beiden  wie  ein  Refrain  durch 
das  ganze   »Tisastvustik«   gehenden  Sätzen: 

ayi  +  bafim  äd+tacar  ärk  +  tiirk-üngüz-lär  asilmaqi  bolzun^ 
alqu  öoy  +  yalin-tiy  is  -{-  km-ünyüz-lnr  pütmäki  bolzun. 
Radioff  übersetzt  dies: 
»ihr,    die  durch  Schätze,  Besitz   und  Reichtum  mächtigen  Türken  {türk- 

üngüz-lär~\\  möget  gedeihen! 
eure  wichtigen  und  glänzenden  Geschäfte  [b^-küd-üng iiz -lär\  und  Anstren- 
gungen mögen  Erfolg  haben!« 
Es  bedeutet  aber: 

»  euer  Schatz  undBesitz,  Hab  und  Gut,  (eure)Machtund  Stärke  möge  zunehmen, 
alle  eure  prächtige,  glänzende  Kraft  und  Anstrengung  möge  vollkommen  sein!« 

Damit  verschwinden  die  Türken  endgültig  aus  diesem  Sütra, 
und  die  daraus  gezogenen  Schlüsse"  des  Hrn.  v.  Stael-Holstein  sind  hin- 
fällig geworden. 

4.  Was  die  buddhistischen  Realien  anbetrifft,  so  stimme  ich  auch 
hier  nicht  immer  mit  Radloffs  Auffassung  des  Textes  überein.  Beispiels- 
wei.se  fasse  ich  die  folgende  Stelle  aus  dem  »Tisastvustik«  ganz  anders  auf: 

'  S.  46  übersetzt  aber  Radloff  ärk-lig  türk-lüy  richtig:  »der  Mäclitigste  und  der 
Gewalthaber«.  Zu  ärk-  türk  v<i\.  noch  die  foljiende  Stelle  aus  dem  Maitrisiuiit  (T.  II  S.32): 
ilifflär  bäglär  buiruq-lar  piilräklär  Die  Könif^e,   Fürsten,  Befelilsliaher,  'Vollstrecker, 

qundui  qatun-lar  tigit-lär  inal-  die  KöiiiKinnen,   Prinzen,  Minister  ('N'ertrauten), 

•lar  uluy  bai  haya-/ut-lar  kntii  kntii  die  großen,  reichen  Siesthis,  verließen  jeder  einzelne 

. .  lär]klärm  lürklärin  idalap  toyin  ihre  Macht  und  Stärke,  wurden   Mönche 

dindar  bolup  aryant  qut'in  bulti-lar.  und   Froiiune  und  erlangten  dit;  Arhatwürde. 

'  S.  91  (u.  122):  -der  uigurische  Bearl)eiter  ...  bezeichnet  Tra])usa  und  Bhallika 
inehifach  al«  ,durcii  Schätze,  Besitz  und   Keiciituui  mächtige  Türken'.. 

PhU.-hüt.  Klasse.    l<Jl().    Abh.  II l.  13 


98 


F.W.K.  Müller; 


»Tiäastvustik«  S.45  unten  bis  46. 
Radioffs  Übersetzung. 

Meine  Zusätze  in  [  ]. 

.  .  .  (böse)  Pipicqu-Formeln  wer- 
den nicht  in  den  Körper  dieses  We- 
sens tief  hineingehen,  Gift  wird  in 
keiner  Weise  in  ihn  eindringen,  Feuer 
wird   ihn   nicht   verbrennen  .  .  usw. 

(49  b)  Mit  Hilfe  des  Edelsteins 
dieses  Tisastvustik  Sütra  können  sie 
die  durch  Beschädigung  ver- 
dorrte Weide  wieder  für  sich  brauch- 
bar machen.  Die  Japi-javis-Vögel 
[quS'i]  dieser  Weide,  ihre  Blumen,  ihre 
Blätter,  ihr  Fruchtertrag,  ihre  Ä  ste  und 
Zweige  können  insgesamt  grünen 
[NB.  die  Vögel!]  und  sichtbar  werden. 

Man  muß  auch  bedenken',  daß,  da 
sie  Menschen  sind,  sie  mit  Hilfe  (50a) 
des  Edelsteins  dieses  Sütra  ihre 
eigenen  Körper  behüten  und  be- 
wahren, wenn  dabei  alle  ihre  aus- 
geführten Taten  keinen  Erfolg  haben, 
wenn  alle  ihre  Wünsche  nicht  er- 
füllt werden  und  wenn  sie  anderes 
bringen  (?)  als  die  Erlangung  des 
Vorteils  der  in  früheren  Welten  (?) 
ausgeiührten  Taten,  so  leset  [oqunc/] 
ihnen  dieses,    o  Gott  Chormuzda! 


Ich  möchte  übersetzen: 
.  .  .  das  Messer  {In  iMqu)  wird  gar 
nicht  {afit'i)  in  den  Kör2)er  dieses 
Wesens  eindringen,  scliarfes  Gift 
wird  auch  nicht  (weit)  vordringen,  im 
Feuer  wird  er  nicht  verbrennen . .  usw. 
Sogar  wenn  man  mit  diesem  Di- 
Qasvästik-Sütra-Kleinod  einen  dürren 
Baum  reinigen  würde,  so  würde  jenes 
Baumes  Rinde  iyap'i),  sein  *  Blätter- 
dach {yavU^ju-s'i),  seine  Blume,  sein 
Blatt,  seine  Frucht,  sein  Ast  und 
Zweig,  alles  (wieder  auf-(leben) 
und  sichtbar  werden. 

Man  muß  auch  (folgendes)  be- 
achten: wenn  jemand  Mensch  ge- 
worden (d.  h.  als  Mensch  wieder- 
geboren) ist,  und  wenn  alle  mit 
diesem  Sütra-Kleinod  zum  Schutze 
des  eigenen  Leibes  unternommenen 
Taten  erfolglos  sind,  wenn  alle 
Wünsche  nicht  in  Erfüllung  gehen, 
wenn  es  anders  ausfällt:  (so  ge- 
schieht dies)  durch  das  Reifen  (pi§- 
maqin  =  vipäka)  der  Frucht  {tüSi 
=^  phala)  von  Taten  (q'il'inö  =^  kar- 
rna)  aus  einer  früheren  Existenz 
(Wiedergeburt)  .  .  Auch  das  ver- 
stehe wohl   [uqung),   o   Gott  Indra! 


■  «ajiwmii  Ar (/öÄ:  hier  (S.45  unten)  richtig  übersetzt  *"i'i°  muß  bedenken«.  Auf 
der  folgenden  Seite  im  Satze  hu  nom  ärdinig  ymä  muncolayu  ok  ömii  saqinmiS  krgäk  über- 
setzt Radioff  »(Buddha)  muß  diesen  Biiclier-Edelstein  in  dieser  Weise  erdacht  und  er- 
sonnen haben  • ;  statt:  dieses  Sfitra-Kleinods  muß  man  auch  also  gedenken  und  es  bedenken. 


Uigurica  II. 


99 


- —  Nachdem  also  dieser  Zauberformel  alle  möglichen  Wunderwirkungen 
zugeschrieben  worden  sind,  folgt  hier  für  den  Fall  des  Versagens  dieser  erwar- 
teten Wirkungen  eine  Erklärung:  es  liegt  dann  nicht  an  der  Formel,  sondern 
an  den  bösen  Taten  des  betreffenden  Individuums  in  einem  früheren  Dasein.  — 

Vgl.  noch  Schotts  Auszug  aus  dem  Tsing-t'u-'wen  (Verzeichnis  der 
chinesischen  und  mandschu-tungusischen  Bücher  und  Handschriften,  Berlin 
1840,  S.  118):  »Buddha  sprach:  Wenn  jemand  hier  Gutes  tut  und  doch 
in  die  Hölle  wandert,  so  ist  das  Gute  seines  Lebens  hienieden  noch  nicht 
reif,  wohl  aber  das  Böse,  so  er  im  vorigen  Leben  getan«   usw. 


Nachtrag  zu  Nr.  3.  Die  33  Erscheinungsformen  des  Avalokitesvara,  S.  i4ff. 
Während  dieser  letzte  Bogen  im  Druck  war,  ist  eine  neue  Veröffent- 
lichung Radioffs  erschienen:  Kuan-si-im  Pusar,  Petersburg  1911,  die 
sich  auf  einen  vollständigeren  und  besser  erhaltenen  Text  stützt,  als  unser 
in  schwarzen  und  sehr  verblaßten  roten  Lettern  geschriebenes  Bruchstück 
ist.  Zur  Erklärung  des  von  Radioff  in  Beilage  IV  mitgeteilten  Amuletts 
möchte  ich  bemerken,  daß  dort  nicht  yuusi  (nach  Ivanov:  ^^  »eine 
wahrhafte  Bedeutung  habend«)  zu  lesen  ist,  sondern  vuu-s'i  =  sein  Amu- 
lett. YjS  handelt  sich  nämlich  um  das  chinesische  Wort /«  ^',  wie  die 
Rolle  T.  II  Y.  5 1  mit  Amulettzeichnungen  lehrt.  Einige  der  besser  les- 
baren Beischriften  lauten: 


Im  cu  (fu)  ät'öztä 
tutsar  ad  mangal 
bulur  qop  kösüä 
qanar 

HSi  tntiy     bu       vu 

Wenn  ein  weibliches  Wesen  dieses  Amulett 

äiözintä  tutsar 

am  Körper   trägt,  so  wird  sie 

uduz  toyurur 

leicht      gebären. 

ögrün<'  säcinö 


Wenn  man  dieses  Amulett  am  Körper 
trägt,  so  wird  man  Ruhm  imd  Glück 
erlangen.     Alle  Wünsche 
werden  befriedigt  werden. 


o 


O' 


o 


o 
o 
o 


(im  Original 
rot) 


Frende    und  Fröhlichkeit  wird  sie  , 

bulur  \ 

eiiangen.  1 

'    Vgl.  Morrison,  Dictionary  of  the  Chinese  laniu;iiage  1819,  II  i,  s.  v./oo. 

13* 


100 


F.W.K.  Müller 


qayu  kiSl     ha§     ayr'iy 

Wenn  ein  Mensch  Kopf-Schmerzen 

hulsar  hu       vu       hor-qa 

bekommt,  soll  er  dieses  Amulett  in  Wein 

toq'ip  iözün 

tauchen  und  trinken. 

bars  y'ilan  Mii 

bu  vu  tutsar 

tisadii  [=  tizat'i]  mngalig 

bolur 


0 


0 


(rot) 


Wenn   ein   (im)  Tiger-  (oder)  Schlangen(jahr  ge- 
borener) Mensch 
dieses  Amulett  bei  sich  trägt, 

so  wird  er  lange  glücklich 


qayu         kiäi-ning  y'ilqsi 

Wenn   eines  Menschen      Vieh 

öküä      ölsär 

zahlreich  stirbt,  soll  er 

hu      vu      qap'iy-ta 

dies  Amulett  an  die  Tür 

yapSurzun 

kleben. 


PPPP 


^  ^ 


(rot) 


Nachtrag   zur   Sitätapatra-dharani,   S.  50 — 75. 

Einige  zu  sehr  zerstörte  Blätter  sind  hier  nicht  mit  abgedruckt  worden, 
da  sie  überdies  nichts  Neues  für  das  Uigurische  ergaben.  Dafür  möge  als 
Ergänzung  die  Umschreibung  eines  Bruchstücks  in  tibetischen  Lettern',  das 
offenbar  zu  unserm  Texte  gehört,  folgen,  weil  es,  mit  der  darunter  abge- 
druckten chinesischen  Umschreibung  verglichen,  für  die  sonderbare  chinesi- 
sche Transkription  der  Mongolenzeit  von  Interesse  ist.  Zu  diesen  Um- 
schreibungen indischer  Wörter,  die,  um  zauberkräftig  zu  bleiben,  in  der 
Ursprache  hergebetet  werden  mußten,  reichte  der  gewöhnliche  Zeichen- 
bzw. Silbenschatz  des  Chinesischen  nicht  aus.     Es  mußten  daher  neue  Zu- 


'  Es  ist  ein  zufällig  in  meine  Hände  gelangtes  tibetisches  EInzelhlatt  kleinen  länglichen 
Formates  mit  der  Seitenzählung  ^'0(|^*<'=  :::::^ -p  ::^  (XXXlll).  Diese  Dliärani  kommt  aber 
nicht  in  der  tibetischen  \>rsion  (p'ags-ma  gtxug-tor  dkar-moi  hzlog-hsgyur  mi-mt'un  pyul-las 
mam-rgyal  ies  bi/a-va),  die  ich   1901   für  die  Kgl.  Bibliothek  erwarb,  vor. 


Uigurica  II. 


101 


sammensetzungen  von  chinesischen  Zeichen'  gebildet  werden,  die  gewöhnlich 
am  Ende  der  Texte  nach  der  »Fan-ts'ie« -Formel  x  —  y  —  z  erklärt  werden. 
Bei  einigen  solcher  Neubildungen  wußte  der  Kommentator  unseres  Textes 
aber  nicht,  wie  sie  auszusprechen  seien,  so  ^^  J;^.  Diese  fraglichen  Werte 
ergeben  sich  nun  mit  Sicherheit  aus  der  folgenden  Zusammenstellung,  in  der 
das  fehlerhafte  Sanskrit  so,   wie  es  im   Original  steht,  wiedergegeben  ist. 


Blatt   in    tibetischer   Schrift. 
Vorderseite. 

Die  chinesischen  Zeichen  in  Klammern  sind  im  Original  in  kleiner  Schrift  gedruckt. 

phat  (  sarva-  u-pa- sd-  rke-bhyah  phat  i  sarva-  kri-  tya-  Jcarma-  ni-  ka- 
khor-  te-hhyah  phat  ke-  ra-  iia-  be-  tn-  ta-bhyah  phat  I'  ci-  ccJia-  pro-  sa- 
ka-sarva-  dus-  car-     dl-  te-bhyah  phat  |j  sarca-dur-         bhukte-  hhyah  phat  |j 

sarva-         tirthi-  ke-'bhyah  phat  '    sarva-     ira-ma-   ne-bhyah  phat '\  sarca- pd- 

Rückseite. 

-ta-ke-bhyal),  phat  ||  sarva-      vidyä-     dha-    re-    hhyah    phat    j|   ja-ya-ka-ra-    || 

(Fehlt  im  Chinesischen.)         ^{^^^   bI^  (FÜ)     ||     ^('|ä)        \%M^W 
ma-dhu- 

•ka-ra-   '!  sarva-  artha- 

vidya-  (xirye-bhyah   pfwt       co-dur- 


sa-dha-ke-hhyo^  || 

m  tä  t.  II  m  (fs)i 


'  Es  sind  dies  Zeichen  von  der  -sich  seltist  zeilejjenden«,  ..selbst  die  .\ussj)rache 
angebenden«  (Ö  -BJ  ^  W^  ^:S')  n*^"a""'''^n  ""d  von  Watters.  Kssays  on  the  Chinese 
janguage  1889,  S.46  beschrielienen  .Xit,  die  im  6.  Jahrhundert  durch  die  Buddhisten  verbreitet, 
aber  vorbiiddhi.stisch  sein  soll. 

'    Vgl.  S.  62   Bl.  59   Z.  3,  denn    ^S^K^'  i-st  .sowohl  ^--  qf^ClTSl^  als  =-  (Wf^- 

•    Vgl.  S.  62  Doppelblatt  (27)  Z.  1,2. 


102 


F.W.K.  Müller: 


3  -hhyo-  hha-gi-  ni-^ye-hhyah    pfiat  j|        vajra-  ku-     ma-  ri-vajra-ku- 

sa-    r-    va        k-    u-     ma-    ri-      ye-bhyah 

-landha-ri- 

mm] 

pha-     t 

4  vidyn-      earye-      hhyah  phat  ||  sarva-mnhä-   pra-  tyah-  yirp-  hhyah,  phat  || 

vi-  da-    ra-  ni-  ye-    bhyah  pha-     t 

IKnde.] 


Zu  S.  62   qazquq: 


Einige  der  von  der  zweiten  Turfanex])edition  (A.  v.  Le  Coq)  in  Chotscho  gefundenen 
hölzernen  qazquq,  von  der  Seite  und  von  unten  gesehen. 
Nr.  I   beschrieben  mit  den  magischen  tibetischen  Zeichen  ma-ra-ya-sa. 

•    2  -  «        .  »  uigurischen       »        pt  {^^^^  phat) \\  s<xdanu  mai-a. 

•■3  •  »        »  »  tibetischen         •         (»na-ra-)  {|  ya-sa  ||  so'Sa. 


'    Vgl.  8.62(26)  Z.  2 :  »die  vier  Schwestern- 


Xligurica  II. 


103 


Verzeichnis  der  wichtigeren  Wörter. 

Abkürzungen:    M.  =  Manuskript.     B.  =  Blockdruck.     Große  Zahl  =  Seite.     Kleine  Zahl  =  Zeile. 


ab-,  qan  alnp  M.  27"    arvU  B.  58  (7)' 


ada  B.Öl' 
adar-,  -a  M.  9" 
aday^  M.  "24 ' 
adyanyu  M.  10'* 
advn-,  -u  B.31*';  adinu 

mungadu 
adnayu  {ad{i)nayu)  M. 

5" 
ayan-maz  M.  87  '*,  -tuq 

8785 

aylaru  M.  4"*;    ayiaru 

tongtaru 
aqtin-maz  M.  78  " 
aquru  aquru  M.24' 
a/   M.   16",    16»,    B. 

48";  al  altay 
aHn-tiy  B.  59(11)« 
alrßn-,  -rms  B.  42  " 
almr(i)     M.  11";      az 

almr;    az   almir   M. 

12" 
almir  M.  12";  az  al- 
mir; az  almr  M.  11" 
altay;  al  a.  B.  48" 
amirtqur-,  dadi  B.  58  (6)' 
anaB.54(16)',M.81'° 
anöolayu  kälmis  B.  32  ", 

B.32»  u.  ö. 
anga-,  -yu  B.  38" 
angöi;  käyikSi  o.  M.  84  ' 
angräk  (ämgäk'i);  .suy 

a.  B.  46";    uluy  a. 

B.47" 


asitt   (für  äsin)    M.  9  ', 

yil  asiti 
asyundula-dim  M.  76'; 

asqancula-dim  M.85'* 
aiil-,  -ur    (ükliyür  asi- 

lur)  M.  9» 
at    M.  12",    12";    at 

iing  12»«,  12" 
ata  M.  25",  M.  21' 
awr-   M.  7 »,80  «*,•',«» 
atdin-  26  (Anm.) 
aya(Han(inäche)  B.46"' 
aya-  (ehren)  M.  14' 


M.  13»;  azqilinöM. 

\\\  IP 
az  M.  9',  9';  az  qilinc 
azay  M.  8" 
azvy-liy  B.  35";  a.  tin- 

gra-^j-tvy 
azlan-  M.  9",  M.  10" 
äg-,  -ip  ß.  47  " 
ägsüt-,  -mäsär  M.  15" 
ämgiik;    ämgäk    tutyaq 

M.  11«,' 
ängim  M.  8  '* 
ämränö;  amrand  (^)  M. 

18«,  18* 


aya^;  ayay-qa  iäkimlig  |  är;  bäglig  ä.  M.  21' 


M.  11»,  B.  32"  (ehr- 
würdig   jg  :^). 

NachRadloff, -Ti- 
§astviistik.S.49  »un- 
bedingt ,der  Schale 
zukommend,  der 
Schale  angehörend, 
zurSchalepassend'.. 
ayoy*ü  (ehrlos)  M .  86". 
würde  nach  Rad- 
ioff und  Ivanov 
bedeuten:  . schalen- 
los-.   Ebenda  S.  50. 


«TM.  19 'S,  19'»;  ärici 
qradin;  a.  azun  M.  81"* 
ärig  54(16)',   M.  25'; 

ärig  bariy 
ärinö  M.  22*.  —  87" 
ärk;  iirk  türk  M.  10", 

97 
ärk/ig  y[ßn   B.  33  ' 
ärki;  nätäg  ä.  M.  16'*, 

B.31*';  nä  iiciin  ä.M. 

\0"';qayuä.  M.22* 
ärtingüMAh'^,  M.  16", 


B.31*',  B.37"',",  83 
Übrigens  .sind  eine  !  ärt-  M.22";  anta  ii£ 
mongolische  Schale  1  ai  ärtmäkingä;  ärt- 
miS  (\ergangeti,  ver- 
storben) 81«» 


(ayaya)nnA  eine  chi- 
nesische   Opfervase 
^ä   ZV? ei  sehr  ver-    äriU  M.  16'* 
schiedene  Dinge.        |  ät  60(231)' 


an^mm-AnB.39»»,  43"    ayinc     B.   3»»*;     yj,r- 
j       yinö  a. 


antirdin  B.  45  *» 
ap  —  ap  M .  4  '.  • 
arqü  M.  21'» 


az;    az  almr   M.  11"; 


avtr-,  s.  avir- 
ävrik,  ävrig(?)  M.  76'; 
ä.  sarsay  M.  85'* 


az  övkä  86";  az  bilig  \  ävril-,  -mäk  M.  1 1  "> 


ävril-,  -mäk  siz  B.  40  '"^ 
äzrua  tngri  M.  17  3',  M. 

17",  B.  53(25) ä 
äzüg  M.  85" 

i-ya    B.  29'«,    B.  29"; 

iya  taya 
i  tariy  B.  6 1 ' 
icyin-sar  M.  88'" 
idar-,  -ip  B.  40'" 
inay  B.  32'";    umuy  i. 
iraq ;  iraqtan  M.  22  " 
iyin    B.  49",    B.  40'», 

M.22» 

ici  M.19",  20'»;  är 
i6i 

idiz  M.  8'",  B.  38", 
38" 

1%  (Schmuck)  B.  40'»» 

ig  kam  B.  43" 

ig  B.  42  ';  ig  kam 

igdilän-tim  M.  78 '" 

igid-tim  M.  76 ' 

igil  llmri  M.  19»;  igil 
bilgä    törüci   M.  19'» 

iglä-,  -mäk  M.  5' 

igtülä-däm  (sie)  M.86*' 

ikin ;  i.  araxinta  B.  36  *' 

il  M.78",  »= 

il  qan  B.  54(17)'  (da- 
von das  aus  Persien 
bekannte  jIäJLI  II- 
chan) 

ilci ;  ilöi  bilgälär  M.  1 9  " 

üd-,  -ü  M.  25'* 

ilig  (König)  M.  22  ^ 
M,  21«,  M.  18« 


104 


F.W.K.  Müllkr: 


ilig  (Hand);  ilyin  ada- 
qin  M.  25' 

ilki  M.  7' 

ilincülä-,  -ya  M.26^ 
oinayu  i.,  -dilär  M. 
22''« 

ilt-,  -ü  M.  25'» 

iltin-sär  B.  73  (38)  '■ 

-imlig;  -im-lig  (würdig 
des  .  .  . ;  täk-imlig 
(würdig  zu  erlan- 
gen), vgl.  ayay;  ärt- 
imlig  (untergehens- 
w  ert) ;  kör  -  ümlük 
(worthy  of  l)eing 
seen),  Shaw  S.  170 

ma>ü(l')  M.  11  Anin. 

ine  B.64(182)°;  i.  äsän 

incsirätmäk  M.  87  " ; 
in6srt-mäkU.l%^'',%2 

ini  M.  26'' 

ir  (Stein!');  otlw^  ir  M. 

irinc     M.  4«,    B.  29", 

B.  31*°;  iciqai 
irinikä-yü  M.  88",  " 
mntür-dtim  M.  78'* 
is  B.  54(17)*;   is  oqus 
isiz;  i.  yamz  M.  23** 
is  (Genosse)  M.9';  ha- 

suti'i  is 
it  B.  3P^ 
itig  M.  245 

uc  B.  38" 

uörw^      B.  40""     to7 

uörwy',  B.57(5)';  yU 

uörwf-lar  iligi 


uöuz;  II.  yinik  M.  86'*; 
tot  u.  86  '° ;  M.  toyur- 
99 

umzM.  11'^  (verschrie- 
ben aus  ucuy  ?) 

odaii  (für  otoÄ)  B.  56 
(2)^ 

udyurati  M.  O'''' 

Mffo'y  M.  15'^;  topo-y 
uduy 

udun-maq  M.  lo-*,  -u; 
tapinu  udunu  M.  15* 

udun-,  -may  B.  40'"^ 

udus-  (udiz),  -taö'i  B.33 " 

oylayu  M.  24 ' 
oyra-,  -sar  M.23'' 
oysa-,  -ti  B.  35'* 
nyur;     ol   oyurda     M. 
25 ";    ol  oyurda  M. 
4*,  5";   at'in  atamis 
oyr'inta  M.  16'°;  niz- 
variüar    oyr'inta     M. 

§25 

oyurla-dim  M.  85  " 
oyus  B.  34'ä,   B.  35»°; 

tüz  oyus 
oina-,  -yu  M.  26" ;  oinayu 

ilincüläyü 
ulat'i  M.  8'*  u.  ö.;  -tau. 
uli-  B.  30  '^ ;  uliyu  siq- 

dayu 
ulin-,  -ip  M.  24' 
ulus  M.  22" 
umuy  tnay*) 
un-,  -a  M.  22« 
oncsuz  B.  32";    o.  sä- 

rinösiz 


ongali   M.  8",    M.  9', 

M.  9" 
uriit-,  -masar  M.  15' 
oq  (eben, auch)  M.  10"*, 

M.20'' 
oq  (Pfeil)  M.26'* 
uq-,   -ar   M.  7',    M.4' 
oqi-,-pm.2V'',  M.26"' 
oqsa-,  -ti  B.35"  (oysa-) 
oqus    B.  35  '" ;    oqusluy 

8.35"«  (07«.?) 
or-,  -up  M.9";  or-miis 

B.    39**;      or-qu-liiq 

B.   38  " ;     or-yu-lvr^ 

B.  38»' 
ordu  xM.  25'» 
uri  B.  29'«,  M.  28«,  M. 

15  ',  15  *;    uri  oyul; 

känö   uri    M.    20*», 

20*'," 
omaq  B.  54  (16)' 
orun  M.  22".   M.  22' 
o«-(oc-)B.43",  M.81«9; 

os-qur-daCi  8.58(7)* 
«Ä«-  (uza),  -may  B.  42 ' 
osuy   B.  41*°;    osurjluy 

M.  23  *',  M.  25  *' 
usun  (uzuri)  B.  49*',  B. 

49*»,  M.  25'» 
ot  (Feuer)  M.  8*',    M. 

9* 
ut-,  -düng;  u.  yigädting 

M.21'* 
utyuraq  M.  5'«,    M.  5* 
Ulli  B.41" 
utru  M.26" 
utrun-dum     M.    86  »* ; 

utruntum  M.  77  " 


utsuq-,  -maq  B.  51* 

otung  M.  8*« 

uz  B.33*,  56(3)' 

««a/iB.72(35)'(örM^M.) 

ö-däci   B.  44";    (>-<ä<Jj 

B.  72(34)*;  0-^^/«  B. 

65**;  ö-giilügBA7''^; 

ö-kü  B.33* 
öc-, -Äär  M.  12**,*',", 

12*S  12'°;  -är  12", 

2S    1«    18    29 

>       »       » 

öc  M.  23";  öJ  A-ä* 

öcür  M.  9  * 

öd  (Zeit)  B.  28 '-,  öt 
52* 

<W(«d?  Lehre)  B.  49", 
M.  88  *' 

ög  (Verstand)  B.  66*' 
(ö.  köngül) 

öpi  (Mutter)  B.  44**;  ög 
yßrin  •,ngqangy\..l'i^^ 

(ig-  (denken)  M.  11" 

ügä  M.  19",  93 

ögirün-däcH?)  B.63(27)' 

ögiriin-tür-däci  58(8)* 

ögrät  M.23*' 

ögsüt  (sinnlos)  M.  25  *% 
27*' 

ögäz  M.  15" 

ök-  B.  73(37)' 

ök  M.  21«,  M.22*' 

ükli-  M.  9'*;  ükliyür 
bädüyür  M.  9*;  ükli- 
yür aSilur  M.  9  ' 

öl-gü/üg  B.  28 ' ;  ölgülüg 
öd 

ülüglüg  M.  15* 

ölür-gülüg  M.  25' 


*)  Nach  Radioff,  «TiSastvuätik«  S.55  .^'erwandte  und  Freunde«.  F,s  ist  aber  B.  32*' 
gleichgesetzt  mit  ^ 'de  saranam  gacckämi  »ich  nehme  meine  Z\iflucht..  Ebenso  wird 
umun-up  inan-ip  in  der  chinesischen  Version  des  großen,  hier  aus  Raummangel  nicht  mehr 
abgedruckten  Gemeindesündenbekenntnisses  wiedergegeben.  Vgl.  auch  folgende  Stelle  aus 
T.  111  84 — 2,  Rückseite:  hu  asci  är  manga  inanip  yüziim  tapa  umuyluy  közin  cinyaru  körär 
=  dieser  (zum  Tode  verurteilte)  Koch  auf  mich  vertrauend,  blickt  starr  auf  mein  Gericht 
mit  hoffnungerftilltem  Auge. 


Uiff urica  IL 


105 


ÖH-,   -H  27";    -ar   M. 

25";  -OTwM.7';  im- 

tür-ffäiii\.2ö^*;  önä- 

M.88»« 
önp;    at  öng    M.  12", 

12",  12»»,  1-2" 
öngi  B.42»,  B.32" 
öngrä    M.  5";    dngrä- 

fein 
öngü  M.  4' 
öngüd  B.  69(46)« 
untä-,  -Ml  M.  26" 
öpkä  M.  25',  M.25*'; 

s.  (ivkä 
ör-,  -dt  M.5" 
öril-dim    M.  76";     ort- 

dum  M.85" 
ürk-;  qorqup  ürküp  B. 

29" 
ort  M.25";  ö.  !/alin 
örtän-,  -ür  M.  8" 
örtük   B.  33',  43*;   ö. 

füiy  B.  34'« 
örflAr(firäA)B.72(35)'; 

ö»-,  -i»w({  M.  10»« 
ösän  (özän)  B.  44" 
ii««»i<aM.79",88««,'<> 

öt,  s.  öc^ 

ötkür-,  -ü  M.  5''' 

ö<mM  B.  61" 

ÖA-S/-,  -ür  B.  42 " 

öäA:  M.  16" 

öoä-,  -täci  B.  55(7")^ 

övkä  M.  85'';    s.  öpkä 

öz  yas  B.  49»",  41'» 

özlüg  B.42";   ö.  yas- 

üz;  ü.bo:  M.  85" 
üzäUksit  B.  39"" 


üzlmcü  B.  43",  44" 
üznä-dim  M.  77" 
ü!ül-  B.  38",  43'» 

ba-(yur)  B.  69  (39)' 
baya  B.  35" 
6a/in^/a/)(besser:  bäling- 
läp  •aufschreckend«) 
B.  29" 
6a»  B.  70(31)' 
bar-,     -yuq     M.  25"; 
bar-yu-kiy    B.  39»»; 
bariy  M.  26» 
barim  M.  76' 
baium  M.8",  M.  9'; 
bastUdi  ii 
I  bai-a  81  •• 
I  Aaya  yto  88" 
^  bayayut  B.  36»',  M.97 
,  iMs-di  M.  20  (Mitte) 
',  bädü-    M.  9';    ükliyür 

bädäyür 

I  bädük  M.  26" 

'  bäling  M.  25" 

bälinglä-  B.  29" 

to-i/>  M.  78" 

6i  itdyu   B.  59(9)*;  6« 

6t<!7u  B.  71(32)« 
biäin  B.  31  " 
bil  M.  24' 
ftiÄä*  M.  25'» 
bilyä  M.  19";  yori  ipli 
bilgälär  M.  19»;  liri/ 
bilgä  törüdi  M.  19'«; 
I      üii  bilgälär   M.  19" 
Wfty-ip  B.  38'";    bitid- 

täci  B.  38«» 
bo'^ar/uii  M.  85  " 
%«?  B.  71  (32)' 
buiruij  M.  97  Anm. 
btd-;  b.tapmay  B.36«»; 
bul-quluq  B.  39" 


6^/707  M.  78  Ȋ;  6.  rt/n- 
jrräf^  87'» 

bulqan-mis  B.  58(8a)', 
58(9)' 

6«won9M.77'5('^fg'. 
Vgl.  a.  A.  V.  Staei- 
Holstein  im  »Ti- 
Sastvustik«  S.142  zu 
buryßn,  nicht  •pur- 
yau',  vgl.  A.  V.  La 
Coqs  Liste  Nr.  163, 
Sitzungs-Ber.   1908. 

5.  407.) 

6t«/n  al'ip 
6o«-(6o^-), -rfarf»B.33»; 

6.  artadtadi 
bosqun  {boh/un-)  B.  34  « 

!  bosui;  bosui  qadyu  M. 

11«;  Äo«»^i/tt7M.21«; 

bostisluy  saqiniliy 
I  Au/üy  M.  24 » 
'  Äoi.  «;;  b.  .M.  85" 
I  iSrfiy«  M.24«,  M.25' 
j  bögü  B.  44 »» ;    b.  kälig 
!  bögüi  M.  9" 
I  bürt-    M.  7",  M.  10", 
!       10'»,  M.  12'» 
I  böz*)  B.  70(31)' 
\  pa'/uaiö'i  M.  78",  vgl. 
,      auch  82 
i  piirunqu  B.  33  ' 
\psak  B.  40. 59, 60  (22)«. 

61' 
i  pütriik  M.  97  Anm. 

j  öay-,  -mii  M.  10" 
cayur-dum  M.  85  " 
öasul  M.  76  « 
iaviq-mis  B.  .">9  (11)« 

;  c»y  M.  86  *",  vgl.  auch 

i      82 


diltäk;  ayayqa  ö-kä  tä- 

kiml(i)g  M.  77 '\8a^' 
c'inqaru  (geradeaus)  M. 

24« 
dvy  M.  77" 
6iqai    B.  72  (37) ',    B. 

29'«,  B.  31«';in>M5rf. 
därik  B.  69  (39)';  suu 

i.  B.  74  (61)« 
iävis  M.  16",  M.  16»« 
iävril-  M.  1 1  Anm. 
dökä  B.  41" 
cökit-,  -ip  B.  47  " 
öök-lämis  B.  61 » 
cömäli  B.  35  '^ 

yai-tsi  B.  44  »* 

-yan;  gmt'i-yan  M.87" 

-yan,  -kän  (-gän) ;  sa6- 

maz-yan  M.  87 '";  im- 

mäz-kän  87  ";  ayan- 

maz-yan  87" 
qaöiyU.  10",  M.  12", 

12'°;  alii  qadiyorun- 

lar  12",  12" 
qaday  M.  4«;  mün  qa- 

day 
qad'ir  B.  58  (9  a) ' ;  qatir 

B.  59(10)« 
qadyu    M.   11°;    bomih 

qadyu 
qal-taöi  M.  80  " 
qaliniu  B.  61  '^ 
ja^ijü  M.  22'» 
qamayu  B.  65  " 
5an(Blut)M.27";-gara 

(Partikel)    M.  79*', 

88 
-jan,  -kän;  sacmaz-qan 

M.  7S«';    önmäz-kän 

78 «' ;     aqt'inmaz-qan 

78«» 


)  Zu  iöj  und  [^  Sf  vgl.  noch  .St.  Julien,  Exercices  pratiques  1842,  S.  214 
bis  216  (pe-thie  —  cotoii)  und  Chavannes.  Tou-kiuc  litOS,  S.102  (ältester  Beleg:  dus  Hon- 
han-&u  Kap.  116),  8.352:  l'identification  avec  le  cotorniier  e-st  incertaine. 

PhU.-hi.ot.  Klasse.    1910.    Abh.  III.  11 


106 


F.W.  K.  Müller; 


qania  M.  25'' 

qang   {ög  q.)    M.  77", 

M.  2P 

qanytii?)  M.  22' 

qam-;  yirdä  qamt'i  M. 
27  S5 

qari;  q.  töruii  M.  19'; 

q.  qili  hilgälär  M.  19° 
qari-  M.  7^ 
qafis-  B.  58  (8) ' 
qasquq  (qazquq)  B.  61 ", 

102 
qasamy  B.  61" 
qatay;   päJe    qaiay  M. 

88" 
qav   (chines.)   M.  77'" 
qavayu  M.  10"* 
qavU-,  -ip  M.  10'" 
qayit  M.9"';  y^.yanyu 
qazyan-,  -ur  M.  15' 
qazyanä  M.  15' 
qin  M.26'*;  q.  qizqut; 

qixn  M.  20';  qiin  q'iz- 

qut 
qUi;    qari    q.    bilgälär 

M.  19° 
qisil  M.  26» 
qizqut  M.  20>,  M.  26'* 
qiznaq  M.  76' 
quansi    im    pusar    M. 

17ä»,  ä« 
qudur-,  -u  M.  7  ' 
qoin  M.  80"' 
qul  M.  87  ";  küng  q. 
qolula-,  -p  M.  7  ' 
qum  M.  15" 
qun-,  -a  M.  76';  -up  M. 

24°,  M.  25";   -daci 

B.  61',  <  usw. 
quniui  M.  20';  üsiünki 

yig  q.  M.  23'° 
qu\ngar];   -up  M.  26" 
qor  B.  58(6)« 
qur-up  M.  78",  86" 
quryay   M.  77'«,  86"; 

yjjrqaq  86*° 


qurrtyar-,  -ur  M.  17" 
qurtr^rur  M.  18» 
qurtulyu  M.  17",  17", 

173»,  17»',  M.  18' 
qusuy  B.  61" 
qutyar-,  -ur  M.  17'°,  M. 

18';  qutqar-, -ur  M. 

17" 
'/ßcan  (qacan)  B.  29", 

B.30»',  B.35''^;»äw^ 

%aöari 
yßSiy  (qaöiy)   M.  10" 
Xaliy   (qaliy);    kök  %. 

B.  37  " 
%alin  (qatin)  M.  23" 
Xalt'i  (qalti)  M.  8" 
Xan  (qan,  Blut)  B.  60 

(231)';    (Herrscher) 

B.33' 
yßnyu   (qayu)    M.  6  ", 

M.  6" 
%ara  %«i  B.  3P*  (qa- 

ra  qui) 
yßrya  (qarya)  B.  32  '* 
%ari-  (qari-)  M.  5 '* 
yßfin  (qarin)  B.  44" 
yjisyan-,  -niis  (qazyan-) 

B.  34" 
yata  (qata)  B.  34" 
yßtaylan-     (qatiylan-), 

-sar  M.  15" 
Xaiir  (qatir)  B.  35" 
yßvsadil-  (qaväadil-)  B. 

28',  6.30»";  %urm- 

dilu  Xr 
ynavsur-    (qavsur-)     B. 

46" 
Xayu  (qayu)  B.  30" 
%av   (chines.)   M.  86*' 
yjin-  (qin-)  B.  46  " 
%ü<:qa  (qi-iqa)  B.  42" 
y}vliy  (qiviiy)  B.  36*'; 

yjitluy  yivtiy 
yuanii  im  pusar  (quan-) 

M.  14' 
X^ua  (chines.)  B.  40'"' 


y^o^o  M.  20  (am  Ende 

von  3) 
yndar-  (qudar-)  B.  36  " 
yulqay  (qulqaq)  B. 43'* 
yun-daSi  (qun-)    B.  60 

(231)' 
ypnguz  (qonguz)  B.  35" 
ypryind    (qorqind)     B. 

39";  %.  ayinö 
yurmuzta  tngri  M.  17", 

B.  29  '»,  B.  29  ",  B. 

30",  31",  B.  32", 

B.49,  B.  53(25)» 
yursadil-  (qursadil-)  B. 

28',B.30»";%.xaf- 

sadilu 
yuriulyu  (qurtulyu)  M. 

17»* 
yus  (qui)  B.  35";  tatim 

q{a)ra  yjus  M.  20" 
yjä-(qud-),  -nns  B.43" 
yutad-    (qutad-),     -niis 

M.  14' 
käd-,  -ip  B.  42" 
kädim  B.  42»' 
kägdä  B.  70(31)* 
käk  M.  23'*;  ö6  käk 
kälig  B.  44»»;   bögü  k. 
kam  B.  42 ' ;  ig  kam 
kämi^-ip  M.  77  ^\  86*=' 
Ä-änc  M.  20'»,  20",  64 

(182)°;      känö     uri 

känß  q'izlar 
^äm;/ürfüsAr.B.58(8)» 
kät-(käd-)-ip  M.  86  *' 
A:äy*B.43'*;-ÄM.84» 
käzig  M.  68  (44)»,  *,  ' 

(k.  ig);  -iä  M.  22» 
kkir  B.  37",  37" 
ki-ä  B.  SP";  kidig  ki-ä 

M.  9* 
kidin  M.  25" 
kikän  B.  73(61)' 
kin  M.  5";  öngrä-kin 
Ä-w^B.  60(21)»;  Ä-.*ö- 

väz  (köyäz'i) 


kingür-ü  B.  41";    kirt- 

gär-sär   B.  73  (12)* 
kir-,  -ip  M.  26» 
kam  km  ärmäz-U    M. 

20" 
kit-,  -ip  B.  49  " 
k(,6-,  -äyü  M.24° 
kögür-sär  B.  73(12)* 
köküz   M.  16",    17"; 

köküzläg  M.15'",M. 

16'*  (alqindsiz  Ar.) 
köligä  B.  39  «» 
Ä-ömä«B.  71(33)»(yiZw 

k.) 
küng;  k.  qul  M.  87" 
köngülgär-,  -ip    M.  8** 
köni  B.  39"" 
küni;    k.   kövänc  sizik 

M.  86»» 
küntiiz;     tünlä    küntüz 

-M.  14' 
kür  M.  77";  k.  kürlüg 

86  "  (k.  kürilig) 
kork  M.  17",  ••",",'», 

31)    31    32    33    34 

*       »       »       » 

körkit-,  -däci  B.  38'» 
kirrklä  M.  15',  15' 
körkür-,  -ü  M.  19" 
körtkür-,  -ür  M.  17" 
körüm  M.  76», '*,  85" 
kärünclägülüg   M.  22  " 
körünölüg    M.  22»,   M. 

22» 
küsi    (küsi)    B.  40'»»; 

küsi  B.  47  " 
küsün  (kösün)  B.  36*'; 

kü6  k. 
kötür-,  -u  M.  25" 
kövänc  M.  76'*.  86" 
köväz(köyä2)B.eO(21)* 
küy-,  -är  M.  8" 
küidung  B.  44'» 

-lä;  tünlä  M.  14  » 
-li;  ädgüli,  a,ji*yft"M.8", 
";     tamuti;    yilyiü; 


Uigurica  II. 


107 


kmii;    kiii   ärmäzli; 
.   kiUli    km    ärmäe-K 

M.  20";   tamu-R  B. 

33';  t.  yilyUi 
tinyju-a  {chines. )  M.23 '" 
lin-ta  pryan-ta  (prvan- 

ta)  M.  86" 
Usip   (cliines.)   B.  ei'" 
lu  M.  20" 
/«r«jM.26".27",27" 

mang  M.  24 ' 
mangyal-tiy  B.  36*' 
nuuii  mnnduy  B.  37  " 
marim  B.  69  (46) ' 
mantal  B.  47  '* 
Tnäncfi  M.\0",B.2H\* 
mängiliy  B  34';  mngi- 

lig  (so  100  zu  lesen) 
-WIM  M.  16'* 
monöuy     B.  54  (17)'; 

mani    m.   ärdini    B. 

37" 
mundtila-,  -yu  M.  5* 
mungad;    -u    B.  31  *'; 

adinu  m. 
mün  M.  4*;  mün  qaday  '• 
müncig  B.  60(231)'       1 
müyüz  B.  35"   (müyüz 

btr^/a   wolil   »Schild-  1 

kröte») 

naivaziki  M.  80'*;  vgl. 

aucli  83 
nOdükin  M.  16" 
nä  nägii  M.  23" 
nägü  B.  31'»;  nägü-dä 

M.  5'* 
näng  M.  8",  '*,   15» 
närü{.')  M.  11" 
nizvani  M.  8" 

saö  M.  25'» 
sal  sögüt  B.  35  " 
smnand  51. 19  " ;  xmnni 
M,  19";  toi/un  s. 


San  M.  15" 

sarday;  s.  sang  M.  86*' 

sani-ip  M.  78»",  86*» 

sang  M.  86*' 

sangun  (chines.)  M.18', 

81«» 
sarit  B.  33' 
sarsay;  ävrig  s.  M  85"; 

sarsiy  76» 
sasip  (säsip?)  M.  24» 
satiy  («.  yuluy)  M .  77  ", 

86«' 
«ayttB.34",44»*,  45" 
sazin  M.  80" 
sär- ;    sär-kür-mäk    B. 

69(40)';*dWndrirB. 

32";  ondsuz  s. 
säs-,  ip  M.  76' 
siqan-,  -ip  M.  25" 
siqda-,  B.  30  ";  uliyu  s. 
supr/;    siqhj  tang'iy  M. 

lI';«yJ«B.73(61)» 

(s.  tangis) 
siti.,-p\iAO'<";=:sila- 

(oder  sil-ip'i) 
nm-in  B.  69  (39) ' 
sin  suburqan  ü.53(15)' 
»•|nÄg'-Ä7(;')  B.  60(22)' 
singar  B.  29'» 
*iyl-«(7B.64(182)'»,66" 
sing  (cliines.)  M.  77'» 
singäk  B.  35  " 
singil  B.  62  (26)» 
sinng  M.86*» 
sizik  M.  77",  86" 
so  M.  76'  (sDsin  sökiip) 
subuy  B.  60  (22)  * 
suburqan  vrI.  sin 
stiy  B.  46  " ;  suy  angrälc 
sögülM.  7',  26"';oitt* 

Ä.  24 ' ;  nilapusup  atly 

s.  25",  '»;  sal  s. 
sük  R.  31  <■' 
sök-iip  M.  76' 
sül  H.  61'" 
sün;  ämti  sün  M.  88'» 


söngü  M.  86*» 

suu  B.  69  (39)  S  74 
(61)*  (s.  därik);  suu 
baii  M.  18';  suy- 
lä-p  M.86*' 

«MW«  M.  86  *» 

stup  B.  38»° 

fa-ya  B.  29'»,  B.  29"; 
iya  t. 

tai  sangun  (chines.)  M. 
18' 

tati-,  statt  tatip  M.  76' 
lies  tälip.  von  täl-  = 
osinan.  däl-  •durch- 
löchern, durchboh- 
ren« mit  Rücksiciit 
aufdieParallelstcIlen 
in  den  chine.sischen 
Beiciitformnlaren  So 
in  dem  S.  82  Mitte 
zitierten  Sütra:  ^ 

^i^lg  "Löcher 

durch     die    Wände 

brechen • . 
tatim ;     /.    q{a)ra    y^us 

(qui)  M.  20  " 
faloi  iigüz  B.  55  (7  b)» 
tamit;  -ur  M.  8  " 
tamu  B.  33 ' 
tang'iy;  s'iqiy  tangiy  M. 

11' 
tap;  tapim-ia   B.  30"; 

tapinca  B.  28';   tap- 

siz  B.  68(46)' 
laj)-    15.36'»;    bulmafy 

tapmay 
iap-a  .M.  23",  24*;  ta- 

pa  titril 
tapay    M.   15",    tapay 

udur^/;  iapiyci  M.  22' 
tapcas'iz  B.  37"" 
tapin-maq  M.  15';    -u; 

tap'inu-uduiw  M.  15*; 

tapUnqu  B.  34  » 


tapla-,  -yai  M.  21»;  -yil 
M.  21";  -daöi  B.  54 
(16)' 

taqiyu  M.  84  » 

tarazuk  M.86*' 

tart-daßi  B.  59(10)' 

tartiy  B.  40"" 

tavar-an  M.  86*' 

tavii-siz  M.  76' 

tavran-,  -«  B.  29  " ;  -maq 
M.  12",  12",  12'*, 
!       12" 

I  tidiy  M.26";  füiry  B. 
j      33';  örtük  t. 
j  fingraytiy'B.Zh";aziy- 

\       %  t. 

\  tinturul-  B.  46«* 

i  tizä  B.  47" 

!  torfM.  77";  tot;  t.uiuz 

\      86" 

tudus-  (tnduz-),  -yir   B. 
I      34» 

tuy  B.  38",  40"" 

toya  B.  29'* 

toyum  M.  8'»;  toqum 
B.  33« 

toqa  B.  31*' 
I  toqi-yur  B.  61";  -J9  M. 
26'*,  100 

toqidit-,  -ip  B.  39»° 

tolqan-,  -ip  M.  24' 
I  ^4«'?  B.  74  (61)» 

tumsuy-luy  B.  60(21)' 
}  ton  M.  15'» 
I  tonanyti   M.  15" 
i  to«^aM.24«,  25'*,26", 
I       27'»,  ",  ", '«;  tonga- 
lirj  B.  46  " 

tmguz  B.  31",  M.  84« 

tooc  (Staub)  B.  39»»;  t. 
topray 

tdjyray;   tooz  t.  6.39»» 

titsji;  asiy  tusu  M.  16'» 

tiisus-  B.  35  " 

tvsqur-,  toiquTr  loiquru 
M.26'* 


108 


F.W.K.  Müller: 


tutaya'^  M.  6»,  G'",  6" 

iuiyaq;  ämgäk  tutyaq 
M.  11' 

tutqu  B.  34*;  tutqvlvrj 
B.  34'» 

ttituq;  du  tutuq  M.  20 
(am  Ende  von  3) 

tutyay  M.  6',  6';  tutyaq 
M.  8",  8",  9»,  9", 
9»M3S  \Z^;tutyaq- 
lan-,  -maq  M.  11', 
11'« 

foyun;  t.  srnnnc  M.19", 
19'=;  to^n  B.  38»" 

töz  (Birke)  B.  70(31)« 

iäg-lüff  B.  29" 

täJc-imlig  (würdig  zu 
erreichen,  Anspruch 
habend  auf);  s.  o. 
aywy.  Vgl.  noch  5'«?- 
qa  täkimlig  »des 
Gliicltes  würdig«. 
(V  ä  m  b  e  ry ,  Kudat- 
kubilikS.231  »dem 
Glücke  zugänglich' .) 
Vgl.  noch  -imlig. 

tägür-,  -äyin  M.  20  ' ; 
-gäli  M.15';  -sär  M. 
15'ä 

täkräJc  M.  22  2,  25"; 
täkräki  tiri 

tägsin-  (tägzin)   B.  41" 

täl-ip  M.  76';  vgl.  tali- 

tämirlig  Rl.  25"=;  t.  tay 

täng  (gleich)  B.  48"; 
(Wage,  a.  d.  Chines. 
f^)  M.  77='^8ti" 

t(ä)ngri(iäm  B.  28  ',  B. 
30" 

täv  [kür^]  M.  23'" 

tävril-(^)  M.  11" 

i;(7(Zunge), -töHM.?'» 

iilä-,  tiläy{i)n  M.  5'"; 
-fiär  M.  155 

tüär  B.  35  -^ 


tUkü  B.  31  " 
tlmci  M.  19» 
tilngäng   M.  87  ^'^ ;    6W- 

<ya<y  /. 
tingci     M.    78'';     vgl. 

82 
lingürki-ä  M.  88  " 
ftr    M.  25";     täkräkt 

tiri 
tüi  M.  15',  M.  99 
Htrü    M.  5*,    M.  23", 

M.  24*;  tap-a  t. 
tiz  (Knie)  B.  47'« 
<a6  B.  29";  tübindäharu 

M.  26'» 
förfÜÄ     B.  58  (6)  ">     (t. 

käris) 
(ük-  B.  59  (11)' 
tükädi;  tözü  t.  M.  21""; 

tükäti  M.  15" 
ml  B.  58(8)',  M.  24" 

tül  tilsäyür 
tölük;   t.  küc  M.  25", 

M.  25",  27" 
tümäk  B.  40""* 
tünlä  B.  28 ' ;  tiinlä  kün- 

tüz  M.  14» 
töpü  B  29"',  ß.  32" 
iöröi-mü  B.  68(20)* 
TürgiS  95.  Zu  ßrfi  vgl. 

noch      Marquart. 

Chronologie   d.  alt- 

türkiscii.  Inschriften 

S.  39,  85. 
lürk;  ärk  türk  M.  10'^ 

M.  97 
törtkU  B.  47" 
türtüngü  B.  40'"= 
täril-,  -yür  M.  5'* 
lörü  M.  10"» 
törüci  M.  19';  qari  t.; 

igil  hilgä  t.   M.  19'" 
tüh-  (fallen)  M.  4* 
tüi    (Frucht)    98;    tüs 

yimin  B.  6 1 ' 
tusä-,  -yür  M.  24" 


tüsriik  B.  47  " 
tütsM  B.  40'»',  61« 
iütüs-,  -üp  B.  47  " 
tuu  B.  29" 
töz,  täzi;/)  M.  16",  M. 

23'" 
tüz    (Sippe)    B.  35"»; 

tüz    oqus;    tüz   oyus 

B.  35'" 
tnzi  M.  84  = 
tüzlüg     B.  68(45)»,  " 

usw. 
tözü  tükädi  M.  21  "» 
Irazttk  M.  77  " 
trkin  M.  22" 
trs  M.76' 
tsun  M.  77  »S  82,  86" 

ü«  (chines.)  M.  99,  100 

ya  M.78";  ya  qur-up 

M.  86" 
yadci  M.  84'" 
yayi  M.78'" 
yayuy  M.  80  •* 
ya^n  M.  25  " 
yaqis  B.  61  * 
yaqfi  B.  60(231)» 
yal;  -ar  M.  9" 
yalmguy    B.  29'",     B. 

31'" 
yö:ZarffcM.21"'.M.22"' 
yalc-tt-ip  M.  81  " 
y(ä)lrfin  M.  76  ■* 
yaÄ« ;  ör<  y.  M.  25  "= 
yatmadaSi  B.  59(11)' 
yalnguq  M.  15»;  yalng- 

quq  M. 14" 
yalqantur-,  -ur  M.  23" 
yaltrir,  -yu  B.  37";  y. 

yaavyu ;    yaltrtd-    B. 

46=" 
y(a)lvar-a  M.  79";  yal- 

trrla  M.  88'» 
yati;  -maysiz  B.  40''^' 


yonJ-  (81);   vgl.   dazu 
T"  u    yang    =    seit- 
wärts, schief;  yan6- 
dim  M.  86";    yand- 
tim  M.  76";    yanrft- 
«OT  85'" 
yang  (Art)  B.  4P',48'« 
yanga  M.  20' 
yanyi;  y.  kün  M.  21' 
yang'üuq  M.  87  '* 
yangqi{r-a?)  M.  24' 
yanqi  (y.  yantut)  M.77" 
yantut  {yanqi  y.)  M.77** 
yapirqaq  B.  70  (31)* 
yapsur-,    -up    B.  47"; 

-zun  M.  100 
yar  B.  61'» 
yaray-siz  M.  81" 
yariy;  y.  kätip  M.  86*»; 

yony  M.  78  "' 
yarim  B.  68  (45)  ' 
yarl'iy,  yrly  hat  offen- 
bar beide  Bedeutun- 
gen von  -^  1.  Be- 
fehl,   2.    Schicksal. 
Letzteres    z.  B.    in 
«rmc  y.  M.  78'",  87*« 
yar  tarn  M.87^*;  yartim 

M.78" 
yrval-sar  M.  79*«,  83 
yas    B.  49"",  49*»;    dz 

yas;  yasl'iy  B.  42'* 
yaäur-,  -u  M.  23" 
yamyu  B.  37";  yoAHk 

y«  y- 

yaguy  B.  37";  y(a)ru7 

y- 

yatjoi  M.87" 
yamsqtt  B.40'"';  %«ay. 

98 
yactz  M.  87  '= 
yäk  M.20»,  B.  35" 
yid  M.  61';  s.  yU 
yiq-,  -niis  B.  34";    iß- 

qilquhty  B.  28  = 


Uiyurira  IL 


10!) 


yilan  B.  3F«,  35  2',  •yj 

84",  M.  100 
1/ilyi   B.  43";    ^0/^1  B. 

73(61)',  M.100(yi7- 

q[t]si) ;  yilyiti  B.  33 ' 
yinffaq  M.  4  ' 
yt-<  B.r,7(5)' 
yi-tä6i  B.  32»« 
yii,  B.5(i{14;' 
yigäd-,  -tiny;  udtung  y. 

M.  21" 
yigädmäklääü ;  y.  yjr  M. 

22" 
yi7M.9  ■';yi7<Mwj((Tirä«m) 


y(M  B.  6P 

yjfoj  B.  71(;53)'  {ykö- 

män) 
yinä   M.  SS'" 
yinckä  M.  "24 ' 
yiil  (yil)  B.  39  »» 
yrnj;  B.  61" 
yinik  (leicht);    uthiz  y. 

M.86»'' 
yinin  M.  85" 
yirci  M.  5";  yolci  yin'i 
yiring  B.  61° 
yit-,    -mäsär    M.  26"; 

-di  M.88'» 


yiti  (spliarf) ;  y.  '/ilinn 
bieip     M.  86«»;     yti 
M.  78^» 
yoysnz  M .  15" 
yoqaru  B.  29" 
yoqat-dvr-taci  B.  59  (it)  ^ 
yoqlunmaqsiz  B.  37  ■'' 
yo/    M.  4^  4',  4\  5", 

10";  •x,a«7  W;  ö. 

33* 
yo/c't  M.5";  yolci  yirci 
yii-,    yuyup     M.   77 ''', 

yu-tum  (ytt-dum)    M. 

86*',  \vi)  t  und  f/  in- 


einaiiflergesclirieben 
sind,  lies:  ar\i\iim 
yu-tum  und  vgl.  M. 
7728.  yun-up  B.  42'2 

yubiy  {sat'vy  y.)  M.772^, 
86*2 

yumus-ci  B.  72  (35)' 

yonyay  M.  76  ° 

yungal-dim  M.  86*' 

yM^  M.  76" 

yi/te  M.  76',  JM.8')22 

y«r««(7B.44",  59(1  1)' 
60(21)» 

yiidiig  M.  19" 


PhU..hii,t  Klass>^.    1910.    Abh.  III. 


15 


110  F.  W.  K.  M  ü  L  L  E  R :    f  U(juri(:a  IL 


Inhaltsverzeiclmis. 


Seite 

111.2.    Die  Nidänareihe  uach  zwei  Versionen 4,  7 

3.  Die  a  Erscheinungsformen  des  Avalokite.svara 14 

4.  Die  Gattenwalil  der  Bhadrä 20 

Der  Kampf  zwischen  Bimbasena  und  dem  Dämon  Hidimba 24 

5.  Die  Bannformel  Sarva  durgaii  parisodharia-rismsa  vijayä-dhäram ;  uigur. :  alqv.  ay'iy 
yaviz  yolrlariy  artuqraq  uz  afitdaci  ....  usnisa  vicai  atly  darrii 27 

6.  Die  Bannformel  Ärya-{sarva-^tathägata-uimisa-sitätapaträ  näma  aparSjitä-dhäram ; 
uigur.:  alqu  aniolayu  kälmis-lär-ning  usnir-laksan-tar-intin  nnmis  adi  kötrülmis  sitata- 
padri  atly  uisuqmaqsiz  darni 50 

7.  Sündenbekenntnis  der  buddhistischen  Laienschwester  {upäsikä)  Üträt  ....  76 

8.  Sündenbekenntnis  der  l)uddliistischen  Laienschwester  Qutluy  nebst  Tochter  und 
Sohn 84 

9.  Nachträge  und  Verbesserungen  zu  den  Uigurica  1  (Abh.  1908) 90 

10.    Verzeichnis  der  wiclitigei'en  türkischen  Wörter 103 


K.  Preuß.  Akad.  d.  Wissensch. 


W'-m^jr 


Titelblatt  der  Sität 


F.  W.  K.  Müll 


Phil.-hist.  Abh.   1910. 


mlhärani  (vgl.  S.  soft".). 
ünirieaH.    Taf.  I. 


K.  Preu/.!.  Akad.  d.  Wissensch. 


4  J 


9  10  II  12         13         14 


15         16  17 


H.-T       ;  .  !•. 


.■^' .  «:pr'- 


Sündenbekenntnis  der  buddhistischen  Laier 

F.  W.  K.  Müllei 


'.«8        1 9 


20  21 


Biil.-hist.  Abh.  1910. 
''        ''         "^        30        3.         3.        33         34 


m  m 


ster  üträt.     Erste  Hälfte  (vgl.  8.  76-78). 
rica  U.     Taf.  IL 


■i^: 


^1 


K.  Preiiß-  Akad.  d.  Wissensch. 
36         37         38  39  40  41         42         43  44         45  46  47         48  49  50  51 


Sündeiibekenntnis  der  buddhistischen  Lai< 

F.W.  K.MülI( 


53    54 


56 


58   59 


Phil.-hist.  Abh.    1010. 
6o  6i  62  63  64  65  66  67  68  69  70  71  72 


ti  1'  ff f|:^ 

ester  TTträt.      Zweite   Hälfte  (v-1.   S.  78— Si). 
rurica  II.     Taf.  III. 


ANHANG. 


ABHANDLUNGEN  NICHT  ZUR  AKADEMIE  GEHÖRIGER 

GELEHRTER. 


Die  Münzen  von  Pergamon. 

Von 

Dr.  HANS  VON  FRITZE. 


PhU.-hist.  Klasse.    1910.   Anhang.   Abh.  1. 


Vorgelegt  von  den  HH.  Conze  und  Dressel  in  der  Sitzung  der  phil.-hist.  Klasse 

am   13.  Januar   1910. 

Zum  Druck  verordnet  am  10.  Februar  1910,  ausgegeben  am  9.  Juni  1910. 


Uie  Münzprägung  von  Pergamon,  welche  um  die  Mitte  des  V.  Jahrhunderts 
V.  Chr.  beginnt,  umfaßt  einen  Zeitraum  von  rund  siebenhundert  Jahren  und 
gehört  entsprechend  der  schnell  und  in  die  Weite  wachsenden  Bedeutung 
des  Gemeinwesens  zu  den  wichtigsten  der  kleinasiatischen  Griechenstädte. 
Ein  Umstand  hebt  Pergamon  aber  noch  Ober  viele  von  ihnen  heraus,  nämlich 
daß  hier  neben  der  städtischen  Münze  reiche  Immissionen  von  Königsgeld 
ihren  Ursprung  fanden.  Wie  anderen  Zentren  des  hellenischen  Ostens,  so 
verdanken  wir  der  Stadt  ferner  eine  glänzende  Reihe  von  Kaisergeprägen, 
die  für  das  Studium  des  politischen,  religiösen  und  künstlerischen  Lebens 
dieses  auch  nach  der  hellenistischen  Periode  hervorragenden  Kulturmittel- 
punktes ein  umfassendes,  fast  un verwertetes  Material  darbieten.  Denn  trotz 
des  Interesses,  das  die  numismatische  Wissenschaft  seit  mehr  als  einem 
Jahrhundert  literarisch  an  Pergamon  betätigte,  besitzen  wir  nur  sehr  wenige 
brauchbare  Vorarbeiten.  Neben  Aufsätzen,  die  einzelne  Typen  behandeln, 
und  verstreuten  Notizen  in  anderem  Zusammenhange  ist  es  nur  eine  Mono- 
graphie, die  einen  ersten,  wirklich  erfolgreichen  Vorstoß  zur  Ordnung  und 
Ausbeutung  eines  Teiles  des  umfangreichen  Stoffes  unternimmt,  Imhoof- 
Blumer's  grundlegende  Abhandlung:  »Die  Münzen  der  Dynastie  von  Per- 
gamon« (Abh.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1884).  Aber  auch  diese  bedarf  heute 
einer  Revision,  da  seitdem  in  der  planmäßig  für  das  Corptis  nummorum 
angelegten  Abdrucksammlung  ein  wesentlich  größeres  Material  zu  Gebote 
steht.  Ebenso  ist  es  mit  den  übrigen  Serien.  Für  die  vorliegende  Arbeit 
konnten  etwa  zweiundeinhalbtausend  Münzen  in  Originalen  und  Abdrücken 
benutzt  werden.  Das  Ziel  der  nachfolgenden  Abhandlung  soll  aber  nicht 
so  weit  gesteckt  sein,  daß  allen  Problemen,  welche  sich  hieraus  ergeben, 
bis  ans  Ende  nachzugehen  wäre;  sie  soll  vielmehr  dem  augenblicklichen 
Stande  der  Forschung  entsprechend  die  wesentlichen  Fragen  aufwerfen  und 
nach  Möglichkeit  beantworten.  Soweit  der  Verfasser  mit  eigenen  Studien 
vorgedrungen  ist,   werden  deren  Ergebnisse   hier   teils   unter  Hinweis  auf 

1* 


4  H.  vonFritze: 

die  erfolgte  Veröffentlichung  zusammengefaßt,  teils  kurz  begründet.  Sie 
erstrecken  sich  u.  a.  auf  die  Chronologien  der  vorchristlichen  und  der  nicht 
durch  Kaiserportraits  datierten  Gruppen  nachchristlicher  Zeit,  auf  das  auto- 
nome städtische  sowie  auf  das  königliche  Geld  und  auf  verschiedene  Kaiser- 
prägungen. Die  Typen  aller  dieser  Emissionen  sind  entweder  einzeln  be- 
handelt oder  in  Kategorien  vereinigt.  Den  Schluß  bilden  Kapitel  über  die 
Beamtennamen  und  -titel  sowie  über  die  Homonoiamünzen. 


Die  vorkaiserlichen  Münzen. 
A,  Die  autonome  städtische  Prägung.  '  '  ' 

Für  alle  Untersuchungen,  soweit  sie  vorkaiserliche  Münzen  angehen, 
muß  zunächst  eine  Basis  durch  die  Feststellung  ihrer  Chronologie  ge- 
wonnen werden.  Bezüglich  des  städtischen  Geldes  von  Pergamon  ist  das 
in  der  Corolla  Numismatica  {Oxford  1906),  S.  47 — 62  geschehen.  Daher  be- 
darf es  an  dieser  Stelle  nur  einer  kurzen  Rekapitulation  der  dort  nieder- 
gelegten Resultate  ohne  Begründung:  um  die  Mitte  des  V.  Jahrhunderts 
V.  Chr.  tritt  Pergamon  mit  einer  beschränkten  Silberemission  kleinasiatischer 
Währung  in  die  Münzprägung  ein.  Das  größte  Nominal  ist  im  Gewicht 
von  ca.  1,50  g  ausgebracht  (Taf.  I,  i)  und  von  diesem  kennen  wir  Hälften 
(vgl.  Corolla  Numism.,  Taf.  II,  2)  und  Drittel  (hier  Taf.  I,  2).  Ihre  Ausgabe 
fällt  unter  die  Herrschaft  des  Gongylos,  die  auch  der  ideale  Satrapenkopf 
mit  persischer  Mütze  auf  der  Rückseite  der  beiden  größeren  Stücke  andeutet 
(Taf.  I,  1 ).  Die  Kupferprägung  setzt  gleichfalls  mit  einem  kleinen  Nominal 
ein,  und  zwar  um  400  v.  Chr.  (Taf.  I,  3.  4.  5).  Eine  etwas  jüngere  Gruppe, 
welche  zum  Teil  die  alten  Silbertypen  wiederholt,  dürfte  dem  Anfang  des 
IV.  Jahrhunderts  v.  Chr.  ihre  Entstehung  verdanken  (Taf.  I,  5 ;  vgl.  Corolla 
Numism.,  S.  49,  Taf.  II,  6.  7). 

Nach  einer  längeren  Pause,  anscheinend  erst  unter  der  Oberhoheit  des 
Lysimachos ',  findet  in  Pergamon  wieder  eine  selbständige  Geldemission  statt 

'  P.  Gardner  schließt  sich  in  seiner  wertvollen  Studie  'The  Geld  Coinage  qf  Asia  hrfore 
Alexander  (he  Great<  {Proceed.  of  ihe  Brit.  Acad.  Vol.  III,  January  2p,  1908,  S.  30)  der  von  Six 
{Num.Chron.  1890,  S.  I99f.)  vorgeschlagenen  Datierung  dieser  Münzen  in  die  Zeit  des  jugend- 
lichen Herakles,  Sohnes  Alexander's  und  der  Barsine  an,  deren  Unwahrscheinlichkeit  schon 
{Corolla  Numism.,  S.  ^o  f.)  hervorgehoben  wurde. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  5 

und  nun,  im  Einklang  mit  der  gesteigerten  Bedeutung  der  Stadt,  gleich- 
zeitig in  den  drei  Metallen.  Während  in  Gold  ein  Stater  von  ca.  8,60  g 
(Taf.  I,  7)  sowie  dessen  Viertel  von  2,21g  (Taf.  I,  9)  die  durch  das  Alexander- 
geld verbreitete  attische  Währung  repräsentieren  und  an  dieses  auch  mit 
dem  Heraklestypus  ihrer  Vorderseiten  anknüpfen,  ist  ein  Drittelstück  mit  dem 
Athenakopf  im  Gewicht  von  2,85  g  (Taf.  I,  8)  wohl  als  ein  lokalen  Verhält- 
nissen entgegenkommendes  Ausgleichsnominal  mit  anderen  einheimischen 
Systemen  zu  betrachten.  Entsprechende  kleine  Silber-  (Taf.  I,  i  o)  und  Kupfer- 
münzen (Taf.  I,  6.  1 1 )  schließen  sich  diesen  Goldprägungen  an.  Über  das 
Palladion  als  Rückseitenbild  des  Gold-  und  Silbergeldes  vgl.  unten  S.  3 5  ff. 
Stilistische  Beobachtungen  stellten  nunmehr  den  nicht  unwichtigen 
Umstand  fest,  daß  auch  im  Laufe  des  III.  Jahrhunderts  v.  Chr.,  also  zur 
Zeit  der  ersten  Attaliden,  autonome  städtische  Scheidemünze  gescliaffen 
wurde,  eine  Bestätigung  der  schon  aus  den  Inschriften  bekannten  Tatsache, 
daß  das  Volk  von  Pergamon,  offiziell  wenigstens,  als  souveräner  Faktor 
neben  dem  Könige  galt.  Das  hieraus  entspringende  Hoheitsrecht  der 
eigenen  Prägung  beschränkt  sich  freilich  fast  ausschließlich  auf  die  Emission 
von  Kupfergeld  (im  III.  Jahrhundert  v.  Chr.  stets  mit  dem  Athenakopf  auf 
der  Vorderseite;  Taf.  I,  13.  14)  für  den  Markt-  und  Lokal  verkehr.  Das 
in  Tetradrachmen  bestehende  Kurant  behält  die  königliche  Vormacht  für 
sich.  Das  II.  Jahrhundert  v.  Clir.  bringt  in  Typen  und  Zahl  eine  Vermeh- 
rung für  die  städtische  Kupferprägung  (Taf.  I,  12.  15 — 17.  19.  22.  23),  der 
sich  später  ganz  seltene  kleine  Silbermünzen '  zugesellen  (Taf.  I,  21).  Neben 
der  noch  den  Vorrang  behauptenden  Athena  treten  hier  zuerst  Asklepios 
und  seine  Attribute  hervor,  vereinzelt  auch  Hygieia  und  ApoUon.  Ein 
Kupferstück  mit  Athenakopf  und  Eule  im  Kranz  (Taf.  I,  19)  findet  in- 
folge seines  Rückseitentypus  eine  bestimmtere  Datierung,  da  es  sich  als  Fest- 
prägung gelegentlich  der  Neugründung  der  Nikephoria  183  v.  Chr.  erweist. 
Mit  größter  Wahrscheinlichkeit  dürfen  ferner  alle  mit  den  Aufschriften  AeHN  Ar 
NiKH*oPOY  (Taf.  I,  20.  2  1.  25 — 27)  und  aikahhioy  znTHPOZ  (Taf.  1,12. 
15.  18.  24)  oder  AZKAHniOY  kai  ytieiaz  (Taf.  I,  23),  seil,  nömicma,  kömma, 
versehenen  Exemplare  als  zum  Zweck  der  Bewältigung  des  Messenverkehrs 

.'  Die  von  mir  (CoroUa  Numism.,  S.  54,  Anm.  4.  55,  Taf.  II,  23)  veröffentlichte  Silbermünze 
mit  Asklepioskopf  und  Schlangenstab  ist,  wie  ich  mich  überzeugt  habe,  nach  einem 
Bronzestück  gegossen,  so  daß  an  autonomem  Silber  der  Zeit  nur  der  Typus:  Athenakopf 
und  Eule  (ebenda  Taf.  U,  ^y,  hier  Taf.  1,  ai)  übrigbleibt. 


6  H.  vonFritze: 

ausgegebene  Festmünzen  angesehen  werden.  Von  den  Geprägen  dieser  Zeit 
tragen  einige  auf  den  Vorderseiten  ausgeschriebene  Beamtennamen,  und  zwar: 
AeHNAlOY  (Berlin),  ahmhtpioy  (Taf.  I,  i  2  ;  Brit.  Cat.  Mysia\  Taf.  XXVI,  9), 
AiOAnPOY(Taf.I,  22)'^  Mi0PAAATOY(JSn/. Ca^.,  S.127,  i29ff.),  eni  nEPrAMOY 
(vgl.  Corolla  Numism.,  Taf.  11,  18),  zeaeykoy  (vgl.  Brit.  Cat.,  Taf.  XXVII,  2), 
XOPEIOY  {Brit.  Cat.,  S.  128,  143). 

Der  letzten  Königsperiode  fällt  ebenfalls  autonomes  Stadtgeld  zu,  und 
zwar  von  weit  schlechterem  Stil,  als  in  der  Epoche  des  Eumenes  II.  (Taf.  I, 
20.  21.  24 — 27).  Gewisse  Eigentümlichkeiten  der  weiblichen  Haartracht, 
welche  auch  die  spätesten  Tetradrachmen  charakterisieren,  geben  hierdurch 
volle  Gewißheit  über  diese  zeitliche  Ansetzung  (vgl.  Corolla  Numism.,  S.  57 
und  59)  und  angesichts  der  Traditionen  des  Attalidenhauses  in  seinem  Ver- 
halten zum  Demos  ist  auch  der  Fortbestand  des  städtischen  Münzprivüegs 
bis  zum  Ende  der  Königsherrschaft  von  vornherein  zu  erwarten.  Ob  sich 
Serien  dieser  allein  übrigen  Scheidemünze  vielleicht  noch  in  die  Zeit  der 
Provinz  Asia,  also  nach  133  v.  Chr.,  hineinziehen,  ist  nicht  zu  entscheiden, 
aber  unwahrscheinlich.  Will  man  annehmen,  daß  Rom  in  der  oft  befolgten 
klugen  Politik  der  Anpassung  an  bestehende  Zustände  auch  das  Prägevor- 
recht von  Pergamon  respektierte,  so  liegt  an  und  für  sich  freilich  kein 
Grund  vor,  warum  nicht  wenigstens  bis  zur  Invasion  des  Mithradates  VI.' 
pergamenisches  Stadtgeld  ausgegeben  sein  sollte.  Für  so  lange  Zeiträume 
reichen  aber  die  vorhandenen  Varietäten  nicht  mehr  aus,  wenn  auch  der 
Stil  von  Stücken  wie  Taf.  I,  28  nicht  gegen  eine  Heruntersetzung  ins  I.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  spricht.  Deshalb  drängt  sich  die  Vermutung  auf,  daß  mit 
der  Errichtung  der  Provinz  die  autonome  Stadtprägung  von  Pergamon  ein 
Ende  fand. 


'  Wo  es  sich  im  folgenden  um  den  Band  'Mysio'  des  Catalogue  of  the  greek  coins  in  the 
Brit.  Mus.  handelt,  ist  nur  zitiert:  Brit.  Cat. 

'  Hepding  (Athen.  Mitt.  1907,  S.  243)  nimmt  die  Identität  des  AIOAQPOC  HPfllAOY 
riACriAPOC  der  Inschrift  Nr.  4  mit  dem  obengenannten  Diodoros  der  Münzen  als  wahr- 
scheinlich an.  Das  wird  aber  dadurch  wenig  glaubhaft,  daß  die  Inschrift  vermutUch  den 
ersten  Jahren  nach  133  v.  Chr.  angeliört,  während  jene  aus  den  ersten  Dezennien  des 
II.  Jahrhunderts  v.  Chr.  stammen. 

'  Einen  übersichtlichen  Abriß  dieses  Zeitabschnitts  gibt  Hepding,  Athen.  Mitt.  1909, 
S.  ZU  ff- 


Die  Münzen  von  Pergamon.  7 

B.  Das  attalisehe  Silbergeld. 

In  seinen  »Münzen  der  Dynastie  von  Pergamon«  hat  F.  Imhoof- Blumer 
die  Aufeinanderfolge  der  sich  über  anderthalb  Jahrhunderte  erstreckenden 
Tetradrachmenausgabe  im  ganzen  unwiderleglich  festgestellt.  Das  mir  vor- 
liegende, mehr  als  dreimal  so  große  Material  bringt  zwar  eine  Anzahl  neuer 
Stempel,  die  aber  wiederum  nur  die  Richtigkeit  seiner  Anordnung  beweisen 
und  seine  Reihen  im  wesentlichen  unberührt  lassen.  Anders  steht  es  mit 
der  Verteilung  der  Typenserien  auf  die  verschiedenen  Attaliden.  Hier 
hat  sich  für  die  Emissionen  der  ersten  drei  Herrscher  eine  abweichende 
Gruppierung  ergeben,  deren  Begründung  in  kurzen  Zügen  vorgetragen  wer- 
den soll: 

1 .  Philetairos  prägt  mit  dem  Kopf  des  vergöttlichten  Seleukos  I.  (Taf.  II, 
1.2),  da  er  zwar  Souverän  von  Pergamon,  aber  von  der  Macht  der  Seleukiden 
abhängig  ist.  Mit  dem  Tode  des  Philetairos  im  Herbst  263  v.  Chr.'  schließt 
diese  Gruppe  ab. 

2.  Eumenes  I.  nämlich  erhebt  sich  262  v.  Chr.'^  im  zweiten  Jahr  seiner 
Regierung,  gegen  Antiochos  I.,  den  Sohn  und  Nachfolger  des  Seleukos  I., 
den  er  in  einem  Treffen  bei  Sardes  aufs  Haupt  schlägt.  Es  würde  der 
antiken  Tradition  widersprechen,  wollte  man  annehmen,  daß  angesichts 
dieses  Momentes,  der  Abschüttelung  der  syrischen  Vorherrschaft,  Eumenes  I. 
noch  eine  Weile  mit  dem  Bilde  des  in  seinem  Sohne  getroffenen  Seleukos  I. 
gemünzt  habe.  Vielmehr  ist  dies  der  Augenblick,  wo  mit  Notwendigkeit 
das  Portrait  des  vergöttlichten  Dynastiegründers  Philetairos  erscheinen  mußte, 
welches  das  Silber  des  nunmehr  unabhängigen  Staates  schmückt  (Taf.  II, 
3.  4)  und  ihn  dadurch  als  solchen  kennzeichnet  (vgl.  Hill,  Historie,  gr.  coins, 
S.  1 2  5  f.).  Ja,  es  ist  sehr  wohl  denkbar,  daß  Eumenes  I.  mit  der  Prägung 
dieses  revolutionären  Typus  seinen  Abfall  von  Antiochos  I.  inauguriert  und 
offiziell  kundgetan  habe.  Die  untere  Grenze  für  die  Gruppe  wird  durch 
das  Auftreten  des  mit  einer  Binde  umwundenen  Lorbeerkranzes  auf  dem 
Kopf  des  Philetairos  bestimmt  (Taf  II,  5).  Die  bisher  genannten  Serien 
zeigen  sowohl  bei  dem  Seleukosportrait,  als  auch  bei  dem  Philetairosbilde 
auf  den  Münzen   des  Eumenes  I.    eine   runde,   strickartig  gedrehte  Binde, 

*    Vgl.  Droysen,  (Jesch.  des  Hellenismus*,  Bd.  III,  i,  S.  377,  Anm.  3. 
'    VgL  Droysen,  a.a.O.  S.378,  Anm.  i,  Staehelin,  Gesch.  der  kleinas.6alater*,  (1907), 
S.  18  f. 


8  H.  vonFkitze: 

die  dort  (Taf.  ü,  i.  2)  ohne,  hier  (Taf.  II,  3.  4)  mit  fliegenden  Enden  er- 
scheint. Anders  wird  es  bei  dem  nunmehr  eingeführten  Lorbeerkranz  mit 
umgeschlungener  Binde,  einem  Kopfschmuck,  der  in  Zusammenhang  steht 
mit  dem  Regierungsanfang  des  Attalos  I.  (vgl.  Taf.  II,  5). 

3.    Dieser  nimmt  bald  nach  Beginn  seiner  Herrschaft  im  Anschluß  an 
den  großen  Sieg  über  die  Gallier  den  Königstitel  an'.     Auf  beide  Ereig- 


'  Das  früheste  Datum  für  den  ersten  großen  Galatersieg  ist  nicht  mit  Bei  och  (Gr. 
Gesch.,  Bd.  III, 2,  S.46if.),  demCardinali  {11  regno  di  Pergamo,  S.arff.  115)  undStaehe- 
lin,  Gesch.  d.  kleinas.  Galater^,  S.  23f. )  folgen,  bis  mindestens  237,  wahrscheinlich  sogar 
ca.  230  V.  Clir.  herabzu rücken.  Zunächst  ist  Beloch's  Annahme,  daß  der  erste  Sieg  Ober  die 
Galater  zeitlich  eng  mit  den  Kämpfen  gegen  Antiochos  zusammenhängt,  durch  nichts  zu  be- 
weisen. Die  Funde  in  Perganion  haben  nicht  nur  nicht  das  geringste  dafür,  sondern  viel- 
mehr das  Gegenteil  ergeben,  da  eine  besondere,  dem  Kaikossiege  geltende  Anathem-Inschrifl 
zutage  kam.  Dies  deutet  auf  eine  zeitliche  Trennung  der  Schlachten  an  den  Kaikosquellen 
und  am  Aphi'odision  hin,  da  nur  eine  längere  Kampfespause  jene  Weihung  erklärt  und 
Attalos  Gelegenheit  geben  konnte,  die  Großtat  künstlerisch,  und  zwar  in  einem  Denkmal 
von  großem  Umfange,  zu  verewigen  (Inschrift  bei  Fränkel,  Inschr.  v.  Perg.,  Nr.  20  = 
Dittenberger,  O.G.  LS.,  Nr.  269).  Dazu  paßt  aufs  beste,  daß,  wie  Cardin  all  (a.  a.  0.  S.  2if.) 
erkannt  hat,  der  i)ergamenisch-galatische  Kampf  gar  nicht  mit  dem  seleukidischen  Bruder- 
kriege in  Verbindung  stand.  Erst  als  Antiochos  die  Hände  frei  bekommt,  erheben  die  Galater, 
die  sich  ohne  den  Bundesgenossen  zu  schwach  fühlen,  ihre  Waffen  gegen  Attalos.  Ebenso- 
wenig überzeugend  ist  aber  auch  Beloch's  unbegründete  Behauptung  (a.a.O.,  im  Anschluß 
an  U.  Köhler),  daß  Attalos  erst  durch  den  Sieg  über  Antiochos  die  Herrschaft  über  Klein- 
asien »und  damit  die  Berechtigung,  den  Königstitel  anzunehmen»,  gewonnen  habe.  Mit 
größerer  Wahrscheinlichkeit  ist  dem  vielmehr  entgegenzusetzen,  daß  der  geeignete  Augen- 
blick, sich  BACiAe-fc  zu  nennen,  für  ihn  der  war,  als  er,  der  erste  kleinasiatische  Herrscher, 
das  Joch  der  Abhängigkeit  durch  Verweigerung  des  drückenden  Tributes  abschüttelte  und 
sich  nach  Besiegung  der  Galater  vom  Vasallen  zum  König  aufschwang.  Dieser  Machtzuwachs 
der  Freiheit  war  in  erster  Linie  Vorbedingung  zum  bacia6'»'C,  nicht  Landerwerb.  Und  wenn 
Beloch  meint,  daß  Attalos  auf  seinem  Siegesmonunient  die  Erfolge  über  die  Galater  und 
Antiochos  zusammen  verherrlicht  habe,  so  gilt  das  eben  nur  für  das  spätere  Gesamtanathem. 
War  der  Sieg  über  die  Tolistoagier  allein  an  den  Kaikosquellen  nicht  der  entscheidende,  so 
muß  Beloch  beweisen,  daß  Attalos  auch  nachher  tributär,  also  abhängig  blieb.  Dies  wird 
ihm  aber  angesichts  der  Siegesinschrift  (a.  a.  O.  Nr.  20)  schwer  fallen.  Die  Niederlage  am 
Aphrodision  beendet  nur  einen  Rachezug  und  sichert  das  bereits  gewonnene  Königtum. 
Damit  gewinnt  die  alte  Datierung,  daß  der  erste  Galatersieg  bald  nach  dem  Regierungsantritt 
des  Attalos  1.  stattfand,  wieder  ihren  Platz,  der  das  kai  TÖTe  nPWTON  bei  Polybios  (XVIII, 
41,  7,  ed.  Büttner -Wobst)  durchaus  nicht  widerspricht.  Hiermit  allein  ist  auch  die  von 
Staehelin  (a.a.O.,  i.Aufl.,  S.  28)  hervorgehobene  Tatsache  zu  vereinen,  daß  auf  allen  er- 
haltenen Siegesinschriften  des  Herrschers  der  Königstitel  steht.  Wie  sein  Vorgänger  Eumenes  1. 
sich  sogleich  gegen  die  seleukidische  Vormacht  erhebt  und  damit  den  ersten  Schritt  zur 
Selbständigkeit  unterniimnt,  so  krönt  Attalos  I.  das  Befreiungswerk  durch  eine  sofortige  Ab- 
werfung des  galatischen  Joches. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  9 

nisse  deutet  die  Kombination  des  Kopfschmucks.  Der  Ix>rbeerkranz  als 
Symbol  des  Sieges  ist  bekannt.  Die  mit  ihm  vereinigte  Binde  ist  das 
Königsdiadem,  das  wir  sonst  bei  den  Portrait«  der  hellenistischen  Fürsten 
als  einzigen  Schmuck  finden.  Vergleicht  man  nämlich  diese  Königsbinden' 
mit  der  ebengenannten  pergamenischen,  so  wird  die  volle  Übereinstim- 
mung der  Form  deutlich :  sie  bestehen  aus  einem  breiten  und  flachen  Band, 
das  an  den  beiden  Rändern  mit  einem  schmalen  Galon  oder  eingewebten 
Paspel  versehen  ist,  und  dessen  Enden  häufig  in  Fransen  auslaufen^.  Eine 
interessante  Nachricht  bringt  uns  nun  die  Bestätigung  für  die  Richtigkeit 
der  oben  gegebenen  Erklärung.  Die  bekannte  Szene  bei  dem  römischen 
Luperealienfeste,  als  C.  lulius  Caesar  das  Königsdiadem  angeboten  wird,  er- 
gänzen die  Quellen  durch  die  Mitteilung,  daß  auf  dessen  Statuen  eine 
unbekannte  Hand  gesetzt  habe  cornnain  lauream  Candida  fascia  praeliyata 
(Sueton,  Caesar,  79,  ed.  Ihm).  Sogleich  verfugen  die  Tribunen  die  Ent- 
fernung der  fascia,  lassen  den  Lorbeerkranz  aber  an  seiner  Stelle.  Denn 
jene  koimten  die  römischen  Behörden  als  königliches  Abzeichen  nicht  auf 
seinem  Bilde  dulden.  Daß  es  sich  um  die  Königsbinde  handelt,  ergibt  der 
Zusammenhang,  und  wird  ausdrücklich  von  Plutarch  {Caes.  61  ed.  Sintenis) 
bezeugt,  der  kürzer  von  den  XNAPiÄNxec  aiaai^macin  ANAAeAew^Noi  ba.ciaikoTc  redet 
und  vorher  von  Antonius  berichtet,  daß  er  dem  auf  dem  Forum  thronenden 
Caesar  angeboten  habe  aiAamma  cre^ÄNO)  aX*nhc  nepinenAerw^NON^.  Der  kom- 
binierte Kopfschmuck  war  also  nichts  Neues,  sondern  hatte  sein  Praeredens 
in  hellenistischer  Zeit,  wie  unsere  Tetradrachmen  dartun'. 


'  Z.  B.  Brit.  Cat.  IhnlM  usw.,  Taf.  VIII,  2  ff.,  Taf.  XXXVIII,  10,  XXIX,  i  ff.;  Brit.  CcU. 
Ptolemie^,  Taf.  II,  4ff.,  III,  8;  Brit.  Cat.  Seleucifl  King.i,  Taf.  III,  2  ff.,  VIII,  i. 

*  Vgl.  Darembei-g-Saglio,  Dictionn.,  Bd.  II,  i.  S.  120:  un  ruban  bordS  en  haut  et  en  bas 
cPtm  Jeff  er  galon  et  ßrangS  ä  aes  extrAnitSs. 

*  Dem  Umstände,  daß  nach  Hiesem  Wortlaut  im  Gegensatz  7.11  den  Miinzbildern  imd  zu 
Sueton  (a.a.O.)  der  Kranz  um  die  Binde  und  dicht  die  Binde  um  den  Kranz  geschlungen 
ist,  wird  man  keinen  Wert  beizumessen  haben;  es  liegt  wolil  ein  Flüchtigkeitsversehen  vor. 

*  Hier  haben  wir  eine  äußere  Bekräftigung  fiir  die  Anschauung,  daß  Caesar  nicht  mehr 
und  nicht  weniger  erstrebt  habe,  als  »eine  griechisch-römische  baciagia  ...  im  Westen  ein- 
zurichten«. .So  Kornemann  (Beitr.  z.  alt.  Gesch.  {K'lio],  Bd.  I,  S.  95),  der  hinzufügt,  daß  er 
sich  eigentlich  in  allem  an  die  In.«itutionen  des  hellenistischen  Ostens  anlehnte,  imd  8.  96 
noch  besonders  betont,  wie  Caesar's  göttliche  Verehrung,  die  er  in  Rom  duldete,  genau  helle- 
nistischen Kulten  entspreche.  Kr  zitiert  gei-ade  <len  j)ergamenischen,  der  sieh  im  Kult  der 
römischen  Procf/umtUs  fortsetze.  Vielleicht  lag  in  dem  mit  der  Künigsbinde  lunwundenen 
Lorbeerkranz  eine  bewußte   Anknüpfung  an  den   Uöiiigliciien   Kopfschmuck  der  Attaliden. 

PluL-hist.  Klasse.  1910.  Anhang.  Abh.  I.  2 


10  H.  vonFritze: 

4.  Die  Verbindung  von  Siegeslorbeer  und  Königsdiadem  bleibt  fiir  die 
Silberprägung  der  Attaliden  bis  zum  Ende  ihrer  Herrschaft  bestehen,  mit 
Ausnahme  einer  Gruppe,  in  welcher  der  einfache  Lorbeerkranz  an  ihre  Stelle 
tritt  (Taf.  II,  7 — 10).  Diese  Serie  ist  übereinstimmend  im  Anschluß  an 
Imhoof  in  die  Zeit  des  Attalos  I.  gesetzt  worden.  Nur  waren  die  Mei- 
nungen geteilt,  ob  sie  gleich  nach  seinem  Regierungsantritt  oder  erst  nach 
den  großen  Siegen  der  zwanziger  Jahre  des  HI.  Jahrhunderts  v.  Chr.  aus- 
gegeben sei.  Durch  unsere  oben  unter  Nr.  3  begründete  Datierung  wird 
der  zweite  Termin  festgelegt.  Zugleich  nämlich  mit  dem  Erscheinen  des 
einfachen  Lorbeerkranzes  auf  der  Vorderseite  findet  der  Typenwechsel  auf 
der  Rückseite  statt.  Athena  hat  nicht  mehr  den  Schild  vor  sich  stehen, 
sondern  lehnt  den  linken  Arm  auf  ihn  und  bekränzt  mit  der  Rechten  den 
vor  ihr  angebrachten  Namen  <t>iAETAiPOY  (Taf.  II,  7.  9).  Die  Festfeiem, 
welche  Attalos  nach  Besiegung  der  Gallier  und  des  Antiochos  Hierax  ver- 
anstaltete, galten  —  das  lehren  uns  die  Inschriften  —  den  sämtlichen 
Kriegstaten  seiner  Regierung  (vgl.  H.  Gaebler,  Erythrä,  S.  45f.,  5of.). 
Athena  erhält  den  Beinamen  nikh4>opo5:,  ihr  werden  die  Nikephorien  in 
dem  neugegründeten  Nikephorion  gestiftet.  Zur  Verherrlichung  der  könig- 
lichen Feldzüge  entstehen  zahlreiche  Denkmäler,  Skulpturen,  Gemälde,  In- 
schriften. »Sieg«  und  wieder  »Sieg«  tönt  es  nach  226  v.  Chr.  nicht  nur 
in  Pergamon,  sondern  weit  hinaus  in  die  griechische  Welt.  Unter  diesen 
Umständen  ist  es  wohl  begreiflich,  daß  Attalos  I.  den  Schritt  wagte,  den 
bereits  Kredit  besitzenden  Typus  der  Tetradrachmen  zu  verändern,  freilich 
nicht  so  sehr  in  die  Augen  fallend,  daß  es  seinem  klugen  Geschäftssinn 
als  bedenklich  hätte  erscheinen  können'.  Die  Siegbringerin  Athena  mit 
dem  Kranz  in  der  Hand  ersetzte  die  ruhig  mit  ihren  Waffen  thronende 
Göttin  der  bisherigen  Emissionen.  Und  daraus  erklärt  sich  auch  ohne 
weiteres  die  Einführung  des  einfachen  Lorbeerkranzes  auf  der  Vorderseite. 
Das  Bild  des  Philetairos  erhält  denselben  einfachen  Siegeslor- 
beer, mit  welchem  Pallas  auf  der  Rückseite  seinen  Namen  be- 
kränzt.    Demgegenüber  konnte  das  königliche  Abzeichen  in  dieser  Zeit  der 

'  Schon  Imhoof  hat  (a.  a.  O.  S.  37 f.)  das  Festhalten  an  dem  Philetairoskopf  aus  dem 
Bestreben  der  Attaliden  erklärt,  nach  Analogie  der  Alexander-,  der  Ptoleinäer-  und  der  Lysi- 
machosprägungen  »die  Philetairosinünzen  zu  einer  weithin  akkreditierten  Verkehrsmünze«  zu 
stempeln,  zu  deren  Eigenschaft  in  diesem  Sinne  auch  »das  gänzliche  Fehlen  silberner  Teil- 
münzen« stimme. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  11 

alles  beherrschenden  Siegesstimmung  zurücktreten  und  mußte  es  sogar,  wenn 
man  die  Siegesprägung,  um  sie  scharf  als  solche  zu  kennzeichnen,  von  den 
vorhergehenden  Serien  äußerlich  unterscheiden  wollte.  Denn  diese  tragen 
den  Lorbeer  nur  als  Beiwerk  neben  dem  Diadem,  jene  sollte  durch  ihn 
allein  den  Sieg  zu  voller  Anschaulichkeit  bringen.  Somit  erhalten  wir  die 
lange  Reihe  der  Tetradrachmen  mit  einfachem  Lorbeerkranz  für  die  zweite 
Hälfte  der  Regierung  des  Attalos  L,  während  der  zu  ihr  leitende  Über- 
gangstypus (Taf.  II,  6)  etwa  in  die  Mitte  seiner  Herrschaft  fallt. 

5.  Hat  sich  für  die  ersten  drei  Regenten  des  Hauses  nun  mit  genügen- 
der Sicherheit  die  Zuweisung  des  Silbergeldes  vornehmen  lassen,  so  wird 
die  Teilung  des  Münzbestandes  zwischen  Eumenes  U.  und  Attalos  II.  nicht 
über  eine  gewisse  Wahrscheinlichkeitsrechnung  hinauskommen.  Imhoof 
schreibt  Eumenes  II.  die  Serie  mit  den  wechselnden  Monogrammen  und 
Beizeichen  zu  (a,  a.O.  Taf.  I,  1 2  ff. ;  hier  Taf.  II,  i  2.  i  5),  und  wir  schließen  uns 
ihm  darin  an.  Innerhalb  dieser  Gruppen  bemerkt  man  eine  Änderung  in 
der  äußeren  Erscheinung  der  Tetradrachmen :  der  Perlkreis  der  Vorderseite 
verschwindet  und  eine  allmählich  fortschreitende  Vergrößerung  des  Schröt- 
lings,  die  mit  seiner  Verflachung  zusammengeht,  wird  bemerkbar  (vgl, 
Imhoof,  a.  a.O.  S.  19,  Taf.  II,  16—24;  vgL  hier  Taf.  II,  i3ff.,  III,  i.  2.  4). 
Daß  diese  Eigentümlichkeiten  in  der  Tat  der  Epoche  angehören,  lehrt  die 
Vergleichung  mit  den  Großsilberprägungen  der  pontischen  und  bithynischen 
Könige,  die  —  auch  politisch  in  Verbindung  mit  Pergamon  —  hier  gut 
herangezogen  werden  können.  Bei  den  pontischen  Tetradrachmen  fallt  jener 
Wechsel  in  der  Gestalt  des  Metallstücks  in  die  Zeit  des  Mithradates  III. 
(ca.  220 — 185  V.  Chr.),  aber  die  eigentlich  flachen  Serien  werden  allgemein 
erst  unter  Phamakes  I.  (ca.  185  — 169  v.  Chr.;  vgl.  Babelon  und  Reinach, 
Recueil  general  des  Monn.  gr.  d'Asie  min.,  Bd.  I,  i,  Taf.  I,  2 — 6  und  7 — 10). 
Ähnlich  ist  es  in  Bithynien:  unter  Prusias  I.  (238?  bis  ca.  183  v.Chr.) 
überwiegt  noch  der  kleinere  Schrötling,  während  das  Silbergeld  des  Prusias  II. 
(183? — 149  v.  Chr.)  bereits  durchgehends  breit  und  flach  geformt  ist  (vgl. 
Babelon  und  Reinach,  a.  a.  O.  Bd.  I,  2,  Taf.  XXIX,  10—13.  '4 — ^6, 
Taf.  XXX,  I — 6).  Für  Pergamon  ergibt  sich  aus  dieser  gleichartigen  Ent- 
wickelung  femer,  daß  das  Unikum  mit  dem  Bilde  des  Eumenes  IL  (Taf.  II,  1 4), 
falls  es  aus  den  Werkstätten  von  Pergamon  hervorging,  erst  gegen  Ende 
seiner  Regierung  entstanden  ist,  wie  auch  eine  Vergleichung  mit  den  an- 
dern Prägungen  der  Reihe,  z.B.  Taf.  II,  15,  sofort  erkennen  läßt. 


12  H.  VON   Fritze: 

Was  die  ersten  Münzen  Eumenes'  II.  angeht,  so  werden  sie  nicht  mit 
voller  Sicherheit  zu  bestimmen  sein.  Wenn  die  Möglichkeit  auch  nicht  zu 
bestreiten  ist,  daß  innerhalb  der  pergamenischen  Tetradrachmenserie  ein 
neuer  Regent  mit  den  ganz  unveränderten  Typen  seines  Vorgängers  weiter- 
prägt, so  wird  man  doch  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  zunächst  an- 
nehmen, daß  sich  der  Regierungswechsel  in  irgendeiner  Äußerlichkeit  kund- 
tut. Eine  solche  liegt  hier  in  dem  Aufgeben  des  einfachen  Lorbeerkranzes 
zugunsten  seiner  Kombinierung  mit  dem  Königsdiadem  vor  (vgl.  Taf.  II, 
1 1  — 13).  Sucht  man  nach  einem  Grunde  dafiir,  so  liegt  der  Gedanke  nahe, 
daß  Eumenes  II.  keine  Ursache  hatte,  sich  bei  seiner  Thronbesteigung  mit 
dem  einfachen,  Sieg  bezeichnenden  Lorbeer  zu  zieren,  wie  ihn  sich  Attalos  I. 
durch  seine  Taten  erworben  hatte.  P]r  kehrt  deshalb  unter  Betonung  des 
königlichen  Abzeichens  zu  der  von  seinem  Vorgänger  nach  Annahme  des 
Titels  BACiAe-»'c  gewählten,  bereits  weit  und  breit  bekannten  Kombination  des 
Kopfschmucks  zurück,  die  nun  bis  zum  Ende  der  Silberprägung  beibehalten 
wird.  Bei  dieser  Annahme  gewinnen  wir  die  von  Imhoof  (a.  a.  0.  S.  27, 
Taf.  I,  10.  11)  zweifelnd  Attalos  I.  oder  Eumenes  II.  zugewiesene  Gruppe  A.  V 
(hier  Taf.  II,  1 1)  fär  den  letzteren.  Auch  eine  in  den  beiden  Serien  Imhoof 's 
(A.  V  und  A.  VI;  vgl.  ebenda  Taf.  I,  1 1.  12)  nachweisbare  gleiche  Künstler- 
hand könnte  vielleicht  unter  den  genannten  Umständen  für  ihren  nicht  durch 
einen  Thronwechsel  gestörten  Zusammenhang  sprechen. 

6.  Der  Beginn  der  Münzprägung  des  Attalos  II.  ist  von  Imhoof  (S. 35f.) 
mit  dem  Erscheinen  der  großen,  flachen  Tetradrachmen  in  Verbindung  ge- 
bracht worden,  dem  zugleich  ein  starker  Verfall  des  Stiles  zur  Seite  geht 
(Taf.  U,  15;  III,  I.  2.  4).  Wenn  sich  auch  in  den  Details  der  Rückseite  bei 
den  spätesten  Geprägen  des  Eumenes  IL  bereits  eine  zunehmende  Nach- 
lässigkeit der  Arbeit  ausspricht,  was  besonders  augenfällig  in  der  Form  des 
Löwenbeines  am  Stuhl  zu  erkennen  ist  (vgl.  Imhoof,  a.  a.  O.  S.  19,  Taf.  II, 
19.  20),  so  beginnt  mit  dem  letzten  Abschnitt  eine  fast  zur  Karikatur 
werdende  Verschlechterung  des  Stils.  Das  gilt  vor  allem  für  die  Rück- 
seite (vgl.  hier  Taf.  III,  4);  aber  auch  der  zunächst  noch  sorgfaltiger  be- 
handelte Philetairoskopf  zeigt  schon  vielfach  eine  flache  und  harte,  mecha- 
nische Wiedergabe  (vgl.  Taf.  II,  15;  III,  4) ,  die  schließlich  zu  völliger 
Verwilderung  ausartet  (vgl.  Brit.  Cai.,  Taf.  XXV,  2).  Wenn  wir  fast  aller- 
orten etwa  von  der  Mitte  des  II.  Jahrhunderts  v.  Chr.  an  eine  starke 
Abnahme   künstlerischer  Leistungsfähigkeit  wahrnehmen,   so  ist  dabei  die 


Die  Münzen  von  Pergamon.  13 

politisclie  Dekadenz  als  Hauptfaktor  bestimmend.  Denn  z.  B.  die  Tetra- 
draehmen  des  Mithradates  VI.  stehen  größtenteils  noch  auf  einem  weit 
besseren  Niveau,  als  die  letzte  Gruppe  der  mehrere  Dezennien  vorher  ent- 
standenen pergamenischen  Stücke  (vgl.  Babelon  und  Reinach,  a.  a.  O. 
Taf.  II).  Inwieweit  an  diesen  noch  Attalos  III.  beteiligt  ist,  läßt  sich  nicht 
sagen.  Man  wird  jedoch  nicht  ohne  weiteres  seiner  Regierung  jede  Emissions- 
tätigkeit absprechen  wollen.  Eine  Zuteilung  bestimmter  Münzen  in  die  tiinf 
Jahre  seiner  Herrschaft  würde  aber  für  unsere  Zwecke  keinen  nennenswerten 
Gewinn  bedeuten.  Doch  liegt  es  nahe,  die  wenigen  letzten,  ganz  rohen 
Stempel  (vgl.  Brit.  Cat.,  Taf.  XXV,  2)  für  Attalos  III.  heranzuziehen,  dessen 
Vernachlässigung  aller  Staatsangelegenheiten  zu  den  sehr  unerfreulichen  Tat- 
sachen gehört,   die  uns  die  Tradition  über  ihn  aufbehalten  hat. 

Haben  wir  somit  eine  im  großen  feststehende  zeitliche  Anordnung 
der  königlichen  Silbermünzen  erzielt',  so  muß  noch  mit  einem  Worte  auf 
die  Zahl  der  bekannten  Stempel  und  ihre  Verteilung  auf  die  einzelnen 
Regenten  eingegangen  werden,  wie  sie  das  Studium  von  287  in  Originalen 
oder  Abgüssen  vorliegenden  Exemplaren  ergeben  hat.  Diese  entstammen 
141  verschiedenen  Stempeln,  die  sich  nunmehr  folgendermaßen  gruppieren: 

Anzahlder 


Regi 

erungsjahre 

Stempel 

Exemplare 

Philetairos 

17 

7 

24 

Eumenes  I. 

22 

9 

24 

Attalos  I. 

44 

63 

iiS 

Eumenes  11. 

38 

44 

94 

Attalos  IL,  III. 

26 

i8 

27 

Zusammen 

147 

141 

287 

Wenn  sich  Exemplare  und  Stempel  auch  andauernd  vermehren  werden, 
so  ist  das  jetzt  vorhandene  Material  doch  ausreichend,  um  das  numerische 
Verhältnis  im  ganzen  als  maßgebend  anzusehen.  Daraus  ersieht  man  fol- 
gendes: dem  geringen  Umfang  des  Reiclies  und  seinem  unbedeutenden 
handelspolitischen  Einfluß   gemäß  ist  unter  den  beiden  ersten  Herrschern 


'  Nach  Gewinnung  der  dargelegten  Ergebnisse  fand  ich  in  einem  Aufsatze  von  A.  J. 
B.Wace  (Joum.  0/ hell.  Stud.  1905,  S.  100)  eine  für  die  drei  ersten  Attaliden  im  ganzen  gleiclie 
Verteilung  der  Typen,  freilich  nur  vermutungsweise  und  olme  Begründung.  Die  neuerdings 
von  rardinali  (a.  a.  O.  S.  117)  versuchte  Gruppierung  bedarf  als  jeder  Wahrscheinlichkeit 
entbehrend  keiner  Widerlegung. 


14  H.  VON   Fritze: 

die  Zahl  von  Stempeln  und  Stücken  nur  klein.  Die  unter  Attalos  I.  statt- 
findende, zeitweise  ungeheure  Ausdehnung  des  Landbesitzes,  eine  Folge 
glücklicher  Feldzüge,  bedingt  eine  entsprechende  Erweiterung  des  Kredits 
und  Geldverbrauchs.  Es  nimmt  daher  nicht  wunder,  daß  die  Menge  der 
Stempel  um  das  siebenfache  anwächst,  wenn  man  gleichzeitig  bedenkt, 
daß  die  Regierung  des  Attalos  I.  doppelt  so  lange  währt,  wie  die  seines 
Vorgängers.  Die  nur  um  6  Jahre  kürzere  Periode  des  Eimienes  IL  bringt 
einen  Rückgang  von  63  auf  44  Stempel.  Das  müßte  angesichts  des  Um- 
standes  überraschen,  daß  sich  erst  unter  ihm  die  Verhältnisse  des  Reiches 
konsolidieren  und  der  hierdurch  gesicherte  Handel  und  Wandel  ein  wesent- 
lich gesteigertes  Geldbedürfnis  voraussetzt.  Es  erscheint  dagegen  ganz 
natürlich,  wenn  man  weiß,  daß  die  Cistophorenprägung  augenscheinlich 
gerade  unter  Eumenes  IL  beginnt  und  weiteste  Verbreitung  findet,  worauf 
wir  sogleich  (S.  16  ff.)  zurückkommen.  Cistophoren  kursieren  auch  unter 
den  letzten  beiden  Attaliden,  deren  Königssilber  in  Übereinstimmung  mit 
dem  Rückgang  des  Reiches  nicht  nur,  wie  wir  sahen,  stilistisch  rapide 
sinkt,  sondern  auch  auf  nur  18  Stempel  in  27  Jahren  fallt. 

Einer  p]rwähnung  bedürfen  hier  einige  subärate  Stücke,  welche  in  bar- 
barischer Ausfährung  die  pergamenischen  Typen  imitieren.  Schon  Imhoof 
(a.  a.  0.  S.  36,  Taf.  III,  23)  hat  ein  solches  aus  dem  Berliner  Kabinett  ver- 
öffentlicht, das  freilich  auf  der  Vorderseite  den  Alexanderkopf  mit  Widder- 
horn  der  Lysimachostetradrachmen  kopiert,  auf  der  Rückseite  aber  den 
älteren  Athenatypus  des  Attalidengeldes  verwendet.  Diesem  Stücke  schließen 
sich  drei  weitere  an:  a)  Samml.  Gaudin-Smyrna  12,64  g,  b)  Samml.  Wace- 
Stony  Stratford  14,56  g,  c)  Rollin  und  Feuardent  in  Paris  (1905)  16,26  g. 
Bei  ihnen  erscheint  auf  der  Vorderseite  der  Kopf  des  Philetairos,  auf  der 
Rückseite  der  spätere  Typus,  die  Kranzspenderin,  und  zwar  gehören  b  und  c 
in  die  frühe  Zeit  des  Eumenes  IL,  a  in  seine  letzte  oder  in  die  seines  Nach- 
folgers, wie  der  Typus  und  die  Form  des  Schrötlings  beweisen.  Diese 
nachahmenden  Gepräge  oder,  wenn  man  will,  antike  Fälsclmngen  sind  die 
gewöhnliche  Begleiterscheinung  einer  kreditfähigen  Münze,  zu  deren  ge- 
nauerer Kenntnis  sie  in  diesem  Fall  nichts  beitragen. 

Die  langen  zur  Verfiigung  stehenden  Reihen  ermöglichen  auch  die 
Feststellung  des  Durchschnittsgewichts,  dessen  Höhe  unter  Übergehung 
weniger,  stark  abgenutzter  oder  sehr  übergewichtiger  Stücke,  wie  folgt,  ge- 
wonnen wurde : 


Die  Münzen  von  Pergamon.  15 

Philetairos           24  Stücke  ergeben  im  Mittel  16,897  g 

Eumenes  I.          24       »              »  »        »  16,876  » 

Attalos  1.           108       »              »  ,.        »  16,877  " 

Eumenes  II.        92       »              <>  »        »  16,845  " 

Attalos  IL,  ni.    22       »              »  »        »  16,670  » 

Hier  beobachtet  man  eine  im  ganzen  nur  unbedeutende  Verminderung 
des  Gewichts,  das  unter  Philetairos  mit  1 6,90  g  einsetzt,  sich  unter  Eumenes  I. 
und  Attalos  I.  auf  fast  derselben  Höhe  (16,88  g)  hält,  unter  Eumenes  11. 
eine  kaum  bemerkbare  Abnahme  (16,85  g)  zeigt  und  unter  den  beiden 
letzten  Königen  auf  16,67  g  fallt,  eine  Ziffer,  die  unter  Hinzurechnung 
zweier  etwas  abgenutzter  Stücke  noch  auf  16,57  g  sinkt. 


C.  Die  Cistophoren. 

E^s  unterliegt  keinem  Zweifel  mehr,  daß  diese  Münzsorte  einen  Aus- 
gleich mit  den  kleinasiatischen  Währungen  bezweckte,  indem  sie  sich  dem 
rhodischen  System  anschloß.  Ihren  Ursprung  in  Ephcsos  (um  200  v.  Chr.), 
aus  dessen  Geldverhältnissen  sich  diese  Neuerung  entwickelte,  hat  Imhoof 
(a.a.O.  S.  33)  nachgewiesen.  Daß  Pergamon  sich  alsbald  das  bequeme 
Verkehrsmittel  zunutze  machte  und  seinerseits  Cistophoren  ausgab,  war  die 
natürliche  Folge.  Man  hat  mit  Recht  hervorgeho1)en,  daß  die  Cistophoren 
prägenden  Städte  sämtlich  innerhalb  der  Einflußsphäre  des  Attalidenreiches 
liegen  (vgl.  Babelon,  Tratte  des  monn.  gr.  et  rom.,  Bd.  I,  i,  S.  512),  dessen 
Initiative  augenscheinlich  die  Ausbreitung  und  P.inbürgerung  der  neuen 
Geldsorte  zuzuschreiben  ist.  Dies  gelang  in  dem  Grade,  daß  Rom  nichts 
besseres  tun  konnte,  als  der  Provinz  Asia  das  bewährte  Zahlungsmittel  zu 
erhalten,  welches  außerdem  zur  Verrechnung  mit  den  römischen  Denaren, 
von  denen  drei  auf  den  Cistophor  gingen  (vgl.  z.  B.  G.  F.  Hill,  Haiidhook 
of  gr.  and  rom.  Coins,  S.  39),  günstige  Gelegenheit  bot.  Wann  etwa  seine 
Ausgabe  in  Pergamon  begann  und  wie  die  verschiedenen,  in  sich  ge- 
schlossenen Reihen  zeitlich  zu  verteilen  sind,  kann  nur  durch  eine  um- 
fassende Untersuchung  der  Cistophoren  aller  Emissionsstätten  präzisiert 
werden.  Gewisse  Gesichtspunkte  aber  lassen  sich  auch  abgesondert  für 
die  pergamenischen  Stücke  aufstellen.     Eine  ohne  weiteres  datierte  Gruppe 


16  H.  VON   Fritze: 

ist  die  letzte  mit  den  Namen  der  proronsules^ .    Von  diesen  werden  auf  den 
Münzen  genannt:  u" ..  s;'' 

T.  Ampius  T.  F.  Baibus  58/57  v.  Chr.  (vgl.  Taf.  III,  1 1) 

C.  Fabius  M.  F.  [Hadrianus]  57/56  »      »  ' 

C.  Septumius  T.  F.  56/55   »      »      (   »        »     IH,  10) 

C.  Claudius  Ap.  F.  Pulcher  55/53   "      "  und  endlich 

Q.  Caecilius  Metellus  Pius  Scipio  49/48   »      »      (als  Imperator). 

Die  große  Masse  der  Prägungen  bildet  drei  Serien,  die  sich  folgender- 
maßen unterscheiden: 

1 .  Auf  der  Rückseite  findet  sich  außer  dem  Stadtmonogramm  TTE  (im 
Feld  links)  ein  wechselndes  Beizeichen  (im  Feld  rechts,  Taf.  III,  5.6).  Ver- 
einzelt treten  Monogramme  zwischen  den  Schlangenköpfen  auf  (Taf.  III,  8). 

2.  An  Stelle  des  wechselnden  Beizeichens  auf  der  Rückseite  erscheint 
im  Feld  rechts  konstant  der  Schlangenstab',  während  das  Stadtmonogramm 
seinen  Platz  im  Feld  links  behauptet.  Zwischen  den  Schlangenköpfen  über 
dem  Gorytos  sind  zwei  (seltener  drei)  Buchstaben  oder  auch  Monogramme 
(Taf.  III,  7)  angebracht. 

3.  Die  Ausstattung  entspricht  Nr.  2,  nur  daß  unter  den  Buchstaben 
bzw.  Monogrammen  das  die  Prytanie  bezeichnende  Ttl  (Taf  III,  9),  vereinzelt 
auch  mit  dem  Zusätze  A,  beigefügt  ist. 

Imhoof  (a.a.O.)  kommt  nun  zu  dem  Sciüuß,  daß  die  Cistophoren- 
prägung  in  Pergamon  vermutlich  schon  unter  Attalos  I.  begonnen  habe,  und 
zwar  auf  (xrund  nachstehender  Beobachtungen :  einige  seltene,  in  Thyateira 
(Imhoof  Taf.  IV,  i),  ApoUonis  (ebenda Taf.  IV,  2.  3)  und  Stratonikeia  (ebenda 


'  Die,  Datierung  ihrer  Amtsjahre  nach  B.  V.  Head,  Brü.  Gat.  Lydia,  Introd.  S.  29;  vgl. 
F.  Münzer  bei  Pauly- Wissowa,  Bd.  111,  i,  Sp.  1226,  Bd.  III,  2,  Sp.  2856,  Bd.  VI,  2,  Sp. 
1745,  wo  er  den  C.  Fabius  57/56  ansetzt  und  als  Nachfolger  des  T.  Ampins  im  Amte  bezeichnet. 
Im  Jahre  50/49  v.  Chr.,  als  infolge  des  Bürgerkrieges  kein  Proconsid  in  der  Provinz  fungierte, 
wurden  vom  Quaestor  L.  Antonius  in  Ej)hesos  und  Pergamon  Cistophoren  geprägt  mit  einem 
Monogramm  zwischen  den  Scidangenköpfen,  einem  Q  (für  Quaestor)  im  Feld  links  und  dem 
Stadtsj'mbol  (Fackel  oder  Schlangenstab)  im  Feld  rechts  (vgl.  Taf  III,  12;  Wroth,  Numism. 
Chron.  1893,  S.  10,  17). 

^  Daß  wir  es  hier  trotz  des  dickeren  Knopfes  nicht  mit  einem  Thyrsos,  den  man  zweifelnd 
genannt  hat,  sondern  mit  dem  Stab  des  Asklepios  zu  tun  haben,  lehrt  schon  das  Vorkommen 
des  letzteren  mit  wenn  auch  llacherem  Knauf  auf  dem  autonomen  Stadtgelde  (Taf  I,  12.  18; 
Brit.  Gat.,  Taf  XXVII,  3).  Auch  hat  der  auf  den  Cistophoren  als  Beizeichen  erscheinende 
Thyrsos  eine  ganz  andere  Form  (vgl.  Imhoof,  a.a.O.  Taf.  IV,  11  mit  IV,  12). 


Die  Münzen  von  Pergamon.  17 

Taf.  IV,  4)  ausgegebene  Exemplare'  tragen  neben  einer  auf  König  Eumenes  11. 
weisenden  Aufschrift  ba  ey  die  Daten  B  oder  A.  Diese  bezieht  er  (S.  32) 
auf  eine  mit  189  v.  Chr.  beginnende  Ära  »des  vergrößerten  pergamenisclien 
Reiches«,  so  daß  die  in  Rede  stehenden  Stücke  den  Jahren  188  und  186 
v.Chr.  angehören  würden  (vgl.  zuletzt  Hill,  Historie.,  yr.  coins,  S.  138  f.). 
Er  folgert  weiter,  daß  sie  dem  Stil  nach  später  sein  müßten,  als  die  älteste 
Gruppe  pergamenisclier  und  ephesischer  Cistophoren,  wie  sie  seine  Tafel  IV, 
5.  6.  9.  10  aufweist  (vgl.  hier  Taf.  III,  5.  6).  Dieser  Ansicht  wird  man  nicht 
gern  beistimmen,  da  der  rohe  Charakter  von  Geprägen,  wie  bei  Imhoof 
Taf.  IV,  4  (Stratonikeia)  und  besonders  ebendort  Taf.  IV,  3  (ApoUonis),  hier 
aus  dem  Grunde  nicht  ein  Kennzeichen  späterer  Entstehung  sein  kann,  weil 
die  aus  denselben  Jahren  stammenden  Münzen  a.  a.O.  Taf.  IV,  2  (Apollonis) 
und  vor  allem  Taf  IV,  i  (Thyateira)  unvergleichlich  besser  gearbeitet  sind 
und  den  obenerwähnten  ältesten  Cistophoren  von  Pergamon  recht  nahe- 
stehen, was  auch  betreffs  der  Größe  und  Flachheit  des  Schrötlings  wenig- 
stens bei  Taf.  IV,  i  und  3  zutrifft.  Für  den  Beginn  der  Emission  schon  in 
der  Zeit  des  Attalos  I.  kann  nun  aber  auch  der  Umstand  nicht  sprechen, 
daß  auf  einzelnen  Exemplaren  noch  Efeublatt  und  Weintraube  als  Bei- 
zeichen vorkommen,  die,  wie  Imhoof  hervorhebt,  auf  dem  königlichen 
Silber  des  Eumenes  II.  nicht  mehr  anzutreffen  seien.  Abgesehen  nämlich 
von  ihrer  abweichenden  Form  und  Stellung  im  Felde  zeigen  z.  B.  andere 
Stücke  auch  das  Athenabrustbild  mit  korinthischem  Helm  als  Beizeichen 
(hier  Taf.  III,  6),  das  in  gleicher  Ausstattung,  doch  in  anderem  Stil,  auf  den 
Königsmünzen  erscheint  (hier  Taf.  II,  i ),  aber  nur  auf  solchen  aus  der  Re- 
gierungszeit des  Philetairos,  in  die  doch  keinesfalls  auf  Grund  dieses  Sym- 
bols der  Anfang  der  Cistophorenprägung  hinaufgerückt  werden  könnte. 
Anderseits  kennen  wir  das  Efeublatt  ja  auch  schon  auf  pergamenischem 
Stadtgelde  des  IV.  und  III.  Jahrhunderts  v.  Chr.  (vgl.  Taf.  1, 14).  Die  gröbere, 
unsichere  Ausfährung  der  obengenannten  Prägungen  ist  also  doch  wohl 
nur  der  ungeübten  Hand  des  Verfertigers  zur  Last  zu  legen.  Für  die  Da- 
tierung des  Beginns  der  i)ergamenischen  ('istophorenausgabe  überhaupt  um 
190  V.  Chr.   spricht  auch   die  breite,    flache   Form    des  Schrötlings    in   den 

'  Daß  diese  Cistophoren  nicht  alle  aus  Thyateira  stammen,  wie  Imhoof  zuerst  (a.  a.  O. 
S.  3if.)  annahm,  indem  er  ÄnoA  .  . . .  und  Ctpa  .  .  . .  als  Magistratsnamen  ansah,  sondern 
auch  aus  den  obengenannten  Städten,  hat  er  später  selbst  erkannt  (Lyd.  Stadtmiinzen,  S.  25  f. 
28  f.  147;  vgl.  Ilead,   Brit.  Cal.  Lydia,  Introd.  S.  34.  116.  121). 

Phil.-hist.  Klasse.  WIO.  Anhang.  Ahh.  I.  3 


18  H.  vonFritze: 

ältesten  Gi"uppen  von  Ephesos  und  Pergamon  (Taf.  III,  5.  6).  Denn  dieselbe 
Eigentümlichkeit  zeigen  gerade  erst  in  dieser  Zeit  geschaffene  Silberprä- 
gungen einer  Reihe  von  Gemeinwesen  vorzugsweise  des  westlichen  Klein- 
asiens', wie  auch  innerhalb  der  Attalidentetradrachinen  gerade  aus  der  Epoche 
des  Eumenes  II.  herrührende  Stücke  (vgl.  oben  S.  11). 

Leichter  läßt  sich  der  Anfang  der  zweiten  Cistophorenserie  fixieren. 
Diese  trägt  in  Ephesos  Daten,  die  sich,  wie  man  längst  erkannt  hat,  auf 
das  Jahr  der  Errichtung  der  Provinz  Asia  beziehen.  Während  bei  der 
ältesten  ephesischen  Gruppe  im  Felde  rechts  wechselnde  Symbole  zu  be- 
merken sind,  tritt  seit  133  v.  Chr.  als  ständiges  Beizeichen  an  dieser  Stelle 
die  Fackel  auf.  Da  der  Übergang  zu  einem  konstanten  Beizeichen,  dem 
Schlangenstab,  ebenso  bei  den  pergamenischen  Cistophoren,  die  keine  Daten 
tragen,  stattfindet  (Taf.  III,  7),  ist  der  Schluß  zwingend,  daß  auch  hier  die 
zweite  Gruppe  mit  demselben  Jahre  einsetzt.  Fast  gleichzeitig  beginnt 
bei  diesen  noch  eine  andere  Neuerung,  die  Einführung  der  Buchstaben 
oder  Monogramme  zwischen  den  Schlangenköpfen.  Solche  erscheinen  schon 
auf  vereinzelten  Stücken  mit  wechselnden  Beizeichen  (vgl.  Taf.  III,  8),  die 
also  den  Übergang  von  der  ersten  zur  zweiten  Serie  darstellen.  Ferner  ist 
auch  eine  Verkleinerung  des  gleichzeitig  dicker  werdenden  Schrötlings  zu 
beobachten,  die  im  Laufe  der  letzten  Dezennien  des  II.  Jahrhunderts  v.  Chr. 
allgemein  wird. 

Die  dritte  pergamenische  Gruppe,  der  zweiten  in  den  Beigaben  ähn- 
lich, zeigt,  wie  bemerkt,  außerdem  die  Angabe  der  Prytanie  (Taf.  III,  9). 
Wann  diese  Änderung  vorgenommen  wurde,  ist  bisher  nicht  untersucht 
worden,  und  nur  eine  Aufarbeitung  des  gesamten  Cistophorenmaterials  aller 
hierhin  gehörigen  Münzstätten  vermöchte  vielleicht  sicherere  Anhaltspunkte 
zu  gewinnen.  Auf  Grund  einer  stilistischen  Vergleichung  mit  den  datierten 
Emissionen  von  Ephesos  möchte  man  för  die  Entstehung  der  Gruppe  mit 
"Ttt  etwa  die  neunziger  Jahre  des  I.  Jahrhunderts  v.  Chr.  in  Anspruch  nehmen 
(vgl.  Taf.  m,  9  mit  Num.  Chron.  1880,  Taf.  IX,  1).  Wir  kennen  kein  Er- 
eignis in  der  Geschichte  von  Pergamon,  mit  dem  der  Beginn  der  dritten 
Serie   in  Beziehung   zu  setzen  wäre,    wenn    man  nicht  vielleicht  das  Auf- 


'  Z.  B.  von  Abydos  (vgl.  Brit.  Cai.  Troas  usw.,  Taf.  11,  10—13);  von  Ilion  (vgl.  bei  Dörp- 
feld,  Troja  und  Ilion,  Bd.  II,  Beil.  61,  Nr.  16.  17—19);  von  Kyme  (vgl.  Bril.  Cat.  Troas  usw., 
Taf.  XXI,  4-9);  von  Myrina  (vgl.  Brii.  Cat.  Troas  usw.,  Taf.  XXVII,  1-6);  von  Magnesia  (vgl. 
Brit.  Cat.  lonia,  Taf.  XVIII,  9— n)  usw. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  19 

hören  der  mithradatischen  Herrschaft  als  fiir  innere  Reformen  geeignet  an- 
sehen will.  Eine  genauere  chronologische  Abfolge  innerhalb  der  einzelnen 
Gruppen  aufzustellen,  wird  kaum  möglich  sein  und  verspricht  auch  keine 
nennenswerte  Förderung  in  numismatischer  Hinsicht.  Daß  auch  Halb-  und 
Viertelstücke  (vgl.  Taf  III,  3)  geprägt  sind,  bedarf  nur  einer  kurzen  Er- 
wähnung. 

Das  Gewicht  des  pergamenischen  Cistophors  verringert  sich  im  Laufe 
der  Zeit  zwar  nicht  bedeutend,  doch  stärker  als  das  königliche  Silber.  Das 
Mittel  der  ersten  Serie  betrug  (von  77  Exemplaren)  12,43  g»  ^^^  zweiten 
(88  Stück)  I  2,36  g,  der  dritten  (233  Stück)  12,17  g  "»<!  der  vierten  (50  Stück) 
11,90  g. 

Noch  weiter  vermindert  sich  das  Gewicht  bei  den  als  Fortsetzung 
der  Cistophorenprägung  geltenden  kaiserlichen  Silbermedaillons,  die  zuerst 
M.  Pinder  (Abh.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1B55,  S.  572  ff.)  zusammenfassend 
behandelt  hat.  Er  konstatiert  (S.  576)  für  ihre  ersten  Emissionen  ein  Mittel 
von  11,70  g,  das  später  bis  auf  10,20  g  herabgehe.  Unter  die  wenigen 
Münzstätten,  die  mit  Sicherheit  für  einzelne  der  hierher  gehörigen  Stücke 
zu  bestimmen  sind,  ist  auch  Pergamon  zu  rechnen,  wenn  auch  nur  fiir 
einen  Typus.  Dieser  zeigt  den  Roma-Augustustempel,  olme  die  Kult- 
bilder auf  den  Geprägen  des  Augustus  (vgl.  Pinder,  a.  a.  0.  Taf.  IV,  4) 
mit  den  Statuen  auf  denen  des  Claudius  (hier  Taf.  IX,  i),  Domitianus, 
Nerva  und  Traianus  (Pinder,  Taf.  IV,  5 — 8;  vgl.  darüber  unten  S.  83). 
Wenn  Pinder  (S.  628f.)  auch  fiir  Medaillons  mit  einem  Adler,  einer 
stehenden  Athena  und  dem  Asklepios  in  seiner  bekannten  Gestalt  unter 
Berufung  auf  ähnliche  Münztypen  von  PcTgamon  diese  Stadt  gleichfalls 
als  Prägeort  in  Anspruch  nimmt,  so  sind  solche  Bestimmungen  zwar  in 
das  Bereich  der  Möglichkeit  zu  ziehen,  aber  mangels  jeder  sonstigen  Be- 
gründung zunächst  ganz  aus  dem  Spiel  zu  lassen. 


D.   Das  Geld  mit  Alexander-  und  Lysimaehostypen.   Mithradatisehe  Emissionen. 

Imhoof  stellt,  nachdem  er  (a.a.O.  S.  15,1;  vgl.  S.  26)  mit  Recht 
die  Möglichkeit,  aber  völlige  Unsicherheit  der  Zuteilung  von  Prägungen 
mit  Lysimaehostypen  an  Pergamon  hervorgeho))en  hat,  (S.  1 5  ff.  II,  III,  IV) 
eine  Reihe  von  Münzen  mit  Alexandertypen  nach  L.  MüUer's  Tabellen, 
der  selbst   in  seiner  Numi.<<in.  d'Alex.  le  Gr.  (Kopenhagen  1855)   der  Stadt 


20  H.   VON   Fritze: 

keine  Gepräge  gibt,  zusammen  und  meint,  daß  sie  nach  ihren  Beizeichen 
und  Monogrammen,  weil  in  Übereinstimmung  mit  solclien  des  Attaliden- 
silbers,  Pergamon  zugehörten.  Da  man  zu  der  Voraussetzung  gezwungen 
ist,  daß  die  Bezeichnung  der  Ausgabeorte  auf  den  städtischen  Alexander- 
münzen nicht  einheitlich,  sondern  in  verschiedener  Weise  zu  geschehen 
pflegte,  d.  h.  daß  man  dazu  bald  ein  Symbol,  bald  ein  Monogramm  oder 
auch  beides  zugleich  verwandte,  so  ist  ohne  die  systematische  Bearbeitung 
des  ganzen  Materials  bei  deren  Erklärung  nur  selten  ein  befriedigendes  Er- 
gebnis zu  gewinnen.  P^ine  Bestimmung  der  Münzstätte  aber  auf  Grrund  von 
Beizeichen  und  Monogrammen,  welche  nicht  die  Stadt,  sondern  Magistrate 
bedeuten  —  imd  so  wäre  es  hier  bei  Pergamon  — ,  ist  noch  wesentlich 
schwankender.  Will  man  solche  nur  auf  diese  Weise,  ohne  weitere  Hilfs- 
mittel erreichen,  so  sollte  wenigstens  eine  der  beiden  folgenden  Bedin- 
gungen erfüllt  sein:  entweder  muß  das  Monogramm  so  außergewöhnlich, 
das  Beizeichen  so  charakteristisch  sein,  daß  deren  Wiederkehr  auf  dem 
sicheren  Stadtgelde  die  Zuteilung  des  Alexanderstücks  allein  aus  solchen 
Gründen  gestattet,  oder  wenn  es  sich  um  Monogramm  und  Beizeichen  bzw. 
um  zwei  Beizeichen  oder  zwei  Monogramme  handelt,  so  müssen  beide  zu- 
sammen sowohl  auf  dem  Stadtgeld  als  auch  auf  der  Alexandermünze  vor- 
kommen, um  die  Bestimmung  der  letzteren  anzubahnen. 

Von  diesen  Forderungen  erfüllt  sich  zunächst  bei  den  unter  II.  (S.  1 5 ; 
vgl.  S.  26)  genannten  Prägungen  mit  Alexandertypen  und  der  Aufschrift 
des  Seleukos  keine  so  unzweideutig,  daß  man  deren  Zuweisung  an  Per- 
gamon mehr  als  eine  Möglichkeit  einräumen  möchte.  Der  Athenakopf  als 
Symbol  ist  hier  kaum,  wenigstens  nicht  für  die  Zeit  des  Philetairos,  als  Be- 
sonderheit in  Anspruch  zu  nehmen  —  denn  wir  finden  ihn  z.B.  auch  auf  den 
pergamenischen  Cistophoren  des  II.  Jahrhunderts  v.  Chr.  (Taf.  III,  6)  — , 
vor  allem  dann  nicht,  wenn  er,  wie  bei  Imhoof,  a.a.O.  Taf.  III,  19.  20,  so- 
wohl in  der  Richtung  (nach  rechts  statt  nach  links),  als  auch  im  Stil  von 
dem  ebenda  auf  Taf.  I,  i  wiedergegebenen  abweicht.  Stilistisch  überein- 
stimmend sowie  gleichfalls  nach  links  ist  er  dagegen  a.  a.  0.  auf  Taf.  III,  2  i . 
Hier  besteht  jedoch  das  zweite  Symbol  aus  zwei  einander  gegenüber  be- 
findlichen Mondsicheln,  und  zwar  ist  es  unter  dem  Sitzbrett  des  Stuhles 
angebracht,  während  das  Philetairosstück  (a.  a.  0.  Taf  I,  i)  nur  eine  Mond- 
sichel und  diese  im  Abschnitt  aufweist.  Auf  Taf.  III,  20  ist  nun  freilich 
auch  nur  eine  Mondsichel,  aber  mit  der  Höhlung  nicht  wie  auf  Taf.  I,  i 


Die  Münzen  von  Pergamon.  21 

nach  rechts,  sondern  nach  links.  Femer  zeigt  das  auf  Taf.  III,  19  abge- 
bildete, sicher  zu  III,  20  gehörige  Stück  statt  des  Mondes  sogar  einen 
Stern,  der  als  Symbol  dem  pergamenischen  Königssilber  vor  Eumenes  II. 
fremd  ist. 

Aber  auch  die  von  Imhoof  (a.  a.  0.  S.  16,  III.;  vgl.  S.  27)  erwähnten 
Exemplare  entsprechen  keiner  der  oben  formulierten  Bedingungen,  und  9  der 
unter  IV.  aufgezählten  1 5  Typen  fallen  aus  demselben  Grunde  von  vorn- 
herein fort.  Beide  Beizeichen,  bzw.  das  Beizeichen  und  das  Monogramm 
der  Stücke  bei  Müller  Nr.  927a.  1023.  1250  kommen  allerdings  auf  dem 
königlichen  Silber  vor,  aber  jedes  in  anderer  Kombination.  Die  Symbole 
von  Nr.  250  (Efeublatt),  927  (Stern),  1058  (Keule),  1251  (Thyrsos),  1257 
(Stabkreuz)  wiederliolen  sich  zwar  auf  dem  Attalidengeld,  dagegen  finden 
sich  hier  die  sie  dort  begleitenden  Zeichen  (Nr.  250  tzs^,  nicht  t=f;  927 
Efeukranz;  lOsStaf;  1251  I7P;  1257  IXI ,  nicht  M)  überhaupt  nicht;  ebenso 
fehlt  hier  das  bei  Nr.  1020  vorhandene  Zeichen  o,  während  Symbol  und 
Monogramm  beiderseits  in  gleicher  Weise  zusammen  erscheinen.  Aus 
der  Zahl  der  sechs  noch  übrigen  wird  Nr.  1059  (Müller)  ausscheiden,  da 
zunächst  die  Stellung  von  Monogramm  und  Keule  auf  beiden  Geldsorten 
verschieden  ist.  Während  auf  dem  Attalidentetradrachmon  beide  im  Feld 
links  erscheinen,  kommt  auf  dem  Alexandersilber  die  Keule  auch  im  Ab- 
schnitt vor  und  ist  außerdem  völlig  abweichend  in  Größe  und  Stil,  was 
wohl  Müller  (a.  a.  0.  S.  250)  veranlaßte,  sie  nicht  als  Beamten-,  sondern 
als  Stadtwappen  anzusehen. 

Wie  sich  aus  dieser  Beobachtung  ergibt,  ist  das  Vorliegen  der  ein- 
zelnen Stücke  im  Original  oder  in  photographischer  Reproduktion  uner- 
läßlich, um  Stil,  Form  und  Anbringung  im  Feld  nachprüfen  zu  können. 
Das  ist  im  Augenblick  bei  Nr.  925.  926.  1022  (Müller)  nicht  der  Fall. 
Betreffs  der  beiden  noch  übrigen  Exemplare  (Bunbury,  Numisin.  Chron. 
1883,  Taf.  II,  6  und  Müller,  Nr.  1019,  bei  Imhoof,  a.a.O.  Taf.  III,  22) 
würde  man  an  und  für  sich  keinen  Anlaß  haben,  ihre  Zuteilung  an  Per- 
gamon abzulehnen,  da  bei  ähnlichem  Stil  Beizeichen  und  Monogramme 
zusammen  auf  beiden  Münzarten  auftreten.  Aber  es  muß  doch  hervor- 
gehoben werden,  daß  die  Symbole  und  Buchstabenverbindungen  der  fünf 
letztgenannten  Stücke  so  überaus  gewöhnlich  sind,  daß  man  ihr  gleich- 
zeitiges Auftreten  auf  den  entsprechenden  P^xemplaren  kaum  als  ausreichend 
zur  sicheren  Bestimmung  Pergamons  als  ihres  Entstehungsortes  bezeichnen 


22  H.   vonFeitze: 

kann.  Diese  Annahme  wird  auch  nicht  wahrscheinlicher,  wenn  man  sich 
vergegenwärtigt,  daß  in  derselben  Epoche,  in  die  man  das  in  Rede  stehende 
Geld  mit  dem  Namen  Alexander's  zu  setzen  hätte,  in  die  Zeit  des  Eumenes  IL, 
gerade  die  reiche  Ausprägung  des  königlichen  Silbers  fallt,  ein  Bedürfnis 
zur  Ausgabe  weiterer  Tetradrachmen  desselben  attischen  Systems  also  kaum 
bestanden  haben  kann.  Gerade  in  der  Periode  war  der  Kredit  der  Atta- 
lidenmünzen  in  Kleinasien  auf  seinem  Höhepunkt,  und  für  besondere  Handels- 
zwecke gab  es  außerdem  noch  die  Cistophoren,  so  daß  also  mit  diesen  um- 
fassenden Geldemissionen  in  attischer  und  rhodischer  Währung  offenbar 
allen  Anforderungen  auch  in  einem  solchen  Kulturzentrum,  wie  es  Per- 
gamon  damals  war,  genügt  werden  konnte. 


Ein  kurzes  Wiederaufleben  des  alten  Königtums  brachten  die  Jahre 
88 — 85  V.  Chr.,  als  Mithradates  Eupator  Herr  Kleinasiens  geworden  war 
und  seine  Residenz  in  Pergamon  aufgeschlagen  hatte.  Hier  ließ  er  wäh- 
rend dieser  Zeit  Goldstatere  mit  seinem  Kopf  und  Wappen  prägen.  Auf 
der  Rückseite  sind  außer  dem  von  den  Cistophoren  und  dem  autonomen 
Stadtgeld  her  bekannten  Monogramm  TTE,  als  Andeutung  der  Münzstätte, 
die  Buchstaben  A,  B,  r,  A  angebracht,  die  von  Th.  Reinach  (Trois  Iloyaumes, 
S.  1 95)  richtig  als  Zahlen  einer  pergamenischen  Ära  erklärt  sind  (vgl.  Bab  elon 
und  Reinach,  a.  a.  0.  Bd. I,  i,  S.  8.  13,  Taf.  II,  2.  3;  Hill,  Histor.  gr.  coins, 
S.  162).  Mit  dem  Ende  der  mithradatischen  Periode,  85  v.  Chr.,  verschwand 
diese  Zeitrechnimg,  die  sich  allem  Anschein  nach  auch  auf  Tetradrachmen 
des  Mithradates  Eupator,  aber  ohne  das  Stadtmonogramm,  nachweisen  läßt 
(vgl.  Babelon  und  Reinach,  a.  a.  0.  S.  16,  Nr.  16). 


E.  Die  königliche  Scheidemünze. 

Von  entscheidender  Bedeutung  fiir  die  Datierung  des  attalischen  Kupfer- 
geldes ist  neben  der  Stilbeobachtung  im  allgemeinen  ein  äußeres  Merkmal, 
die  Haarbehandlung,  wie  sie  sich  bei  den  zahlreichen  Athenaköpfen  be- 
obachten läßt.  Den  Ausgangspunkt  bilden  hierfür  die  Rückseiten  der  Tetra- 
drachmen. Diese  zeigen  die  Göttin  während  der  Regierung  der  ersten  vier 
Könige  mit  langem,  gewelltem,  lose  über  die  Schulter  herabfallendem  Haar 
(Taf.  II,  2.  3.  6.  7.  9).     Nur  bei  der  letzten,  Attalos  U.  (und  III.)  zugeschrie- 


Die  Münzen  von  Peryamon.  23 

benen  Gruppe  mit  dem  tlachon,  großen  Sclirötling  findet  sich  statt  dessen 
eine  gerade,  steif  gedrehte  Locke,  während  das  übrige  Haar  entweder  lose 
herabhängt  oder  in  eine  zweite  steife  Locke  zusammengefaßt  ist  (Taf.  \\,  1 5 
und  besonders  111,4;  s.  obenS.  6;  CorollnNu7nism.,  S.  57.59).  Dieses  Kenn- 
zeichen im  Verein  mit  anderen  stilistischen  Beobachtungen  sichert  die  An- 
setzung  der  Hauptmasse  der  königlichen  Scheidemünze  in  die  Mitte  des 
II.  Jahrhunderts  V.  Chr.     Hierher  gehören  folgende  Typen: 

1.  Vonlerseite:  Athenakopf  nach  rechts  mit  verschiedenen  Rück- 
seiten, und  zwar:  a)  sitzender  Asklepios  nach  links  [Brit.  Cat.,  Taf.  XXV,  9; 
Nomismall,  Taf. III,  2),  b)  Thyrsos  (Brit.  Cat.,  Taf  XXV,  8),  c)  Schlange 
nach  rechts  (Taf.  I,  38),  d)  Bogen  (Brit.  Cat.,  S.  119,  59),  e)  Efeublatt 
(Taf  1,39),    f)  Stern  (Taf  I,  36),    g)  Gorytos  mit  Bogen  (Taf  L  37)- 

2.  Vorderseite:  Apollonkopf  nach  rechts.  Rückseiten:  a)  Tliyrsos 
(Taf  I,  40),    b)  Biene  (Taf  I,  35). 

3.  Vorderseite:  Asklepioskopf  nacli  reclits  mit  folgenden  Rückseiten : 

a)  Schlange   nach   rechts    und    daneben   Tempelschlüssel    (Taf.  I,  42), 

b)  Schlange  nach  rechts  und  daneben  Weintraube  (Taf.  I,  41). 

Diesen  Münzen  steht  eine  Serie  älterer  gegenüber,  die  bis  auf  eine 
(Nr.  2)  nur  solche  Darstellungen  aufweisen,  welche  sicli  in  den  jüngeren, 
eben  angeführten  wiederholen,  und  zwar: 

1.  Vorderseite:  Athenakopf  nach  rechts  mit  den  Rückseiten:  a)  Askle- 
pios nach  links  sitzend  (Taf.  I,  29;  vgl.  Noin'wnia  11,  Taf  III,  i),  b)  Thyrsos 
(Taf  I,  30),  c)  Schlange  nach  rechts  (Taf  I,  32),    d)  Bogen  (Taf  I,  31). 

2.  Vorderseite:  Apollonkopf  nach  rechts,  Rückseite:  Dreifuß 
(Taf.  I.  34). 

Die  frühere  Entstehung  dieser  Typen  ist  nicht  nur  im  allgemeinen 
durch  den  bei  weitem  besseren  Stil  bewiesen,  sondern  auch  durch  Einzel- 
heiten, wie  die  präzisere  Struktur  des  Helmes,  die  schon  erwähnte  Haar- 
tracht und  das  seltene,  auf  i  c  (Taf.  I,  32)  nacli weisbare  Vorkommen  des 
Beamtennamens  Aio^nPOY,  den  wir  schon  auf  einer  Anzahl  von  autonomen, 
der  Epoche  des  Eumenes  II.  zugeteilten  Stadtmünzen  bemerkten  (vgl.  Carolin 
nnmism.,  S.  54  und  oben  S.  6).  (ranz  vereinzelt  ist  der  sonst  stets  ver- 
wendete anschließende  Helm  der  Athena  in  der  älteren  Gruppe  durch  den 
korinthischen  ersetzt  (auf  zwei  Exemplaren  mit  dem  Bogen,  und  zwar  eines 
kleineren   Nominals;   vgl.   Taf  I,  2,1),    was    nur  die  sowohl    bei  dem    auto- 


24  H.  vonFritze: 

nomen  Stadtgelde  von  Pergamon,  als  auch  andernorts  häufig  bemerkbare 
Gleichzeitigkeit  beider  Helmformen  aufs  neue  bestätigt. 

Was  die  Schaffung  des  königlichen  Kupfergeldes  überhaupt  und  die 
starke  Ausprägung  um  die  Mitte  des  II.  Jahrhunderts  v.  Chr.  insbesondere 
veranlaßte,  ist  nicht  überliefert.  Jedenfalls  wird  die  Ausgabe  meist  kleinerer 
und  kleinster  Stücke  momentanen  Bedürfnissen  des  Lokalverkehrs  abgeholfen 
haben,  dem  die  autonome  städtische  Emission  nicht  genügte.  Daß  diese 
nicht  verdrängt,  sondern  nur  ergänzt  werden  sollte,  beweist  der  Umstand, 
daß  sie  sicher  bis  in  die  letzte  Königszeit  hineinreicht  (vgl.  Corolla  nurnisin., 
S.  5 8  ff.). 

Ein  bisher  einziges  Exemplar  (Taf.  1,43),  das  von  Imhoof  (a.a.O. 
Taf.  III,  16)  abgebildet  und  (S.  3 8  f.)  besprochen  ist,  trägt  auf  der  Vorder- 
seite den  Asklepioskopf,  auf  der  Rückseite  Schlange  und  Terapel- 
schlüssel,  also  die  schon  bekannten  Prägbilder  (vgl.  Taf.  III,  42),  jedoch 
statt  4>iAETAiPOY  die  Legende  AiriNH.  Imhoof  sieht  hierin  eine  Münze, 
welche  in  Pergamon  für  die  2  i  i  v.  Chr.  durch  Kauf  von  den  Aitolern  an 
Attalos  I.  gelangte  königliche  Domäne  Aigina  geprägt  ist  (Polyb.  XXII, 
8,  10  ff.,  ed.  Büttner -Wobst).  Der  mit  dem  typengleichen  Philetairoskupfer 
übereinstimmende  Stil  des  Stückes  weist  es  in  die  letzte  Epoche  nach  ca. 
150  V.  Chr.  Ob  wir  in  der  Anbringung  des  Namens  »Aigina«  aber  nicht 
doch  vielleicht  ein  königliches  Privilegium  zu  sehen  haben,  das  der  Insel 
den  Rest  einer,  wenn  auch  nur  beschränkten  Autonomie  zugestand,  ist  der 
Erwägung  wert'.  Möglich  auch,  daß  das  Recht  auf  eigene  Münze  nur  für 
einen  bestimmten  Fall  verliehen  wurde,  so  daß  man  in  dem  vereinzelten 
Exemplar  eine  Gelegenheitsprägung  zu  sehen  hätte.  Die  Identität  der  Typen 
mit  denen  der  königlichen  Scheidemünze  würde  auch  dann  zur  Genüge  ge- 
zeigt haben,  wessen  Gnade  dieses  sporadische  Geld  seine  Entstehung  ver- 
dankte. 

F.  Das  Portrait  des  Philetairos. 

Das  Portrait,  welches  die  Vorderseiten  der  ältesten  unter  Philetairos 
geprägten  Tetradrachmen  schmückt,  ist  das  des  Seleukos  I.  Nikator,  unter 
dessen    faktischer  Oberhoheit   die    neugegründete    Dynastie    von  Pergamon 

'    Cardinali  (a.  a.  O.  S.  102)  nimmt  freilich  auf  Grund  der  Inschrift  bei  Dittenberger 

(0.  G.  I.  S.,  Nr.  329)  strengste  Abhängigkeit  Aiginas  von  Pergamon  an.  die  aber  die  Möglichkeit 
gewisser  Vorrechte  nicht  auszuschließen  braucht. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  25 

stand  (Taf.  II,  i.  2),  das  andere  dagegen,  auf  der  langen  Reihe  der  späteren 
Emissionen,  stellt  deren  Begründer  Pliiletairos  dar  (Taf.  II,  3  — 13.  15;  Taf.  III, 
I.  2.  4).  Diese  Benennungen  hat  Imhoof  (a.  a.  0.  S.  2oflF.)  unwiderleglich 
bewiesen.  Die  einzige  Ausnahme  bildet  das  schon  S.  1 1  erwähnte  Londoner 
Exemplar  mit  dem  Bilde  des  Eumenes  II.  und  den  Dioskuren  (Taf.  II,  1 4) '. 
Jüngst  hat  nun  A.  J.  B.  Wace  (Journ.  intern.  1903,  S.  1431!".,  Taf.  VII,  8  und 
Journ.  of  hell.  Sind.  1905,  S.  98 ff.,  Taf.  X,  5)  auf  einem  in  seinem  Besitz  be- 
findlichen Stück  (Taf.  II,  lo)'  den  Kopf  des  Attalos  I.'  erkennen  zu  müssen 
geglaubt,  indem  er  sich  auf  dessen  angeblich  dem  Philetairosportrait  nicht 
entsprechende  Gesichtsformen  beruft.  Einen  hierin  konstanten  Typus  aber 
gibt  es  für  dieses  so  wenig  wie  fxir  andere  Bildnisse.  Es  besteht  aus  einer 
Reihe  zwar  indivi<lueller  Züge,  die  jedoch  von  den  einzelnen  Stempelschnei- 
dem  in  zum  Teil  sehr  voneinander  abweichender  Behandlung  bald  mehr, 
bald  weniger  hervorgehoben  werden.  Unter  den  zahlreichen  uns  vorliegen- 
den Werken  verschiedener  Hände  sind  nicht  wenige,  die,  oberflächlich  be- 
trachtet, so  auseinandergehen,  daß  man  in  ihnen  kaum  dasselbe  Original 
zu  finden  meint.  Daß  dies  dennoch  der  Fall  ist,  zeigt  Imhoof  (a.  a.  0. 
S.  24)  auf  Grund  anderer  Beobachtungen.  Wace  hebt  fiinf  Punkte  hervor, 
durch  die  der  Kopf  seiner  Münze  von  den  übrigen  unterschieden  sei,  und 
zwar  1.  das  große  offene,  tief  eingebettete  Auge  mit  dem  aufwärtsgerich- 
teten Blick  unter  stark  modellierter  Braue,  2.  die  harte  Wangenbehandlung, 
3.  den  magereren  Hals,  4.  die  eingezogenen  Lippen,  5.  das  Weniger  vor- 
springende Kinn.  Keines  dieser  Kennzeichen  ist  nun  aber  etwa  nm-  diesem 
Stempel  eigentümlich;  sie  lassen  sich  vielmehr  bei  verschiedenen  Typ^ii 
vereinzelt  und  in  anderen  Kombinationen  ebenfalls  nachweisen.  Man  ver- 
gleiche fiir  die  Augenbildung  z.  B.  Imhoof,  a.  a.  0.  Taf  11,  16.  Einen 
dem  Waceschen  verwandten  Typus  bietet  ein  Tetradrachmon  der  neuen 
Sammlung  Imhoof  (Taf.  II,  9)  dar*.  Auch  dieser  hat  den  etwas  mehr  ge- 
schlossenen Mund  mit  weniger  geschweifter  Oberlippe  und  straffere  Wangen; 

'    Syros  als  Prägeort  der  Münze  ist  nicht  erweisbar,  ebensowenig,  ob  sie  in  Pergamon 
oder  außerhalb  entstanden  ist  (vgl.  Zeitschr.  f.  Numisin.  Bd.  XXIV,  S.  ii8ff.). 
'    Ein  zweites,  stempelgleiches   Kxemplar  befindet  sich  in  Modena. 

*  Die  von  Svoronos  (Journ.  intern.  1900,  S.330,  134  zu  Taf.  IH'  Nr.  19)  ausgesprochene 
Vermutung,  auf  der  Vorderseite  einer  Bleimnrke  mit  dem  Monogramm  der  Pliyle  Attalis  sei  der 
Kopf  de.s  Attalos  dargestellt,  kann  bei  der  rohen  Arbeit  nicht  zur  Sicherheit  gebracht  werden 
und  keinesfalls  für  ikonographische  Zwecke  in   Frage  kommen. 

*  Ein  stemjjelgleiches  Stück  sah  icli    1905   bei  Rollin  und   Fcuaident  in  Paris. 
Phil.-hisl.  Klasse.  191Ü.    Anhang.    Abk.  I.  4 


26  H.   VON    Fritze: 

aber  in  der  Modellierung  des  Halses  findet  sich  schon  die  bei  dem  sogenann- 
ten Attalos  (aber  nicht  hier  allein,  vgl.  z.  B.  Taf.  II,  8)  unterdrückte  Stärke 
des  Nackens  kräftiger  angedeutet.  Die  harte,  d.  h.  magerere,  Wangenbehand- 
lung erkennt  man  auch  bei  mehreren  Geprägen  der  Tafel  II  bei  Imhoof, 
und  ein  noch  weniger  vorspringendes  Kinn  als  der  angebliche  Attalos  I. 
zeigt  z.  B.  dort  Taf.  II,  21.  Es  kann  kein  Zweifel  sein,  daß  wir  es  nicht 
mit  einem  Portrait  des  Attalos  I.,  sondern  nur  mit  einem  der  besten  Phile- 
tairosbildnisse  zu  tun  haben,  wie  der  Gesamteindruck  lehrt'.  Aber  noch 
mehr:  aus  der  obigen  Untersuchung  (S.  7 ff.)  geht  hervor,  daß  die  Nach- 
folger des  Philetairos  die  Symbole  der  von  ihnen  gewonnenen  Würden  und 
Siege  dem  Portrait  ihres  Ahnherrn  auf  den  Münzen  anfligten,  die  Königs- 
binde, deren  er  selbst  nie  teilhaftig  war,  und  den  Siegeslorbeer.  Die  Über- 
tragung dieses  Lorbeers  auf  Philetairos  illustriert  ja  eben  die  Bekränzung 
seines  Namens  auf  der  Rückseite  des  unter  Attalos  I.  eingeführten  neuen 
Typus  mit  der  Athena  Nikephoros  (Taf.  II,  7.9;  s.  oben  S.  10).  Schon  dadurch 
ist  bewiesen,  daß  innerhalb  dieser  Reihe  kein  anderer  Kopf  als  der  des 
Philetairos  erscheinen  kann,  um  so  weniger,  als  das  Unikiun  mit  dem  des 
Eumenes  II.  diesen  abweichend  im  Schmuck  der  einfachen  Königsbinde 
darstellt  (Taf.  II,  14),  was  doch  wohl  auch  bei  einem  Bilde  des  lebenden 
Attalos  I.  geschehen  wäre.  Aus  dem  Vorhergehenden  aber  muß  nun  auch 
die  Bedeutung  der  einfachen  strickartigen  Binde  ohne  und  mit  Enden  auf 
dem  Haupt  tles  Seleukos  I.  (Taf.  II,  i.  2)  und  des  Philetairos  der  Münzen 
des  Eumenes  I.  (Taf.  II,  3.  4)  hervorgehen.  Sie  allein  bezeichnet  die  Ai)o- 
theose,  die  beiden  Herrschern  zuteil  geworden  war. 


6.  Die  Buchstaben,  Monogramme  und  Beizeiehen.   Festmünzen. 

Schwierige  Fragen,  deren  Beantwortung  noch  nicht  überall  mit  Sicher- 
heit gelungen  ist,  betreffen  die  Bedeutung  der  im  Felde  angebrachten  Bei- 
zeichen, Buchstaben  und  Monogramme.  Besonders  verwickelt  erscheinen  sie 
bei  den  Geprägen  von  Pergamon,  wo  sie  gemeinsam  für  das  königliche, 
städtische  und  Cistophorengeld  zu  behandeln  sind.  Unbestritten  ist  die  Auf- 
lösung des  auf  den  Cistoi)horen  (Taf.  III,  5  —  i  i )  und  einigen  Stadtmünzen 


'  Auch  die  von  W.  Wroth  (Classic.  Review  1903,  S.  475)  ins  Auge  gefaßte  Möglichkeit, 
daß  in  das  Antlitz  das  Philetairos  Züge  des  regierenden  Attaliden  hineingetragen  seien,  wird 
bei  der  Mannigfaltigkeit  der  Formen  kaum  in  Betracht  kommen  dürfen. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  27 

(Taf.  I,  2  1.  25)  vorkommenden  Monogramms  TTE  als  Kombination  aus  den 
ersten  Buchstaben  des  Stadtnamens,  ebenso  die  Erklärung  der  Monogramme 
auf  den  Tetradrachmen  des  Eumenes  IL  und  seiner  Nachfolger,  die  auf  der 
Rückseite  unter  dem  rechten  Arm  der  Athena  angebracht  sind,  als  Ma- 
gistratsnamen (vgl.  Taf.  II,  12;  Taf.  111,4).  Solche  sind  ferner  angedeutet 
durch  die  zwischen  den  Schlangenköpfen  auf  den  Cistophoren  der  zweiten 
Gruppe  befindlichen  Buchstaben  oder  Monogramme  (Taf.  III,  7 —  9.  12),  denen 
in  der  dritten  Serie  das  die  Prytanie  bezeichnende  Ttl  (Taf  III,  9)  hinzu- 
gesetzt wird.  Keineswegs  befriedigend  aber  sind  die  bisherigen  Interpreta- 
tionen der  im  Abschnitt  oder  im  Feld  links  bzw.  am  Thronsitz  auf  den 
Rückseiten  des  ersten  Königsgeldes  von  Philetairos  bis  einschließlich  Atta- 
los I.  verwendeten  Monogramme  oder  Buchstaben  ®  (vgl.  Imhoof,  Taf.  1,3.4), 
A  (hier  Taf  II,  2.  3.  6.  7.  9),  A  (Imhoof,  Taf.  I,  10.  11).  Imhoof  lehnt 
(S.  2  7  f.)  mit  Recht  deren  Auffassung  als  Initialen  des  Namens  » Attalos " 
ab  und  schließt  sich  der  Meinung  von  J.  P.  Six  an,  daß  A9  bzw.  A  eine 
Abkürzung  fiir  AeHNAl  nikh<«>opoy  darstelle,  mit  deren  Heiligtum  vermut- 
lich die  Münzstätte  verbunden  gewesen  sei.  Abgesehen  davon,  daß  die 
Grändung  des  Nikephorion  und  die  Benennung  der  Göttin  als  » Siegbringerin « 
nicht  vor  Attalos  I.  stattfand,  also  auf  dem  Gelde  der  ersten  beiden  Re- 
genten nicht  vorhanden  gewesen  sein  kann,  verbietet  das  einmal  an  Stelle 
des  ®  erscheinende  l^  (vgl.  Imhoof,  a.  a.  0.  S.  4,  6)  die  Beziehung  auf  den 
Namen  der  Athena,  und  wir  sind  deshalb  gezwungen,  auch  diese  Zeichen 
als  Beamtensignaturen  anzusehen.  Wenn  wir  das  A  bzw.  A  ca.  80  Jahre 
lang  auf  Attalidentetradrachmen  bemerken,  so  liegt  darin  noch  kein  Grund, 
von  diesem  Gedanken  abzustehen.  Es  ist  bekannt,  daß  gewisse  Ämter  in 
bestimmten  Familien  erblich  waren',  und  man  braucht  höchstens  drei"'  Gene- 
rationen anzunehmen,  deren  gleichnamige  Mitglieder  als  Aufsichts-  oder 
Prägebehörde  fungierten'.  Nicht  ganz  ohne  Einfluß  für  die  Deutung  kann 
es  sein,  daß  auch  die  seit  Eumenes  II.  auftretenden  wechselnden  Mono- 
gramme dieselbe  Stelle  des  Münzfeldes  einnehmen,  wie  das  A  und  A  seit 


'    Vgl.  die  während  des  ganzen  H.  Jahrliundei'ts  n.  Chr.  auf  pergamenischen  Münzen 
signierenden  Magistrate  namens   »luhus  Pollio«  (siehe  unten  8.43). 

'    Diese  würden  sich  eventuell  sogar  auf  zwei  vermindern,  wenn  man  in  dem  A  einen 
ganz  anderen  Namen  sehen  wollte,  als  in   A  und  ® . 

'    Daß  einzelnen  Beamten  die  ^niM^AeiA  für  das  Münzwesen  auf  längere  Zeit  übertragen 
wurde,  lehrt  z.B.  auch  die  Menas-Insclirift  von  Sestos  (vgl.  Nomisma  1,  S.  11  f.). 

4* 


28  H.  VON   Fritze: 

den  letzten  Dezennien  des  Attalos  I.  (vgl.  Taf.  II,  12.  15,  III,  4),  daß  also 
von  da  an  eine  Kontinuität  zu  bemerken  ist,  die  nunmehr  bis  zum  Ende 
des  Königtums  reicht.  Um  die  einzelnen  Emissionen,  die  etwa  unter  der 
Aufsicht  verschiedener,  aber  mit  gleichem  Monogramm  zeichnender  Männer 
ausgegeben  wurden,  voneinander  zu  unterscheiden,  bedurfte  es  nur  der  Auf- 
bewahrung von  Kontrollexemplaren  aus  jedem  Stempel  mit  den  betreffen- 
den Angaben. 

In  welche  Namen  sich  die  Monogramme  auflösen  lassen,  ist  nur  selten 
mit  einiger  Sicherheit  zu  sagen.  In  ^  (Taf.  111,  i  2)  und  1^  (Imhoof,  Taf.  I,  1 3) 
darf  man  wohl  die  Signatur  eines  »Eumenes«  sehen,  ein  Name,  der  damals 
naturgemäß  häufig  gewesen  sein  muß.  Hier  hat  vermutlich  die  verschiedene 
Form  des  Monogramms,  wie  etwa  ®  und  A,  zwei  gleichnamige  Personen 
unterscheiden  sollen.  Wenn  wir  ferner  zur  Erklärung  des  unter  Eumenes  II. 
vorkommenden  Z^  (Imhoof,  Taf.  II,  19)  mit  allem  Vorbehalt  einen  »Dio- 
doros«  heranziehen  möchten,  so  liegt  das  deshalb  nahe,  weil  ein  solcher 
ausgeschrieben  auf  gleichzeitigem  städtischen  und  königlichen  Kupfergeld 
zu  finden  ist  (Taf.  I,  22.  32). 

Eine  Erkenntnis  von  weittragender  Bedeutung  wird  durch  die  P>klä- 
rung  von  Buchstabenverbindungen  auf  einer  späten  Kupferserie  des  auto- 
nomen Stadtgeldes  von  Pergamon  gewonnen  (vgl.  Corolla  nwnism.,  S.  60, 
Taf.  II,  35):  Vorderseite:  Athenakopf  mit  korinthischem  Helm  nach  rechts. 
Rückeite:  ein  aus  Panzer  und  Helm  bestehendes  Tropaion  zwischen  der 
von  oben  nach  unten  laufenden  Aufschrift  aghnaz  rechts,  NiKH<t>OPOY  links. 
Auf  einigen  dieser  Gepräge  erscheint  hier  im  Feld  rechts  unten  das  be- 
kannte Stadtmonogramm  TTE  (Taf.  I,  25);  andere  dagegen  zeigen  an  derselben 
Stelle  die  Buchstaben  E*  (vgl.  Brit.  Cat.,  S.  131,  178).  Trotzdem  Personen- 
namen mit  diesen  Initialen  nicht  selten  sind,  lag  die  Vermutung  nahe,  hier 
an  die  Abkürzung  des  Stadtnamens  »Ephesos«  zu  denken,  und  weitere 
Nachforschungen  machten  sie  zur  Gewißheit.  Ein  Exemplar  der  Sammlung 
Hunter  in  Glasgow  (Macdonald,  Cat.,  II,  S.  281,48)  bringt  statt  der  ge- 
nannten Signatur  die  Kombination  AAO,  welche  ebenso  als  Stadtmonogramm 
auf  den  Cistophoren  von  Laodikeia  vorkommt  (vgl.  Brit.  Cat.  Phrygia,  Taf.  I, 
7  —  II.  13.  14).  Ein  gleicher  Parallelismus  ließ  sich  fiir  S  feststellen  (vgl. 
Exemplare  in  Berlin  und  München),  nur  daß  auf  dem  Cistophorengelde  von 
Sardes  noch  der  dritte  Buchstabe  P  in  .§  einbegriffen  ist  (vgl.  Brit.  Cat. 
Lydia,  Taf.  XLII,  4.  5).     Auch  auf  einer   anderen  Gruppe   pergamenischen 


Die  Münzen  von  Pergamon.  29 

Festgeldes  ist  das  sardische  Monogramm  anzutreffen.    Vorderseite:  Athena- 

A  f^  H  N  A  5! 

köpf  nach  rechts.  Rückseite:  iMiKH<t>OPOY  Eule,  Flügel  schlagend,  von  vorn. 
Diese  Stücke  haben  entweder  keine  Buchstaben  bzw.  Monogramme  im  Feld, 
oder  solche  erscheinen  rechts  und  links  unter  den  FJügeln  der  Eule  und 
bedeuten  vermutlich  Magistrate.  Bei  einigen  wenigen  Exemplaren  bemerkt 
man  nun  neben  dem  links  befindlichen  Buchstaben  noch  jenes  Monogramm  ^ 
(vgl.  Taf.  I,  26).  Man  wird  annehmen  dürfen,  daß  an  seiner  Stelle  noch 
andere  Ortsbezeichnungen  auftauchen  werden,  welche  also  diese  Münzgruppe 
in  Übereinstimmung  mit  der  Tropaion-Serie  auf  andere  Städte  ausdehnen. 
Angesichts  der  besprochenen  seltenen  Buchstabenverbindungen  bei  letzterem 
Typus  darf  man  weiterhin  vielleicht  das  gewöhnlichere  W  (auf  zwei  Münzen 
der  Sammlung  Gaudin  in  Smyi-na),  wiederum  den  Cistophoren  entsprechend, 
auf  Apameia  beziehen  (vgl.  Brit.  Cut.  Phryyia,  Taf  I,  1.  2). 

Während  die  Stadtbezeichnungen  bei  dieser  Gruppe  bisher  im  Feld 
rechts  unten  anzutreffen  waren,  gibt  es  hier  auch  Stücke  mit  im  Feld  links 
in  der  Mitte  zwischen  Legende  und  Bild  angebrachten  Monogrammen.  Daß 
man  sie  ebenso  erklären  darf,  ist  deshalb  wahrscheinlich,  weil  in  diesem 
Falle  das  Monogramm  rechts  unten  fehlt.  Daher  wäre  vielleicht  bei  ^ 
(vgl.  Mionnet,  Descr.  de  MM.  ant.  yr.  et  rom.,  Snppl.  Bd.  V,  S.  424,  896)  an 
Thyateira  zu  denken,  von  dem  wir  ebenfalls  Cistophorengeld,  freilich  bisher 
nur  solches  mit  der  Signatur  evA,  kennen  (vgl.  Imhoof,  a.  a. 0.  Taf.  IV,  i). 
Dafür  spricht  auch  noch  ein  anderes:  die  Kupfermünzen  von  Pergamon  mit 
dem  Asklepioskopf  und  dem  Schlangenstab  zeigen  zum  Teil  auf  der 
Vorderseite  Beamtennamen.  Statt  ihrer  liest  man  jedoch  auf  einem  Lon- 
doner Exemplar  (Brit.Cat.,  S.  129,  153)  oyatei  (Taf  1,  18).  Die  Ergänzung 
zu  eYATEi{PHNßN)  ist  hier  gesichert'.  Wir  haben  also  wiederum  einen  perga- 
menischen  Münztypus,  der  in  einer  anderen  oder  für  eine  andere  Stadt  des 
pergamenischen  Machtbereiches  geprägt  wurde  (vgl.  unten  S.  3 1  f.). 

Die  Interpretation  von  Monogrammen  kann  leicht  zur  Spielerei  werden. 
Aber  die  Begleitumstände  lassen  es  doch  geboten  erscheinen,  eine  Hypo- 
these nicht  zu  unterdrücken,  die  sich  an  weitere  Buchstabenverbindungen 
knüpfl.     Auf  einigen  Stücken  der  Tropaion-Gruppe  nehmen  im  Feld  links 


'  Daß  anstatt  der  Beamtensignaturen  auch  sonst  an  derselben  Stelle  Stadtnanien  vor- 
kommen, beweisen  die  Münzen  mit  Athenakopf  und  Nike,  auf  deren  Vorderseite  sich  die 
Legende  nEPrAMHN((ioN)  findet  (vgl.  Brit.  Cat.,  S.  128,  139). 


30  H.   VON   Fritze: 

die  Stelle  des  Q  zwei  augenscheinlich  dasselbe  Wort  bezeichnende  Kom- 
binationen, AI  {vgl.  Brit.  Cat.,  S.  131,179)  und  AI,  ein,  die  sich  in  aion(Y) 
auflösen  lassen.  Einmal  auf  dem  Wege,  hierin  Anfange  von  Stadtnamen 
zu  suchen,  gerät  man  leicht  auf  »Dionysopolis«.  Dieses,  in  der  Nähe  von 
Apameia  gelegen,  gehört  nicht  zu  den  bisher  bekannten  Cistophoren  prä- 
genden Kommunen.  Aber  wir  sind  ja  auch  keineswegs  genötigt,  uns  liier 
auf  solche  zu  beschränken.  Nun  sagt  eine  Notiz  des  Stephanos  von  By- 
zanz  u.  d.  W.  aion^coy  nÖAic:  oPYriAC,  kticma  Attaaoy  kai  G-r-MeNovc  söanon 
e-Y-pÖNTCüN  AioNYCOY  nepi  toyc  töhoyc.  Head  (Brit.  Cat.  Phrygia,  Introd.  S.  54) 
sieht  I]umenes  II.  und  Attalos  II.  in  den  königlichen  Gründern,  was  damit 
zusammenstimmt,  daß  die  ältesten  Münzen  der  Stadt  frühestens  dem  II.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  angehören.  Da  nun  erwiesen  ist,  daß  die  pergamenische  Tro- 
paion-Serie  aus  der  letzten  Königsepoche  stammt  (s.oben  S.6;  Corolla  nu7nism., 
S.  60),  so  wird  die  Einbeziehung  von  Dionysopolis  in  den  Kreis  der  diese 
Kupfermünzen  ausgebenden  Städte  sehr  wahrscheinlich.  Für  ein  oder  zwei 
der  noch  übrigbleibenden  vier  Monogramme  ließen  sich  wohl  Auflösungen  ver- 
muten, die  aber  mangels  sonstiger  stützender  Begründungen  ohne  Wert  sind. 

Die  um  der  Legende  0YATEI  willen  herangezogenen  Prägungen  mit 
dem  Asklepioskopf  und  dem  Schlangenstab  weisen  ferner  zwei  Exemplare 
alif,  deren  Rückseiten  ein  o  (Berlin,  vorm.  Imhoof)  bzw.  ^  (Oxford,  Bibl.) 
zeigen.  In  Verbindung  mit  dem  ausgeschriebenen  Namen  auf  vorgenanntem 
Stück  wird  man  möglichenfalls  auch  diese  Zeichen  oder  wenigstens  das 
letztere  mit  Thyateira  in  Zusammenhang  bringen  dürfen.  Endlich  ist  an- 
zuführen, daß  unter  den  gleichzeitigen  pergamenischen  Stadtmünzen  mit 
dem  Asklepioskopf  und  einem  von  der  Schlange  umwundenen  Omphalos  — 
gewöhnlich  ohne  Monogramme  —  seltene  Stücke  sowohl  eine  dem  auf  Thya- 
teira bezogenen  ®  ähnliche,  aber  etwas  verquetschte,  Buchstabenverbin- 
dung (im  Handel),  als  auch  W  aufweisen  (Wien  Nr.  16381),  wodurch  wir 
wieder  an  Apameia  erinnert  werden. 

Wie  es  sich  aber  auch  mit  den  einzelnen  Erklärungen  verhält,  das 
Gesamtergebnis  steht  fest,  daß  verschiedene,  bisher  ausschließlich  Pergamon 
zugeschriebene  Kupfermünzen  anderen  Städten  ihren  Ursprung  verdanken, 
darunter  meist  solchen,  von  denen  auch  Cistophorenemissionen  bekannt  sind'. 


'  Nach  Fertigstellung  dieses  Manuskripts  fand  ich  zufälhg  bei  Head  {BrU.  Cat.  Lydia, 
Introd.  S.  98)  in  beziig  auf  das  im  Kat.  Walcher,  Nr.  2704  unter  Sardes  beschriebene  Stück 
mit  der  Aufschrift  A0HNAI  NIKH<t>OPOY  folgende  Bemerkung:  Bronze  coins  mth  the  same 


Die  Münzen  von  Pergamon.  31' 

Gibt  es  Analogien  fiir  dieses  Vorkommnis?  Man  könnte  in  erster  Linie 
an  das  Geld  der  achäischen  und  lykischen  Liga  denken.  Innerhalb  der 
letzteren  ist  jedoch  gerade  bei  der  Scheidemünze  hinsichtlich  der  Typen- 
wahl den  einzelnen  Städten  ziemliche  Freiheit  gelassen.  Das  ganze  Ge- 
fuge  des  achäischen  Bundes  aber  als  der  Vereinigung  einer  Reihe  gleich- 
berechtigter, demokratisch  regierter  Kommunen  ist  viel  strafl'er  und  völlig 
politisch  gefärbt,  so  daß  man  seine  Münzprägung  nicht  wohl  als  Parallele 
benutzen  darf,  wo  es  sich  um  mehr  oder  weniger  von  einer  königlichen 
Dynastie  abhängige  Städte  handelt.  Übereinstimmend  ist  bei  jenen  Bun- 
desmünzen und  unseren  Kupferstücken,  daß  sicli  ihre  Typen  bzw.  Auf- 
schriften auf  führende  Gottheiten  beziehen.  Ein  wesentlicher  Unterschied 
liegt  aber  darin,  daß  wir  es  dort  mit  dem  üblichen  städtischen  Kurant, 
hier  dagegen  mit  Festmünzen  zu  tun  haben  (vgl.  Corolhi  NumLsin.,  S.  56.  6of.). 
Es  ist  nichts  Ungewöhnliches,  daß  sich  eine  Anzahl  von  Städten  zu  ge- 
raeinsamer Festfoier  vereinigt.  Wir  lernen  z.  B.  aus  einer  ilischen  Inschrift, 
vermutlich  vom  Jahre  77  v.  Chr.,  ein  solches  Übereinkommen  in  Hinsicht 
auf  das  Heiligtum  der  Athena  llias  kennen,  in  dem  die  sich  dem  Kultur- 
verband anschließenden  Orte  zu  einer  finanziellen  Beteiligung  angehalten 
waren.  Hier  galt  es  einen  Vertrag  über  gemeinsame  Tragung  der  Kosten 
des  großen  Athenafestes  (cymounon  kaI  ÖMÖAoroN  taTc  nÖAeciN  Yuip  thc  hanh- 
rVpeojc.  Vgl.  Brückner  bei  Dörpfeld,  Troja  und  llion,  Bd.  II,  S.  454f., 
Inschrift  Nr.  XV.).  Solche  Zahlungen  konnten  in  verschiedener  Weise  ge- 
leistet werden,  je  nach  Höhe  der  Beiträge  und  der  näheren  oder  entfernteren 
Lage  der  betreffenden  Städte.  Wo  größere  »Summen  in  Frage  standen, 
werden  die  weit  verbreiteten  Alexanderprägungen,  fiir  Pergamon  vor  allem 
die  Attalidentetradrachmen  und  die  Cistophoren  in  Betracht  gekommen 
sein.  Anderseits  konnten  sich  aber  die  finanziell  partizipierenden  Ge- 
meinden auch  an  der  Ausgabe  der  dem  3Iessenverkehr  dienenden  Scheide- 
münze beteiligen.  Dies  wird  bei  der  nANHrvpic  der  ilischen  Athena  durch 
Einfuhrung  des  jeweiligen  Stadtgeldes  geschehen  sein,   das  in  eng  benach- 


legend  teere  issued  at  severalmints  mithin  Ihe  Kingdrim  nf  Pergamon  (cf.  B.  M.Cat Mysia  pp.  130. 131), 
though  the  only  ones,  which  can  he  identififd  with  certainty  are.  (hose  with  die  mint  Initials  of  Per- 
gamon, Ephesos,  Sardes.  Die  gleiclie,  iinabliäiif^ift  auf  verschiedenen  Wegen  gein<Tchte  Beob- 
achtung .sichert  die  Richtigkeit  des  Resultats,  das  Jedoch,  wie  die  obigen  Ausführungen  zeigen, 
noch  weitere  Konsequenzen  zu  ziehen  gestattet,  als  Head  in  seiner  nur  nebenher  gegebenen 
Notiz  andeutet. 


32  H.   VON    Fritze: 

harten  Orten  wie  hier  den  Funden  nach  proml^cue  in  Gebrauch  war. 
Anders  augenscheinlich  in  Pergamon.  Hier  wurde  der  Modus  befolgt,  daß 
eine  gemeinsame  Emission  gelegentlich  der  Hauptfeste  erfolgte,  jede  der 
Städte  ihre  Quote  bezahlte  und  daför  ihr  Stadtmonogramm  als  quittierendes 
Unterscheidungsmerkmal  auf  den  typengleichen  Festmünzen  angebracht  fand. 
Dieses  Vorgehen  mußte  sich  besonders  bei  räumlich  weiter  Trennung  der 
dem  Verband  zugehörenden  Kommunen  empfehlen,  deren  eigene  Scheide- 
münze nicht  an  dem  Festorte  Kurs  hatte.  Abzulehnen  wäre  die  Annahme, 
daß  etwa  jedes  der  erwähnten  Gemeinwesen  für  lokale  Panegyrien  zu  Eliren 
der  Athena  Nikephoros  bzw.  des  Asklepios  Soter  bei  sich  diese  Prägun- 
gen veranlaßt  habe.  Denn  abgesehen  davon,  daß  uns  diese  Götterkulte 
für  keine  der  genannten  Städte  bezeugt  sind,  lehrt  die  Zusammensetzung 
der  bei  den  Ausgrabungen  gemachten  Funde,  daß  in  Pergamon  nicht  nur 
Stücke  mit  TTE,  sondern  auch  mit  anderen  Stadtmonogrammen  zutage  ge- 
kommen sind. 

Große  Schwierigkeiten  stehen  einer  Erklärung  der  Beizeichen  entgegen, 
wenn  man  hier  eine  auf  jeden  Fall  zutreffende  Regelmäßigkeit  voraussetzt. 
Eine  solche  ist  aber  nicht  anzunehmen,  wie  folgende  Beispiele  ohne  weiteres 
ergeben:  im  Feld  rechts,  wo  die  erste  Cistophorengruppe  (Taf.  III,  5.  6) 
und  eine  kleine  Zahl  von  Übergangsstücken  zur  zweiten  (Taf.  III,  8)  wech- 
selnde Symbole  haben,  erscheint  in  allen  folgenden  konstant  nur  eines, 
der  Schlangenstab  (vgl.  Taf  III,  7.  9  —  i  2).  Jene  Beizoichen,  welche  ohne 
Zweifel  Magistratswappen  darstellen,  werden  nunmehr  ersetzt  durch  die 
zwischen  den  Schlangenköpfen  angebrachten,  gleichfalls  wechselnden  Buch- 
staben oder  Monogramme  (vgl.  Taf  III,  7.  8).  Die  Annahme,  daß  der 
Schlangenstab  als  Stadtwappen  aufzufassen  sei,  spricht  zunächst  nicht  an, 
da  schon  das  gleichzeitig  voi-handene  Monogramm  Mb  die  Münzstätte  ge- 
nugsam andeutet  (vgl.  Taf.  III,  5  — 11).  Wenn  wir  jedoch  eine  analoge 
Tautologie  nicht  selten  bei  dem  Alexandergeld  gerade  des  II.  Jahrhunderts 
V.  Chr.  bemerken',  so  wird  man  den  Schlangenstab  auf  den  pergamenischen, 
wie  die  Fackel  auf  den  ephesischen  Cistophoren  unbedenklich  als  städtische 
Wahrzeichen  zu  erklären  haben. 


•  Vgl.  ABY  und  Adler  (Abydos;  Slg.  Weber-London),  EPY  und  Keule  sowie  Gorytos 
mit  Bogen  (Erythrai),  E<t>E  und  Biene  (Ephesos),  MA  und  Mäander  (Magnesia),  PO  und  Ba- 
laustium  (Rhodos);  vgl.  L.  Müller,  Numism.  d'Alex.  le  Grand,  Nr. 999 f.  10150".  1068.  11548". 


Die  Münzen  von  Perganion.  33 

Anders  ist  es  mit  dem  Bogen  im  Felde  rechts  auf  den  Rückseiten 
des  Königssilbers.  Abgesehen  von  einem  die  Reihe  eröffnenden  Stück 
ohne  Beizeichen  an  dieser  Stelle  (Taf.  II,  i)  und  dem  P'xemplar  mit  dem 
P^umenesportrait  (Taf.  II,  14)  findet  er  sich  stets  bis  zum  Ende  der  Tetra- 
drachmenprägung (vgl.  Taf.  II,  2.  3.  6.  7.  9.  12.  15,  III,  4).  Hier  kann  man 
nur  vermuten  und  seine  Beziehung  auf  Apollon  und  vielleicht  dessen  Tempel 
annehmen,  sei  es,  daß  in  ihm  die  Aufsichtsbehörde  zu  suchen  ist,  sei  es, 
daß  er  als  Münzstätte  diente.  Jedenfalls  bedurfte  es  auf  dem  Königsgeld, 
soweit  es  in  der  Residenz  selbst  zur  Emission  gelangte,  nicht  der  Angabe 
des  Stadtwappens.  Als  solches  hätte  aber  auch  der  Bogen  um  diese  Zeit 
schon  deshalb  nicht  gelten  können,  weil  nach  Ausweis  der  Münzen  Athena 
seit  dem  Ausgang  des  IV.  und  im  111.  Jahrhundert  v.  Chr.  die  unbestrittene 
Vorherrschaft  in  Pergamon  zugefallen  war,  welche  Apollon  im  V.  Jahr- 
hundert V.  Chr.  innegehabt  hatte.  Vielleicht  besaß  letzterer  als  Schutzgott 
der  Seleukidendynastie  noch  eine  spezielle  Bedeutung  für  den  von  ihr 
abhängigen  Philetairos. 

Zunächst  im  Abschnitt,  dann  im  Felde  links  auf  den  Rückseiten  der 
pergamenischen  Tetradrachmen  bemerkt  man  nun  zahlreiche,  wechselnde 
Beizeichen',  neben  vereinzelten  anderen  schon  früh  und  lange  Zeit  hin- 
durch das  Efeublatt  (vgl.  Taf.  II,  2.  3.  6.  7).  Dieses  erscheint  bereits  auf 
Münzen  des  Phileüiiros  und  bleibt  bis  in  die  spätere  Epoche  des  Attalos  1. 
konstant,  wenn  auch  nicht  ganz  so  lange,  wie  das  gleichzeitige  A ,  das 
noch  auf  der  chronologisch  folgenden  Serie  mit  der  Weintraube  (vgl. 
Taf.  II,  9)  vorkommt.  Auch  diese  Symbole  haben  wir  als  Beamtensig- 
naturen anzusehen.  Denn  nichts  kann  veranlassen,  in  ihnen  eine  andere 
Bedeutung  zu  suchen,  als  in  den  mannigfachen,  sowohl  vor-  als  auch  nach- 
her verwendeten  Beizeichen.  Ob  Symbol  und  Monogramm  auf  derselben 
Münze  eine  oder  verschiedene  Personen  bezeichnen,  ist  ungewiß.  Für 
ersteres  könnte  der  Umstand  ins  Gewicht  fallen,  daß  vereinzelt  imr  das 
Beizeichen  und  kein  Monogramm  (vgl.  Imhoof,  a.  a.  0.  Taf  II,  18),  einmal 


'  E.S  finden  sich  Athenakojif  in  Verbindung  mit  einei-  Mondsichel,  Hernie, 
Efeiiblatt,  Weintraube,  Falnizweig.  Füllhorn,  Biene,  auch  zugleich  mit  Blitz 
oder  Knie,  Stern.  Eule,  Thyrsos,  auch  mit  Schiffsvordertei](?),  Keule,  Iland- 
fackel,  lange  Fackel  und  Stabkreuz  (vgl.  zu  letzterem  E.  Assinann,  Zeitschr.  f.  Nuniism. 
Bd.  XXV,  S.  215  ff.;  andei-s  E.  Babelon,  Rn:  numi.im.  1907.  S.  i  ff.).  Dabei  ist  zu  beachten, 
daß  einzelne  dieser  Beizeichen  unter  der  Kegicrung  verschiedener  Attaliden  auftreten. 
Phil  -hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  1.  5 


34  H.   VON    Fritze: 

ein  solches  allein,  ohne  Symbol  (vgl.  ebenda  Ta f.  11,  17),  auftritt,  hier  also 
nur  ein  Magistrat  signiert.  Auch  käme  vielleicht  eine  Buchstabenverbin- 
dung  wie  fcl,  in  der  als  Bestandteil  hpakahi  zu  erkennen  ist,  mit  einer 
Keule  (s.  oben  S.  21  und  Imhoof,  a.  a.  0.  Taf.  II,  20)  als  stützendes 
Moment  hinzu,  obwohl  eine  Zufälligkeit  nicht  ausgeschlossen  wäre.  Gegen 
die  Beziehung  von  Monogramm  und  Beizeichen  auf  dieselbe  Person  spricht 
aber  die  Existenz  zweier  Symbole  nebeneinander  ohne  Monogramm,  wie 
bei  Imhoof,  a.  a.  0.  Taf.  II,  16,  wenn  man  hier  nicht  annehmen  will,  daß 
außer  einem  persönlichen  auch  ein  väterliches  oder  Familien wappen  an- 
gebracht ist.  Diese  Frage  ist  mit  dem  vorhandenen  Material  nicht  zu 
lösen;  genug,  daß  wir  in  den  Monogrammen  wie  in  den  im  Abschnitt 
oder  im  Feld  links  erscheinenden  Beizeichen  Beamtensignaturen  zu  sehen 
haben,  ebenso  wie  auf  einem  Teil  der  gleichzeitigen  autonomen  Stadt- 
münzen. 

J]ine  weitere  Schwierigkeit  bringt  das  königliche  Kupfergeld.  Hier 
finden  wir  zu  dem  Athena-,  Apollon-  oder  Asklepioskopfe  der  Vorderseiten 
auf  den  Rückseiten  Bogen,  Efeublatt,  Stern,  Thyrsos,  Schlangenstab  und 
Weintraube  bzw.  Tempelschlüssel,  Dreifuß,  Schlange  und  den  thronenden 
Asklepios  (s.  oben  S.  23  f.).  Verschiedene  dieser  Typen  sind  uns  bereits  als 
Beizeichen  von  dem  königlichen  Silber,  der  städtischen  autonomen  Münze 
und  den  Cistophoren  her,  und  zwar  mit  Ausnahme  des  Bogens  und  des 
Schlangenstabs  als  Magistratswappen,  bekannt.  Als  solche  aber  auch  die 
eben  genannten  Rückseitenbilder  der  königlichen  Scheidemünze  aufzufassen, 
ist  unmöglich.  Das  beweist  allein  schon  das  Vorhandensein  von  Mono- 
grammen (vgl.  Taf.  I,  30.  35.  38),  Buchstaben  und  Beizeichen  (vgl.  Brit.  Cai., 
Taf.  XXV,  3)  auf  Rückseiten  eben  dieser  königlichen  Scheidemünze.  Die 
natürliche  p]rklärung  ist  vielmehr  folgende:  die  Rückseite  des  Attaliden- 
kupfers  wurde  in  gleicher  Weise  wie  die  autonome  Stadtmünze  mit  Gestalt 
oder  Symbol  einer  Gottheit  geschmückt,  wie  seine  Vorderseite  mit  einem 
Götterkopf.  Durch  die  im  ganzen  Altertum  verbreitete  Sitte,  daß  auch  der 
einzelne  Bürger  sein  Wahrzeichen  von  der  Gottheit  und  ihren  Attributen  ent- 
lehnt (vgl.  jüngst  Macdonald,  Coin  Ti/pes,  S.  43fl".),  ist  die  Tatsache  erklärt, 
daß  sich  die  Privatwappen  vielfach  mit  den  offiziellen  städtischen  decken. 
In  Pergamon  handelt  es  sich  vorzugsweise  um  die  Kulte  des  Apollon,  der 
Athena,  des  Dionysos  Kathegemon  und  des  Asklepios,  aus  deren  Kreisen 
naturgemäß    sowohl   die   Haupttypen   als   auch    die   ßeizeichen  großenteils 


1 


Die  Münzen  von  Pergammi.  35 

entnommen  wurden.  Damit  ist  aber  auch  gegeben,  daß  dasselbe  Symbol 
verschiedenen  Personen  eigen  sein  kann  und  eventuell  auch  als  Familien- 
wappen Verwendung  findet. 

H.  Die  Münztypen. 

Unter  den  Typen,  welche  die  vorkaiserlichen  Gepräge  von  Pergamon 
tragen,  sind  einige  von  besonderem  religions-  und  kunstgeschichtlichen 
Interesse'.  Während  nämlich,  wie  gewöhnlich,  die  Götterköpfe  der  Vorder- 
seiten einen  idealen  oder  konventionellen  Charakter  verraten  und  hier  an- 
scheinend nicht  auf  ein  bestimmtes,  dem  lokalen  Kult  angehörendes  Bild- 
werk zurückgehen,  ist  dies  bei  den  Rückseiten  zum  Teil  anders.  Da  ist 
zunächst  das  auf  dem  Gold  und  Silber  der  lysimachischen  Periode  erschei- 
nende Athenabild. 

I.    Das  Palladion. 

Dieses,  auf  dem  Goldstater  (Taf.  I,  7)  in  seinen  Einzelheiten  am  deut- 
lichsten, ist  eines  jener  Idole,  in  denen  sich  verschiedene,  ja  heterogene 
Wesenseigenschaften  verbinden.  Seine  nächste  Verwandte  hat  das  Palladion 
von  Pergamon  in  der  Athena  Ilias  (vgl.  bei  Dörpfeld,  Troja  und  Ilion,  Bd.  II, 
S.  5ioff. ;  Beil.  61,  3  —13.  16.  18  —  23  usw.).  Beide  tragen  auf  dem  Haupte 
den  Kalathos,  beide  den  Speer;  aber  während  diese  ihn  ruhig  schultert  und 
durch  die  in  der  Linken  gehaltene  Spindel  noch  prägnanter  ihren  friedlich- 
werktätigen  Charakter  bekundet,  hat  jene  ihn  zu  Stoß  oder  Wurf  gezückt 
und  deckt  ihre  Seite  durch  den  mit  einem  Stern  geschmückten  Schild,  von 
welchem  eine  geknotete  Wollbinde  herabhängt.  Athena  llias  wird  stets  im 
Profil,  die  pergamenische  Göttin  ganz  von  vorn  dargestellt.  Jene  ist  auf 
den  ältesten  Münzen  von  Ilion  (a.  a.  ü.  Beil.  61,3)  von  durchaus  altertüm- 
lichem Kunstcharakter;  das  pergamenische  Bild  dagegen  macht  —  und 
darauf  ist  bisher  nicht  geachtet  worden  —  einen  ausgesprochen  archaisti- 


'  Es  bedarf  hier  nicht  im  einzelnen  der  Aufzählung  gewöhnlicher  Typen  des  städtischen 
Geldes,  wie  der  Rinds- (Taf.  1,  5.  13.  14)  und  Kberköpfe  (Taf.  1,  3.4),  eines  Gorytos  mit 
der  Keule  (Taf.  I,  9),  des  Zeuskopfes  und  des  Adlers  (Taf.  I,  16),  der  Nike  (Taf.  I,  22), 
Kule  (Taf.  I,  19-21.  26—28),  des  Tropaions  (Taf.  1,  25)  usw.  Zum  Teil  ist  ihre  Bedeutung 
klar,  zum  Teil  ihre  Benennung  und  Beziehung  zu  Pergamon  unsicher,  wie  z.  B.  hei  dein 
weiblichen  Kopf  (Taf.  I,  3.  4);  nachlmhoof,  Jo«r».  «nferra.  Bd.  XI,  S.  108:  Nymphe.  Die 
vorkaiserliclien  StadtprSgungen  sind  zusammengestellt  in  der  Corolla  Numism.,  Taf.  II,  i  — 19. 
25-36. 

5* 


36  H.   VON   Fritze: 

sehen  Eindruck.  Diesen  ruft  schon  der  schalartig  um  die  Schultern  ge- 
legte und  mit  schwalbenschwanzförmigen  Enden  nach  vorn  fallende  Mantel 
liervor,  der,  im  Verein  mit  der  Gewandbehandlung,  keine  Analogien  in 
archaisclien  Werken  findet.  Unterhalb  des  Gürtels  ziehen  sich  nämlich  rechts 
und  links  von  einem  in  der  Mitte  zusammengefaßten  Bausch  nach  hinten 
abwärts  und  parallel  zueinander  schematische  Faltenreihen,  deren  manie- 
rierte Anordnung  keinen  Zweifel  über  die  archaisierende  Tendenz  des  Bildes 
läßt.  Der  Verfertiger  des  Typus  hat  sich  an  die  ältere  Palladionform  an- 
gelehnt, die  sich  durch  die  festgeschlossene  Beinstellung  von  der  späteren 
unterscheidet  (vgl.  Furtwängler  bei  Röscher,  Myth.  Lex.,  Bd.  I,  i,Sp. 691). 
Die  Gewandbehandlung  folgt  einem  archaischen  Vorbild,  von  dem  sie  sich 
jedoch  durch  die  in  solchen  Fällen  gewöhnliche  Übertreibung  unterscheidet. 
Zu  vergleichen  sind  für  die  Entstehung  des  Motivs  eine  der  weiblichen 
Akropolisfiguren  (Cavvadias,  Mus.d'Athenes,  Taf.  V;  Lermann,  Altgriech. 
Plastik,  S.  92,  Fig.  89),  für  die  Ausfährung  die  Athena  aus  dem  Westgiebel  des 
Tempels  von  Aigina  (vgl.  Brunn,  Denkm.  griech.  und  röm.  Sculptur,  Nr.  23). 
Während  hier  der  Bausch  mit  seiner  symmetrisch  übereinandergelegten  und 
sich  nach  unten  verbreiternden  Fältelung  die  ganze  archaische  Zierlichkeit 
spielender  Technik  verrät,  sind  die  durch  jene  zusammengezogene  Gewand- 
masse bedingten,  sich  seitlich  abwärtsziehenden  Falten  in  wenigen,  dem  natür- 
lichen Fall  entsprechenden  Zügen  angegeben.  Bei  der  archaistischen  Dres- 
dener Athenastatue  (vgl.  Brunn,  a.  a.  0.  Nr.  149)  werden  sie  dagegen  wesent- 
lich vervielfacht  mit  einem  deutlichen  Streben  nach  ParaUelismus,  und  diese 
Tendenz  ist  bei  dem  pergamenischen  Palladion  so  gesteigert,  daß  hier  von 
einem  natürlichen  Fall  der  Falten  überhaupt  nicht  mehr  die  Rede  sein  kann. 
Aber  das  Archaistische  ist  nicht  etwa  dem  Geschmack  des  um  300  v.  Chr. 
arbeitenden  Stempelschneiders  zuzuschreiben;  er  kopierte  vielmehr  getreu 
die  ihm  vor  Augen  befindliche  Kultstatue.  Vergleicht  man  nämlich  das 
älteste  Bild  der  Athena  Ilias  auf  der  Kupfermünze  von  Ilion  (a.  a.  0.  Bd.  II, 
Beil.  61,3;  dazu  S.  502.  511),  die  etwa  derselben  Zeit  entstammt,  wie  unser 
Goldstater  und  das  große,  allerdings  ältere  Silberstück  von  Assos  mit  der- 
selben Göttin  (vgl.  Babelon,  Inv.  Waddington,  Nr.  655,  Taf.  I,  7),  so  er- 
kennt man,  daß  die  Reproduktion  eines  archaischen  Skulpturwerks  ganz 
anders  ausfiel,  als  bei  dem  pergamenischen  Gepräge.  Hiergegen  kann  auch 
der  Umstand  nicht  verwertet  werden,  daß  z.  B.  auf  einem  ilischen  Tetra- 
drachmon  aus  dem  Verlauf  des  II.  Jahrhunderts  v.  Chr.  archaisierende  Züge 


Die-  Münzen  von  Pergamon.  37 

zu  bemerken  sind  (vgl.  a.  a.  0.  Bd.  II,  Beil.  6i,  i6  und  S.  5iof.).  Denn  diese 
Epoche  liegt  nicht  nur  um  etwa  anderthalb  Jahrhunderte  später,  sondern 
wir  wissen  auch,  daß  damals  gar  kein  archaisches  Kultbild  der  Athena 
mehr  in  Ilion  bestand,  sondern  ein  neues,  aus  der  Zeit  des  Lysimachos 
(vgl.  a.  a.  0.  Bd.  11,  Beil.  61,4  und  S.  5  1 1).  Vor  allem  aber  haben  wir  es  in 
Pergamon  nicht  wie  hier  mit  einer  Ausnahme  innerhalb  einer  längeren, 
anders  gearteten  Reihe,  also  mit  einer  rein  individuellen  Geschmacksrich- 
tung zu  tun,  sondern  mit  einem  feststehenden  Typus,  der  sich  auf  zwei 
Goldnominalen  und  der  Silberprägung  in  derselben  Weise  ständig  wiederholt. 
Über  das  Alter  des  Athenakultes  in  Pergamon  besitzen  wir  keine  Kunde. 
Die  Bauformen  des  aufgedeckten  Tempels  sowie  die  an  den  Säulen  gefun- 
denen Inschriften  deuten  nur  allgemein  auf  das  IV.  Jahrhundert  v.  Chr. 
(vgl.  R.  Bohn,  Altert,  v.  Perg.,  Bd.  II,  S.  24).  Von  den  Münzen  sind  die 
eben  besprochenen  die  frühesten  mit  ihrem  Bilde;  die  ältere  Prägung  der 
Stadt  zeigt  dagegen  als  Archegetes  den  Apollon  (vgl.  Corolla  Numism.,S.  47. 49). 
Wenn  man  nun  weiß,  daß  Athena  als  Schutzgottheit  Alexanders  des  Großen 
dessen  Siegeszug  durch  Kleinasien  und  weiter  begleitete,  so  darf  man  die 
damalige  Einführung,  zum  mindesten  aber  Belebung  ihres  Kultes  in  den 
von  dem  Könige  abh<ängigen  Gebieten  als  die  natürliche  Folge  ansehen'. 
In  Anbetracht  des  Umstandes,  daß  ihr  Bild  erst  nach  der  Anwesenheit 
Alexanders  im  westlichen  Kleinasien,  und  noch  dazu  als  Rückseitentypus 
zu  dem  durch  sein  Geld  verbreiteten  unbärtigen  Ilerakleskopf  (Taf.  I,  6.  7. 
9.  10),  auf  den  pergamenischen  Geprägen  erscheint,  gewinnt  die  archaistische 
Wiedergabe  des  Palladions  eine  besondere  Bedeutung.  Die  Vermutung  ist 
nicht  abzuweisen,  daß  die  vor  Alexander  in  Pergamon  entweder  noch  nicht 
oder  doch  wenigstens  bild-  und  tempellos  verehrte  Göttin  nun  eine  Kult- 
statue erhielt,  die  in  Ermangelung  eines  altertümlichen  Vorbildes  archaistisch 
ausfallen  mußte,  wenn  hierdurch,  einem  begreiflichen  Wunsche  des  Volkes 
entsprechend,  der  Hinweis  auf  einen  frühen  Ursprung  des  Athenadienstes 


'  Ein  solcher  Vorgang  spielte  sich  z.B.  in  Priene  ab.  Nach  H.  Dressel  (Sitziingsber. 
d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1905,  S.  469  ff.)  ist  hier  sogar  die  Stiftung  des  Athenakultbildes  durch 
Alexander  selb.st  äußerst  wahrscheinlich.  \'gl.  auch  die  Weihinschrift  des  Königs  an  die 
Göttin  an  der  südlichen  (linken)  Ante  iiires  dortigen  Tempels  bei  Hill  er  von  Gaertringen, 
In.schr.  v.  Priene,  Nr.  156  —  Daß  Alexander  in  Ilion  das  schon  vorher  bestehende  Athena- 
heiligtum  bei  seinem  Aufenthalt  ausschmückte,  berichtet  ausdrücklich  Strabon  (XIII,  593,  26 
ed.  Meineke). 


H8  H.  VON   Fritze: 

in  der  Stadt  gewonnen  wurde.  Daß  solche  Tendenzen  in  der  Tat  bestan- 
den, sclieint  eine  Inschrift  der  Königszeit  zti  beweisen,  in  der  Auge  als 
Stifterin  des  Kultes  in  Pergamon  genannt  ist  (Fränkel,  Inschr.  v.  Perg.  Bd.  I, 
Nr.  156, Z. 23).  Wenn  H.  Schrader  (Jahrb.  d.  Inst.  1900,  S.  123),  der  auf  Platte 
Nr.  1 1  des  Telephosfrieses  (Winnefeld,  Altert,  v.  Perg.  Bd.  III,  2,  S.  168, 
Taf.  XXXI,  5)  diese  Tapycic  dargestellt  sieht,  mit  der  Erklärung  Recht  hat, 
so  wäre  das  eben  nur  die  Illustration  zu  der  durcli  die  Inschrift  überlieferten 
Anschauung  der  Königsepoche,  die  für  ein  tatsädilich  hohes  Alter  des  Athena- 
kultes  nichts  beweist.  Über  das  Aussehen  des  sehr  fragmentierten  Athena- 
idols  auf  der  Friesplatte  ist  nur  wenig  zu  sagen.  Keinesfalls  repräsentiert 
es  einen  arcliaischen  Typus,  wie  die  freie  Gewandbehandlung  zeigt.  Da- 
gegen könnten  die  festgeschlossenen  Füße  eines  Athenabildes  auf  einer 
anderen  Platte  (Winnefeld,  a.  a.  0.  S.  177,  Taf.  XXXI,  7)  wohl  eine  archai- 
sierende Wiedergabe  andeuten.  Bei  dem  Fehlen  des  Oberkörpers  und  der 
dadurch  bedingten  Unkenntnis  der  Armhaltung  und  Ausrüstung  ist  jedoch 
kein  sicherer  Schluß  zu  ziehen,  inwieweit  eine  Ähnlichkeit  mit  unserem 
Palladion  besteht. 

2.    Die  thronende  Athena. 

Die  thronende  Göttin,  und  zwar  in  verschiedener  Haltung,  schmückt 
das  Attalidensilber.  Daß  in  der  älteren  Form  (Taf  II,  i  — 3)  eine  Anleh- 
nung an  das  Bild  der  Lysimachostetradrachmen  zu  spüren  ist,  hat  man 
lange  erkannt  (vgl.  Imhoof,  S.  37);  auch  darf  man  vermuten,  daß  dies  ge- 
schah, um  dem  neuen  Gelde  Anschluß  an  die  Handelsgebiete  zu  erleich- 
tern, in  denen  das  lysimachische  Kredit  besaß.  Die  wesentlichste  Abwei- 
chung zwischen  beiden  Darstellungen  besteht  darin,  daß  auf  dem  letzteren 
die  Göttin  auf  der  Rechten  eine  Nike  trägt,  während  sie  auf  dem  Silber 
des  Philetairos  und  in  der  Folge  für  eine  gewisse  Zeit  den  vor  ihr  stehen- 
den Schild  hält.  Wie  oben  (S.  10  f.)  bemerkt,  bringen  jedoch  nach  einem 
seltenen  Ubergangstypus  (Taf.  II,  6)  die  Siege  Attalos'  I.  (226 — 223  v.  Chr.) 
eine  Änderung  des  Athenabildes:  der  Schild  ist  hinter  ihr  angebracht  als 
Stütze  für  den  linken  Ellenbogen,  und  mit  der  Rechten  bekränzt  sie  den 
nunmehr  vor  ihr  befindlichen  Namen  des  Philetairos  (Taf  II,  7  ff".).  Wie 
wir  sahen,  ist  diese  Umwandlung  der  mit  den  Wafl^en  in  der  Hand  zum 
Kampf  gerüsteten  Göttin  in  die  ausruhende  Siegbringerin  mit  der  Stiftung 
des  Nikephorions   in  Verbindung   zu    bringen.     Da   läge   es  nahe,    in  dem 


Die  Münzen  von  Pergamon.  39 

neuen  Typus  die  Kopie  eines  neuen,  dorthin  geweihten  Kultbildes  zu  sehen. 
Eine  solche  Annahme  wäre  jedoch  unbedenklich  abzulehnen.  Der  mögliche 
Einwurf  freilich,  daß  altem  Sinn  gemäß  nikhoöpoc  als  Epitheton  eines  Gottes 
nur  »die  Nike  tragend«  bedeuten  könne  (vgl.  Furtwängler  bei  Röscher, 
M.  L.,  Bd.  I,  I,  Sp.679),  ähnlich  Wörtern  wie  kpiooöpoc,  kanhujöpoc  usw.,  kann 
hier  nicht  stichhaltig  sein.  Denn  schon  lange  vor  dieser  Elpoche  ist  das 
Beiwort  auch  übertragen  in  Gebrauch  als  »Sieg  verleihend«.  Es  ist  an 
sich  also  sehr  wohl  denkbar,  daß  Athena  Nikephoros  ebensogut  durch  den 
Kranz  wie  durch  die  Nike  charakterisiert  werden  konnte.  Gegen  die  Auf- 
fassung der  thronenden  Athena  als  Kopie  eines  Kultbildes  spricht  vielmehr 
nachdrücklich  schon  der  Umstand,  daß  der  ursprüngliclie  Rückseitentypus 
der  königlichen  Tetradrachmen,  wie  bemerkt,  bedeutsame  Änderungen  durch- 
macht, für  die  dann  konsequenterweise  ebenfalls  statuarische  Vorbilder  an- 
genommen werden  müßten.  Ferner  findet  selbst  innerhalb  der  Nikephoros- 
serie  ein  das  Motiv  nicht  unwesentlicli  alterierender  Wechsel  in  der  Speer- 
haltung statt,  den  man  kaum  der  Initiative  des  Stempelschneiders  zutrauen 
möchte. 

3.    Asklepios. 

Die  Frage  nach  der  Zeit  der  Einführung  des  Asklepioskultes  in  Per- 
gamon ist  mehrfacli  erörtert  und  als  das  irüheste  Datum  die  erste  Hälfte 
des  IV.  Jahrhunderts  v.  Chr.  mit  guten  Gründen  in  Anspruch  genommen 
worden  (vgl.  zuletzt  K.  Pill  in  g,  Pergamen.  Kulte,  Naumburg.  Progr.,  Ostei-n 
1903,  S.  24).  Wenn  wir  nun  bedenken,  daß  auf  den  Münzen,  die  auch  hier 
den  Wechsel  in  der  Vorherrschaft  der  verschiedenen  Gottheiten  bezeugen, 
Asklepios  und  seine  Symbole  niclit  vor  der  Königszeit,  und  zwar  der  späteren, 
erscheinen,  so  ist  dadurch  bewiesen,  daß  die  offizielle  Bedeutung  des  Kultes 
in  dieser  Periode  liegt.  Das  Heiligtum  des  Gottes  tritt  fiir  uns  zuerst  mit 
dem  Bericht  des  Polybios  (XXXII,  15,  i  ed.  Büttner-Wobst)  über  die  In- 
vasion des  Prusias  II.  von  Bithynien  in  der  Tradition  auf.  Dieser  ver- 
anlaßte  nach  seinem  Siege  über  die  pergamen ischen  Söldner  die  Fortfüh- 
rung der  Kultstatue  des  Asklepios  aus  dem  Temenos.  Nach  v.  Urlichs' 
überzeugender  Darlegung  (Pergamen.  Inschr.,  S.  15.  22)  arbeitete  Phyroma- 
chos,  der  Schöpfer  des  Bildwerks,  für  Eumenes  II.,  als  dieser  auf  dem  Gipfel 
der  Macht  war  und  seine  Residenz  glänzend  aus.stattete  (vgl.  Strabon 
XIII,  624,  2   ed.  Meineke;  s.  Nomisma  II,   S.  19(1'.).     Wir  dürfen  hier  wohl 


40  H.   VON    Fritze: 

auch  das  Asklepieioii  einschließen  und  annehmen,  daß  Asklepios  erst  jetzt 
seine  hervorragende  Stellung  innerhalb  der  Stadtkulte  erhielt.  Diese  Vor- 
aussetzung wird  dadurch  gestützt,  daß  wir  auf  Grund  rein  stilistischer 
Beobachtungen  die  ersten  pergamenischen  Gepräge  mit  seiner  Figur  bzw. 
mit  seinen  Attributen  gerade  in  die  Regierungszeit  des  Kumenes  II.  zu  setzen 
Anlaß  hatten  (vgl.  Cornlla  Nuniism.,  S.  54!}".).  Da  liegt  nun  der  Gedanke 
nahe,  in  einer  der  beiden  hier  vorkommenden  Asklepiosgestalten  die  Nach- 
bildung der  Phyromachosstatue  zu  suchen.  Die  Frage  ist  erörtert  in  No- 
misma  II,  S.  igff.  Hier  das  Ergebnis:  W.  Wroth  (Num.Chron.  1882,  S.  i4ff.) 
hat  den  sitzenden  Gott  des  königlichen  (Taf.  I,  29),  W.  Amelung  (Rom. 
Mitt.  1903,  S.  8  ff.)  den  stehenden  des  autonomen  städtischen  Geldes  (Taf.  1, 1 7) 
als  Reproduktion  jenes  Werkes  in  Anspruch  genommen.  Die  Gründe,  welche 
Amelung  gegen  den  sitzenden  zu  sprechen  scheinen,  sind  ebensowenig  durch- 
schlagend, wie  die,  welche  er  zugunsten  des  stehenden  vorbringt.  Man 
wird  vielmehr  geneigt  sein,  mit  Wroth,  wenn  auch  an  der  Hand  anderer 
Beobachtungen,  den  thronenden  Asklepios  des  Königsgeldes  als  Kopie  nach 
Phyromachos  anzusehen  (so  auch  Collignon  bei  Collignon-Pontremoli, 
Pergame,  S.  47).  Ein  sicherer  Beweis  ist  mit  unseren  Mitteln  bisher  nicht 
zu  führen.  Jedoch  lassen  sich  folgende  allgemeine  Erwägungen  anstellen: 
die  Quellen  (Polyb.  XXXII,  15,  4  ed.  Büttner-Wobst  und  Diod.  XXXI, 
Fr.  46  ed.  Bekker)  reden  nur  von  dem  Raube  des  Asklepiosbildes  durch 
Prusias  II.  von  Bithynien,  nicht  aber  von  seiner  Rückerstattung.  Wenn 
man  auch  erwarten  dürfte,  daß  bei  einem  so  berühmten  Bilde  ebenso  wie 
die  Fortschaffung,  auch  die  Restituierung  gemeldet  worden  wäre,  falls  sie 
wirklich  erfolgt  ist,  so  könnte  ein  solcher  Schluß  ex  silentio  allein  doch 
nicht  bindend  sein.  Unleugbar  ist  jedenfalls,  wie  schon  Bursian  (AUgem. 
Encykl.,  Sect.  I,  Bd.  82,  S.  482,  Note8i)  hervorhebt,  daß  das  Operieren  mit  der 
Hypothese  einer  Rückerstattung  der  Statue  nach  Pergamon  auf  schwachen 
Füßen  steht.  Man  hat  zunächst  nur  mit  der  Nachricht  vom  Raube  zu 
rechnen.  Dem  entspricht  der  Umstand,  daß  der  thronende  unbärtige  Gott 
nur  auf  der  genannten  königlichen  Scheidemünze  und  später  niemals  mehr, 
weder  auf  autonomer  noch  auf  kaiserlicher  Prägung  bekannt  ist,  der  stehende 
Asklepios  dagegen  sowohl  auf  jenem  Stadtgeld,  als  auch  während  der 
ganzen  römischen  Periode  bis  hinab  zu  Gallienus  erscheint.  Es  kommt 
hinzu,  daß  Phyromachos  im  Auftrage  des  Eumenes  IL  an  den  Gallierfiguren 
arbeitete.    Wenn   man   nun   glauben   darf,    daß   sich   derselbe  König   auch 


Die  Münzen  von  Pergamon.  41 

die  Hebung  des  Asklepioskultes  angelegen  sein  ließ,  so  ist  die  Vermutung 
nicht  abzuweisen,  daß  das  Bild  der  doch  wohl  auf  seinen  Befehl  ausge- 
fiihrten  Statue  des  Gottes  zur  Bekundung  der  fürstlichen  Munifizenz  eher 
königliche,  als  städtische  Prägungen  zu  schmücken  geeignet  war.  Endlich 
spricht  für  eine  besondere  Bedeutung  des  sitzenden  Asklepios,  daß  auf  den 
Rückseiten  des  königlichen  Kupfergeldes  nur  diese  eine  Götterfigur  vor- 
handen ist  und  sonst  ausschließlich  Attribute  als  Wahrzeichen  verwendet 
werden. 

Von  den  weiteren  auf  Asklepios  bezüglichen  Typen  der  vorkaiser- 
lichen Münzen,  der Schlange(Taf.  1,32.38),  demSchlangenstab(Taf.I,  i  2), 
TempelschlOssel  (Taf.  I,  42f.),  dazu  W.  Wroth,  a.  a.  0.  S.  i  7),  und  Om- 
phalos  (Taf  1,  15.  23),  fordert  nur  der  letztere  eine  Erklärung.  Wenn  wir 
den  Dreifuß  zwischen  der  Legende  askahhioy  |  znx HP oz  sehen  (Taf.  I,  24), 
so  ist  er  dadurch  noch  nicht  als  Attribut  des  Asklepios  gekennzeichnet,  da 
zu  der  Aufschrift  ein  Wort  wie  nömicma  oder  kömma  zu  ergänzen  ist  und 
überdies  jenes  Prägbild  als  Rückseite  zu  dem  Kopf  des  ApoUon  erscheint 
(vgl.  auch  Taf.  I,  34).  Anders  schon,  wenn  sich  zu  dem  Asklepioskopf  der 
Vorderseite  der  Omphalos,  von  der  Schlange  umwunden,  auf  der  Rückseite 
findet  (Taf.  I,  15).  Dieses  Vorkommnis  im  Verein  mit  der  Beobachtung,  daß 
der  sonst  dem  ApoUon  heilige  Kultgegenstand  auf  pergamenischen  Kaiser- 
münzen geradezu  neben  Asklepios  erscheint  (vgl.  Brit.  Cat.,  Taf.  XXXllI,  4), 
läßt  vermuten,  daß  hier  ein  engerer,  nicht  nur  mythischer,  sondern  auch 
kultlicher  Zusammenhang  beider  Götter,  des  Vaters  und  des  Sohnes,  be- 
stand, worauf  auch  der  Beiname  des  als  KAAAixeKNOc  verehrten  Apollon  hin- 
deutet (vgl.  Wroth,  a.  a.  0.  S.  24  und  unten  S.  60). 


IL 

Die  Münzen  der  Kaiserzeit. 
A.  Die  Münzen  ohne  Kaiserportrait. 

Nur  für  eine  im  Verhältnis  zur  Gesamtmasse  kleine  Gruppe  von  Münzen 
bedarf  es  hier  einer  chronologischen  Untersuchung.  Sie  betrifl't  diejenigen 
Exemplare,  welche  auf  der  Vorderseite  nicht  das  Bild  des  Kaisers,  sondern 
meist  Götter-  und  Heroenköpfe  aufweisen  (Taf  III,  13 — 30,  IV,  i  —  3).  Solche 
Prägungen  verdanken  ihre  Entstehung  besonderen  Privilegien,  die  dem  Ge- 
Phii.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  I.  6 


42  H.  VON   Fritze: 

meinwesen  gewisse  autonome  Rechte  verliehen,  zu  denen  die  Münzemission 
mit  eigenen  Wappen  in  erster  Linie  gerechnet  wurde.  Es  ist  natürlich,  daß 
diese  Konzession  nur  die  Ausnahme  bildet  und  sich  vorzugsweise  auf  kleinere 
Nominale  beschränkt. 

Eine  reiche  Serie  (vgl.  Taf.  III,  17.  18)  umfaßt  die  in  Legende,  Symbolen 
und  Monogrammen  vielfach  variierten  Stücke  mit  den  meist  durch  Beischrift 
bezeichneten  Brustbildern  des  unbärtigen  Senates  (Vorderseite)  und  der 
Roma  mit  Turmkrone  (Rückseite).  Sie  tragen  keinen  Stadtnamen,  doch 
ist  ihre  Zuteilung  an  Pergamon  schon  durch  die  Provenienz  gesichert  (vgl. 
Brit.  Cat.,  S.  134,  Anm.).  Ihre  Datierung  in  die  Zeit  vom  Ende  des  I.Jahr- 
hunderts n.  Chr.  bis  etwa  Mitte  des  II.  Jahrhunderts  n.  Chr.  bestimmt  sich 
durch  verschiedene  Anzeichen.  Einen  ersten  Fingerzeig  ergibt  die  Tat- 
sache, daß  ein  Gepräge  des  Traianus  den  Romakopf  (Taf.  VI,  24)  und  ein 
anderes  des  Hadrianus  das  Senatsbildnis  (Taf.  VI,  23)  in  analoger  Ausstattung 
tragen.  Da  diese  Typen  sich  in  der  langen  Reihe  pergamenischer  Kaiser- 
münzen sonst  nirgends  wiederholen,  darf  man  den  Umstand  als  beachtens- 
wert ansehen.  Ferner  kommt  hinzu,  daß  beide  Gepräge  stilistisch  manchen 
der  in  Rede  stehenden  Gruppe  ohne  Kaiserkopf  nahestehen.  Letztere  kann 
man  unbedenklich  als  Ganzes  behandeln,  da  die  Stücke  trotz  gewisser  Ab- 
weichungen zeitlich  zusammenhängen.  Endlich  lassen  sich  Parallelen  in 
Beamtennamen  feststellen.  Ein  Stratege  Kephalion  signiert.  Münzen  des 
Augustus  (vgl.  Taf.  IX,  13),  die  des  Stils  wegen  hier  nicht  in  Frage  kommen, 
des  Domitianus  (vgl.  Taf.  IX,  1 4)  und  des  Hadrianus  (Taf.  IV,  8,  V,  8.  2  2 ,  VI,  3). 
Zwischen  diesen  könnte  man  schwanken,  da  auf  Domitianus  eventuell  auch 
ein  auf  dem  Senat-Romagelde  vorkommendes  seltenes  Monogramm  151  zu 
beziehen  wäre  (Exemplare  in  Mailand,  Paris,  Parma).  Aber  wenn  wir  sehen, 
daß  sämtliche  Münzen  des  Typus,  der  nicht  nur  in  Pergamon,  sondern  auch 
in  ApoUonis,  Germe,  Hermokapelia,  Julia-Gordos,  Nakrasa  und  Stratonikeia- 
Hadrianopolis  vorkommt,  aus  der  Zeit  des  Hadrianus  stammen  (vgl.  Im- 
hoof,  Lyd.  Stadtmünzen,  S.  76;  vgl.  S.  30.  34),  so  wird  man  dasselbe  auch 
für  einen  großen  Teil  der  pergamenischen  Gepräge  anzunehmen  haben.  Daß 
aber  diese  Serie  hier  schon  unter  Traianus  ihren  Anfang  nahm,  lehrt  nicht 
nur  der  obengenannte  Stempel  mit  seinem  Portrait  und  dem  Romabrust- 
bild, sondern  auch  das  auf  Münzen  ohne  (Taf.  III,  1 8)  und  mit  Kaiserkopf 
(Taf.  VI,  19)  erscheinende  Monogramm  /VE.  Seine  Auflösung  bringen  andere 
Exemplare,    auf  denen  neben  der  Homonoia  ausgeschrieben  meiaatoy  zu 


Die  Münzen  von  Pergamon.  43 

lesen  ist.  Dieser  Meilates  fungierte  wiederholt  als  Beamter  unter  Traianus, 
da  seinem  Namen  TO  B  (auf  Exemplaren  in  München,  Paris)  imd  sogar  TO  A 
(auf  Exemplaren  in  München,  St.  Petersburg,  Wien)  zugesetzt  ist. 

Die  übrigen  Gepräge  ohne  Kaiserkopf  zeigen  großenteils  Typen  oder 
Symbole  der  Athena  und  des  Asklepios,  vereinzelt  au6h  Köpfe  des  Hermes 
und  Herakles  sowie  den  Dreifuß.  Sie  gehören  sehr  verschiedenen  Epochen  an, 
die  sich  mehr  oder  weniger  genau  fixieren  lassen.  Hilfsmittel  bieten  in 
erster  Linie,  wenigstens  für  einige  Serien,  wiederum  die  Beamtennamen. 
Der  schon  erwähnte  Kephalion  verweist  eine  Münze  mit  dem  Kopfe  des 
Pergamos  und  dem  Schlangenstab  (Taf.  111,  14)  augenscheinlich  gleich- 
falls in  die  Zeit  des  Hadrianus,  da  der  Stil  gut  zu  dem  der  Senat-Roma- 
gruppe paßt. 

Weniger  leicht  sind  die  durch  lulius  PoUio  signierten  Gepräge  fest- 
zulegen. Denn  Männer  dieses  Namens  haben  während  des  ganzen  II.  Jahr- 
hunderts n.  Chr.  als  Münzbeamte  gezeichnet,  und  zwar  unter  Traianus,  Ha- 
drianus (Sabina),  Pius,  M.  Aurelius  (Faustina  iun.),  Commodus  und  Severus. 
Man  darf  also  hier  wie  für  andere  pergamenische  Beamtendynastien  eine 
durch  mehrere  Generationen  in  derselben  Familie  fortbestehende  Verwaltung 
desselben  Amtes  annehmen.  Zu  genauerer  Bestimmung  kann  nur  der  Stil 
fuhren.  Zunächst  gibt  es  nun  eine  Anzahl  von  Münzen  mit  dem  Athena- 
brustbild  und  dem  Telesphoros,  die  in  Fabrik  und  Stil  den  hadria- 
nischen  Stücken  mit  derselben  Rückseite  so  entsprechen,  daß  man  ihre 
gleichzeitige  Entstehung  nicht  in  Frage  ziehen  kann  (vgl.  Taf.  III,  1 6  mit 
Taf.V,8).  Von  dieser  Gruppe  aus  sind  andere  auf-  wie  abwärts  anzuordnen. 
Das  Gepräge  mit  Athenakopf  und  einem  nackten  Knaben  (Taf.  III,  13) 
weicht  in  der  Flächenbehandlung  von  dem  eben  besprochenen  insofern  ab, 
als  der  Kontur  schärfer,  die  Ausfuhrung  aber  trockener  und  flacher  erscheint. 
Hierfür  findet  sich  ein  Analogon  in  der  Art  der  Wiedergabe  des  Zeuskopfes 
auf  der  Münze  des  Traianus  (Taf.  IV,  5);  man  wird  also  den  Typus  Taf.  III,  1 3 
dem  erst  angeführten  hadrianischen  (Taf.  III,  1 6)  zeitlich  voranstellen.  Das 
Vorkommen  eines  lulius  PoUio  unter  Traianus  und  Hadrianus  braucht  jedoch 
keineswegs  das  Vorhandensein  von  zwei  Personen  des  Namens  vorauszu- 
setzen. Und  in  der  Annahme  desselben  Beamten  unter  beiden  Kaisern  wird 
man  dadurch  bestärkt,  daß  die  ältei-e  Münze,  die  wir  der  traianischen  Epoche 
zuschrieben  (Taf.  III,  13),  nur  die  Legende  CTP(ATHroY)  i(oyaioy)  nnAAinNOC 
aufweist,  während  die  jüngere,  hadrianische  (Taf.  III,  16)  den  Zusatz  TO  B 


44  H.  vonFritze: 

zeigt,  also  die  zweite  Amtsperiode  eines  Pollio  andeutet.  P"s  bleibt  end- 
lich ein  Typus  mit  demselben  Namen,  und  zwar  bei  dem  Heiligtum  der 
paphischen  Aphrodite  auf  der  Rückseite  und  mit  dem  Kopf  des  in- 
schriftlich bezeugten  pergamenischen  Heros  Eurypylos  auf  der  Vorderseite 
(Taf.  III,  15).  Dieses  Stück  wird  man  kaum  in  eine  andere  Periode  setzen 
können,  als  in  die  hadrianische,  der  eine  noch  sorgfältige,  feine  Modellie- 
rung eigen  ist,  was  besonders  bei  der  Vergleichung  mit  dem  späteren  Per- 
gamoskopfe  (Taf.  III,  1 9)  auffällt.  Ist  die  Datierung  richtig,  so  wäre  die 
Münze  zwischen  die  beiden  obengenannten  Typen  mit  dem  Namen  des  Pollio 
(Taf.  III,  13  und  III,  16)  einzuschieben,  da  auf  ihr  noch  keine  Iteratio  der 
Amtsführung  angegeben  ist. 

Einer  späteren  Epoche  gehören  drei  durch  ihre  stempelgleiche  Vorder- 
seite (Athenakopf  nach  rechts)  verbundene  Typen  an.  Die  Rückseiten, 
welche  die  Aufschrift  der  Vorderseite  wiederholen,  zeigen  den  nackten 
Knaben  (Taf.  III,  21),  Telesphoros  (Taf.  III,  20)  und  einen  Dreifuß,  aus 
dessen  Kessel  sich  eine  Schlange  erhebt  (Taf.  III,  22).  Obgleich  der  Stil 
diese  Exemplare  noch  dem  II.  Jahrhundert  n.  Chr.  zuzuweisen  scheint,  wür- 
den wir  auf  eine  genauere  Datierung  verzichten  müssen,  brächte  nicht  eine 
Stempelvariante  mit  dem  nackten  Knaben  an  Stelle  des  Stadtnamens  auf 
der  Rückseite  den  eines  Beamten,  und  zwar  des  Diodoros  (Taf.  III,  21).  Ein 
solcher  spielte  schon  zur  Königszeit  in  Pergamon  eine  Rolle  auf  Inschriften 
(vgl.  Hepding,  Athen.  Mitt.  1907,  S.  243)  und  Münzen  (vgl.  Corolla Numism., 
S.  54.  58,  s.  oben  S.  6.  23).  In  der  Kaiserzeit  kommt  ein  Diodoros  nur  einmal 
vor,  und  zwar  unter  Commodus.  In  dessen  Regierungsperiode,  also  in  die 
letzten  Dezennien  des  II.  Jahrhunderts  n.  Chr.,  gehören  wohl  auch  dem  StU 
nach  die  obigen  drei  Prägungen,  wie  eine  Vergleichung  mit  den  eingangs 
dieses  Abschnitts  in  die  ersten  Jahrzehnte  des  II.  Jahrhunderts  n.  Chr.  ge- 
setzten Serien  (Taf.  III,  13  -18)  wahrscheinlich  macht.  So  sehr  jene  schon 
in  Feinheit  und  präziser  Technik  gegen  diese  zui-ückstehen,  so  überlegen 
sind  sie  hierin  wie  auch  in  der  Sorgfalt  der  Arbeit  den  Stempeln  des  III.  Jahr- 
hunderts n.  Chr.,  welchem  die  nunmehr  noch  übrigen  Münzen  ohne  Kaiser- 
kopf angehören. 

Die  Mehrzahl  von  ihnen  kennt  keine  Beamtennamen.  Nach  Stil  und 
Typen  lassen  sieh  jedoch  Gruppen  bilden.  Die  stempelgleichen  Vorderseiten 
zweier  Gepräge  zeigen  das  Brustbild  des  Asklepios  nach  links  und  im 
Feld  vor  ihm  eine  Schlange  (Taf.  III,  25).     Auf  den  dazugehörigen  Rück- 


Die  Münzen  von  Pergamon.  45 

Seiten  erblickt  man  die  sich  in  vielverschlungenen  Windungen  aufringelnde 
Schlange  (Taf.  III,  25)  oder  dieselbe,  sich  um  einen  Baum  windend 
(Taf.  III,  26).  Beide  ermöglichen  den  zeitlichen  Anschluß  dreier  weiterer 
Typen.  Die  in  allen  p]inzelheiten  entsprechende,  augenscheinlich  stempel- 
gleiche Schlange  zweier  Rückseiten  ist  einerseits  mit  einem  Athenabrust- 
bild  (Taf.  in,  23)  und  anderseits  mit  Telesphoros  (Taf.  III,  24)  verbunden. 
Um  den  Baum  geringelt  ist  sie,  vermutlich  aus  demselben  Stempel  wie 
III,  26,  als  Rückseite  mit  einem  Hermesbrustbild  kombiniert  (Taf.  lll,  27). 

Noch  später  ist  eine  zweite  Serie  entstanden,  die  sich  durch  flaches 
Relief  und  gesteigerte  Roheit  des  Stiles  kennzeichnet.  Wiederum  erscheinen 
zwei  verschiedene  Rückseiten  typen  bei  stempelgleichen  Vorderseiten  (mit 
dem  Athenabrustbild),  und  zwar  i.  Telesphoros  (Taf.  III,  28),  2.  die 
um  den  Baum  geringelte  Schlange  (Taf.  III,  29),  aber  in  charakteristisch 
von  der  obigen  (Taf  III,  26.  27)  abweichenden  Windungen.  Dieses  Wappen 
findet  sich  ganz  ähnlich  als  Rückseite  zu  einem  stiernackigen,  kurzhaarigen 
und  bärtigen  Kopf,  den  man  trotz  mangelnder  Attribute  wohl  als  Herakles 
auffassen  darf  (Taf.  III,  30).  Ihm  stehen  wieder  die  stempelgleichen  Vorder- 
seiten zweier  Gepräge  sehr  nahe,  die  einen  Asklepioskopf  nach  rechts, 
davor  im  Feld  die  Schlange  darstellen  (Taf.  IV,  2).  Auf  der  *inen  Rück- 
seite sehen  wir  Telesphoros  (Taf.  IV,  2),  auf  der  anderen  die  Schlange, 
aber  in  einfacherer  Verschlingung  als  bei  der  vorigen  Gruppe  (Taf.  IV,  i). 
Eine  genauere  chronologische  Bestimmung  dieser  zwei  Serien  ließe  sich  ver- 
mutungsweise vielleicht  auf  Grund  der  Tatsache  gewinnen,  daß  die  um  den 
Baum  geringelte  Asklepiosschlange  als  alleiniges  Münzbild  Geprägen  des  Ela- 
gabalus  (Taf.  IX,  9),  des  Alexander  und  der  Mamaea  eigen  ist.  In  diese 
Epoche  würde  auch  der  Stil  der  Serien  passen. 

Einer  etwas  früheren  Periode,  vielleicht  der  Zeit  Caracalla's,  könnte  man 
die  Münze  mit  dem  Kopfe  des  Pergamos  als  ktIcthc  und  einer  stehenden 
Athena  mit  Schale,  Schild  und  Speer  zuschreiben  (Taf  III,  19).  Der  Be- 
amtenname »Sokrates«  ist  zeitlich  nicht  zu  fixieren.  Keinesfalls  wird  man 
der  Datierung  im  Brit.  Cat.,  S.  136,  224  folgen  können,  wo  das  Stück  in  die 
Periode  des  Domitianus,  Traianus,  Hadrianus  gesetzt  wird.  Die  große  Ver- 
schiedenheit des  Stils  der  beiden  Pergamosköpfe  (Taf  111,  1 4  und  Taf  III,  1 9) 
sowie  die  rohe  Ausführung  des  Athenabildes  rechtfertigen  die  zeitliche  Her- 
abrückung  der  letzteren  Münze.  Endlich  ist  noch  ein  Exemplar  mit  dem 
Senatsbrustbild  und  einer  der  eben  genannten  im  Typus  gleichen  Athena 


46  H.  vonFritze: 

zu  nennen  (Taf.  IV,  3).  Der  Zusatz  r  NenKOPn  bringt  als  terminus  post 
quem  die  Regierung  des  Severus.  Aber  man  hat  die  genaue  Bestimmung 
durch  das  Vorkommen  der  stempelgleiclien  Rückseite  auf  einem  Gepräge 
des  Saloninus  (Petersburg). 


B.  Die  Münztypen  der  Kaiserzeit. 

Die  überaus  große  Zahl  von  pergamenischen  Prägbildern  aus  der  Kaiser- 
zeit erfordert  eine  zusammenfassende  Gruppierung  nach  bestimmten  Gesichts- 
punkten. Es  gibt  im  wesentlichen  drei  Typenkategorien :  i.  konventionelle 
Darstellungen,  vt^elche  sich  über  die  ganze  griechisch-römische  Welt  ver- 
breitet finden,  2.  solche  mit  lokaler  Bedeutung  und  3.  Bilder,  die  bestimmte 
Ereignisse  illustrieren  sollen.  Während  die  den  ersten  beiden  Gruppen  zu- 
gehörigen Typen  kurz  als  »konventionelle«  und  »lokale«  bezeichnet  werden, 
hat  B.  Pick  (Österr.  Jahresh.,  Bd.  Vll,  1904,  S.  14)  für  die  dritte  den 
prägnanten  Ausdruck  »aktuelle«  gefunden.  Wie  aber  alle  derartigen  syste- 
matischen Einteilungen,  so  bieten  auch  diese  nicht  genügend  feste  Grenzen, 
um  ein  Ineinanderfließen  zu  verhüten;  so  bei  den  »lokalen«  und  »aktuel- 
len« Wappen.  Wenn  Pick  z.B.  (a.a.O.)  meint,  daß  das  Tempelchen  in 
der  Hand  von  Gottheiten  kein  »regelmäßig  örtliches  Attribut«  sei,  viel- 
mehr erscheine  es  auf  den  Münzen  nur  bei  einem  bestimmten  Anlaß,  so 
wird  man  sich  kaum  entschließen  wollen,  von  dem  Tempel  als  Ortsbezeich- 
nung abzusehen.  Und  umgekehrt  ist  es  sehr  wohl  möglich,  daß  ein  Kult- 
bild, welches  Pick  für  seine  »lokale«  Gruppe  in  Anspruch  nimmt,  unter 
Umständen  auch  nur  zur  Charakterisierung  eines  besonderen  Falles  auf  der 
Münze  zur  Darstellung  kommt.  Nicht  anders  ist  es  mit  dem  Vorschlage 
Macdonald's  (Coin  Types,  S.  72),  die  Typen  in  »dekorative«,  »imitative«, 
» kommemorative «  und  »religiöse«  zu  teilen  (vgl.  Wochenschr.  f.  klass. 
Philol.  1906,  Nr.  30/31,  Sp.  821).  Man  wird  daher  am  besten  tun,  die 
Gruppen  von  FaU  zu  Fall  nach  den  Gesichtspunkten  zu  bilden,  welche 
die  größtmögliche  Übersichtlichkeit  ergeben. 

Mit  Ausschluß  oder  nur  gelegentlicher  Erwähnung  der  »konventio- 
nellen« Typen  sollen  in  folgendem  die  in  Kategorien  zusammengefaßten 
Prägbilder  aufgeführt  werden,  und  zwar,  soweit  angängig,  unter  Verzicht 
auf  eingehendere  religions-  und  kunstgeschichtliche  Untersuchungen,  was 
über  die  Grenzen  dieser  Abhandlung  hinausgehen  würde. 


J 


Die  Münzen  von  Pergamon.  47 

I.   Asklepios'   und  sein  Kreis. 

Asklepios  wird  deshalb  an  die  Spitze  gestellt,  weil  sein  Kult  in  dem 
Maße  alle  anderen  Götterdienste  während  der  Kaiserzeit  verdunkelt,  daß 
er  geradezu  als  Stadtpatron  angesehen  werden  kann,  wie  mit  Sicherheit 
aus  den  zahlreichen  Homonoiamünzen  hervorgeht.  Allerdings  erscheint  er 
erst  zur  Zeit  der  Flavier  (unter  Domitianus,  vgl.  Mionnet,  Svppl.  V,  S.  432, 
951),  während  auf  dem  Gelde  der  iulischen  Kaiser  mit  Ausnahme  einiger 
noch  zu  besprechender  Prägbilder  wesentlich  Portraits  von  Mitgliedern  des 
Herrscherhauses  auch  auf  den  Rückseiten  angetroffen  werden'.  Damit  ist 
freilich  nicht  gesagt,  daß  der  Asklei)ioskult,  welcher,  wie  wir  sahen,  schon 
im  II.  Jahrhundert  v.  Chr.  zu  großer  Bedeutung  gelangt  war,  unter  den 
ersten  Kaisern  eine  Vernachlässigung  erlitten  hätte'.  Die  Münzdarstellun- 
gen des  I.  Jahrhunderts  n.  Chr.  zeigen  vielmehr  in  Pergamon,  wie  auch 
andernorts,  nur  verhältnismäßig  wenig  ]\r;umigialtigkeit  und  eine  gewisse 
Zurückhaltung  in  der  Auswahl  der  Typen,  auch  vorzugsweise  nur  kleinere 
Nominale.  Erst  von  Traianus  ab  beginnt  eine  schnell  zunehmende  Be- 
reicherung des  Bilderschatzes  und  durch  die  Ausgabe  größerer  Gepräge 
auch  die  Wiedergabe  von  Szenen  mit  mehreren  Figuren,  welche  ihren  Höhe- 
punkt auf  den  Großbronzen  der  Antonine  findet. 

Asklepios  erscheint  hier  wie  auf  den  vorkaiserlichen  Münzen  (vgl. 
oben  S.  40),  sitzend  und  stehend,  ferner  in  verschiedener  Situation  und 
Haltung.  Die  Frage  liegt  nahe,  ob  und  welche  dieser  Stempel  eventuell 
auf  in  Pergamon  vorhandene  Kunstwerke  zurückgehen.  Das  ist  nur  in 
einzelnen  Fällen  mit  Sicherheit  zu  entscheiden.  Von  Pius  bis  zu  Gallienus 
kommt  der  stehende  Asklepios  im  Innern  eines  Tempels,  also  siclier 
als  Kultstatue  in  Pergamon  vor  (vgl.  Nomi'^ma  II,  S.  22:  hier  Taf.  Vlli,  10, 
Pius;  Taf.  IX,  16,  Commodus;  Taf.  VIII,  9,  Caracalln).    Er  repräsentiert  den- 


'  Soweit  es  sich  um  Asklepios  und  seine  Bilder  in  Pergamon  handelt,  werden  hier 
ohne  nähere  Begründung  kurz  die  Ergebnisse  des  Aufsatzes  -Asklepiosstatuen  in  Pergamon « 
{Nomisma  II,  S.  2  2ff.)  wiederholt. 

•  Vgl.  Livia  und  lulia  (Brit.  Cat.,  Taf.  XXVIII,  6);  C.  und  L.  Caesar  (vgl.  Mionnet, 
II,  8.595,543);  Livia  sitzend  (hier  Taf.  VII,  3);  Drusus  und  Gcrnianicus  (vgl.  Mionnet, 
Suppl.y,  S.  430,  944;  Inilioof,  Kleinasiat.  Münzen,  Bd.  I,  8.31);  Nero  und  Britannicus 
(I  nihoof,  a.  a.  O.). 

^  Dagegen  spricht  .schon  die  Notiz  des  Tacitus  (Ann.  111,63)  ^'i^ev  die  Verleihung 
des  A.sylrechts  an  den  Asklepiostempel  von  Pergamon  durch  Tiljerius  und  den  Senat. 


48  H.   VON    Fritze: 

selben  Typus  wie  auch  das  autonome  Stadtgeld  (Taf.  I,  17):  bärtig,  von  vorn 
gesehen,  den  Schlangenstab  unter  der  rechten  Achsel,  die  Linke  im  Mantel, 
ein  Schema,  das,  vermutlich  im  V.  Jahrhundert  v.  Chr.  entstanden,  sich  über 
die  ganze  antike  Welt  verbreitend,  konventionell  geworden  ist.  Derselbe  Gott 
findet  sich  nicht  nur  als  Gegenstand  der  Verehrung  seitens  des  Kaisers 
auf  hohem  Pfeiler  (Taf  VII,  1 4)  oder  auf  dem  Boden  stehend  (Taf.  VIII, 
I.  2.4),  sowie  von  Kentauren  getragen  (Taf.  V,  10),  auch  zwischen  ihnen 
auf  einem  Postament  (Taf.  V,  9),  oder  als  Attribut  auf  der  Hand  einer  Stadt- 
göttin (Taf.  VII,  1 3),  eines  Mannes,  vielleicht  Priesters  (Taf.  VIl,  1 5),  in  langem 
Gewand,  neben  Zeus  (Taf.  IV,  10)  oder  Hermes  (Taf.  VI,  4)  usw.,  sondern  auch 
als  Vertreter  der  Stadt  auf  Homonoiamünzen  mit  den  Repräsentanten  anderer 
Gemeinwesen  zusammengestellt  (vgl.  Imhoof,  Griech.  Münzen,  Taf.  VII,  12, 
mit  der  Artemis  von  p]phesos).  Ob  dies  dieselbe  Statue  ist  wie  auf  dem 
autonomen  Stadtgelde  (Taf.  I,  17)  oder  eine  andere  desselben  Typus,  ist 
nicht  zu  entscheiden.  Die  Vermutung  ist  jedoch  nicht  abzuweisen,  daß 
der  stehende  Gott  den  durch  Prusias  II.  geraubten  (vgl.  oben  S.  40)  sitzen- 
den des  Phyromachos  zu  ersetzen  bestimmt  war  und  dann  bis  mindestens 
in  die  Epoche  des  Gallienus  hinein  erhalten  blieb.  Anderseits  ist  es  aber 
auch  möglich,  daß  beide  Statuen  schon  nebeneinander  zur  Königszeit  in 
Pergamon  bestanden.  Als  sicher  darf  gelten,  daß  seit  Pias  das  stehende 
Bildwerk  den  Asklepios  darstellte,  welchem  in  der  Kaiserzeit  der  Hauptkult 
der  Stadt  galt. 

Derselbe  Typus  des  bärtigen  Gottes  erscheint  aber  auch  mit  anderer 
Kopfhaltung.  Statt  nach  vorn  schauend  stellte  man  ihn  im  Profil  teils 
nach  rechts  (Taf.  IV,  20;  VII,  1 7  ;  IX,  2  i .  24),  teils  —  und  zwar  häufiger  — 
nach  links  dar  (vgl.  Nomismn  II,  S.  23 ;  Taf  II,  10;  hier  Taf  V,  7.  16;  VI,  2  i ; 
IX,  15.  17).  Daß  dies  vielfach  in  der  Absicht  geschah,  ihn  mit  den  neben 
ihm  stehenden  Figuren  in  eine  innere  Verbindung  zu  bringen,  wie  beson- 
ders bei  den  Homonoiamünzen,  liegt  auf  der  Hand.  Hier  an  ein  Vorbild 
irgendeiner  Art  zu  denken,  ist  unstatthaft.  Daß  anderseits  Kompositionen 
bestanden,  die  den  nach  links  blickenden  Gott  aufwiesen,  lehrt  unzweifel- 
haft seine  typische  Zusammenstellung  mit  Hygieia  (vgl.  Taf.  V,  12.  13), 
wo  es  doch  anders  liegt  als  bei  den  Allianzmünzen  (vgl.  Nomisma  II, 
S.  24).  Ob  aber  ein  malerisches  oder  statuarisches  Werk  gerade  dieser 
Art  in  Pergamon  existierte,  können  wir  nicht  wissen,  da  das  konven- 
tionell   gewordene    Schema    keine    lokalen    Anknüpfungspunkte    zu    haben 


Die  Münzen  von  Pergamon.  49 

braucht'.  Beide  Figuren  erscheinen  in  unveränderter  Haltung  auch  einzeln, 
haben  also  in  diesem  Falle  aus  der  Gruppe  herausgelöst  Verwendung  gefunden. 
—  Es  gab  jedoch  sicher  eine  nach  links  schauende  Asklepiosstatue  in  Perga- 
mon, in  der  Stellung  der  eben  erwähnten  gleich,  aber  unbärtig.  Eine  solche 
zeigt  nämlich  ein  Prägbild  des  M.  Aurelius,  wo  sie  auf  hohem  Pfeiler 
zwischen  den  gelagerten  Flußgöttern  Seleinus  und  Keteios  steht  (Taf.VI,  15). 
Bequemlichkeit  des  Stempelschneiders  ist  nicht  gut  als  Ursache  für  die 
Kopfwendung  anzunehmen  in  einer  Münzreihe,  wo  der  Gott  so  häufig  en 
face  vorkommt.  Man  wird  also  zu  dem  Schluß  veranlaßt,  hier  ein  anderes 
statuarisches  Bild  des  Asklepios  vorauszusetzen.  Daß  den  ihm  zu  Füßen 
angebrachten  Flußgöttern  keine  topographische,  sondern  nur  eine  allgemein 
geographische  Bedeutung  eigen  ist,  beweist  eine  ähnliche  Münze  von  Ephesos 
(vgl.  Nomisma  II,  S.  2  3  f.). 

Eine  Abwandlung  der  eben  genannten  konventionellen  Gruppe  des 
Asklepios  und  der  Hygieia  bringen  zwei  analoge  Großbronzen  des  M.  Aurelius 
und  des  L.  Verus.  Schon  H.  Gaebler  (Zeitschr.  f  Num.  Bd.  XXV,  S.  38) 
hat  die  bei  Hygieia  nicht  zu  erklärende  Schleiertracht  als  Kennzeichen  für 
eine  mit  ihr  identifizierte  Kaiserin,  hier  also  Faustina  iunior,  in  Anspruch 
genommen,  an  deren  Heiligtum  auf  der  Burg  er  erinnert.  Auf  dem  besser 
erhaltenen  Stück  des  Verus  (Taf.  V,  14)  treten  sogar  Portraitzüge  des 
M.  Aurelius  bei  dem  Gott  hervor.  Das  von  dem  gewöhnlichen  Typus  ab- 
weichende Halten  des  Schlangenstabes  nach  Art  eines  Zepters  legt  es  nahe, 
dies  vielleicht  als  Eigentümlichkeit  für  den  vergöttlich ten  Kaiser  zu  be- 
trachten. Dementsprechend  sind  zwei  weitere  identische  Medaillons  der- 
selben beiden  Herrscher  dahin  zu  erklären,  daß  M.  Aurelius-Asklepios  auf 
einem  von  zwei  Kentauren  gezogenen  Wagen  vielleicht  bei  seiner  Umfahrt 
als  Gott  gedacht  ist  (Taf.  V,  1 1 ,  Verus).  Endlich  käme  eine  Homonoia- 
münze  von  Pergamon  und  Ephesos  mit  dem  Portrait  des  Commodus  in 
Betracht,  auf  welcher  Asklepios  in  gleicher  Stellung  wie  oben,  aber  nicht 


'  Daß  ans  pergamenischen  Münzbildern  irgendwelche  Schlüsse  auf  das  Werk  des 
Nikeratos  (Plm.  N.  h.  XXXIV,  80)  auch  n\ir  mit  eini<>;er  Wahrscheinlichkeit  gezogen  werden 
könnten,  i.st  im  Gegensatz  zu  A.  .I.-Rei  nach  (Rev.  arch.  1909,  f^.  167)  zu  bestreiten.  Denn 
zunächst  ist  die  Annahme,  daß  seine  Gruppe  des  Asklepios  und  der  Hygieia  im  Concordia- 
tempel  zu  Rom  aus  Pergamon  stamme,  bisher  eben  nur  Hypothese,  nicht  weniger  aber  auch 
deren  Zusammenliang  mit  den  vatikanischen  Statuen  (vgl.  Amelung,  Skul|)t.  de.s  \'at.  Mus., 
Bd.  II,  Nr.  399;  Taf.  51)  sowie  des  Nikeratos  eventuelle  Urheberschaft  der  letzteren. 
Pkil.-hist.  Klasse.   1910.    Anhang.    Abk.  l.  7 


50  H.  VON   Fritze: 

der  Hygieia,  sondern  einer  matronalen  Artemis  mit  Köcher  an  der  Schulter 
und  langer  Fackel  —  ein  sonst  für  Ephesos  unbekannter  Typus  —  gegen- 
übersteht (Taf.  IX,  19).  Ob  man  diesen  Asklepios  als  Commodus  ansehen  darf, 
steht  dahin.  Es  wäre  notwendig,  eine  Reihe  von  Bedenken  zu  heben,  bevor 
man  eine  solche  These  aufstellen  könnte  (vgl.  darüber  Nomkma  II,  S.  26f.). 

Es  bleibt  von  den  stehenden  Asklepiosdarstellungen  noch  ein  völlig 
nackter,  unbärtiger  Typus:  der  Gott  stützt  die  Rechte  in  die  Seite,  den 
Schlangenstab  unter  die  linke  Achsel  und  reicht  mit  der  Linken  der  Schlange 
Nalirung  (Taf.  V,  1 8).  Es  ist  bei  der  Roheit  des  Gepräges  nicht  zu  ent- 
scheiden, ob  hier  Portraitzüge  des  Severus  Alexander  vorliegen,  dessen 
Bild  die  Vorderseite  trägt.  Daß  bei  dem  unbekleideten  Gott  an  die  bei 
Kaiserstatuen  sonst  häufige  heroische  Nacktheit  zu  denken  wäre,  wird  an- 
gesichts des  eben  erwähnten,  mit  dem  Mantel  umhüllten  Aurelius- Asklepios 
(Taf.  V,  14)  nicht  wahrscheinlich.  Auch  die  Frage  nach  einem  etwaigen 
statuarischen  Vorbild  in  Pergamon,  das  der  Stempelschneider  vor  Augen 
gehabt  habe,  bleibt  offen.  Das  Motiv  des  die  Schlange  in  der  beschriebe- 
nen Weise  fütternden  Heilgottes  ist  allerdings  statuarisch  bekannt  (vgl. 
Nomisma  II,   S.  2  7  f.). 

Haben  wir  demnach  mit  Hilfe  der  Münzen  von  zwei  in  Pergamon 
vorhandenen  stehenden  Asklepiosfiguren  die  eine  mit  Gewißheit  als  Kult- 
statue bestimmen  können,  so  ist  derselbe  Nachweis  auch  für  ein  Sitzbild 
zu  führen,  das  sich  im  Tempel  auf  Großbronzen  des  Caracalla  findet  (vgl. 
Nomisma  II,  S.  2 9  ff.).  Abweichend  von  dem  gewöhnlichen  Schema  des 
thronenden,  die  sich  vor  ihm  erhebende  Schlange  aus  der  Schale  tränken- 
den Gottes  hält  er  hier  das  ihm  heilige  Tier  auf  der  vorgestreckten  Rechten. 
Der  diese  Figur  bergende  Tempel  erscheint  einerseits  allein  (Taf.  VIII,  7.  8), 
anderseits  zwischen  zwei  ähnlichen  Heiligtümern,  die  teils  ohne  Kultbilder 
(Taf.  VIll,  16),  teils  mit  je  einer  Kaiserstatue  im  Innern  (Taf.  VIII,  19)  dar- 
gestellt sind.  Auch  abgesehen  von  den  beweiskräftigen,  die  drei  Giebel 
füllenden  Legenden  AYr(oYCTOY).  A N (TUNeiNOY).  tpa(iänoy)  (Taf .  VIII,  19)  würde 
man  an  die  Neokorietempel  der  Stadt  denken,  die  ihr  durch  Augustus, 
Traianus  und  zuletzt  durch  Caracalla  bewilligt  waren'.  Während  längst 
feststand,  daß  Augustus  neben  Roma  und  Traianus  neben  Zeus  Philios  einen 


'  Auf  dein  Gepräge  mit  den  zwei  kultbildlosen  Tempeln  (Taf.  VIII,  i6)  liest  man  nur 
im  Giebel  des  darüber  befindlichen  dritten  mit  dem  sitzenden  Gott  im  Innern  eine  Legende, 
A  N  (TUNeiNOY),  welche  aber  genügt,  alle  drei  als  die  Neokorietempel  zu  erweisen. 


I 


Die  Mümen  von  Pergamon.  51 

Tempel  innehatte,  war  man  über  den  Namen  des  im  dritten  Neokorie- 
heiligtum  thronenden  Gottes,  dessen  cynnaoc  Caracalla  wurde,  bisher  im  un- 
klaren. Fränkel  (Inschr.  v.  Perg.,  Bd.  11,  S.  228)  dachte  an  Zeus,  undConze 
(Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1895,  S.  1060)  nahm  der  Schlange  wegen 
Asklepios  an ',  wurde  infolgedessen  aber,  ohne  die  Giebelin'schriften  der  Tempel 
auf  den  Münzen  zu  kennen,  an  der  Deutung  als  die  Neokorietempel  irre. 
Neuere  Untersuchungen  haben  jetzt  ergeben,  daß  es  das  von  Aristides  (II, 
335»  5  und  437,  3  ed.  Keil)  bezeugte  Hieron  des  Zeus  Asklepios  war,  in 
den  Caracalla  als  göttlicher  Mitbewohner  aufgenommen  wurde  (vgl.  Nomisma 
II,  S.  3 2 f.).  Wir  kennen  nun  aber  das  Caracallaheiligtum  in  Pergamon; 
es  ist  der  sogenannte  »ionische  Tempel«  auf  der  Theaterterrasse.  Zwar 
hat  man  von  den  Metallbuchstaben  der  Architrav-Inschrift  nichts  mehr  ge- 
funden, aber  ihre  Einzapfungslöcher  sind  erhalten,  aus  deren  Stellung  zu- 
einander, teilweise  mit  Erfolg,  eine  Ergänzung  versucht  worden  ist.  Eine 
Nachprüfung  an  den  im  Berliner  Museum  befindlichen  Abgüssen  der  be- 
treffenden Platten  ergab  das  Resultat,  daß  das  erste  Wort  wirklich,  wie 
schon  Borrmann  und  Fabricius  herausfanden,  aytokpatopi  gelautet 
haben  muß.  Da  Caracalla  der  einzige  lebende  Kaiser  war,  dem  man  außer 
Augustus  und  Traianus  in  Pergamon  einen  Tempel  errichtete,  so  muß  ihm 
dieser  ionische  Bau  geweiht  gewesen  sein,  weil  die  Dedikationsformel  an 
einen  verstorbenen  Herrscher  mit  dem  Worte  eeni  zu  beginnen  hätte.  Die 
übrigen  Wiederherstellungsversuche  von  Fränkel  (a.  a.  O.  Bd.  II,  zu  Nr.  299) 
sind,  wie  Nomisma  II,  S.  34 f.  nachgewiesen  wurde,  unrichtig.  Daß  in  der 
Tat  der  aus  den  Brandtrümmern  eines  Heiligtums  der  Attalidenzeit  um  die 
Mitte  des  II.  Jahrhunderts  n.  Chr.  restaurierte  ionische  Tempel  dem  Zeus 
Asklepios  gehörte,  scheint  auch  eine  nur  in  wenigen  Fragmenten  erhaltene 
Inschrift  zu  beweisen,  die  in  ihm  gefunden  ist  (bei  Fränkel,  a.a.O.  Bd.  II, 
Nr.  300).  Denn  der  erste  Buchstabe  A  wird  in  diesem  Zusammenhange  nur 
zu  All  ergänzt  werden  können.  Nach  alledem  darf  man  es  als  sicher  an- 
sehen, daß  der  thronende  Gott  im  Tempel  auf  den  Großbronzen  des  Cara- 
calla als  Kultbild  des  Zeus  Asklepios  zu  gelten  hat. 

Zwei  weitere  Typen   des   sitzenden  bärtigen  (rottes   zeigen   ihn   nach 
links  mit  der  Schale  in  der  ausgestreckten  Rechten,    einmal,  um  die  sich 


•  Ohne  Oberhaupt  auf  die  Münzen  Riicksiclit  zu  nehmen,  glaubte  v.  Prott  (Athen. 
Mitt.  1902,  S.  161  ff.)  in  dem  »ionischen  Tempel-  das  Hieron  des  Dionysos  Kathegemoii  sehen 
zu  können,  eine,  wie  sich  nun  ergibt,  haltlose  Hypothese  (vgl.  Nomisma  11,  S.  32). 


52  H.  vonFritze: 

vor  ihm  erhebende  Schlange  zu  tränken  (Taf.  V,  17),  das  andere  Mal  ringelt 
sie  sich  um  den  Stab,  auf  den  sich  seine  Linke  stützt,  in  die  Höhe  (Taf.V,  15). 
Aus  diesen  Geprägen  allein  schließen  zu  wollen,  daß  sich  in  Pergamon  Vor- 
bilder in  Rundskulptur,  Relief  oder  Malerei  oder  gar  entsprechende  Kult- 
statuen befanden,  ist  nicht  angängig'.  Der  erste  der  beiden  Typen  repräsen- 
tiert ein  schon  von  Epidauros  her  bekanntes  Schema  und  bei  dem  zweiten 
wird  die  Möglichkeit  zuzugeben  sein,  daß  er  freie  Erfindung  des  Stempel- 
schneiders war.  Denn  derselbe  Gott  erscheint  in  gleicher  Gestalt  und  Hal- 
tung auf  einer  Commodusmünze,  nur  daß  er  statt  der  Schale  das  Bild  der 
ephesischen  Artemis  auf  der  Rechten  trägt  (vgl.  Mionnet,  Suppl.Y,  S.  451, 
1061),  eine  Komposition,  die  unter  Benutzung  des  konventionellen  Typus 
des  sitzenden  Asklepios  ausschließlich  für  die  Darstellung  der  Homonoia  mit 
Ephesos  erfunden  war.  Eine  ähnliche  Situation  zeigt  eine  andere  Münze 
desselben  Kaisers  (Taf.  IX,  20),  nur  daß  die  Schlange  sich  nicht  um  den 
Stab,  sondern  vor  dem  Gotte  emporwindet. 


Ein  Kreis  verschiedener  Heilgottheiten  schließt  sich  in  Pergamon  um 
Asklepios  (vgl.  Pilling,  a.  a.  0.  S.  3off.).  Auf  Münzen  der  Stadt  finden 
sich  drei  von  ihnen.  Über  Hygieia  ist  bereits  oben  S.  48  f.  bemerkt  worden, 
daß  sie  sowohl  in  einer  Gruppe  mit  Asklepios,  als  auch  in  derselben  Hal- 
tung wie  dort,  mit  Schlange  und  Schale  in  den  Händen,  allein  auftritt  (vgl. 
Brit.  Cat.,  Taf.  XXVIII,  14).  Mit  einer  Ausnahme,  auf  einer  Großbronze  des 
Verus  (Taf.V,  13),  wo  der  Körper  der  Göttin  von  vorn  gesehen  ist,  wird 
sie  stets  im  Profil  nach  rechts  wiedergegeben.  Nächst  ihr  spieltTelesphoros 
die  bedeutendste  Rolle  im  Kult,  stets  in  der  bekannten  Verhüllung  mit  der 
spitzen  Kapuze  auf  dem  Kopf  von  vorn  (Taf.  III,  16.  20.  24.  28;  IV,  2; 
V,  7.  8;  VIII,  4.  5.  13).  Ein  Gepräge  des  Hadrianus  (Taf.V,  8)  gibt  Auf- 
klärung über  seine  Armstellung:  er  hält  beide,  anscheinend  geballte  Hände, 
die  sich  hier  unter  dem  Mantel  abheben,  vor  dem  Körper  etwa  in  Brust- 

'  In  einem  bei  den  Ausgrabungen  in  Pergamon  gefundenen  Marmorfragment,  dem 
köpf-  und  armlosen  Oberkörper  eines  vermutlich  sitzenden  Gottes,  erkennt  P.  Jacobsthal 
(Athen.  Mitt.  1908,  S.  42if.  zu  Taf.  XXIV,  i)  den  Rest  einer  Kultstatue  des  Asklepios,  die 
er  dem  II.  Jahrhundert  v.  Chr.  zuschreiben  zu  können  glaubt.  Er  sieht  in  ihr  gewisse  Ähn- 
lichkeiten der  Haltung  mit  einem  der  eben  genannten  Miinzbilder.  Doch  wird  man  aus  dem 
sehr  kärglichen  Kest  keine  weitgehenden  Schlüsse  ziehen  dürfen. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  53 

höhe.  Wenn  Aristides  (S.  418,  21  ed.  Keil)  von  einem  Neue  des  Teles- 
phoros  in  Pergamon  redet,  so  sind  wir  hier  in  der  Lage,  die  rhetorische 
Übertreibung  auf  die  Wirklichkeit  zurückzuführen.  Dieser  neüjc  war  ver- 
mutlich nichts  als  ein  naTckoc,  den  uns  Münzen  des  Pius  (Taf.  VIII,  13)  und 
Commodus  zeigen.  Ganz  ähnlich  wie  wir  das  Kultbild  des  Asklepios  als 
Mittelpunkt  größerer  Szenen  nicht  im  Tempel,  sondern  scheinbar  im  Freien 
sahen  (vgl.  oben  S.  48),  so  auch  Telesphoros.  Auf  Großbronzen  des  Cara- 
calla  steht  er  einmal  auf  einem  Postament  neben  Asklepios '  (Taf.  VIII,  4), 
das  andere  Mal  allein  vor  einem  von  der  großen  Tempelschlange  umwun- 
denen Baume '"  (Taf.  VIII,  5).  Richtiger  wird  man  ohne  Zweifel  in  diesem 
Falle  von  dem  im  Asklepiosbezirk  gelegenen  Telesphorion  sprechen  können, 
welches  aus  einem  Temenos  mit  dem  in  einem  Naiskos  befindlichen  Götter- 
bild bestand. 

Ein  anderer  Heildämon  wird  als  solcher  bezeichnet  durch  sein  Er- 
scheinen neben  Asklepios  (Taf.  V,  16)  oder  zwischen  ihm  und  Hygieia 
(Taf.  V,  13).  Er  ist  durch  seine  Kleinheit  als  Knabe  charakterisiert,  nackt, 
von  vorn  dargestellt,  den  Kopf  leicht  nach  links  gewendet,  mit  der  Rechten 
ein  kurzes  messerartiges  (?)  Instrument'  bis  fast  in  Kopfhöhe  erhebend,  in 
der  vorgestreckten  Linken  einen  Gegenstand,  in  dem  man  auf  einigen  Stücken 
ein  liegendes  Tier  zu  erkennen  meint.  Sollte  man  dieses  als  Gans  oder 
Ente  bezeichnen  dürfen,  so  hätte  man  hier  augenscheinlich  eine  Variaute 
des  bekannten  Motivs  (vgl.  die  Zusammenstellung  bei  S.  Reinach,  Rep. 
de  la  stat.  gr.  et  rom.,  Bd.  II,  S.  464  f.),  dessen  Beziehung  zu  Asklepios  so- 
eben von  J.  N.  Svoronos  (Ephein.  arch.  1909,  Sp.  1340".  nachgewiesen  ist, 
der  in  dem  »Knaben  mit  der  Gans«  laniskos,  einen  jüngeren  Sohn  des 
Gottes  und  der  Epione,  sieht.  Freilich  findet  sich  nirgends  bei  den  in  Rede 
stehenden  Figuren  jenes  Instrument  in  der  Rechten  des  Knaben.  Ähnlich 
in  der  Armhaltung  ist  eine  Bronzestatue  des  Museums    in  Konstantinopel 


'  Bald  rechts  (Taf.  V,  7),  bald  links  (Brit.  Cat.,  Taf.  XXVIII,  17)  von  Asklepios,  aber 
nicht  auf  einem  Postament,  treffen  wir  ihn  auf  Geprägen  des  Pius  und  Aelius;  zwischen 
jenem  und  Hygieia  auf  Münzen  des  M.  Aurelius  (vgl.  Mionnet,  II,  602,  584,  München), 
Alexander  (London)  und  Maximinus  (Holischek-Wien). 

'  Vgl.  auch  denselben  Baum  mit  Schlange  als  Einzeltypus  auf  Kaisermünzen  ohne 
Kaiserkopf  (Taf.  III,  26.  27.  29.  30)  und  auf  solchen  mit  dem  Bilde  des  Elagabalus  (Taf.  IX,  9), 
des  Alexander  sowie  der  Maesa. 

•  Dieses,  bisher  noch  nicht  bemerkt,  ist  am  deutlichsten  auf  einem  kleinen  Nominal 
ohne  Kaiserkopf  (Taf.  III,  13),  aber  auch  auf  anderen  Stücken  zu  sehen. 


54  H.  V  o  N   F  R I T  z  E : 

(vgl.  Joubin,  Reo.  arch.  1899,  2,  S.  206 f.;  Taf.  XIX).  Doch  möchte  man 
liier  in  der  viel  weniger  erhobenen  rechten  Hand  eher  ein  dem  Vogel  hin- 
gehaltenes Nahrungsmittel  voraussetzen  (vgl.  S.  Reinach,  a.a.O.  S.  465,8). 
Ob  man  bei  dem  pergamenischen  Typus  an  ein  Spiel,  wie  z.  B.  auch  bei 
dem  ApoUon  Sauroktonos,  oder  vielleicht  an  einen  mit  dem  Kult  des  Heil- 
gottes in  Beziehung  stehenden  Vorgang  zu  denken  hat,  steht  dahin  und 
wird  bei  den  geringen  Dimensionen  der  Objekte  aus  diesen  selbst  kaum 
erklärt  werden  können. 

Im  Anschluß  an  diese  Gottheiten  sei  ferner  die  Darstellung  der  Mutter 
des  Asklepios,  der  Koronis,  erwähnt.  Der  Umstand,  daß  sie  nur  einmal, 
und  zwar  auf  einer  Münze  der  Sabina  (Taf.  V,  1 9),  vorkommt,  legt  die  Ver- 
mutung nahe,  daß  sich  die  Gattin  des  Hadrianus  in  dieser  Gestalt  in  Per- 
gamon  verehren  ließ,  wie  wir  für  andere  Kaiserinnen  ähnliche  göttliche 
Identifizierungen  nachweisen  können  (vgl.  oben  S.  49).  Die  Figur  ent- 
spricht in  ihrer  Haltung,  nur  mit  vertauschter  Stellung  der  Arme,  der 
sogenannten  Pvdidtui,  in  der  man  gleichfalls  die  Statue  einer  vornehmen 
Römerin  zu  sehen  glaubt  (vgl.  W.  Heibig,  Führer',  Bd.  I,  S.  8,  Nr.  8; 
Amelung,  Sculpt.  des  vatican.  Mus.,  Bd.  I,  S.  36).  Daß  endlich  auch  die 
Schlange  als  das  heilige  Tier  des  Asklepios  allein  als  Münztypus  ver- 
wendet wird  (Taf.  III,  23 — ^25,  IV,  i),  kann  nicht  verwundern.  Sie  kommt 
auch  auf  einem  Altar  oder  Postament  auf  Münzen  des  M.  Aurelius  (Taf.  IX,  1 2) 
und  Commodus  vor  —  und  hier  wird  man  vielleicht  an  die  Wiederholung 
eines  im  Asklepieion  befindlichen  Bildwerks  denken  können  —  oder  in 
zahlreichen  Windungen  sich  aufrichtend  (Taf.  IX,  10.  11)  und  endlich,  wie 
wir  S.  45.  53   sahen,  um  einen  Baum  geringelt. 

2.    Zeus. 
Inschriftlich  sind  verschiedene  Kultbeinamen  für  ihn  in  Pergamon  be- 
zeugt (vgl.  Pill  in  g,  a.  a.  0.   S.  6  ff.).     Sicher  auf  den  Münzen  nachweisbar 
ist  das  Kultbild  des  Zeus  Philios',  dem  in  Gemeinschaft  mit  dem  Kaiser 


'  Von  diesem  sind  bei  den  Ausgrabungen  keine  Überreste  zutage  gekommen  (vgl. 
Stiller,  Altert,  v.  Perg.,  Bd.  \,  2,  8.  54),  sondern  nur  Teile  von  Ivolossalbildern  des  Traianus 
und  des  Hadrianus.  Daraus  zu  schließen,  daß  keine  Kultstatue  des  Zeus  Philios  vorhanden 
war,  ist  angesichts  der  Münzen  unmöglich,  da  freie  Erfindung  der  Stempelschneider  in  solchem 
Falle  unerhöi't  wäre  und  viele  Möglichkeiten  zur  Erklärung  des  Fehlens  von  Fragmenten 
erdenklich  sind.  Bis  also  mit  unanfechtbaren  Gründen  das  Gegenteil  erwiesen  werden  kann, 
muß  die  Autorität  der  Münzen  entscheiden. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  55 

der  bei  den  Ausgrabungen  wieder  zutage  geförderte  Tempel  des  Traianus 
geweiht  war.  Dieser  findet  sich  auf  Geprägen  des  letzteren  (Taf.  VIII,  i  2 ) 
und  des  Decius  (Taf.  VIII,  18).  Im  Inneren  thront  neben  dem  stehenden 
Kaiser  der  einmal  durch  Beischrift  gekennzeichnete  Gott.  Auf  kleineren 
Stücken  des  Traianus  ist  sowohl  der  sitzende  Zeus  Philios  allein  (Taf.  IV,  4) 
als  auch  sein  Kopf  (Taf.  IV,  5)  dargestellt.  Wo  er  in  ganzer  Figur  erscheint, 
unterscheidet  er  sich  nicht  von  dem  weitverbreiteten  konventionellen  Typus; 
er  hält  in  der  Rechten  die  Schale  und  stützt  die  Linke  auf  das  Zepter. 
Die  angeführten  Münzbilder  liefern  ein  deutliches  Beispiel  fiir  die  oft  in 
Kleinigkeiten  unzuverlässige  Wiedergabe  des  figürlichen  und  architektoni- 
schen Details.  Daß  die  Zahl  der  Säulen  nicht  der  Wirklichkeit  entspricht, 
ist  bereits  von  H.  Stiller  hervorgehoben  worden  (vgl.  unten  S.  84).  Die 
mittleren  sind  vielmehr  fortgelassen,  um  die  innen  befindlichen  Kultbilder 
sichtbar  zu  machen.  Aber  auch  die  Statue  des  Gottes  selbst  mußte  eine 
Veränderung  erfahren,  insofern  sie  infolge  Raummangels  auf  den  Tempel- 
darstellungen die  Rechte  mit  der  Schale  eng  vor  dem  Körper  hält,  wäh- 
rend sie  nach  Ausweis  des  anderen  Gepräges  vorgestreckt  war.  Der  Kopf- 
typus (Taf.  IV,  5)  zeigt  das  über  der  Stirn  aufstrebende  und  seitlich  herab- 
fallende Haar,  aber  weder  Lorbeerkranz  noch  sichtbare  Binde  und  hinten 
nur  bis  in  den  Nacken  reichende  Locken.  Finden  wir  ferner  in  der  Münz- 
reihe von  Pergamon  denselben  thronenden  Zeus  mit  Sehale  und  Zepter 
ohne  Beischrift,  sowohl  allein  auf  einer  Großbronze  des  Verus  (Taf.  IV,  6), 
als  auch  in  Verbindung  mit  anderen  Gottheiten  auf  Geprägen  des  Maximinus 
(Taf.  IV,  10)  und  des  Etruscus  (Taf  IV,  9),  so  dürfen  wir  den  an  sich  farb- 
losen Typus  in  diesem  Zusammenhange  wohl  gleichfalls  als  Zeus  Philios 
ansehen. 

Um  bei  dem  sitzenden  Gott  zu  bleiben,  so  ist  unter  Pius  (Taf.  IV, 
12)  und  M.  Aurelius  ein  Zeus  mit  der  Nike  zu  nennen,  in  konventionellem 
Schema.  Er  erhält  jedoch  auf  einem  Gepräge  des  Münchner  Kabinetts 
mit  dem  Bilde  des  M.  Aurelius  durch  Hinzufugung  eines  gelagerten  Fluß- 
gottes eine  lokale  Färbung  (vgl.  Mionnet,  II,  S.  602,  585).  Daher  wäre 
hier  wohl  zu  erwägen,  ob  dieser  Zeus  vielleicht  ein  speziell  pergamenisches 
Vorbild  zur  Anschauung  bringen  sollte,  von  dem  wir  näheres  nicht  wissen. 

Der  stehende  Gott  tritt  in  zwei  verschiedenen  Gestalten  auf,  der  eine 
—  nur  auf  Geprägen  des  Hadrianus  bekannt  —  erscheint  nackt,  mit  langen 
Locken  von  vorn,  den  linken  Arm  mit  darüberliegender  Ghlamys  in  die  Seite 


56  H.   VON   Fritze: 

gestemmt,  in  der  gesenkten  Rechten  den  Blitz;  im  Feld  zu  seinen  Füßen, 
bald  rechts  (Exemplare  in  Berlin  und  München),  bald  links  (vgl.  Taf.  IV,  8 ; 
Overbeck,  Kunstmythol.,  Bd. I,  i,  Münztaf. II,  2 3 ,  S.  163),  der  flügelschla- 
gende Adler.  Vielleicht  ist  es  kein  zufälliges  Zusammentreffen,  daß,  wie 
man  annehmen  zu  müssen  glaubt,  ein  Kult  des  Zeus  Olympios  zur  Zeit  des 
Hadrianus  in  Pergamon  gestiftet  wurde  (vgl.  Pilling,  a.a.O.  S.  8f.).  Es 
mag  als  Vermutung  geäußert  sein,  daß  in  dem  Gott  der  Münze,  dessen 
statuarisches  Motiv  deutlich  ist,  und  der  später  nicht  wieder  auf  pergameni- 
schem  Gelde  vorkommt,  die  derzeitige  Yapycic  eines  Bildes  des  Zeus  Olympios 
verewigt  werden  sollte.  Der  zweite  stehende  Typus,  zunächst  auf  einer 
Großbronze  des  Commodus  (Taf.  IV,  7),  zeigt  ihn  gleichfalls  nackt  und  von 
vorn,  den  Kopf  nach  links,  mit  kurzem  Haar  und  leichtem  Bartwuchs";  er 
hat  in  der  ausgestreckten  Rechten  den  Blitz,  im  linken  Arm  das  Zepter; 
vor  ihm,  zum  Teil  die  Beine  verdeckend,  der  flügelschlagende  Adler;  rechts 
und  links  am  Boden  zwei  einander  gegenübergelagerte  weibliche  Figuren ; 
die  links  befindliche,  mit  Krebsscheren  über  der  Stirn  (Thalassa),  hält  im 
rechten  Arm  das  Steuerruder,  die  andere  (Ge)  nach  links,  im  linken  Arm 
das  Füllhorn.  Im  Feld  links  und  rechts  von  Zeus  der  Kopf  der  Selene  in 
einer  Mondsichel  nach  rechts,  und  ihr  zugewendet  der  des  Helios  mit  Strahlen- 
krone nach  links.  Eine  in  vielfacher  Hinsicht  entsprechende  Komposition 
bringt  ein  Unikum  (aus  der  Sammlung  Prowe  in  Moskau,  Taf.  IV,  1 1)  mit 
dem  Bilde  des  Geta.  Hier  sind  Thalassa  und  Ge  stehend  dargestellt,  jene 
mit  entblößter  linker  Bnist  und  den  Krebsscheren  auf  dem  nach  rechts  ge- 
wandten Haupt  erhebt  mit  der  Linken  das  Steuerruder,  das  zum  Ted  durch 
ihren  Kopf  verdeckt  ist;  diese  trägt  im  Haar  einen  Ährenkranz  (?)  und  im 
linken  Arm  das  Füllhorn.  Auch  bei  ihr  läuft  das  Obergewand  von  der 
rechten  Schulter  zur  linken  Hüfte,  doch  ist  die  frei  bleibende  Brust  nicht 
nackt,  sondern  mit  einem  Untergewand  bekleidet.  Beide  Personifikationen 
halten  mit  den  freien  Händen  die  Figur  des  Zeus.  Dieser,  unbärtig,  mit 
kurzem  Haar  und  nackt,  schwingt  mit  der  Rechten  den  Blitz  und  hat  in 
der  gesenkten  Linken  ein  kurzes  Zepter  mit  Knopf;  unten  in  der  Mitte  steht 
der  flügelschlagende  Adler  von  vorn,  mit  einem  Kranz  in  den  Fängen.  Dieser 
Zeus  trägt  unverkennbar  Portraitzüge,  und  zwar  des  Geta.     Eine  in  Einzel- 


'    Die  Bartspuren    sind    auf  dem    gothaisclien    Exemplar   (Taf.  IV,  7)    erkennbar,    und 
danach  ist  die  Beschreibung  im  Brit.  Cat,,  S.  151,  307   zu  verbessern. 


Die  Münzen  von  Pergmnon.  57 

heiten  abweichende  Szene  zeigt  eine  Großbronze  des  phrygischen  Laodikeia 
(vgl.  Brit.  Cat.  Phnjgia,  S.  3  i6,  226;  Taf.  XXXVII,  i  2).  Auch  hier  erscheinen 
Ge  und  Thalassa  stehend,  aber  in  ihrer  Stellung  rechts  und  links  vertauscht, 
erstere  mit  Schleier  und  durch  neben  ihr  aufsprießende  Ähren,  letztere  durch 
einen  an  ihrer  Seite  befindlichen  Delphin  charakterisiert;  auf  ihren  Händen 
der  stehende  Caracalla  mit  Strahlenkrone,  Panzer,  Schale  und  Speer.  Wir 
lernen  daraus  einmal,  daß  diese  Figurenverbindungen  keine  lokale  Be- 
deutung besitzen,  sondern  nur  die  Macht  des  Herrschers  über  Land  und 
Meer,  auf  unserer  Commodusmünze  (Taf.  IV,  7)  auch  über  den  Himmel,  zum 
Ausdruck  bringen  sollen.  Wir  erfahren  ferner,  daß  in  Pergamon  dem  Geta- 
Zeus  oifenbar  ein  Commodus-Zeus  entspricht,  worauf  schon  das  kurze  Haar 
und  der  mit  der  Vorderseite  übereinstimmende  leichte  Bartwuchs  deutet, 
dieser  Kaiser  hier  also  vielleicht  in  zwei  göttlichen  Assimilierungen  vor- 
kommt (s.  oben  S.  50  über  den  Commodus-Asklepios).  Von  dem  in  der 
Stadt  und,  wie  wir  mm  wissen,  auf  der  Theaterterrasse  verehrten  Zeus 
Asklepios  ist  oben  S.  5 1    die  Rede  gewesen. 

3.  Sarapis. 

Kurzer  Erwähnung  bedarf  ein  unter  Pius  (Taf.  IV,  1 3)  und  Commodus 
nachweisbarer  bekannter  Typus,  der  auf  hohem  Thron  sitzende  Sarapis,  mit 
dem  Kalathos  auf  dem  Haupt,  die  Rechte,  wie  gebietend,  vorstreckend,  die 
Linke  am  Zepter;  zu  Füßen  der  dreiköpfige  Kerberos.  Auf  einen  Kult  des 
Gottes  in  Pergamon  lassen  wohl  die  Inschriften  bei  Frank el,  a.a.O.  Bd.  II, 
S.  248,  Nr.  336.  337  schließen. 

4.  Athena. 

Im  Vergleich  zu  ihrer  Bedeutung  in  den  letzten  Jahrhunderten  v.  Chr. 
tritt  Athena  nach  Ausweis  der  Münzen  in  der  Kaiserzeit  zurück.  Sie  findet 
sich  hier  jedoch  in  verschiedenen  Kompositionen;  zunächst  in  einem  kon- 
ventionellen Schema  unter  Augustus:  die  Göttin  in  korinthischem  Helm  und 
langem,  gegürtetem  Gewand  mit  Ül)erschlag  steht  nacli  links,  in  der  Rechten 
die  Schale,  die  Linke  auf  dem  rechts  befindlichen  Schild ;  vor  ihr  zu  Füßen 
die  Eule  und  auf  einigen  Stücken  hinter  ihr  der  Speer  (vgl.  Taf.  IV,  17). 
Verwandt  ist  ihr  Bild  mit  denselben  Attributen  auf  Münzen  des  Commodus, 
nur  insofern  abweichend,  als  die  Linke  den  Speer  hochgefaßt  hält  und  die 
Eule  fehlt  (vgl.  Brit.  Cut.,  S.  i  50,  304).     Athena,  statt  mit  der  Schale  mit 

Phil.-hi.1l.  Klasse.    1910.    Anhang.    Ahh.  I.  8 


58  H.   vonFritze: 

der  Eule  auf  der  Rechten,  zeigt  ein  Gepräge  des  Aelius  (vgl.  Mionnet, 
Suppl.  V,  S.  437,  984).  —  Ein  Temenos  fuhren  Münzen  des  M.  Aurelius  und 
des  Severus  (Taf.  IV,  1 4)  vor  Augen.  Hier  steht  Athena,  diesmal  ausnahms- 
weise in  anschließendem  Helm,  nach  links  und  berührt  mit  der  Rechten 
den  Zweig  eines  vor  ihr  befindlichen  Baumes,  um  dessen  Stamm  sich  eine 
Schlange  aufwärts  windet,  die  Linke  stützt  sie  in  die  Seite.  Daß  man  es 
hier  etwa  mit  der  Asklepiosschlange  zu  tun  habe,  ist  unwahrscheinlich, 
trotzdem  sie,  um  einen  Baum  geringelt,  gerade  auf  pergamenischen  Münzen 
als  Attribut  dieses  Gottes  mehrfach  zu  beobachten  ist  (vgl.  oben  S.  45.  53). 
Da  von  kultlichen  Beziehungen  zwisclien  ihm  und  Athena  nichts  verlautet  und 
die  Schlange  auch  ihr  heilig  ist,  so  wird  man  den  Baum  als  Olive  und  das 
Ganze  als  Athenaheiligtum  zu  bezeichnen  und  an  ihren  Kult  auf  der  atheni- 
schen Akropolis  zu  denken  haben.  Dafür  spricht  das  Vorkommen  analoger 
Szenen  an  anderen  Orten,  z.  B.  auf  Geprägen  von  Markianopolis  und  Niko- 
polis  in  Thrakien'.  —  Eine  andere  Situation  im  Heiligtum  bieten  Münzen  des 
Commodus  und  des  Severus  (Taf.  IV,  16):  Athena,  mit  dem  Speer  im  linken 
Arm,  nach  links  stehend,  hält  mit  der  Rechten  den  auf  einen  Pfeiler  ge- 
stellten Schild.  Zwischen  Pfeiler  und  Göttin  befinden  sich  nebeneinander 
Baum  und  Schlange,  die  sich  vor  ihr  emporwindet.  Diese  bisher  scheinbar 
unbeachtete  Gruppe  ist  weder  durch  Monumente  noch  durch  Tradition  zu 
deuten.  Vermutlich  handelt  es  sich  um  die  Weihung  eines  Schildes.  Waften- 
weihe  ist  an  sich  etwas  Gewöhnliches.  Da  es  sicli  hier  aber  wohl  um  den 
Scliild  der  Athena  handelt  und  diese  selbst  augenscheinlich  die  Weihende 
ist,  so  wird  man  einen  besonderen,  uns  noch  unbekannten  mythischen  oder 
kultlichen  Vorgang  voraussetzen  müssen.  Athenische  Einflüsse  in  Pergamon 
sind  zahlreich  nachweisbar.  Jedenfalls  gehört  dieser  Typus  ebensowenig 
speziell  hierhin  wie  der  vorhergehende.  Denn  ganz  ähnlich  erscheint  er 
auf  einer  Münze  des  kilikischen  Kolybrassos  (vgl.  Imhoof,  Kleinas.  Münzen, 
Bd.  II,  S.  460,  7,  Taf.  XVII,  22). 

Auch  die  thronende  Athena  findet  sich  unter  den  Geprägen  von  Per- 
gamon, und  zwar  mit  der  Nike  in  der  Rechten.  Auf  einer  Münze  des 
M.  Aurelius  (Taf.  IV,  15)  dient  ihr  ein  Cippus  als  Sitz;  sie  hält  die  Linke 


'  Vgl.  Pick,  Die  ant.  Münzen  Nordgriechenl.,  Bd.  I,  i,  Taf.  XV,  23;  S.  225,  669; 
S.  507,  2053;  die  Göttin  .sitzend  vor  dem  Baum  mit  der  Erichthoniosschlange,  ebenda 
Taf.xV,28  (Markianopoli.s)  und  S.  482,  19211'.  (Nikopolis);  H.  Gaebler,  ebenda  Bd.IH.i, 
Taf.  IV,  21   (Makedonia);  vgl.  Sabatier,  Rev.  Belye  1865,  Taf.  XVII,  7  (Serdike). 


Die  Münzen  von  Pergamon.  59 

hoch  am  Speer,  an  den  sich  im  Hintergründe  der  Schild  lehnt,  neben  dem 
wieder  ein  Baum,  die  Olive,  steht.  Ein  unter  Commodus  auftreten<ler  Typus 
zeigt  dagegen  volle  Übereinstimmung  mit  den  Rückseiten  der  Lysimachos- 
tetradrachmen :  Athena  sitzt  wie  hier  auf  dem  Marmorthron  mit  Löwenfuß; 
sie  lehnt  den  linken  Ellenbogen  auf  den  hinter  ihr  stehenden  Schild  und 
hält  auf  der  Rechten  die  schwebende  Nike  (vgl.  Lenormant,  Tresor  de  num. 
[Gall.  mythoL],  Taf.  XXIX,  3). 

Unter  Commodus  kommt  auch  Nike  allein  vor,  als  Lenkerin  einer  Biga 
von  Pferden  (Taf.  IV,  19),  ebenso  unter  Severus,  hier  ein  Tropaion  bekrän- 
zend (Taf.  IV,  1 8). 

5.    Apollon. 

Eine  in  mehrfacher  Hinsicht  merkwürdige  Münze  des  Pius  bringt  die 
Zusammenstellung  des  in  seiner  bekannten  Haltung  stehenden  Askle])ios 
mit  Apollon  (Taf.  IV,  21).  Dieser  ist  ganz  von  vorn  gesehen,  mit  lang 
herabfallenden  Locken,  unbekleidet  bis  auf  den  über  die  linke  Schulter  ge- 
legten Mantel  und  hält  in  der  Rechten  die  Schale,  in  der  Linken  den  Bogen. 
Die  geschlossenen  Beine  sowie  die  I)ei  anliegenden  Oberarmen  vorgestreckten 
Hände  deuten  auf  ein  archaisches  Kultbild,  das  schon  W.  Wroth  {Nittn. 
Chron.  1882,  S.  39)  richtig  erkannt  hat.  Es  ist  Apollon  Smintheus,  wie 
wir  ihn  ähnlich  auf  Münzen  von  Alexandreia  Troas  sehen  (vgl.  Brit.  Cat. 
Troas  usw.,  Taf.  V,  4.  13).  Man  ist  deshalb  versucht,  hier  an  eine  Homonoia- 
münze  dieser  Stadt  mit  Pergamon  zu  denken.  Dem  widersj)riclit  jedoch 
die  Fassung  der  Umschrift,  in  der  man  —  in  dieser  Zeit  sicherlich  —  die 
Namen  beider  Städte  erwarten  müßte;  aber  nur  Pergamon  ist  genannt  (vgl. 
auch  Wroth,  a.a.O.).  Da  nun  der  Kult  des  Smintheus  nicht  etwa  allein 
auf  die  Troas  beschränkt,  sondern  auch  in  Aiolis  sowie  auf  Keos  imd  Rhodos 
bezeugt  ist  (vgl.  Preller-Robert,  Griech.  Myth.,  S.  255,  Anni  2),  so  sehen 
wir  uns  genötigt,  auf  Grund  der  Münze  denselben,  Avenn  auch  anderweitig 
hier  nicht  überlieferten  Kult  für  Pergamon  anzunehmen.  Dafür  könnte  weiter 
der  Umstand  sprechen,  daß  auf  einem  Gepräge  des  Verus  (Taf  V,  16)  zwi- 
schen Asklepios  und  dem  nackten  Heildämon  ein  sehr  kleiner  Vierfüßler 
dargestellt  ist,  dessen  runde  Ohren  und  langer  Schwanz  die  Deutung  als 
Maus  sichern.  Diese  (ö  CMiNeoc),  die  den  Beinamen  »Smintheus«  hervor- 
gerufen hat,  war  eben  dem  Apollon  heilig  und  erscheint  zu  seinen  Füßen 
auf  dem  autonomen  Gelde  von  Alexandreia  Troas  (vgl.  ßrit.  Cat.  Troas  usw., 


60  H.   VON    Fritze: 

Taf.  III,  6).  Deshalb  darf  man  wohl,  trotzdem  der  Gott  selbst  auf  der  Verus- 
münze  fehlt,  seine  Verbindung  mit  Asklepios  im  pergamenischen  Kult  als 
gesichert  betrachten  (vgl.  Wroth,   a.a.O.). 

Noch  einen  zweiten  Apollontypus  weisen  die  Münzen  der  Stadt  auf, 
wieder  neben  dem  Asklepios.  Völlig  nackt  hält  er  in  der  gesenkten  Rechten 
einen  Lorbeerzweig  und  in  der  herabhängenden  Linken  den  Bogen.  Zwischen 
beiden  befindet  sich  ein  Altar,  vielleicht  zur  Andeutung  ihrer  Kultgemein- 
schaft (Taf.  IV,  20).  Damit  stimmen  die  Angaben  des  Aristides  (S.  469,  4 
und  S.  398,  18  ed.  Keil),  aus  denen  auf  räumlich  eng  beieinanderliegende 
Heiligtümer  von  Vater  und  Sohn  geschlossen  werden  muß  (vgl.  Pilling, 
a.  a.  O.  S.  31).  Ihr  nahes  Verhältnis  drückt  der  gleichfalls  von  Aristides 
überlieferte  Beiname  des  pergamenischen  Apollon  KAAAixeKNoc  aus,  der  zu- 
gleich erklärt,  daß  er  nur  als  Vater  des  schönen  Sohnes  verehrt  wurde, 
also  eine  bescheidenere  Rolle  in  dieser  Epoche  spielte.  Man  wird  vermuten 
dürfen,  daß  der  Apollon  unserer  Gepräge  den  KAAAixeKNoc  darstellt,  um  so 
eher,  als  sie  der  Zeit  des  C^ommodus  und  Severus  angehören,  also  jener 
Kult  bereits  sicher  in  Pei-gamon  bestand.  Der  fiir  die  Stadt  durch  In- 
schriften (vgl.  Fränkel,  a.a.O.  Bd.  II,  Nr.  285.  309)  bezeugte  Apollon  Pythios 
kommt  kaum  in  Betracht,  da  wenigstens  für  ihn  keine  Beziehungen  zu 
Asklepios  bekannt  sind,  wie  sie  doch  die  Münzbilder  vorauszusetzen  scheinen. 


6.    Dionysos   und  sein  Kreis. 

Die  Bedeutung  des  Dionysoskultes  ist  fiir  Pergamon  durch  Inschriften, 
Münzen  und  Literatur  überliefert.  Der  Gott  trug  nach  Ausweis  der  epi- 
graphischen  Denkmäler  schon  in  der  Königsepoche  den  Beinamen  »Kathe- 
gemon«, und  denselben  finden  wir  auf  Inschriften  der  Kaiserzeit.  Dionysische 
Symbole,  wie  Thyrsos  (Taf.  I,  30.  40),  Weintraube  (Taf.  I,  41),  Efeublatt 
(Taf.  I,  39),  sahen  wir  auf  Rückseiten  des  attalischen  Kupfers.  Vom  IL  Jahr- 
hundert n.  Chr.  bis  zum  Ende  der  Prägung  erscheint  der  stets  jugendliche 
Gott  in  gegürtetem  Chiton  und  Stiefeln  nach  links  stehend,  mit  der  Rechten 
den  Kantharos  ausgießend,  die  Linke  hoch  am  Thyrsos.  Diese  durchaus 
konventionelle  Gestalt  ist  mehrfach  variiert.  Bald  trägt  sie  den  lang  über 
den  Rücken  herab  wallenden  Mantel  (Taf.  V,  3),  bald  sitzt  zu  ihren  Füßen 
der  Panther  (Taf.  IV,  23;  V,  3.  6).  Der  Thyrsos  ist  meist  mit  der  Tänie 
geschmückt.      Auf  Münzen  des   Decius    steht  Dionysos   neben  dem  Kaiser, 


Die  Münzen  ton  Pergavion.  61 

den  er  mit  der  Rechten  bekränzt  (Taf.  IV,  22;  vgl.  V,  24).  Taf.  IV,  22  zeigt 
ihn  anstatt  mit  dem  Chiton  mit  einem  schräg  um  den  Oberkörper  ge- 
schlungenen Tierfell,  dessen  lange  Enden  rechts  und  links  herabfallen.  Diese 
nicht  unwesentlichen  Verschiedenheiten  in  der  Traclit  des  stets  dieselbe 
Figur  repräsentierenden  Gottes  machen  den  Gedanken  an  ein  allen  gemein- 
sames lokales  Vorbild  nicht  gerade  wahrscheinlich.  Wenn  freilich  z.  B. 
das  Fehlen  der  Tänie,  ja  selbst  des  Panthers,  nicht  dagegen  zu  sprechen 
brauchte,  so  wäre  doch  kaum  zu  erklären,  daß  auf  den  Münzen  einmal  der 
den  ganzen  F^indruck  verändernde  Mantel  fortgelassen,  das  andere  Mal  aber 
vorhanden  ist.  Man  wird  also  hier  einen  je  nach  Vorlage  oder  (jcschmack 
variierten  Dionysostypus  des  konventionellen  Schemas  oime  örtliche  Be- 
ziehung erblicken  dürfen. 

Eine  Großbronze  des  Verus  (TafV,  2)  stellt  den  Gott  mit  nacktem 
Oberkörper  sitzend  dar  auf  einem  nach  links  schreitenden  Pantherweibchen, 
mit  dem  ThjTsos  in  der  Rechten;  er  stützt  die  Linke  auf  das  Hinterteil 
des  Tieres.  Auf  einem  Gepräge  des  C'ommodus  (Taf.  V,  i )  steht  er  auf 
einem  von  zwei  Panthern  im  Schritt  nach  links  gezogenen  Wagen,  die 
Rechte  am  Thyrsos ;  ob  die  gesenkte  Linke  ein  Attribut  hält,  ist  nicht  fest- 
zustellen. Über  den  Panthern,  im  Hintergrunde  gedacht,  erscheint  eine 
bewegte  Figur  mit  fliegendem  Gewände,  in  der  man  wohl  eine  Mänade  zu 
sehen  hat.  Auf  beiden  Münzbildern  finden  wir  Dionysos  in  festlichem  Auf- 
zuge; die  Mänade  deutet  auf  den  ihn  umgebenden  Thiasos  hin,  aus  dem 
herausgelöst  man  sich  auch  den  auf  dem  Panther  reitenden  Gott  der  an- 
deren Münze  denken  kann.  Hier  haben  wir  es  augenscheinlich  mit  male- 
rischen Kompositionen  zu  tun,  wie  sie  die  bakchischen  nownAi  der  Vasen- 
bilder und  Reliefs  von  den  Anfängen  attischer  Kunstübung  an  bis  zu  den 
römischen  Sarkophagen  in  großer  Menge  darbieten.  Man  wird  annehmen 
dürfen,  daß  den  Stempelschneidern  auch  hier,  wenn  nicht  Vorbilder  in 
einer  Pinakothek  an  Ort  und  Stelle,  so  doch  Vorlagebücher  für  ihre  Arbeit 
zur  Verfügung  standen. 

Dasselbe  war  wohl  der  Fall  bei  einer  anderen  Szene  aus  dem  diony- 
sischen Sagenkreise,  bei  der  Auffindung  der  schlafenden  Ariadne  durch  den 
Gott  (Taf.  V,  5).  Die  gelagerte  Heroine  der  aus  der  Zeit  des  Severus  stam- 
menden Münzbilder  entspricht  in  allem  Wesentlichen  dem  vornehmlich  durch 
die  Statuen  in  Dresden  und  im  Vatikan  repräsentierten  Typus.  Sie  ruht 
auf  felsigem  Gestein,  das  sich  auf  dem  Pariser  Exemjjlar  (Mionnet,  SyppLN, 


62  H.  vonFritze: 

S.  456,  1090)  aucli  über  ihr  zur  Grotte  wölbt.  Hinter  dieser  werden  hier 
die  Oberkörper  zweier  durch  Korrosion  stark  zerstörter  Figuren  sichtbar. 
Doch  wird  man  an  den  Gesten  der  links  und  tiefer  Stehenden  eine  Mänade 
erkennen  können,  welche  die  Linke  in  Überraschung  hoch  erhebt  und  im 
rechten  Arm  den  Thyrsos  hält.  Die  andere  Gestalt  ist  ein  Satyr  des  bakchi- 
schen  Gefolges  (vgl.  das  Berliner  F^xemplar,  Taf.V,  3,  und  dazu  H.  Dressel, 
Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  74f.,  Taf.  III,  13).  Die  Mänade  zeigt  sich 
in  derselben  Haltung,  aber  wesentlich  deutlicher,  auf  dem  Berliner  Stück. 
Ihr  Gewand  wallt  bis  zur  Hälfte  der  Unterschenkel  herab.  Der  bärtige, 
nackte  Begleiter  aber  hat,  zu  ihr  zurückschauend  und  mit  staunend  er- 
hobener Rechten,  abweichend  von  dem  Pariser  Exemplar,  mit  der  Linken 
das  Gewand  der  Schlafenden  erfaßt,  um  ihre  entblößte  Schönheit  zu  be- 
wundern. Alle  diese  Motive  zeigen  sich  mehr  oder  weniger  genau  auf 
figurenreichen  kampanischen  Fresken,  und  es  darf  als  gewiß  gelten,  daß 
Gemälde,  und  zwar  aus  der  hellenistischen  Epoche,  die  Vorbilder,  sowohl 
für  die  kampanischen  Kompositionen,  als  auch  für  Reliefs,  Münzen  und 
Rundskulptur  abgegeben  haben  (vgl.  Heibig,  Wandgem.  Campan.,  Nr.  i  235 
bis  1240). 

Eine  anmutige  Genreszene  auf  Gejirägen  des  M.  Aurelius  (Taf.  V,  4) 
und  des  Gommodus  wird  sich  hier  am  passendsten  anfügen  lassen:  auf 
einem  Cippus,  an  dem  eine  Flöte  (?)  hängt,  sitzt  nach  links  ein  nackter 
jugendlicher  Hirt,  dem  von  der  Schulter  die  Nebris  herabfällt.  Er  faßt 
mit  beiden  Händen  die  Unterarme  eines  nackten  Knaben,  den  er  auf  seinem 
erhobenen  rechten  Fuße  tanzen  läßt.  Am  Boden  liegt  das  Pedum.  Daß 
hier  Satyrn  gemeint  seien,  ist  möglich,  aber  nicht  durch  Kennzeichen  an- 
gedeutet, also  auch  Drexler's  Erklärung  als  Faun  mit  dem  jugendlichen 
Dionysos  (Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XIII,  S.  277)  ohne  Begründung.  Doch 
erinnert  die  Situation  an  das  Wald-  und  Feldmilieu  dionysischen  Wesens. 
Fügen  wir  endlich  als  Symbol  des  Dionysos,  wie  es  auf  Münzen  des  Gom- 
modus, Severus  (Taf.  IX,  8)  und  Saloninus  vorkommt,  die  sich  aus  der  halb- 
geöfineten  Ciste  ringelnde  Schlange  hinzu,  die  auf  den  Geprägen  des  P>st- 
genannten  durch  den  beigegebenen  Thyrsos  (vgl.  Mionnet,  Suppl.Y,  S. 446, 
1036)  als  diesem  Gotte  zugehörig  bewiesen  wird,  so  sind  die  auf  ihn  be- 
züglichen Typen  erschöpft. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  63 

7.    Demeter. 

Demeter  erscheint  auf  einer  Großbronze  des  Maximinus  (Taf.  IV,  2  3 ; 
die  Vorderseite  ist  abgeschliffen)  neben  Dionysos.  Sie  trägt  in  der  gesenkten 
Rechten  Mohnkopf  und  Ähre  und  hält  in  der  Linken  eine  lange,  flammende 
Fackel.  In  ähnlich  konventionellem  Schema  findet  sie  sich  allein  auf  einer 
Münze  der  Maesa  (vgl.  Imhoof,  Griecli.  Münzen,  S.  618,  183)  und  wohl  des 
Pius  (auf  einem  schlechterhaltenen  Unikum  in  München).  Der  Kult  der 
Demeter  als  Karpophoros  ist  für  Pergamon  schon  länger  durch  eine  In- 
schrift (Fränkel,  a.a.O.  Nr.  291)  bekannt.  Die  letzte  Ausgrabungskam- 
pagne (1909)  hat  ihr  Temenos,  den  Altar  und  Tempel  sowie  Stoen  und 
einen  Zuschauerraum  zutage  gefordert  und  die  Bedeutung  der  Göttin  schon 
für  die  erste  Königszeit  nachgewiesen.  Über  den  Altar  (Taf.  IX,  5)  vgl. 
unten  S.  8  7  f. 

8.    Hermes,  Kabiren  und  Dioskuren. 

Von  einem  Hermeskult  in  Pergamon  wissen  wir  durch  die  Inschriften, 
die  nicht  nur  ein'GpwAToN  (Fränkel,  Nr.  256,  Z.  8  und  Z.  13),  sondern  auch 
ein  Fest'GpMATA  (Nr.  252,  Z.  13;  Nr.  256,  Z.  i  1  und  19)  bezeugen  (vgl.  Conze, 
Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1884,  S.  10;  Drexler  bei  Röscher, 
Lex.,  Bd.  I,  2,  Sp.  2354).  Aber  auch  die  Münzen  treten  als  Quellen  hinzu. 
Der  Gott,  dessen  Brustbild  auf  einem  Gepräge  ohne  Kaiserkopf  vorkommt 
(vgl.  Taf.  III,  27),  erscheint  nämlich  zunächst  unter  Commodus  (Taf.  VI,  2), 
Etruscilla  und  Etruscus  in  einer  auch  sonst  auf  antiken  Monumenten  be- 
kannten Situation:  er  schleppt  das  Tier,  hier  einen  Widder,  zum  Opfer 
heran,  indem  er  es,  mit  der  Rechten  die  Vorderbeine  packend,  nach  sich 
zieht;  in  der  Linken  hält  er  Kerykeion  und  Chlamys.  Vor  ihm  auf  einem 
Pfeiler  liegt  ein  Widderkopf.  Dieser  spielt  auch  in  einer  anderen  Komposi- 
tion eine  Rolle.  Der  eine  von  zwei  nackten,  einander  gegenüberstehenden 
Jünglingen  trägt  ihn  auf  der  Hand,  wohl  im  Begriff,  ihn  dem  anderen  zu 
übergeben  (Taf.  VI,  i).  Daß  man  hier  die  Kabiren  zu  erkennen  hat,  ist  an 
anderer  Stelle  gezeigt  worden  (Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  1  20 ff.).  Ferner 
sieht  man  auf  einem  ( jepräge  des  Decius  (Taf.  VI,  4)  neben  Asklepios  wiederum 
Hermes  mit  dem  Widdei-kopf  auf  der  Rechten,  im  linken  Arm  Kerykeion 
und  Chlamys.     Der  Kopf  des  Opfertieres  muß  demnach   im  Kult  von  be- 


64  H.  vonFritze: 

sonderer  Bedeutung  gewesen  sein'.  Die  Zusammenstellung  der  eben  be- 
sprochenen Münztypen  beweist  aber  ferner,  daß  in  Pergamon,  wie  häufig 
andernorts,  Hermes  mit  den  Kabiren  verbunden  war  (vgl.  u.  a.  Drexler  bei 
Röscher,  Lex.,  Bd.  1,  2,  Sp.  2352;  Bloch,  ebenda  Bd.  IT,  2,  Sp.  2525; 
Preller-Robert,  a.  a.  0.  S.  387.  858).  Da  kann  es  nicht  wundernehmen, 
wenn  der  Gott  in  der  Dienstleistung  beim  Opfer  erscheint,  da  er  ja  selbst 
unter  dem  Namen  Kadmilos  oder  Kasmilos  als  Kabir  auftritt  (vgl.  Preller- 
Robert,  a.  a.  O.  S.  850).  Auf  unseren  Münzen  unterscheidet  er  sich  aber 
von  dem  Kabirenpaar  nicht  nur  durch  das  Kerykeion,  sondern  auch  durch 
die  längeren,  in  den  Nacken  herabfallenden  Haare.  Daraufhin  wird  man 
auch  die  Einzelfigur  auf  der  Münze  des  Hadrianus  (Taf.  VI,  3)  Kabir  be- 
nennen dürfen.  Wenn  man  im  Gegensatz  zu  den  Kultstätten  mit  mehr  als 
zwei  Kabiren,  wie  z.  B.  in  Samothrake,  in  Pergamon  nur  das  jugendliche 
Paar  kennen  lernt,  so  liegt  der  Grund  dafür  in  ihrer  hier  schon  in  helle- 
nistischer Zeit  nachweisbaren  Verschmelzung  mit  den  Dioskuren  (vgl.  Zeitschr. 
f  Num.  Bd.  XXIV,  S.  1 1 8ff.).  Letztere  sind  offenbar  auf  einem  leider  schlecht 
erhaltenen  Unikum  (der  Kopenhagener  Sammlung,  mit  dem  Bilde  des  Severus) 
dargestellt,  und  zwar  nackt,  nebeneinanderstehend,  mit  Speer  und  Chlamys, 
die  Köpfe  der  Mitte  zugewendet. 

9.    Meter  Megale. 

In  Anbetracht  der  Verbindung  der  Kabiren  mit  Hermes  wird  es  nicht 
überraschen,  gleichfalls  in  Übereinstimmung  mit  der  samothrakischen  Legende 
auch  diegroße  Göttermutter  inPergamonzufinden'"(C. I.G.Nr.  3538  =  Fränkel, 


'  Über  den  Widder  als  Opfertier  im  Kabirenkiilt  vgl.  Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV, 
S.  Ulf.  Das  von  B.  Schroeder  (Athen.  Mitt.  1904,  S.i52ff.)  veröffentlichte  Ehrendekret 
eines  Gymnasiarchen  aus  Pergamon  spricht  Z.  6  von  mycthpiun  kata  ta  hatpia  toTc  «erÄAOic 
eeoTc  KABeipoic  und  Z.  27  von  kpioböaia,  welche  auf  Betreiben  des  Gymnasiarchen  von  den 
Epheben  veranstaltet  wurden.  Dem  Herausgeber  erscheint  die  Beziehung  dieser  Kriobolien 
auf  die  obengenannten  Kabirenmysterien  fraglich  wegen  der  räumlichen  Trennung  der 
Stellen.  Angesichts  unserer  Münzbilder,  die  nicht  nur  die  Kabiren,  sondern  auch  den  Hermes 
mit  dem  Widderkopf  in  Verbindung  bringen,  muß  man  jene  Zusammengehörigkeit  vielleicht 
doch  in  Betracht  ziehen.  Hermes  ist  hier  wohl  wesentlicii  in  seiner  Funktion  als  Gott  der 
Gymnasien  aufzufassen. 

^  Daß  O.  Kern 's  Anzweiflung  ihrer  kultlichen  Verbindung  mit  den  Kabiren  den 
Zeugnissen  gegenüber  nicht  genügend  begründet  erscheint,  ist  schon  betont  worden  (vgl. 
Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  1 24). 


Die  Münzen  von.  Pergamon.  65 

a.a.O.  Bd.  n,  S.  239,  Z.  lyff.;  Preller-Robert,  a.a.O.  S.  859;  vgl.  auch 
S.  649,  Anm.  2  ;  Thraemer,  Pergamos,  S.  263ff.).  Wenn  sich  auf  den  Münzen 
auch  nicht  wie  bei  Hermes  der  mythisclie  Zusammenhang  der  Kabiren  mit 
der  Meter  Megale  dokumentiert,  so  ist  doch  ihre  enge  Beziehung  zu  Pergamon 
gesichert.  Der  auf  kleinasiatischen  Geprägen  häufige  Typus  der  thronenden 
Kybele,  die,  mit  der  Mauerkrone  geschmückt,  in  der  Rechten  die  Sehale  hält 
imd  den  linken  Arm  auf  das  Tympanon  stützt,  kommt  in  Pergamon  auf  ver- 
schiedenen Münzen  der  Kaiserzeit,  bald  mit,  bald  ohne  den  oder  die  zu  ihren 
Füßen  sitzenden  Longen  vor  (Taf.  V,  2  i).  Ob  ein  dementsprecliendes  Bildwerk 
in  der  Stadt  vorhanden  war,  was  bei  dem  monumentalen  Cliarakter  der  Figur 
durchaus  möglich  wäre,  ist  niclit  zu  sagen.  Dafür  könnte  sprechen,  daß 
ein  Prägbild  des  Commodus  (Taf.  V,  20)  die  (jöttin  auf  einem  hohen,  von 
zwei  Löwen  gezogenen  Wagen  zeigt,  begleitet  \^on  einer  im  Hintergrund 
siclitbaren  Gestalt,  einer  Kultgenossin,  die  in  bewegter  Haltung  das  Tym- 
panon schlägt.  Es  handelt  sich  hier  vielleicht  um  die  Ilauptszene  einer 
noMHhi,  die  fast  den  Eindruck  macht,  als  ob  es  sich  um  die  Umfahrt  der 
Kultstatue  handelt. 

Für  das  Vorhandensein  eines  Dienstes  der  großen  Göttin  in  Pergamon 
zeugen  aber  ebenso  die  Funde  imd  die  Literatur.  Denn  es  kamen  Weih- 
inschriften an  die  mit  ihr  identisclie  Meter  BasiU'ia  (vgl.  Diod.  III,  57,  3) 
und  die  Korybanten  zutage  (Fränkel,  a.a.O.  Bd.  I,  S.  53!'.  zu  Nr.  68, 
Bd.  II,  S.  323  zu  Nr.  481 — 483;  Ath.  Mitt.  1902,  S.  92,  78;  Jacobstlial, 
ebenda  1908,  S.  403,  32)  und  Varro  {De  Uny.  lal.  VI,  15)  erwähnt  ein  Mega- 
lesion  in  der  Stadt;  zudem  ist  die  nahe  Verbindung  der  Attaliden  mit  Pessi- 
nus  hinlänglich  bekannt.  Ferner  wissen  wir  durcli  Strabon  (XIII,  619,  6) 
von  einem  bei  Pergamon  auf  scliwer  zugänglicher  Höhe,  dem  AcnÖPAHNON  öpoc, 
gelegenen  Heiligtum  der  Meter  Aspordene  (vgl.  Schuchardt,  Sitzuugsbcr. 
d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1887,  S.  1212).  Ein  noch  ungcdeutetes,  auf  perga- 
mcnischen  Münzen  nachweisbares  Idol  (Taf  V,  23.  24;  IX,  23)  ist  nun  für 
eine  der  beiden  Göttinnen  zu  beanspruchen.  In  langem  Gewand  mit  Kalathos 
und  einem  von  dessen  oberem  Ran<le  bis  zu  den  Füßen  reichenden  Scldeier, 
von  vorn  gesehen,  hat  es  in  beiden  Händen,  von  denen  Wollbinden  herab- 
hängen, bis  jetzt  unerkannte  Attribute,  die  auf  schleclit  erhaltenen  Stücken 
Flammen  gleichen  und  in  Verbindung  mit  den  steifen  WoUtänien  als  Fackeln 
erklärt  wurden.  Darauf  gründete  Imhoof  {Rt'v.  Suisse  de  num.  Bd.  XIll, 
S.  221)  mit  Vorbehalt  die  Benennung  »llekate«.  Daß  der  Grundtypus 
Phü.-hist.  Klas.se.    1910.    Anhang.    Abh.  1.  9 


66  H.   vonFritze: 

mit  vielen  ähnlichen,  als  Artemis,  Aphrodite  usw.  verehrten  Bildern  auf 
die  große  Naturgöttin  zurückgeht,  ist  bekannt'.  Das  pergamenische  Idol 
weicht  von  dem  gewöhnlichen  Schema  nur  in  den  Attributen  ab,  die  nach 
einem  gut  erhaltenen  Gepräge  des  Decius  (Taf.  V,  23)  sicher  als  Zweige  zu 
bezeichnen  sind.  Eine  Münze  des  lydischen  Philadelpheia  (vgl.  Imlioof, 
Kleinas.  Münzen,  Bd.  I,  Taf.  VI,  1 1)  bietet  eine  in  allem  wesentlichen  über- 
einstimmende Darstellung,  nur  daß  sich  rechts  und  links  noch  je  ein  sitzen- 
der Löwe  befindet,  wodurch  die  Erklärung  als  Göttermutter  gesichert  wird. 
Eine  im  Standmotiv  und  in  der  Schleiertracht  leicht  differierende  Vari- 
ante bringt  nun  eine  Münze  des  Hadrianus  (Taf.  V,  22),  die  sich  aber  vor 
allem  dadurch  von  dem  obigen  Bild  unterscheidet,  daß  sie  nur  in  der  Linken 
den  hier  besonders  deutlichen  Zweig,  auf  der  Rechten  dagegen  eine  Nike 
trägt.  Daß  diese  dieselbe  Statue  wie  die  erstgenannte  ist,  beweist  ein  Ge- 
präge des  Pius,  ebenfalls  sicher  mit  der  auf  anderen  Stücken  undeut- 
lichen Nike,  aber  in  Standmotiv  und  Schleiertracht  wieder  vollkommen  dem 
anfangs  beschriebenen  Typus  gleich  (vgl.  Lenormant,  Tresor  de  num.  {Galt. 
7nyth.,  Taf.  L,  2).  Es  bleibt  hier  nur  die  Erklärung,  daß  die  vielleicht  nach 
einem  besonderen  Ereignis  der  Göttin  beigegebene  Nike  später,  d.  h.  nach 
Pius,  durch  einen  zweiten  Zweig  ersetzt  wurde.  Solche  Veränderungen  an 
Kultbildern,  wenigstens  in  der  Tracht,  kennen  wir  z.  B.  bei  dem  Mantel 
der  Parthenos  in  Athen  und  dem  Schleier  der  Athena  Ilias  in  Ilion  (vgl. 
bei  Dörpfeld,  Troja  und  Ilion,  Bd.  II,  S.  502f.).  Nun  steht  auf  einem 
in  Pergamon  gefundenen  Altärchen  die  Weihinschrift:  AcKAHniAKÖc  iatpöc| 
MÄ|ANeiKHTui  (Athen.  Mitt.  1904,  S.  169,  Nr.  12).  Dieses  der  Ma  auch  sonst 
gegebene  Epitheton  besagt  zwar  nicht  dasselbe  wie  nikhoöpoc.  Doch  wird 
auf  einer  im  Zentrum  der  Ma-Verehrung,  dem  kappadokischen  Komana, 
entdeckten  Inschrift  eine  nikh4>öpoc  ee[Ä]  genannt  und  mit  ihr  identifiziert 
(vgl.  W^addington,  Bull.  Corr.  hell.  1883,  S.  127;  Drexler  bei  Röscher, 
Lex.,  Bd.  II,  2,  Sp.  2219).  Angesichts  unserer  Münzen  wird  man  hier  nun 
nicht  mehr  zu  der  als  Notbehelf  herbeigeholten  Enyo  zu  greifen  brauchen 
(Imhoof,  Griech.  Münzen,  S.  708 f.),  sondern  einen  Zusammenhang  mit  dem 
pergamenischen  Idol  in  Erwägung  ziehen  dürfen.     Ob  es  uns  das  Bild  der 


'  Vgl.  Drexler  in  Roscher's  Lex.,  Bd.  II,  2,  Sp.  2890;  Schreiber,  ebenda  Bd.I,  i, 
Sp.  591  und  Wernicke  bei  Pauly-Wissowa,  Bd.II,i,  Sp.  1372  (letztere  beide  für  Artemis 
Ephesia),  ferner  die  von  Puchstein,  Pseudohethit.  Kunst,  S.  21  als  Ma  erklärte  Göttin  auf 
dem  Löwen  (Abbild:  G.  Hirschfeld,  Felsenrel.,  Abh.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1886,  S.  24). 


Die  Münzen  von  Pergamon.  67 

Aspordene  oder,  was  wahrscheinlicher  ist,  der  Meter  Basileia  als  nikh*öpoc 
eeÄ  vorführt,  läßt  sich  nicht  sagen.  Jedenfalls  spielte  es  zuzeiten  eine 
bedeutende  Rolle  in  der  Stadt,  da  es  auf  dem  Gelde  nicht  nur  von  einem 
Kaiser  (Decius)  besondere  Verehrung  empfangend  dargestellt  ist  (Taf.  V,  24), 
was  sonst  nur  Asklepios  und  Telesphoros  zuteil  wird,,  sondern  auch  auf 
einer  Homonoiamünze  mit  Mytilene  (Taf.  IX,  23)'  den  sonst  auf  allen 
Allianzgeprägen  die  Stadt  repräsentierenden  Asklepios  vertritt. 

10.     Lokal-Heroen  und  Gottheiten. 

Gemäß  einer  vielfach  während  der  Kniserzeit  erkennbaren  Tendenz 
wurde  auch  Pergamon  durch  einen  eponymen  Gründer  personifiziert  (vgl. 
Fränkel,  a.a.O.  Bd.  II,  S.  220,  zu  Nr.  289)  und  dieser  als  Prägbild  ver- 
wendet. Die  Benennung  des  bärtigen  Kopfes  mit  breiter  Binde  im  herab- 
fallenden Haar,  der  auf  der  Vorderseite  von  Münzen  ohne  Kaiserportrait  er- 
scheint (s.  oben  S.  43.45,  Taf.  III,  14.  19),  als  Pergamos  ist  gesichert.  Daß 
er  mit  Asklepios  verbunden  auftritt,  ist  bei  dessen  vorherrschenden  Stellung 
als  Stadtpatron  nur  natürlich.  So  bekränzt  Pergamos  ihn  auf  einem  Ge- 
präge des  Pius  (Taf.  VI,  21)  und  eine  Homonoiamünze  mit  Ephesos  aus 
Commodus'  Zeit  zeigt  ihn  mit  «lern  Kultbild  des  Gottes  auf  der  Rechten 
(Taf.  IX,  17).  Sein  Heroon  in  der  Stadt  bezeugen  Pausanias  (I,  11,  2)  so- 
wie eine  zwar  fragmentierte,  aber  dem  Sinne  nach  wohl  riclitig  ergänzte 
Weihinschrift  (Fränkel,  a.a.O.  Bd.  II,   Nr.  289). 

Die  angeführten  Darstellungen  des  eponymen  Heros  lassen  durch  die 
Art  seiner  Verbindung  mit  anderen  Figuren  erkennen,  daß  die  Komposi- 
tionen nd  hoc  zusammengefugt  sind,  (jhne  sich  an  Vorbilder  anzulehnen. 
Freie  Erfindung  wird  sich  vermutlich  aucii  an  dem  Kopfe  des  ktIcthc  be- 
tätigt haben.  —  Den  Pergamosszenen  hat  schon  Cavedoni  {Ann.  deW  Inst. 
1835,  S.  269  ff".)  zwei  Münzbilder  mit  je  einem  kämpfenden  Heroenpaar  an- 
gereiht: auf  einem  Gepräge  des  Commodus  (Tai.  VI,  12)  erblickt  man  einen 
nackten,  behelmten  Helden  in  bewegter  Stellung  nach  links,  Überkörper 
von  vorn,  Kopf  nach  rechts,  am  linken  Arm  den  Schild  und  mit  der  er- 
hobenen Rechten  den  Speer  zum  Todesstoß  zückend  gegen  einen  vor  ihm 

'  Im  Brit.  Cat.  Troas  usw.,  8.215,  ^35  (Taf- XLIII,  4)  ist  die  Göttin  iri'tümlicli  als 
Artemis  von  Perge  bezeichnet  und  als  Wappen  dieser  Stadt  angesehen  (vgl.  aucli  Imhoof, 
Rev.  Stiüse  de  num.  Bd.  XIII,  S.  221). 

9* 


68  H.   VON   Fritze: 

niedergestürzten  Feind.  Dieser,  nach  Verlust  seiner  Waffen  ins  Knie  ge- 
sunken, streckt  die  Rechte  abwehrend  gegen  seinen  Gegner  aus.  Cavedoni 
sah  in  dem  Sieger  Pergamos,  in  dem  Besiegten  Areios,  den  teuthrantischen 
Dynasten  (Paus.  I,  ii,  2).  Es  gab  noch  einen  anderen  berühmten  Zwei- 
kampf in  diesem  lokalen  Sagenkreise,  den  des  Achilleus  mit  Telephos 
(Paus.  VIII,  45,  7).  Aber  bei  dem  ersteren  handelt  es  sich  um  die  Besitz- 
ergreifung des  Landes,  und  die  Wiedergabe  dieser  Szene  würde  man  des- 
halb hier  eher  voraussetzeen.  Die  sogenannte  Namensbeischrift  zwischen 
den  Beinen  des  stehenden  Heros,  die  Cavedoni,  beeinflußt  durch  Mionnet's 
Lesung  \^CO  (Suj)]il.\,  S.  451,  1058),  die  größten  Schwierigkeiten  bereitete, 
lautet  vielmehr  NEO  und  bezieht  sich  auf  die  städtische  Neokorie.  Wollte 
man  etwas  gegen  diese  Interpretation  des  Bildes  anfuhren,  so  könnte  es 
der  Umstand  sein,  daß  der  siegreiche  Held  augenscheinlich  unbärtig,  Per- 
gamos aber,   wie   wir  sahen,   sonst  bärtig  dargestellt  ist. 

Die  zweite,  gleichfalls  von  Cavedoni  (a.  a.  ().  S.  27  i  f.)  herangezogene 
Gruppe  auf  einer  Großbronze  des  Elagabalus  (vgl.  Mionnet,  Suppl.Y,  S.  467, 
1140)  aus  der  Pariser  Sammlung  ist  so  schleclit  erhalten,  daß  man  kaum 
mehr  sagen  kann,  als  daß  zwei  bewegte  männliche  Gestalten  aufeinander 
loszugehen  scheinen,  und  zwar  vermutlich  bewaffnet,  in  feindlicher  Absicht. 
Wollte  man  aucli  diese  Situation  auf  die  Monomachie  zwischen  Pergamos 
und  Areios  beziehen,  so  wäre  ein  dem  obenerwähnten  Moment  vorangehen- 
der gewählt,  als  das  »Schicksal  des  letzteren  noch  niclit  besiegelt  ist.  Aber 
auch  hier  kommt  man  über  Möglichkeiten  nicht  hinaus. 

Telephos  findet  sich  auf  den  Münzen  nur  als  Kind,  worauf  noch  ein- 
zugehen sein  wird  (s.  unten  S.  69).  Der  Kopf  seines  Sohnes  Eurypylos 
mit  dem  weichen  Antlitz  des  Jünglings  und  langem,  lose  herabhängendem 
Haar  sowie  der  Beisehrift  evPYnYAOC  HPnc  schmückt  die  Vorderseite  eines 
autonomen  Gepräges  der  Kaiserzeit  (Taf.  III,  15),  der  Tempel  der  paphischen 
Aphrodite,  über  dessen  Beziehung  zu  Pergamon  wir  sonst  nichts  wissen, 
die  Rückseite  (zu  diesem  vgl.  zuletzt  G.  F.  Hill,  Brit.  Cat.  Cyprus^  Introd. 
S.  i27ff.).  Eine  merkwürdige  Nachricht  überliefert  Pausanias  (III,  26,  10), 
man  habe  im  Asklepieion  in  Pergamon  bei  den  Hymnen  mit  Telephos  be- 
gonnen, jedoch  nichts  von  Eurvj)ylos  hinzugefügt,  überhaupt  im  Tempel 
von  ihm  geschwiegen,  da  er  nach  der  »Kleinen  llias«  den  Asklepiaden 
Machaon  im  Kampfe  getötet  habe.  Wenn  diese  Legende  in  Pergamon  ge- 
glaubt wurde,  so  würde  sie  nur  beweisen,  daß  Eurypylos  hier  keinen  Kult 


Die  Münzen  von  Pergariion.  69 

besaß.  Dann  wäre  sein  Bild  auf  der  Münze,  wie  vermutlich  das  des  Per- 
gamos,  nur  freie  Erfindung  in  einer  Zeit,  als  man  sich  im  Zurückgehen  auf 
die  Anfänge  der  Stadt  und  in  Konstruktionen  ihrer  mythischen  Gründer' 
zu  betätigen  liebte  (vgl.  Pilling,  a.a.O.  S.  25). 

Wenn  auch  nicht  im  eigentlichen  Sinne  zu  den  Lokalheroen  von  Per- 
gamon  gehörend,  so  doch  als  Ahnherr  mit  ihnen  verbunden,  ist  Herakles 
als  Vater  des  Teleplios.  Dieses  Verhältnis  ist  hervorgehoben  auf  der  be- 
kannten Großbronzc  des  Commodus  (Taf.  VI,  6),  welche  die  Auffindung  des 
von  der  Hindin  gesäugten  Kindes  im  Partheniongebirge  darstellt  und  viel- 
fache Behandlung  erfahren  hat,  auf  die  hier  im  einzelnen  nicht  eingegangen 
werden  kann.  Während  Weizsäcker  (Arch.  Ztg.  1882,  S.  259ft".)  ein  in 
Pergamon  vorhandenes  plastisches  Vorbild  für  die  Münze  annehmen  zu 
müs.sen  meint,  lehnt  P'urtwängler  (bei  Röscher,  Lex.,  Bd.l.  2,  Sp.  2247; 
vgl.  Thraemer,  Pergamos,  S.  242  f.)  dies  mit  vollem  Recht  ab,  indem  er 
die  ärmliche  Erfindung  hervorheben,  die  sich  in  der  Komposition  ausspricht. 
Läge  nicht  der  Eindruck  einer  aus  einzelnen  Motiven  ungeschickt  zusammen- 
gestoppelten Gruppe  klar  zutage,  so  würde  man  überdies  viel  eher  an  ein 
malerisches,  als  an  ein  statuarisches  Original  denken  müssen  (vgl.  auch 
Stephani,  Der  ausruh.  Herakles,  S.  184).  Mit  dem  Typus  der  Auffindung, 
wie  sie  am  Telephosfriese  ausgeführt  ist  (vgl.  Collignon-Pontremoli, 
Pergame,  S.  94;  Winnefeld,  Altert,  v.  Perg.,  Bd.  IH,  2,  Taf.  XXXI,  6),  hat 
unser  Münzbild  nichts  zu  tun.  Über  die  Einzelheiten,  das  von  dem  Tier 
gesäugte  Kind  und  den  Adler,  die  sich  auch  auf  anderen  Monumenten  mit 
Wiedergabe  derselben  Szene,  z.  B.  auf  kampanischen  Wandgemälden,  wieder- 
holen,  vgl.  Heibig,   Unters,  üb.  d.  Campan.  Wandm.,   S.  152  ff. 

Daß  Herakles  aber  auch  außer  seiner  Verknüpfung  mit  der  Lokalsage 
den  pergamenischen  Prägbildern  vielfachen  Stoff  geboten  hat,  zeigt  eine 
Serie  von  Münzen  aus  der  Zeit  von  Pius  bis  zu  Gallienus.  Der  Held  bei 
der  Vollbringung  seiner  Taten  erscheint  in  vier  Situationen,  un<I  zwar:  i .  wie 
sich  Eurystheus  vor  dem  den  P^ber  auf  den  Schultern  herantragenden  Heros 
in  den  Pithos  versteckt  hat  (Taf.  VI,  8);  2.  im  Begriff,  den  von  ihm  um- 
schlungenen und  in  die  Höhe  gehobenen  Antalos  auf  die  Erde  zu  schmettern 
(Taf.  VI,  5);   3.  auf  dem  zu  Boden  geworfenen  Hirsch  kniend,  mit  den  Händen 

'  Daß  Pergamos  als  ktIcthc  jedoch  .schon  um  die  Mitte  des  1.  Jahrliiinderts  v.  Chr. 
eine  Rolle  spielte,  beweist  die  Inschrift  des  Mithradates  von  Pergamon  (vgl.  Hepding, 
Athen.  Mitt.  1909,  S.  329  ff.). 


70  H.  VON   Fk 


ITZE  ; 


das  (rehörn  packend  ('raf.  VI,  7);  4.  im  Kampf  mit  dem  um  einen  Baum 
geringelten  Drachen,  dem  Wächter  der  Hesperidenäpfel  (Taf.  VI,  1 1).  Keine 
dieser  Szenen  bringt  tj^pengeseliiclitlicli  Neues;  sie  sind  nur  den  von  Furt- 
wängler  (bei  Röscher,  Lex.,  Bd.  I,  2,  Sp.  2224.  2227f.  223of.  2243)  hin- 
reicliend  charakterisierten  Denkmälergruppen  beizulügen.  Aber  auch  Mo- 
mente der  Ruhe  aus  dem  Leben  des  Heros  finden  sich  als  Prägbilder:  das 
eine  Mal  hat  er,  auf  einem  Felsen  sitzend,  auf  den  er  die  Linke  stützt, 
mit  der  Rechten  das  Gewand  einer  vor  ihm  stehenden  weiblichen  Figur 
gefaßt,  um  die  schon  halb  entblößte  völlig  zu  entkleiden  (Taf.  VI,  10).  Auch 
dieses  Motiv  ist  nicht  vereinzelt.  Unter  Ablehnung  der  Deutung  auf  eine 
bestimmte  Geliebte,  etwa  lole,  sieht  Furtwängler  (a.a.O.  Sp.  2250)  hier 
nur  eine  Nymphe,  deren  Reize  den  Helden  anziehen.  Wenn  man  in  dieser 
Situation  schon  einen  Anklang  an  den  im  Altertum  so  beliebten  Typus  des 
trunkenen  Herakles  zu  sehen  glaubte,  so  ist  letzterer  endlich  beim  Becher 
lang  hingestreckt  zuerst  unter  Pius,  dann  unter  M.  Aurelius  (Taf.  VI,  9)  und 
noch  unter  Gallienus  anzutreffen.  Er  lagert  auf  dem  Löwenfell,  stützt  die 
Rechte  auf  eine  Keule  und  hält  die  Trinkschale  in  der  Linken.  Furt- 
wängler (a.  a.  O.  Sp.  2217)  zitiert  als  vielleicht  vorbildlichen  dichterischen 
Ausdruck  der  Komposition  Pindar's  Worte  (Nein.  1  70  ed.  Christ):    hcyxIan 

KAMÄTUN    WerAAUN    nOINAN    AAXÖNt'   ^iAiPGTON  I  ÖABIOIC   eN    AüJMACI. 

Einer  Erwähnung  bedürfen  in  diesem  Zusammenhange  noch  die  Stadt- 
göttin und  die  Flüsse.  Erstere  sieht  man  auf  einem  Stuhl  mit  hoher  Rück- 
lehne thronend,  mit  der  Mauerkrone,  in  der  Rechten  die  Schale,  die  Linke 
am  Zepter  {vgl.  Brlt.  Cot.,  S.  160,  342).  Der  nichts  Bemerkenswertes  dar- 
bietende Typus  wird  auf  einem  Medaillon  des  Elagabalus  (Taf.  VI,  13)  er- 
weitert durch  eine  große,  sich  links  vom  Thi'on  erhebende  Schlange.  Man 
wird  kaum  fehlgehen,  wenn  man  diese  hier  als  Repräsentantin  des  Askle- 
pios  ansieht,  wie  sie,  um  einen  Baum  geringelt,  nicht  nur  auf  einem  das 
Telesphorion  bezeichnenden  Prägbilde  mit  Telesphoros  und  Caracalla,  son- 
dern ebenso  auch  allein  wiedergegeben  ist  (s.  S.  53).  Die  Szene  darf  als 
eine  Art  abgekürzter  Darstellung  gelten .  welche  vollständiger  dort  zur 
Wiedergabe  gelangt  ist,  wo  die  stehende  Stadtgöttin  mit  dem  Kultbild  des 
Asklepios  auf  der  Rechten  vor  Caracalla  erscheint,  der  ihnen  gemeinsam 
seine  Verehrung  bezeugt  (Taf.  VII,  13).  Daß  solche  Typen  wie  der  letztere 
durchaus  keine  lokale  Bedeutung  besitzen,  läßt  sich  auch  hier  nachweisen, 
insofern    als    eine   analoge    Auffassung    derselben    Gruppe   z.  B.    auf  einem 


Die  Münzen  von  Pergamon.  71 

Caracallamedaillon  von  Tliyateira  (vgl.  Brit.  Cat.  Lydia,  Taf.  XXXI,  8)  vor- 
kommt, nur  daß  hier  statt  des  Asklepios  der  ApoUon  Tyrimnaios  als  Stadt- 
gott fungiert. 

Von  den  Flußgöttern  ist  schon  mehrfach  die  Rede  gewesen.  Sie  sind 
stets  durch  Beischrift  bezeichnet,  und  zwar  triflFt  man  zunächst  auf  einer 
Münze  des  Traianus  (Taf.  VI,  i8)  den  Kaikos  an.  Er  ist  bärtig,  stützt  den 
Kopf  auf  die  Linke  und  liält,  abweicliend  von  dem  sonstigen  Schema,  auf 
der  vorgestreckten  Rechten  das  Füllhorn,  während  das  Sclii'frohr  im  Hinter- 
grund sichtbar  wird.  Auch  Keteios  und  Seleinus  finden  sich  einzeln,  und 
zwar  jener  auf  zwei  verschiedenen  Stücken  des  Aelius  (Taf.  VI,  i6.  1 7),  dieser 
einmal  unter  demselben  Kaiser  (vgl.  Mionnet  II,  S.  599,  566).  Ferner  lagert 
er  zu  Füßen  des  thronenden  Zeus  Nikeplioros  (vgl.  oben  S.  55).  Keteios 
und  Seleinus,  in  der  bekannten  Stellung,  sehen  wir  auf  zwei  Prägbildern  des 
M.  Aurelius,  das  eine  Mal  (Taf.  VI,  15)  rechts  und  links  vom  Standbild  des 
Asklepios  (s.  oben  S.  49),  das  andere  Mal  (Taf.  VI,  14)  sich  die  Hände  reichend. 
Auf  oder  über  diesen  steht  die  konventionelle  Figur  der  Tyche  mit  Kalathos, 
Steuerruder  und  Füllhorn  nacli  links.  Wenn  die  Attribute  der  Flußgötter 
vielfach  wechseln,  Füllhorn,  Ruder,  Schilfrohr  und  Wassergefäß  bald  vor- 
handen sind,  bald  fehlen,  so  wird  das  wenig  befremden.  Eigentümlich  ist 
dagegen,  daß  auf  dem  einen  der  letztangeführten  Gepräge  des  M.  Aurelius 
(Taf.  VI,  14)  beide  bärtig  sind,  auf  dem  anderen  (Taf.  VI,  15)  der  eine  ohne 
Bart  dargestellt  ist.  Dieser  wäre,  wenn  man  annimmt,  daß  die  Namens- 
beischriften unter  den  durch  sie  bezeichneten  Figuren  stehen,  Keteios,  der 
auf  den  Münzen  des  Aelius  (Taf.  VI,  16.  17)  bärtig  ist.  Daraus  scheint  her- 
vorzugehen, daß  solclie  Personifikationen  keine  feststehenden  Typen  besaßen, 
sondern  daß  je  nach  Belieben  die  Musterbücher  von  dem  Stempelschneider 
für  die  Darstellung  der  Lokalgötter  in  frei  zu  komponierenden  Szenen  be- 
nutzt wurden. 

II.    Kaiser  als  handelnde  Personen. 

Daß  die  römischen  Cäsaren  als  Götter  oder  cynnaoi  von  diesen  auch 
auf  den  Prägungen  von  Pergamon  figurieren,  und  zwar  von  der  ersten 
Kaiserzeit  an,  ist  bereits  betont  worden  (vgl.  S.  50 f.)  und  wird  nochmals 
(S.  74f.)  erwähnt  werden.  Hier  gilt  es,  die  Kaiser  als  handelnd  auftretende 
Personen  zu  besprechen,  wie  sie  seit  M.  Aurelius  auf  den  Münzen  erscheinen, 
und  zwar  kommen  vor  allem  zwei  Formen  in  Betracht,  je  nachdem  sie  in 


72  H.   VON    Fritze: 

militärischen  oder  sakralen  Situationen  fungieren.  Freilich  ist  hierin  keine 
strenge  Scheidung  vorzunehmen,  da  beide  sich  auch  berühren.  Doch  ergeben 
sich  die  verschiedenen  Gruppen  ohne  Schwierigkeit.  Auf  der  Rückseite  einer 
Münze  des  Elagabalus  (Taf.  VIII,  3)  erscheint  dieser  allein  in  ganzer  Figur 
mit  Lorbeer,  Panzer,  Mantel  und  Stiefeln,  in  der  Rechten  die  Schale,  die 
Linke  hoch  am  Zepter;  links  von  ihm  ist  ein  flammender  Altar.  In  Klei- 
dung, Haltung  und  Attributen  analog  sieht  man  Caracalla  auf  einer  seiner 
Grroßbronzen  (Taf.  VII,  8);  doch  ist  hier  beiderseits  noch  je  ein  von  einem 
Adler  bekröntes  Vexillum.  Diese  ganz  übereinstimmend  auch  auf  einer  kyzi- 
kenischen  Münze  desselben  Kaisers  (Venuti,  Mus.  Albani,  Bd.  I,  Taf.  LI,  3) 
nachzuweisende  Komposition  stellt  den  Imperator  offenbar  bei  einer  zu  dem 
Heere  in  Beziehung  stehenden  Opferhandlung  dar.  Caracalla  und  Geta, 
einander  gegenüberbefindlich,  mit  Schale  und  Zepter,  zeigt  ein  Gepräge  des 
Severus  (Taf.  VII,  10).  Auf  einem  Unikum  (in  der  Petersburger  Sammlung) 
mit  dem  Bilde  des  Commodus  (Taf.  VII,  4)  erblickt  man  den  Kaiser  auf 
einem  sich  im  Schritt  nach  links  bewegenden  Zweigespann,  in  der  Rechten 
anscheinend  einen  Kranz,  im  linken  Arm  das  Zepter. 

Commodus  mit  der  Kultstatue  des  Asklepios  auf  der  Rechten  vor  einem 
brennenden  Altar,  bekränzt  durch  eine  von  rechts  heranschreitende  Nike 
(Pellerin ,  Recucil,  Suppl.  Bd.  II,  Taf.V,  3),  eröffnet  eine  Reihe  ähnlicher  Szenen 
mit  dem  siegreichen  Kaiser  als  Mittelpunkt.  Eine  genaue  Wiederholung, 
nur  ohne  den  Altar,  bringt  ein  Medaillon  des  Severus  (Taf.  VII,  1 1 ).  Dieser, 
nur  mit  der  Schale  statt  des  Kultbildes  in  der  Rechten,  läßt  sich  von  der 
Siegesgöttin  bekränzen  (Exemplar  in  München).  Zwei  fast  identische  Groß- 
bronzen des  Commodus  und  des  Caracalla  (Taf.  VII,  7)  zeigen  den  Kaiser 
in  Waffen  zu  Roß,  im  Schritt  nach  rechts,  den  Speer  in  der  Rechten;  vor 
ihm  ein  Tropaion,  neben  dem  sich  zwei  (auf  dem  Commodusstück  nur  einer) 
gefesselte  Gefangene  befinden.  Von  links  her  naht  Nike  mit  dem  Kranze. 
Ein  Gepräge  des  Caracalla  (Taf.  VII,  5)  verändert  diese  Situation  dadurch, 
daß  hier  die  Göttin  fehlt  und  der  Kaiser  nicht  den  Speer  faßt,  sondern 
die  Rechte  erhebt,  wohl  im  Moment  der  Adlocuüo  gedacht.  P^ine  analoge 
Situation,  aber  nach  links,  bietet  ein  Unikum  des  M.  Aurelius  (in  London; 
Taf.  VII,  6)  unter  Fortlassung  auch  des  Tropaions.  Den  Abschluß  dieser 
Serie  mit  dem  siegreichen  Triumphator  und  zugleich  den  Übergang  zu  den 
folgenden  Typen  bildet  ein  Medaillon  des  Commodus  (Taf.  VII,  16):  der  Kaiser 
steht  auf  der  unteren  Stufe  einer  breiten  zweistufigen  Basis,  mit  der  Linken 


1 


Die  Münzen  von  Pergamon.  73 

ein  auf  der  oberen  errichtetes  Tropaion  bekränzend,  vor  dem  ein  Gefangener 
kauert.  Im  Vordergrund  zu  ebener  Erde  fällt  ein  Buckelrind  unter  dem  Beil. 
Damit  sind  wir  zu  den  sakralen  Vorgängen  gelangt.  Wenn  an  dieser 
Stelle  nicht  die  obenerwähnten  Szenen  angereiht  sind,  in  denen  der  Kaiser 
mit  der  Schale  in  der  Hand,  eventuell  auch  vor  dem  Altar,  figuriert,  so 
ist  das  deshalb  nicht  geschehen,  weil  hier  wesentlich  das  militärische  Moment 
für  die  Zusammenstellung  maßgebend  war  und  erst  in  der  nun  folgenden 
Gruppe  die  Gottheit  auftritt,  der  die  Opferhandlung  gilt.  Hierfür  liefern 
Münzen  des  Severus,  des  Decius  und  vor  allem  des  Caracalla  das  Material. 
Mit  zwei  Ausnahmen  ist  es  stets  Asklepios  oder  Telesphoros,  denen  die 
Verehrung  des  Kaisers  zuteil  wird.  Neben  der  Spende  (Taf.  Vll,  1 7),  die 
über  dem  Altar  (Taf.  VIII,  i)  oder  dem  Thymiaterion  (Taf.  VIII,  2)  statt- 
findet, kommt  auch  das  einfache  Gebet  vor,  das  durch  die  adorierend  er- 
hobene Rechte  angedeutet  ist.  Dies  geschieht  z.  B.  bei  den  Einzugsszenen. 
Hier  sind  zwei  verschiedene  Momente  wiedergegeben :  erstens  wie  Caracalla 
zu  Roß,  von  einem  Knappen  begleitet,  auf  die  Kultstatue  zureitet,  sich 
aber  noch  zu  jenem  umwendet  (Taf.  VII,  14),  dann  wie  er,  ebenfalls  reitend, 
zu  dem  von  der  Stadtgöttin  (Taf.  VII,  13)  oder  dem  Priester  (?)  (Taf.  VII,  15) 
gehaltenen  Asklepiosbild  betet.  Zu  Fuß  erscheint  der  Kaiser  mit  dem 
Gestus  der  Adoration  vor  Asklepios  und  Telesphoros  (Taf.  VllI,  4)  oder  vor 
diesem  allein  (Taf.  VIII,  5). 

Aber  auch  ein  Zebuopfer  wird  in  Caracalla's  Gegenwart  veranstaltet. 
Ein  Prägbild  zeigt  Stadtgott  und  Kaiser,  diesen  mit  Schale  und  Globus,  ein- 
ander gegenüberstehend,  und  zwischen  beiden  das  Opfertier  (Taf.  VII,  1 7), 
eine  dürftige,  abgekürzte  Komposition.  Anders  bei  den  entsprechenden 
Szenen,  die  vor  den  in  ihren  Tempeln  befindlichen  Statuen,  sowohl  des 
stehenden  Asklepios  (Taf.  VIII,  9),  als  auch  des  sitzenden  Zeus  Asklepios 
(Taf.  VIII,  7.  8)  vor  sich  gehen  (vgl.  oben  S.  50  f.).  Während  der  Kaiser  bi.s- 
her  stets  in  kriegerischer  Tracht  auftrat,  ist  er  hier  als  Pontifex  mit  der 
Toga  bekleidet;  er  ersetzt  also  selbst  den  amtierenden  Priester,  liält  in  der 
Rechten  die  Schale,  in  der  Linken  eine  Rolle.  Vor  ihm  erkennt  man  den 
das  Beil  schwingenden  Opferdiener,  im  Begriff,  das  mittels  Ring  imd  Seil 
an  den  Boden  gefesselte  Zebu  niederzuschlagen.  —  Mit  Caracalla,  dem  en- 
thusiastischen Verehrer  des  Asklepios,  hören  Darstellungen  des  opfernden 
Kaisers  fast  ganz  auf.  Nur  zwei  Großbronzen  des  Decius  sind  aus  der 
Folgezeit  noch  hinzuzufügen.  Dieser  Kaiser,  wiederum  in  Waffen,  steht 
Phü.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  I.  10 


74  H.    V  O  N     F  R  I  T  Z  E  : 

hier  mit  der  Schale  in  der  Rechten  zunächst  vor  dem  ihn  bekränzenden 
Dionysos  (Taf.  IV,  2  2),  dann  aber  auch  vor  dem  weiblichen,  als  Meter  Megale 
erklärten  Idol  (Taf.  V,  24;  vgl.  oben  S.  66).  Abgesehen  von  Decius  kommen 
also  nur  Antonine  als  Opfernde  angesichts  der  Gottheit  auf  den  Münzen 
vor.  Die  noch  übrigen  beiden  Rückseitenbilder  mit  Kaiserdarstellungen  zeigen 
wiederum  Caracalla,  das  eine  Mal  (Taf.  VII,  12)  mit  der  im  Gestus  der 
Adlocutio  erhobenen  Rechten  auf  einem  vielstufigen  Bema  in  Kriegstracht 
zwischen  zwei  auf  ebener  Erde  befindlichen  Figuren,  und  zwar  erscheint 
vor  ihm  die  Stadtgöttin,  mit  der  Rechten  das  Asklepiosbild  tragend,  hinter 
ihm  ein  behelmter  Krieger  (Ares?),  in  der  Hand  die  nach  links  über  dem 
Globus  schwebende,  Caracalla  bekränzende  Nike.  Welchen  offenbar  bedeut- 
samen Moment  diese  feierliche  Situation  bildlich  festhalten  sollte,  ist  nicht 
zu  entscheiden.  Möglichenfalls  galt  es  die  Verkündigung  einer  Gunstbe- 
zeugung, eines  für  die  Stadt  wichtigen  Privilegs.  —  Die  zweite  Szene  (Taf. 
VII,  9)  führt,  vielleicht  in  Anknüpfung  an  den  von  ihm  gern  zitierten  Alex- 
ander den  Großen,  Caracalla  auf  der  Löwenjagd  vor  Augen.  Der  im  Galopp 
nach  rechts  sprengende  Kaiser  hat  noch  die  geöffnete  Rechte  nach  rückwärts 
erhoben,  aus  der  eben  der  Speer  entsandt  ist;  dieser  traf  sein  Ziel  und  steckt 
in  dem  Rücken  des  unter  oder  neben  dem  Pferd  zusammengebrochenen  Löwen. 

12.  Der  Kaiser  als  Gegenstand  des  Kultes.  Die  Neokorie. 
Im  Verlauf  der  Untersuchung  ist  dieses  Thema  schon  mehrfach  be- 
rührt worden,  sei  es,  daß  es  sich  um  die  Identifizierung  von  kaiserlichen 
Personen  mit  Gottheiten  handelte  (vgl.  8.49!'.  561".),  sei  es,  daß  es  den  Kult 
des  lebenden  Kaisers  selbst  betraf  (vgl.  S.  51).  Über  diesen  letzteren,  soweit 
er  Pergamon  als  Besitzerin  mehrerer  Neokorien  angeht,  muß  kurz  berichtet 
werden.  Wenn  für  Buechner  {De  neocorla  [i888],  S.  98  und  109)  nur  die 
Wahrscheinlichkeit  bestand,  daß  die  Stadt  die  zweite  Neokorie  unter 
Traianus,  die  dritte  unter  Caracalla  erhielt,  indem  er  bei  letzterer  nicht 
bestreiten  wollte,  daß  sie  schon  durch  Severus  verliehen  sei,  so  standen 
diese  Tatsachen  für  Fränkel  (Insclir.  v.  Perg.  [1896],  S.  226;  vgl.  S.  338) 
schon  fest  und  es  bedurfte  kaum  der  oben  (S.  5of.)  besprochenen  Großbronzen 
des  Caracalla  mit  den  drei  durch  Giebelaufschriften  bezeichneten  Tempeln 
(Taf.  VIII,  19),    um    volle  Gewißheit   zu   haben'.    Von  der  Art  und  Weise, 

'    Diese  Großbronzen    waren   sclion  mehrfach  publiziert,   aber  die  Legenden  nur  teil- 
weise  richtig   gelesen    und    daher    unverwertet    geblieben    (vgl.   i.  Patin,    Thes.  num.  Fat., 


Die  Münzen  von  Pergamon.  75 

wie  sich  die  drei  Kaiser  mit  neugeschaffenen  oder  schon  bestehenden  Kulten 
verbanden,  indem  sie  sich  ihnen  als  cynnaoi  gesellten,  ist  schon  die  Rede 
gewesen  (vgl.  oben  S.  5of.  und  Nomisrna  II,  S.  31  f.).  Während  in  Pergamon 
der  Neokorie  auf  Inschriften  schon  unter  Traianus  Erwähnung  getan  wird, 
und  zwar  sowohl  der  ersten,  als  auch  der  durch  ihn,  zwischen  106  und  1 14 
n.  Chr.,  verliehenen  zweiten,  kommt  der  Titel  auf  Münzen  überhaupt  erst 
unter  M.  Aurelius  vor.  Das  ergibt  sich  unzweifelhaft  aus  allen  Geprägen, 
die  in  Original  oder  Abguß  kontrolliert  werden  konnten.  In  älteren  Publika- 
tionen sind  allerdings  drei  Exemplare  beschrieben,  welche  die  Angabe  der 
Neokorie  schon  auf  Geprägen  des  Pius  zu  bezeugen  scheinen;  alle  gehen 
jedoch  auf  den  äußerst  unzuverlässigen  Vaillant  (Numism.  imp.  ijr.,  S.  45) 
zurück  und  lassen  sich  teils  durch  Vergleichung  mit  entsprechenden  Stücken 
als  verlesen,  teils  als  vermutlich  unrichtige  Zuteilung  oder  als  Fälschung 
erkennen.  Wenn  man  das  Fehlen  der  Neokoriebezeichnung  auf  dem  per- 
gamenischen  Gelde  des  Traianus,  unter  dem  ein  heftiger  Titelstreit  zwischen 
verschiedenen  rivalisierenden  Städten  entbrannt  war  (vgl.  Gaebler,  Zeitschr. 
f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  337),  als  auffallend  empfindet,  so  braucht  dies  des- 
halb nicht  zu  befremden,  weil  statt  jener  Legenden  beide  Neokorietempel  die 
häufigsten  Typen  auf  seinen  Münzen  und  die  innen  befindlicTien  Kaiser- 
statuen durch  die  Beischriften  deutlich  charakterisiert  sind  (Taf. Vlll,  12.  17; 
vgl.  die  ephesische  Münze  des  Elagabalus  mit  den  vier  Tempeln  ohne  Nen- 
nung der  Neokoricn  im  Brit.  Cat.  lonia,  S.  92,  306). 

Die  Angaben  der  Neokorieziffern  auf  den  in  großer  Zahl  zur  Nach- 
prüfung vorliegenden  Münzen  von  Pergamon  stehen  in  vollem  Einklang  mit 
dem,  was  über  die  Verleihung  der  Neokorien  bekannt  ist  und  verursachen 
keine  Schwierigkeiten.  Freilich  fehlt  es  in  älteren  Beschreibungen  nicht 
an  Inkongruenzen.  Doch  sind  diese  ausnahmslos,  sei  es  mit  Hülfe  typen- 
gleicher Originale,  sei  es  wegen  der  am  Wortlaut  deutlich  erkennbaren 
schlechten  Erhaltung  der  Stücke  oder  auf  Grund  von  Anzeichen  offenbarer 
Fälschung  als  nicht  vorhanden  abzutun,    wie   die   Behandlung    im    Corpus 


S.  118.  2.  F atin ,  Thes.  Maurocen.,  ü. T 2 ;  Vaillant,  Num.  imp. gr.,  8.  io8,  daraus:  Mioniiet, 
Suppl.  V,  S.  461,  1109.  3.  Wiczay,  Bd.  I,  Nr.  4731;  Sestini,  Mus.  Hfderv.,  Bd.  II, 
S.  120,  62,  daraus:  Mionnet,  Suppl.  V,  S.  460,  1108.  4.  Cappe;  Waigel,  Cat.  (1860), 
S.  2,  10).  Im  Februar  1903  fand  ich  das  Exemplar  Morosini  im  3Iuseo  archeologico  zu  V^enedig 
auf,  wo  bereits  die  Lesart  der  drei  Aufschriften  als  AYT,  AN,  TPA  mit  Sicherheit  festzu- 
stellen war.  Später  kamen  noch  unedierte  Stücke  aus  den  Sammlungen  Loebbecke  (jetzt 
Berlin),  Leake  (nicht  im  Katalog)  und  der  Ermitage  in  Petersburg  (Taf.  VIII,  19)  hinzu. 

10* 


76  H.  VON   Fritze: 

nwnmorum  im  Einzelfalle  zeigen  wird.  —  H.  Gaebler  hat  (a.  a.  0.  S.  259ff.) 
übersichtlich  und  knapp  die  Frage  nach  der  Entstehung  der  Neokorie  in  den 
Kommunen  der  Provinz  Asia  von  dem  Gesichtspunkt  der  Rivalität  der  Städte 
untereinander  aufgerollt  und  den  munizipalen  Charakter  der  Neokorie  er- 
wiesen', so  daß  man  diese  Ausfuhrungen  fiir  alle  Details  einzusehen  hat. 
Die  Ergebnisse  sind  kurz  folgende:  während  Ephesos  auf  einer  Münze  des  Nero 
und  fortan  auch  in  den  epigraphischen  Urkunden  als  erste  diesen  Titel 
führt,  der,  wie  Gaebler  (a.a.  0.  S.  261  fl".)  überzeugend  begründet  hat,  auf 
Claudius  zurückgeht,  konnte  das  eifersüchtige  Pergamon  unter  Berufung  auf 
seinen  Augustustempel  sich  die  Bezeichnung  Ö  ahmoc  tön  npürooN  NecjKÖPUN 
TTeprAMHNCüN  erstreiten  und  die  Rivalen  Ephesos  und  Smyrna  dadurch  über- 
flügeln, daß  es  schon  unter  Traianus  die  zweite  Neokorie  gewann  (zwischen 
106  und  114  n.  Chr.,  vgl.  Fränkel,  a.  a.  0.  S.  306),  die  jenen  erst 
durch  Hadrianus  zuteil  wurde.  Die  dritte  Neokorie,  welche  allen  dreien 
unter  Caracalla  zufiel,  erhielt  nach  Ausweis  einer  Münze  zuerst  wiederum 
Pergamon,  das  sich  hier  tpic  neuköpoc  hpcüth  tun  CeBAcruN  nennt  {Brit.  CaL, 
S.  153,  318).  Pick  {Corolla  numism.,  S.  24of.)  glaubt,  daß  die  Annahme 
dieses  Titels  hier  zu  Unrecht  geschah,  da  Ephesos  die  dritte  Neokorie  schon 
2 1 1  n.  Chr.  für  Caracalla  und  Geta  zusammen  erhielt,  also  vor  Getas  Er- 
mordung 2 1  2  n.  Chr.  Ein  solcher  Schluß  erscheint  ohne  bündigen  Beweis 
bei  einem  offiziellen  Denkmal  wie  der  Münze  unmöglich,  um  so  mehr,  als 
der  Gedanke  nicht  a  priori  abzuweisen  ist,  daß  Caracalla  schon  vor  2 1 1  n.  Chr. 
als  Mitregent  zu  Lebzeiten  des  Severus  Pergamon  seinen  Kult  gestattete. 
Dafür  spricht  mit  allem  Nachdruck  die  Tatsache,  daß  in  der  langen  Reihe 
von  Caracallamünzen  der  Stadt  nur  ganz  wenige  die  zweite,  sonst  sämtlich 
die  dritte  Neokorie  anführen  und  von  letzteren  einige  den  Kaiser  mit  leichtem 
Bartwuchs  auf  der  Vorderseite  zeigen,  also  nicht  in  dem  vorgeschritteneren 
Alter,  wie  ihn  diejenigen  Gepräge  darstellen,  welche  215  n.Chr.,  in  dem 
Jahre  seines  Aufenthalts  in  Pergamon  (vgl.  Fränkel,  a.  a.  0.  S.  342)  und 
später  ausgegeben  sind. 

Die  Wiedergabe  von  Opferhandlungen  des  Kaiserkultes  vermittelt  nun 
eine  Gruppe  von  Münzen  aus  der  Zeit  des  Severus  (Taf.  VIII,  15)  in  zwei 
Nominalen.    Veröflentlicht  ist,  abgesehen  von  einer  ungenügenden  Beschrei- 

'  B.  Pick  {Corolla  numism.,  S.  234)  hält,  ohne  zu  Gaeblers  Begründung  Stellung  lu 
nehmen,  die  ältere  Auffassung  fest,  nach  der  die  Neokorie  durch  den  «Besitz  eines  städtischen 
Tempels  für  den  provinzialen  Kaiserkultus-   bedingt  sei. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  77 

bung  bei  Mionnet  (II,  S.  609,  617  und  618),  nur  eine  Großbronze  von 
Macdonald  {Cat.  Hunter,  Bd.  II,  S.  283,  62  ;  Taf.  XL VIII,  19).  Hier  ist  die 
im  Hintergrund  sichtbare  Kaiserstatue,  vor  der  die  Tötung  eines  Zeburindes 
stattfindet',  zwar  nicht  wie  bei  Mionnet  a.a.O.  als  »Mars«,  aber  doch 
auch  unter  Verkennung  des  Lorbeerkranzes  als  i>Jtelmded  figure  in  military 
attirei-  bezeichnet.  Daß  es  sich  in  der  Tat  um  einen  Kaiser  mit  Lorbeer- 
kranz, Panzer,  Mantel  und  Stiefeln  handelt,  der  in  der  Rechten  die  Schale, 
in  der  Linken  den  Speer  hält,  ist  auf  besser  erhaltenen  Exemplaren  un- 
verkennbar". Wen  stellt  dieses  Bild  dar?  Das  Fehlen  des  Bartes  schließt 
Severus,  dem  ja  auch  kein  Kult  bei  Lebzeiten  zuteil  wurde,  aus,  und  man 
würde  zunächst  an  Caracalla  denken.  Dies  wird  jedoch  unmöglich  durch 
die  Aufschrift  B  NeoKOPJlN.  Denn  wenn  hier  der  Kult  dieses  lebenden 
Kaisers  gemeint  sein  sollte,  so  müßte  mau  auch  den  so  heiß  begehrten  Titel 
der  dritten  Neokorie  erwarten.  Also  bliebe  wohl  Augustus  oder  Traianus, 
da  diese  sonst  in  erster  Linie  für  Pergamon  in  Betracht  kommen.  Die  Bevor- 
zugung des  einen  vor  dem  anderen  wäre  jedoch  zunächst  nicht  zu  erklären ; 
so  muß  die  Frage  auf  eine  Beantwortung  mit  anderen  Mitteln  harren. 

Etwas  weiter  führt  vielleicht  ein  hier  anzureihendes  Problem.  Ein  Ge- 
präge des  Commodus  (Taf.  IX,  2)  zeigt  nämlich  zwischen  zwei  mit  den 
Fronten  einander  zugekehrten,  perspektivisch  wiedergegebenen  Tempeln, 
möglicherweise  des  Augustus  und  des  Traianus,  einen  auf  hoher  Säule 
stehenden  Kaiser  mit  Panzer  von  vorn,  Kopf  nach  rechts,  die  Rechte  am 
Speer,  in  der  gesenkten  Linken  das  Parazonium,  ein  Schema,  das  älmlich 
auch  anderswo,  z.  B.  auf  Münzen  des  makedonischen  Koinon,  erscheint  (vgl. 
Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num.  Bd. XXV,  Taf. I,  12;  Die  antiken  Münzen  Nord- 
griechenl.,  Bd.  III,  i,  Taf.  V,  9).  Während  aber  hier  die  Statue  leicht  ihre 
Erklärung  als  Alexander  der  Große  findet  (vgl.  Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num. 
Bd.  XXIV,  S.  322;  Bd.  XXV,  S.  9),  ist  diese  Benennung  dort  unmöglich. 
Nun  kommt  ein  sehr  ähnliches  Säulenbild  in  gleicher  Kleidung  und  Hal- 
tung auf  einer  Homonoiamünze  von  Pergamon  und  Ephesos,  ebenfalls  unter 


'  Die  mit  geschwungener  Doppelaxt  herbeieilende  Figur  macht  in  ihrem  halblangen 
Gewand  mit  Überschlag  fast  einen  weiblichen  Eindruck,  um  so  mehr,  als  auf  einigen  Exem- 
plaren die  Haare  am  Hinterkopf  in  einen  Knoten  aufgebunden  zu  sein  scheinen  (vgl.  auch 
Taf.  VH,  16).  Doch  wird  an  weibliche  Opferdienerinnen  in  solcher  Funktion  kaum  zu 
denken  sein. 

*  Vgl.  eine  Opferhandlung  vor  der  im  Tempel  stehenden  Kaiser  (i')-Statue  auf  einer 
ephesischen  Münze  des  Macrinus  (Brü.Cat.  lonia,  S.  89,  293  f.,  Taf.  XIV,  4). 


78  H.   VON   Fritze: 

Commodus,  diesmal  aber  zwischen  den  Tempeln  der  beiderseitigen  Stadt- 
patrone vor  (Taf.  IX,  1 6).  Und  weiter  ist  auf  der  Rückseite  eines  kleineren 
Nominals  desselben  Herrschers  (Taf.  VIII,  6)  der  Kaiser  allein,  und  zwar  nicht 
auf  der  Säule,  sondern  auf  der  Bodenlinie  stehend  dargestellt,  weicht  aber 
insofern  von  den  genannten  Säulenstatuen  ab,  als  im  linken  Ann  außer  dem 
Parazonium  noch  der  Mantel  liegt.  Daß  diese  Figur  einen  anderen  als 
Commodus  bedeuten  könnte,  ist  in  Ermangelung  jeder  Beischrift  schwer 
denkbar.  Trotz  schlechter  P^rhaltung  der  beiden  allein  bekannten  Exem- 
plare (HoUschek-Wien  und  München)  darf  er  wohl  als  bärtig  angesehen 
werden,  was  dem  Portrait  der  Vorderseite  entspricht;  bei  den  vorher  an- 
geführten Typen  verbietet  die  Kleinheit  des  Kopfes  ein  Urteil.  Nach  den 
Vorderseiten  müßte  die  Statue,  ihre  Benennung  als  Commodus  vorausgesetzt, 
auf  dem  erstgenannten  Stück  unbärtig  sein,  ebenso  auf  der  Homonoiamünze 
bei  der  Annahme  der  Identität  beider  Bildsäulen.  Dann  würde  der  auf  der 
Bodenlinie  stehende  Commodus  nicht  auf  diese  oder  wohl  auf  gar  kein 
statuarisches  Vorbild  zurückgehen.  Jedenfalls  macht  die  Homonoiamünze, 
wo  die  Figur  sich  zwischen  den  Tempeln  des  pergamenischen  Asklepios 
und  der  ephesischen  Artemis  befindet,  die  Bezeichnung  als  Commodus  zur 
Gewißheit.    Natürlich  handelt  es  sich  dabei  nicht  um  einen  Kult  des  Kaisers. 


Auf  den  Münzen  von  Pergamon  begegnen  wir  einer  weit  verbreiteten 
Gewohnheit  entsprechend  noch  einer  anderen  Art,  die  Kaiser  und  ihre 
Familienmitglieder  zu  ehren,  als  durch  bildliche  Darstellungen,  nämlich  durch 
die  Form  der  Namensbeischriften.  Im  Gegensatz  zu  dem  überwiegenden 
und  in  Pergamon  von  Anfang  an  nachweisbaren  Brauche,  in  der  Legende 
Namen  und  Titel  des  Kaisers  im  Nominativ,  also  als  erklärende  Beischrift 
des  Bildes,  anzubringen,  werden  diese  vielfach  auch  im  Akkusativ  gegeben. 
Man  hat  längst  erkannt,  daß  sie  dann  durchweg  abhängig  zu  denken  sind 
von  einem  Verbum  des  Verehrens  (vgl.  z.  B.  F.  Lenormant,  La  monnaw 
dans  rant.',  Bd.  II,  S.  i68).  Eine  Reihe  von  pergamenischen  Münzaufschriften 
enthält  aber  auch  das  Subjekt  des  so  entstehenden  Satzes,  nämlich  den 
Stadtnamen  im  Nominativ.  So  haben  wir  um  den  Tempel  des  Augustus 
—  aber  nur  auf  seinen  Münzen  —  die  Aufschrift  AYTOKPATOPA  KAICAPA 
(V.s.  neprAMHNOi)    und    ähnlich    (vgl.  Brit.  Cat.,    S.  137,  236;    Mionnet, 


Die  Münzen  von  Pergamon.  79 

II,  S.  593.  534),  ferner  unter  ihm  und  den  folgenden  Kaisern  bei  dem- 
selben Typus  häufig  die  Foi-mel  (oeoN)  seBAZTON  neprAMHNOi'  (vgl. 
auch  riABANON  neprAMHNOi,  Taf  VIII,  11).  Wie  man  in  dem  Falle  zu 
interpretieren  hat,  wenn  an  Stelle  des  Stadtnamens  der  eines  Beamten  im 
Nominativ  neben  dem  kaiserlichen  im  AkkusatiA^  steht,  ist  nicht  nach  einer 
einheitlichen  Regel  zu  entscheiden.  Treffen  wir  z.  B.  die  Legende  mhno- 
reNHr  zebazthn  neprAMHNnN  neben  dem  Sitzbild  der  Livia-Demeter 
(Taf.  Vn,  3;  vgl.  Brit.  Cai.,  S.  140,  250;  Taf  XXVIII,  7),  so  wird  man  Meno- 
genes  als  denjenigen  ansehen  dürfen,  welcher  der  Kaiserin  Verehrung  zollt, 
vielleicht  durch  Stiftung  ihrer  Statue,  besonders  wenn  auch  von  der 
Vorderseite  kein  als  Subjekt  zu  verwendender  Nominativ  heranzuziehen  ist, 
wie  z.  B.  hier,  wo  man  taion  aeykion  bei  deren  Köpfen  liest.  Ander- 
seits ist  es  unwahrscheinlich,  aus  Aufschriften  wie  Vorderseite:  r  kaicapa 
neprAMHNOi,  Rückseite:  a  kaicapa  AHMO^nN  (vgl.  Waddington,  Rev. 
num.  1867,  S.  118,  2),  oder  Vorderseite:  iiabanon  neprAMHNOi,  Rück- 
seite: ZEBAITON  AHMO^nN  (Taf  VIII,  11),  zu  folgern,  daß  die  Pergamener 
dem  einen,  Demophon  dem  anderen  Verehrung  bezeugen.  Dieser  von  Mac- 
donald (Coin  Types,  S.  161)  geäußerten  Vermutung  glaube  ich  die  Interpre- 
tation vorziehen  zu  müssen,  daß  durch  die  letztere  Foi-mel  sowohl  die  Va'- 
bauung  des  Augustus-Romatempels,  als  auch  eine  Kranzverleihung  an  Silva- 
nus,  und  zwar  beides  durch  den  Demos,  illustriert  werden  sollte  (vgl  Wad- 
dington,  Faftes,  S.  690 f.,  Nr.  64).  Unverbunden  steht  daneben  der  Beamten- 
name (AHMO<l>IiN)  im  Nominativ,  ein  Verfahren,  fiir  das  unter  den  perga- 
menischen  Münzen,  gerade  aus  Augustus'  Zeit,  sichere  Belege  beizubringen 
sind  (vgl.  Taf.  VIII,  14;  VI,  25  ;  Imhoof,Kleinas.Mzn.,  Bd.  II,  S.  506,  i).  Wenn 
es  auch  durchaus  nicht  zu  den  Seltenheiten  gehört,  daß  Beamte  oder  Privat- 
personen Aufwendungen  aus  eigenem  Vermögen  zum  Besten  Einzelner  oder 
der  Gesamtheit  machen  —  man  denke  an  die  in  Pergamon  durch  I.  Qua- 
dratus  hervorgerufenen  Stiftungen  — ,  so  wird  man  doch  als  Subjekt  zu 
den  Akkusativen  des  Kaisernamens  für  gewöhnlich  die  Stadt  zu  ergänzen 
haben,  was  unzweifelhaft  durch  die  zahlreichen  Legenden  mit  dem  Kaiser 
im  Akkusativ,  aber  überhaujtt  oime  irgendeinen  Nominativ  bewiesen  wird 
(vgl.  Mionnet,  Suppl.Y,  S.  435,  965  [Traianus]).  .Vusnahmefälle,  wie  bei 
Menogenes   (siehe   oben),    sind  eben   dadurch    ganz   deutlich    gemaclit,    daß 

'    Vgl.  Brit.Cat.,  8.140,  253ff.  (Tiberius);    ebenda  8. 141,   257   (flaiidiiis);    Babelon, 
Inv.  Wadd.,  Nr.  958  (Doinitianas). 


80  H.   vonFritze: 

der  Stadtname,  wie  gewöhnlich,  im  Genitiv  zur  Bezeichnung  des  Besitzers 
des  Geldes  dabei  steht.  Kaisernamen  im  Akkusativ  finden  sich  in  Pergamon 
bis  zu  Hadrianus  einschließlich  und  später  nur  noch  einmal  in  der  Umschrift 
lOYA  MAMeAN  CGBACTHN  (vgl.  Brit.  Cat.,  S.  159,  337). 

Bei  weitem  seltener  sind  Name  und  Titel  im  Dativ  anzutreffen.  Doch 
auch  dies  kommt  in  der  Münzreihe  von  Pergamon  vor,  so  fiir  Augustus  in 
der  Legende:  ZEBASxni  kaieapi  BOYAAini^  (vgl.Mionnet,  H,  8.593,537^). 
Andere  Belege  bieten  Gepräge  des  Traianus  (vgl.  Brit.  Cat.,  S.  142,  263 ff.) 
und  des  Severus  (vgl.  Mionnet,  II,  S.  607,  609,  610).  Wenn  nun  Lenor- 
mant  (a.  a.  0.)  in  solchen  Fällen  ein  Verbum  der  Dedikation  ergänzt  (etwa 
AN^eHKEN,  Iaocan  USW.),  SO  ist  tatsächlich  doch  kein  Unterschied  zwischen 
einem  solchen  und  dem  Zeitwort  des  Verehrens  mit  dem  Akkusativ  beab- 
sichtigt. Das  beweist  die  eben  zitierte  Münze  des  Traianus  (Taf.  VIII,  12). 
Die  eine  Seite  mit  dem  Augustus-  und  Romatempel,  der,  wie  wir  oben 
S.  78f.  sahen,  sonst  oft  von  der  Umschrift  cesACTON  neprAMHNOi  (vgl. 
Brit.  Cat.,  S.  137,  236;  S.  141,  257)  begleitet  ist,  hat  hier  die  Legende  eeA 
pjiMH  KAI  een  cesACxn.  Die  Vorderseite  desselben  Stückes  mit  dem  Hieron 
des  Traianus  und  des  Zeus  Philios  trägt  die  einfach  erklärenden  Beischriften 
beider  c-t-nnaoi  im  Nominativ.  Man  erkennt  daraus  die  völlige  Freiheit  im 
Ausdruck,  die  an  kein  Schema  gebunden  war.  In  den  dativischen  Formeln 
kann  man  wohl  eine  Anlehnung  an  die  Weihinschriften  von  Tempeln  und 
Statuen  vermuten.  Endlich  ist  zu  bemerken,  daß,  Avie  oben  S.  79,  eine  nicht- 
kaiserliche Persönlichkeit  (Sil van us)  im  Akkusativ  genannt  wurde,  so  auch 
hier  eine  solche  in  dativischer  Konstruktion,  imd  zwar  der  Prokonsul  Asinius 
Pollio,  auf  einem  Gepräge  des  Drusus  und  Germanicus  anzuführen  ist  (vgl. 
Brit.  Cat.  Lydia,  S.  251,  104 f.;  H.  Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV, 
S.  256,  Anm.  2,  der  zuerst  diese  Münzen  richtig  Pergamon  zuwies).  Da- 
mit sind  die  Beispiele  für  Pergamon  erschöpft. 

13.    Die  Neokorie-Agone. 

Die  Namen  der  XrcoNec  lepoi,  die  mit  den  ersten  beiden  Neokorien  ver- 
bunden waren,  sind  bekannt.  Der  eine  hieß  offiziell  'PumaTa  CeBAcxA  oder 
gewöhnlich  mit  Heraushebung  des  bedeutsameren  Bestandteiles  A-rroYcreiA 


'    Die  schmeichelnde  Übertragung  dieses  dem  Zeus  zukommenden  Epitheton  auf  Augustus 
hat  schon  Fränkel,  a.a.O.  Bd.  I,  >S.  159  zu  Nr.  246,  Z.  48f.  erkannt. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  81 

^N  TTeprÄMü),  der  zweite  TpaTäncia  Agioiaia  eN  TTeprÄMu  [Anc.  greek.  inscr.  in  tlm 
BrU.  Mus.,  Bd.  III,  2,  Nr.  605,  Z.  9;  Fränkel,  a.  a.  0.  Bd.  II,  S.  206;  vgl. 
Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  266ff.).  Diese  beiden  Neokoriefeste 
verewigt  eine  Münze  des  Aelius,  auf  deren  Rückseite  ein  viereckiger  Tisch 
mit  einer  Preisamphora  zwischen  zwei  Kränzen  erscheint  (Taf.  IX,  6).  Über 
den  Namen  des  dritten  Iieiligen  Agon  ist  bisher  nichts  festgestellt.  Man  ist 
jedoch  imstande,  ihn  mit  Hilfe  eines  Münzbildes  zu  gewinnen,  das  unter 
Caracalla  (Taf.  IX,  4),  Elagabalus,  Valerianus  und  Gallienus  vorkommt :  auf 
einem  Tisch  befindet  sich  zwischen  zwei,  je  mit  einem  Palmzweig  versehenen 
Preiskronen  ein  Kranz  und  in  diesem  das  Wort  OAV  |  Mni  |  a.  Unter  der  Tisch- 
platte steht  im  Vordergrund  auf  der  Bodenleiste  eine  Amphora,  an  der 
beiderseits  je  eine  Peitsche'  lehnt;  im  Hintergrund  ist  rechts  und  links 
je  ein  Geldbeutel.  Wenn  die  Preiskronen  an  die  Spiele  der  beiden  ersten 
Neokorien  erinnern,  so  gilt  der  Kranz  in  der  Mitte  der  dritten,  was  damit 
zusammenstimmt,  daß  unter  Caracalla  der  Typus  zuerst  auftritt.  Die  Münzen 
des  Valerianus  (vgl.  Num.  mod.  max.  ex  cimel.  Ludov.  XIV,  Taf.  XXXI,  6) 
und  des  Gallienus  mit  dem  entsprechenden  Bilde  unterscheiden  sich  von 
jenem  nur  durch  ein  über  dem  Kranz  im  Feld  angebrachtes  A.  Daß  man 
dieses  A  hier  mit  OAVMniA  zu  verbinden  hat,  lehrt  ein  weiteres  Gepräge 
des  Gallienus,  auf  dessen  Rückseite  innerhalb  eines  Kranzes  die  vollstän- 
digere Legende  npn|TA  OAV|MniA  eN|neprAM|fi  npaT|nN  r  n,  steht  (vgl. 
BrU.  Cat.,  S.  162,  348).  Der  Wortlaut  kann  unmöglich  die  erste  Olympienfeier 
in  Pergamon  bezeichnen  wollen,  da  diese  unter  Caracalla  stattfand,  sondern 
nPflTA  ist  hier  so  zu  verstehen  wie  bei  npUTfiN  r  ncokophn,  mmtpohoaic 
nPATH  usw.,  d.  h.  nur  im  Hinblick  auf  andere,  rivalisierende  Städte.  Zu 
dieser  Titulatur  sah  sich  Pergamon  unter  Valerianus  und  Gallienus  augen- 
scheinlich aus  dem  Grunde  veranlaßt,  weil  Ephesos  das  Fest  der  vierten, 
ihr  durch  Elagabalus  verliehenen  Neokorio  gleichfalls  OAVMniA  genannt  hatte 
(vgl.  die  Münzen  des  Elagabalus  bei  Mionnet,  111,  S.  112,  381  und  Nurn. 
Chron.  1904,  S.  302,  22;  Taf.  XVI,  7,  sowie  der  Julia  Paula,  vgl.  Mionnet, 
Suppl.  VI,  S.  174,  624.  625;    Zeitschr.  f.  Num.   Bd.  XII,   S.  317,  7)".     Denn 


'  Diese  meist  als  TInien  erklärten  Peitschen  sind  auf  der  Münze  des  Gallienus  ganz 
deutlich  und  zuerst  von  Hrn.  Dr.  v.  Papen  richtig  erkannt  worden.  Sie  bezielien  sich  auf 
die  Hippodroinie  als  Bestandteil  des  Agons. 

'  Auf  der  Berliner  F^pliesosnn'inze  (Zeitsclir.  f.  Niini.  Bd.  \II,  S.  317,  7)  steht  gleichfalls 
ein  A  im  Feld  oben  wie  auf  dem  Londoner  .Stiiek  (Num.  Chron.  1904,  Taf.  X\'I,  7),  wo 
nü.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  1.  11 


82  H.  VON    Fritze: 

der  Festname  befindet  sich  auf  den  ephesischen  wie  auf  den  pergameni- 
schen  Geprägen  in  einem  Kranz  oder  auch  an  einer  Preiskrone,  die  neben 
einer  mit  der  Legende  e*eciA  versehenen  zweiten  Preiskrone  auf  einem 
Tische  dargestellt  ist.  Durch  diese  Münzen  wurde  also  der  Agon  der  Ar- 
temis Ephesia  mit  dem  der  vierten  Neokorie  zusammen  verherrlicht.  Dem- 
gegenüber konnte  sich  nach  alter  Gewohnheit  das  Pergamon  des  Valerianus 
und  Gallienus  durch  das  nPiiTA  darauf  berufen,  daß  Olympien  hier  früher 
als  in  Ephesos,  schon  zur  Zeit  Caracalla's,  gefeiert  wurden. 

Nach  Analogie  der  anderen  beiden  Neokoriefeste  könnte  man  vielleicht 
auch  bei  dem  dritten  einen  Doppelnamen  voraussetzen,  etwa  ANTQNeiNiA 
OAVMniA.  Seine  Bezeichnung  als  oavmdia  würde  nun  freilich  unmöglich, 
wenn  die  von  Vaillant  {Num.  de  Camps,  Abb.  zu  S.  77,  2)  publizierte,  jetzt 
in  Paris  befindliche  Münze  Caracalla's  richtig  Pergamon  zugeteilt  wäre,  die 
auf  einem  Tisch  zwei  Kränze  mit  den  innerhalb  angeordneten  Legenden 
OAVM|niA  und  nv|0iA,  ferner  unter  der  Tischplatte  zwei  gekreuzte  Palm- 
zweige aufweist'.  Der  im  Abschnitt  erkennbare,  teilweise  zerstörte  Stadt- 
name wurde  sowohl  von  Vaillant  (a.  a.  0.),  als  auch  von  Mionnet  (II,  S.  614, 
647)  nePTAMHNnN  gelesen.  Dies  verbietet  der  hierzu  nicht  ausreichende 
Raum.  Und  in  der  Tat  gehört  das  Stück  nach  Tralleis  (vgl.  Brit.  Cat.  Lydia, 
S.  352,  160;  Taf.  XXXVII,  7).  Damit  berichtigt  sich  die  Angabe  von  Eckhel 
(Dod.  nurn.,  Bd.  IV,  S.  446)  bis  zu  Head  (Hist.  muri.,  S.  464)  und  Fränkel 
(a.  a.  0.  Bd.  II,  S.  219),  daß  in  Pergamon  nveiA  auf  Münzen  genannt  seien. 

Sämtliche  die  Stadt  unter  Caracalla  auszeichnende  Titel  enthält  die 
von  einem  Kranz  umgebene  Legende  der  oben  (S.  76)  erwähnten  Groß- 
bronze dieses  Kaisers.  Sie  lautet:  H  npflTH  THC  A|ciAC  KAI  MHTPO|nOAic 
npnTH  KAi|TPic  NenKOPOc|npnTH  t^n  ce|BACTnN  nep|rAMHNnN|noAic. 


Wroth  es  richtig  als  nPATflN  und  als  abhängig  von  €<t>eCIJiN  erklärt  (vgl.  Pick, 
Corolla  num.,  S.  241).  Auf  unseren  perganienischen  Münzen  wäre  es  dagegen,  auch  abgesehen 
von  der  ausgeschriebenen  Parallellegende  nPATA  OAYMTTIA  (siehe  oben),  sciion  deshalb 
nicht  mit  dem  Stadtnamen  zu  verbinden,  weil  diesem  hier  das  Epitheton  DPHTON 
r  NenKOPJiN  beigefügt  ist.  Auf  dem  ephesischen  Exemplar  jedoch  kann  das  A  im  Gegen- 
satz hierzu  aus  dem  Grunde  nicht  zu  OAYMniA  gerechnet  werden,  weil  es  nicht  über  diesem 
Namen,  sondern  zwischen  den  beiden  Preiskronen  angebracht  ist,  was  die  Zugehörigkeit  zu 
einer  von  ihnen  ausschließt. 

'    Ein  ähnliches,  in  Wien  befindliches  Exemplar  (Mus.  Theupoli,  Bd.  II,  S.  801.  1013) 
ist  so  retuschiert,  daß  es  nicht  in  Betracht  kommt. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  83 

14.    Tempel  und  Altäre. 

Schon  oben  S.  5of.  sind  einige  Darstellungen  des  Caracallatempols  er- 
wähnt worden.  Im  Anschluß  an  ihn  seien  zunächst  die  anderen  Kaiser- 
tempel betrachtet.  Das  berühmte  Heiligtum  des  Augustus  und  der  Roma, 
bisher  noch  nicht  bei  den  Ausgrabungen  zutage  gekommen,  findet  sich  so- 
wohl auf  den  sogenannten  kleinasiatischen  Silbermodaillons  (Taf.  IX,  i ),  als 
auch  auf  einer  Reihe  pergamenischer  Kupfermünzen  von  Augustus  bis 
Caracalla,  und  zwar  meistens  mit  ein  oder  zwei  Statuen  im  Innern.  In 
diesem  Falle  ist  die  Zahl  der  Frontsäulen,  um  die  Kultbilder  sichtbar  zu 
machen,  vermindert,  gewöhnlich  auf  vier  (Taf.  VIII,  12.  17),  doch  auch  auf 
zwei  (Taf.  IX,  i.  13).  Eine  sechssäulige  Front  dagegen  zeigt  das  Medaillon 
des  Caracalla  mit  den  drei  nebeneinander  auf  der  Bodenlinie  stehenden 
Neokorietempeln  (Taf.  VIII,  19).  liier  ist  auch  das  Traianeum  sechssäulig, 
während  das  Heiligtum  des  Caracalla  nur  vier  Säulen  in  der  Front  hat, 
was  durch  den  größeren  Raum  bedingt  ist,  den  das  Sitzbild  gegenüber 
den  beiden  Kaiserstandbildern  erfordert.  Alle  diese  Beispiele  verraten 
immer  wieder,  mit  welcher  Willkür  oder  auch  mit  welchem  Schematismus 
die  Stempelschneider  in  Einzelheiten  vorgingen.  Denn  man  wird  wohl  an- 
nehmen dürfen,  daß  es  bestimmte  typische  Vorlagen  gab,  nach  denen  ge- 
wöhnlich ein  Bau  von  vorn  oder  in  perspektivischer  Seitenansicht  darge- 
stellt wurde,  die  für  jeden  Tempel,  gleichviel  wie  er  aussah,  benutzt  und 
dem  Raum  entsprechend  mehr  oder  weniger  genau  kopiert  wurden.  Man 
darf  daher  für  die  Details,  z.  B.  Säulenordnung,  Giebelschmuck,  Stufen- 
zahl usw.,  Münzen  als  Quellen  nur  mit  Vorsicht  gebrauchen  (vgl.  Norniiona, 
II,  S.  29,  Anm.  2).  Diejenigen  (Gepräge,  welche  das  Heiligtum  ohne  das 
Kultbild  aufweisen,  haben  eine  fiinf-  bis  sechssäulige  Front  (Taf.  Vlll,  16.  14). 
Aber  weder  sie,  noch  die  auf  der  Caracalla-Großbronze  (Taf.  VIII,  16)  sicht- 
bare I^ngseite  reproduziert  wirkliche  Verhältnisse. 

Ein  ähnliches  abkürzendes  Verfahren  ist  bei  den  Tempelstatuen  zu 
beobachten.     Nur  die  Silbermedaillons  (Taf.  IX,  i ) '  und  eine  Kupfermünze 


'  Finders  Annahme  (Abh.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  1855,  S.  615),  der  liier  dargestellte 
Augustus  sei  stets  der  jedesmal  regierende  Kaiser,  dessen  .Statue  immer  die  seines  Vorgängers 
ersetzt  zu  haben  scheine,  ist  völlig  undenkbar  und  bedarf  keiner  Widerlegung.  Kleine  Ab- 
weichungen in  Haltung  und  Tracht  des  Augustus  auf  den  Geprägen  der  verschiedenen 
Kai.ser  sind  nicht  anders  zu  bewerten  als  z.  B.  die  ungleichmäßig  abgekürzte  Inschrift  auf  dem 

II* 


84  H.  vonFritze: 

des  Traianus  (Taf.  VIII,  i  2)  bringen  die  Gruppe  des  von  der  Roma  bekränzten 
Augustus,  die  übrigen  den  Kaiser  allein  (Taf.  VIII,  1 1 .  i  7.  19;  IX,  13),  in 
dem  Bestreben,  die  Hauptperson  zur  Geltung  zu  bringen,  wo  fiir  beide  der 
Platz  nicht  ausreichte.  Roma  trägt,  wie  ihr  Kopf  auf  dem  Kaisergeld  ohne 
Kaiserportrait  (Taf.  III,  17.18),  die  Turmkrone  (Taf.  VIII,  i  2).  Sie  ist  mit 
langem  Gewand  und  Mantel  bekleidet,  hält  im  linken  Arm  das  Füllhorn 
und  in  der  erhobenen  Rechten  den  Kranz.  Links  von  ihr  steht  Augustus 
in  kriegerischer  Ausrüstung  von  vorn,  den  Kopf  ihr  zuwendend,  die  Rechte 
am  Speer.  Analog  erscheint  er  auch  auf  den  meisten  anderen  Stücken, 
nur  daß,  soweit  man  bei  der  Kleinheit  der  Maße  sehen  kann,  die  Rechts- 
wendung des  Kopfes  aufgegeben  ist,  wohl  weil  das  Fehlen  der  Roma  eine 
dadurch  zu  bewirkende  Verbindung  beider  Figuren  überflüssig  machte.  Ab- 
weichungen finden  sich  aber  auch  in  der  Vertauschung  des  Speeres,  den 
Augustus  auf  einem  kleinen  Nominal  des  Traianus  (Taf.  VIII,  17)  und  der 
Großbronze  des  Caracalla  (Taf.  VIII,  19)  in  der  Linken  hält,  während  er  die 
Rechte  senkt.  Und  auf  einem  noch  unpublizierten,  in  London  befindlichen 
Gepräge  des  Augustus  selbst  trägt  er  einmal  in  der  Rechten  die  Schale, 
im  linken  Arm  Speer  und  Mantel.  Hier  ist  es  durch  die  ganzen  Umstände 
ausgeschlossen,  daß  etwa  ein  anderes  Bildwerk  gemeint  sei,  und  bei  dem 
Garacallamedaillon  sichert  die  Giebelinschrift  seine  Benennung  als  Augustus. 
Also  wiederum  ein  Beweis  fiir  die  dem  Stempelschneider  eingeräumte  weit- 
gehende Freiheit,  die  sich  aber  bei  so  eingreifenden  Änderungen  nur  aus 
den  sehr  kleinen  Dimensionen  der  schematisch  anzudeutenden  Figuren  erklärt. 
Den  von  H.  Stiller  (Altert,  v.  Perg.,  Bd.V,  2,  S.  53)  abgebildeten 
Münzen  mit  Darstellungen  des  Traianeums  sind  hinzuzufügen  die  mehrfach 
zitierten  Gepräge  des  Caracalla  (Taf.  VIII,  16.  19).  Mit  Recht  ist  die  Art 
der  Wiedergabe  des  Heiligtums  von  dem  Herausgeber  als  !> summarisch« 
bezeichnet.  Denn  hier  liegt  die  Sache  sicher  nicht  anders  als  bei  dem 
Augusteum,  trotzdem  die  viel  geringere  Zahl  darauf  bezüglicher  Typen  die 
Inkongruenzen  nicht  so  deutlich  vor  Augen  fuhrt  wie  dort.  Auf  beiden 
Münzen  des  Traianus  mit  der  Gruppe  des  sitzenden  Zeus  Philios  und  des 
Kaisers  (Taf. VIII,  12  und  Altert,  v.  Perg.,  Bd.V,  2,  S.  53,  3)  steht  dieser 
in  Kriegstracht  von  vorn,  den  Kopf  dem  Gotte  zugewendet,  die  Rechte  vor 

Architrav  des  Tempels,  wie  sie  Pinder  (a.a.O.  S.  614,  Anm.  2)  selbst  notiert,  oder  die 
Variierung  der  architektonischen  Details,  besonders  der  Kapitelle  (s.  bei  Pinder,  Taf.V,  6 — 8), 
wo  es  sich  laut  Legende  immer  um  denselben   Bau  handeln  muß. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  85 

dem  Körper,  die  Linke  am  Speer.  Die  Caracallamünze  dagegen  zeigt  die 
herabhängende  Rechte  vorgestreckt  (Taf.VIII,  19),  während  auf  der  rohen 
Prägung  des  Decius  (Taf.VIII,  18)  der  Speer  zu  fehlen  und  beide  Arme  ge- 
senkt zu  sein  scheinen.  Augusteum  und  Traianeum,  von  je  einem  Stern 
überragt,  aber  ohne  die  Kultbilder,  läßt  vermutlich  eine  Commodusmünze 
(Taf.  IX,  2)  erkennen.  Sie  sind  über  Eck  gesehen,  mit  einander  zugekehrten 
Fronten;  zwiscJien  ihnen  erblickt  man  auf  hoher  Säule  die  Kaiserstatue 
(s.  oben  S.  77). 

Von  dem  Heiligtum  des  Caracalla-  Zeus  Asklepios  ist  bereits  oben 
S.  5 1  die  Rede  gewesen.  Es  findet  sich  allein  auf  Geprägen  dieses  Kaisers 
{Taf.Vni,  7.  8.  16.  19)  und  weicht  in  keiner  Weise  von  dem  bei  den  übrigen 
Tempeln  bemerkbaren  Schematismus  ab.  Die  Unzuverlässigkeit  der  Stempel- 
schneider bekundet  sich  auch  hier,  indem  statt  ionischer  korinthische  Kapi- 
telle verwendet  sind.  —  Das  bald  mit  vier-  (Taf.VIII,  10),  bald  mit  sechs- 
säuliger  (Taf.  VIII,  9)  Front  dargestellte  Heiligtum  des  Asklepios  Soter  end- 
lich kommt  von  Pius  bis  Gallienus,  und  zwar  stets  mit  dem  Kultbild  des 
stehenden  Gottes  vor,  einmal  neben  dem  der  ephesischen  Artemis  auf  der 
Homonoiamünze  (Taf.  IX,  16;  vgl.  oben  S.  7  7  f.).  Auch  fiir  seine  Bauforraen 
läßt  sich  hieraus  nichts  Charakteristisches  erschließen.  Zu  erwähnen  ist, 
daß  es  auf  der  Münze  des  Pius  (Taf.VIII,  10)  mit  dorischen,  später  (Taf.  IX, 
16;  VIII,  9)  mit  korinthischen  Säulen  erscheint  und  daß  auf  dem  genannten 
Gepräge  des  Commodus  (Taf.  IX,  16)  die  Giebelschrägen  mit  einer  Reihe 
von  Spitzen  (vielleicht  Antefixa  andeutend)  bekrönt  sind.  Dieselbe  Dekora- 
tion trägt  aber  auch  der  ephesische  Artemistempel  desselben  Stückes;  sie 
erweist  sich  also  schon  dadurch  als  Zutat  des  Stempelschneiders. 

Der  große  Altar  von  Pergamon  wurde  zuerst  von  Heron  de  Ville- 
fosse  {Rev.  num.  1902,  S.  235  f.)  auf  einer  Großbronze  mit  den  Portraits 
des  Severus  und  der  Domna  (Taf.  IX,  3)  erkannt,  und  diese  ist  neuerdings 
von  J.Schrammen  (Altert,  v.  Perg.,  Bd.  III,  i,  S.  5)  abgebildet  und  be- 
sprochen worden.  Wenn  auch  für  den  Altar  der  Königszeit  Einzelheiten 
zum  Zweck  der  Rekonstruktion  architektonischer  Details  dem  Münzbild  nicht 
zu  entnehmen  sind,  so  wird  aus  ihm  doch  auf  gewisse,  durch  das  Gepräge 
im  großen  sicher  gut  überlieferte  Ausstattungsbeigaben  geschlossen  werden 
können,  wie  sie  zur  Zeit  des  Severus  bestanden.  Bei  dem  Altar  liegt  es 
nämlich  anders  als  bei  den  Tempeldarstellungen.  Während  man  hier,  wie 
S.  83  bemerkt,  mit  einem  Schema  arbeitete,  das  höchstens  in  Säulen-  und 


86  H.  vonFritze: 

Stufenzahl  oder  im  Giebelschmuck  variiert  wurde,  galt  es  dort,  ein  in 
seiner  Art  einziges  Bauwerk  zu  reproduzieren.  Darin  lag  das  Erfordernis 
einer  in  seinen  Grundzügen  getreueren  Wiedergabe  des  Originals.  Diese 
mußte  freilich  dort  Halt  machen,  wo  der  kleine  Raum  Einschränkung  und 
Veränderungen  verlangte.  Wenn  wir  also  die  große  Freitreppe  und  die 
Säulenhalle  —  man  hat  sogar  die  ionischen  Kapitelle  nachzubilden  ver- 
sucht —  wiederfinden,  so  dürfen  wir  in  Übereinstimmung  mit  den  Funden 
auch  den  Figurenschmuck  über  dem  Hallendach,  ebenso  wie  die  beiden 
gewaltigen  Zeburinder  rechts  und  links  von  der  Treppe,  als  um  200  n.  Chr. 
tatsächlich  vorhanden  annehmen.  Daß  in  den  Statuen  links  von  der  Mitte 
ApoUon  und  Artemis  zu  erkennen  sind,  wird  auf  Grund  der  Attribute, 
Bogen  bei  dem  nackten  Gott  und  Köcher  bei  der  Göttin,  als  gesichert  an- 
zusehen sein;  die  rechtsstellenden  Figuren  sind  nicht  zu  deuten.  Verschie- 
dene Beurteilung  rief  die  Unterbrechung  der  Halle  an  der  Frontseite  hervor, 
welche  im  Berliner  Museum  im  Gegensatz  zu  der  von  Pontremoli  (Col- 
lignon-Pontremoli,  Pergame,  Taf.  V)  versuchten  Rekonstruktion  durch- 
laufend wiederhergestellt  wurde.  Hier  versagt  die  Münze  als  Zeugnis.  Denn 
da  es  bei  Durchführung  der  Säulen  Stellung  unmöglich  gewesen  wäre,  den 
dahinterliegenden  Altar  mit  dem  darüberbefindlichen  Baldachin  klar  für  den 
Beschauer  wiederzugeben,  mußte  auch  bei  tatsächlich  geschlossener  Säulen- 
reihe eine  Durchbrechung  auf  Kosten  der  Wirklichkeit  zur  besseren  Ver- 
anschaulichung vorgenommen  werden.  Und  diese  betraf  fiir  den  Stempel- 
schneider die  Hauptsache,  nämlich  den  Altar.  Dem  ersten  Blick  auffallend, 
und  wohl  auch  die  Ursache  der  so  verspäteten  richtigen  Deutung,  ist  der 
mächtige,  von  Säulen  getragene,  gewölbte  Baldachin,  eine  Konstruktion,  die 
bisher  nicht  bei  griechischen  oder  römisclien  Altären  nachgewiesen,  da- 
gegen in  den  Tabernakeln  christlicher  Basiliken  wohlbekannt  ist.  Die  von 
Heron  de  Villefosse  als  Parallelen  angeführten  Beispiele  auf  antiken 
Reliefs  und  Vasen  können,  auch  bei  gleichem  Grundgedanken,  insofern  nicht 
als  vollgültig  bezeichnet  werden,  als  es  sich  hier  nur  um  kleine  Vorrich- 
tungen zum  Zwecke  des  Feuerschutzes  handelt,  die  keine  direkten  Analoga 
zu  dem  großen  Überbau  darstellen.  Es  liegt  nahe,  seine  Errichtung  und 
gewiß  auch  eine  Neuausstattung  des  großen  Altars  in  der  Zeit  des  Severus 
als  Anlaß  zur  Ausprägung  der  Großbronze  zu  betrachten',  wodurch  auch 

'    Diese    von    mir   im    »Tag«    vom    i.  Mai  1902   geäußerte   Annahme   wird   aucli   von 
H.  Dressel   (Amtl.  Ber.  aus  den  Kgl.  Kunstsamml.,  Berl.  1908,  S.  239)  geteilt. 


1 


Die  Münzen  von  Pergamon.  87 

das  nur  einmalige  Vorkommen  des  berühmten  Bauwerks  innerhalb  der  langen 
Reihe  pergamenischer  Kaisermünzen  eine  probable  Erklärung  findet. 

Ein  zweiter,  kleinerer  Altar  einer  Münze  des  Pius  (Taf.  IX,  5)  und,  in 
Einzelheiten  abweichend,  eines  Gepräges  der  Faustina  (vgl.  Brit.  Cot.,  Taf. 
XXIX,  8)  ist  noch  zu  nennen.  Vierseitig,  mit  Voluten,  über  zweistufiger  Ba- 
sis befindet  er  sich  zwischen  zwei,  von  Schlangen  umwundenen,  brennenden 
Fackeln.  Wenn  diese  nicht  mit  Sicherheit  auf  Demeter  zu  weisen  brauchen, 
so  geschieht  das  unzweideutig  durch  die  Symbole  an  der  Vorderseite  des  Al- 
tars, den  Mohnkopf  inmitten  zweier  Ähren.  Auf  der  oberen  Fläche  steht  eine 
einhenklige  Kanne.  Dieser  unscheinbare  Typus  gewinnt  nun  eine  besondei-e 
Bedeutung,  insofern  wir  nämlich  hier  wiederum  in  der  Lage  sind,  das  Münz- 
bild als  Kopie  eines  vorhandenen  Altars  bezeichnen  zu  können.  Die  Aus- 
grabungen des  Jahres  1 909  haben  in  Pergamon  nicht  nur  das  Temenos  und 
den  Tempel  der  Demeter  aufgedeckt,  sondern  auch  vor  letzerem  den  Altar, 
der  laut  Inschrift  von  Philetairos  und  Eumenes,  ihrer  Mutter  Boa  zu  P',hren, 
der  Göttin  errichtet  worden  ist.  F.T  besteht  aus  grünlichgrauem  Trachyt, 
ist  vierseitig  und  trägt  die  auch  sonst  wohlbekannten  volutenartigen  Hörner, 
aber  insofern  abweichend,  als  diese  nicht,  wie  sonst,  organisch  angegliedert 
die  Deckplatte  fortsetzen  (vgl.  Taf.  VI,  1 ),  vielmehr,  von  ihr  unabhängig, 
gewissermaßen  besondere  Auflagen  darstellen.  Dieser  Altar  erhielt,  wie 
mir  Herr  Dr.  H.  Hepding,  dessen  Freundlichkeit  ich  auch  die  übrigen  An- 
gaben verdanke,  brieflich  mitteilt,  später  eine  (Marmor-)  Verkleidung  aus 
mutmaßlich  glatten  Orthostatenplatten.  Im  Temenos  teilweise  schon  früher 
zutage  gekommene  Reliefs,  die  ähnlich  wie  auf  der  Münze  Mohn  und  Ähren 
aufweisen,  gehören  nicht  zum  Altar,  sondern  sind  nach  Winter 's  Meinung 
(Alt.  V.  Perg.,  Bd.  VII,  2,  S.  325,  Nr.  408)  Sockelfriese.  Gleicliviel  aber,  ob 
der  Stempelschneider  in  diesem  Punkte  dem  Vorbilde  folgte,  was  nicht  ganz 
ausgeschlossen  sein  dürfte,  oder  zu  näherer  Charakterisierung  des  Altars 
die  Symbole  frei  hinzukomponierte,  die  Identität  von  Original  und  Kopie 
ist  schon  durch  die  eigentümliche  Hörnerform  sichergestellt,  und  wir  dürfen 
nun  aus  der  Münze  lernen,  daß  —  jedenfalls  um  die  Mitte  des  II.  Jahr- 
hunderts n.  Chr.  —  sich  rechts  und  links  je  eine  brennende,  von  einer 
Schlange  umwundene  Fackel,   vielleicht  aus   Bronze,   befand. 

Das  ephemere  Auftreten  des  Demeteraltars  wird  einen  ähnlichen  Grund 
haben,  wie  wir  ihn  oben  bei  dem  großen  Altar  voraussetzten.  Und  dies 
scheint  ein   weiterer  Fund   der  letzten  Kampagne    zu    bestätigen:    eine  In- 


88  H.   vonFritze: 

Schrift  führt  den  f.  Kaayaioc  Cgiaianöc  ATcimoc  als  Inhaber  der  Prytanie  und 
Stifter  des  angebauten  Pronaos  des  Demetertempels  an.  Wenn  wir  nun  auf 
Geprägen  des  Aelius  (Mionnet,  II,  S.  599,  565)  und  des  Plus  (Brit.  Cat., 
S.  145,  279),  freilich  nicht  auf  unserer  Münze,  einen  Ka.  ATcimoc  als  Strategen  er- 
wähnt finden,  so  wird  man  trotz  des  nicht  vorhandenen  Cognomen  »Silianus« 
beide  Personen  identifizieren  dürfen,  um  so  eher,  als  eine  Inschrift  von  Elaia 
(Bull.  corr.  hell.  Bd.  IV,  S.  377,  5)  einen  offenbar  derselben  Familie  ange- 
hörenden S.  Claudius  Aesimus  nennt  und  ihn  bezeichnet  als  A.  Ciaiano9  yIön. 
Name  und  Titulatur  werden  ja  auch  stets  in  mannigfaltiger  Weise  kom- 
poniert bzw.  abgekürzt.  Ein  naheliegendes  Beispiel  bieten  pergamenische 
Münzen  des  Gordianus.  Hier  signiert  ein  f.  Ka.  Fayrcon  bald  einfach  so  (vgl. 
Imhoof,  Kleinas.  Münzen,  Bd.  I,  S.31,4),  bald  f.  Ka.  rAYKUN  "PoY<t>eiNiANÖc 
'InniKÖc  (vgl.  Brit.  Cat.,  S.  160,  341).  Dürfen  wir  aber  aus  dem  vereinzelten 
Vorkommen  des  Typus  —  der  Altar  erhielt  doch  wohl,  vielleicht  durch 
die  Hinzufiigung  der  Schlangenfackeln  oder  der  Marmor-Orthostaten,  Anteil 
an  der  Munifizenz  des  Stifters  der  Vorhalle  —  auf  eine  bauliche  Restau- 
ration oder  Erweiterung  schließen,  so  würde  sich  angesichts  der  sehr  wahr- 
scheinlichen Gleichsetzung  der  beiden  genannten  Persönlichkeiten  als  Ent- 
stehungszeit jener  Weihungen  die  Regierungsperiode  des  Pius  (138  — 161 
n.  Chr.)  ergeben. 

15.    Verschiedene  Münztypen. 

Einzelne  Darstellungen,  welche  nicht  in  die  vorhergehenden  Rubriken 
einzuordnen  waren,  bedürfen  noch  der  Besprechung.  Da  ist  zunächst  eine 
kleine  Münze,  deren  Rückseite  einen  stehenden  Mann  von  vorn,  mit  Helm- 
kappe, langärmligem  Wams  und  langen,  faltigen  Hosen  zeigt;  er  hält  in 
der  gesenkten  Rechten  den  Speer  schräg  nach  vorn,  in  der  herabhängenden 
Linken  den  Bogen  (Taf  VI,  25).  Imhoof  (Kleinas.  Münzen,  Bd.  II,  S.  506,  i) 
hat  die  bis  dahin  geltende  Erklärung  der  Figur  als  Apollon  bestritten  und 
sie  unter  Berufung  auf  einen  Augustusdenar  vom  Jahre  20  v.  Chr.  zweifelnd 
als  Armenier  bezeichnet.  Schon  die  Vergleiclumg  beider  Typen  (bei  Im- 
hoof, a.  a.  0.  Taf.  XIX,  10  und  1  i)  ergibt  zur  Evidenz  die  Richtigkeit  der 
Interpretation.  Aber  wir  können  sie  noch  durch  weitere  Gründe  stützen. 
Bisher  sah  man  meist  in  dem  Portrait  der  Vorderseite  Augustus  (vgl.  Im- 
hoof, a.  a.  0.).  Auf  besser  erhaltenen  Exemplaren  jedoch  liest  man  deutlich 
vor  dem  Worte  KAIZAP  ein  r. ;   wir  haben  es  demnach  mit  C.  Caesar  zu  tun 


Die  Münzen  von  Pergamon.  89 

(so  L.  Müller,  Descr.  ThorirnMsen,  S.  266,  132;  Taf.  III).  Die  Beziehung  des 
Prinzen  zu  Armenien  in  der  Tradition  ist  nun  so  augenfällig,  daß  an 
Imhoof  s  Deutung  der  Figur  auch  aus  diesem  Grunde  kein  Zweifel  ob- 
walten kann.  War  er  doch,  erst  zwanzigjährig,  vom  Kaiser  dazu  bestimmt, 
Armenien  zurückzugewinnen,  dessen  einstige  Inbesitznahme  der  genannte 
Denar  mit  der  Aufschrift  armenia  capta  verherrlicht,  das  aber  mit  par- 
thischer  Hilfe  dem  römischen  Einfluß  wieder  entzogen  worden  war.  In 
dorn  2  n.  Chr.  unternommenen  Feldzug  wurde  C.  Caesar  bei  der  Belagerung 
von  Artagira  verwundet;  siegreich,  aber  an  der  Wunde  krankend,  starb  er 
4  n.  Chr.  in  Lykien  auf  der  Rückreise  nach  Rom  (vgl.  H.  Schiller,  Gesch. 
der  röm.  Kaiserzeit,  Bd.  I,  S.  195!?.).  Auf  diese  erfolgreiche  Waffentat  be- 
zieht sich  unsere  Münze,  die  also  wolil  im  Jahre  3  n.  Chr.  geschlagen  ist. 
Es  lag  nahe,  hierbei  auch  äußerlich  an  den  Augustusdenar  anzuknüpfen. 
Ein  seltsamer  Zufall  war  es,  daß  C.  Caesar  gerade  20  v.  Chr.,  in  dem  Jahre 
der  ersten  Einnahme  Armeniens,  geboren  war.  Sein  Aufenthalt  im  Orient 
stand  nur  unter  dem  Zeichen  des  Kampfes  gegen  dieses  Land.  So  wird 
es  begreiflich,  daß  Pergamon  eine  Erinnerungsprägung  herzustellen  sich 
beeilte,  um  dem  iulischen  Hause  einen  neuen  Beweis  der  Verehrung  dar- 
zubringen. Daß  es  diese  auch  sonst  durch  Emission  von  Münzen  mit  den 
Portraits  der  kaiserlichen  Familienmitglieder  zu  betätigen  strebte,  ist  oben 
S.  47  und  Anm.  2   hervorgehoben. 

Der  Name  des  Beamten  A.  Furius  findet  sich  wie  auf  der  Armenier- 
münze so  auch  auf  einem  Gepräge  des  Augustus  (Taf.  IX,  7),  dessen  Rück- 
seite ein  Gefäß  auf  hohem  Fuß  mit  ausladender  Schale  schmückt.  Welche 
Bewandtnis  es  damit  hat,  läßt  sich  nicht  sagen.  Streber  {Num.  ant.,  S.  197) 
erwähnt  die  Möglichkeit  seiner  Beziehung  zum  Gymnasien,  und  Wroth 
(Brit.  Cat,  S.  138,  239ff.)  beschreibt:  Basin  (for  toashmj)^  restimj  on  a  stand. 
Vielleicht  ist  es  die  Hindeutung  auf  eine  liturgische  Stiftung  des  A.  Furius, 
der  als  Gymnasiarch  allerdings  Gelegenheit  fand,  für  das  ihm  unterstellte 
Institut  Aufwendungen  zu  machen. 

Zu  einem  Gepräge  des  Pius  (Taf.  VII,  2)  mit  einer  weiblichen  Figur 
in  langem  Gewand,  Mantel  und  Schleier,  neben  einem  Thymiaterion 
stehend,  auf  das  sie  mit  der  Rechten  ein  Weihrauclikorn  zu  legen  scheint, 
während  die  Linke  ein  Kästchen  hält,  ist  zu  bemerken,  daß  eine  gleiche 
Situation  u.  a.  in  einer  Florentiner  Statue  zum  Ausdruck  kommt  (W.  Ame- 
lung,  Führer  durch  die  Antiken  in  Florenz,  S.  30,  38;  vgl.  das  Relief  bei 
Pha.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  I.  12 


90  H.  VON   Fritze: 

Heibig,  Führer',  Bd.  II,  S.  28,  804).  Die  Vereinzelung  des  an  die  Pietas 
erinnernden  Typus  gestattet  kein  Urteil  über  die  Ursache,  der  die  Figur 
ihre  Wiedergabe  auf  der  Münze  verdankt. 

Ein  merkwürdiges,  in  mancher  Hinsicht  rätselhaftes  Unikum  triflft 
man  unter  den  Münzen  des  M.  Aurelius  im  Pariser  Kabinett  (Taf.  VII,  i): 
auf  einer  breiten,  niedrigen  Basis  erscheint,  überschattet  von  einem  Baum, 
•das  unbekleidete  Brustbild  einer  unbärtigen,  knabenhaften  Gestalt  nach 
rechts,  mit  halblangem,  losem  Haar;  rechts  und  links,  vielleicht  auf  der 
Basis,  je  ein  Zweig.  Ein  ähnliches,  von  Sestini  (Lettere,  Contin.,  III,  Titel- 
vignette) publiziertes  Stück,  aber  des  Severus,  ist  verschollen.  Der  Heraus- 
geber deutet  in  der  dem  Briefe  vorgedruckten  Anrede  die  Büste  als  den 
jugendlichen  Caracalla  und  bringt  sie  vermutungsweise  mit  der  Verherr- 
lichung des  durch  Severus  zum  »Augustus«  erhobenen  Prinzen  in  Beziehung. 
Diese  Erklärung  wird  unmöglich  durch  das  Auftreten  desselben  Typus 
unter  M.  Aurelius.  Daß  überhaupt  kein  Kaiser  gemeint  ist,  lehrt  das  Pa- 
riser Exemplar  trotz  seiner  schlechten  Erhaltung.  Zweifellos  haben  wir  es 
mit  einem  göttlichen  Wesen  zu  tun.  Ungewöhnlich  für  ein  Kultobjekt  — 
und  um  ein  solches  handelt  es  sich  doch  wohl  —  ist  freilich  das  Brust- 
bild anstatt  der  Ganzflgur.  Nun  ergibt  sich  aber  aus  einer  Reihe  von  meist 
dem  ferneren  Osten  angehörenden  Münzen,  daß  Büsten  nicht  nur  wie  hier 
auf  Basen,  sondern  auch  in  Heiligtümern,  also  als  Tempelbilder,  existierten, 
so  z.  B.  auf  Geprägen  der  pisidischen  Städte  Kodrula  (Imhoof,  Kleinas. 
Münzen,  Bd.  II,  S.  377,  3;  Taf.  XIII,  16)  und  Sagalassos  (ebenda  S.  395,  20; 
Taf  XIV,  4;  vgl.  Brit.  Cat.  Lycia  usw.,  S.  247,  39;  Taf  XXXVIII,  10).  Ferner 
sind  zu  nennen  Münzen  A^on  Gabala,  Laodikeia  am  Meer,  Paltos  und  Damas- 
kos  (vgl.  Brit.  Cat.  Gahtia  usw.,  Taf.  XXVIII,  1.2  (Athena);  XXX,  8;  XXXI,  i 
(Tyche);  XXX,  9  (Domna  als  Tyche);  XXXI,  11;  XXXV,  3  (Tyche)'.  Zu 
erwähnen  ist  noch  das  Vorkommen  von  Kaiserbrustbildern  auf  Basen,  z.  B. 
in  Ilion  (vgl.  »Die  Münzen  von  Uion«  bei  Dörpfeld,  Troja  und  Ilion,  Bd.  11, 
S.  531,  Beil.  62,  43).  Welchem  Götterkreise  nun  der  Jüngling  der  perga- 
menischen  Münze  angehört,  ist  in  Ermangelung  von  Attributen  nicht  fest- 
zustellen.    Das  Laub  des  Baumes,   das  in  der  Struktur  von  den  Zweigen 

'  Vgl.  athenische  Ku])ferinünzen  mit  der  auf  einem  Tisch  neben  Eule  und  Kranz 
befindlichen  Büste  der  Stadtgöttin  {Brit.  Cat.  Attica,  Taf.  X\'1I,  7)  und  die  seltsame  Darstellung 
des  Pan  vor  einem  Gegenstand,  der  drei  Nympheiibnistbildern  als  Untersatz  dient,  auf  einem 
unbestimmten  sizilischen  Gepräge  (Imhoof,  Monn.gr.,  S.  34,  Taf.  B,  24.  25). 


Die  Münzen  von  Pergamon.  91: 

an  der  Basis  abzuweichen  scheint,  läßt  keine  botanische  Benennung  zu. 
Man  könnte  an  Dionysos,  ebensogut  aber  auch  an  ein  Wesen  aus  der  Um- 
gebung des  Asklepios  oder  des  Hermes  denken.  Vielleicht  bringen  gelegent- 
liche Funde  die  erwünschte  Deutung. 

Endlich  sei  darauf  hingewiesen,  daß  eine  Münze  des  Commodus 
(Taf.  VI,  22)  eine  Erosdarstellung  überliefert,  die  von  Riggauer  (Zeitschr. 
f.  Num.  Bd.  VIII,  S.  88,  Taf.  I,  17)  erwähnt  wird  und  wohl  sicher  ein  statu- 
arisches Motiv  repräsentiert.  —  Wenn  ganz  vereinzelte,  schlecht  erhaltene 
und  unverständliche  Typen  hier  ebensowenig  Beachtung  fanden,  wie  anderer- 
seits z.B.  die  konventionelle  Homonoia  (Taf.  VI,  19.  20),  so  bedarf  es  da- 
für im  Rahmen  dieser  Abhandlung,  die  in  großen  Zügen  das  Wesentliche 
zusammenfassen  soll,  keiner  Erklärung. 

C.  Beamten-Namen  und  -titel. 

Die  Gewohnheit  die  Magistratsnamen  auszuschreiben  ist  auf  den  auto- 
nomen vorkaiserlichen  Prägungen  von  Pergamon  im  Vergleich  zu  denen 
anderer  Städte  selten.  Wir  bemerkten  sie  mit  einer  Ausnahme  nur  auf 
städtischem  Geld  aus  der  ersten  Hälfte  des  II.  Jahrhunderts  v.  Chr.,  und 
auch  dort  bei  wenigen  Exemplaren  (s  .oben  S.6.  23).  Dies  wird  anders  unter 
der  römischen  Verwaltung.  Schon  auf  den  prokonsularischen  Cistophoren 
aus  der  Mitte  des  I.  Jahrhunderts  v.  Chr.  ist  es  Regel.  Hier  finden  sich 
folgende  Namen  (sämtlich  im  Nominativ):  unter  T.  Am p ins  B albus  (58/57 
v.Chr.):  APxeAAOC,  ACKAHni/iHC  (beide  auf  demselben  Stück;  Taf  III,  11)' 
—  unter  C.  Fabius  (57/56  v.  Chr.):  AHMeAC  (Berlin,  London),  mmno-maoc 
(vgl.  Loebbecke,  Zeitschr.  f  Num.  Bd.  X,  S.  77,  26)  —  unter  C.  Sep- 
tumius  (56/55  v.Chr.):  kpitcon  (Taf  IU,  10),  noceiACONioc  (Berlin)  — 
unter  C.  Claudius  Pulcher  (55/53  v.  Chr.):  bioon  (Pinder,  a.  a.  0. 
S.  569,  184),  evANOHC  Me  (Babelon,  Im.  Wadd.,  Nr.  6967),  kavciaoc 
(Berlin,  London),  maxacon  (London),  mhnoacopoc  (Waddington,  Fastes 
S.  675,  31,  5),  mhno^antoc  (Pinder,  a.  a.  0.  S.  569,  186).  Von  diesen 
Namen  sind  bis  auf  Bion  und  Machaon  alle  in  pergamenischen  Inschriften 
nachweisbar,  bei  keinem  jedoch  ist,  auch  nur  mit  Wahrscheinlichkeit, 
Identität  mit  den  Münzbeamten  anzunehmen. 


'    Es  ist  bemerkenswert,   daß   hier  auf  der  Rückseite   anstatt  des   Gorytos   zwischen 
den  Schlangen  eio  Dreifuß  erscheint. 

12* 


92  H.  VON   Fkitze: 

Auf  den  Geprägen  der  Kaiserzeit  sind  ausgeschriebene  Beamtennamen, 
wie  auch  sonst,  das  Grewöhnliche,  Monogramme  selten,  von  Hadrianus  ab 
gar  nicht  mehr  vorhanden,  und  Symbole,  wenn  überhaupt  als  Magistrats- 
wappen, ganz  vereinzelt  (Taf.  IV,  23;  VI,  20).  Die  Namen  sind  unter 
Augustus  und  Tiberius  teils  noch  wie  im  I.  Jahrhundert  v.  Chr.  im  Nomi- 
nativ, teils  tritt  aber  unter  beiden  schon  die  Formel  eni  mit  dem  Genitiv 
auf  und  bleibt  dann  konstant  bis  in  die  Zeit  des  Gallienus'.  Wir  geben 
im  folgenden  eine  Liste  der  sicher  bekannten  Magistrate  unter  Fortlassung 
aller  zweifelhaften  Aufschriften  älterer  unkontrollierbarer  Publikationen,  und 
zwar  in  der  Form  der  Legende'^  selbst.  Der  Stern  bei  einem  Namen  be- 
deutet, daß  der  betreffende  Beamte  in  der  mit  Pergamon  in  Homonoia 
verbundenen  Stadt  amtiert,  welche  in  eckigen  Klammern  hinzugefügt  ist 
(vgl.  unten  S.  100  f.). 

Proconsules. 

ziABANON  (M.  Plautius  Silvanus,  4/5  (?)  n.  Chr.). 
eni  nonnAiOY  (Q.  Poppaeus  Secundus,  ca.  19  n.Chr.). 
eni  neTpnNiOY  to  c  (P.  Petronius,  ca.  29/35  n.Chr.). 
TAin  As:iNNir2  nnAAiüNi  anovrata  (C.  Asinius  PoUio,  ca.  38  n.  Chr.). 
en  ANO  AV  lOVAiov  KOVAAPATOV  (C.  Antius  A.  lulius  Quadratus,  ca. 
106  n.  Chr.). 

Griechische  Beamte. 

AHMO<J>nN  —  Augustus.     C.  und  L.  Caesar. 

KEtAAiflN  rpAMMATevooN  —  Augustus.     C.  und  L.  Caesar. 

eni  CTPA  ...  Ke<J>AAinNOC  —  Augustus. 

A  ^ovpioc  lEPEVZ  rvMNAZiAPxnN  —  Augustus.    C.  Caesar. 

XAPiNOC  (rpAMMATevooN)  —  Augustus.    Livia. 

MHNoreNHS  —  C.  und  L.  Caesar.     Augustus  und  Tiberius. 

■  Auch  in  anderen  kleinasiatischen  Gebieten,  z.  B.  in  Lydien,  werden  die  Beamten 
in  der  frühen  Kaiserzeit  im  Nominativ  und  erst  von  Nero  an  mit  eni  und  dem  Genitiv 
angeführt  (vgl.  Head,  Brit.  Cat.  Lydia,  Introd.  S.  26).  Ähnlich  liegt  es  in  Phrygien;  eni 
überwiegt  hier  jedoch  erst  seit  den  flavischen  Kaisern  (vgl.  He  ad,  Brit.  Cat.  Phrygia, 
Introd.  S.  19). 

^  Bekanntlich  erscheinen  die  Magistratsnamen  und  -titel  auf  Münzen  in  den  mannig- 
faltigsten Abkürzungen.  Um  die  Übersichtlichkeit  nicht  zu  gefährden,  ist  in  der  Liste  die 
ausfülirlichste,  auf  den  betreffenden  Münzgriippen  vorkommende  Legende  angegeben. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  93 

Eni    APXIEPEni    AA6IANAPOV    KAEJiNOI    ZAPAIANOV    DruSUS    und 

Grermanicus. 
eni  CTPA  KA  Ke*AAiJiNOC  —  Domitianus.    Domitianus  und  Domitia. 
€ni  CTPA  ..  KA  MeiAATOV  TO  B  (oder  TO  A)  —  Traianus. 
CTP  I  nnAAinNOC    —  Traianus. 
eni  CTP  Tl  KA  Ke<<>AAinNOC  to  b  —   Hadrianus. 
cni  CTP  nnAAiJlNOC  —  Sabina. 
eni  CTPATHrov  ka  aicimov  —  Aelius.    Pius. 
eni  CTP  KOVAPTOV  TO  B  —  Pius.     M.  Aurelius  (unbärtig). 
Eni  npv  NVMniAiAc  beponikhc  —  Pius. 

eni  CTPA  KA  nAPAAAA  (NenKOPOV)    —    Pius. 

eni  CTPA  I  nnAAiöNoc  aciApxoy  (NEnKöPov)  to  s  —  Pius. 
eni  CTPATHrov  t  kaav  apictcov  (oder  apictea)  —  M.  Aurelius.    M. 
Aurelius  und  L.  Verus. 

eni  CTPA  ATVA KPATinnov  —  M.  Aurelius.    L.  Verus. 

eni  CTPA  KA  N(e)iKOMHAOVC  —  Faustina  iun.  Commodus  (unbärtig), 
eni  CTPA  1  nn(A)AiöNoc  to  b  —   Faustina  iun.  Commodus  (unbärtig). 

eni  CTP  M  AI   TAVKflNIANOV    —    Commodus. 

eni  CTPA  AiOAflPOV  —  Commodus. 

eni  CTP  n  ai  n(€)iov   —  Commodus. 

eni  CTPA  KAAVAiANOV  TCPnANAPOV  —  Severus.  Severus  und  Domna. 
Caracalla  und  Geta. 

eni  CTPA  lOVA  nflAAinNOC  (oder  noAA)  —  Severus. 
*eni  CTPA  MOCXOV  [Thyateira]  —  Severus. 

eni  CTP  lOVA  ANOIMOV  —  Domna.     Caracalla. 

eni  CTPA  «aabiov  ienckpatovc    —   Severus   und   Caracalla.     Cara- 
calla (unbärtig).     Caracalla  und  Geta.     Geta. 

eni  CTPA  M  kaipca  attaaov  —  Caracalla. 
*en  CTP  AIA  AnoAAJiNiov  [Smyrna]   —  Caracalla. 
*en  C  rcMiNOV  [Smyrna]  —  Caracalla. 

eni  CTP  MHNoreNovc  —  Geta. 

eni  CTP  tib  ka  aa6IANAPOV  (oeoAorov)  —  Elagabalus.     Maesa. 

eni  CTP  T  K  TePTVAAOV  —  Alexander.     Mamaea. 

eni  CTP  AVP  NeiAOV  —  Maximinus.    Maximus. 

eni  CTP  r  ka  tavkonoc  (Pov<»>eiNiANOV  inniKOV)   —  Gordianus. 

eni  c  lOVA  AoncMOV    —  Gordianus. 


94  H.  VON  Fritze: 

eni  c  KOM*  TAVKnNOC  (oeoAorov)  —  Decius.   Etruscilla.  Etruscus. 
eni  c  AVP  AAMA  (ACiAPXOV)  —  Valerianus.    Grallienus.    Salonina. 
eni  cei  ka  ceiAiANOV  —  Gallienus.    Salonina. 

Die  römischen  Prokonsuln  der  republikanischen  Zeit  sind  S.  9 1  genannt 
worden.  Auf  einer  Münze  des  Augustus  (Taf.  VIII,  11)  wird  der  Prokonsul 
M.  Plautius  Silvanus  (4/5  n.  Chr.;  vgl.  Prosop.  imp.  rom.,  Bd.  EI,  S.  46, 
Nr.  361)  erwähnt  sowie  offenbar  auch  dargestellt,  und  zwar  als  bärtiger, 
in  die  Toga  gehüllter  Mann,  von  vorn,  mit  der  Schale  in  der  Rechten; 
ihn  bekränzt  ein  rechts  von  ihm  stehender  bärtiger  Mann  in  kurzem  Chiton 
(Demos).  Die  Umschrift  lautet  neprAMHNOi  ziabanon.  Die  Rückseite  zeigt 
Augustus  im  Tempel  mit  der  Legende  sebaeton  oben,  AHMO<J>nN  unten 
(vgl.  oben  S.  79). 

Zwei  Prokonsuln  aus  der  Zeit  des  Tiberius  werden  auf  pergamenischen 
Münzen  angegeben,  beide  auf  den  Vorderseiten  unter  den  einander  gegen- 
übergestellten Kaiserbildern,  und  zwar  Q.  Poppaeus  Secundus  (Amtsjahr 
ca.  19  n.  Chr.;  vgl.  Waddington,  Fastes,  S.  692,  Nr.  68,  Prosop.  imp.  rom., 
Bd.  III,  S.  86,  Nr.  628)  unter  den  Köpfen  des  Augustus  und  Tiberius  (vgl. 
Brit.  Cat.,  S.  140,  25  i  f.),  sowie  P.  Petronius  (Amtsdauer  wahrscheinlich  29/35 
n.  Chr.;  vgl.  Waddington,  a.  a.  0.  S.  695  f.,  Nr.  76;  Prosop.  imp.  rom., 
Bd.  III,  S.  26,  Nr.  198)  unter  denen  der  Livia  und  des  Tiberius  (vgl.  Brit. 
Cat.,  S.  140,  2 53 ff.).  Hier  beweist  der  ständige  Zusatz  TO  c,  daß  Petronius 
mindestens  sechs  Jahre  lang  die  Provinz  Asia  verwaltete.  Während  nun 
die  Namen  der  beiden  letzten  Prokonsuln  durch  eni  mit  dem  Genitiv  an- 
geführt sind,  lautet  auf  der  Münze  des  Drusus  und  Germanicus  die  Um- 
schrift: TAifi  AiiNNin  nnAAiriNi  anovratd  {Brit.  Cat.  Lydia,  S.  252,  106, 
Taf.  XXVI,  5;  s.  oben  S.  80;  H.  Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV, 
S.  256,  Anm.  2).  Aus  der  Dativform  des  Namens  geht  hervor,  daß  es  sich 
um  eine  Auszeichnung  des  Prokonsuls  handelt,  die  aller  Wahrscheinlich- 
keit nach  in  die  Jahre  ca.  38  n.  Chr.  fallt  (vgl.  Waddington,  a.  a.  0.  S.  696, 
Nr.  78;  V.  Rhoden  bei  Pauly-Wissowa,  Bd.  II,  2,  Sp.  1603,  Nr.  26; 
Pro.'iop.  imp.  rom.,  Bd.  I,  S.  167,  Nr.  1026). 

Sollte  die  Zuteilung  an  Pergamon  im  Brit.  Cat.,  S.  135,  2 22 f.  und  bei 
Babelon,  Inv.  WadcL,  Nr.  954  das  Richtige  treffen,  so  würde  eine  Münze 
mit  dem  Romakopf  und  einer  Nike  nebst  der  Umschrift  eni  snAANOV 
eine  Prägung  des  Prokonsuls  Vettius  Bolanus  darstellen,  der  ca.  77  n.  Chr. 


Die  Münzen  voti  Pergajnon.  95 

sein  Amt  in  der  Provinz  Asia  verwaltete  (vgl.  Wad dington,  a.  a.  O. 
S.  704,  Nr.  97;  Prosop.imp.roin.,  Bd.  III,  S.  411,  Nr.  323).  Wir  wissen 
nur  von  smymäischen  Stempeln  mit  seinem  Namen  (vgl.  Brii.  Cat.  lonia, 
S.  272,  297 ff.).  Der  Stil  unserer  Münze  würde  nicht  gegen  ihre  Verweisung 
nach  Pergamon  sprechen  und  ebensowenig  das  Fehlen  des  Stadtnamens. 
Doch  ist  die  Sicherheit  nicht  so  groß  wie  bei  den  Münzen  des  Traianus 
mit  dem  Namen  des  Prokonsuls  C.  Antius  Aulus  lulius  Quadratus  (Amts- 
jahr ca.  106  n.  Chr.;  vgl.  Wadding  ton,  a.  a.  0.  S.  7  i3f.,  Nr.  114;  Fränkel, 
a.  a.  0.  Bd.  II,  S.  299;  Prosop.  imp.  rom.,  Bd.  II,  S.  209,  Nr.  338.  Bisher 
war  von  solchen  nur  ein  Typus  bekannt  mit  dem  liegenden  Kaikos  auf 
der  Rückseite  (Taf.  VI,  18),  dessen  Umschrift  zwar  Namen  und  Titel  des 
Quadratus  in  der  Form  en.AN.AV-K|ovAAPATOV,  aber  keine  Stadtbezeich- 
nung enthält.  Wem  nun  weder  der  Umstand,  daß  Pergamon  die  Heimat 
dieses  Wohltäters  seiner  Mitbürger  war  (vgl.  Fränkel,  a.a.O.  Bd.  II, 
S.  298  ff.)  noch  der  Typus  des  beischriftlich  bezeugten  Flusses  Kaikos  ge- 
nügende Begründung  für  die  Zuteilung  dünkt,  dem  wird  in  Verbindung 
damit  der  Umstand  ausschlaggebend  sein,  daß  das  MOnchener  Exemplar 
in  Pergamon  selbst  gefunden  ist  (vgl.  Choiseul-Gouffier,  Voyage,  Bd.  II, 
S.  51).  Wir  sind  nun  in  der  Lage,  die  unter  ihm  geprägten  Münzen  um 
zwei  noch  unpublizierte  Typen  zu  vermehren,  beide  mit  dem  Bilde  des 
Traianus  auf  der  Vorderseite.  Ein  bereits  richtig  eingelegtes  Stück  des 
Pariser  Kabinetts  (Taf.  V,  6)  zeigt  auf  der  Rückseite  den  bekannten  stehen- 
den Dionysos  mit  Kantharos  und  Thyrsos  nach  links,  am  Boden  vor  ihm 
ein  Pantherweibchen  und  die  Umschrift :  En  ano  av  iovaio[vj  kovaapatov. 
Das  zweite  Gepräge  (Taf.  V,  12)  findet  sich  in  Berlin  unter  den  »Unbe- 
stimmten«. Es  reproduciert  die  gewöhnliche,  fiii-  Pergamon  besonders 
passende  Gruppe  von  Asklepios  und  Hygieia,  mit  der  Legende  en  ano 
av  iov  kovaapatov.  Die  beiden  neuen,  durch  Hinzufügung  von  lov  (Aiov) 
erweiterten  Münzaufschriften  erbringen  jetzt  den  Beweis  —  der  bisher  nur 
aus  der  Inschrift  von  Elaia  erschlossen  werden  konnte  — ,  daß  unser  Qua- 
dratus tatsächlich  identisch  ist  mit  dem  in  den  Arval-Akten  aus  den  Jahren 
72.  78.  86.  87.  89  n.Chr.  erscheinenden  A.  lulius  Quadratus  (vgl.  Fränkel, 
a.  a.  O.  S.  299). 

Von  den  griechischen  Beamten  sind  es  in  überwiegender  Mehrzahl 
Strategen,  die  als  Eponyme  auf  den  Münzen  figurieren  (vgl.  Fränkel, 
a.  a.  0.   Bd.  II,  S.  207).    Unter  Augustus  erscheinen  Charinos  (Taf.  VIII,  14) 


96  H.  VON   Fritze: 

und  Kephalion  (Taf.  IX,  13)  mit  der  Bezeichnung  rpAMMAxe'Y'CüN,  letzterer  auf 
anderen  Stücken  (Kopenhagen,  München)  jedoch  ausdrücklich  als  ctpathtöc 
funktionierend.  A.  Furius  zeichnet  zur  selben  Zeit  als  lepevc,  mit  dem  Zu- 
satz rvMNACiAPxöN  (vgl.  Taf.  IX,  7)'.  In  dem  Xpxiepe-fc  Alexandros  Kleon  aus 
Sardes  sehen  wir  den  Provinzialoberpriester  (vgl.  H.  Gaebler,  Zeitschr. 
f.  Num.  Bd.XXIV,  S.  257  Anm.;  Waddington,  a.a.O. Nr.  144).  Ein  aciapxhc 
findet  sich  unter  Pius  (vgl.  Mionnet,  Suppl.  V,  S.  440,  1003 ff.),  Valerianus 
(vgl.  Brit.  Cat.,  S.  161,  345)  und  Gallienus  (vgl.  Brit.  Cat,  S.  162,  346). 
Nicht  häufig  ist  der  Titel  eeoAöroc,  der  hier  auf  Münzen  des  Elagabalus 
(Taf  VI,  13),  des  Decius  (Taf  V,  24)  und  des  Etruscus  (Taf.  V,  23)  als 
Ehrenamt  des  jedesmaligen  Strategen  genannt  ist.  Fränkel  (a.a.O.  Bd.  11, 
S.  264  und  S.  342  zu  Z.  8)  folgert  nun  aus  Angaben  Mionnet's  {Suppl.Y, 
S.  460,  1 104  und  I  105),  nach  welchen  ein  gleichnamiger  Beamter  schon  unter 
Caracalla  als  Theologos  auf  den  Münzen  signiert,  daß  die  Würde  als  dauernde 
verliehen  sei.  Das  ist  nicht  der  Fall,  da  die  hier  beschriebenen  Stücke 
mit  äußerster  Wahrscheinlichkeit  für  J]lagabalus  in  Anspruch  zu  nehmen 
sind.  Auf  dem  von  Mionnet  aus  Miis.  Pisano  (Bd.  I,  S.  123,  Taf.  XLIII,  i) 
zitierten  Exemplar  (Nr.  i  104)  ergibt  die  Legendenverteilung  der  Rückseite 
eine  völlige  Übereinstimmung  mit  der  Berliner  Münze  des  Elagabalus. 
Den  Bart  des  Kaiserportraits  wird  man  daher  als  Zutat  des  Zeichners  auf- 
zufassen haben.  Auch  die  Beschreibung  Vaillant's  {Num.  imp.  gr.,  S.  108; 
danach  Mionnet,  Nr.  1 105)  zeigt  eine  Schriftanordnung,  die  eher  dem 
Gepräge  des  Elagabalus  als  dem  Caracalla's  entspricht.  Ein  weiterer  Ehren- 
titel ist  NeioKÖPOc,  den  der  unter  Pius  erwähnte  Stratege  Gl.  Pardala  trägt 
(Exemplare  in  Wien,  Paris).  Daß  er  diese  Funktion  bei  dem  Augustus- 
tempel  versehen  habe  (vgl.  Head,  H'ist.  num.,  Introd.  S.  68;  Hill,  Hand- 
book, S.  183),  ist  möglich,  aber  imgewiß. 

Haben  wir  bisher  Ehrenämter,  und  zwar  zumeist  geistliche,  angeführt, 
welche   die    eponymen^   Strategen   bekleideten,    so    findet   sich  auf  einem 


'  Vgl.  z.  B.  über  die  analogen  Ämter  eines  dem  Münzwesen  von  Sestos  vorstehenden 
Menas  Nomisma  I,  S.  3. 

"  Vgl.  Lenormant,  a.  a.  O.  II,  S.  i04ff.  Daß  in  der  Kaiserzeit  auf  den  Münzen  auch 
der  lepefc  als  eponymer  Beamter  vorgekommen  sei,  will  Fränkel  (a.a.O.  Bd.  II,  S.  207) 
aus  einer  bei  Vaillant  {Num.imp.gr.,  S.  73;  nach  ihm  Mionnet,  Suppl.  V,  S.  446,  1040) 
besdiriebenen  Münze  des  Oomniodus  folgern.  Die  hier  überlieferte  Legende  €111  AYP  KSA 
lePenc  AIA  BIOY  tun  CeB  trägt  aber  deutlich  den  Stempel  falscher  Lesung  an  sich,  so 
daß    irgendeine  wissenschaftliche  N'erwertung    ausgeschlossen  ist.  —  Auch    die  von   Fränkel, 


Die  Münzen  von  Pergamon.  97 

Gepräge  des  Pius  (Taf.  IV,  2  i )  eine  Funktion,  welche  scheinbar  an  die  Stelle 
der  Strategie  selbst  tritt,  und  zwar  in  der  Legende  eni  nPv(TANeYOYCHc) 
NVMniAiAC  eePONiKHC.  An  und  für  sich  könnte  man  annehmen,  daß 
diese  Prytanie  dem  in  Pergamon  sowohl  auf  den  späteren  Cistophoren, 
als  auch  in  der  frühen  Kaiserzeit  nachweisbaren  Amt  analog  ist.  Dem 
steht  aber  nicht  nur  das  ganz  vereinzelte  Vorkommen  des  Titels  mitten 
in  einer  langen  Strategenreihe  entgegen,  sondern  auch  der  Umstand,  daß 
sein  Träger  eine  Frau,  Nymphidia'  Beronike,  ist.  Ernst  Curtius,  der  eine 
Inschrift  aus  Pergamon  mit  dem  Namen  der  die  Prytanenwürde  innehaben- 
den Seidia  Ammion  veröffentlichte  (Beitr.  z.  Gesch.  und  Topogr.  Kleinasiens, 
S. 62),  verstand  darunter  »die  Vorstandschaft  eines  geistlichen  Kollegiums«^, 
da  der  Wortlaut  nicht  an  die  politische  Prytanie  zu  denken  gestatte  (so  auch 
Fränkel,  a.a.O.  Bd. II,  S.  251  zu  Nr.  340;  vgl.  ferner  ein  zweites  Inschrifts- 
fragment aus  Pergamon  mit  einer  npYTANevoYCA  ebenda  S.  505,  Nr.  295  b). 
Dieselbe  Erklärung  wird  auch  für  unsere  Münze  zutreffen.  —  Hinzuzufügen 
ist  endlich,  daß  sich  unter  Gordianus  der  Stratege  C.  Claudius  Glyco  Rufi- 
nianus  als  Eques  romaniLS  (tnniKöc)  einfuhrt  (vgl.  Brit.  Cat.,  S.  160,  341). 

Die  Mehrzahl  der  Beamtennamen  auf  den  Münzen  läßt  sich  auch  in 
den  Inschriften  von  Pergamon  nachweisen,  meist  freilich,  ohne  daß  sich 
die  Identität  der  Personen  behaupten  ließe,  was  jedoch  in  einzelnen  Fällen 
mit  mehr  oder  weniger  Sicherheit  geschehen  kann.  Auf  Quadratus  ist 
soeben  S.  95  hingedeutet;  die  zahlreichen  ihn  betreffenden  Inschriften  sind 
von  Fränkel  (a.  a.  0.  Bd.  II  unter  Nr.  290.  436 — 451)  veröffentlicht;  über 
den  CI.  Aesimus  der  Münzen  des  Aelius  (vgl.  Taf.  V,  3)  und  des  Pius  (vgl. 
Num.  Chron.  1882,  Taf.  I,  14)  und  seine  Gleichsetzung  mit  dem  C.  Claudius 
Silianus  Aesimus  der  jüngst  im  Demeterheiligtum  gefundenen  Inschrift  vgl. 
oben  S.  Syf.  Den  unter  Traianus  fungierenden  Cl.  Meilates  (München,  Peters- 
burg, Wien)  nennt  die  Inschrift  Nr.  523,  welche  deshalb  mit  Wahrschein- 
lichkeit in  die  Zeit  dieses  Kaisers,  spätestens  des  Hadrianus,  zu  setzen  ist. 


a.a.O.  im  Anschluß  an  Mionnet,  Suppl.  V,  8.441,  1007  aufgestellte  Beliauptung,  daß  auf 
einem  pergamenischen  Gepräge  des  Pius  ein  tamIac  als  eponyuier  Magistrat  erscheine,  hält 
der  Kritik  nicht  stand.  Dieses  Exemplar  befindet  sich  in  Berlin  und  gehört,  wie  schon 
Sestini  (Lettere,  VIII,  S.  66 f.)  richtig  bemerkt,  nicht  nach  Pergamon,  sondern  nach  Poroselene. 

'    über  die  Schreibweise  des  Namens  NYMOIAIAC  sUtt  NYM<I>IAIAC  vgl.  Imhoof, 
Mon.gr.,  S.  J57,  Anm.41.     Anders  Babelon,  Tratte,  Bd.  I,  i  S.92iff. 

•    Vgl.  Paris,    Quatenus  feminae   res  pM.   etc.   attigerint  (Paris   1891),    S.  72.   76.  86; 
Liebe  na  m,  Städteverwalt..  S.  391. 

P/ul.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  I.  13 


98  H.  vonFritze: 

weil  die  relative  Seltenheit  des  Namens  sowie  die  Übereinstimmung  im 
Gentilicium  und  Cognomen  die  Identifizierung  sehr  wahrscheinlich  macht. 
—  Ferner  bestätigt  sich  Hepding's  auf  Grund  der  Buchstabenformen  ge- 
wonnene Datierung  der  Inschrift  Nr.  401  (Fränkel,  a.  a.  0.  Bd.  II,  S.  283) 
in  die  Zeit  des  Caesar  oder  des  Augustus  (Athen.  Mitt.  1907,  S.  320,  Nr.  47) 
durch  den  Umstand,  daß  auf  einer  Münze  des  Letzteren  (Taf.  Vm,  1 4) 
wie  in  der  Inschrift  ein  Charinos  genannt  wird,  der  hier  als  tepe'J'c,  dort  als 
rpAMMATe^UN  erscheint  und  doch  wohl  dieselbe  Person  ist. 

Einer  Widerlegung  bedarf  endlich  die  Vermutung  Fränkel's  (a.  a.  0. 
S.  276),  daß  auf  pergamenischen  Geprägen  als  Eponyme  Götter  genannt 
sind.  Wenn  dies,  wie  er  richtig  hervorhebt,  für  Münzen  von  Byzanz 
durch  V.  Sallet  (Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  IX,  S.  149 f.)  bewiesen  wurde,  so  ver- 
sagen die  von  ihm  fiir  Pergamon  herangezogenen  Belege  völlig.  Zunächst 
ist  das  Fränkel  als  Ausgangspunkt  dienende  Exemplar  mit  den  Köpfen 
des  Augustus  und  der  Livia  auf  der  Vorderseite  und  denen  des  C.  und 
L.  Caesar  auf  der  Rückseite  überhaupt  auszuscheiden.  Abgesehen  davon, 
daß  es  gar  nicht  nach  Pergamon,  sondern  nach  Magnesia  am  Sipylos  gehört 
(vgl.  Brit.  Cat.  Lydia,  S.  144,  44ff.),  ist  auch  die  Aufschrift  eni  aionviov 
falsch  gelesen.  Das  aus  dem  Besitz  des  Gottifredi  in  den  der  Königin 
Christine  von  Schweden  gelangte,  schlecht  erhaltene  Stück  wird  nämlich 
nicht  nur  von  Vaillant  (Num.  imp.gr.,  S.  5),  sondern  auch  von  Havercamp 
(Numophyl.  reg.  Christ.,  S.  296,  Taf.  XLVI,  19.  20)  publiziert  und  letzterer 
gibt  nicht  aionvzov,  sondern  richtig  AIONVSIOV  (vgl.  Nomisma  II,  S.  40). 
Als  weitere  Stütze  seiner  Hypothese  fuhrt  Fränkel  dann  noch  das  Vor- 
handensein des  » Heroennamens «  Pergamos  auf  autonomen  und  kaiserlichen 
Münzen  an,  ohne  die  schon  von  v.  Sallet  (a.  a.  0.)  geäußerte  Möglichkeit 
in  Betracht  zu  ziehen,  daß  »Pergamos«  auch  als  Personenname  gelten  kann. 
Ein  solcher  ist  aber  bei  den  betreffenden  autonomen  Münzen  schon  aus 
dem  Grunde  vorzuziehen,  weil  auf  ihnen  an  seiner  Stelle  sonst  nur 
sichere  Personennamen  angebracht  sind  (s.  oben  S.  6).  Ein  kaiserliches 
Gepräge  mit  einem  Beamten  »Pergamos«  existiert  überhaupt  nicht.  Denn 
auf  dem  von  Fränkel  herangezogenen  Stück  (Mionnet,  II,  S.  599,  569; 
hier  Taf.  VI,  21)  ist  nePTAMOC  nur  die  erklärende  Beischrifl  zu  der  dar- 
gestellten Figur  des  Heros,  und  das  TO  B,  die  Iteratio  des  Amtes,  bezieht 
sich  vielmehr  auf  den  hier  zerstörten  Magistratsnamen.  Für  Pergamon  ist 
das  Vorhandensein  göttlicher  Eponyme  also  nicht  zu  beweisen. 


Die  Münzen  von  Pergamon.  99 


D.  Die  Homonoiamünzen. 

Schon  Eckhel  {Doctr.  num.,  Bd.  IV,  S.  339)  nimmt  als  häufige  Be- 
weggründe för  die  zwischen  verschiedenen  Städten  der  römischen  Kaiser- 
zeit eingegangenen  Verträge,  wie  sie  die  Homonoiamünzen  illustrieren,  Über- 
einkommen über  communia  sacra,  fexta,  ludi  an  (vgl.  Head,  Hist.  num., 
Introd.  S.  77).  Gerade  in  Pergamon  haben  wir  dafnr  ein  charakteristisches 
praecedens  feststellen  können,  von  dem  man  annehmen  darf,  daß  es,  be- 
sonders in  hellenistischer  Zeit,  nicht  vereinzelt  dastand.  Wir  sahen  oben 
S.  3if.,  daß  sich  eine  Reihe  von  kleinasiatischen  Gemeinwesen,  soweit  sie 
der  Einflußsphäre  des  pergamenischen  Reiches  angehörten,  im  11.  Jahrhun- 
dert V.  Chr.  zu  gemeinsamen  Geldmissionen  vereinigte,  welche  für  die  Fest- 
feiern der  Athena  Nikephoros  und  des  Asklepios  Soter  veranstaltet  wurden. 
Daß  aber  die  Homonoiamünzen  wie  dort  im  weiteren  Sinne  ein  Festgeld 
bedeuteten,  ist  nicht  wahrscheinlich,  da  man  darin  eher  eine,  freilich  ku- 
rante,  Erinnerungsprägung  auf  solche  Kultverbände  zu  sehen  hat.  Meist 
handelt  es  sich  um  zwei,  doch  auch  um  drei,  ja  sogar  um  vier  Städte,  die 
in  dieser  Weise  gemeinsame  Sache  machen.  Die  folgende  Tabelle  enthält 
die  Allianzen,  welche  für  Pergamon  bekannt  sind: 

Ephesos,  Pergamon  und  Smyma  —  Domitianus  (?)  (vgl.  Vaillant, 
Num.  imp.  yr.,  S.  23).     Pius  (vgl.  Brit.  Cat.  lonia,  S.  iio,  403  f.). 

Ephesos  und  Pergamon  —  Domitianus  (Taf.  IX,  1 4).  Traianus  (Mün- 
chen). Commodus  (Taf.  IX,  16—20.  22;  vgl.  Brit.  Cat.,  S.  164, 
353ff.).     GaUienus  (vgl.  BrU.  Cat.,  S.  165,  359). 

Hierapolis  und  Pergamon  —  Philippus  U.  (?)  (vgl.  Brit.  Cat.  Phryyia, 
S.  259,  171,  Taf.  LH,  2). 

Laodikeia  und  Pergamon  —  M.  Aurelius  (Brit.  Cat.  Phrygia,  S.  326, 
27  if.).  Faustina  iun.  (vgl.  ebenda  S.  326,  2  73f.).  Caracalla  (ebenda 
S.  328,  279). 

Mytilene  und  Pergamon  —  Pius  (Taf.  IX,  1 5).  Commodus  (Taf.  IX,  23 ; 
vgl.  Brit.  Cat.  Troas  usw.,  S.  215,  235).  Valerianus  (vgl.  ebenda 
S.  214,  233f.). 

Nikomedeia  und  Pergamon  —  Gordianus  (vgl.  Taf.  IX,  2 1 ;  Brit.  Cat., 
S.  163,  350  flf.). 

13* 


100  H.  VON   Fritze: 

Sardes    und   Pergamon    —   Augustus    (Taf.  IX,  1 3 ;    vgl.  Brit.  Cat., 
S.  166,  36off.).    Domitianus (?)  (vgl.  Sestini,  Mus.  Hederp.,  Bd.  11, 

S.  117,  42). 

Smyrna   und  Pergamon   —   CaracaUa  (vgl.  Brit.  Cat.  lonia,  S.  305, 
50iff.;  Imhoof,  Nomisma  R,  S.  11,  i  —  3). 

Thyateira  und  Pergamon  —  Traianus  (vgl.  ßrü.  Cat.  Lydia,  S.  320, 
145,  Taf.  XLI,  5).     Severus  (Taf.  IX,  24). 

Gegenüber  der  von  W.  Wroth  {Num.  Chron.  1882,  S.  31)  aufgestellten 
Liste  ergeben  sich  folgende  Abweichungen :  Homonoiamünzen  von  Adramytion 
und  Pergamon  sind  nicht  vorhanden.  Das  von  Sestini  {Lettere,  VI,  S.  45,  4; 
daraus  Mionnet,  Suppl.  V,  S.  278,  17)  so  bestimmte  Stück  befindet  sich 
in  Berlin  (aus  Sammlung  Knobeisdorf,  Taf.  IX,  15)  und  bezieht  sich  viel- 
mehr auf  die  Allianz  von  Mytilene  und  Pergamon.  Neu  hinzugekommen 
sind  dagegen  die  Prägungen  von  Thyateira  und  Pergamon.  Andere  Homonoia- 
münzen, wie  von  Pergamon  und  Tralleis  (vgl.  Vaillant,  a.a.O.  S.  72), 
Kyme  (vgl.  Imhoof,  Nomisma  II,  S.  6,  3,  Taf.  I,  14)  sowie  Nikeia  und  Kil- 
bianoi  (vgl.  Imhoof,  Num.  Zeitschr.,  Bd.  XX,  S.  11,  Taf.  I,  10)  sind  er- 
wiesenermaßen falsch  zugeteilt,  oder  so  verdächtig,  daß  man  über  sie  ohne 
weiteres  zur  Tagesordnung  übergehen  kann. 

Die  Frage,  in  welcher  der  alliierten  Städte  die  betreffenden  Stücke 
geschlagen  sind,  läßt  sich  hier  in  vielen  Fällen  dadurch  beantworten,  daß 
die  signierenden  Beamten  auf  den  Geprägen  der  verschiedenen  Gemein- 
wesen nachweisbar  sind: 

Ephesos  und  Pergamon. 

Domitianus:    Gl.  Kephalion,    ist   in  Pergamon   beamtet  (vgl.  Brit. 

Cat.,  S.  141,  258). 
Commodus:  P.  Ael.  Pius,  vermutlich  in  Pergamon,  da  in  Ephesos 

von  Commodus  einschließlich  an  keine  Magistrate  auf  Münzen 

erscheinen. 
Gallienus :    Sex.  Gl.  Silianus,   in  Pergamon   (Taf.  VI,  i  ;   vgl.  Brit. 

Cat.,  S.  162,  347 f.). 

Mytilene  und  Pergamon. 

Valerianus:   Val.  Aristomachus,  in  Mytilene  (vgl.  Brit.  Cat.  Troas 
usw.,  S.  211,  2 23 ff.). 


Die  Münzen  von  Pergmiion.  101 

•' ■■    Nikomedeia  und  Pergamon. 

Gordianus :  S.  lul.  Logismus,  in  Pergamon  (vgl.  Brit.  Cat,  S.  1 60, 
342  ff.). 
Sardes  und  Pergamon. 

Augustus:  Kephalion,  in  Pergamon  (Taf.  IV,  1 7 ;  vgl.  L.Müller, 
Descr.  Thorwaldsen,  S.  266,  Nr.  131). 
Smyrna  und  Pergamon. 

Caracalla:  Ael.  Apollonius,  in  Smyrna  (vgl.  Brit.  Cat.  lonia,  S,  285, 
383,    auf  Münzen    der   Domna;    Mionnet,   III,  S.  239,  1347, 
Domna).     Geminus,    in   Smyrna    (vgl.  Brit.  Cat.  lonia,    S.  285, 
384ff.,  Domna;  Mionnet,  III,  S.  240,  i354f.;  Domna). 
Thyateira  und  Pergamon. 

Severus:  Moschus,  in  Thyateira  (vgl.  Imhoof,  Lyd.  Stadtm., 
S.  158,  27,  unter  Geta;  Mionnet,  IV,  S.  163,  932,  Severus, 
wo  MOCXIOV  offenbar  aus  mocxoy  verlesen  ist). 

Meist  wird,  wenn  nicht  die  einfachste  Form  der  mit  KAi  verbundenen 
oder  unvermittelt  im  Genitiv  zusammengestellten  Stadtnamen  gewählt  ist, 
das  Wort  OMONoia  verwendet.  Ausnahmen  bilden  neben  den  Allianzprä- 
gungen von  Pergamon-Mytilene  (Pius)  und  von  Pergamon-Ephesos  (Commo- 
dus),  auf  denen  sich  koinon  findet  (vgl.  Imhoof,  Gr.  Mzn,  S.  617,  181, 
Taf.  VII,  10),  einige  andere  Münzen  von  Pergamon-Ephesos  (Commodus)  mit 
der  Aufschrift  koinon  omonoia  (vgl.  Eckhel,  Dort,  num.,  Bd.  IV,  S.431; 
BrÜ.  Cat.,  S.  165,  358,  Taf.  XXXIII,  5).  Beiden  Worten  einen  völlig  ana- 
logen Sinn  unterzulegen  ist  im  Falle  ihres  Vorkommens  nebeneinander  kaum 
angängig.  Hill  (Handiwok,  S.  102),  der  omonoia  treffend  mit  »a  comple- 
mentary  understandiny  wiedergibt,  meint  (S.  118,  Anm.  i)  in  Übereinstim- 
mung mit  Eckhel  (a.  a.  0.  und  S.  339),  daß  der  Terminus  koinon  manch- 
mal nicht  mehr  als  omonoia  besage  und  zitiert  gerade  die  genannte 
AUianzmOnze  von  Pergamon  (nicht  Perga)  und  Mytilene  (vgl.  Ephesos- 
Alexandreia  bei  Eckhel,  a.  a.  0.  S.  431).  Wenn  hier  auch  eine  Gleich- 
heit der  Bedeutung  vorliegen  mag,  so  wird  man  doch  an  und  für  sich 
geneigt  sein,  in  koinon  (commune)  ein  Bundesverhältnis  von  festerem  und  ge- 
regeltem Bestände',  in  ömönoia  ein  für  bestimmte  Gelegenheiten  getroffenes 


'    So  ist  es  jedenfalls  bei  den  koinA  (=;  Provinziallandtage),  wie  sie  in  den   .römischen 
Provinzen   des  griechischen  Spractigebiets  entweder  mit  dem  Volks-  oder  mit  dem  Landes- 


103  H.  VON   Fritze: 

Übereinkommen  zu  sehen.  In  Pergamon  beginnen  nach  Ausweis  der  Münzen 
diese  Verträge  unter  Augustus  und  finden  sich  noch  unter  Gallienus.  Am 
reichsten  ist  die  Homonoiaprägung  mit  Ephesos,  und  zwar  imter  Commo- 
dus.  Man  wird  in  der  Annahme  kaum  fehlgehen,  daß  auch  hier  vielfach, 
wie  andernorts,  z.  B.  in  Thessalonike  und  in  kleinasiatischen  Städten  (vgl. 
H.  Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  33 7 f.),  die  nicht  selten  zu 
heftigen  Streitigkeiten  ausartenden  Rivalitäten  in  Titel-  imd  Rangangelegen- 
heiten durch  eine,  in  gemeinsamer  Festfeier  gipfelnde  »Homonoia«  beigelegt 
wurden. 

Was  die  Gottheiten  betrifft,  welche  als  Vertreter  von  Pergamon  auf 
den  Allianzmünzen  figurieren,  so  wird  ihre  Aufzählung  in  chronologischer 
Folge  zweckentsprechend  sein.  Unter  Augustus  sind  es  die  Demoi  von 
Pergamon  und  Sardes,  der  eine  von  dem  anderen  bekränzt  (Taf.  IX,  13). 
Auf  einem  Gepräge  des  Domitianus  befindet  sich  einer  Artemis  mit  kurzem 
Gewand  (für  Ephesos)  ein  bärtiger  Gott  mit  Zepter  im  Arm  (für  Perga- 
mon) gegenüber,  den  wir  am  ehesten  als  Zeus  auffassen  möchten,  ohne  fiir 
die  Benennung  eine  Sicherheit  zu  haben  (Taf.  IX,  14).  Der  stehende  As- 
klepios  erscheint  zuerst  auf  einer  Münze  des  Traianus  neben  der  Artemis 
Ephesia  (Unikum  in  München)  und  bleibt  nun  mit  wenigen  Ausnahmen  (z.  B. 
Brit.  Cat.  lonia,  Taf.  XXXIX,  9;  Phrijgia,  Taf  LIII,  3)  der  typische  Gott 
von  Pergamon  in  allen  Allianzverbindungen,  sei  es  mit  Ephesos  {Brit.  Cat., 
Taf.  XXXIII,  4),  mit  Hierapolis  [Brit.  Cat.  Phrygia,  Taf  LH,  2),  mit  Laodikeia 
{Brit.  Cat.  Phryyia,  Taf  LIII,  2),  mit  Mytilene  (Taf  IX,  15),  mit  Nikomedeia 
(Taf.  IX,  21),  mit  Smyrna  {Brit.  Cat.  lonia,  Taf.  XXXIX,  10),  oder  mit  Thyateira 
(Taf.  IX,  24).  Von  Abweichungen  wäre  zunächst  das  Prägbild  des  Commodus 
zu  nennen,  wo  die  eponymen  Heroen  beider  Städte  die  Statuen  des  Askle- 
pios  bzw.  der  ephesischen  Artemis  auf  den  Händen  tragen  (Taf.  IX,  1 7 ;  vgl. 
oben  S.  67).  Die  meisten  Varietäten  des  pergamenischen  Stadtwappens  weist 
überhaupt  die  Epoche  des  Commodus  auf,  so  Asklepios  sitzend  mit  der  Ar- 
temis von  Ephesos  auf  der  Hand  (Taf.  IX,  20)  und  in  der  gleichen  Weise 
auf  einem  von  zwei  Kentauren  gezogenen  Wagen  (Taf.  IX,  22);  femer  den 
Gott  stehend,  aber  nach  links  gewendet  und  den  Schlangenstab  nicht  unter 
die   Achsel,   sondern   wie   ein   Zepter  aufstützend   (Taf.  IX,  19;   vgl.   oben 

namen  bezeichnet«  (vgl.  H.  Gaebler,  Zeitschr.  f.  Num.  Bd.  XXIV,  S.  251  ff.)  zahlreich  vor- 
kommen, mit  denen  unsere  koinA  direkt  freilich  nichts  zu  tun  haben  (vgl.  Eck  hei,  Dodr. 
num.,  Bd.  IV,  S.  431). 


Die  Münzen  von  Pergamon.  103 

S.  49 f.).  Zwei  Tempel  mit  den  beiden  erwähnten  stehenden  Gottheiten  von 
Pergamon  und  Ephesos  im  Innern  zeigt  gleichfalls  ein  Gepräge  des  Com- 
modus  (Taf.  IX,  i6)  und  zwei  Heiligtümer  einander  zugekehrt,  ohne  Kult- 
bilder, eine  Allianzmünze  mit  Smyma  unter  Caracalla  (vgl.  Brit.  Cat.  lonia, 

S.  307.  509f-)- 

Statt  des  Asklepios  treten  aber  auch  andere  Gottheiten  auf,  so  die  Stadt- 
göttin mit  Turmkrone,  Mantel  und  Zepter  (Homonoiamünze  mit  Ephesos 
unter  Commodus  [München]  und  mit  Smyma  unter  Caracalla;  vgl.  Imhoof, 
Nomisma  II,  S.  1 1 ,  3).  Wichtiger  ist,  daß  auf  der  Prägung  mit  Mytilene 
(Taf.  IX,  23)  die  Meter  Megale  als  Repräsentantin  von  Pergamon  vorkommt, 
(siehe  oben  S.  67).  Zum  Schluß  bedarf  die  von  den  konventionellen  Sche- 
mata abweichende  Darstellung  einer  Großbronze  des  Commodus  (Taf.  IX,  1 8) 
der  Erklärung.  Diese  nennt  ein  KO in ON  neprAMHNflN  kai  e<j>eci((i)n)  bei 
folgendem  Typus:  Göttin  mit  aufgenommenem  Haar  und  halblangem,  ge- 
gürtetem Gewand  nach  links  auf  einem  Felsen  sitzend,  auf  den  sie  die  Linke 
stützt,  während  sie  in  der  Rechten  eine  Schale  vorstreckt,  im  Begriff,  die 
sich  um  einen  Baum  emporringelnde  Schlange  zu  tränken;  vor  ihr  ist  ein 
Altar  und  zu  ihren  Füßen  ein  nach  links  liegender  Hund.  Die  Figur  wird 
in  den  wenigen  Beschreibungen  nicht  gedeutet.  W.  Wroth  weist  auf  den 
Hund  als  zeitweiligen  Begleiter  des  Asklepios  hin  {Num.  Chron.  1882,  S.  16). 
Man  könnte  auf  Hygieia  verfallen.  Zu  ihr  würde  die  Situation,  das  Tränken 
der  Schlange,  sehr  gut  stimmen;  auch  stände  nicht  entgegen,  daß  bei  einer 
Allianzmünze  nur  die  Vertreterin  einer  der  Vertrag  schließenden  Städte 
erschiene,  da  dies  nicht  ohne  Analogien  wäre  (vgl.  Brit.  Cat.  lonia,  S.  112, 
414  f.;  S.  114,  424;  S.  115,  427).  Aber  ein  Umstand  widerspricht  der 
Interpretation:  die  Göttin  trägt  hohe  Jagdstiefel,  die  bei  Hygieia  unmög- 
lich sind.  In  dem  ganzen  Kostüm  ist  nur  die  Jägerin  Artemis  denkbar; 
zu  ihr  paßt  auch  als  Begleiter  der  Hund  besser  als  zu  Hygieia,  bei  der 
er  weder  in  Pergamon  noch  sonstwo  bezeugt  ist.  Somit  hätten  wir  also 
doch  beide  Allianzstädte  in  dem  Typus  figürlich  dargestellt.  Denn  wenn 
auch  die  eben  beschriebene  Artemis  nicht  die  sonst  als  Vertreterin  von 
Ephesos  übliche  asiatische  ist,  so  kommt  doch  die  griechische  Göttin  in 
kurzem  Gewand  schon  auf  einer  Homonoiamünze  des  Domitianus  als  Re- 
präsentantin der  Stadt  vor  (Taf.  IX,  1 4)  und  ist  auch  sonst  auf  deren  Ge- 
prägen  bekannt.  In  der  um  den  Baum  geringelten  Schlange  wird  man  mit 
Sicherheit  das  Tier  des  Asklepios  und  das  pergamenische  Wappen  erkennen 


104 


H.  VON   Fritze: 


dürfen.  Diesen  Typus  fanden  wir  ja  nicht  nur  in  Verbindung  mit  anderen 
Figuren,  sondern  auch  als  Prägbild  allein  (siehe  oben  S.  54).  Hier  ist  also 
in  glücklichster  Weise  gelungen,  fiir  das  sonst  meist  beziehungslose  Neben- 
einander der  die  Städte  repräsentierenden  Gottheiten  eine  innerliche  Ver- 
bindung zu  schaffen,  die  zwar  öfter  versucht,  aber  wohl  kaum  irgendwo 
befriedigender  zustande  gekommen  ist. 


Verzeichnis  der  auf  Tafel  I — IX  abgebildeten  Münzen. 


I. 

2. 

3- 

4- 
5- 
6. 

7- 
8. 

9- 
10. 
11. 
12. 

Tafel  I. 

Paris. 

Kopenhagen. 

Berlin. 

London. 

Berlin. 

31- 
32- 
33- 
34- 

35- 
36. 

München. 

Paris. 

Gotha. 

Berlin. 

München. 

London,  Kat.  120,  63,  Taf.  XXV,  5. 

Berlin. 
Berlin. 
London, 
Berlin. 

Kat.iio,4,  Taf.  XXIIl,  3. 

37- 
38. 

39- 
40. 

London,  Kat.  121,  69. 

Berlin. 

Berlin. 

Sir  H.  Weber-London. 

Klagenfurt. 

Berlin. 

St.  Petersburg. 

41. 
42. 
43- 

Berlin.                                                           I 

Berlin. 

Im  Handel. 

13- 
14. 

Berlin. 
Berlin. 

Tafel  II. 

15- 

Berlin. 

I. 

Im  Handel,  Hirech,  Auktionskat.  XII, 

16. 

München 

. 

231,  Taf.  VL 

17- 

Berlin. 

2. 

Berlin. 

18. 

London, 

Kat.  129,153. 

3- 

Paris. 

19. 

Paris  (Luynes). 

4- 

Sir  H.  Weber-London. 

20. 

London, 

Kat.131,  185,  Taf.  XXVll,  12. 

5- 

Paris  (Luynes). 

21. 

Berlin. 

6. 

Berlin. 

22. 

Berlin. 

7- 

J.  Six  van  Hilligom-Amsterdam. 

23- 

Berlin. 

« 

8. 

Berlin. 

24. 

Berlin. 

9- 

Imhoof-Blumer,  Neue  Sammlung. 

«5- 

Leake. 

10. 

A.  J.  B.  Wace-Stony  Stratford  (England) 

26. 

Leake. 

II. 

Sir  H.  Weber-London. 

27- 

London, 

Kat.  132,  188. 

12. 

Rollin  und  Feuardent-Paris  (1905). 

28. 

Paris. 

13- 

London,  Kat.  117,  45. 

29. 

Berlin. 

14. 

London,  Kat.  11 7,  47,  Taf.  XXIV,  5. 

30- 

Berlin. 

15- 

London,  Kat.  118,  48,  Taf.  XXIV,  7. 

Die  Münzen  von  Pergamon. 


105 


3- 
4- 

5- 
6. 

7- 
8. 

9- 

lO. 

II. 

12. 

13- 
14. 

15- 
16. 

17- 
18. 
19. 
20. 
21. 


23- 

24. 

25- 
26. 

27. 
28. 

29. 


Tafel  m. 

Paris. 

London,  Kat.  118,  50,  Taf.  XXV,  1. 

London,  Kat.  126,  126,  Taf.  XXVI,  5. 

Paris. 

Kopenhagen. 

Berlin. 

Kopenhagen. 

München. 

Tübingen. 

Im    Handel,  Hirsch,  Auktionskat.   XX\', 

1831. 
Berlin. 

Rollin  und  F'euanlent-Paris  (1905). 
München. 
Athen. 
Paris. 
Mailand. 
Paris. 
London. 
Paris. 
Paris. 
Berlin     (Vorderseite:    Athenakoj)f    nach 

rechts). 
St.  Petersburg  (Vorderseite:  Athenakopf 

nach  rechts). 
Leake. 
Parma. 

London.  Kat.  137,  233,  Taf.  XXVIII,  3. 
Gotha    (Vorderseite:    Asklepiosbrustbild 

nach  links). 
Paris. 
P.  Gaudin-Smyrna  (Vorderseite:  Athena- 

brustbild  nach  links). 
München. 
Leake. 


Tafel  IV. 

1.  Paris    (Vorderseite:   Asklepiaskopf  nach 

rechts). 

2.  Kopenhagen. 

3.  Paris. 

4.  Mailand  (Traianus). 

5.  Neapel  (Traianus). 

6.  London  (Verus),  Kat.  148,  293. 

7.  Gotha  (Commodus). 

Phil.-hüt.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  I. 


8.  Rollin   und   Feuardent- Paris,  1905   (Ha- 

drianus). 

9.  Im    Handel,    Hirsch,    Auktionskat.  XXI, 

2512,  Taf.  XXXV  (Etruscus). 

10.  Paris  (Vorderseite   eradiert,  Maximinus). 

11.  Th.  Prowe-Moskau  (Geta). 

12.  München  (Pius). 

13.  Kopenhagen  (Pius). 

14.  Paris  (Severus). 

15.  Sir  H.  Weber-London  (M.  Aurelius). 

16.  Beriin  (Severus). 

17.  Paris  (Augustus). 

18.  St.  Florian  (Severus). 

19.  München  (Commodus). 

20.  Jakimtschikoff-St.Petersburg(Commodus). 

21.  London  (Pius),  Kat.145,  278,  Taf.XXlX,i. 

22.  München  (l)ecius). 

23.  Berlin  (\'orderseite  eradiert,  Maximinus). 


Tafel  V. 

1.  Berlin  (Commodus). 

2.  Paris  (Verus). 

3.  Paris  (Aelius). 

4.  Berlin  (M.  Aurelius). 

5.  Berlin  (Severus  und  Domna). 

6.  Paris  (Traianus). 

7.  Gotha  (Pius). 

8.  Paris  (Hadrianus). 

9.  Wien  (Commodus). 

10.  Berlin  (Caracalla  und  Geta). 

1 1.  Gotha  (Verus). 

12.  Berlin  (Traianus). 

13.  Berlin  (Verus). 

14.  Paris  (Verus). 

15.  Berlin  (Commodus). 

16.  London     (Verus),     Kat.   148,    292,    Taf. 

XXIX.  7. 

17.  ,Iakiintscliikoff-St.  Petersburg  (Pius). 

18.  München  (Alexander). 

19.  Gotha  (Sabina). 

20.  Paris  (Commodus). 

2 1 .  Paris  (Pius). 

22.  Berlin  (Hadrianus). 

23.  Stuttgart  (Petrusens). 

24.  London  (I)ecius). 

14 


106 


H.   VON    Fritze: 


Tafel  VI. 

II. 

Paris  (Severus). 

I. 

London  (Gallienus),    Kat.  162,  347, 
XXXII,  8. 

Taf. 

12. 
13- 

München  (Caracalla). 
Wien  (Caracalla). 

2. 

3- 
4- 

5- 
6. 

Berlin  (Commodus). 
Berlin  (Hadrianus). 
Paris  (Decius). 
München  (Caracalla). 
Paris  (Commodus). 

15- 
16. 

17- 

MüDQhen  (Caracalla). 
Paris  (Caracalla). 
Wien  (Commodus). 
London   (Caracalla),    Kat.  155,  323, 
XXXI,  3. 

Taf. 

7- 
8. 

London  (Severus  und  Domna). 
Wien  (Verus). 

Tafel  Vin. 

9- 

Neapel  (M.  Aurelius). 

I. 

München  (Severus). 

lO. 

Paris  (Verus). 

2. 

London  (Caracalla),    Kat.  155.  322, 

Taf. 

II. 

Paris  (Geta). 

XXXI,  4. 

12. 

Berlin  (Commodus). 

3- 

München  (Elagabalus). 

13- 

London  (Elagabalus),   Kat.  157,331, 

Taf. 

4- 

Paris  (Caracalla). 

XXXII,  4. 

5- 

London  (Caracalla). 

14. 

Paris  (M.  Aurelius). 

6. 

München  (Commodus). 

'5- 

Kopenhagen   (M.  Aurelius). 

7- 

München  (Caracalla). 

16. 

Berlin  (Aelius). 

8. 

London   (Caracalla),    Kat.  155.  324, 

Taf. 

17- 

London(Aelius),  Kat.  i44,277,Taf.XX  VIII, 

XXXI,  5. 

18. 

9- 

Berlin  (Caracalla). 

18. 

London    (Traianus),    Kat.  143,  268, 

Taf. 

10. 

München  (Pius). 

XXVIII,  13. 

II. 

Berlin. 

19. 

Paris  (Traianus). 

12. 

Wien. 

20. 

München    (Vorderseite    eradiert,    Maxi- 

'3- 

Berlin  (Pius). 

minu.s). 

14. 

Leake  (Augustus). 

21. 

München  (Pius). 

'S- 

Arolsen  (Severus  und  Domna). 

22. 

Berlin  (Commodus). 

16. 

London    (Caracalla),    Kat.  156,  327, 

Taf. 

23- 

Wien  (Hadrianus). 

XXXII,  I. 

24. 

Leake  (Traianus). 

17- 

Berlin. 

25- 

München. 

Tafel  VII. 

18. 
19. 

München  (Decius). 

St.  Petersburg  (Caracalla). 

I. 

Paris  (M.  Aurelius). 

Tafel  IX. 

2. 

Berlin  (Pius). 

I. 

Berlin  (Claudius). 

3- 

Sir    H.    Weber- London    (Tiberius 

und 

2. 

Paris  (Commodus). 

Llvia). 

3- 

London  (Severus  und  Domua),  Kat 

152, 

4- 

St.  Petersburg  (Commodus). 

315,  Taf.  XXX,  7. 

5- 

Berlin  (Caracalla). 

4- 

Paris  (Caracalla). 

6. 

London  (M.  Aurelius),  Kat.  147,  289, 

Taf. 

5- 

Berlin  (Pius). 

XXIX,  6. 

6. 

Berlin  (Aelius). 

7- 

Paris  (Caracalla). 

7- 

Gotha  (Augustus). 

8. 

Berlin  (Caracalla). 

8. 

London  (Severus). 

9- 

Gotha  (Caracalla). 

9- 

München  (Elagabalus). 

10. 

München  (Severus). 

10. 

Paris  (Severus). 

Die  Münzen  von  Pergamon. 


107 


II. 

London  (M.  Aurelius),  Kat.  146,  283,  Taf. 

17- 

XXIX,  4. 

18. 

12. 

London  (M.  Aurelius),  Kat.  146,  284,  Taf. 

19. 

XXIX,  5. 

20. 

»3- 

Wien. 

21. 

14. 

Paris  (Domitianus). 

22. 

IS- 

Wien  (Pias). 

»3- 

16. 

London  (Commodus),  Kat.  164,  353,  Taf. 
XXXIII,  3. 

24. 

Paris  (Commodus). 
Wien  (Commodus). 
Berlin  (Commodus). 
Berlin  (Commodus). 
Paris  (Gordianus). 
Mailand  (Commodus). 
Berlin  (Commodus). 
Gotha  (Severus). 


Die  Anordnung  der  Abbildungen  auf  den  Tafeln  folgt  zwei  verschiedenen  Gesichts- 
punkten. Taf.  I  zeigt  das  autonome  städtische  Geld  (Nr.  i — 28)  und  die  königliche 
Scheidemfinze  (Nr.  29 — 43),  Taf  11  und  111,  i.  2.  4,  die  Silberprägung  der  Attaliden,  Taf.  III, 
3.  5 — 12  die  Cistophoren  und  Nr.  13 — 30  sowie  IV,  1—3  die  autonomen  Reihen  (ohne 
Kaiserpoi-trät)  der  Kaiserzeit,  alle  in  möglichst  chronologischer  Abfolge,  soweit  die  Zu- 
sammenstellung der  Tafeln  nicht  des  äußeren  Eindrucks  wegen  kleine  Abweichungen  ver- 
anlaßte.  Von  Taf.  IV,  4  ab  bis  zu  Ende  sind  die  Kaisergepräge  wiedergegeben,  und  zwar 
nach  Typen  geordnet:  Zeus  (Taf.  I\',  4 — 12),  Sarapis  (Taf.  IV,  13),  Athena  (Taf.  IV,  14 — 17), 
Nike  (Taf.  IV,  18.  19),  Apollon  (Taf.  IV,  20.  21),  Dionysos  (Taf.  IV,  22.  23,  V,  i — 6), 
Asklepios  und  sein  Kreis  (Taf  V,  7—19),  Kybele  (Taf.  V,  20.  21),  Meter  Megale  (Taf  V, 
22 — 24),  Hermes  und  die  Kabiren  (Taf.  VI,  i — 4),  Heroen  (Taf.  VI,  5 — 12.  21),  Stadt-  und 
Flußgötter  (Taf  VT,  13 — 18),  verschiedene  Typen  (Taf.  VI,  19.  20.  22 — 25,  VII,  i.  2), 
Kaiser  (Taf  VII,  3 — 17,  VlII,  i — 9.  15),  Tempel  und  Altäre  (Taf.  VIII,  10 — 14.  16 — 19, 
IX,  1—3.  5),  Tische  (Taf.  IX,  4.  6),  Geräte  (Taf.  IX,  7.  8),  Schlangen  (Taf  IX,  9— 12), 
Homonoiamünzen  (Taf.  IX,  13 — 24).  Ks  ergibt  sich  von  selbst,  daß  bei  mehrfigurigen  Szenen 
und  bei  den  Homonoiaprägungen  einzelne  der  oben  genannten  Figuren  auch  an  anderen 
Orten  zu  suchen  sind,  worauf  aber  stets  im  Text  hingewiesen  wird. 


108  H.  VON   Fritze:    I)ie  Münzen  von  Pergamon. 


Inhalt. 


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Vorwort    ........'.. .•     .      3 — 4,  ^ 

I. 

Die  vorkaiserlichen  Münzen. 

A.  Die  autonome  städtische  Prägung 4 — 6 

B.  Das  attalische  Silbergeld 7 — 15 

C.  Die  Cistophoren 15 19 

D.  Das  Geld  mit  Alexander-  und  Lysimacliostypen.    Mithradatische  P^missionen  19—22 

E.  Die  königliche  Scheidemünze "22^-24 

--F.    Das  Porträt  des  Philetairos 24—26 

G.   Die  Buchstaben,  Monogramme  und  Beizeichen.    Festmünzen 26 — 35 

H.    Die  Münztypen 35 — 41 

.  ,  ;  I.    Das  Palladion 35—38 

■  '  ■      ;      2.    Die  thronende  Athena   .     .     .     . •.     .     i     .     .  38^39 

3.    Asklepios 39 — 41 

II 

Die  Münzen  der  Kaiserzeit. 

A.  Die  Münzen  ohne  Kaiserporträt 41__46 

B.  Die  Münztypen   der  Kaiserzeit 46 — 91 

1.  Asklepios  und  sein  Kreis 47 — 54 

2.  Zeus   . 54—5'? 

3.  Sarapis 57 

4.  Athena 57 — 59 

5.  Apollon 59—60 

6.  Dionysos  und  sein  Kreis 60 — 62 

7.  Demeter 63 

8.  Hermes,  die  Kabiren  und  Dioskuren 63 — 64 

9.  Meter  Megale 64 — 67 

10.  Lokal-Heroen  und  Gottheiten:   Pergamos,   Eurypylos,   Herakles,  Tele- 

phos,  Stadtgöttin  und  Flußgötter 67 — 71 

11.  Kaiser  als  handelnde  Personen 71 — 74 

12.  Kaiser  als  Gegenstand  des  Kultes.     Die  Neokorie 74 — 80 

13.  Die  Neokorie-Agone 80 — 82 

14.  Tempelbauten  und  Altäre 83 — 88 

15.  Verschiedene  Münztypen    ....*. 88 — 91 

C.  Beamten-Namen  und  Titel 91 — 98 

D.  Die  Homonoia-Münzen 99 — 104 


K.  Preuss.  Akad.  d.  Wisse nsch. 


Pliil.-Iiist.  Abh.  1910. 


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H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Per^amon.    -  Tafel  I. 

(No.   7-9  ÜoM.   I.  2    l'l  21  Silber,  .!-(>.    II     21).  22     4.1  Klip/i-r) 


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K-  Preuss.  Akad.  d.  Wissensch. 


Phil.-Iüst.  Abh.  1910. 


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H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Per^amon.   --  Jafel  IL 

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K.  Preuss.  Akad.  d.  Wissensch. 


Phil.-Iüst.  Abb.  1910. 


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K-  Preuss.  Akad.  d.  Wissensch. 


Phil.-hist.  Abh.  1910. 


H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Pergamon.  —  Tafel  IV. 

(Klinfcr) 


I 


K.  Preuss.  Akad.  d.  WLsscnsch. 


Phil.-Inst.  Abh.  1910. 


H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Per^amon.     -  Tafel  V. 

(Kuiiferl 


K..  Preuss.  Akad.  d.  Wisse nsch. 


Phll.-hist.  Abh.  1910. 


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//.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Per^anion.     -   Tafel  VI. 

(Kuitjdl 


K-  Preuss.  Akad.  d.  Wisse nsch. 


Phil.-Iiist.  Abli.  1910. 


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H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Pergamon.    -     Tafel  VI!. 


(Kiiptrr) 


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K.  Preuss.  Akad.  d.  Wisse  tisch. 


Phll.-hist.  Abh.  1910. 


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H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Pergamon.  ~  Tafel  VIII. 

(Kupfer) 


K.  Preuss.  Akad.  d.  Wisse nsch. 


Phll.-hist.  Abh.  1910. 


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H.  von  Fritze:  Die  Münzen  von  Pergamon.  —  Tafel  IX. 

(Sr.   I  Silber.  2  -24  Ktipfcr) 


KeilsclirifUiclies  3Iateruxl  zur  altägyptischfiu 

Vokalisation. 


Von 

Dr.  H.  RAN  Kl 

in   Ijeiliii. 


P/äL-hint.  k'/assf.     nun.    Anhang.     Ahlt.  II. 


Vorgelegt  von   Hrn.  Ei-niaii   in  der  Gesanitsit/.ung  am    10.  März   1910. 
Zum   Druck   eingereicht  am  gleiciien  Tage,  ausgegeben  am   11.  Juli   1910. 


1/as  wichtigste  Material  zur  Kenntnis  der  Vokalisation  der  ägyptiscluai 
Sprache  in  vorgriechischer  Zeit'  bieten  uns  die  keilscliriftlichen  Umsclirci- 
bungen  ägyptisclier  Worte  und  Eigennamen.  Zu  dem  vor  20  Jahren  von 
Steindorff  gesammelten  und  vorzüglich  bearbeiteten  Material"  ist  manches 
Neue  hinzugekommen.  Vor  allem  hat  Knudtzons  ausgezeichnete  Ausgabe 
der  Tellamarnabriefe  die  ältesten  Zeugnisse  ägyptischer  Vokalisation  in  viel- 
fach wesentlich  berichtigten  Lesungen  beigebracht.  An  sie  schließen  sich 
die  neuerdings  von  H.  Winckler  bei  Bogasköi  ausgegrabenen  Tafeln  aus  der 
Zeit  Ramses"  IL,  in  denen  sich  mancherlei  Ägyptisches  gefunden  hat.  End- 
lich haben  auch  Geschäftsurkunden  aus  assyrischer  und  neubabylonisch- 
persischer  Zeit  inzwischen  neue  Beiträge  geliefert.  Daher  lohnt  es  sich 
wohl,  das  heute  erreichbare  Material  von  neuem  zu  sammeln  und  dadurch 
lür  die  ägyptische  Sprach forscliung  nutzbar  zu  machen. 

Eine  kurze  Gruppierung  des  Materials  wird  die  Benutzung  der  folgen- 
den Listen  erleichtern. 

Wir  besitzen  Umschreibungen  von  ägyptischen  Worten  und  Eigennamen 
aus  drei  verschiedenen  Epochen  der  babylonisch-assyrischen  (ieschichte,  und 
zwar  aus  mittelbabylonischer*,  assyrischer  imd  neubabylonischer  Zeit. 

I.  Urkunden  aus  mittelbabylonischer  Zeit.  Hier  kommen  zwei 
Gruppen  von  Texten  in  Betracht:    i.  Die  »Tellamarnabriefe«,  d.  h.  die  Kor- 

'  Das  in  den  zahlreichen  griechLsch-Sgyptisclien  Personennamen  enthaltene  Material 
hedarf  noch  der  Sammlung  und  Sichtung.  Unter  den  l)isherip;en  \'orarbeiteii  siixl  vor  allein 
7-n  nennen:  Spiegellierg,  ÄgyptLsche  und  griechische  Kl;;ennamen  au.s  Mumienetiketten  der 
römischen  Kai.serzeit,  Leipzig  1901  (dort  auf  S.  21  die  ältere  Literatur),  sowie  die  Ausfüh- 
rungen von  Griffith  in  seinem  Catalogue  of  the  John  Rylands  I'apyri  (Bd.  III,  S.  188  (f.), 
Oxford  1909. 

'  G.  Steindorff,  Die  keilinschill'tli<'he  Wiedergabe  ägyptischer  Kigennamen,  1890  (Bei- 
träge zur  Assyriologie.  Bd.  1,  S.  330 — 361  und  593 — 612).  Dort  (S.  332)  findet  man  auch 
die  ältere  Literatur. 

•  80  bezeichne  ich  der  Kürze  halber  die  an  die  ..altbabylonische«  Zeit  anschließende 
Periode  von  etwa  1700 — 1 100  v.  Chr.;  vgl.  Ungnad,  Babylonisch-assyrische  Grammatik,  S.  2. 

1* 


4  H.     R  A  N  K  E  : 

respondenz  Amenophis'  III.  (141  i  — 1375  v.  ('lir.)  und  Amonophis"  IV. 
(■375 — 1358  V.  (Jlir.)  mit  ihren  asiatischen  Verbündeten  und  Vasallenfiirsten. 
Sie  liegen  jetzt  in  der  neuen  Publikation  von  J.  A.  Knudtzon'  sämtlich  in 
zuverlässiger  Tianskription  vor'.  2.  Die  von  H.  Winckler  bei  Bogasköi 
ausgegrabenen  Briefe  und  Aktenstücke  aus  dem  liethitisdien  Staatsarchiv 
zur  Zeit  Ramses"  II.  (1292  — 1225  v.  Chr.).  Diese  Texte  sind  noch  nicht 
im  Original  veröflentlicht  worden'.  Wir  besitzen  über  sie  nur  vorläufige 
Mitteilungen  von  Winckler  in  der  Orientalistischen  Literaturzeitung*  und 
in   den  Mitteilungen   der  Deutschen  Orient-Gesellschaft'. 

II.  Urkunden  aus  assyrischer  Zeit.  Hier  besitzen  wir  verschie- 
dene Quellen,  von  denen  freilich  nur  die  vierte  eine  wirklich  reiche  Aus- 
beute gewährt:  i.  Die  Annalen  Sargons  II.  (722—705  v.  Chr.)''.  2.  Die 
Prunkinsclirift  Sargons  IL".  3.  liiine  Inschrift  Assarhaddons  (681  —  668 
V.  Chr.)  bei  Scherif-Chan^  4.  Die  Annalen  Assurbanipals  (668  — 626  v.Chr.)''. 
5.  Assyrische  Geschäftsurkunden  aus  den  Archiven  Assurbanipals'".  6.  Die 
Stele  Assarhaddons  aus  Sendschirli". 


'    Die  El-Amarna-Tafeln,  Leipzig,  1907 — 1910  (=  Bd.  11  der  »\'()rderasiat.  Bibliothek«). 

^  Die  Originaltexte  sind  veröffentliciit  teils  von  H.  Winckler  und  L.  Abel,  Der  Tlion- 
tal'i'lfund  von  Kl-Amarna,  Berlin  1889/1890,  teils  von  C.  Bezold  und  E.  A.  W.  Biidge,  Tlie 
Tell-el-Ainaina  Tablets  in  the  British  Museum,  London  1892. 

'  Durch  Wincklers  liebenswürdiges  Entgegenkommen  war  es  mir  möglich,  die  hier  in 
Betracht  kommenden  Namen  fast  sämtlich  in  seiner  keilschriftlichen  Kopie  des  Originals 
einzusehen.  Einiges  noch  un\eröffentlichte  Material  verdanke  ich  den  persönlichen  Mit- 
teilungen Wincklers  Das  Wichtigste  darunter  ist  dci-  .\nfang  eines  Schreibens  von  Ramses  11. 
an  Piiduhipa,  der  folgendermaßen  lautet:  umma  insihja  ni-ih  ii{?)-Ka-a-si  "Wasmuaria-iatep- 
iiaria  mar  Samas(?)  "'  Riawasesa-mäi-Amä7ia,  Uhu  samt  Ana,  ahu  ia  Jlära,  ia  Adad  (Teschup't') 
irammu,  .So  spriciit  insihja  nib  siwäiH}^)  Ramses  11..  der  Gott,  der  König  von  Ileliopolis,  der 
Bruder  des  Horus,  den  der  Wettergott  liebt-. 

*  1906,  Sp.  629  f 

'    Nr.  35,  S.  1-59. 

"  Veröffentlicht  von  Hugo  Winckler,  Die  Keil.schrifttexte  Sargons,  Leipzig  1889.  Bd.  1, 
S.  2(f.;  Bd.  II,  Taf.  iff. 

'    Veröffentlicht  von  Winckler,  ebenda,  Bd.  I,  S.  96fr.;  Bd.  II,  Taf.  3off. 

*  A'eröffentlicht  I.  Rawlinson  48,  5,5.     Dort  nur  die  Worte  Paturesi  und  Küsi. 

°  Nor  allem  auf  dem  von  Rassam  in  Ivujundschik  gefundenen  Zylinder,  veröffentlicht 
\'.  Kawlinson  i  — 10;  übersetzt  von  Jensen,  Keilinschriftliche  Bibliothek,  Bd.  II  (1890),  8.1520'. 
Angabe  der  Paralleltexte  ebenda,  S.  152,  Anm.  i. 

'"  Veröffentlicht  von  C.  11.  W.  Johns,  Assyrian  Deeds  and  Documents,  Bd.  1 — 111 
(Index  in  Bd.  111).  In  Betracht  kommen  hier  freilich,  soweit  ich  sehe,  nur  die  Texte 
Nr.  307.   763   und   851;   vgl.  auch   B.  Meißner,  ÄZ.  40,  1451". 

"    Zuletzt  veröffentlicht  in  den   Vorderasiatischen  Schriftdenkmälern,  Bd.  I,  Nr.  78. 


KeihchrifÜich's  Material  zur  altnyyplisclien  Voka/is<itioii.  5 

III.  Urkunden  aus  neubabylonisclier  und  persischer  Zeit. 
Hier  konmu'n  vor  allem  Geschäftsurkunden  in  Betracht,  und  zwar  aus  der 
Zeit' des  Kambyses  (529  —  521  v.  Chr.)',  Darius"  I.  (521 — 485  v.  Chr.)', 
Artaxerxes'  I.  (464 — 424  v.Chr.)'  und  Artaxerxes'  II.  (424 — 404  v.  (Jhr.)'. 

Aus  allen  diesen  Urkunden  sind  zunächst  nur  solche  Worte  und  Namen 
enlnonimen  worden,  die  mit  Sicherlieit  als  ägyptisches  Sprachgut  ange- 
sprochen  werden   können. 

Anhangsweise  ist  aber  jeder  der  drei  Listen  noch  einiges  weitere  Ma- 
terial hinzugefügt  worden,  das  sich  zur  Zeit  noch  nicht  als  ägyptisch  er- 
weisen läßt,  bei  dem  aber  aus  dem  einen  oder  aiuleren  Grunde  ein  ägyp- 
tischer Ui"sprung  wahrscheinlich  oder  zum  mindesten  erwägenswert  er- 
scheint. 

Es  darf  übrigens  nicht  außer  acht  gelassen  werden,  daß  die  im  fol- 
genden gegebenen  Gleichungen  sich  nirgends  auf  eine  keilschriftlich-ägyp- 
ti.sche  Bilinguis  stützen  können.  Derartige  Bilinguen  besitzen  wir  überhaupt 
.so  gut  wie  gar  nicht'.  Sie  beruhen  vielmehr  teils  auf  historischen  oder 
sachlichen  Folgerungen,  bei  denen  freilich  ein  Zweifel  völlig  ausgeschlossen 
ist",    teils  auf  Vergleichen  mit  den  griechischen  Transkriptionen  und  mit 


'  X'eröffentliclit  von  J.  N.  Straßmaier,  Inscliritten  von  Cambyses,  Könif;  von  Hahylon, 
Leii)zi(i  1890. 

'  Veröffentlicht  von  Straßniaier,  In.scliriften  von  Dariiis,  König  von  Babylon,  Leip/ig, 
1892  — 1897. 

'  Veröffenlliciit  von  H.  V.  Hilpieclit  und  A.  T.  Clay.  Business  Doniinents  of  Mura.shü 
.Sons  of  Nippur,   l'liiiadelpliia   1898  (Bahyloii.  Kxpcd.  .Series  A.   \'ol.  IX). 

*  \'eröffentliclit  von  A.  T.  Clav,  Business  Docunicnls  of  Minasliü  .Sons  of  Ni|)pui-. 
l'liiiadelpliia  1904  (Babylon.  Kxped.  Serics  .\.  X'ol.  X).  Kinifre  äiivplisclie  Namen  aus  einer 
weiteren  noch  unveröffentlichten  Sainnihiiii;  von  babylonischen  Kontiakten  der  l'erserzeit 
(Vol.  X,)  verdanke  ich   lirieflichen   Milteiliinpen   von   f'lay. 

*  Die  einzigen  Bilinguen  finden  sich  in  der  Tellaniania/.eit,  und  zwar  auf  den  Tafeln 
Kniidtzon  27,  wo  der  Name  eines  Mitannige.sandten  keilschriftlieh  als  Piiizzi  {"'l'i-ri-i:-:i, 
vgl.  8.  24),    in    einem    nachträglich    auf  die  Tafel   gesetzten   iigyptischen  ("hieratischen»)    lii- 

ventarvermerk  aber  als        <^^>lix^  |^   ^^^  erscheint,  uiul  KiiiHltzon  39,  wo   in  dersrlben 

Weise    keilscliriftlicliein   Alasija   ('"'"" A-ln-.si-ja,   Zeile  3)    ägyptisches   (1  gA  [j— 0)  |  f^-^^    trs 

ent.s|)richt. 

"  So  bei  den  Namen  der  ägyptischen  Könige  in  den  Tafeln  von  rellaiiiarna  und 
Bogasköi  oder  bei  den  in  .Xssiirlianipals  Annaleii  sowohl  wie  in  der  Pianchi-lnschrifl  er- 
haltenen Namen  von  iintei'ägyptischen  Stadtfiirsten.  .\hiilich  hei  nrtissa  (Variante  sa  rrii) 
■=■  vori. 


6  H.   Ranke  : 

dem  Koptischen'.  Wo  alles  dieses  fehlt,  können  wir  —  ebenso  wie  bei 
den  griechisch  erhaltenen  ägyptischen  Namen  —  nur  durch  Analogieschlüsse 
von  den  gesicherten  Gleichungen  zu  der  Erklärung  noch  unbekannter  Formen 
vorschreiten.  Bei  methodischem  Vorgehen  werden  aber  auch  hierbei  sichere 
Resultate  zu  erlangen  sein".  Doch  bleibt  trotzdem  natürlich  eine  ganze  An- 
zahl von  Namen  und  Worten,  in  denen  wir  zwar  sicher  die  Wiedergabe 
eines  iigyptischen  Vorbildes  zu  erkennen  haben,  bei  denen  eine  genaue 
Identifizierung  aber  zur  Zeit  noch  nicht  gelingen   wilP. 

Im  Anschluß  an  das  auf  die  Listen  I  —  III  verteilte  keilschriftliclie 
Material  (S.  7 — 42)  gebe  ich  ein  Verzeichnis  der  ägyptischen  Worte  und 
Eigennamen,  über  deren  Vokalisation  die  babylonischen  und  assyrischen 
Umschreibungen  einen  Aufschluß  gewähren  (S.  43 — 62).  In  diesem  Ver- 
zeichnis sind  auch  anderweitige  Umschreibungen  sowie  die  koptischen  Äqui- 
valente der  einzelnen  Worte,  soweit  sie  fiir  die  keilschriftlich  überlieferten 
Formen  von  Interesse  schienen,  zum  Vergleich  herangezogen  worden.  Da 
fiir  die  Nachprüfung  meiner  Identifikationen  und  für  die  Identifizierung  nocli 
unerklärt  gebliebener  Worte  eine  Kenntnis  der  keilschriftlichen  Wiedergabe 
der  ägyptischen  Konsonanten  unbedingt  erforderlich  ist,  habe  ich  in  einem 
Anhange  (S.  85 — 93)  das  hierfür  vorliandene  Material  noch  kurz  zusammen- 
gestellt. 


'  Z.  B.  Patm{i)u.stü  verglichen  mit  grieel..  TTereMOceoYC,  Niht(i)-es-arau  verglichen  mit 
griech.  NiCTepuc  und  kopt.  u\ujTep(.i)Y,  iiiu}-rej>oo[T]  (Reciieil  6,66;  Murray,  Saqciära  Mast., 
Taf.  36   iwid  S.  29),  ral^ta  verglichen  mit  ko[)t.  p».gTc,  pcog^re  usw.   usw. 

^  Wenn  ■/,.  D.  lltja  =  W  und  nap  ^  nf{r)  durcii  die  Gleichung  Naphvinirtja  =;  Nßr)- 
hpne-Ri:  gesichert  sind,  so  läßt  sich  die  Gleichung  RiianSpn  =  Kc-n/{r)  nicht  bezweifeln. 

'  So  z.  B.  Irimajassa,  Liste  I  (Name  eines  ägyptischen  Gesandten),  Usanahüru,  Liste  II 
(Sohn  des  Taharka),  Piiamissilu,  Liste  III  —  und   viele  andere. 


Keilschrißliche.'i  Material  zur  altiiyyptischen  Vokalisation. 


Ägyptisclie  Sclireibung*. 
'Imn,  Amoii. 


Verzeichnisse  der  keilschriftlichen  Umschreibungen  ägyptischer 

Worte  und  Eigennamen'. 

I.  Aus  mittelbabylonischen  Texten  (15. — 13.  Jahrh.  v.  Chr.)". 

A.    Siclior  Agypti.sclics^. 
Babylonisclie  Umschrift. 

Amäna,  Ani(Jnu{m).     "'"A-ma-na,  71,4;  86,3;  95,3;     (] ' 
A-ma-nu-um',    1,45;     19,15.76;     "A-ma-a-nu, 

20,26;  24,1,76.  loi.  11,65.77.  IV,  118;  27,87; 

""A-ma-nu  20,74. 
Aiiian>appa,    Aman^appi.       ""A-ma-an-ap-pa,     73,1  ;     0  Q?^   'Imn-\>n-\ 

74.51;  77,1;  79,9;  b2,i;  86,1;  109,62;  117,23;  ^        ip^.^Y^  ..Ainon(i.st)in 

'"A-ina-an-ap-pi,  87,1;  hoher  ägyptisclier  Beamter,  Luxor« 

der   selbst   in   Sumur   (73, 40 f.;    109,62 f.)   und 

Byblos   (79, 8f.;    117,23)    gewesen   ist,    und   an 

den  Rib-Addi  von  Byblos  schreibt. 


'  Vorgesetztes  '"  bezeichnet  das  in  der  Keilschrift  vor  iniinnliciien,  vorgesetztes  f  dns 
vor  weiblichen  Personennamen  sich  findende  Determinativ.  Kbenso  l)ezeiclinen  voi'gesetztcs 
ä'"  bzw.  "l"  die  bei  Städte-  bzw.  Götternamen,  vorgesetztes  "'■'''"  oder  nachgesetztes  ''■  die  bei 
geographischen  Namen  gebräuclilichen  Determinative.  V^orgesetztes  •'""■i"  (Phnal  »""•'"»")  stellt 
bei  Berufsbezeiclmungen  und  Ahnlichem. 

''  Die  Stellenangaben  in  Liste  1  beziehen  sich  auf  die  Nummern  von  Knudtzons  Kl- 
Ainarna-Briefen  (vgl.  S.  4,  Anm.  i). 

'  \'on  den  in  Knudtzon  Nr.  14  aufgezählten  Geschenken  Amenophis'  IV.  an  Biirra- 
buria.scli  sind  hier  nur  diejenigen  aufgenonunen,  die  durch  den  Zusatz  himsu  (d.  h.  soundso 
»ist  sein  Name«)  ausdrücklich  als  ägyptisch  bezeichnet  sind.  Alle  anderen,  dai-unter  mehreie, 
die  ich   für  sicher  ägyptisch  halte,  sind  unter  B  (S.  20  fl'.)  aufgeführt. 

*  Für  die  Belegstellen  sind  die  Sammlungen  für  das  Berliner  ägyptische  Wörterbuch 
lienutzt  worden. 

'    Vgl.  S.  70,  Anm.  2. 

°    Der    im    neuen   Reiche   sehr    häufige,   gewöhnlich  (1  ^iviJ   /n  Sr    C""*^   ähnlich) 

ge.schriebene  Name    ist   offenbar   schon  früh  'lmn-ip{-l),   also  mit  Wegfall  des  m,  gesprochen 

t\  ■ " ■" ■   f\    n       <j  f\    " ' '" '    f\  r~\    ^— .     j^ 

w<»rden.     Vgl.  die    Schreibungen   (1  (1  ^'  M+i  und    (J  ^^^^  jj  )^   fiir   den  Namen  des- 


Q. 


(\      I  "  ■  I  r  r      ^      I — I  , 

selben    Mannes   (Gardiner,   Mes,   N8   und    N17)   sowie   den   Namen    (1  (I      (TIl  "0 

(z.  B.   .\bbot  8  b,  9)   Imn-i/>(-t)-nht,   dei'  stets  ohne  m  geschrieben  wird.  —  Die  Oleichstelluiijj 
von   Atnan-ajjjM  mit  lmn-[7n-]ip(-t)  findet  sich   übrigens  schon   l)ei   Fetrie,   History  II,  308. 


8 


II.   Rankk 


Atitanhatpi.  '"A-ma-an-lja-at-pi,  185,11.  20.  26.  35. 
40.47.49.51.54.55.64.68.73;  186,12.  17.  19. 
25-  26.  31.  33.  39.  41.  51.  57.  58';  ägyptischer 
Stattlialter  (?)  in  Tusulti  (185,11;  186,1  2  f.),  von 
Majarzana  von  ^Jazi  beim  König  des  Einverständ- 
nisses mit  den   IJabiri  bezichtigt. 

A)iiaunia6{s)u.  "'A-ma-an-ma-sa,  113,36.43;  114,51; 
Kurier  zwischen  dem  ägyptisclien  Hofe  und  Rih- 
Addi  von  Byblos. 

Aman  ....  ü.  '"A-ma-an-  [....]  ti,  105,34;  -^gyP' 
tischer  Beamter,  vor  den  Rib-Addi  von  Bybh)s 
eine  Rechtssache  zur  Entscheidung  bringt. 

Ana.  ■''"  ""A-na,  Bogasköi,  unveröfl'.  (vgl.  S.  4, 
Anm.  3). 

aSSa.  as-sa,  14,  III,  44;  100  steinerne  a. -Gefäße,  mit 
Öl  gefüllt. 

fizi,(i[l)a.  a-zi-d(t)a,  14,111,34:  i  steinernes  a.-Gefäß, 
mit  Öl  gefüllt. 

hitüti  siehe  pitäti. 

bu'ati  oder  pu>ati.  l)(p)u-a-ti  14, 1,  74,  II,  27.  28  ;  gol- 
dene »Handringe«,  mit  Steinen  besetzt. 


AAAAAA    O     U 


(in  der  18. 

Dynastie  sehr  häufig) 
'lnni-hfp{w)'-,  »Amon 
ist  zufrieden«. 


18.  Dynastie  häufig) 
'Lnn7)is{w?)\  »Amon 
hat  erzeugt  (?)«. 

(I  ....      J/)i/i-  .  .  .  , 

1    AAA^AA 

» Amon  ....". 
1  ö  "I(^ici)nw,  Heliopolis. 


'    Hier  steht,  infolge  eines  Schreibfehler,  "'A-ma-an-[a]t-^a-pi. 

^  Die  keilschriftliche  Wiedergahe  dieses  Namens  bestätigt  uns,  was  wir  schon  aus 
dem  koi)tisclien  Namen  des  Monats  Phamenotli  (newÄTü^a^Tn  und  ni-pligorn;  vgl.  ÄZ.  39.130, 
Anm.  i)  wußten,  daß  wir  in  dem  hlp  von  ^Imn-htp  eine  Form  des  Pseudopartizips  zu  sehen 
hal)en.  l);ts  ältere  auslautende  w  dieser  Form  wird  zunächst  inj  übergegangen  sein;  dann 
quieszierte  das  j   mit   dem  vorhergehenden  Vokal  zu  i.     Scldießlich    ist  auch  dieses  i  abge- 

(Florenz,  Catal.  Schiaparelli  1509)  steht,  soviel  ich  sehe. 


netische  .Sei „  j. 

ganz  allein.  Die  späteren  hieratischen  Schreibungen  mit  auslautendem  vo  kommen  für  unsere 
Frage  nicht  in  Betracht.  —  Für  die  Identifizierung  des  Namens  vgl.  schon  Steindorff,  ÄZ. 
38,150'.,  Petrie,  History  II,  308. 

»    Vgl.    die    Schreil)nng   ü '^^^^  [fl  P  ^ -    Theben,    Grab   de.s    (1  fflP^    (.Abschrift 

Sethe,  Wb.)   und  Florenz  7624,  beide  aus  der  Zeit  der   18.  Dynastie. 


fallen  (^o'tii).  —  Uieroglyphisch  erscheint  der  Name  fast  stets  als    g 
reibung  [I 


Keilscliriftliclies  Material  zur  altüyyptkcJien  Vokalisation. 


b(p)ümer  oder  b{p)u!umer.  b(p)u-u-me-er,  1 4,  II,  42  ; 
3  kleine  (?)  namandü  aus  Silber.  Hinter  Gefäßen 
erwälint;  vor  haragabas  (S.  22). 

l){p)uwanali  siehe  küpa  b{p)uwauah. 

da(xiiuhi{?)  siehe  tabaiuhi{?). 

Hä>i'.  "'^Ja-a-i,  166,1.14;  Ägypter,  an  den  Aziri 
von  Amun-u  als  seinen   »Bruder«   sclireibt. 

}lfjja  oder  HSia.  ""Ua-a-a,  11,19;  »Großer«,  Bote 
unter  Amenophis  IV.  nach  Babylon. 

Haj'a.  I.  "MJa-ja,  289,31;  Sohn  des  Mijare,  Führer 
einer  ägyptischen  Besatzungstruppe  in  Urusaliui. 
2.  '"IJa-ja,  112,42.48;  268,16;  Kurier  zwischen 
Ägypten  und  Palästina  (vielleicht  identisch  mit 
Uäja). 

Häj'a.  '"Ua-a-ja,  255,8;  Kurier  zwischen  Ägypten 
und  Palästina  (vielleicht  identiscli   mit  U^ja  2). 

IJoiiiaäKa{?).  "'lja-ma-ä.s-.sa(?),  198,15;  ägyptisclier 
»Vorsteher«,  von  Arahattu[.  .  .]  von  Kuinidi  er- 
wähnt. 

Hane.  "Ua-ni-e,  21,25;  Mitanni-Dolmetscher  unter 
Amenophis  III.,  von  Tuschratta  »wie  ein  Gott« 
geehrt. 

HanH,  Hanni  (vgl.  Hanj'a).  ""ga-an-i,  161,11.  17. 
27.31;  ""ya-an-ni,  162,56.63:  Kurier  zwischen 
Ägypten  und  Amurru  (vgl.  auch  [""  IJa-n]i,  227,16). 

Hanj'a.  ""^Ja-an-ja,  1.47,23.26.  2.301,12;  Kurier 
zwischen  Ägypten  und  Palästina  (vielleiclit  iden- 
tisch mit  yan[n]i). 


(n 


W- 


'    Für  diesen  und  die  drei  folgenden  N.amen  kommt  neben  dem  in  der  Tell-Amarna- 
Zeit  häufigen  Namen  tJtj  ^  W  (Koseform  zu  'lmn-litp{w);  vgl.  Setiie,  ÄZ.  44,89^)  viel- 


leicht auch  der  Name  ÜÜSr    S^j  (z.  B-  Müiiclien,  Antiquariuin   52,5;    Florenz,   Schiap. 

1506)  in  Betracht   (so  schon  Steindorft',  a.a.O.  8.331,  Aum.,   Maspero  Recueil  24,158  und 
Anm.  3). 

Phil.-hut.  Klasse.    1D10.    Anharu/.    Abh.  II.  *2 


10 


IT.     R  A  N  K  K 


Qära.  ""5a-a-ra,  Bogasköi,  unveröff".  (vgl.  S  4, 
Anm.  3). 

lläraiiiaSsl,  HSmaSSi.  "'ya-a-ra-ina-ä.s-Äi,  20,33.  36; 
derselbe  geschrieben:  "'Ua-a-mas-si',  27,37.40. 
52;  29,25  (nägiru);  Ciesaiulter  in  Mitanni  unter 
Amenopliis  III.   (vgl.  auch    i  1,9.  16). 

Uafip  oder  Halib.  "'lla-ti-ip(b),  161,38.43;  164,4. 
18.26.42;  165,15.26;  166,12.32;  167,14; 
168,8;    Kurier  zwischen  Ägypten  und  Amurru. 

Ha  .  .  .  "'lja-[.  .  .],  109,62  ;  Ägypter  in  .Suniur  (viel- 
leicht =  üaja  2). 

Hikuptah.  ''"IJi-ku-up-ta-ah,  84,37  ;  »'"Ili-ku'"'-ta-ali, 
I  39,8  :  bedeutende  ägyptische  Stadt:  »Byblos  ist 
für  den   König  (so   wichtig)   wie  H.« 

hunima.  lj[u-ni]-nia,  14,11,82;  3h.  aus  Bronze 
(zwischen  Bronzeringen  und  Bronzegefiißen  er- 
wähnt; die  weggebrochene  babylonische  Über- 
setzung begann  mit  dem  Determinativ  für » Stein « ). 

Hürija  siehe  Naphu^ururija. 

iiisilija.  in-si-ib-ja,  Bogasköi,  unveröff.  (vgl.  S.  4, 
Anm.  3);   Beginn  der  Titulatur  des  Küamasesa. 


Hr,  Horus. 


%   (z.  B.    Genf 

D.49,  18.  Dynastie), 
Hr-m.^(w?y',  »Horus 
hat  erzeugte?)«. 


» Haus  des  Geistes  des 
Ptah«  (Beiname  von 
Memphis). 


(?)^\^,  »KönigvonOber- 
und  Unterägypton«^. 


'    \'gl.  S.  90,  Anm.  5. 

^    Vgl.   8.  8,  Anm.  3. 

ä    Man   erwaitet  an   dei    Stelle  eine  Wiedergabe  von   sJA^'  wozu  insihja  freilicli  wenig 

zu    passen   scheint.      Für   ind   dachte    ich    zunächst   an    das   ptolemäisch  überlieferte     Aira 

(z.B.  Biiigsch,  Thesaurus  \',  921)  •König«,  wobei  aber  die  Wiedergabe  des  Zischlauts  nicht 
zu  passen   schien.     Nun  macht  niicii   H.   Grapow   auf  ein  altes  Wort  für  König  aufmerksam, 

das  ^  (Pyramidentexte  814)  bzw.  V  w||    (Lacau,  Recueil  26,235;  27,54)  n#ir  ge- 

schrieben wird  und  in  Parallelen  mit  1    ^     itnj(i)  wechselt.    Sollte  dieses  nsw  mit  ptoleni. 

inste  und  mit  unserem  insi  identisch  sein:'  Man  müßte  dann  annehmen,  daß  in  der  Königs, 
titulattir  dieses  alte  W'ort  dem  später  geläufigeren  stnj(f)  in  der  Schrift  angeglichen  worden 
wäre.  —  Unerklärlich  bleibt  mir  freilich  das  Fehlen  des  t  in  ihja,  wenn  dies  wii-klich 
ägyptisch   bjtj  wiedergaben  sollte.     \'gl.   übrigens  .\Z.  30,56  ff.  und   116. 


KeilschriftlUhes  Material  zur  altngyptischen  Vokalisation. 


11 


IrhiiajaSsa.  "'I-ri-iii;i-j;i-/i.s-.sä,  130,11;  Kurier  zwi- 
schen Ägypten  und  Byblos. 

IrSappa.  "Ir-sa-ap-pa,  31,11.29;  ägyptischer  Ge- 
sandter nach  Arzawa  unter  Am('no})his  111. 

Ka%  KaSn  (?).  '""'" Ka-si,  49,20';  127,36:  133,17; 
mätäti  Ka-si  (»Die  Länder  von  Kä.si«),  131,13; 
|Ka-.s(?)]a,    I  27,22  ■. 

ku^ihku\  ku-i-ilj-ku,  14,111,43.55;  10  (?)  bzw. 
[.  .  .]  steinerne  k. -Gefäße,  mit  Ol  gefüllt. 


kt/Ini  siehe  kupa. 

kuldu.  ku-ul-[d]u,  14,11,87;  2  k.,  für  ein  Kohlen- 
becken aus  Bronze. 

küpa,  küp(h)u  (siehe  aucli  küpa  huwanalj).  ku-u-pa, 
14,111,41  (20  k.  aus  Stein);  ku-ü-pa,  14,1V,  13 
(3  k.  aus  Elfenbein);  ku-v'i-pu,  14, 1,  33  (. . .  k.  aus 
Gold),  111,  35  (19  k.  aus  Stein);  Ausguß  (vgl. 
111,41:  na.spaku)  -  Gefäße  aus  Gold,  Klfenbeiii 
oder  Stein,  mit  öl  gefüllt. 


r^-^ 


(m 


der  18.  Dynastie  häu- 
fig) K{!)S,   Nubien. 

y?Mö  (z.B.Harri.sI, 
13a,  12;  i3b,6)  k;-hr- 
k>,  ein  zum  Kultus 
gehöriges  Gefäß. 


(?)yj(2Ö  (z.B.  Harris 
I,  153,1  2.  14;  18,10. 
12;  35^>5-  7  und  oft, 
Pap.  Turin  P.  und  J{. 
69,  II,  10)  kh\  Gefäß 
zur  Aufbewahrung 
von  Wein. 


'  Möglicli  (niid  nicht  f;air/.  iinwalirsclieiiilicli)  ist  es  freilicli,  daß  an  dieser  Stelle 
""""A'(7-i»  (Itir  Kaiti)  vielmelir  für  -Habylonien-  stellt;  vgl.  Weher  bei  Ivriiidtzon,  a.a.O. 
.S.  noof. 

2  Mit  ""'"Ka-si  bzw.  "'"'"Ka-si  287,72.74  scheint  nicht  Niihien  u;emeint  zu  sein.  Bei- 
liiufij^  bemerke  ich,  daß  die  """'"'" K'a-.si-ici  287,33.  [74 ''I  J^ewiß  nicht  als  ägyptischer  Fiuial 
K/ijtc  ■Nubier-  (vgl.  Bohl,  Spr^iche  der  .\marnabriefe,  S.  35)  aufgefaßt  werden  dürfen, 
da  dieser  nach  kopt.  ca'wuj  :  e»<oiy,  Plural  e^A-yiij  ganz  anders  lauten  müßte.  Auch  scheint 
an  der  Steile  gar  nicht  von  Nubierii  die  Rede  zu  sein. 

*  Vgl.  .S.  64,  Aiun.  3.  Ks  uuiß  hier  freilich  bemerkt  werden,  daß  auch  ein  gehörtes 
kviH^ku  (vgl.  höh.  5^oi*.gK,  griecli.  Xoiak)  keilschriftlich  nicht  anders  hätte  wiedergegeben 
werden  können;  auch  diese  Lesung  bleibt  also  möglich.  Für  die  Identifizierung  vergleiche 
.schon  Krinan.  ÄZ.  34,1651". 

*  Dann  wäre  kühu  zu  lesen.  Daß  sich  daneben  küpa  findet,  entscheidet  nicht  un^ 
bedingt  dagegen,  da  gerade  das  Zeichen  pa  in  den  Amarnabriefen  öfters  sich  findet,  wo 
etymologisch  ba  stehen  müßte  (vgl.  Boehl,  Sprache  der  Tell-Amarnaliriefe,  §  9  b). 


12 


H.    R  A  N  K  K  : 


küpa  h{p)uwanah  oder  kupa  b{p)mLv(i)jtnh  (siehe  aiich 
küpa).  ku-u-pa  l)(p)u-wa(i,e)-na-ab,  14,111,42; 
1  steinernes  k.  b.,  mit  Öl  gefüllt. 

mahia  oder  7na Mo.  ma-alj-[t(d)]a,  14,1,77;  10  weite 
»Handringe«  [slmlr  kdli),  aus  (kostbaren)  Steinen; 
unter  goldenen  Schmuckstücken  erwähnt. 

3I(7ja.  '"Ma-a-ja,  337,26.  29;  Ma-ja  216,13;  217,16. 
22;  218,14;  300,26;  328,24;  ägyptischer  Statt- 
halter in  Gazri  (300,26)  und  Lakis  (328,24)'. 

Mä^i-Anmna.  Ma-a-i-  "'"A-ma-na,  Bogasköi  (vgl. 
Windeier,  OLZ.  1906,629);  Beiname  des  Riia- 
masesa. 

Manohpi{r)ja.  '"Ma-na-ah-pi-ir-ja,  59,8;  Be.siedler(?) 
von  Tunip,  '"Ma-na-ab-pi-ja,  51,4;  »Großvater« 
Amenophis'  IV. 

Mane.  '"Ma-ni-e,  19,17;  20,8.18.43.64.66.69; 
21,24;  24,  passim;  26,15;  27,7.  13;  27,70.79. 
83.96;  28,17.37;  29,70.78.86.89.90.151. 
174;  ägyptischer  Gesandter  nach  Mitanni  unter 
Amenophis  III.  und  IV. 

mazikda.  ma-zi-ik-da,  14,111,40;  [20]  steinerne 
m. -Gefäße,  mit  Öl  gefüllt. 


Mijare.     '"Mi-ja-ri-e,   289,31;  Vater  des  JJaja. 
Minmuhinla.  "'Mi-in!-mu-a-ri-a,  Bogasköi  (Wincklcr, 

OLZ.  1906,629 f.);  Vater  des  Königs  Riäamasesa- 

mäi-Amäna. 


(im     neuen 

Reiche  häufiger  Kurz- 
name) Mj"\ 

l\^^W  m(r)j-'Imn, 
»von  Amon  geliebt«; 
Beiname  Ramses'  II. 


d 


AAA/^A^ 


Mn-hpr-R<^ 
(»Es  bleibt  das  We- 
sen des  Re?«),  König 
Thutmosis  III. 


A 

in    the 


7>.  (z.B. Inscr. 
hier.  Char. 
XX Vm,  5639a,  Rs. 
Z.  6.9/10)  indkt^,  ein 
Gefäß. 


(»Die  Wahrheit  des 
Re  bleibt  bestehen?«), 
König  Sethos  I. 


'    Vgl.  auch  Ma-a-ja  unter  Nicht-Ägyptern  62,26  und  Ma-a-ja  (Ägypter?)  292.33. 

^    Diese  Gleichung  findet  sich  sciion  bei  Masjiero,  Recueil   23,173. 

'    Das  Wort  ist  ofl'enbar  Lehnwort  im  Äg}j)tisclien  (vgl.  S.  92,  Anm.  i. 


KeUsrhriftlichps  Material  zur  altäyyptisclien  Vohüisation. 


Miinmürija  (=  Nihtiuari'n  und  NitnmürTjay .  '"Mi- 
im-mu-u-ri-ja,  27,14.20;  '"Mi-im-nm-ri-ja,  26,8. 
9.  I  I.  I  2.  2  I.  25.  30.  34;  27,9.13;  Mini(im)'-inu- 
ri-ja,    19,1;  König  von  Ägypten. 


(33 


13 


M-m;<-{-t)- 


W^  (»Herr  derWalir- 
lieit  ist  Re«),  König 
Amenophis  III. 


*MinpohUari^n.    '"Mi-in-pa-bi-ri-'"'''ta-ri-a,   Bogasköi      (e  e^^f]fij    Mn-phlj- 
(vgl.  Winckler,  OLZ.  1906,630);  Vater  dos  Min- 
muari5a,  (iroßvater  des  Königs  Ri!ania.sesa-inäi- 
Amäna. 


Nahra)na.W\  "'Na-alj-ra-niH-äs-[s]i,  21,33:  Ägypter 
am  Hofe  Tuschrattas  von  Mitanni  unter  Ameno- 
phis III. 

nniiiSa  (ob  =  naSM?).  na-am-sä,  14,  I,  32  ([.  .  .] 
n.  aus  Gold?);  67  ([.  .  .J  n.  aus  Silber  und 
Gold);  II,  50  (23  n.  aus  Silber);  III,  37  (9  n.  aus 
Stein);  Gefäß  aus  Gold,  Silber  oder  Stein,  mit 
Öl  gefüllt. 


R'-  (»Es  bleibt  die 
Kraft  des  Re?«),  Kö- 
nig Ramses  I. 


Jj|oö  (z.B.  Seihe,  Urk. 

IV,  23,  2)  iniis{-(Y',  ein 
Gefäß. 


'  Daß  Mimmurya  eine  \'ariante  von  Nimmurya  ist  und  niclit  eine  Wicderf^abe  des 
Namens  Mn-hprtc-Rc,  wie  SteindorflT  seinerzeit  anniiinn  (vgl.  a.  a.  O.,  S.  334),  ist  jetzt  völlig 
gesichert  (vgl.  besonders  Kniidtzon  19,1;  26.8;  27,9.112).  Die  \'ariante  begegnet  nur  in 
Briefen  des  Tu.sclirntta  von  Mitanni.  der  «her  gelegentlich  (vgl.  17,1;  21,1)  auch  die  richtige 
Fomi  mit  anlautendem  n  verwendet;  das  anlautende  m  ist  vielleicht  durch  eine  .Xngleichuiig 
des  n  an  die  beiden  folgenden  m  zu  erklären.  Der  Name  TImtniosis  1\'.,  Mn-hprw-li<',  ist 
uns  keilschriftlich  nicht  überliefert. 

'  Geschrieben  GAR-im.  Einen  Wert  ni  für  das  Zeichen  GAR  zu  j)ostulieren,  .scheint 
mir  nicht  rätlicli;  vielmehr  wird  sich  aus  dem  Werte  mimmn,  den  dieses  Zeichen  besitzt, 
der  Silbenwert  mim  entwickelt  haben.     \'gl.  dazu  Knudtzon,  S.  136,  Auui.  c. 

'  Hier  liegt  offenbar  ein  Versehen  i\vs  iSchreibers  vor,  der  das  ri-a  zu  früh  1»^- 
gonnen  hatte  und  dann,  nachdem  er  das  ausgelassene  ta  nachgeholt,  das  erste  ri  zu  tilgen 
vergaß. 

*  Sicher  ein  auf  -ms  endigender  Name,  in  Nahra  also  wohl  ein  Gottesnnme  zu  suchen. 
Ich  hatte  zunächst  an  den  unter  der  18.  Dynastie  häufigen  Namen  'l7ihr(-()-ms  gedacht;  Natura 
könnte  für  Ana^ra  stehen,  aber  griechisches  Onoypic  und  vor  allem  koptisches  ».iig^ctype  (in 
n*.n£OTrpc,  Crum,  Coptic  Monuments  S.  102  Nr.  8454)  scheinen  doch  gegen  die  Gleichung 
Na^ra  =  'In-hr(-t)  zu  sprechen. 

'     FTir  die   (ileichung  siehe  schon   Krman,   AZ.  34,165  f. 


14 


H.    K  A  N  K  K  : 


NaphuSururija,  Naphururiya,  Naphurinja,  Naphurriri- 
ja,  Nuphürtja,  Niphurrlr(ja\  '"Na-ap-hu-uJ-ru-ri- 
[ja],  8, 1  ;  '"Na-ap-hu-ru-ri-ii,  i  i ,  i  ;  "'Nap-tiur-i-ri-ja, 
28,1;  '"Nfa-alp-lju-Hi-i-ya?],  16,1:  ""Nap-hu-u- 
ri-ja,  2 9,1. 61. 65. 67.  76;  '"Na-ap-ljur-ri-ja,  26,27. 
32.I40.J46.  [50.]  54- 59;  27,1.39;  '"Ni-ip-liu- 
ur-ri-ri-ja,  9,1;  '"Hu-u-ri-i-jfa]",  41,2;  [. .  .]-ru- 
ri-ja,  7 , 1 ;  [. . .  .]-ra-[ri-j]a-',  i  o,  i ;  [.  .  .  .]-ri-a,  1 4, 1  C^) ; 
[.  .  .  i]p-lju-ri[. . .],  2  10, 1  (?) ;   König  von  Ägypten. 

Naptera.  '^Na-ap-te-ra,  Bogasköi  (vgl.  Winckler, 
MDOG.,  Nr. 35,  S.21);  Gemahlin  des  Kiiamasösa. 

naSSa  (ob  =  namSa?).  na-as-s[ä],  14,11,  80  (6  n.  aus 
Bronze),  III,  48  (in.  aus  Stein);  Napf  aus  Stein 
oder  Bronze.     (Vgl.  naSSi,  S.  23.) 

Nümiu^ari^a,  Nbnmürija,  \lsim\muarlja,  \Nmi\muiuwa- 
rija,  NimmuwarTja,  Nimmurja  (=  Mimmürijay. 
'"  Ni-ib-mu-a-ri-a,  1,2;  17,1;  ""  Ni-im-mu-u-ri-ja, 
24,  II,  i;  29,  passim;  "'Ni-im-mu-ri-ja,  23,1;  Nim"- 


Gim\  i\f(r)-hprw-R^ 

(»Schön  an  Erschei- 
nungen ist  Re?«),  Kö- 
nig Ainenophis  IV. 


irj  ',  Gemahlin  König 
Ramses'  II. 


R<^  (»Herr  der  Wahr- 
heit ist  Re«),  König 
Amenophis  III. 


'  Die  Varianten  dieses  Namens  verteilen  sicli  auf  die  verschiedenen  Briefschreiber  in 
folgender  Weise:  Burraburias  von  Babylon  schreibt  ISaphilurunja,  NaphnrurJja  und  Niphurrirlja, 
Tu§ratta  von  Mitanni  schreibt  Aa^Aun'rya,  Naphurrya  und  Naphürya,  .Aäur-uballit  von  Assyrien 
schreibt  Nap^urTja(?},  der  Hethiter  Suj)j)iluliuma  schreibt  Unnja. 

^  In  UrirTja  dürfen  wir  gewiß  niciit  (vgl.  Sethe,  ÄZ.  41,50)  den  König  ßpoc  de.s 
Manethü  erkennen,  da  der  Gott  Horus  in  niittelbabylonischer  Zeit  keilschriftlich  durch  Hära 
wiedergegeben  wird.  Auch  möchte  ich  in  Hurija  weniger  eine  wirklich  ges])rochene  »arg  ver- 
stiinunelte«  (Steindorff,  a.  a.  0.  S.  338)  Form  sehen  als  vielniehi'  einen  Schreibfehler,  wie 
wir  deren  in  den  Amarnabi'iefen  so  häufig  begegnen.  Der  Schreiber  wollte  Naphürija  schreiben 
und  hat  die  Zeichen  na-aj)  vergessen. 

'  Die  einzige  Form,  die  vor  rlja  ein  a  zeigt.  Übrigens  ist  das  ja  am  Schluß  nicht 
sIcIkm-;   Knudtzon   (S.  go  Anin.  c)   hält  die   Lesung  r  für  möglich. 

*    Was  bedeutet  der  Name? 

''  Die  Vai'ianten  dieses  Narn(Mis  verteilen  sich  auf  die  verschiedenen  Briefschreiber  in 
folgender  Weise:  Kadasnianhaibe  von  Babylonien  schreibt  TWwii/icarya  und  [Nim]mit!uu:arij(i. 
Tuschratta  von  Mitanni  sclneibt  Nimmurlja.  NimmUrfja  imd  \Nim\»marya,  Akizzi  von  Katna 
schreibt  Nimmurja,  .\meno|)his  III.  selbst  schreibt  NimuwarTja  (vgl.  S.  15.   Anm.  i). 

"  Das  Zeichen  iiat  in  babylonisch-assyrischen  Texten  stets  den  Wert  nam,  ist  hier 
aber  gewiß  iiim  zu  lesen. 


KeilschrißllcJieft  Material  zur  altäyyptisclwn  Vokalisation. 


15 


mur-ja,  [53,1];  55,1;  ""Ni-mu-wa'-ri-ja,  2,1;  31,1'; 
[. .  .J-mu-ü-a-ri-ja,  20,1;  [. . .  mju-!u-wa'-ri-ja,  3,1; 
[. .  .-j]a,  5,1;  Ni-im-mu-u-ri-i"''-ä«^,  24,1,84;  Kö- 
nig von  Ägypten. 

Niphurririja  siehe  NaphuUirurTja. 

NiiUu  oder  Ni>u*.  '"Ni-i-u,  29,37;  ägyptischer  Ge- 
sandter nach  Mitanni  unter  Amenophis  III. 

Puhcniinüta,  Pahanälf.  ""Pa-ba-ani-na-ta,  68,22; 
I  3  1,35;  '"Pa-ha-na-te,  60,10.  20.  32  ;  62,1  ;  ägyp- 
tischer Statthalter  von   Sumur  und  Ullaza. 

Pahura,  Pihura  (vgl.  Puliura).  '"Pa-hu-ra,  122,31; 
"■Pi-bu-ra,  117,61;  123.13.34:  132.47;  ägyp- 
tischer Statthalter  in  Kuuiedi  (132). 

Patnuljii  .  .  .  '"Pa-uia-hu-f.  .  .],  7,76;  Stattlialter 
eines  Ägypten  hotmäßigen  Bezirke.s  unter  Ame- 
nophis IV. 


«/(?•)',    »der   Gottos- 
diener«. 

Pi-hr(j),     »der   Sy- 
rer « . 


'  SteindorfT  (a.  a.  O.  S.  336)  las  diese  Sclireiliiingen  A'i-mu-pi-ri-ja  usw.  und  dnclit«  nii 
eine  vulf^äre  Forui  des  Künigsiianiens.  die  den  Artikel  vor  dem  Nanieti  des  Soniieiigolt.es 
einfügte  (für  wa  =  pi,  vgl.  .S.64,  Anm.  4).  Ich  halte  in  einer  offiziellen  Korrespondenz  eine 
derartige  Viilgrirform  nicht  für  wahrscheinlich,  im  übrigen  vgl.  .S.  87  f.  —  In  viel  späterer  (saiti- 
.scheri')  Zeit  scheint  man  übrigens  das  p  in  dem  Namen  Mn-hp{r)-rc  für  den  .\rtikel  gehalten 
und  den  Namen  als  Mnh-p-rc  »Der  Sonnengott  ist  vortrefflich-  aufgefaßt  zu  haben  (vgl. 
Annales  du  Service  7,35;  dort  diese  Schreibung  auch  demotisch   belegt). 

*  Der  Text  hat  nach  Knudtzon  (a.  a.  O.  S.  270  Anm.  e)  "Ni-mu-ut-ri-ja.  Das  Zeichen 
ut  (■^T)  ist  hier  aber  gewiß  irrig  für  wa  (■^T^)  gesetzt.  Eine  Erhaltung  der  Feminin- 
endung  von  mi(-t  halte  ich  hier  für  ausgeschlossen  (vgl.  S.  85). 

•  Das  angefügte  i  ist  eine  mitannische  Endung. 


*    Vielleicht  liegt  ein  Name  vor  wie 


w 


Loiivre  C  202  (Stele,  Dynastie  18)  oder 


(1  ^\''~~^^'  Turin  loi  (Stele,  neues  Reich)  usw.  usw. 
'    Zu  der  Gleichung  siehe  ÄZ.  46,109  f. 

'  Den  Namen  /^^  ^v  I  I  1  St  '^^""  ''^''  zufällig  aus  der  18.  Dynastie  nicht  be- 
legen; er  ist  aber  im  späteren  neuen  Reich  häufig  (vgl.  z.  B.  Turin  73,  Turin  913,  Quibell. 
Rames.seum  XXVII.  a).  Zu  der  Variante  Pilnira  vgl.  die  hieratische  Schreibung 
1^     I      Y^    (■'■■  B.  Abb()t4,i3;  7,6:   8,15);  zu  I^ihvra  vgl.  S.  17,  Anm.  i. 


16 


H.   Ranke: 


PariMmahü.  '"Pa-ri-a-ma-hu-ü,  Bogasküi,  unveröff. ; 
ägyptischer  »Sclireiber«  und  »Arzt«,  dein  Ku- 
runta,  König  von  Tarljuntas  von  Ramses  II. 
übersandt,  «um  Häuser  zu  bauen«  (ana  epes 
bitäti). 

Pa^uru,  Puiuru.  '"Pa-ü-ru,  287,45  !  '"Pu-ü-ru,  289,38 ; 
ägyptischer  Statthalter  für  Urusalini  und  IJazati. 

Pawira  oder  Pawera   (vgl.  PiwTri).     "'Pa-wi(e,  a)-ra, 

1.  132,38:  ägyptisclier  Stattlialter  in  Palästina; 

2.  263,21;    Kurier  zwisclien   einem  palästinen- 
sisclien  Vasallen  und  dem  ägyptischen  Hofe. 

Pihura  siehe  Pahura. 

pilatiu,  pißti,  pittate,  pitata,  pitntc,  pitäti,  pitähr.   pi-ta- 

ti-ü,  287,1  7  ;pi-ta-ti,  286,53.  54- 57- 59;  287,18; 

288,50;  290,20;pi-ta-tu,  285,i6;pi-ta-tü,  287,2  i. 

23;  288, 51.  57;  290,2  2;pi-ta-ta,  269,1  2;  281,1  2. 

28;  300,16;  2)i-ta-a-te,  174,21;  176,16;  pi-ta-te, 

166,4  (Glosse);  I95»30;  196,3?;  i97,43;  201,13. 

21;   202,11;    203,12;  204,14;  205,12;  206,12. 


«^VklJ 


o 

(z.  B.  Anast.  111,5 
Rucks.  7)  Pi-R<^-m- 
l.i{l>y,  »die  Sonne  (d. 
h.  der  Sonnengott  Re) 
ist  im  Fest«. 


%  (z.B. 
Turin  96  und  99, 
Berlin  7310)  P>-wr, 
»der  Große«. 


Docli  halte  ich  die  Gleichung  nicht  für  sicher.    Einen  Namen 
an  den  man  zunächst  denken  möchte  (vgl.  z.  B.    w^  (I 


,  Sethe,  Ui-k.  IV,  51,11), 


'  Für  den  Wegfall  des  b  schon  im  neuen  Reich  vgl.  griech.  Apmaic  für  Hr-m-hb;  das 
lange  ü  (bzw.  S)  in  Fariamahü  ließe  sich  vielleicht  durch  eine  Erweichung  des  J  zu  tr  erklären. 

kann  ich  ägyptisch  nicht  nachweisen.    Den  Namen  Pariamaljü  verdanke  ich  einer  persönlichen 
Mitteilung  von  Winekler. 

"  pi-ta-ii-u  (bzw.  pitatju)  wäre,  wenn  diese  einmal  begegnende  Schreibung  ernst  ge- 
nommen werden  darf,  eine  gute  Wiedergabe  von  ägypt.  prf(;"M>  (Plural  von pdtj)  »Bogenschützen« 
(vgl.  W.  M.  Müller,  Zeitschr.  für  Assyriologie  7, 64 f.);  die  übrigen  Formen  wären  dann  als  Ver- 
suche anzusehen,  dieses  fremde  W^ort  den  babylonischen  weiblichen  Pluralformen  anzugleichen. 
Die   Schwierigkeit   liegt  nur   darin,   daß  pdtjic   als  Bezeichnung   ägyptischer   Truppen   nicht 

existiert.    Es  existiert  niu-  ein  sicher  singularisches  Kollektivum  M5i  1  pd-t  «Truppe",  das 

"  o    I  gl  I  ^  "      _ 

mit  dem  Worte  jB^(-<)  »Bogen«  identisch  ist  und  (nach  dem  kopt.  nrre  »Bogen«)  etwa  *pid*{t) 

vokalisiert   gewesen    sein    muß.     Sollte  pitäti  ein    zu  diesem  *pTdf{t)   gebildeter  babylonischer 

Phual  sein?     Dann  ließe  sich  die  Schreibung  pi-ta-ti-ü  freilich  nicht  erklären. 


KeihchriftlicJtes  Material  zur  altäyijptischen  VokaVtsation. 


17 


17;  pi-it-ta-te,  53.47- 53- ö?- 68;  pi-ta-ti,  49,6 
65,12;  69,23.  26.  28;  71,14.27;  72,30;  73pass. 
76,32;  77,23.27;  79pass. ;  Srpass.;  82  pass. 
86,7;  91  pass.;  93,17.26;  94pass.;  95  pass. 
102,34;  103,55;  108,27.32;  111,19;  '12,38 
114,45;  116,73;  117.57-60;  118,43;  121,48 
123,42;  124,52;  127,13.39;  129,40.  78;  131,43 
57;  132,59;  142,14;  144,20;  193,14;  216,9.  16 
244,10;  282,11;  283,16.26;  337,11;  pi-ta-tu, 
129  pass.;  131,33.40;  137,40.49;  202,19;  pi- 
ta-tü,  244,20;  pi-ta-at  (sarri),  103,29;   ii9,2of'.; 

136,38;  137.45;  141.30;  142,30;  144.28; 
279,15:  292,32.40;  296,34;  Bezeiclinung  der 
ägyptischen  Truppen,  immer  aufsähe  »Soldaten« 
folgend,   also    »pitäti-Soldaten«. 

PhcTri  oder  Piweri  (vgl.  Paicira).  "'Pi-wi(e,  a)-ri, 
j  29,95.  97  ;  131,22;  Fürst  (':'  malik)  des  ägypti- 
scJien  Königs,  in  Palästina  getötet  (wahrschein- 
lich identisch  mit  Pawira  i ). 

puiati  siehe  bufoti. 

Puhur,  Puhura,  Piihuri,  Puhuru  (vgl.  Pahura,  Pihura^). 
■"Pu-hu-ur  207,17;  "'Pu-lju-ra  2oS,ii;  '"Pu-Iju- 
ri  190,2;  '°Pu-lju-ru  57,6.  fioj;  189,17.18; 
ägyptischer   »Großer«. 

pürner  siehe  Immer. 

Pu!uru  siehe  Pa^uru. 

puwanah  siehe  huwanah. 

Rafimanuma  {^).  "  Ra-a[h]-ma-n[u]-m[a],  284,9; 
»Aufseher  über  die  Länder  des  Königs«  in  Pa- 
lästina. 


1.^ 


P;-wr 


(vgl.  P(iirira) 


^P/-/<7-,»der 


_£x> 


(vV] 

Syrer«. 


'  .\n  den  babylonisclien  Personennaiiieci  Puhlmru  zu  denken,  verbietet  doch  wolil  der 
Umstand,  daß  der  Träger  otTenbar  ein  Ägypter  ist.  Der  Name  ist  gewiß  identisch  mit  Pahura, 
Pleura;  das  u  in  der  unl)etonten  ersten  Silbe  (gegenüber  Pahura,  Piljura)  erklärt  sich  olme 
Schwier'igkeit  durch  Vokiila.vsiinilation  (vgl.  .S.  71,   .\iiiii.  i). 

Pha.-hüt.  Klasse.    1910.    Anhariff.    Abk.  II.  3 


18 


H.   Ranke; 


RUamaseSa.  '"Ri-a-ma-se-sa,  Bogasköi  (vgl.Wiiicklcr, 
OLZ.  1906,629);   ägyptischer  König. 


liiSanäp{a).  i.  '"Ri-a-na-pa,  315,13;  ägyptischer 
Statthalter  in  Jursa.  2.  "' Ri-a-iia-pa,  326,17; 
ägyptischer  Statthalter  in  Askalon.  3.  '"Ri-a- 
na-ap,  292,36;  ägyptischer  Statthalter  (vielleicht 
sind  alle  drei  identisch). 

Salßihasiha.  '"  Sä-ah-si-ha-si-ha ,  316,16;  ägypti- 
scher Beamter  (?),  an  den  Pu-Ba-lu  schreibt. 

Safepnariht.  '"Sä-te-ep-na-ri-a,  Bogasköi  (vgl. 
Winckler,  OLZ.  1906,629);  Beiname  des  Ri?a- 
ma.sesa. 

Suy'ilxla.  su-i-ib-da,  14,  III,  61;  ein  s.- Gelaß  aus 
Stein. 


Tahtnaja.     '"Ta-alj-ma-ja,  265,9.11;   Bote  zwischen 
.Ägypten  und  Palästina. 

Tahnassi      "'Tah-m|a]-;'is-si,    303,20;    ägyptischer 
Statthalter  in  Palästina. 


Teje.  ^Te-i-e  [26,1];  27,(41.112;  28,7.43.45; 
29,8.  9.  45.  46.  63.  66.  107.  117.  124.  143.  187; 
Mutter  des  Naphururlja. 


(0(t)P]]|  B-mUw  (»Re 
hat  ihn  erzeugt«), 
König  Ramses  II. 

^^J^^  R'-nf(r)\ 
»Re  ist  gut». 


Re    erwählt«),     Bei- 
name Ramses'  II. 


Urk.  IV,  733,5)  ^M;6/^ 
ein  Gefäß. 


(z.  B.  Berlin 


2297)  Ptli-mj. 

ß  |T]  1  (im  neuen  Reich 
häufig)  Pth-ms, » Ptah 
hat  erzeugt  (?) « . 


]\\|](J7)",Gemahün  Kö- 
nig Amenophis'  III. 


'  Diesen  im  alten  und  mittleren  Reiche  häufigen  Namen  vermag  ich  aus  der  Zeit  des 
neuen  Reiches  nicht  zu  belegen.    Vgl.  aber  den  Frauennamen  Ol     o    ("''')  ^,  Mariette, 

("atal.  des  Moninnents  d'Abydos  S.  499,  Nr.  1314  (Stele  des  neuen  Reiches). 

^  Das  dort,  in  den  Thutmosisannalen,  erwähnte  Gefäß  ist  aus  Silber.  Für  die  Gleichung 
siehe  v.  Bissing,  ÄZ.  34,165  f.  Das  Wort  ist  wohl  Lehnwort  im  Ägyptischen  (vgl.  S.  92, 
Anm.  i). 


KeilschriftlicJies  Material  zur  altägyptischen  VokalLsatio?i. 


lü 


tinid{t)a.     ti-ni-(l(t)a,    1 4,  II,  49 ;   silbernes   Kohlen- 
becken (?)'. 

talxi}uhi(?).    [t((l)]a-[b]a-u-[lj]i,  14,1,71;  ein  Bellälter 
für  mikitu  aus  Gold  (mit  Steinen)  besetzt. 

ueM  usw.   siehe  iceku. 

uniMa.    '""u-ru-[u]s-sä,   5,22;  Kopfstütze'. 


Wa.^tiiii^arffn.  "' Wa-jls-mu-a-ri-a ,  Hogasköi  (vgl. 
Winckler,  OLZ.  1906,629);  Beiname  des  Rüa- 
maseSa. 


ic<i((<l,t)ha.  wa-at(d,  t)-lja-a,  14,  III,  66  (i  w.  aus 
Stein).  71  (9  w.  aus  weißem  Stein) ;  wa-at(d,  t)- 
tia,  14,11,53^;  Steingefäß,  mit  öl  gefällt. 

wefiu,  wfhi,  weh,  wehi,  weUi,  irr,  veSu,  iie.  '""'■'"  we(wi)- 
bi,  129,12;  •"'""we(wi)-lju,  2.^0,11;  "'"""n-e-elj, 
287,69;  '""'""we(wi)-a,  109,39;  """"'"  we(wi)-ii, 
150,9;  •™''"ü-e-e;  2cS7,47;  """'"ii-e-ü,  288,10; 
'""'"ü-i-ü,  285,6;  Bezeichmmg  fiir  militärische 
Personen. 


=-».,_  4      am^lQtu 


{wima,  weina 

e-[nia],   109,22; 


wi-i-ma,  108,16,  i  50,6; 


amelrUu 


Wl- 


amt-Iu 


wi[i-ma??],    152,47.  50.) 


^^ 


stütze « . 


(gs3 


» Ko[)f- 


Ws{r)- 


mS'-{-t)-R''  (»Re  ist 
stark  anWalirheit  ?«), 
Beiname  König  Ram- 
ses'  II. 


^~^l-il^  irrw,  >. Of- 
fizier« (vgl.  Knudt- 
zon ,  Beiträge  z .  Assy  r . 
IV,  2  80  ff.). 


'  I  tigaru  arikdu  sa  kinuni  ia  kaspi,  tinid(t)a  Sumiu:  »ein  langer  To|)f  von  einem  silhei'nen 
Kohlenbecken,  genannt  tmid(l)a'. 

^  •!  «.  nns  t<jü-Holz,  vergoldet-;  zwi.sfhen  Betten  und  Sesseln  erwälint.  Vgl.  14,11,20, 
wo  nach  zwei  Betten   »i  sa  reü  (d.i.  i  .zum   Koj)f  (ieliöriges'),  vei'goldet-   erwähnt  wird. 

•  Hier  wird  ein  sill)erner  nalbaddu  (Scliminkgriffcll')  für  ein  watha  erwähnt. 

*  Für  wi-i-ma  als  Plural  von  wi-ü  vgl.  Kniidt/on  Nr.  150.  Zu  dem  ans  dem  Ägypti- 
schen übernommenen  Lehnwort  (vgl.  unten  .S.  87  f.)  scheint  ein  kanaanäischer  Plural  gebildet 
worden  zu  sein  (trotz   Kniidtzon,  Beiträge  zur  Assyriol.  IV,  410). 

3* 


20 


H.   Rank  f.  : 


znhnokn.  z)i-a])'-n!i-ku-u,  14,111,54:  zwischon  Stein- 
gefäßen,  unmittelbar  vor  ku?ihku,   erwälint'. 

zillahd{t)a.  zi-il-la-a]j-d(t)a,  14,11,1  ( 1 3  kleine  [Ge- 
faße]  aus  Gold),  zi-la-ah-d(t)a,  14,  II,  54  (i  i  kleine 
[Gefäße]  aus  Silber),  III,  70  (i  kleines  [Gefäß] 
aus  weißem  Stein) :  kleine  (Jefäße  aus  Gold,  Silber 
und  weißem  Stein,  zweimal  neben  watlja  genannt. 
Vgl.  S.  92,  Anm.  i. 

zimi>u(?).  zi(?)-mi-ü,  14, 1,  68;  ein  goldenes  .  .  .*, 
in  dessen  Mitte  ein  miljljuz  aus  Bronze  ist.  Zwi- 
schen namsa  und  einem  »kleinen  Waschgefäß 
aus  Gold«   erwähnt. 

.  . .  hoja.  [.  .  .]-lja-ja,  14,  III,  53  :  [2]  große  [.  .  .]  Ijaja 
aus  Stein ;  kurz  vor  den  kuUljku-  und  zabnakü- 
Gefaßen  erwähnt. 


B.    Vielleicht  Ägyptisches. 
Babylonisclie  Umschrift. 
adaha  siehe  ntaha. 
AhrUi(p)ila,  l/irib{p}ita  oder  U/iri/>{p)ifn.    "'Ah(ilj,uh)- 

ri-bi(pi)-ta,  107,14;   Ägypter  (?)  in  Sumur. 
okunu.    a-ku-nu,  14,111,36;  20  a. -Gefäße  aus  Stein, 
mit  Ol  gefiillt.     Zwischen  kübu  und  namsa  er- 
wähnt. 


,u 


rjö^^y  (z.  B. 

Sethe,Urk.lV,2  2')//>- 
n{J)-k},   ..K!-Gefäß«. 


Ägyptische  Schreibun;;. 


Sethe,  Urk.  665,16; 
722,3;  731,11)  tkn, 
Gefäß  mit  2  Henkeln. 


'  So!  Eine  Vergleiciiung  des  Berliner  Originals  zeigte,  daß  hier  deutlich  das  Zeichen  ab 
(genau  so  wie  Z.  39  und  45)  zu  lesen  ist.  Das  Zeichen  ad  sieht  in  derselben  Kolumne  (z.  B. 
Z.  45  und  66)  anders  aus.  Von  den  wagerechten  Keilen,  von  denen  Knudtzon  (a.a.O.  S.  izo 
Ann),  s)  spriclit,  ist  bestimmt  nichts  zu  sehen;  die  Tafel  ist  an  der  Stelle  imbeschädigt,  wie 
inii-  auch   von  Delitzsch   und  Messerschmidt  bestätigt  worden  ist. 

-  Ich  möclitc  die  Stelle  so  ergänzen :  [j- .  .  .  adi]  ganturüntiUy  zaimakü  hiMSu  -[x  .  .  .  nebst] 
iiuen  yanturu,  z.  genannt«.  Die  tjantiiru  sind  wohl  die  zum  tb-n(j)-k!  gehörigen  Untersätze 
(vgl.  Sethe,  Urk.  IV,  22). 

^  Vgl.  auch  Harris  1,  36a,  6f,  wo  ks-hr-k;-  {kiilihku-)  Gefäße  neben  tb-n(j)-ks-  {zabnakü-) 
Gefäßen  genannt  werden. 

*  Knudtzons  Ei'gänzung  |lama]zu  "Schutzgott«  ist  unsichei';  mihhti:  heißt  vielleicht 
»Eingefaßtes«    (Knudtzon),  also  ein   Bronzekern,  vergoldet;' 


KeilschriftlicJies  Material  zur  altägyptischen  Vokalisation. 


21 


anahu  (?)  siehe  nahu  (?). 

Apl.  '"A-pi,  138,8.  [57J;  '"A-pi,  138,107;  Ägyp- 
ter (?)  bei  Rib-Addi  in  Byblos. 

ot{(l)ahfi.  a-t(d)a-lja,  14,  III,  21;  100  kleine  (Stück) 
kitü  (»Stuft"«?,   »Leinen«?)  zu  Kleidern. 

hizzü  oder  pizzü.  '""*''"bi(pi)-iz-zu-u,  14,  III,  60; 
(menschliche)  Figur  aus  Stein,  einen  Krug  in 
der  Hand.  Zwischen  nanpakru  und  Au5ibda  er- 
wähnt. 

Düdu,  Duddu\  '"Du-ü-du,  158,1.  5.  12.  34;  164,1. 
10.16.30.33.35.43;  167,28.31;  "'I)u-ud-du, 
169,16;  hoher  ägyptischer  Beamter,  an  den 
Aziri  von  Amurru  schreibt. 

«7«^/  siehe  kuzi. 

Uahnja  (?).  "'  ya(?)-ba(?)- ja,  316,15;  » Vorstelier « 
des  Königs  in  Palästina. 

flähi  siehe  Uäpi. 

ffajä.      "ya-ja-a,  101,2.  19;   .\gypter(?)  in  Byblos. 

i/afibip).  "Ua-iMp),  107,16;  [1  27,7?];  132,40.42; 
133>9;  Ä^pter  (?)  in  Sumur  (zeitweilig  in 
Ägypten,  133,9). 

fialzujili,  hahuhlüfp.  '""''"hal-z[u]-u]j-li  3,10;  ein  Bote, 
der  nach  Ägypten  zieht,  soll  ana  cplt  "'"''"Ijal- 
zubli  sa  mät  Misri  »zur  Verfugung  der  Ijalzuljli- 
Leute  in  .'Ägypten«  gebracht  werden;  *""'"""bal- 
zu-ulj-lu-ti,  67,15 ;  »alle  Ij. -Leute  deines  Landes 
(d.  h.  Ägyptens)«. 


'    Die  Identifizierung  dieses  Namens  mit  ägypt.  tv       '^     7'wftc  (Steindorff,  a.  a.  O.  S.  331 

.\nm.)    ist   nicht  angängig,  da  der  ägyptischen  Laut  t  nie  durch  rl  wicdergegehen  wird   (vgl. 
S.  92  f.).    Vielleicht  liegt  ein  semitischer  Kigenname  der  Wurzel  f-  vor. 

'  Ungiiad  macht  mich  darauf  auf'nierksain,  daß  das  Zeichen  Äa/  hier  aucli  als  Plural- 
zeichen aufgefaßt  werden  könnte;  dann  wäre  """'"'" zuf^li  bzw.  "'"''"'" zuhlüli  zu  lesen  (vgl. 
Bohl,  Sprache  der  Amarnabriefe  §  40  3). 


22  H.  Ranke: 

llupi  oder  Ucibl.  "MJa-ca-pi(bi),  i49>37;  Ägypter  (?) 
in  Sumur. 

hara<japaS  oder  haragahaS.  ha-ra-ga-pa-as,  1 4, 1,  49 
([.  .  .]  Ij.  aus  Silber  und  Gold,  deren  [.  .  .]  (mit 
Steinen)  besetzt  sind;  hinter  tasi  erwähnt),  III, 
51  (35  h.  aus  Stein);  ha-ra-ga-ba-as  14,1,63 
(8  große  h.  aus  Gold),  11,43  ('  b-  aus  Silber; 
hinter  bümer  erwähnt);  Gerät  (wahrscheinlich 
(iefäß)  aus  Silber,  Gold  oder  Stein. 

hatahhi  oder  hatappi.  ha-t[ab(p)-b(p)]i,  14,  I,  34; 
aus  Gold,  (mit  Steinen)  besetzt;  hinter  kübu  er- 
wähnt. 

JJinnatuna,  Qinnatuni.  ''"^i-na-tu-na,  245,32;  "'"Hi- 
in-na-tu-ni,  8,17;  Stadt  in  Kinah^ji. 

Ihrihitn  siehe  Ahribita. 

Jarimmuta.  "■'''"  Ja-ri-im-mu-ta, 68,27 ; "'"'" Ja-ri-mu-ta, 
74,16;  75,13;  81,40;  82,29;  85,35-50;  [86,46]; 
90,38;  105,86;  112,29;  114,55;  116,74;  125,17; 
""'"Ja-ar?-[mu-ta],  86,33; '""'"Ri-mu-ta,  85,14;  zu 
Schiff"  erreichbarer  kornreicher  Bezirk  unter  ägyp- 
tischer Herrschaft,  allem  Anschein  nach  in  Ägyp- 
ten selbst  \ 


'  Nur  in  Briefen  des  Rib-Addi  erwälint.  Am  wichtigsten  sind  die  folgendeu  Stellen: 
Ainan-Appa  (in  Ägypten)  schreibt  an  Rib-Addi  nacli  Byblos  82,270*.:  -Sende  ein  Schiff  nach 
Jariinuta,  und  du  wirst  Geld  und  Kleider  von  ihnen  erhalten(?)..  Rib-Addi  bittet  den  König 
um  Getreide  aus  Jarimuta  (85,34^).  Janljamu  möge  doch  in  J.  Geld  für  die  Leute  in  Byblos 
erheben  (85, 48 ff.).  Der  König  möge  den  Janbaniu  und  [....]  von  J.  senden  (116,  yaff.).  Rib- 
Addi  an  den  König  (125,14^".):  »Früher  hatte  ich  königliche  Besatzungstruppen,  und  der 
König  verpflegte  sie  mit  Getreide  aus  J.«  Was  die  oft  wiederholte  Phrase  »Daiiin  sind  ihre 
(der  Einwohner  von  Byblos)  Söime  und  Töchter  und  die  Holzgeräte  {?  -Hölzer«)  ihrer  Häuser, 
indem  sie  zur  Rettung  unseres  Lebens  in  (nach:')  .larimuta  gegeben  worden  sind-  (z.B.  85,i2ff.) 
bedeutet,  ist  mir  nicht  völlig  klar.  Handelt  es  sieh  inii  Leute,  die  in  Ägypten  angesiedelt 
worden  sind;' 


Kellschrifllic]ies  Material  zur  altäyyptLschen  Vokalkation.  23 


(?) 


kuzi,  (juzi.  ""'*''" ku-zi,  303,6 ;  """"gu-zi,  299,6;  304,7  ; 
305,7;  [306,5;  31 1,8];  Selbstbezeichnung  einiger 
kanaanäischer  Vasallen  dem  König  gegenüber, 
stets  mit  folgendem  sa  siseka  (»deiner  Pferde«) 
bzw.  sa  sisika  (»deines  Pferdes«,  303,6).  Sie 
wechselt  mit  """'"kartaj)pi  .sa  siseka  »Wagen- 
lenker(?)  deiner  Pferde«,   3 12, 4 f.". 

Leja.      '"Li-e-ja,    162,70;   ÄgYpter(?)   in   Amurru. 

-.--^^.- „ ,  .^, -.,-_,  , ,.,j  - , ..    ,, nrn^^S"'^'«' 


J\  (z.B.Brit. 

Mus.    166,    passim), 

Ul^^(z.B.Pn- 

,heri,3,i)/t/(rt)',  »W;i- 
genlenker«. 


ein  Gefäß  (vgl.  Bur- 
chardt,  Fremdworte 
II,  485). 


Holz,  liinter  Gefäßen  aus  Elfenbein  erwähnt. 


rnaSuja.  ma-.sü(?)-ja,  14,  I,  14;  unbekannter  Gegen- 
stand aus  Gold.     Vor  u$izza  erwähnt. 

matniia.     ma-at(d,  t)-ni-a,   337,9.21''. 

Mihuni.  ""Mi-lju-ni,  11,16;  Dolmetscher  Ameno- 
phis'  IV. 

Tuthü{?).  na-iiu-u,  14,1,36;  unbekannter  Gegen- 
stand aus  Gold.  (Aucli  die  Lesung  a-na-lju-u 
ist  möglich.) 

minpakni  oder  m/ppakrv.  na-an(?)*-pfa-alk(g,  k)-n'i, 
14,111,59;  21  »Schutzgötter«  aus  Stein.  Un- 
mittelbar vor  dem   """'"bizzü   erwähnt. 

rioS^i.  na-ävS-si,  14,  I,  43;  unbekannter  Gegenstand, 
wahrscheinlich   aus   (xold.     (Vgl.  naiSa,   S.  14.) 


'    Für  diese  Gleichun;^  sietip  M.  Biirchardt,  Altkaiiaan.  Fieindworte,  II,  1039. 

'  Diese  Bezeichnung  ist  vielleicht  so  zu  erklären,  daß  die  betreffenden  \'a.sallenfiirsten 
als  Knaben  am  ägyptischen  Hofe  er/,op;en  und  zeitweise  zur  j)ersünlichen  Bedienung  des  Königs 
lierangezogen  worden  waren. 

'  JJiziri  schreibt  an  den  l'liarao,  er  habe  seinem  ISefeiil  gemäß  große  matnila  fiir  das 
Heer  des  Königs  zurechtgemacht;  matnila  erscheint  dabei  als  fremdländische  Glosse  (Z.  9)  zu 
einem  nicht  sicher  lesbaren  sumerischen  Ideogramm.  Da  in  Z.  1 1  ähnlich  das  ägypt.  pitäte  als 
Glosse  erscheint,  so  ist  es  nicht  unmöglich,  daß  auch  in  matniki  ein  ägyptisches  Wort  zu 
suchen  ist. 

*    Oder  ap? 


24 


H.    R  A  N  K  E  : 


Nimmahe.  ""Ni-im-ma-be-e,  162,77;  -''^gypter(?)  in 
Amurru. 

Pälüma  oder  Paialüiiia.  "'Pa-;i-lu-ü-ina,  162,76; 
Ägypter(?)  in  Amurru. 

pmnahä  (pamahü?).  ''""''' pa-ma-lja-a  (Akkusativ), 
162,74;  Bezeiclinung  eines  politischen  Ver- 
brechers. 

pmmri,  paweri  oder  pnwäri.  pa-wi(e,  a)-ri,  151,59; 
»Etagama  ist  paweri  von  Kidsi(?)«  (vgl.  Pawira, 
S.  i6)\ 

Pirizzi'-.  "'Pi-ri-iz-zi,  27,89.93:  28,12;  Gesandter 
von  Mitanni  am   ägyptischen   Hole. 


pizzu  siehe  hlzzu. 

rahta.     ra-alj-ta,  14,1,46;  [Gefäß?]  aus  Gold.    Vor 
einem  Waschgefäß   erwähnt. 


Rijamonu  .  .  .  (?).  '"Ri-ja-ma-nu  [.  .  .  ?],  347,3;  das 
einzige  erhaltene  Wort  (Eigenname?)  auf  einem 
Tafelbruchstück. 

rid(t)ihu.  *■""'"'" ri-d(t)i-hu,  281,15;  Zusammenhang 
unklar.     Das  Wort   scheint   nicht   babylonisch. 


D 
W 


]^P;-/,  hie- 
ratische Aufschrift 
auf  der  Tafel  Knudt- 
zon  27. 


(?)  ^^Ö(z-B-Se.the, 
Urk. IV, 665,5;  l^ap- 
Turin  P.  und  R.  102, 
2,1  2^)  rhd{-t),  ein  Ge- 
fäß. 


'  Sollte  h.\e.r  p)  wr  »der  Große«  als  F'remdwort  im  Sinne  von  »Herr«,  »Besitzer«  ge- 
braucht sein? 

'  Ob  hier  ein  ägyptisclier  oder  mitannischer  Name  vorliegt,  vermag  ich  auch  heute 
noch  nicht  zu  entscheiden.    Vgl.  dazu  SteindorflF,  a.a.O.  S.  331,  Anm.,  wo  der  ägyptisclie  (?) 

Name  ,      fK^f  ('"'')  ^  (BerUn  7297,  Stele  des  neuen  Reiches)  verglichen  wird. 


A/VVW\ 


.\us  Bronze;  vorher  ein  Waschgefäß  aus  Bronze  erwähnt. 


Kelhehrlftlklies  Material  zur  altägyptlschn  Vokal/j^aiion. 


9f, 


i-uhi.     ■■"'"'"ru-hi,    287,11;    Abdichiba    schreibt    an     (?)  ?•/*, 

den  König:    »Ich  bin  ein  ruhi  des  Königs«.  ter«' 

Salmajäti.  " Sal-ma-ja-a-ti,  155,8.  15.  22.  26.  29. 
42.  [50.1  62;  Abimilki  von  Tvrus  nennt  sicli 
einen  »Diener  des  Königs  und  des  8.«  und 
Tyrus    »die  Stadt  des  S. «. 

iinainti.  si-nam-ti,  60, 25;»  wenn  mein Vorstelier  (Pa- 
hanäte)  ina  sinamti  saiTi(>'im  s.  des  Königs«)  ist«'. 

sirmn.  """'"si-ir-ma,  108,15:  [109,21];  •""''" Mi-ina, 
107,42:  Wagenlenker ?^. 

senkmi,  if-rdami.    '""''"se-ir-d(t)a-ni,  122,35;  123,15;  j  (?)  JtTtT 
"'*'".si-ir-d(t)a-nu,  81,16;   Bezciclinung  ftir  Solda- 
ten (?). 


» Bekann- 


Sutti.  '"Si'i-ut-ti,  5,19;  Bote,  der  Kada>^nian-ljarbe 
(leschenke  von  Anicnophis  111.  überbringt. 

suzuta.  sü-zu-ta,  14,  I,  38;  [.  .  .]  fiir  die  (?)  Hand, 
aus  Gold. 

Tiija.      '"Tu-u-ja,    162,69;   Ägypter  (?)   in   Aniurru. 

Turlxizu.  '"Tu-ur-ba-zu,  288,41;  335,9;  Ägypter(?), 
der  in   Palästina  getötet  worden   ist. 

'J'urlj{p)i/jä.  '"  T|  url-bi(pi  ?)-ha-a,  1 00, 12;  105,35; 
ägyptischer  Beamter,  vor  den  Rib-Addi  von 
Byblos  eine  Rechtssache  zur  Entscheidung  bringt. 


1^  (z.  B.   Anast.  1, 

17,4;  Harris  1,  75,1; 
76,5;  78,10)  Srdn\ 
Bezeichnung  eincM- 
ägyi)tischen  Triippe. 


'  Vgl.  den  häufigen  ägyptischen  Titel  r/i  slnj{?)  »Bekannter  des  Königs«.  Wie  ieii 
nachträglich  sehe,  hat  auch  SteindorfT  diese  Ki-klärung  vorgeschlagen  (vgl.  Höhl,  Sprache  der 
Kl-.\marnabriefe,  .S.  25,  .Anm.  1). 

'  >I)ann  ernte  ich  das  Getreide  §uinurs  und  bewache  alle  Länder  fiir  den  König« 
(Abdi-Aärata  an  den  König). 

•  Rib-Addi  schreibt  an  den  König  (Kniidtzon  107):  ».ii'rww-IiCute  sind  da,  aber  keine 
Wagen  und  keine  Pferde-,  und  (Knudtzon  108):  »sie  hal)en  Pferde  und  Wagen  des  Königs 
und  «irroa- Leute  und  Offiziere  (trtma)  als   Pfand  gegeben«. 

'    Vgl.  üurctiardt,  Altkanaan.  Kremdworte  11,  876. 

Phil.-hist.  Klasse,    mm.    Anhang.    Abh.  11.  4 


2() 


II.     1\  A  N  K  K  : 


Tä.^ar/t.      ""r((l)a-a-.sa.r-ti-i,    162,76;    Ägypter  (?)   in 

AmuiTu. 
Mi.      t(d)a-[s]i,    1 4,  I,  48 ;    aus    Gold    und    Silber, 

das    (iold    mit    Steinen    besetzt.      Hinter   j-aljta 

und  einem  Waschgefäß  erwähnt. 

ul>(p)d{t)a.  ub(p)-d(t)a,  14,1V,  11;  »I3umninuaus 
Elienbein«.  Der  Stellung  nach  (vgl.  Zeile  13  und 
Anm.  b)  scheint  ein  ägyptisches  Wort  vorzu- 
liegen. 

Uhrihita  siehe  Ahrihita. 

uHzza  oder  uHssa.  ü-iz(s)-z(s)a,  14,  I,  15  ;  unbekann- 
ter Gegenstand  [aus  Gold],  mit  Steinen  besetzt. 
Hinter  masuja  (?)   erwähnt. 

upul{i,)  oder  ul)ut{l).  ii-p(b)u-ti,  151,20;  i'i-p(b)ii-ut, 
152,56;  beidemal  durch  einen  Glossenstrich  als 
fremdes  Wort  gekennzeichnet'. 

Wiäjorl.   '"  Wi-is-ja-ri,  162,71;  Ägypter(?)in Amurru. 

[....u]sdU)n(?).  ["'....  u].s(?)-d(t)a,  89,55;  Name 
eines  Mannes,  den  Rib-Addi  den  König  zu  sen- 
den bittet. 


Setlie,  Urk.  IV,  747, 
16)  (M,  ein  Gefäß. 


(?) 


D"X\\2 
»Gesandter«. 


irpirtj, 


IL  Aus  assyrischen  Texten  (8.  und  7.  Jahrh.  v.  Chr.)'. 

A.  Sicher  Ägyptisches. 
Assyrische  Umschrift.  Ägyptische  Schreibung;. 

A/un\  Ihm  oder  Ukiü  (St.  606)'.  "'■'Ah(ilj,ulj)-ni, 
Assurb.  I\i02;  Stadt  in  Ägypten  zwischen 
Punübu  und  Pihattihürunpiki  erwähnt. 

'    Abimillvi  von  Tyriis   »hat  sein  Antlitz  gericiitet  auf  die  uput{i)  des  Königs«. 

^    Vgl.  S.  4. 

^  Das  in  KiaiMmern  beigefügte  -St.«  mit  folgender  Zahl  verweist  auf  die  Seite  von  Stein- 
ilorfts  üben  (8.  3,  Anm.  2)  erwähntem  Aufsat/,,  in  dem  die  betreffenden  Namen  ausfiiin-lich  be- 
.sproclieii  sind.  Wo  nieiits  andei'es  ausdrüclilicli  bemerkt  ist,  habe  ich  micli  Steindorffs  Er- 
klärung angeschlossen. 

'  "Assurb.]«  bezieht  sich  auf  Kolumne  I  der  Aiiualen  Assurbanipals  (vgl.  .S.  4  und 
Ainii.  9).     Für  die  übrigen  Abkürzungen  siehe  S.  4,  Anm.  6  — 11. 


Keilschriftlirhes  Material  zur  alläyyptischeii,  Vokalisation. 


27 


Ainurt/'Se  oder  Akarfesr'.    "'A-mur(har)-ti-se,  i.  Johns  ! 
307,2     (vgl.    Bd.  III,    S.  512);     Großvater     der  i 
Sklavin  von  Siljä  2.    2.  Johns  307,  Rs.  15;  Zeuge  ! 
in  einem  zwischen  Ägyptern  abgeschlossenen  Ver- 
trage. 

Jii/itep  (St.  604,  =  PiiiUni)-.      ""Bi-in-ti-ti,   Assurl). 
Cyl.  A.,  1,99.  134;   Stadt  in   Ägypten. 


Biiyäma  oder  Huja)ii(i  (St.  351).  "'B(P)u-a-a-nia,  As- 
surb.  I,  99;  Fürst  von  Pinteti. 

BukkuiuiHiüHpi  (St.  348).  "'Bu-uk-ku-na-an-ni-ü-pi, 
I.  Assurb.  I,  94;  Fürst  von  Uathiribi.  2.  Assurb. 
I,  102;  Fürst  von  Aljni. 


Ihikurninip   (St.  353)'.      '"Bu-kur-ni-ni-ip,    Assurb. 
I,  105;  Fürst  von  Patmüti. 


Apisstele  136,1  76  )i. 
oft)  'Imn  -iir-  dj-sw, 
>•  .\inon  ist  es,  der  ihn 
gegeben  hat«. 

anchistele  18)  Pr- 
I}f-iib-l)d{-f),  Mendes 
(wörtlich:  »Haus  des 
Widders  von  Dd«). 


I±3^ 


T" 


(Pi- 


anchistele  18,  Turin 
Nr.  93,  vgl.  Berlin 
8806)  Bk-n(j)-nt{^)f, 
» Diener  des  Windes « . 


KjCK        I',  V 

AAAA  V\-a  ^  /  .  I  J  . 

Florenz,  Cat.  Schiap. 
Nr.  I  ■jo^)Bk-7i(_j}-rnf, 
»Diener  seines  Na- 
mens«. 


'  Wenn  .so  /u  lesen  ist,  könnte,  worauf  .SpipRelherii;  mich  aufmerksam  macht,  eine 
Wicdergal)e  des  Namens  'Ich-tir-dj-sir  (7..  H.  München,  Antiq.  44)  »Der  Mond(gott)  ist  es,  der 
ihn  gegeben   hat-   vorliegen. 

'  Da  griechisch  eeNAHTic  (in  ecseNAHTic)  als  die  Aussprache  von  b!-nb-Dd(-()  bezeugt 
ist,  möchte  ich  annehmen,  daß  wir  aus  den  beiden  \'ariaiitpn  Pinteti  und  Binteti  ein  gehörtes 
ägypt.  'tHbinteti  zu  rekonstruieren  haben,  aus  dem  durch  haplologische  Silbeueliipse  die  beiden 
as.syrischen  Formen  ent.standen  sind.     (Ktwas  anders  Steindorff,  a.  a.  ().) 

'  Aus  Biikumitnp  haben  wii-,  wie  ich  glaube  mit  Sicherheit,  'lhil-(k)mirJnip  zu  i-ekonstru- 
iercn.  I)ie  in  babylonisch-assyrischen  Worten  niciit  vorkomuiende  Konsoiiaiitenfolgo  mr  hat  dein 
Schreiber  der  »Annalen-  oder  seinem  Gewährsmann  offenbar  .Schwierigkeiten  in  der  .\ussprache 
gemacht.  Daher  die  Umstellung  von  n  und  r.  Hellend  mag  ihm  dabei  auch  ein  assyrisches 
liukur  (stat.  Cün.str.  von  bukru  »Erstgeborener»)  vorgeschwebt  haben,  vvodurcli  zugleich  die  \'cr- 
doppelung  de.s  k  verhindert  wurde.     Dei'  Gott  -Ninip',  den  Steindorff  (S.  353)  noch  zweifelnd 

4* 


'28 


H.    R  A  N  K  K  : 


Harsifch'e.sn  (St.  350) '.    '"  H<tr-.si-ja-c-su,  Assurb.  1,  98; 
Fürst  von  Zabnüti. 


Uaiilhu.  '"IJar-ti-bu-u,  .lohiis  763,6  (vgl.  Bd.  III, 
S.  537,  dort  von  -lohiis  .schon  mit  S3Pnn  zu- 
sammengestellt);  unter  ägyptischen   Namen. 


hdsdja.  ■■"""'"ha-sa-a-a.  Johns  307.  Obv.  3  ;  Bezeich- 
nung des  Anmrtese(y),  des  GroJ3vaters  der  Sklavin 
von  Siliä  2. 


Ualh{a)nha,  gath{i)rihi  (St.  601).  ""Ua-at-ha-ri-ba, 
Assurb.  II,  1  8 ;  "'"Lla-at-hi-ri-bi,  Assurb.  1, 94 ;  Stadt 
in  Ägypten. 


JJiinunl  (St.  608).   ■''"  IJi-mu-ni,  Assurb.  I,  107;  Stadt 
in  Ägypten. 


^^jj  ^  (in  der Sj)ät- 
zeit  sehr  häufig)  Hr- 
s}-S§(-t),  ■»  Horus,  Sohn 
der  Isis«. 

cueil  25,194)  llr-U- 
IhX't),  »Horus  des  Bau- 
mes«. 

If  1]  I)  ^-V'^  "selig«,  (ei- 
gentl.  »gelobt«,  Bei- 
wort der  Verstorbe- 
nen) ^ 

ih,  Athribis(\vörtlich : 
»Haus  des  in  der 
Mitte  gelegenen  Lan- 
des«). 

zz~^    HtiDiio.  Hernio- 

©    ^ 

polis. 


lieranzog,  i.st  aiiszusclialteii.  Wir  wi.ssen  jetzt  (vgl.  Clay,  Business  Documents  of  MiiraSü  Son.s 
[^^  Bab.  Kxped.  of  the  Univ.  of  Fennsylv.  Sei-.  A,  Vol.  X],  S.  XVIII  f.  und  Journ.  Anier.  Orient. 
Soc.  \o\.  XX\'III),  (laß  der  sunieriscli  NIN.IB  geschriebene  Gottesname  semitisch  ganz  anders 
ausgesjjrochen  wurde.  Daß  übrigens  p*.«  »Namp«  vor  Suffixen  rin  vokalisiert  wurde,  ent- 
s|)i-iciit  nur  dem,  was  wir  auch  sonst  von  der  koptischen  Vokaiisation  wissen  (vgl.  Steindorff, 
Grammatik''  §  28  Anm.);  auch  ist  das  Wort  mehrfach  vor  Suffixen  als  pitt«  erhalten  (vgl. 
pinT  ÄZ.  21,99;  pjnoy  ^^-  38,82,  Z.  20).  Zur  Vokaiisation  von  bk  vgl.  Bokonchmic  (Pap. 
Leyden  N  Col.  11,  10)  und  zu  chmic  als  Bezeichnung  einer  Gottheit  (?)  Spiegelberg,  Eigen- 
namen, S.  44  und  Griffith,  Rylands  Papyri  III,  158  Anm.  i. 

'    Vgl.  S.  83,  Anm.  7,  und  ÄZ.  31,63. 

^  Für  die  Zeit  der  26.  Dynastie  kann  ich  hsj  in  diesem  Gebrauche  nicht  V)elegen;  in 
ptolemäischer  und  römischer  Zeit  kommt  es  (und  zwar  gewiß  nicht  nur  als  Bezeichnung  Er- 
trunkener, vgl.  Griffitii,  ÄZ.  46,  I32ft'.)  häutig  so  voi'  (vgl.  auch  nian  in  demselben  Sinne  in 
einem  aramäischen  Texte  dei-  Ferserzeit,  Spiegelberg,  Ägypt.  Sj)rachgut  S.  18). 


Kcllschrlftliches  Materhl  zur  aUäyyptischen  Vokalisdtinn. 


29 


IJiiiiidi  (St.  602).   "'"Ui-ni-in-si,  Assurb.  I,  95;  Stadt 
in  ÄgypttMi. 


IJurii.  '"IJu-u-rii,  I .  Jolins  S5  I,  IV,  :; :  äi,'yptiscIioi' 
Sclireibcr  {\^\-  Meißner,  AZ.  40,145).  2.  Johns 
763,9  (vjrl.  ])(!.  HI,  S.  537);  nnter  iigyptisclieii 
Namen. 


.I(iru!ü  (St.  612).      '""'.la-ni-Mi-M,  III  H;i\vl.  2S,32 
Fluß,   den  Tarkü   von   Ni^i   aii.s   iihorscliiritet. 


Ihiii  siehe  Ahni. 

IplihurteSu  (St.  352).      '"  Ip-ti-ljar-ti-e-sii,    Assurl).  I, 
103;   Fürst  von  Pihattihürunpiki. 


Islmpri  oder  Wiiibri,'\  *'"Is-liup(l))-ri,  Assarliaddon- 
stele  von  Sendsehirli,  Rs.  38;  Stadt  in  Ägypten, 
von  der  aus  Tarkü  in  15  Tagen  Memphis  er- 
reicht. 

L^iiiKitii  (St.  354).  "'ls-pi-nia-|a|-lu,  A.ssurb.  1,  K).S : 
Fürst  von  Tajani. 


]i.mp 


(/..  B. 


Sokarislitanei  5  1 ) 
Hnn-.UnJ(?},  Hera- 
kleopolis  magna'. 

Wi  (sehr  häufig)  ///■ 

(Abkürzung  eines  mit 
dorn  Namen  des  llo- 
rus  zusammengesetz- 
ten Namens). 

'(z.15. 


10  (2 


AV^AA^ 


n 


Anast.  8,3.  6;  Harris 
1, 1 0,9  usw.)  'I(t)nü-<'^, 
»großer  Fluß«  (Be- 
zeichnung des  Nils). 

MiHP  "•■"■'■'"'■ 

lein  I  2  1 9)  Pf/j-nr-dj- 
.s'm),  »Ptah  ist  es,  der 
ihn  gegeben  hat«. 


n 


g>(A/...ii, 
127)  Ns-])l-iiidir\ 
«zuui  (göttlichen) 
Stabe  gehörig«. 


'    \'j»l.  Gi-iffith.   Kylands   Papyri  III.  220.   Aniii.  14. 

'  Dem  Ziisaiiiinetihatifi  nach  kann  nur  eine  äij;ypti.sclic  Stailt  fi;i'i"<'i'it  ■'^'■i";  wir  werden 
.sie  im   Hella,  an  der  Nordo.stgrenze  des  äf^yplisclien   Reiches,  zn  suchen   haben. 

'  Die.se  Gleichung  (sf)  schon  W.Max  Müller,  Ä/..  31. i  27.  vgl.  .S|)iep;ell)erf!;,  Hecneil  25.  184) 
hat  der  von  Steiiidorfl'  (a.  a.  O.)  gcmennher  den  N'or/.iif!;,  <laß  as.syi'isclieni  /,  wie  e.s  sich  geluirt, 
ein  äftypti-sche-s  d  entsiirecheii  würde.  F)a.;;e!;en  will  der  \<)kal  zu  gi-iech.  GcnMHTic  nicht  recht 
pas.sen  (vgl.  unten  S.  81,  .Anin.  3). 


30 


II.     R  A  N  K  K  ; 


Kipkipi  (St..  6 1  1 ).  ■''" Ki-ip-ki-pi,  Assiirb.  II,  3  7 ;  Stadt 
südlich   von  Theben. 

Küsl,  Ktlsu'  (St. 593).  ""'"Ku-u-si,  Assurb.  1.  53,67. 
78.  114.  123;  11,28,45;  Assarliaddonstele  von 
Sendschirli,  Rs.  38,45;  III  Rawl.  28,1  5.  28.  30. 
38;  29  Nr.  I  obv.  3;  35  Nr.  4  obv.  3;  '"""Ku-ü-.su 
II  Rawl.  53, 1 3 b ;  V  Rawl.  1,14;  '"""Ku-si,  I  Rawl. 
48  Nr.  4,2;   5,5. 

Larruntu  (St.  353).  '"La-me-in-tu,  Assurb.  1,  107; 
Fürst  von  ^imüni. 

''Mantlmehe  (St.  354!'.).  '"Ma-an-ti-nio-;in(!)-lji-o, 
Assurb.  I,  109;   Fürst  von  NiU. 


Mrtnpl,  Mimpi  (St.594f.).  •'""Me-hn-])i,  Assurb.  I,  60. 
78.83.87.90;  11,25.30;  III  Rawl.  28,5.  15.  20; 
Assarhaddonstele  von  Sendschirli,  Rs.39,4  1 ;  "'"Mi- 
im-pi,  III  Rawl.  29  Nr.  2,21;  Residenzstadt  des 
Tarkü.     (Vgl.  Mernhi,  S.  39.) 

Nahke  oder  Nahke  (St.  349).  "' Na-ah-k(k)i-e,  Assurb. 
I,  95;   Fürst  von  Sa?anu. 

i\aljt{i)hüruanseni(ßt.T,<^2>)-  "'Na-ah-ti-ljii-ni-;in-.si-ni, 
Assurb.  1,  104;   Fürst   von   Pi!sapti5ä. 


r-^n   A'(;).y,   Nubien. 


^.^■=^  (z.B.  Flo- 
renz Nr.  8069)  Mntjr- 
m-h3{-tf,  »Month  ist 
an  der  Spitze«. 

^^^\i\,  Mn-uf{r),m.em- 
phis  (wörtlich:  »blei- 
bend an  Schönheit« 
o.  ä.). 


■UJ^%  ^  „öl 


(Pianchistele  116) 
N/jf-Hr-ny-snic,  «stark 
ist  der  Horus  der 
Bäume « . 


'  \'gl.  die  SchreiV)iiiig  Kusti  in  einem  lialiyloni.sclien  Text  cTus  der  Zeit  .Assariiad- 
doris,  S.  39. 

'  Saclilielie  Gründe  (\'^\.  .SteindoriT  ;i.  ;i.  ().)  zwingen  zu  dieser  Gleicluing.  .Steindorffs 
Annalime,  das  an  sei  auf  ein  ^'e^.seilen  des  assyiisclien  .Sciireibers  znrückzutüliren,  ist  gewiß 
liclitig,  ob  nun  seine  Krklärung  für  dieses  \ersehen  zutrill't  oder  niciit. 


KeilschriftUclws  Material  zur  aUägyptm-Jim  Vokali'iaümi 
Natljü'  (St..  6oof.).    ""Na-at-lju-">  Assurl).  T,  92.  97. 


:n 


mri  (St.  596f.).  "'"Ni-!i,  Assurb.  I,  88.  109;  II,  23. 
31.35.36.44;   Festung  des  Tarkü. 

Niharau\  '"Ni-Ijar-a-u,  Johns  851,  IV,  4;  ägypti- 
scher Schreiber. 

Nihtih'Sarau,NUjll$araii .  '^Ni-ih-ti-c-sa-ra-u,Johns307, 
Obv.  10;  '^Ni-ilj-ti-sa-ra-u,  .Tolnis307,  Kcv.5  (vgl. 
Bd.  III,   S.  511  ff.):  Mutter   von   Siljä  2. 


Nikkit,  Nikti  (St.  346 f.).    '"Ni-ik-ku-u,  Assurb.  I,  90; 
II,  8;   "Ni-ku-u;   Fürst  von  Mempi  und  Saja. 

Pahmiti  (St.  608).      "'"Pa-ab-nu-ti,   Assurb.  I,  105; 

Stadt   in  Oberägyi)ten,    zwischen    Pi>apti!ä   und 

Sijäutu  erwähnt. 
Pakrüru    (St.  348).      '"Pa-ak-ru-ru,    Assurb.  I,  93 ; 

Fürst  von  Pisaptu.     (Vgl.  ÄZ.  30,63.) 

Paturesi  {St.l/^l).  '"•""Pa-tu-ri-si,  I  Rawl.48  Nr.  5,5  ;  | 
Assurbanipal  nennt  sich  König  von  Mu.sur,  Pa-  : 
turesi  und  Küsi.  1 


I.  An.  28,6;  2.  Sali. 
10,2  usw.)  n^-idhw, 
Bezeichnung  des  Del- 
tas (wörtlich :  >>  die 
Sümpfe«). 

®    Nw{?){-t),     Theben 
(eigentlich    «Stadt«). 


(Lieblein  1244)  Nljt- 
>s{-f)-frir,  »Isis  ist 
stark  gegen  sie  (die 
Feinde) « . 


nig  Necho. 
(?)  ....>  ...«/(?•). 


cueil  8,162)    Pi-krr, 
»der  Frosch«. 
(?)*P/-//-7-.v/;   Oberägyp- 
ten   (eig.    »das  Süd- 
land«). 


'  Zu  der  irrigen  Bezeichnung  von  Nathü  als  "Stadt-  an.statt  »Bezirk«  o.  ä.  vgl.  Stein- 
dorff  a.  a.  O. 

'  Der  Name  ist  gewiß  identisch  mit  kopt.  iiioi.pA.-s-  (Cruni,  Osti-aca),  ncigA.pÄ.TP  (ÄZ. 
16,17);  daher  ist  die  an  sicii  mögliche  Lesung  Ni-miir-a-u  (Meißner,  ÄZ.  40,145)  ahziilelineii. 
In  £^&p«^-!r  (vgl.  griech.  apuy  in  Inapuytoc,  I'etrie  Papyri  11)  steckt  wohl  l/r-ine;  was  sich  in 
111  verbirgt,  weiß  ich  nicht  zu  sagen.  Vgl.  übrigens  Grii'fitli,  Itylands  Papyri  III,  206  Ainn.  52 
.sowie  NiAPAYevToc  (Genitiv)  bei  Spiegelbeig,  Eigennamen  JS.  20'.  Kopt.  \iA.gpÄ.T  und  griech. 
Naapayc  (z.  B.  f'rum.   Catal.  Urit.  Mus.)  sind  mit  nig*.pA.T  wohl   nicht  identisch. 

'    Vgl.  Griffilh,  Hylands   Papyri   III,  243,   ,'\nni.  7. 


B2 


H.     R  ANKE: 


Pihattihurimpiki  (St.  606 f.).     ''"Pi-lja-at-ti-lju-ru-un- 
pi-ki,   Assurl).  I,  103 ;   Stadt  in   Ägypten. 


Plnteti  (St.  604 f.  —  Binifti).  "'"]'i-in-ti-ti,  A.s.surl). 
1,99.  134;   Stadt  in  Ägypten. 

PirSü,  Pirhi  (St.  342  f.).  "'Pi-ir-?u-u,  Sargon,  Prunk- 
insclir.  Zeile  27;  Sargon,  Annalen  IV,  145,  11,3; 
Winckler,  Keilsclirifttexte  Sargons,  Taf.  44,  D30; 
Text  S.  188;  "'Pi-ir-)U,  Sargon,  Annalen  IV,  75. 
76;    »König  AOH  Ägypten«. 

PlSarnelki  (St.  360 f.).  Pi-sa-nie-il-ki,  Assurb.  Cyl.  A, 
Col.  III,  28. 

Pisanhuru  (St.  347  f.).   '"Pi-.sa-an-lju-ru,  Assurb.  I,  92; 

Fürst  von  Natljü. 
PiSaptiiä  (St.  607  f.).  ■''"  Pi-.sap''-ti-)a-a'',  Assurb.  1, 1 04 ; 

Stadt  in  Oberägypten,  zwischen  Piljattihürunpiki 

und  Pahnuti  erwälint. 


*  Pr-m-hr-nlKf)-prM-t) 
(vgl.Steindorffa.a.O.) 
» Haus  der  Hathor, 
der  Herrin  des  Kuli- 
liauses«. 

dd{-t),  Mendes. 

pr-'^y,  Pharao  (wört- 
lich: »großes  Haus«). 


OES]  ^'"' 


fk' 


König  Psanimetich . 
*Pi-SrJ-n-Hr,  »  djis  Kind 

des  Horus«'. 
*Pr-Spdw-n  (?;      vgl. 

Steindoi"ff    a.  a.  0.), 

»Groß-Pr-Spdw«  (?). 


'  Diese  Gleicluing  ist  ohne  Zweifel  richtig.  Nur  niüchte  ich  nicht  mit  Steindorff  aii- 
nehuion,  daß  die  Foi'in  Pisamelki  für  genaueres  Piiametki  stehe.  Ich  glaube,  daß  wir  es  viel- 
mehr mit  einer  Nebenform  von  *Pikameski  zu  tun  iiaben.  Dafüi-  spriclit  die  aramäische  Schi-ei- 
bung  -r«!  (vgl.  Spiegelberg  a.  a.  0.),   vor  allem  al)er  das  neubabylonische  Pisamiski  (S.  40), 

das  doch  gewiß  als  Q   I  ^^\    aufgefaßt  werden  muß.     Der  Laut  a >,  den  der  Grieche 

als  t  hörte  (Yammhtixoc),  wurde  von  Semiten  als  Zischlaut  empfimden  (vgl.  .S.  92f.).  Für 
assyr.  PiSamiiki  (neben  bab.  Pisamiski)  sind  wohl  die  assyrischen  Lautgesetze  verantwortlich  zu 
machen,  nach  denen  ein  Übergang  von  ik  zu  Ik  zum  mindesten  niclits  Verwunderliches  haben 
wiii'de  (ein  diiekter  tibergang  von  sk  zu  Ik  ist  zwar  nicht  belegt,  vgl.  aber  einerseits  i(l>/d>rd 
in  i-^dud,  ildud.  irdtid,  anderseits  den  Wechsel  von  sk  und  rk  in  Sisku  —  Sirku,  piiku — pirku  usw.). 
Die  zweimal  sich  findende  Variante  '"Tu-ia-me-ü-ki  beiuht  oftenbar  auf  einem  Verseilen  des 
Abschreibers  (Steindoiff). 

*  Ich  kann  den  Namen  hieroglyphisch  nicht  nachweisen;  vgl.  aber  griech. YeNWPOC, 
YeNYPic. 

'  So  ist  anstatt  «o/j  (.Steindorff)  zu  le.sen.  Ägy()tischem  s  (1)  ent.s[)richt  assyrisch  immer 
.V  (vgl.   unten  S.  91).     An  sich  möglich   wäre  aucli  die  Lesung  «nft  (vgl.  Steindorff). 

*  Die  \'ariante  "'" Pi-.sap-li-nu-ii  beruht  offenbar  auf  einem  Versehen  des  Abschreibers 
(Steindorff  a.  a.  ().). 


Keihchriftlklws  Material  zur  altäyijptkclu'n  Vokalisation. 


33 


Pisaptu(Si.6o\).    "'"Pi-snp'-tu,  i\ssurl).  L93:  Stadt,  !  ^Af®  (z- B.  Traum- 


iii   Ägypten. 

Pviinhu  (St.  606).   "'"Pu-nu-bu,  A.s.suib.  I,  101;  Stadt 
in  Ägypten. 


Stele,  Rs.  1 7)  Pr-Spdw, 
»Haus  des  Spdw«. 

|,     _     (Pianchistelo  3) 
Pr-nb,  » Goldhaus « . 


Pimrii  (St.  605).    "'"Pu-si-ru,  A.s.surb.  I,  100;  Stadt     n  rl  <2>- [^3:7  ^  ^^^^  1 


in    Ägypten 


Piitihuru.  ™Pu-|i-b»-"-ru-u,  .Tolms  763.7 .  unter  äs^yp-      (? 
tischen   Namen. 


(Pianchistele  18)  Pr- 
Wsirj,  Busiris  ( »  Haus 
des  Osiris"). 

I  vX  yra    (in    der 

Spätzeit  sehr  häufig) 
P>-dj-nr'',  "der,  den 
Horus  gegeben  hat.  >< 

Patulu-s/i  (St.  349f.:   vgl.  Pa/.'iias/ii  S.  ^r>).     '"Pu-fu-  !     °   ^'^^(z. B.Florenz, 
bes'-ti,  Assurb.  I,  96;   Fürst   von   Sa'anu.  Schiap.  16^8)    PS-dj- 

BLst(-t)\-  "der,  den 
B!st(-t)  gegeben  Iiat« . 


■    Vgl.  S.  3a  Anin.  3. 

'    i)a.s  langt!  ü  am  Knde  i.st  allerdings  auffallend;  man   wi'irde  *  Thiti/iünt  arv/avten.    N'iel- 

leiclit  liegt,   worauf  mich  Spiegelberg  aufmerksam   maclit,    ein    ägypt.  ^v^dr  ^"'' 

wozu  dann  griech.  Cmhto  (Wilcken,  Ai-ciiiv  für  Papynisfor.sciiung  1,  405  .\nm.),  kopt.  ii».g^(oMi') 
usw.  (PSBA.  Ji,  247)  zu  vergleichen  wären.  P'reiiieli  wäre  dann  assyriscii  von  Rechts  wegen 
eine  Andeutung  des  Ajin  (vgl.  Firiü)  zu  erwarten. 

'    Das  Zeichen  hat  die  Werte  bis  und  l/eS;  ich  ziehe  auf  (irund  der  griechischen    und 
kopti.schen  Vokalisalionen  die  letztei'e  Lesung  vor. 

*    Der  Name  der  Göttin  ff      M  lautete  nach  übereinstiniuiendem  Zeugnis  der  keilsciu'ift- 

lichen,  griechischen  imd  koptischen  Umschreil)ungen  etwa  Uhasti  oder  Ubesti  (vgl.  S.  47). 
Man  hat  daraus  (SteindorfT,  a.  a.  O.  S.  349f.,  Spiegelberg,  Kigennamen  S.  50*)  auf  ein  anlauten- 
des IC  gesciilossen.  Ein  solches  w  findet  sicii  aber,  selljst  wo  der  Name  als  Bl.it(-t)  phonetisch  aus- 
geschrieben ist,  niemals,  weder  in  hieroglyphischen  noch  hieratischen  Texten.  [Die  von  8[)iegel- 
berg  zitierte  Stelle  (Mitteilungen  der  Vorderasiat,  üesellsch.  1900)  ist  für  die  Frage  belang- 
los, da  das  von  \V.  Max  Müller  als  w  gelesene  Zeichen  (es  scheint,  worauf  mich  Möller  auf- 
merksam macht,  kein  ic  zu  sein)  offenbar  den  Schluß  des  Blit(-f)  voi-angehenden  nicht  ei- 
haltenen  Wortes  bildet.]  Ich  möchte  darum  annehmen,  daß  der  Name  Blst{-t)  mit  einer  Doppel- 
konsonanz begann  und   in  älterer  Zeit  etwa  ''bitist'{t)  ausgesprochen  wurde.    Dius  Alef  ging  dann 

Phü.-hist.  Klasse.    PJIO.    Anluiny.    AOL  Jl.  h 


u 


IT.     R  A  N  K  E  : 


Puturnhesu.  '"Pu-tu-um-lje-e-su.  J0I111S307,  IJev.  17 
(vgl.  Bd.  III,  S.  515);  Zeuge  in  einem  zwisclien 
Ägyptern   nbge.schlossenen  Vertrage. 


Putu-Pardi  (vgl.  Pudii-pljaü  S.  3  7 ).  '"  Pu-tu- ''"  IVi-ti 
Johns  307,  Linker  Rand  2  (vgl.  Bd.  III,  S.  515); 
Zeuge  in  einem  zwischen  Ägyptern  abgeschlosse- 
nen  Vertrage. 

Soja-  (St.  597 f.).      ""Sa-a-a,  A.ssurb.  I,  90;  II,  16. 

Susinku  (St.  35  i).  '"Su-si-in-ku,  Assurb.  I,  100;  Fürst 
von  Pusiru. 

SaSanu  (St.  598 ff.  =  Si^inu?).  Sa-'n-nu,  Assurb.  I, 
96,134. 

Silinu  oder  Se^enu  (St.  598  ff.  =  Sch'anu?).  "'"Sl-U-nu, 
Assurb.  I,  91,134. 

.5?///«  (St.  353  f.).  "'Si-lja-a,  i .  As.surb.  I,  106;  Fürst 
von  Sijäutu.  2.  Johns  307.  Vs.  i  2,14;  Sohn  der 
Nihti-e.sarau. 

Suiiasu  oder  Su^o.sii.  "'Su-u-a-su,  Johns  851,  IV,  5; 
ägyptischer  Schreiber  (vgl.  Meißner.  ÄZ.  40,145). 


(?)    °    -®^     (Berlin 

ii858)Pi'-rt)-i»//-Ä^y', 
«der,  den  M?-hs!  (der 
löwenköpfige  Gott 
von  Aphroditopolis) 
gegeben   hat«. 


^  ^  (z.B.Pianchistele 
19)  S}{-t),  Sais. 

mm  ^  M  ^'':  ^- 

Pianchistele  1 8)  Ssnk. 
^      _  (z.B.Adopt.d. 

Nitokris  7 ,  25 )  Dcn{-tf, 
Tanis. 

ci AA^^A^ 

"^  ^  ^  (in  der  Spät- 
zeit sehr  häufig) ;  ,(^?| 
(z.B.LouvreD8)i)(£?)- 

lAi-y. 

C^rDif^-w^dji-ty. 


wohl  iVüli  verloren,  und  das  /.uischen  zwei  \okalen  stehende  b  nSlierte  sicli  mehr  und  mehr 
einem  labiodentalen  (so  vielleiclit  in  griech.  rieTOBACTlc  usw.,  kopt.  TOTpor&ec^)  lizw.  hiia- 
bialen  w  (vj>l.  nb.  Patuastu,  kopt.  to-s-Ä-c-)-).  Kba.sti(b7.w.  Kwasti)  wurde  dann  zu  Ubasti  (bzw.  Uwastl). 

'    So  nach  einer  ansprechenden  Vernuitung  von  Schäfer. 

••'    Vgl.  S.  64,  Anm.  8. 

^    Vgl.  S.  71,   Anm.  3. 

'    Wie  ist  der  Name  zu   erklären  1' 

'  Man  würde  Su^asü  erwarten  (vgl.  aber  S.  65,  .\nm.  10).  Ich  kann  diesen  Kurznamen 
{-Widj-t  spricht  [und  er  lebt]«)  freilich  ägyptisch  nicht  belegen. 


KfiLschriflliches  Material  zur  aUäyyptiscJien  Vokalisation. 


H5 


.WwAtm  (St.  360).    '"Sa-ba-ku-u,  Assurb.ll,  22;  Vateiv  CjjLX^tjl  Shk{ri), 


des  Urdamane. 

Sahpimäu  oder Sihphiidii.  "'Salj(silj)-pi-iiia-a-u,J()lins     (r 
307,   Rs.  9   (vgl.  Bd.  III,  S.  5  I  5,   dort  sdioii   mit 
aram.  ifi'EntJ  zusammengestellt'):  Zeuge  in  eineni 
zwischen  Ägyptern   ahgescidosseiien  Vertrage. 


Hljautn   (St.  608).       ''"Si-ja-a-u-tu,    Assurl).  1,   106; 
Stadt  in  Ägypten. 

Tajuni'^   (St.  609 f.).      "'"Ta-a-a-ni,    Assurb.  I,  iü8; 
Stadt  in  Ägypten. 

Tapnahü  (St.  352).     '"Tap-na-ah-ti,   Assurl).  I,  loi; 
Fürst  von  Punübu. 


König  Schabaka. 

'(vgl.   Spiegelberg, 
Aram.  Sprachgut. 
S.  14  Anm.5)  T>-IJp- 
tiuw,  »Apis  packt  sie 
(die  Feinde)«. 

^^-^\z.B.Totenb. 
ed.  Nav.  125,33) 
Slwtj,  Siut. 


chistele   2)     Tsf-nht, 
»seine  Stärke«^. 


Tarkü   (St.345f.).      '"Tar-ku-u,    Assurb.  I,  53.  55.     (  ^  ^ 


78.  83.  I  I  I .  I  2  I .  I  23  ;  II,  20;  A.s.sarhaddonstele 
von  Sendschirli,  Rs.  37;  '"Ta-ar-kvi-ü,  Knudtzon, 
Assyrische  Gebete  an  den  Sonnengott;  I,  68,12'; 
König  von  Musur  und  Küsi. 

TuSamelki  siehe  PiSairiplki. 

U/}nt  siehe  Ahm. 


j  Thrk,  König 


Taharka. 


i 


'  Die  Zusammenstellung  von  Sa(i)f!j)imäu  mit  arani.  ri-snr  .scheint  aucli  mir  unahweislicii. 
Spiegelberg  will  in  dem  aramäischen  .Vainen  ein  Jigypt.  Ti-IIp-imtc  erkennen,  wobei  mit  Hiii- 
hlick  auf  die  as.syrisehe  Form  die  starke  Vei-kÜT-ziiiij;  von  (//)  (kopt.  o».n)  immerhin  auffallend 
bleibt.  Johns  liest  (wohl  durch  die  aramäische  Form  beeinflußt)  Sahpimau;  das  /eichen  hat 
aber  (außer  den  hier  wohl  nicht  in  Bctiacht  kommenden  Lesungen  kit  und  Hl)  niu'  die  Werte 
nah  imd  sifj. 

'    Oder  Tätani,  weniger  wahrscheinlich  Tainini;  Steindorffs  Identifizierung  dieses  N;iineiis 

mit  ägypt.  ^'^^^  (/..  B.  Louvre  ('  1  16),   a^^vw  {■/..  1>.  Lt-ydeii  \',  94),  griecii.  9ic  (Genitiv  Qinoc,  vgl. 

WO  Ci  © 

9iNiTHC),  kopt.  -rill   ist  wegen  der  veischiedenen   Vokalisation  docii   wohl  aufzugeben. 

*  Kurzform  aus  Namen  wie  *^lmn-i;f-nht  ..\mon  ist  seine  Slürke-  (vgl.  nb.  Amünu- 
fapiinahti,  S.  38   imd   Kieasted,   Kecords  1\'.   HiH). 

*  In   einer  babylonischen    Kopie  aus   der  Zeit  Assarliaddons. 


:}6 


H.   Rank  k 


Unauiunu  (St.  350).  '"U-iia-niu-iiu,  Assurl).  1,  97  ; 
Fürst  von  Nutljü. 

Ihm  (St.  6iof.,  vgl.  Ana,  S.  8).  ■''"U-nu,  Assurb.  II, 
23:   Stadt  in   Ägypten. 

Urddiiiane  oder  Urtamane.  "'Ur-d(t)a-ma-ni-e,  As- 
surb. II,  22.  29.  34;  Soliii  und  Nachfolger  des 
Sabakü;   Schvvestersohn  des  Tarkü'. 

IhihanSa.  '"U-si-lja-an-sa,  .lolms  763,4  (vgl.  Hd.  III, 
S.  537,   unter  ägyptischen  Namen). 


IJ^anahuru.     "'U-sa-na-I_iu-rii,  Assarhaddonstele  von 

Sendschh'li  (V  S I,  7  8  ff.),  Rs.  43  ;  Sohn  des  Tarkü '. 

Zalmüti  {St.  60 iL).     ■''"Zab-nu-[u-]ti,   Assurb.  I,  98. 


^"ö'^^^^  (in  der 
Spätzeit  häufig)  Wn- 
'lmn\ 

k  ^  'l(u:)nir,  Heliopolis. 


Leyden  W I  2,  Louvre 
( ,'  222)  WdS  -  Uiviw, 
»Chons  ist  gesund(?)« 


II 


K.    Vielleicht    Ägyptisch 

Bal)ylonische,  Umsclirift. 
Air.    '"A-te-e,  Johns  307.  Linker  Rand  3;  Zeuge  in 
einem  zwischen  Ägyptern  abgeschlossenen  Ver- 
trage. 


es. 


©  (z.  B.  Pianchistele 

115)  T/'-^itir),  Seben- 
nytos. 


Ägyptische  Sclireilmng. 


'    Diese  Gleichung  ist  zweifellos  richtig,  trotz  Steiiidorß',  a.  a.  0.  S.  350.    Wie  ist  der 
Name  zu  erklären? 

SD 


^     Die  Gleicliset/.ung  dieses  Namens  mit  dem  des   Aetiiioperdvönigs  (  [ 


Tmct-lmn  beruht  lediglich  auf  sacidich-histonsclien  Gründen  (vgl.  Steindorrt'  a.  a.  O.).  Lautlich 
ist  sie  nicht  zu  rec.litfertigen.  Das  Zeiciien  ur  hat  auch  die  Werte  lik(g,  Je)  tmd  tai,  die  etwa-s 
seltener  sind,  theoretisch  alier  auch  in  Betracht  kommen  könnten.  Dagegen  ist  der  bisher  an- 
genommene Lautwert /f7«  (sn  noch  Delitzscli.  Handwörterbuch  S.  239b)  aufzugeben.  An  den 
von  Delitzsch  zitieiteu  Stellen  ist  .■<i-ia.i  (vgl.  die  Schreibung  xi-ia-as,  King.  Magic  Nr.  9,41), 
nicht  xi-lan  zu  lesen  (die  übrigen  Kälh;,  in  denen  Guyard  —  Notes  de  lexicograpliie  assyiienue, 
S.  112,  §118  —  das  Zeichen  wr  ebenfalls  tan  lesen  wollte,  brauchen  heute  nicht  mehr  ernsthaft 
widerlegt  zu  werden).  Wie  nun  aber  l'rdamanf  und  Tnwt-lmn  sich  zueinander  verhalten, 
vermag  ich  nicht  zu  sagen. 

'    Er  wird,    wie    mir  I'ngnad  mitteilt,    in  derselben  Schreibinig  auch  auf  der  Inschrift 
.\ssarhaddous  am  Nahr-el-kelh  erwähnt. 


Keihchriftliclies  MalerUd  zur  altäyyptischen  Vokalisation. 


37 


All.  '"A-ti-i,  .lohns  307,  Ms.  i  1;  unter  ägyptischen 
Namen. 

Banitu  (vgl.  KarhnniU).  '"Ba-ni-tu,  Johns  307 ,  Rs.  1 6 ; 
Zeuge  in  einem  zwischen  Ägyptern  abgeschlosse- 
nen Vertrage. 

Iiard{t)  ihi  oder  tiiurd(t)  iln.  ljar(mur)-d(t)i-bi,  Johns 
851,  IV,  2  ;  Bezeichnung  von  3  Leuten  mit  ägyp- 
tischen (?)  Namen.  Dem  Zu.sammenhang  nach 
vielleicht  Bezeichnung  einer  Priesterklasse'. 

Karlmnitl  (St. 595 f.)"'.  "'"Kar-ba-ni-ti,  Assurb.  I,  77  ; 
"'"Kar-  "•'Baniti(ti)  Beitr.  z.  Ass.  I,  596  Anm.  ;■; 
Stadt,  bei  der  die  Truppen  des  Tarkü  geschlagen 
werden. 

K(irme>uni.  "" Kar-me-u-ni,  Johns  307 ,  1 4  (vgl. Bd.  111, 
S.  515);  Zeuge  in  einem  zwischen  Ägyptern  ab- 
geschlossenen Vertrage. 

7nu7'd{f}ifH  siehe  hard{t)ilH. 

Pudupijati  {vgl.  Puhi-Pdiiti,  S.  34).  '"Pu-du-pi-ja-ti, 
Johns  99,  Vs.  3  (vgl.  Bd.  Hl,  8.  1651'.);  vgl.  Putu- 
PaUti. 

Putirnäni  .  .  .  ""Pu-ti-ma-a-nil.  .  .|,  Johns  763,1  i 
(vgl.  Bd.  in,  S.  537f.);  unter  ägyptischen  Namen. 

Putiieri .  .  .  '"Pu-ti-.se-rif.  .  .|,  Jolins  763,13  (vgl. 
Bd.  III,  S.  538);   unter  ägyptischen   Namen. 

Ra^si:  oder  RaSusi.  '"  Iva-a)(>a)-si-i,  Johns  851,  III,  1 3 ; 
ein  li^irti^i»  unmittelbar  vor  ägyptischen  Schrei- 
bern  erwähnt. 


(•=') 


(?)° 


,,  P;.,lj. 


'  Vorher  werden  Bescliwörer  (maimage),  Seher  (bärr),  Ärzte  {■!  äse?).  Magier  (kale) 
und  Vogelschauer  (dägil  ixsüri),  nachlier  -(h-ei  ;igyj>li.sclie  .Schreibt^'  erwiiliiit.  Der  ganze  Text 
besteht  au.s  einer  .\M(V.äIihing  von  l'ersoiieii.  .\n  die  b;-si:  i-j-j-^n  (Gen.  41,  8;  Kx.  7, 1 1.  22  usw.) 
darf  wohl  nicht  gedaclit  werden. 

''  Ob  diese  Stadt  in  Ägypten  lag,  i.st  nicht  zu  erweisen,  doch  ist  es  nicht  unwahr.schein- 
licli.  Wenn  ein  ägyjiliseher  Name  vorliegt,  könnte  man  an  eine  Zusammensetzung  mit  dem 
Namen  der  Göttin  Neith  denken.  Die  Schreibung  mit  ''"BanTti  wäre  dann  assyrische  N'olks- 
etymologie  (Steindorif ) ;  vgl.  übrigens  oben  Banitu.  Sollte  vielleicht  auch  das  aramäisch  er- 
haltene n.  pr.  rc3  hierher  gehören  1' 


HS 


H.     K  A  N  K  E 


Si/j>eoderS/p>c  (St.  3 39 ff.)-  '" Sib(p)-)C-e, Prunkin.sclir. 
Sargoiis,  Zeile  25  f. ;  IJotta,  Monuments  de  Niuive 
IV,  I  22,20;  145,  11,  1,2  ;  "'Sib(p)-?e,  Annalen  Sar- 
gons,  Zeile  27,2g;  Botta  IV,  71,1.3;  »tartanu« 
von   Ägypten. 

Sihü  (vgl.  Si/iä).  '"Si-lju-u,  Johns  851,  IV,  i;  ein 
hartibi,  luuiiittclbar  vor  ägyptischen  Schreibern 
erwähnt.      (Vgl.  S.  71,  Anm.  4.) 

SuinaSse  {?).  "'Su-ma-as-se-e(?),  John.s  763,10  (vgl. 
Bd.  III,  S.  537);  unter  ägyptischen  Namen. 

/  'iiuiintha  . .  .  '^Um-mat-ha-  [an??  -sa??],  Johns  763,5  ; 
unter  ägyptischen  Namen   (vgl.  nb.  Ammat-Esi?; 

S.41?).  ' 

J  ^n§ar(l{t)i .  .  .   oder   Unsar(1(t)i .  .  .     Un-sar(sar)-d(t)i- 

[ ]  Johns  763,  Es.  2   (vgl.  Bd.  III,    S.  538); 

unter  ägyptischen  Namen. 


,  nd 


III.  Aus  neubabylonischen  und  persischen  Texten  (6.  undö.  Jahrh.v.Chr.)' 

A.    Sicher  Ägyptisches. 

Babylonisclie  Uinschrift. 

Amunutapunahti.  '"A-mu-nu-ta-pu^-na-ah-ti,  Straßm . , 
Dar.  301,18;  Vater  des  Patniptemu. 


Ägyptische  Sclireibiiiig. 

Umn-tSf-nht^ ,     »Amon 
ist  seine  Stärke«. 


llaphnenna .  '"IJa-pi-me-en-na*,  Straßm.,  Camb.  85,5  ; 
Sohn  des  Pi.samissilu. 


(z.B.  Se- 


rapeum  413)  Hp-mn, 
»Apis  bleibt«. 


'  Für  die  Abkürzungen  der  zitierten  Publikationen  vgl.  S.  5  und  Anm.  i — 4.  Für  eine 
Kollation  der  in  Camb.  85  und  Dar.  103  enthaltenen  ägyptischen  Namen  bin  ich  Hrn.  Hr.  L.W.  King 
vom  Britischen  Museum   zu   Dank   verpflichtet. 

^  Die  Lesung  ist  nach  Kings  Kollation  zweifellos.  Wir  haben  hier  eine  der  wenigen 
sicher  fehlerhaften  Wiedergaben;  hinter  dem  p  ist  (wie  auch  ass.  Tapiia/ili  zeigt)  gewiß  kein 
Vokal  gehört  worden. 

'    Ich  kann  den  Namen  ägv[)tisch  nicht  belegen. 

*  So  ist  nach  Kings  Kollation  zu  lesen,  anstatt  Jlapi(Ii.ibal/a(?),  Tall(|vist,  Namenbuch 
S.  66  b. 


KelMirlftUches  Material  zur  altäijypti'ichi'n  Voknli^atlon. 


:?9 


Kun^uufii.    '"Ku-im-u-is-;i,  (;i;iy  X',  65,3;  Sohn  des 
Na5a-Esi. 

\KüSu.      '"""'Ku-ü-su,   Knudtzon,   Assyr.   (Jelx'to  an 
den  Sonnengott  I,  68;  II,  i74iT.'| 

Meiiibi.      Me-im-bl,   Bah.  (;]n-onik  IV,  26    (Zcitsclir. 
fiir  Assyriologie,   Bd.  II,   S.  160   und   167). 


Memphis. 


Na^a-EsiL     "'Na-5a-""P:-si,  Clav  X,  81,1  7  ;  Sohn  d(>s  '  (?)  i\7-f7-;;(-/).    »Isis    ist, 
Paniünu;    "'Na-5a-"''E-si-i?,  Clay  X„  65,3;  Vater         groß«-. 
des  Kun-uisU. 

NahhihappiL  '"Na-ab-tü-ha-ap-pi-ü,  (Hay  X,.' i  i  3,  i  8  ;  j  *Nht-Hp'\     »Apis    ist 
Vater  des  Ug(k,  k)-bappi!. 


Pamunu.     "Pa-mu-nu,  i .  Clay  X,  8  i ,  i  7  ;  Vater  des 
Na!a-Esi;   2.  Clay  X,,  104,9. 

Pani-EsU (^).      ■"Pa-a'-ni-''"K-si-i!,     Clay  X,  129,18 
Rand. 


0^ 


stark « . 


{■/..  H.   Turin 


20)  Pi-[ii-\liiin.  »der 
des  Anion«. 


Pata-Esi;  (?,  vgl.  Pal-KsU  tind   Palnni-ExU).     '"Pa-      (?)    °    j|^^    ('"    '^^r 
ta-''"K-si-i?     (oder    '"Pa-ta-an-K-si-i:?^'),     Chiy   X,  Spätzeit  sehr  häufig) 

39>i4-  1        P/-rf/-/Ä(.0,  »der,  den 

I       Isis  gegeben  hat«. 


'    Der  Text  ist  eine  hal)ylonisclie  Kopie  aus  der  Zeit  Assarhacldons. 

*    So  nacii  einer  \'eriiiiitiin}5  von  .S|)iep;elberg,  der  die  von  Krinan  AZ.  44, 1 1  2   zitierten 


»-^  usw.  (allerdinj^s  sätntlicli   Fraueiinainen !)  ver- 

gleiclit.  Vgl.aucli  ''K     (1  rvffl'  Aiigeio  Mai,  Catal.  dei  Papiii  l'^giz.  della  Bibl.  \'atic.,  Ronia  1825, 

8.16  u.  Tafel  3,  Nr.  I   (ebenfalls  Name  einer  PVan). 

'    Ich  kann  den  Namen  ägyptisch  nicht  nachweisen. 

*    Schreibfehler,  anstatt  ta?;* 

'  Das  Zeichen  nn  kann  auch  ilu  gelesen  und  als  neterininativ  für  >Gott'  aufgefaßt 
werden.  Ich  habe  diese  Lesung  hier  vorgezogen,  da  Hsi  in  nl).  Namen  sonst  meist  mit 
dem  neterminativ  ilu  geschrieben  wird.  Vielleiciit  wollte  der  Schreiber  aber  aucii  Pa-ta-an- 
•'"E-ni-ii  schreiben  und  hat  das  zweite  an  verge.ssen. 


40 


IT.   Ranke: 


Fatani-Esl^,  Patan-EsU  (vgl.  Pata-EsU).  i.  '"Pa-ta- 
ni-""E-si-n,  "Ta-ta-ni-E-si-ü,  ClayX,  15,15  und 
oberer  Rand.  2.  "'Patan-""E-si-i5,  ClayX,,  91,3. 
6.  1  1  :   Sohn   des  ....  ua. 


(z.     B. 


Pai-EsU  (vgl.  Paia-Esi).  Pa-at-"''E-,si-i;,  Clay  Vol.  X„ 
65,23,  oberer  Rand;  Solin  des  ....  ua. 

PatmUustü,  Patmustü.  '"Pa-at-mi'-us-tu-u,  Straßm., 
Dar.  301,28;  "'Pa-a(-niu'-us-tu-u,  ib.  33;  Sohn 
des  Pisainiski. 


Palnipteinu.      '"Pa-at-ni-ip-te-e-mu",    Straßm.,    Dar. 
301,18;  Sohn  des  Amünu-tapunahti. 


Patiinstu    (vgl.   Putvhesti    S.   33). 
Straßm.,   Oamb.  85,17. 


'Pa-at'-ii-as-tü, 


Pisanii^ki  (vgl.  Piidriiplki,  S.  32).  i .  '"Pi-sa-mi-is-ki^ 
Straßm.,  Dar.  30 1 ,  i  7  ;  Vater  des  Pägapäta.  2 .  ""Pi- 
sa-''nili(?)-is(y)-ki(y)J,  Straßm.,  Dar.  301,28;  Vater 
des  PatmiJustü. 


L-a    I    i^: 

Brit. Mus.  2 ;  vgl.  auch 

Spiegelberg,     Aram. 

Sprachgut,  S.  12,32a) 

Pi-dj-nj-^s{  -t),      »der, 

den  Isis  mir  gegeben 

hat«. 

»der,  den  Isis  gege- 
ben hat«. 

Berlin  320)  P>-(fj- 
lmn-slnj\?)-t>wj, » der, 
den  Amon,  der  König 
der  beiden  Länder, 
gegeben  hat«. 
*  Phdj-Nßr)-tm\  »der, 
den  Nf1[r)-tm  gegel  >en 
hat«. 

^K'^  (z.  B.  Flo. 
renz,  Schiap.  1658) 
P;-dj-Bkit{-t),  »der. 
den  B?st(-t)  gegeben 
hat«. 

zeit    häufig)     Psmtk, 
Psammetich. 


'  Die  Lesungen  (vgl.  Tallqvist,  Namenhiicli  8.17513)  sind  durch  Kings  freundliche  Kolla- 
tion gesichert. 

■■*  So  ist  nach   King  zu  lesen,  an.statt  Adnipfe  .  .  .  Tallqvist,  Namenbuch  S.  3  a. 

'  Ich  kann   den   Namen   hieroglyphisch   nicht  nacinveisen. 

*  Die  Lesung  (vgl.  Tallqvist,  Namenbuch  S.  170b)   ist  nach   King  gesichert. 

•'  So  ist  nach   King  zu   lesen,  anstatt  Pirmisdi,  Tall(|vist,  Namenbuch  S.  171b. 

"  So  nach  King  d(Hitlich.  Von  dem  folgenden  Zeichen  ist  nur  noch  einWinkelhaken  zu  sehen. 


KeilschrlftlicJies  Material  zur  altnyyptlschen  Vokallsatlon. 


41 


Piiamiiülu.  "'Pi-sa-mi-is-si-lu',  Straßin.,  Camb.  85,5 ; 
Vater  des  IJapi-meiina. 

Take  .  .  .     'Ta-lji-e  [ ],    Straßin. ,    Dar.  301,30;     ^ 'D-  .  .  .  . 

unter  Ägyptern   erwähnt.  | 

Ti/iutkirla,'is,Ti./iut^artesr.   '"Ti-Iui-ut-ar-ta-U-is.  '"Ti-      ^Ö^^'^^ri     (z.   R. 
Iju-nt-ar-ti-e-si,  Ililpr.  und  Clav  IX,  8  1,1  2  :  82.12;  Louvre.oluieHezeicli- 

Vater  des   Aniurkiki.  nung,        Totenstele, 

Spätzeit)  IJhwij-llr-dj- 
iw,  »Tliot  ist  es,  der 
iliii  gegeben  lint«. 


Uk(k,  >j)ljappl!.  ■"Uk(k,  g)-ha-ap-pi-i;,  (Jlay  X^,  i  13,18: 
Solm   des  Naljtu-ljappü. 


1: 


')^' 


llp. 


R.    Vielleicht   Ägyptisches. 

15;il)yl<)iiisclit!   Umsclirift.  Ai^ypli.sclic  Scliri'iliiiiig. 

Amat-Ksi,  A?ni/ial-Esi]  (vgl.  ass.  Thninal-Ijim  .  .  .). 
•^A-inat-""E-si,  Ain-inat-''"E-si-ir\  ClayX,;  Schwe- 
ster des  Ilhilata. 

Ainurkild\  Urkiki.  "'A-niur(hiir)-ki-ki,  '"Ur-ki-ki, 
Hilprecht  und  Clav  IX,  81,11;  82,20.  21  ;  Sohn 
des  Tiljut-artaüs. 

Banw/jti^  oder  MainahtiL  "'Bar(IVIas)-na-ah-ti-i^  llil- 

preditundCMay  IX,  i  1,3.  7.  19;  vgl.  ass.Ta{iiiahti, 

nb.  Ainünu-tapunahti   und  Nahtu-hapjü?. 
]l/ulain(?}.     'Il-lu-la-ta-a(?)  Clay  X,;  Schwester  der 

Ammat-Esii. 


'    80  nacli   Kini;,  »nstatt  l'isamü;  Tall<[vist,  Nainenbiicli   S.  171  b. 

'  Hilpreclit  he/.eifhiiet  den  Namen  als  pecsiscli,  oliiie  aljei-  ein  persisclics  A(iiiivaleiit 
vor/.iischlagen.  Ich  halte  die  Gleicliiing  mit  Gotoptaioc  (vgl.  besondei's  as.s.  Iptihnrlesul), 
auch  wenn  Amurkiki  sicli  als  ein  persischer  Name  lieraiisstelleii  sollte  (vgl.  Aiim.  4  und  Pi- 
■lamiski  als  Vater  des  Bäyapäta),  für  unabweislich. 

*  Wäre  nur  die  .Sihreibung  mit  einem  wj  belegt,  so  würde  man  an  einen  l)abyloni.scli- 
ägyptischen  Mischiiamen  -Magd  der  Isis-  (vgl.  jihöni/,.  CNr-  IVir  csir:.'*)  denken.;  die  Schreibung 
am-mal  .spricht  aber  doch  wohl  entscheidend  dagegen. 

*  \'ielleicht  ist  der  Name  persisch  und  dann  wold  Ahurkiki  zu  lesen;  \^.  Ahitrma:da 
u[id  l'ramizda  als  Varianten  desselben  persischen  Namens  (He/.old,  AiluuMncnideninscIiriden 
S.  34);  vgl.  aber  auch   Pakiki. 

FML-hist.  Klasse.    PJW.    An/uiny.    Abk.  IL  G 


42 


II.   Ranke: 


Inhute .  . .  '"In-lju-te-  [ ],  Straßm.,Dar.  301 ,  i .  29; 

Vater  des  Saman-napir ;  unter  ägyptischen  Namen. 
Tsipataraiü,  Isipataru/ü.    "'I-si-pa-ta-ra-!u-ii ;  ""I-si-pa- 

ta-ru-5u-ü,  Hilpreclit  und  Clay  IX,  2  8a,4.  7;  Vater 

des  Patiduru?ü  (vgl.  ass.  Niljarau,  Niljtesarau?). 
MasnaljtU  siehe  BarnahÜS. 

Pakiki.  Pa-ki-kiClayX,  84,5. 8;  85,1  5;  vgl.Amurkiki'. 
Parnahtl  siehe  Barnahtl. 
Patiduru^ü.  '"Pa-ti(di)-du-ru-5u-ü,  Hilpreclit  und  Chiy 

IX ;   Vater  des  Isipatarahl. 
Pntesui?).  '" Pa-fi(?)'-e-su, Straßm.. Gamb.  85,5:  unter 

ägyptischen  Namen.     (Vgl.  Pat-Esi?,  S.  40.) 

IHtnhirl^  oder  PiUihiriS'K  ■"Pi-it(t)-i-bi-ri-i!,  Clay  X, 
I  29  passim. 

Päi/juru.     "'Pi-i-ti-hu-ru',   Straßm.,  Dar.  204,!  1  .I5. 

pitufu  siehe  Sltutu. 

Samannapir.  '" Sa-man-na-pi-ir,  Straßm.,  Dar.  301,1. 
29;  Sohn  des  Inljute...;  unter  ägyptischen  Namen. 

Sih(i;'\      '"Si-lja-a;,  Clay  X,  66,13;   99,3. 

.säutu(?).  "'"••'" siC^f-tu-tu,  Straßm.,  Camb.  85,3;  ein 
Teilungsvertrag  (?)  zwischen  Ägyi:)tern  wird  abge- 
schlossen ina  puljri"""'"situtu(?)  saMisirai;  »in  der 
Versammlung  der  ägyptischen  situtu(?)- Leute«. 


»der,  den  Isis  gege- 
ben  hat«. 


•■o?i 


LX'lU,{7-). 


'  \'gl.  den  Ortsnamen  ni^KHK  Miiicm».!  (Ainelineau,  Geogr.  295):'  Auch  griech.  KeKtoc, 
Tkeko,  TKSPKlKe  (alle  bei  SpiegelUerg,   Eigennamen)  gehören  vielleicht  liierher. 

^  Nach  King,  der  die  Stelle  für  mich  verglichen  hat,  .probably  di  (ii),  but  ki  possible.« 
Für  den  Untergang  des  Alef  wäre  Pamünu  zu  vergleichen.  Der  Name  Paßsu  begegnet  übrigens 
noch  Straßm.,  Nbk.459, 14  und   Dar.  314,4. 

^  Littmann  (bei  Clay  im  Index)  vergleicht  aram.  nraHE,  das  aber  nur  einen  ähnlichen, 
nicht  denselben  Namen  wiedergeben  könnte  (vgl.  auch  Spiegelberg,  Ägyptisches  Sprachgut  S.  14). 

*    Die  Lesung  ist,  wie  mir  King  mitteilt,  gesichert.    An  ägypt.  '^^.  ^  darf  natür- 

lich  nicht  gedacht  werden  (vgl.  Patani-EsiS  S.  40). 

•^  Vgl.  ass.  iSVAä.  Für  das  in  der  neubabyloni.schen  Umschrift  sich  findende  unorganisclie 
Alef  vgl.  S.  87.     Die  Personen  sind  allerdings  diu'ch  nichts  als  Ägypter  bezeichnet. 

°  King  bemerkt  zu  dem  Zeichen:  'pi  is  just  possible,  but  it  looks  like  Si  written  over 
an  eriusure«. 


KeilschrifllM-fws  Material  zur  altäyypt'm-hen  Vokalisalion. 


4a 


Verzeichnis  der  in  keilsehriftlicher  Umschreibung  erhaltenen 
ägyptischen  Worte  und  Eigennamen'. 


Ägyptische  ScIireitninK. 

ji?3  '''^'(•'^-■'  ^-N-  • 


'9'  (t>,   »Herz. 


Keilschrift liclie  Transkription. 

ass.    betont  csu  in   Har-sija-eSu 
unbet.   rS  in  Nihü-e^-arau 
nb.    betont  csU  in   Natn-esii,  Pat-esi>,  Falan{i)-f'si.,''' 
vgl.  arain.  ""OS 

griech.  betont   Icic,   TTeTeHcic,   YeNHcic   (VV.) 
u.sw. 
unbet.  €c  in   Gcohpic',   Gcoptaic  (l'e- 
trie  Pap.  III) 
kopt.  HC€  (Berliner  kopt.  Urk.  i ,  II,  5  f.) 
(vgl.  auch  «co-yt-pc,   ÄZ.  1890,52). 

.  [  as.s.    )(}((,   iln  in  l{ath{a)r-Tbn,    H<ith{l)7--ihi 
vgl.  AepiBic,   *w<»pHfci. 


'  Erklärung  der  in  dieser  Liste  gehrauchten  .Mjkürznngen:  mb.  =  inittel!jal)ylonisch 
(Liste  I,  S.  7 — 26),  ass.  =  assyri.scli  (Liste  II,  8.  27 — 38),  nb.  =  neiibftbylonisch  (Liste  III, 
S.  38 — 42).  G.  N.  =  üötternanie,  K.N.  =  Königsnanie,  O.N.  =  Ortsname,  F.  N.  =  Personen- 
name. (Sp.)  hinter  griechi.schen  und  ko])ti.schen  Namen  bezieht  sich  auf  den  Index  von 
.Spiegelbergs  »Kigennamen*  (s.  S.  3,  .'Vnm.i),  (Gr.)  mit  (olf^ender  .Seitenzahl  auf  Band  III  von 
Griffiths  -Catalogue«  (s.  ebenda).  (W.)  hinter  griechi.schen  Namen  verweist  auf  den  Index 
von  Wilcken,  -Ostraca-.  Die  aramäischen  Formen  entnehme  icli  aus  Spiegelbergs  Aufsatz 
•  Ägyptisches  S{)rachgut  in  den  aus  Ägypten  stanunenden  aramäischen  Urkunden  der  Perser- 
zeit«, in  der  Th.  Nöldeke  gewidmeten  Kestscl)rift  (Gießen  1906). 

"    Zur  Lesung  mit  /  anstatt  (  vgl.  H.  Grapow,  ÄZ.  46, 107  f. 

'  Ungnad  teilt  mir  dazu  den  ebenfalls  aus  neuhabylonischcr  Zeit  iibcrlieferten  Misch- 
nanien  AMi-Exii  ('"Ab-di-''"K-fi-ii,  V.  .S.  VI,  227,2)  mit.  Kin  ähnlicher  Mischname  derselben 
Zeit  ist  der  Frauenname   Uannatn-Esii. 

*  Die  Form  Cohpic  neben  Gcohpic  eiklärt  sich  wohl  als  .\nalogiebildiuig  zu  Cminic 
neben  ecMlNic  usw.  Theoretisch  möglich  wäre  es  ja,  in  l)ei(Icn  Formen  ein  ägyj)tisches  iVi'-ttT(.<) 
zu  finden,  das  sich  aber  hieroglyphisch  nicht  belegen  läßt.  N.Tchträi;lich  macht  .Spiegelberg 
mich  auf  die  Stelle,  (Jriffith,  Rylands  I'apyri  XXIX,  4,  aufmerksam,  in  der  ein  demotischer 
Schreiber  den  Namen  Gcohpic  tatsächlich  (birrh  X/i-irii-t)  wiedoi-geüoben  hat  (vgl.  Griffith, 
a.  a.  ().  Bd.  III   S.  286,  .Vnm.  2). 

6* 


44 

D 


Q  '/-'(•/)'    "I'Uxor« 


(l^Ji    7;/m,  G.N. 


'l)iin-Ur-d]-siD,  P.  N . 

r\    ""III    r\  [~1  /p 

(I        (I     (3^    l)nn-{in-\  :  iiib.    Anian^'nppa 


II .     R  A  N  K  K  : 

ml),    «jppw  in  Avian-appa;  oppi  in   Aiium-appi 
vgl.   aram.  ^ES  in  "'EXE 

griech.  Anic,  ßnic  (Gr.  185,  Anm.  4),   Awe- 

Nü)1>IC 

kopt.  ji^ne  (Berliner  kopt.  Urk.  35,2,  Cruni, 
Gat.  Brit.  Mus.  Nr.  378) 

(vgl.  auch  nekjs.nf,  n»>orn  usw.,  ÄZ.  39, 
130,  Anm.  i). 

mb.   betont   amänn,   amanu,    vgl.  Amänu{m),   Mai- 
a/iiana 
unbet.  aman  in  Aman-appa,  Aman-hatpi,  Aman- 
mnSa,   Aman- . .  .  ü 
ass.    betont    amünu    in    Un-niimnu;     (?)   nmane    in 
Urd{t)-amane 
(vgl.  auch  AmurtcSe) 
nb.    betont  amunu  in  Amunii-tapunnhti,  Pumünu 
(vgl.  auch  PatniiustTi) 
vgl.   hebr.  'jlttS  (Jer.  46,25) 

griech.  betont  Amoyn   (Herod.  II.   iii),   vgl. 

neTeAMOYNIC,YeN  AMOYNIC  (W.)usw. ; 
AmMCüN,     vgl.    0OIBAMM(ON    (W.) 

unbet.  AMON  in  AMONPACUNeHP,  Amon- 
oPTAicic  (Gr.  193):  AMEN  in  A«eNa)*ic 
(vgl.  auch  Amyptaioc,  TTeTeMec- 
eoYc) 

kopt.   JikAlO-Y«. 

(?)  ass.  Aiunrlesi'  (?) 

vgl.  griech.   Amyptaioc.    Amonoptaicic  ((ir.  193). 


iVi-l),  P.N. 
P.N. 


vgl.   griech.  AMeNü)<*ic 

kopt.  ne^.MUgj^Tn  usw.,  ÄZ.  39,130,  Anm.i. 

mb.    AinonmaMß)a. 


Keikchriftüches  Materini  zur  (iltägyptischen  Vokalisallon. 


45 


H  wl  I    '^  '^      '  "^'    "''"*'''^'    miistu   in  Paf-/ii{i}iintu 

1    AAAiW«     J — t      T     AAAAAA     =— r^-. — '    i — 1  .^ 

7/««-A'//y(?)-Wtt:;;G.N.  :       ^S^-  g"^<^^-  neieMecTOYc. 

(1  W  'lmn-htp(ir),     mb.    Amanhatpi 

p_  j^  '        vgl.   griech.  AweNueHC.    ^AweNwo 

I  kopt.  nik.uHg^JvTH   (AZ.  39,130,  Aiuii.  i). 

*lmn-lyf-nht,  P.  N.  |  nb.    Amnnutapumihü. 

ö  'ln(w),  O.N.     .   .   .  :  mb.   Ana 

ass.    ?7nM 

vgl.  griocli.  ÜN 
kopt.  o)u. 

ass.    r/r  in  Iptih-ar-U'-üu 

(vgl.  auch   Arnurtf^se) 
nb.    f/7'  in    Tihut-ar-tai-s,    Ti/jul-ar-fr-si 

vgl.   griech.  op  in  Gotoptaioc:   gp   in  OeecTePTAic. 

mb.   rra  in  Napt-era. 


■<ss>~  ir(j),    »machen« 


faß. 

usw.  /(/)nü,  »Strom« 

» Sümpfe « . 

<'/,    »groß« 


fgg^^^^^^WM^N. 


vgl.   kopt.  *w(3revu  (AZ.  1  878,1  7)? 

ass.    ;V//v/  in  Jaru-^n 
vgl.  liebr.  ms",  is-' 
kopt.  eioop. 

ass.    nfhü   in    Nathü 

vgl.   griech.  aöu   in    Naoü). 

ass.    )'M  in  .l(iru-,'ü,   Pir-'n:   (?)/r7  in   /*i-s(ip/i-ya 
(?)  nb.   'V/   in   Ad-ki-Esi,' 

vgl.   griech.   au   in   Oapau  ;   u)   in    XNOYBUNeBiHB 
kopt.   JkO    in   p.wAt.\o ;     o    In    pjf>t>,     oA'Xo, 
cifpo   nsw. 

(vgl.  auch  nÄ.5(o.u(>).  m^o(o.wo,  l'SEA. 
21,247). 

(?)   ;iss.   ijasit   in   St/-imsi{ 

vgl.   griech.  oytoj   in   Boytu. 


46 


II .     K  A  N  K  K  : 


U-^  ^  10'^w,  "Of- 
fizier«. 

^  -    ^  ö/\  V§^  wnwtj, » G e- 
sandter«. 


?üra 


^^^"^^^^    Vi«-7/Am, 


-VWVVS      I   AA/VW^ 


P.  N. 

^^   /or,    »groß« 


1'^    wjrs,     »Kopf- 
stütze « . 

jI^s^I  w*^.V(?)  (vgl. 

lü-maii,  AZ.  46,92  ff'.), 

G.  N. 


«w(r)    » stark « 


/i;^  K.  N. 


»■{//,»  heil,  ge- 


sund sein«. 

P.  N. 
'%^   fo,    »Widder«    .   . 


mb.  weht,  jvehu,  rveh;  ioe{>')a,  w'e{i)u\  we;  ue[})u,ue. 

(?)  mb.  tipuii. 

ass.    uti  in  Un-amUnu. 
ass.  Ufianiünu. 

mb.    M7'<rfl,  tüir«  (oder  /ü/;>-a,  M'm)  in  Fawl(e)rn,  Pi- 
wt{e)ri,  pawi(e)ri{?) 

vgl.  griech.   Gcohpic,   Ocopohpic  usw. 
mb.   uruSSa. 

ass.   uMru  in    Pv^iru 

vgl.   aram.  ■'T'Ol  in  ■'TClüB 

griech.   Ycipic,   Ocipic,   rTereociPic  nsw. 
kopt.  o-ycipe. 
mb.   wa§  in  Was-vivM-RUa 

vgl.  griech.  oyci   in   Oycimaphc. 
mb.    Wasmuiarikr 

vgl.   griecli.  Oycimaphc. 

(?)  ass.  iisi  in  Usi-hama'' 
vgl.  kopt.   o'Y'JSi^». 

(?)  ass.  i Lsi/i(m.s-n . 

ass.    In  in  Bi-n-leU  (für  *  Pikinfeti?) 
vgl.  griech.   bg   in   GcseNAHTic. 


'   \'gl.  s.  87  f. 

"    Ein   Wairnar'^a   neben    Wa.smtiania  (\'gl.  IMaspeni,    Ifeciieil  32, 72  IT.)    existiert  meines 
Wissens  nicht. 

■'    Aram.  -ji    (Spiesellieri^,    a.a.O.  S.  8)    ist    wohl    niclit    liicrlier   v.n  stellen.     .Semitisch 

würde  man  ein  ::  als  Wiedergabe  des  ^^   erwarten.     Ül)rijj;ens    ist   der  Name  riTn  vielleicht 
nicht  vollständig. 


KeikchriftlicJies  Material  zur  altäyyptm-hen  VokalLfatton. 


47 


» Baum « . 
y^  hjtj,  »König von Un- 
terägypten « . 

G.N. 


(?)  ass.  Im  in   Har-ti-hii 
vgl.  kopt.  feco   »Bauni". 

(?)  mb.  %a  in   insil)ja. 


^^^ß/.sV(.0,G.N.(vgl. 
S.  33,  Ainn.  4). 


«^  >^   hk,  » Diener 


ass.   hinteti  in  (Pi-?)binßti 
vgl.  griech.  Gcbenahtic 

kopt.  nf^utfitTH-^  (Amelineau,  Geogr.  309^) 
ass.    m/W^/  in  Fut-ul)esti 
nb.    Wfl.'?/M  in   Pal-uastu 

vgl.  griecii.  betont  in  Boybactic,  neroYBACTic,  FTe- 
TOBACTHC,   FTeTosecTic  (Sp.)  usw. 
unbet.  in  Oboctoptaic  (Petrie  Pap.  11), 

OBGCTePTAIC 

kopt.     o'YßfC'\-    in    To^j'po-Yfst'CT-^    (Krall, 
Rainer  S.  72),  T.wo-yo'Yfifi^T»  (Gruni,  (lat. 
Brit.  Mus.  Nr.  529,3),   o-y^vc-^  in  fco-YA-f^- 
(vgl.  aucli  nÄ.TO-y&Ä^cTÜ,  Berliner  kopt. 
Urk.  78,2?) 
ass.    hitkku,  /mku  in  Bukku-nanniHpi,  Bukurninip 
vgl.  griecli.  bok  in  Bokxopic  usw.,  Bokonchmic  (Pap. 
Leiden  N,  (ol.  II,  10) 
kopt.  6u)K    »Diener«, 
ass.    BukkunanniHpi. 
nU)-ni(^Wo),  P.N. 

"»^         "'^'^^ Bk-n(j)-     a.ss.    Buk-ur7iinip  {ixir* Hnkiinrmip;\gl.S.2-j,An\n.Ti) 
rnf    P  N  ^8     griech.  Bokxopic,  Bokxupic  usw.,  Boxopinic  (Pe- 

trie Pap.  111)'. 
mb.   pa  in  Pa-h<ir>i-näta,  Pu-hura,  Pa-njn-inahii,  Pa- 
irira,  pa-irn-i(?);  pi  in  Pi-Iiur<i,  Pl-wirl;  pic  in  Pu- 
hura  (vgl.  S.  71,   Anm.  1). 
ass.   pa    in  Pa-kruru,    Pa-tu-resi;  pi   in   ß-pi-/iiStu, 
Pi-Sa-ti-liüru 

vgl.  kopt.  ni,  n(€). 


ßk- 


/>/,   »der«  (Ar- 


tikel; vgl.  auch 


'    \'^1.   tiriflilli.    Rylands   I'apyri  III,  214   Anm.  4.     Zu   KX   neben   x   y^\.  Mayser,  Orain- 
uiatik  d.  griecli.  Papyri  §  35. 


48 


H.   Ranke: 


p>\-n],  «dewoii, 
geliörig  zu«. 

P.N. 

^¥l!i'^''-*'"-»-"-' 

P.N. 

i[rj)-n-]Jr,  P.  N. 
°''^'rN^^A'-/.7T,P.N. 


}>!  -  (Ij,  » (1er,  wel- 
clieii  .  .  .  gibt«  (liäu- 
Hgcr  Bestandteil  von 
Eigennamen). 


P,'-(/j-'iiiin-itnji?)-t,'iy, 
P.N. 


Bii({-t),  P.N 


P;-^/;- 


nb.    p(i'?)  in  Pa-kiki(^),  P-amUnu 

vgl.   griecli.   ha  in  TTahcic,  fTAMtoNeHC  usw.  (W.) 
kopt.  na>.   » der  von « . 

mb.    Pawira,   Pinnri  (oder  Pairera,    Piirn-i) 
vgl.  griecli.   TTohpic,   TToyhpic. 

mb.    Pahaiiinäld,    Pahanate. 


(?)  mb.   Pahura,    Piljvva,  Puhuro 
vgl.  griecli.  rTxoiPic. 

ass.    Piianhw'u 

vgl.   griecli.   YeNUPOC  (W.),   Ygnypic. 

ass.    Pakrüru 

vgl.   griecli.   FTeKPOYPic. 

ass.   piii{u)  in  Putu-Paiti.  Pu/u-rnhesu,  Puf-nhe.s/i:  puti 

in   Puti-hurü 
nb.    pat{a)  in   Patu-nl- ICsU,    Pal-]<Jsi>,    P<it-)n(i)tislM, 
Pat-Niptemu,  Pat-  Uosln 

vgl.  hebr.  ■^aiE  in  yns^ciE' 

griecli.   noTA    in   TTotacimto   (Abusimbel): 
neie,  hate  in  TTeTeHCic,  TTATeHcic  usw. 
usw. ;   nex  in  TTeTHCic,   FTeTociPic  u.sw. 
liopt.  ncTc  in  ncTfiio'yTe  (ÄZ.  6,66). 

nb.     Putntimlü,   PapinistU 

vtrl.   srriecli.    TTeTeMOceovc.    TTeTeMeceovc. 

ass.    PutulirMi 
nb.     Patlunxtv 

vgl.  griech.   TTeTOBACTic,  TTeTOYSACTic,  TTeTOBACTHc 


'  Vf^l.  auch  den  liebräisclien  Mischnainen  5sio-!e.  Für  ass.  und  hebr.  ptit(u),  puti  bzw. 
^-j-s  sowie  i^fiech.  noTA  i;egenübor  nb.  7x2/(0)  und  griech.  nAT(e),  neT(e)  weiß  ich  keine  Erklärung. 
Sollten  hiei-  dialektistlie  \'er.sohiedenlieiteii  ini  Ägyptisciien  zugrunde  liegeni* 


KeiUdiriftlkhes  Material  zur  aUägyptlscJien  Vokalisatlon. 


49 


D 


j)5^  p>-<ij-m, 

P.N. 


D    -2x> 
P.N. 


P^-(ij-m>%<<^, 


^j|5^P/-rfi-«/- 


D 


*P^-dj-Nj\r)-tin\   (J.N. 


n 


pr,    »ll.'ius« 


'pr-f'i, » großes  Haus« 
(Titel  des  Königs). 

O.N. 


?§Bi 


Pr-i;- 


n/j-Dd{-t),  O.N. 


nb.     Pnta>'esi;{?),   PapesU,  Patesu(?) 

vgl.   griech.   rTeTeHcic,  TTATeHcic,  TleTHCic,  TTeTicic 
(Arrian,  Anab.  III,  5.2). 

(?)  ass.  PutumheSu. 


nb.    Patan{i)?esU 

vgl.  arani.  X83aE  (?) 

griech.  TTeTeNiHcic  (Petrie  Pap.  III). 

nb.     PatniptPinu 

vgl.   griecli.    TTeTeNeoeiMic   (PSBA.  27,51)-':     TTa- 
TCYTHMic  (Gr.  260,  Anm.  i). 

ass.  pir  in  Pir-^ü;  pi  in  Pi-hntti-hüru-n-pi-kf,  Pi-n- 
teti,  Pi-Sapti-iü,  Pi-Saptu;  pu  in  Pu-nühu  (vgl. 
S.  71,  Anm.  i) 

(vgl.   auch   PuSfru  und  S.  83) 
vgl.   griech.  nep  in  riepxMACciNHiT  (Goodspecd, 
Greek  Pap.IX);  *ep  in  0ePNOY«ic  (Oxyrh. 
Paj).  III,  142,25;  143,27) 
kopt.  (n)Hi   »Haus« 

(vgl.  auch  imio'Y6,  Amelineau,  (Jeogr. 
349)- 
ass.    Pir>u,  Piriü 
vgl.   griech.  Oapau 
kopt.  (n)ppo. 

ass.    PuSiru 

vgl.   griech.   Boycipic 

kopt.  uo-ycipc  (Crum,  Rylands  Cat.  S.  252). 

ass.    Pinteti,   Bintetl  (für  "Pilßinteü'^) 
vgl.  griech.  Menahc. 


'    Ich    kann    den    Namen   ägyptisch    nicht    nachweisen    (vj^l.  al)t>r    ^^   A  I  Njj^c  p  p  ^ . 
PSB.A.  8, 88). 

'    Den   Hinweis  auf  diese  Stelle  verdanke  ich  W.  Spiegel berj^. 
Phü.-hist.  Klasse.    1910.    Auhany.    AUL  IL  7 


50 


n.   Ranke; 


f\f]  phij,    »Stärke«    .    .   i 


K.  N. 


D 


dj-su;  P.N. 

UM  ''">-'"'■  '-'■''■  ■ 

(?)  pd-t    »Bogen«     (vgl. 
S.  i6,  Anm.  2). 

?rt,    »in«    (Präpos.) 

tn     mit     Suffix     der 
3.  Pers.  Plur.). 

^  -^  m;c(.t),  «Wahr- 
heit«   (vgl.  S.  871".). 


ass.    Punubu 

vgl.  kopt.  niuo-Yfi  (Quatreniere,  Mein,  geogr.  1,43). 
ass.    P'daptu,  Pisapü-. 

mb.   *pa[Hta  in  M.in-pahi(i'l)l(i-ri>a 
vgl.   grioch.  CeNAHAHC 

kopt.  nu}€tt».ne!>.gi  (Zoega  75,33 ;  vgl.(fr.274, 
Anm.  4). 
ass.    Piäamelki 
nb.    Pisamiski 

'Vgl.   griech.   Yammhtixoc,    Yammatixoc    usw.     (Gr. 
201,  Anm.  3). 
mb.   betont  {p)tah  in   Hi-ku-(p)tah 

unbet.  tah  in   Tah-mnUi,   Tah-maja 
ass.    unbet.  iptih  in  Iptih-ar-ße-Su 

vgl.   griech.  0eAC,  MeNe*eA,  OeAwoNT  (Sp.),   Kep- 
Ke«eA,   OennTAic   (Gr.  195) 
kopt.  nTA-j^. 
ass.    Iptlhartesu. 

mb.  TalimaSSi. 


(?)  mb.   ?rtß  in  Pa-ri!a-iiia-hii 
ass.    ?//^  in   * Manti-me-he. 
(?)  ass.   /rtrtM  in  Sa-hpi-mäu 
vgl.  aram.  TQ  in  IB'^En© 

griech.  mooy  in  Camcüyc  (Petrie  Pap.  III). 

mb.  muiuiva  in  [Nhn\-)nu^uwa-nja;  7nü}a  (?«w/u/a?) 
in  {Nim\-mu-u-a-rija :  w;«/«  in  Min-tnu^a-riia,  NUh 
iim^a-rlia,  Was-mu^a-ri^a;  muwa  in  Ni{m)-mmca- 
r/ja;  mü  (muiu?)  in  Mim-mu-u-rya,  Nini-inu-u- 
rija;  mu  in  Mim-mu-rija,  Nim-mu-rJja 
vgl.  griech.  ma  in  Aamaphc,  Oycimaphc 
kopt.  M€  :  MHi   »Wahrheit«. 


Ci.N. 


)iin,    » bleiben «  . 


f^'^^ 


(SB  ^^»-tW-r^' 
K.N. 


KeilschriflUcJies  Material  zur  alllujyptischen  Vokalimtion.  51 

iiüj-fis^,     (?)  ass.  mheAu  in  Putu-viheSu 

vgl.  griech.  Apmiycic,   Apmioycic  (Sp.). 

1.  mb.  man{a)  in  Mannhpirja;   min  in  Min-iima-riht, 
Min-pahi(i-i)ta-rTia 

vgl.  grioch.  MEN  in  MeNxePHC 

2.  (?)  nb.    inenna  in   JJapi-nienua 
vgl.  griech.  Cokmhnic  (W.). 

ass.    Mempi,  Mimpi 
nb.     Membi 

vgl.   griech.  Mew^ic 

kopt.  Ämrjf   (B(;rliner  kopt.  Urk.  3i,V,  22). 

nib.   Manaljpirja,  Manahpija 

vgl.  griech.  Micophc,   Mic<t'PA(rMOYeü)cic). 


^  jj  Mnfir,  G.  N.     ass.    Manti  in  * Manti-ine-hr 

vgl.  griech.  betont  in  TTAMtoNeHc  (W.)  u.sw.,  0eA- 

MONT   (Sp.) 

unbet.  in  AAeNTewHC 
kopt.  MoitT  in  pMonT  (Berliner  kopt.  Urk). 


Mntw-7n-h;(-t),  P.  N. 


VOO  '"{'")/.    '•geliel)t« 


««;,    » erzeugen « 


mdir,   « Stab " 


ass.    *Mantimehe 

vgl.  griech.  MeNTewHC   (Pap.  Par.  Nr.  15,55). 

ml),    villi  in   Miii-Aninnn 

vgl.   griech.  mai  in  Maicngypic,  MAiewric  (tir.  275, 
Anni.  6):   mi   in   Miammoyn. 

1.  ml).   waA</  in  Hära-i/iaSSi,  Nahra-inaSii,  Tah-iiui^ii; 
iiia^{.s)a  in   A7nan-ma.^(.i)a 

vgl.  griech.  Amacic,  Amucic  usw.,  rfepxMACciNHir 
(Goodspeed,   Crreek   Pap.  IX) 

2.  mb.  »ta.se  in   Ri>n-niaSe-ki 
vgl.  griech.  PAneccHC. 

(?)  ass.  tnatu  in   iS-pi-inüju 
vgl.  griech.  GcnwHTic. 


52 


J 1 .    Rank  k : 


'      I  (1  ^  (^  iiidid,  ein 
Gefäß. 
"^    n»',    «die«     (Plural 
des  Artikels). 

*N;-n-;s{-t),  P.N. 

"w^   n{j),  Genitivparti- 
kel. 


nj,    »nur» 


«?(•/),    »Stadt« 


nl),    »Herr«    . 


(33  »■ 

m^<^(-t)-rc,  K.N. 
I      «6,    »Gold« .   .   .   . 

I^/iCrr-)/,»  Luft,  Atem« 


ml),    inazlkdd. 

as.s.    «?/   in  Nahtl-hurv-an-smi;  n{a)  in   Nalhii 
vgl.   griech.   n(a)  in    Nascü,    CNAxoMNevc 
kopt.  ii. 

(?)  nb.  Na^aSesii 

vgl.  kopt.  UÄ.HCI   (Amelineau,   (Jeogr.  272)? 

mb.   na  in  Salep-na-ri^a 
ass.    na  in  Buklcu-}ia{n)-ni>ipi 

(vgl.  auch  Buhirnlnip,   P'danhüru) 
vgl.  kopt.  ii  (Genitivpartikel),  ui  in  feeuine. 
nb.    n{i)  in   Pa-ta-n{i)-Esi) 

vgl.  griech.   ni   in  TTeTeNiHcic, 
kopt.  n&.i    »mir«, 
ass.    ««V<  in  Ni>i 

vgl.   hebr.   SD  (Ez.  30,14 — 16   und  öfter) 
griech.   n(h)   in  Yoycgnnhc 
kopt.  ne  (?ÄZ.  21,103). 
mb.    nili  in  NUhutu^a-rHa;  vgl.  NinnmiUi-rija 
(vgl.  auch   ass.  Pinteti,  Binteti) 
vgl.   griech.  betont  in  NexeNieic,  NeKTANiBic  usw. 
(Gr.  300,  Anm.  4) 
unbet.  in  XNOYMcoNeeiHB,  NeeoAU  (Gr. 
i73,Anm.2),  ApNeBcxHNic(Sp.)usw. 
kopt.     betont  nnfi   »Herr« 

unbet.  ncfi  in  «cfsHi,  nffeioji  usw. 

mb.   Nihniu>arh'o,    Nim)iiu{a)rTja,    Nimmurjn  [Nim\- 
tnuy'uwanja,  Nim{m)uwanja. 

ass.    nühu  in  Pu-nübu 

vgl.  kopt.  no'yfe   »Gold«. 

ass.    ni;ipi  in  Bukku-na{n)-ni>ipi 
vgl.   griech.   neTeNi«ic 

kopt.  niqe   »Atem«. 


hellschriftUrlies  Material  zur  aüäyyptischeii  Vokalisalion. 


53 


I         /'/{/•),  »gut, scliön«      mit.   betont  nap((i)  in  Ri!a-näp(n) 

unbet.    nap    in    Nap-hii>uru-rfJ<i   usw.;    nl])    in 
Nip-hurri-rija 

(vgl.  auch  ass.  Meinpi,   Miiiipi) 
nb.    nip  in  Pat-nip-tPinu 
(vgl.  auch  Membi) 
vgl.  griech.  betont  in   Apnoy*ic  usw. 

unbet.  NAoep  in  Tna^epco  (Sp.);  Ne'oep 
in  Ne«epxePHC,  Neoepwc  usw.  usw.; 
Ne«   in  TTeTeNe^eiMic,   neTeNe<t>a)THc 
ko2)t.     betont  no-Y^e   »gut« 

unbet.    HJvfetp    in    Ui\fe«pjo   (('nun, 
\  Cat.Brit.  Mus.  Nr.  1 020,1  u.S.522). 

I«=i:>  nßj-)t,  »gut«  (Fe-  >  mb.    napl  in  Napt-fra 

mininum  von  nfr).  vgl.  NASpe  in   PcNONABPe  (Sp.). 

J^H*^  Nf{r)t-irj,      \  mb.    Naptera. 

P.  N.  j 

T  T~^  ^    ^f{i')-t"t,  i  nb.    niptnini  in   Pal-niptcniu 

(j_  jij  vgl.   griech.    NeoeHMic    (Hermes   22,143),    l^ei^ic 

(Gr.  189, 260),    riATeYTHMic,    TTeTeNeoeiMic. 

J^  T)   "'"*("0j   »eine     mb.    naiusa. 
Art  Krug«. 

^  -^    nht,   » stark 


.sem « 


ass.    mihti,  nahlu  in  Nahti-jjuru-an-i^t'nl,  Nahtu-lJnp- 
pU;  nihti  in  Nihti-ES-arau 

vgl.  griech.    NexeMcoNeHc  usw. 

T^  nt'l,    »Stärke«      ass.    nahti  in    Tap-nahli 

nb.     ruihti  in   Amünu~tap}(-nu(ili 

vgl.   griech.   in   TexNAKiic,   Tneoaxocc 
kopt.  n&.iUTf   »Stärke«. 

ass.    l^'i/jÜiesarau,  Nihtiäarav. 


}d{-t)-lrw,  P.N. 


N/U- 


*Aht-Ifp,  P.  N nb.     Na/itnhappiy' 


54 


H.    R  A  N  K  K  : 


9 

N/jt-Hr-n,'- 
ämij,  P.  N. 

■^  (?/).v,    »geliörig  zu« 


AV\/SAA     I 

ö     Ol 


ass.    JSolitlhuruyanseni. 


wrfw,  r.  N. 


1  ?//(?•),  «Gott«    .   .   .   . 


(s  III  ('>•'">  »gegen  sie« 
(die  Präpos.  r  «ge- 
gen«, mit  Suffix  der 
3.  Pers.  Plur.). 


oJ  /i:^G.N. 


fiss.    /.<■  in  Is-pi-mäpu 

vgl.  griech.  ec,  ez  in  GcnwHTic,  €cminic  usw.,   6z- 

BeNAHTIC. 

(?)   ass.  iSphnätu 

vgl.   griech.  GcnMHTic. 

ass.    Nikkü,  Nilcü 

vgl.  griech.  Nexuc  usw.  (Gr.  243,  Anin.  7). 

mb.   nata  in  Pa-ham-nata 

ass.    nüti  in  Pahnuli  (?),  Zafhnüti 

vgl.  griech.  rTiNOYTic  (Sp.),   CeNoveic  (Sp.),  Ccn- 
nNoveHC  (Sp.)  usw.;   CeseNNYTOC 
kopt.   no-yre. 

ass.    arau  in  Niht{i)-es-arau,  Niharau{?) 

vgl.   griech.  apay  in   NexeAPAYC  (Gr.  196);   ap(i)(y) 
in   Inapuc,    Inapcoytoc  (Petrie  Pap.  II) 
kopt.  ijpoo'yrepoiO'y  :i^pÄ>'Y  (vgl.  mujTcpoo'Y, 
Murray,  Saqq.  Mast.  S.  29  und  nijis.pA.'y 
usw.,  oben  S.  31    und  Anm.  2). 

mb.  ri:(,')a  (vgl.  S.  87  f.),  nja  in  MimmU-rija, 
Min-mua-n{i)a,  Min-pahi(ri)ta-rt(^)a,  Nap-huiwu- 
rtja  usw.,  Nib-mua-n{})a,  [Nim]mufuwa-nja  usw., 
Niphurri-rtja,  ^atfp-na-ri(i)a,  WaS-niua-rT{^)a; 
n{/)a  in  Pa-ri{^)a-mahü\  ri{i)a,  rija  in  Ri{>)a-maSe- 
ia,  Ri(i)a-n(Jp(a),  Rija-manu  . . . ;  verstümmelt,  in 
Manafipirja,   Mmiahpija,  Nimmurja 

vgl.  griech.    betont    Ph  ;    ferner    in    Aamaphc, 
MeNxePHc  usw. 
imbet.  PA  in  PAweccHc,  Amonpacun- 
eHP  usw. 
kopt.  sah.  pH,  achm.  pi   »Sonne«. 


KeilschriftUclies  Material  zur  alt(Ujijptu<c}ien  Vokallmtion. 


55 


r®(|]Pl^J     ^''-fri^-^,      !  öib.   RiUimaUeäa 


K.N. 


P.N. 


vgl.  liebr.   OOWi 

griecli.  PAweccHC. 
inb.   Ri^anäp{a). 


rn,   »Name«   .   .  j  ass.    V/n  'm  Bukunimip  (Cnr    Bukiinrniip.  vgl.  S.  27, 
Anm.  3) 

vgl.   griecli.  Bokxopic,  ArxopiM<i>ic  (Oxyrrh.  Pap. 
VI);     OcepiNi[oCj     (Gr.   199.    Anm.  1): 
AxopiNic.   BoxopiNic   (Peti'ie  Pap.  III) 
kopt.  pa^n,  piH'*   »Name«. 
P-,   ^^^^Ö    i'h<l(-l),     ein     (?)  mb.  rahta 


Gefäß. 


vgl.   kopt.  pu)£Te  »Kessel«. 


I  rh,  »Bekannter«.  '  (?)  mb.  ruhi. 


IW 


X     .  rij,    »sütllich« 


{r)dj,   » geben « 
I .   Infinitiv  (?) 


2.     Relativform    (siehe 


[]j^  /,?(./),   »Haus. 


(?)  ass.    rcsi  in   Pa-tu-ri-si 

vgl.   griech.   phc   in   rTAeoYPHC,   ^AeuPHC 
kopt.  pHc  »Süden«. 

ass.    tfi  in  Jpti/j-ar-tf-su,   Aiiiur-te-.if  (y) 
nb.     tili  in   Ti/jut-ar-tai-s:   ti'  in    Tihut-ar-tP-si 
vgl.  aram.  nD"'t2T3n(?) 

griech.   Gotoptaioc,   Amyptaioc  usw. 

kopt.   ■^,  Ta^ev*  » geben « . 


mb.    Iji  in   Hi-ku-ptah 

ass.    Art  in   IJatlj(i)ril>i:    halli  in   Pl-hntti-hürn-n-piki . 
vgl.   griecli.  betont  *y   in    Ne<t>eYc 

unbet.   *AT    in    Agyp;    a    in    Aepisic, 
Ayapic   usw. 
kopt.      betont  *g^u)  in   nefeeo) 

unbet.   *£^*wT  in   j&.ec»)p;   ge  in   j^e- 
HCCTC ;   iw  in   e^epiif»,   ^vTpl^f . 


Sfi 


TT.   Ranke: 


L     "^   ^j|    //?/-//?•('«'),  i  ass.    hattihüru  in   Pi-hattihüru-n-pikt 
Q.  f^  vgl.  aram.  "nnnn  (Monat) 

griecli.  betont  Aevpi  (Plutarch,  Delsidesö); 
vgl.  TereAeYPic  (Petrie  Pap.  TIT) 
unbet.  Aeep  in  AeePNeBeNTAire(i)c(OI^Z. 

1909. 530 
kopt.   §*^©cop. 

mb.    Hikuptah,  IJikuldh. 


k^-Pth,  O.N. 


ih,  O.N. 


-^  /«,'(•/),  »Vorderteil«, 
»Anfang«. 

Owi  Imi,    »Diener«     .    . 

IySt  li»i-^iA,r),  »Uotte.s- 
diener«  (ein  Priester- 
titel). 

§5^  ¥'    »Apis«    .   . 


1^"^        ^  Vp-fnn, 
P.N. 

I  ^    S)'^//nw-.%-(?), 

T  AA/VWi  Jj  VC? 

O.N. 


ass.    Hatk(i)rTbi,   Hal/i{a)7'Tha 
vgl.   griecli.  Aepisic 
kopt.   &.e^pH&i 
arab,  wO  Ji . 

ass.    he  in  * Mantl-me-he 

vgl.   griech.   h   in   MeNxeMHc 

kopt.   2^H,   jHT«   »Vorderteil«. 

mb.    hmii  in  Pa-hmn-näta 

vgl.   griech.   <t>OMMOYC,   ^ewniAic  (Gr.  195). 

nib.    hamnäta  in  Pd-hatiinälu ;    hanäte   in  Pa-hanüte 
vgl.   griecTi.   *eNT   in   4>eNTeNMOYToc  ((ienotiv) 
kopt.   £out(?). 

(?)  ass.  unbet.  hpi  in   Sn-hpi-mäu 
nb.     betont  happil    in  NalUu-happl> ,   Uk(y,  k)-Jiappi) 
unbet.  Aap«  in  Hapi-menna 
vgl.  aram.  "'Bn  in  'jTa'^Bn,  -iBrirey  usw. 
griech.   Anic;  vgl.   FTAAnic  usw. 
kopt.  g«>.n. 

nb.    Hapirnenna 
vgl.  aram.  'j'a"'Bn. 

ass.    Hinirdi 

vgl.  kopt.  g^t\Hc(z.B.(i-um,Cat.Brit.Mus.Nr.  532) 
arab.  ^J«U:?!. 


KeihchrifllicJies  Material  zur  altägyptischen  Vokalisation. 


57 


y  Ar,   »Gesiclit«  (?) 


I  hr,   »auf« i  mb.   Hh  in  ku-iih-hi 

(vgl.  auch  ass.  Uatharlba,    Hathirlhi) 
vgl.  kopt.  ö>.g^  in  sali.  ki2<.2k,   boh.  ;)(;^ol^v.gK  (ÄZ. 
39,129),  achmim.  CT-e^g-gcane  usw. 

ass.    hS  in  t^i-hä 
nb.    hni  in  Si-haf 

vgl.  griech.  xw  IuTaxwc:  00  inTecoc,  NeoGPuc  usw. 
kopt.  go   "Gesiclit" 

(vgl.    i\».£iepgo,    ('nun,    G;it.   Brit.   Mus., 
S.  548). 

3  Ifr(ir),  (i.N.   .   .  i  mb.    betont  hära,  vgl.  Ifära,   nara-)iialii 

ass.    betont  hüru  in   Nahti-hüru-an-seni 
(vgl.   auch   Pi-hattihüru-n-pi-kT) 
unbet.   har  in   Har-sija-eliu,    TJar-li-hu  (V) 
(vgl.  auch  NiliardH?) 
vgl.   aram.  "iin 

griech.  betont  üpoc;  ferner  in  YeNcopoc  usw., 

OopcüP    (Oxyrh.  Pap.  111,  143,11); 

YeNYPic,   TTejeYPic  (Gr.  189)   usw. 

unbet.  AP   in  Apcihcic,  Apohpic  usw.; 

ep   in   CeNePMHoic   (Sp.) 

kopt.      betont    go>p:    vgl.    auch     gciipciHC» 

(Zoega  301 ,  10),   nigüjp   usw. 

unbet.  gA.p  in  g*.pnu}ioT  (ÄZ.  38,75). 

ass.    Ifüru 

vgl.  kopt.  gtop  (Cruin,  Cat.,  S.  558). 

mb.    llärajimSiii. 


ass.    Uaraija'Piiu  (vgl.  S.  83^  und  86,  Ainn.  3) 
vgl.   griech.  Apcihcic 

kopt.  goipciHci  (Zoega,  Gat.  301,10) 
gc«)pciHce  (ebenda  372,14). 

(?)  ass.  Ifartilm 

vgl.  griech.  Aptbwc  (Sj).). 


^^//r(A  P.N. 


(/r-///A'(H;),P.N. 
/*(•/),  P.N. 


IM.-Aut.  Klasse.    1910.   Antiang.    Abh.  II. 


58 


H.   Ranke: 


Ifl]  l\  lt-y>  »gelobt« 
(Beiwort  der  Ver- 
stor})enen). 

/itp,  »zufrieden 
sein  '<  (Pseudopart. 
3.  Pers.  Sing.). 


g  /jpr,  » 


Wesen  o.  ä  « 


ass.    hasaja 

vgl.  griech.  AciHc  (Sp.) 

kopt.  ge^cie  in  fetoKÜg^jikCif  (ÄZ.  46,132  ff.). 

mb.   halpi  in  Avum-hatpi 

vgl.   griecli.   ctJAMeNue,  AweNCüeHc,  TTeTeNeoueHc 
kopt.  ^*>.Tn,  goTn  in  n^^MitjA-Tn,  ne^pcMgOTn 
(ÄZ.  39,130,  Anm.  i). 

mb.    {a)hpi(r)  in  Manahpirja 
vgl.   griecli.  CAxnHPic? 

kopt.  ujnHpe   »Wunder«  ? 


Ijprw    (Plural     von  |  mb.    hu 'wu  in  Nap-liuywu-rl{ ja] ;  hwum  Nap-hurii- 
/^pj.\  rJJa ;  lmr{r)i  in  Nap-huri-rija,  Nip-hurri-rlja ;  [AwJ/'a 

in  [Nap-hu\ra-[i-i-j\a;  hur  in  Nap-hur-rtja;  hu  in 
Nap-hü-rija  (vgl.  IJürija) 

vgl.  griech.  xep   in   AxeppHc. 


ZIIlS  Ilmnw,  0.  N. 


}M  i' 


//«6w,  G.N. 


.2s. 


^lMi),"Sy- 


rer« 

-9     I 


a/,  »Sohn« 


^5^^®'    ^K 


Si{w),  O.N. 


ass.    H{i)muni 

vgl.    kopt.    UJMO'J*«. 

(?)  ass.  haniia  in  Usi-hania 

vgl.   griech.  YeNxcoNcic  (W.)  usw. 

kopt.  ujoHc  in  ^^lvlgonc.  TMO-yigonc,  (Ame- 
lineau,  Geogr.  516);  u]&.nc  in  ne>.u|«knc, 
TeptoTÄ.u|*wHc   (Amelineau,    Geogr.  494). 

(?)  mb.  Ijura  in  Pahura,  Pihura,  Puhura 
vgl.  griech.  Tlxoipic  (ÄZ.  30,119). 

ass.    sija  in  Qar-sija-eSu 

vgl.  Apcihcic,  gcopciHci,  riepxMACCiNHiT  (Goodspced, 
Greek  Papyri  Nr.  9)  usw. 

ass.    Saja 

vgl.  griech.  Caic 

kopt.  cdwi  (Zoega,  Cat.  108,45). 


Keikchrlßlic/ies  Material  zur  altäyyptMien  Vokalisation. 


59 


1  v\  sw,   »er,  ihn«     .   . 

A|,     Spdw,  G.  N.    .  . 
n    i> — >  slp,    »erwählt« 


Stp-n(j)-r<-,  K.  N. 


A 

1  ^    *•/«;■(?),     »König 

T  AVlAA^ 

von  Oberägypten«. 

MflJ^g  ^^'^>t'    ein 
Gefäß. 


X  ^A I  ^n-iCy » Bäume « . 
(1^  aVj,  »Kind«  .  . 


r~n~i 


ass.    Sijautu 

vgl.   kopt.  cioo'YTccuoo'yT 
arab.  -bj-w~'  • 
mb.   .«Ja  in  Riia-maSe-än 

ass.    .s'm  in  IpHh-ar-te-Su;  .ic  ih   A  mur(?)-te-se 
nb.     s/  in   Tthut-ar-te-sl  (vgl.  auch  Tihul-ar-tai-s) 

vgl.   griech.  PAweccHC,   Amonoptaicic  (Gr.  193). 

ass.   ^flp//,  .*rtp/M  in  Pi-Sapti-Sä,   Pi-mptu. 

mb.   iö/^  in  Saiep-na-rit'a 

vgl.  kopt.  ccoTn    »erwählen«. 

mb.    Satepnarihi. 

ass.   ^i  in   TJinin-^i 

vgl.   griech.  cu   in  AmonpacjOnohp   (vgl.  Sp.  S.  26, 
Anm.). 

mb.   Su^ilxia. 

ass.    Safiakil 

vgl.  griech.   Cabakun. 

jiss.    .«/^rt/  in  Nahti-hünt-nn-srni 
vgl.  kopt.  lyHu  »Baum«. 

ass.    Sa  in  Pi-Sn-n-(iüru 

vgl.   griech.  YeNcopoc  usw.  usw. 

kopt.  ujHpf  »Kind«;    vgl.  auch    uj^iio-yTe, 
uj€itfT<oM  (ÄZ.  1893,42)  usw. 


T>T>J^    ^"^  "^  1k  1"^  ,  (?)  ml'-   ^eräanu,  Serdnni. 


P.  N. 

z^^    krr(ir), 
» Frosch « 


ass.    Susinku 

vgl.   griech.  Cecurxic. 

ass.    krüni  in   Pa-krürn 

vgl.   griech.  Kpoypic   (Gr.  274,   Anm.  9) 
kopt.  Kpo-Yp    »Frosch«. 

8* 


60 


H.   Ranke  : 


M  k>,  »Geist  o.  ä.« 


IcH-t),    »Kuli«  .    .   . 

VTVö  ''''-^■'^-'^'  (eine 
Art  Gefäß). 


^^'^^Hi 


» Nubien « 


u% 


A 


u- 


5  J\  hj{n),  » Wagen- 
lenker « . 

tS,     »die«     (Artikel 
fem.  sing.). 

t>[-n\,  »die  von,  ge- 
hörig zu«. 


ü,   »Jjand«  .   . 


mb.   betont  Im  in  zah-na-kü 

unbet.   ku  in  Qi-ku-ptah,  ku-!lh-ku 
vgl.   griech.  ko  in  Konoyoxc;   xoi  in  Xoiak,   Xoiax; 
xe  in   MeNxePHc,   Ne«epxepHc 
kopt.  5^01  in  5(^oi«.gK,  KI  in  KidwgK. 

ass.    kl  in  Pi-hattihuru-n-pi-ki. 

mb.   kufihku  oder  kuUihku 
vgl.  aram.  7n"'3 

griech.  Xoiak,  Xoiax 

kopt.  sah.  KiA.gK,  boh.  DQOiÄ.gK. 

mb.   KaSi 

ass.    Kusi,  Kusu 

nb.    Küäu 

vgl.  hebr.  »13 

griech.  TTakycic 
(vgl.   auch  griech.  TTeKYCic,   AeKvcic  (Sp.) 
kopt.  cfTioui :  eecoig    » Nubier « ). 

(?)  mb.  kiizi,  guzL 


(?)  ass.  ti  in  Qartibu;  l{ä)  in    Tapnahti 
nb.    Ufl)  in  Amunu-tapu-nahti. 

(?)  nb.  ta  in   Ta-he  . . . ,   Ta-tä . . . 

vgl.   griech.   ta  in  Tahcic   usw.;    ti   in  TiMOveic, 
TlXNOYMIC    (Sp.) 

kopt.  TA.   »die  von«. 

ass.    tu  in  Pa-tu-resi 

(vgl.  auch   Hathinbi,  fjathartlxi) 
vgl.  griech.   eoY,    eto   in  TTaooyphc,  <t>Ae(i)PHc;  tc 
in  TTTeNGTü) 
kopt.  TOteo   »Erde«. 


Keilschriftliches  Matei'ial  zur  ulläyyptischeu  Vokalisatimi. 


61 


^  thrj,  »die  beiden 
Länder«  (Bezeich- 
nung   für  i'kgypten). 


W 


Tj,  P.N. 


P.N. 

N^  im,    »vollkommen 
sein«,  siehe  Nfr-tm. 


(^^^Tkrk,   K.N. 


X-fl 
men«. 


fAj),     »neh- 
■^^Ö   Tl)-nt{r),  O.N. 

^  ^  IM«-//;  (^.  N. .  . 


nb.    tu  in  Put-m{i)-us-tü 
vgl.  aram.  in  in  inro' 

griech.  toy,   eov   in   Comtoyc,   TTeTeMecooYc 
kopt.  Too-ye  in  gToo-ye. 

mb.    Teje. 

ass.    Tapnaljli  (vgl.  nl).  Amimii-Idpiimüjii) 
vgl.  griech.  TNe*Axeoc  (Diodor  I,  45,2). 


ass.    Tarkv 

vgl.   griech.  Tearkun. 

(?)  ass.  sn  oder  ki  in  S(i{i)-/jpi-7/iav 

vgl.   griech.   ca  in   Camuyc  (Petrie  Pap.  III). 

ass.    Zalmüti 

vgl.  griech.  CeseNNYioc 

kopt.  'xefmo'Y'V»  •scfeeno-y^  (Gr.  1 99,  Anm.  i ) 
arab.  ■:>. 


ass.    Sa^onu,  SiHnu  (oder  Se^enu) 
vgl.  griech.   Tanic 

kopt.  'x&.A.u!  (Nuin.  13,23) 
arab.  qL*o. 

nb.     t(i)hut  in    T{i)hut-ar-tai-s,    2\i)hut-(ir-te-si 
vgl.  aram.  nnn 

griech.  betont  GcjYe,    XeceuYTHc,    Apguythc 
(Petrie  Pap.  III)  usw. 
unbet.    eoT    in    Gotoptaioc,    öoreYC 
(Gr.  262,   Anm.i)  usw. 
kopt.  eoo'yT  :  etoo-^-T  (ÄZ.  1883,  95,  Rec. 
23,199  ff.). 


'    Dieser    Name    (Spiegelberg,  a.a.O.  S.  10)    entsjniclit    gewiß    einem    ägypt.    SmS-tSn-j, 
griech.  Comtoyc. 


62 


H.    R  A  N  K  K  : 


Dkwtj-Ur-dj-sw,  P.  N. 


*nd-W,'dj{-t),  P.  N. . 


nb.     T{l)hiit>arta}ls,   2\i)hnt)'artesi 
vgl.   griech.   9otoptaioc. 

(?)  ass.  vom  in  Su-uasu 

vgl.   griech.   oytw  in   Boytu 

ass.    si  in   »Sf''-^''^ 

(vgl.  auch  Su-uam) 
nb.    .?/  in  Si-ha' 

vgl.   griech.   xe    in   Teioc,   Tecre^Yrxic   (Gr.  192); 
TA   in  Taxcüc 
kopt.  «(.o,  •XI-,    ».sagen«. 

(?)  ass.  Sumsu. 


'^^^,571^  LKd)-     ass.    Hihä 


'^hr,  P.N. 


/.M(-/),  0.  N.  .   .   . 


nb.    Silut) 

vgl.   griech.   Tewc,   Taxuc. 

ass.    /^//  in  Bi-n-tetl,  Pi-n-teti 
vgl.   griech.   GceeNAHTic 

koi)t.  na'iMfUTH'Y'  (Amelineau,  Geogr.  309). 


Über  den  Wert  der  keilschriftlichen  Vokahsation. 

Für  eine  zweckmäßige  Verwertung  des  in  den  vorstehenden  Listen 
gegebenen  Materials  bedarf  es  zunächst  einer  Auseinandersetzung  über 
den  Wert  der  dui-ch  die  Keilsclu'ift  ausgedrückten  Vokale. 

Die  semitischen  Eroberer  der  Euplu-at-Tigris-Länder  haben  bekanntlich 
in  selir  alter  Zeit  die  Sclirift  der  fniheren  Bewohner  dieser  Gegenden, 
der  ethnologisch  noch  nicht  siclier  bestinnnten  Sumerer,  angenommen 
und  mindestens  seit  Sargon  von  Akkad  (etwa  2500  v.  Chr.)  zui"  Wieder- 


Keilschriftliches  Material  zur  altikjypthclien  Vokalisation.  fi3 

gäbe  ihrer  eigenen  Sprache  verwendet.  Diese  Schrift,  die  wir  nach  der 
späteren  Fomi  ihrer  Zeichen  gewöhnlich  »Keilsclirif't«  nennen,  hatte,  als 
die  Semiten  sie  übernahmen,  aus  alten  Bilder-  und  Wortzeichen  bereits 
Silben-  und  Vokalzeichen  entwickelt,  neben  denen  freilich  die  alten  Wort- 
zeichen stets  weiterverwendet  wurden.  Sie  vermag  vier  Vokale  zu  unter- 
scheiden, fiir  deren  jeden  besondere  Schriftzeichen  existieren:  a,  e,  /' 
und  M^  Für  die  ersten  drei  hat  es  stets  nur  je  ein  Zeichen  gegeben;  für 
u  sind  seit  altbabylonischer  Zeit  außer  dem  gewöhnlichen  (^J-^  u)  ge- 
legentlich noch  zwei  andere  Zeichen  (^  u  und  <y>-|[^y|  a)  in  Ge))rauch, 
ohne  daß  sich  jedoch  eine  Differenzierung  für  u  und  o  nachweisen  ließe '. 
Neben  diesen  Vokalzeichen  existiert  nun  in  der  Keilschrift  — -  abgesehen 
von  den  Wortzeichen  und  Zeichen  fiir  zweikonsonantige  Silben  —  eine 
Anzahl  von  Zeiclien  für  »einfache  Silben«,  das  heißt  Silben,  welclie  nur 
einen  Konsonanten,  sei  es  vor,  sei  es  nach  einem  der  genannten  vier  Vo- 
kale, enthalten.  Und  während  bei  der  Schreibung  babylonischer  und 
as.syrischer  Worte  die  Wortzeichen  und  die  Zeichen  fiir  zweikonsonantige 
Silben  eine  große  Rolle  spielen,  werden  bei  der  Wiedergabe  fremdsprachiger 
Worte  mit  Vorliebe  die  einfachen  Silbcnzeiclien  verwendet.  Eine  tabel- 
larische Zusammenstellung  dieser  Zeichen  wird  daher  nicht  ohne  Interesse 
sein,  um  so  mehr  als  in  manchen  Fällen  ein  Blick  auf  die  Tabelle  dem 
Leser   die  Möglichkeiten  zeigt,    die  einem  babylonischen    oder  assyrischen 

'  Die  Vokale  e  und  i  werden,  wie  in  der  älteren  Zeit  im  Babylonischen  selbst,  so 
auch  in  den  Umschreibungen  fremder  Worte,  im  allgemeinen  streng  geschieden.  Ansnahmen 
von  dieser  Regel  finden  sich  selten;  vgl.  ass.  Mimpi  neben  Me.mpi.  Doch  mag  gleich  hier 
bemerkt  werden,  daß  in  gewissen  Fällen  fiir  die  e-lialtige  Silbe  dasselbe  Zeichen  wie  fiir 
die  i-lialtige  Silbe  verwendet  wird  (vgl.  die  Liste  auf  S.  64f.).  Warum  hier  die  Ausbildung 
eines  besonderen  «-lialtigen  Zeichens  unterblieben  ist,  entzieht  sich  vorläufig  nocii  unserer 
Kenntnis  und  verdiente  wohl  genauere  Untersuchung. 

'  Die  Vokalwerte  für  die  genannten  Keilschriflzeichen  gehen  (vgl.  die  ganz  ])arallele 
Entstehung  der  Konsonantenzeichen  im  Ägyptisclien)  auf  einsilbige  sumerische  Worte 
zurück. 

'  Wenn  sich  dies  auch  im  Altbabylonischen  nicht  nachweisen  läßt,  so  wäre  damit  an 
sicli  nicht  ausgeschlossen,  daß  man  in  späterer  Zeit  den  Reichtum  der  vorhandenen  »/-Zeichen 
fBr  eine  derartige  Differenzierung  ausgenutzt  hätte.  Clays  Versuch,  zwischen  o  und  m  zu 
scheiden  (Babylon.  Exped.  of  Ihe  Univers,  of  Pennsylvania  Rd.  X,  S.  19  oben),  scheint 
allerdings  nicht  zu  einem  einwandfreien  Resultate  geführt  zu  haben.  Jedenfalls  läßt 
sich  für  unser  Material  nichts  daraus  gewinnen.  \'gl.  auch  F.  Kork,  Die  iMitannis|)rarlie, 
S.  14—18. 


ag. 

(^(J), 

i{J, 

ug 

ad. 

(rd), 

ul. 

ud 

4 

az, 

9 

iz, 

UZ 

ah'', 

m. 

{ih). 

inh) 

04  H.   Ranke: 

Schreiber  für  die  Wiedergabe  einer  bestimmten  ägyptischen  Lautgruppe  zur 
Verfugung  standen'.     Die  Zeichen  sind  die  folgenden'': 

/a^      [h^,      (//),      (/M)  (a/),      [eJ),      (//),      {u}) 

ha,        he,        hi,         hu  ah,        (eh),      ib,        üb 

da,       {dt'),  di,  du 

{waY,  [we],  (wi),  (wu) 

za,       (ze),  zi,  zu 

ha,       {[le),  hi.  Im 

{tay\    (te),  (Ü)\  tu  {at)\    {et),      {ity ,     {uf)' 

jn\      {jef,  {ji),  {ju)  —,      —,      —,      — " 

'  So  sielit  man  /..  B.  ohne  weiteres,  dalS  für  die  Silbe  re  kein  besonderes  Zeichen 
existierte,  daß  wir  also  z.  B.  ri-si  (in  ass.  Paturisi)  sowohl  risl  wie  re.<i  lesen  können. 

^  Wenn  eine  Silbe  eingeklammert  ist,  so  bedeutet  das,  daß  für  sie  kein  besonderes 
Zeichen  existiei't,  sondern  daß  sie  ihr  Zeichen  mit  einer  oder  mehreren  andern  Silben  teilt; 
z.  B.  (to)  weist  darauf  hin,  daß  für  die  Silbe  ta  das  Zeichen  da  verwendet  wurde  und  so 
fort.  Genaueres  ergeben  die  Anmerkungen.  Die  Silben  sind  nach  dem  semitischen  Alphabet 
angeordnet. 

'  Das  sogenannte  »Hauclilautzeichen>,  das  mit  allen  vier  Vokalen  sowohl  vor  wie 
nach  dem  Alef  ausgesi)i'ochen  werden  kann.  Übrigens  sind  auch  die  »Vokalzeichen«  nach 
semitischer  Anschauung  eigentlich  als  Silbenzeichen  mit  Alef  als  erstem  Konsonanten  auf- 
zufassen. So  werden  sie  auch  tatsächlich  im  Anlaut  der  Worte  und  Silben  (vgl.  z.  B.  nb.  esii, 
ass.  esti  für  Is-t)  gebraucht.  Erst  sekimdär  werden  sie  als  Zeichen  für  die  bloßen  Vokale 
aufgefaßt  und  können  nun  zur  Bezeichnung  der  Vokaldehnung  (vgl.  S.  65)  verwendet  werden. 
Kbenso  sind  sämtliche  mit  einem  Vokal  beginnenden  Silbenzeichen  (d.  h.  die  rechte  Kolumne 
der  obenstehenden  Liste  im  Wortanfang  und  gelegentlich  auch  im  Silbenanfang  (vgl.  mb.  Aman- 
appa  |nie  etwa  A-ma-na-ap-pa  geschrieben!]  für  'Imn-i'p-t)  als  Alef  +  Vokal  +  Konsonant 
aufzufassen. 

*  Für  die  Silben  wa,  we,  «•;',  wu  ist  in  mittelbabylonischer  Zeit  das  Zeichen  pi  in 
(iebrauch;  vgl.  S.  65  Anm.  3.  Zeichen  für  aw,  ew  usw.  existieren  in  der  Keilschrift  nicht,  da 
diese  Lautveibindimgen  im   Babylonisch-Assyrischen  durchweg  kontrahiert  worden  sind. 

''    Nur  ein  Zeichen,  das  mit  allen   vier  \'okalen  ausgesprochen  werden  kann. 

°    Die  Silben  ta  und  ti  werden  mit  den  Zeichen  für  da  und  di  geschrieben. 

'  Für  die  mit  Dentalen,  Gutturalen,  Labialen  und  Sibilanten  schließenden  Silben  ist 
stets  lUH-  je  ein  Zeichen  für  tönenden,  tonlosen  und  emphatischen  Laut  vorhanden. 

'  Die  Silbe _/«  kann  assyrisch  auch  durch  a  -\-  a  wiedergegeben  werden,  vgl.  ass.  ^asaja, 
Saja,   Tajani.     \'g].  auch  Anm.  9. 

°  Die  Silben  je,  ji,  ju  können  in  inittelbabylonischer  Zeit  durch  das  Zeichen  pi,  wa  usw. 
(vgl.  Anm.  4)  wiedergegeben  werden,  doch  ist  mir  unter  den  Umschreibungen  ägyptischer 
Worte  kein  sicherer  Beleg  hierfür  bekannt.  Für  die  Silben  aj  usw.  besitzt  die  Keilschrift 
kein  besonderes  Zeichen.    Assyrisch  wird  a  -'r  a  gelegentlich  für  qj  verwendet.  Vgl.  auch  Anm.  8. 


KeihchriftUcJies  Mater ixil  zur  altägijpt'ischen  Vokalisation.  65 

{nky,  (ck),     {lk)\    (uk)' 


ka, 

{ke), 

ki. 

ku 

la. 

(le), 

U, 

lu 

ina. 

ine. 

Uli, 

mu 

tax, 

ne, 

ni. 

nu 

m. 

Her, 

si. 

ftU 

pa, 

(P), 

pi', 

{pur 

(?«)\ 

{?e), 

?', 

m 

ka. 

{ke), 

{kiV, 

ku 

ra, 

{re). 

ri. 

ru 

Sa\ 

Sc, 

äi. 

&u'' 

ta. 

te, 

ti, 

tu* 

al. 

d. 

il. 

ul 

am, 

(em). 

im, 

um 

an, 

en. 

in, 

un 

(fl.sV, 

{^'^\ 

.{i')\ 

(usY 

{apV, 

{^P\ 

(ipY, 

[upY 

M', 

('«), 

{i?y, 

{u-D' 

{«kV, 

(4-), 

{iky, 

{ukY 

ar. 

er. 

ir, 

ur' 

af. 

el, 

iä. 

itS 

{aty,  (et),    {ity,  {uty 

Mit  Hilfe  dieser  Silbenzeiclieii  können  auch  lange  Vokale  durch  die 
Schrift  zum  Ausdruck  gebracht  werden,  indem  liinter  ein  vokalisch  aus- 
lautendes Silbenzeichen  das  entsprechende  Vokalzeichen  gesetzt  wird,  z.  B. 
lia-a  =  Im,  me-e  =  nie^,  ri-i  ~  ri,  tu-u  =  /«' 


rIO 


'    Vgl.  8.  64,   Anm.  7. 

'  Das  Hilhen/.eiclien  se  ist  selten;  es  ist  in  uiisern  Umschriften  l)isiier  niclit  zu  lielegen, 
unil  die  .Sillie  se  wird  dort  durch  das  Zeichen  .«/  wiedergegeben. 

'  Die  Sill)e  pi  wird  in  niittelbaliyionischen  (wie  in  althahyloni.sclien)  Texten  noch 
viirwiegerid  mit  dem  Zeiclien  bi  gesclu'iehen  (in  solchen  Fällen  nrnscliri-ibe  ich  pi),  da  das 
Zeichen  /«'  fast  ausschließlich  für  die  Silben  wa  usw.  verwendet  wird  (vgl.  K.  64.  Anin.  4). 
Daneben  \\\n\  das  Zeichen  bi  fieilich  auch  stets  für  die  .Silbe  bi  verwendet.  In  assyi-ischen 
nnd   neubabylonischen  Texten   hat  das  Zeichen  jii  inn-  noch  den  Lautwert  pi. 

*  Die  Silbe  pu  wird  gewöhrdicli  mit  dem  Zeichen  füi'  Im  geschrieben.  Das  für  pti 
allein  i'eservierte  Zeichen   ist  selten   und  koaunt  in   unsei'ii  Transkriptionen   nicht  vor. 

'■"    Die  Silbe  «a  wird  mit  dem  Zeichen  für  za  geschrieben. 

'  Die  Silbe  ki  wird  gewöhnlich  mit  dem  Zeichen  für  ki  geschrieben.  Das  für  hi(ji) 
allein  reservierte  Zeichen  ist  selten   und  kommt  in  unsern  Transkriptionen   nicht  vor. 

'    P'ür   die  Silben  ur.   ia,   iu  und  as   sind  je  zwei  verschiedene  Zeichen   in   Uebrauch, 

die  ich   wie  üblicli  durch  ur  (TT»-!)  und  ür  (^lI^lTT).    *«  (^)  i'nd  sd  (f:lTT),  su  (J)  und  sä 
(  ET),  ai  (pr)   und  di  {>—)  unterscheide. 

'  Die  Silbe  tu  wird  gelegentlich  auch  mit  dem  Zeichen  für  wl  geschrieben.  In  diesem 
Falle  transkribieren  wir  sie  mit  lü.  Daneben  wird  schon  in  mittelbabylonischer  Zeit  auch 
das  alte  Zeichen  tum  für  die  Silbe  <u  verwendet ;  ich  unisclireibe  es  durch  tu  (so  auch  Bohl, 
Sprache  der  Amarnabriefe,  S.  l  d). 

•  Aber  auch  ■/..  B.  ^i-p  =  ^e;  eine  dei-artige  Schreibung  zeigt  erst  mit  Sicherheit,  daß 
die  betreffende  Silbe  mit  e  zu  vokalisieren  ist;  das  Zeichen  hi  kann  unter  Umständen  auch 
allein  für  he  stehen,  ebenso  ri  füi-  re  usw.,  vgl.  die  Tabelle. 

"    Hier  ist  freilich    zu  bemerken,    daß  die  Keilschrift   die  langen  Vokale   der  Sjjrache 
keiiieswqjs  regelmäßig  zum  .\usdruck  bringt.     Im  Gegenteil,  die  defektive  Schreibung  langer 
PAiL-hist.  Klasse.   1910.   Anhang.   Abh.  II.  9 


fif)  H.   Ranke: 

Daß  nun  unsere  durch  die  assyriologische  Forschung  festgelegte  und 
allgemein  angenommene  Aussprache  dieser  Vokal-  und  Silbenzeichen  für 
das  älteste  uns  erreichbare  Babylonisch  das  Richtige  trifft,  geht  aus  der 
semitischen  Sprachvergleichung  mit  Sicherheit  hervor'. 

Eine  andere  Frage  ist  es,  wie  lange  die  geschriebenen  Vokale  der 
Keilschrift  sich  mit  den  gesprochenen  Vokalen  der  babylonischen  und 
assyrischen  Sprache  gedeckt  haben.  Die  babylonisch-assyrischen  Texte 
weisen  nämlich  eine  bis  auf  Kleinigkeiten  durch  mehr  als  2000  Jahre 
sich  gleichbleibende  historische  Schreibung  auf,  die  uns  über  eine  laut- 
liche Entwicklung  des  Babjlonisch-Assyrischen,  die  selbstverständlich  statt- 
gefunden hat",  fast  gar  nichts  aussagt".     Wenn  nun,  um  ein  Beispiel  zu 


Vokale  findet  sicli  bei  weitem  häufiger  als  die  scriptio  plena.  Neben  zahllosen  Beispielen, 
in  denen  ba-ni  ge.sclirieben  ist,  findet  sicji  ganz  vereinzelt  auch  die  Schi"eibung  ba-a-ni,  die  uns 
zeigt,  daß  das  Particip.  act.  bäni  »bauend,  scliaflend«  usw.,  wie  es  die  vergleichende  Grani- 
niatik  ja  aucli  erwarten  läßt,  mit  langem  a  anzusetzen  ist.  Beiläufig  mag  hier  erwähnt 
werden,  daß  in  ganz  ähnlicher  Weise  auch  Doppelkonsonanten  von  der  Keilschrift  häufig 
ignoriert  werden,  und  zwar  im  Babylonisch-Assyrischen  .sowohl  wie  bei  fremden  Tran- 
skrij)tionen.  So  liaben  wir  z.  B.  mb.  Pahanäte,  das  neben  Pahamnäle  doch  gewiß  als  *Pahan- 
näte  aufzufassen  ist. 

'  Diese  Behauptung  eingehend  zu  begründen,  ist  hier  nicht  der  Ort.  Ich  erinnere 
nur  kurz  an  die  folgenden  Einzelheiten  aus  der  Vokalisation  des  Altl)abylonischen,  die  mit 
dem  \\)kalismiis  der  übrigen  semitischen  Sprachen  im  Einklang  stehen:  i.  Die  Kasusvokale 
für  Nominativ,  Genitiv  und  Akkusativ  sind  u,  i  und  a.  2.  Neben  der  einfachen  Feminin- 
endnng  -tu  findet  sich  die  vollere  Endung  -atu.  3.  Das  Nominalsuffix  der  i.  Person  Sing, 
lautet  t,  das  der  2.  niasc.  Ica,  der  2.  fem.  ki.  4.  Die  Afformative  des  Permansivs,  das  in  der 
Bildung  dem  semitischen  Perfektum  entspricht,  lauten  im  Singular  3.  fem.  at,  2.  ma.sc.  ia, 
2.  fem.  ü;  im  Plural  3.  masc.  ii,  3.  fem.  ä.  5.  Die  Aflbrmative  des  Imperfekts  zeigen  im 
Singular  2.  fem.  F;  im  Plural  3.  masc.  v,  3.  fem.  und  2.  fem.  ä.  6.  Das  Partizi|)ium  des  un- 
vermehrten  Stammes  zeigt  die  Vokalisation  ä-i.  7.  Die  Partizipialformen  der  vermehrten 
Stämme  des  Verbums  zeigen  die  Vokalisation  u-a-i.  8.  Das  Afforniativ  der  2.  Sing.  fem. 
lm|)erativi  ist  f  usw.  usw.  Ich  denke,  das  Angeführte  wird  genügen.  Für  Weiteres  muß 
auf  die  vergleichenden  Grammatiken   verwiesen  werden. 

^  Wir  haben  für  diese  lautliche  Entwicklung  übrigens  auch  direkte,  freilich  .sehr 
s])ärliehe  Zeugnisse  in  griechischen  Transkriiitionen  babylonisch-assyrischer  Worte.  Vgl. 
besonders  die  Aufsätze  von  Pinches  und  Sayce  in  PSBA.  24,108 — 125. 

^  Die  Schrift  lehrt  uns  über  die  lautliche  Entwickhmg  eigentlich  nur  zweierlei:  ein- 
mal, daß  die  an  vokalisch  auslautende  Nominal-  und  \'erbalformen  antretende  »Mimation« 
sehr  früh  aufgegeben  worden  ist  (sie  scheint  schon  unter  der  ersten  Dynastie  von  Babyion  in 
der  Volkssprache  mehr  oder  weniger  verloren  gegangen  zu  sein).  Sodann,  daß  sclion  friih- 
zeitig  eine  gewisse  Unsicherheit  in  dem  Gebrauch  der  Kasusvokale  eingetreten  ist.  Der 
letzte  Umstand  hat  zu  einer  Verwechslung  der  au.slautenden  \'okale  in  der  Schrift  geführt, 
die  zu  dem  konstanten  Gebrauch  der  richtigen  Vokale  im  Innern  und  am  Anfang  der  Worte 


KeikchriftUrJi^K  Mater utl  zur  altiiyyjHMien  Vokalimlion.  ()7 

nehme»,  das  Zeichen  na,  das  in  alter  Zeit  sicher  einmal  nur  fiir  ge- 
sprochenes »na«  stehen  konnte,  in  mittelbabylonischer  oder  assyrischer 
Zeit  in  manchem  Worte  etwa  »w«  oder  vielleicht  auch  »?j(f«  gesprochen 
wurde,  so  sclieint  es  um  die  Verwendbarkeit  dieser  Keilschriftzeichen  für 
die  Rekonstruktion  altägyptischer  Vokale  freilich  sehr  schlecht  bestellt. 
Aber  das  ist  nur  scheinbar  so.  Es  läßt  sich  nämlich  nachweisen, 
daß  durch  die  ganze  babylonisch-assyrische  Geschichte  hindurch  eine  'J'ra- 
dition  über  die  alte  Aussprache  dieser  Vokal-  und  Silbenzeichen  in  den 
Schreiberschulen  sich  erhalten  hat  und  daß  man  sie  stets  nur  in  ihren 
alten  Werten  verwendete,  sobald  es  galt,  die  gehörten  Laute  einer  fremden 
Sprache  durch  die  Keilschrift  Aviederzugeben.  Wir  besitzen  Zeugnisse 
iur  diese  Tatsache  aus  mittelbabylonisclicr  sowohl  wie  aus  neubabylonisch- 
persischer  Zeit.  Schon  bei  den  kanaanäischen  Glossen  der  Telia marna- 
briefe  tritt  dies  zutage",  vor  allem  aber  bei  den  kürzlich  in  Bogasköi  ge- 
fundenen Namen  indischer  Gottheiten"  sowie  bei  den  zahlreichen  iranisclien' 


in  stärkstem  Kontrast  stellt.  Vgl.  Iiier/.u  aiicii  Un,i;nad,  ZDMCj.  1909,  S.  200.  Wie  stark 
die  Abweichungen  der  Volk.ssprache  von  der  Seliri('ts])raclie  waren,  or'ketnu'n  wir  gelegeiitiicli 
in  der  Brief iiteratur  und  in  den  mit  vulgären  Formen  stark  durcliset/teii  lii§cliriften  Assur- 
nasirpais. 

'  Vgl.  z.  ü.  J^amüilu  neben  liebr.  ttti,  kihihi  neben  licbr.  2153,  aparu  neben  hebr.  i:!'. 
hinaja  neben  hebr.  ■c'9,  zukini  neben  bcbr.  ■,»,  inte  neben  liebr.  -73  usw.  usw.  Man  findet 
das  ge.sanite  Material  mit  Angabe  der  Belegstellen  jetzt  ribersichtlieli  geordnet  bei  F.  Höhl 
in  seiner  vortreft'lichen  Arbeit  über  -Die  .Sjirache  der  Amarnabriefe  mit  besonderer  Beriiek- 
sichtigung  der  Kanaanismen-,   Leipzig   1909,  .S.  81  ff'. 

'  Indara,  Mitrn,  Aruna  (Vari.inte  I'iuvna)  und  Nasattija,  vgl.  Winckler,  MDOU. 
Nr.  35,  S.  51  und  Kd.  Meyer,  Das  älteste  .Xul'treten  der  .Ariei-  in  der  üescliiclitc  (.Sitzungsber. 
d.  Berl.  Akad.  d.  VVi.ss.  1908.    14  ff). 

*  Besonders  bei  Hilpreebt  und  f'lnv,  Biisiiu-ss  Docunieiits  of  Mura.^il  .Sons  (Hnbyloiiian 
Kxpedition  of  thc  University  of  Pennsylvania  .Scries  A.  Vol.  IX)  und  Clay,  Business  Docunieiits 
of  MiiraSü  Sons  (ib.  \'ol.  X).  Bei  den  folgenden  Zitaten  geht  die  ZusainineMStelliuig  mit 
griechischen  bzw.  persischen  Formen  auf  Nöldeke  zurück.  Die  Belegstellen  finden  sich  in 
den  Namensverzeichnissen  der  beiden  gen.innten  Werke.  Ich  zitiere  aus  Band  IX  :  Arnliak 
vgl.  Apbakhc;  Ariam  vgl.  pers.  Ar.säinn,  Apcamhc;  Artabarrl  vgl.  Aptabapioc;  Artahsnr  \gl. 
per.s.  Artayfara,  Aptajaphc;  Artnhxaxsn  vgl.  pers.  Arta /xaSun.  APTAiepiHC;  linyazvxtii  vgl. 
A\erAAOCTHC;  Manuitmin  vgl.  AAeNOCTANHC;  Milradiüi  vgl.  Mitpaaathc;  Satabiir:ana  vgl.  Cati- 
BAPZANHC;  Tirifläta  vgl.  Tipiaathc;  Uilarnm  vgl.  Yaapnhc;  aus  Band  X:  Arlasitrru  vgl.  Apta- 
CYPAC,  Artapimn  vgl.  ApTA<t>ePNHC,  Asptnnnrla!  vgl.  pers.  AxpS-santa,  Bai/aipafii  vgl.  BArAnATHC, 
BayuMfi)  vgl.  pers.  HäyhUxli.  Dadnpirna!  vgl.  AATA*ePNHC,  Darijaimii  vgl.  pers.  I)äriynwa{h)nfili, 
Gundakka)  vgl.  pers.  Kvniläk,  Jliimri>y/ät)i  \y;l.  Hmap  und  rläta,  Miträbi  vgl.  pers.  Mitrat,  Pirni- 
hätu  vgl.  pers.  Ferltäd,   Tirä  vgl.  pers.  Ti'rn,   Tirakamma  vgl.  pers.   Tira-känia. 

9* 


68  H.   Ranke: 

und  den  vereinzelt  sich  findenden  griechischen'  Personennamen  in  Ge- 
schäftsurkunden der  neubabyloniscli-persischen  Zeit.  In  allen  diesen  zeit- 
lich so  weit  auseinanderliegenden  Fällen  von  keilscliriftlichen  Umschrei- 
bungen fremder  Worte  und  Namen  aus  verschiedenen  Sprachen  stimmt 
das  aus  der  keilschriftlichen  Transkription  gewonnene  Bild  der  Vokalisation 
dieser  Worte  in  allem  Wesentlichen  genau  zu  dem,  was  wir  von  anderer 
Seite  über  ihre  Aussprache  wissen.  Unter  diesen  Umständen  dürfen  und 
müssen  wir  aber  auch  dasselbe  fiür  die  Transkriptionen  ägyptischer  Worte 
und  Namen  voraussetzen  —  es  sei  denn,  daß  wir  hier  eine  Regellosig- 
keit und  Willkür  in  der  Wiedergabe  der  Laute  fänden,  wo  wir  in  den 
angeführten  Fällen  eine  systematische  und,  soweit  es  die  Eigenart  der 
Keilschrift  zuläßt,  getreue  Wiedergabe  vorgefunden  haben.  Das  ist 
aber  tatsächlich  nicht  der  Fall.  Eine  Durchmusterung  der  oben  ge- 
gebenen Listen  zeigt  vielmehr,  daß  in  jeder  der  einzelnen  Perioden 
die  Transkription  ägyptischer  Vokale  in  allem  Wesentlichen  einheitlich 
ist  und  ferner,  daß  in  den  der  griechischen  Epoche  näherstehenden  Um- 
schreibungen (Liste  11  und  III)  die  keilschriftliche  Vokalisation  mit  der 
der  griechischen  Formen  durchaus  übereinstimmt,  falls  nicht  ältere  laut- 
liche Verhältnisse  vorliegen,  wie  wir  sie  wiederum  aus  Liste  I  kennen 
lernen. 

Weim  wir  nun  also  mit  berechtigtem  Vertrauen  an  die  keilschrift- 
liche Vokalisierung  ägyptischer  Worte  herangehen,  so  müssen  wir  doch 
stets  einige  einschränkende  Tatsachen  im  Auge  behalten,  welche  die 
Eigentümlichkeit  der  Keilschrift  ohne  weiteres  mit  sich  bringt: 

I.  Die  Vokale  o  und  u  werden  nicht,  e  und  /  nicht  immer  (vgl.  S.  64f.) 
untei'schieden;  ein  keilschriftliches  u  kann  also  sowohl  ein  gehörtes  u  wie 
ein  gehörtes  o',  ein  keilschriftliches  i  gelegentlich  auch  ein  gehörtes  e"'  wieder- 
geben. 

'  \^.Antihiki(ni:  AuTtoxoc,  Dimiirisn  :  Ahmhtpioc,  Eraklide:  Hpakagiahc  (Belegstellen  bei 
Taliiivist.  Npiiluibyloni-sclies  Naineiibucli) ;  fernoi-  Ilmdurii :  H/\\oaisiPoc.  Pilipav:  ^lAinnoc,  Alik- 
sandani:   Aasianapoc. 

^  Wir  können  also  z.  15.  nicht  entscheiden,  oh  a.ss.  nnd  nb.  Amünu  schon  ein  gehörtes 
'Ammi"   oder  noch  ein  gehörtes   'Amöii'   wiedergeben  soll. 

^  Znweilen  lehi-en  uns  die  griechischen  oder  ko])tischen  Äqnivalente,  für  welchen  der 
beiden  Vokale  wir  uns  zu  entscheiden  haben,  vgl.  S.  8i,  Anni.  3. 


Keilschriftliches  Material  zur  altäyyptischen  Vokalisation.  (59 

2.  Lange  Vokale  werden  sehr  oft  durcli  die  Sclirift  nicht  ausge- 
drückt; ein  geschriebenes  a  oder  i  z.  B.  kann  also  neben  kurzem  a  und 
i'  ebensogut  auch  langes  ä  und  /  wiedergeben'. 

3.  Drei  aufeinanderfolgende  Konsonanten  oder  eine  anlautende  Doppel- 
konsonanz können  von  der  Keilschrift  nicht  wiedergegeben  werden;  ein 
in  solchen  Fällen  auftretender  Vokal  muß  also  als  ein  graphisciier  Not- 
behelf aufgefaßt  werden^. 

Mit  diesen  Einschränkungen  aber  sind  die  Vokale  in  den  keilschrift- 
lichen Umschreibungen  ägyptischer  Worte  bei  vorsiclitig  methodischer  Un- 
tersuchung für  eine  Rekonstruktion  des  altägyptischen  Vokalismus  durchaus 
verwendbar. 

Freilich  dürfen  wir  auch  jetzt  noch  nicht  allzuviel  erwarten.  Wir 
liaben  festgestellt,  daß  mit  den  genannten  P^inschränkungen  ein  babyloni- 
scher bzw.  assyrischer  Schreiber  imstande  war,  das,  was  er  hörte,  schrift- 
lich wiederzugeben,  aber  eben  doch  nur  das,  was  er  hörte.  Damit  kommt 
ein  subjektives  Element  in  unsere  Rechnung  hinein,  eine  Fehlerquelle, 
über  die  wir  nie   hinauskommen  können.     Wenn  sich  also  innerhalb  der 


'  Will  der  babylonische  hy.w.  assyrische  Schreiber  einen  kurzen  Vokal  iinniißverstätullicli 
als  solchen  kennzeichnen,  so  verdoppelt  er  in  seiner  Wiedergabe  des  betreffenden  Wortes 
den  auf  diesen  Vokal  folgenden  Konsonanten.  Er  tut  dies  besonders  dann  mit  Vorliel)e, 
wenn  der  betreffende  kuize  Vokal  betont  ist.  \'fi;\.  nib.  oppa  (in  Aman-appa)  mit  ko])t.  ».nc, 
onc;  mb.  masÜ  (in  Hära-maisi  [al)er  tnasa  in  Aman-7/ta.§a'.\)  mit  griech.  ma(c)ci  (in  Amacic, 
rTePXMACCINHiT) ;  ass.  bukku  (in  littkkunaimiiipi)  tnit  griech.  boko  (in  Bokonchmic)  ;  v\\i.  happi!  (In 
Nahtu-^appil)  mit  kopt.  gi^n;  ebenso  ist  mb.  urvsifi  für  ägypt.  icrs  zu  lieurteilen,  das  danach 
also  etcris  zu  vokalisieren  wäre.  Gelegentlich  findet  sich  diese  \'erdopplung  des  Konsonanten 
aber  auch  nadi  unbetonten  kurzen  ^'okalen•,  vgl.  inh.  pittäte  neben  pitäte,  ass.  Nikkü  mit 
griech.  Nekuc  usw.,  ass.  hattifjüru  (in  PihattihürvnpikT)  mit  kopt.  g«.«top  sowie  die  \'er- 
dopplung  des  n  in   Bukkunanniiipi. 

•^  Vgl.  y.  65,  .Anm.  10.  So  findet  sich  das  an  neun  Stellen  belegte  nib.  Ainänu  bzw. 
ÄJnäiia  nur  zweimal  mit  lang  au.sgeschriebeneni  \'okal,  das  ohne  Zweifel  mit  langem  ü  an- 
zusetzende asM.  und   nb.  Aniimu  sogar  niemals. 

'  So  liegt  der  Fall  offenbar  bei  ass.  Ilathirihi  (\"ar.  fjathariba)  gegenüber  griech.  AePiBic. 
Auf  da,s  «  bzw.  Q  zwischen  h  und  r  ist  nichts  zugeben;  ferner  hn  ass.  NnhtihTiriianseni,  ver- 
glichen mit  griech.  NexeMUNeHC,  —  das  /  zwischen  t  und  /(  ist  wertlos.  \"gl.  ferner  ass. 
Iptiharteiu  (das  erste  t  wegen  der  anlautenden  IJoppelkonsonanz!).  ass.  Pisamefki,  inh.  Pi-ia- 
miski  neben  Yammhtixoc,  ass.  Piian/iuru  neben  Yenypic  und  YeNUPoc,  ass.  nimihii  neben 
kopt.  u)juoyii,  nb.  Tihutarßsi  neben  6otoptaioc,  nb.  Nahtu-happil  neben  NexeMioNSHC  (vgl. 
allerdings  NeKTANeewcl).  Zu  mb.  Tahmaja,  Tahvwiii  vgl.  S.  Spf.  —  Auch  eine  auslautende 
Doppelkonsonauz  kann  die  Keilschrift  nicht  w  iedei-geben ;  der  Kndvnkal  in  mh.  tirniia  (vgl. 
Anin.  i)  ist  also  auch  als  ein  graj)hi.scher  Notbehelf  anzusehen. 


70  H.   Ranke: 

im  (ii-oßen  und  Ganzen  herrschenden  Einheitliclikeit  der  Wiedergabe  liier 
und  da  einzelne  Verschiedenheiten  zeigen,  so  werden  wir  nicht  ohne 
weiteres  den  Wert  der  keilschriftlichen  Vokalisation  überhaupt  in  Frage 
stellen  dürfen.  Wir  müssen  mit  der  Möglichkeit  rechnen,  daß  der  eine 
Schreiber  dasselbe  Wort  oder  denselben  Namen  etwas  anders  hörte  als 
ein  anderer.  Die  Wiedergabe  von  Lauten  einer  fremden  Sprache,  für 
deren  Schreibung  keinerlei  Tradition '  besteht,  kann  ja  im  besten  Falle 
jiur  eine  annähernd  richtige  sein.  Was  mit  einiger  Sicherheit  erfaßt 
wird,  sind  in  der  Regel  nur  die  den  Ton  tragenden  Vokale  der  Worte. 
In  den  unbetonten  Silben,  die  schneller  gesprochen  und  undeutlicher  ge- 
hört werden,  gelingt  eine  einheitliche  Bestimmung  des  Vokals  weit  seltner, 
inid  hier  ist  ein  Schwanken  in  der  Wiedergabe  keineswegs  auffallend. 
Das  gilt  von  der  keilschriftlichen  Wiedergabe  ägyptischer  Vokale"'  eben- 
sogut wie  von  der  griechischen. 

'  Daß  die  Texte  von  Tellamarn<n  iintl  Bogasköi  in  der  Wiedergabe  ägyptischer 
Namen  einer  älteren  Tradition  gefolgt  sein  sollten,  ist  sehr  unwahrscheinlich.  Vor  der 
i8.  Dynastie  iiaben  zwischen  Babylonien  und  Ägypten  schwerlich  so  enge  Beziehungen  be- 
standen, daß  für  die  keilscliriftliciie  Wiedergabe  ägyptischer  Laute  ein  festes  System  sich 
liätte  ausbilden  können.  (Die  von  W.  M.  Müller,  OLZ.  1901,  8  besprociiene  Stelle  ist  sicher 
—  vgl.  den  Artikel !  —  ein  Zusatz  aus  der  Zeit  des  neuen  Reiches.)  Und  daß  die  Um- 
schreibungen der  Tellamarnazeit  in  Babylon  und  Assur  nicht  historisch  tradiert  worden  sind, 
gellt  aus  den  Zusammenstellungen  der  vierten  Liste  mit  Sicherheit  hervor.  Zur  Zeit  Assur- 
banipals  oder  der  Perserkönige  schrieb  man  in  Mesopotamien  die  ägyi)tischen  Namen  nicht 
mit  einer  etwa  in  der  Tellamarnazeit  festgelegten  Orthographie,  sondern  man  schrieb  sie  .so, 
wie  man  sie   damals   hörte. 

*  Besonders  hervortretend  ist  bei  den  keilschriftlichen  Umsclireibungen  das  Schwanken 
in  der  Wiedergabe  der  unbetonten  Endvokale.  Wenn  sich  l.  B.  mb.  Amänv,  und  Amäna,  Aman- 
appa  und  Aman-appi,  Pahamnäta  und  Pahanäte,  Aman-maia  und  Qära-masli,  'pitäta,  pitäte,  pitäH 
und  pitStu  nebeneinander  finden,  so  wird  man  daraus  schließen  müssen,  daß  die  Qualität 
des  kurzen  Endvokals  in  den  betreffenden  Worten  mit  Hilfe  unseres  Materials  nicht  mehr 
festgestellt  werden  kann.  Wenn  dagegen  mb.  Avian-hatpi  etwa  20  mal  mit  auslautendem  1 
belegt  ist,  so  wird  diese  Schreibung  schon  eher  ernst  genonunen  werden  dürfen.  Dieses 
große  Schwanken  in  der  Schreibung  der  Endvokale  ist  gewiß  durch  die  oben  erwähnte 
Nachlässigkeit  in  der  Schreibung  der  babylonisch-assyrischen  Kasusvokale  (vgl.  S.  66,  Anni.  3) 
beeinflußt  worden.  Daß  man  auch  Freindnamen  gelegentlich  die  babylonische  Kasusendung 
angehängt  hat  (wie  die  Griechen  ja  regelmäßig  die  ägyptischen  Namen  nacli  ihrer  eigenen 
Deklination  llektiert  Iiaben),  ist  in  mittelbabyloniscl.er  Zeit  ganz  sicher.  Vgl.  besonders  die 
Schreibung  Amänuni,  Knudtzon  1,45  (mit  Anfügung  der  Nominativendung  und  der  altbaby- 
loni.schen  Mimation !).  Theoretisch  muß  natürlich  auch  mit  gelegentlichen  Veränderungen, 
die  auf  Angleicliung  an  bekannte  babylonisch-assyrische  Worte  beruhen,  gerechnet  werden; 
ich  wüßte   allerdings  zur  Zeit  noch  keinen  sicheren  Fall  der  Art  anzuführen. 


Keilschriftliches  Material  zur  altägyptischen  VnkaVisation.  71 

Ebenso  wie  wii*  griech.  TTeTCAPOHPic  und  TTeTAPOHPic,  TTeTOBACTic  und  TTeTOY- 
BACTic,  TTATeMiNic  uud  rTeTewiNic,  Hohpic  und  IIoyhpic  usw.  als  Umschreibungen 
des  gleichen  Namens  finden,  so  begegnen  nb.  Pntani-Esi^  ujid  Patan-EsiS,  ass. 
Piäaptu  und  Punuhu\  mb.  Pahura,  Pihura  und  Puhura^  nebeneinander,  ohne 
daß  wir  darum  gleich  alles  Zutrauen  zu  den  keilschriftlichen  Umschreibungen 
zu  verlieren  brauchen.  Zuweilen  spielen  hier  wohl  auch  dialektische  Verschie- 
denlieiten  mit",  was  dann  gewiß  der  Fall  ist,  wenn  bei  langen  betonten  Vo- 
kalen die  Wiedergabe  scliwankt,  wie  z.  B.  bei  der  verschiedenen  griechischen 
Wiedergabe  des  Gottes  Hr  in  YeNCDPoc  und  Ygnypic.  Ein  derartiges  Schwanken 
in  der  Wiedergabe  langer '  betonter  Vokale  ist  aber  bei  unserem  keilschrift- 
liehen Material  während  einer  und  derselben  Sprachperiode  nicht  zu  belegeii\ 

Alles  in  allem  werden  wir  sagen  dürfen,  daß  die  keilschriftlichen 
Umschreibungen  ägyptischer  Wörter  zwar  nicht  besser,  aber  gewiß  auch 
nicht  schlechter  sind  als  die  griechischen,  und  daß  wir  also  diese  durch 
ihr  Alter  hervorragenden  Zeugen  dei-  altägyptischen  Vokalisation  für  deren 
Fh-schließung  mit  demselben  Rechte  und  mit  d(>rselben  Zuversicht  benutzen 
dürfen,  wie  dies  mit  den  griechischen  Umschreibungen  bereits  seit  dem 
Beginn  ägyptologischer  Forschung  geschehen  ist. 

Aus  den  Einzelbeobachtungen,  die  sich  aus  den  oben  gegebenen  Listen 
ableiten  lassen,  will  ich  hier  zwei  herausgreifen,  die,  wie  ich  glaube,  sichere 
Resultate  ergeben. 

I. 

Ein  betontes  o  bzw.  u  im  koptischen  Nomen  und  Verbum 
kann  auf  ein  älteres  (t  zurückgehen'. 

F)ine  Durchmusterung  unserer  vierten  Liste  (S.  43  ff.)  auf  die  aus  zwei 
oder  drei  verschiedenen  Sprachperioden  in  Transkri])tion  erhaltenen  ägyp- 

'  In  Punübu  und  Pahura  ist  der  Vokal  der  uiibelonteti  iSilbe  wolil  diircli  das  u  der 
Tonsilbe  beeinflußt  worden.  Kitie  älinliclie  \'okalassimilation  findet  sich  in  giiecli.  4>opup 
l'i'ir  pr-IJr  "Haus  des  Horus«  (Oxyrli.  Papyri  111,  143,11).    \'g!.  auch  Maspero,   Kecueil  24,82  ff'. 

'    Vgl.S]>iep;elberg,  Reciieil  22.162,  Anin.  7;  Demotisehe  und  griechische  KigeniiainenS.  30. 

'  Ein  Schwanken  in  der  Wiedergabe  eines  kurzen  betonten  Vokals  findet  sich  auch 
nur  ganz,  vereinzelt.  So  haben  wir  ass.  Silinu  neben  Sdianu,  wenn  diese  beiden  Schreibungen 
wirklich  (vgl.  Steindorff  a.  a.  O.)  als  \'arianten  eines  und  desselben  Namens  aufzufassen  sind. 

*  Die  einzige  Ausnaiune  wäre  a.ss.  Si/iii  (S.  38),  wenn  dies  wirklich  Si/iä,  Teuc  sein 
.sollte.     \'gl.  dazu   N€<i>ePAC  (Fayuin   l'apvri   191,  Nr.  62,4)   neben    Ne«eP(oc. 

''  Maspero  hat,  zum  Teil  aus  Gründen,  denen  ich  nicht  zu  folgen  vermag,  diesen  Satz 
schon  seit  .lahren  vertreten  (vgl.  Kec.  19,  I54f.;  20,i53fl".;  22,218;  24,147  und  153);  vgl.  auch 
•Spiegelberg,   kec.  24,30 f. 


72  H.  Rankk: 

tischen  Worte  zeigt  in  einigen  Fällen  eine  auffallende  Verschiedenheit  in  der 
Vokalisation,  und  zwar  so,  daß  die  Umschreibungen  mittelbabylonischer 
Zeit  von  denen  der  beiden  späteren  Epochen,  die  hier  eine  gemeinsame 
Gruppe  bilden,  sich  durchgehend  und  stets  in  derselben  Weise  unterscliei- 
den.     Wir  erhalten  dabei  die  folgenden  Gegenübei-stellungen: 


Ältere 

Form 

Jüngere  Form 

Koptisch 

1. 

'Imn{w) 

mb.  Arnana 

ass. 

u.  nb.  Amünu 

i<Moy\\ 

2. 

'ln{io) 

»     Ana 

» 

Unu 

ton 

3- 

Hr{w) 

»     Hära 

» 

»      »    Ifuru 

g^wp 

4- 

ms^ 

»     KaSi 

» 

»      ><    Küsi,  Kmu 

(vgl.  C^&iH^) 

5- 

nir) 

«     nata 

» 

nüti 

««yyrc :  Hoy^^. 

Nach  der  vorausgeschickten  Auseinandersetzung  über  den  Wert  der 
keilschriftlichen  Vokalisation  lassen  sich  diese  Tatsachen  nur  auf  eine  Weise 
erklären:  durch  die  Annahme,  daß  in  den  angeführten  ägyptischen  Worten 
eine  Lautverschiebung  von  ü  nach  ö  bzw.  über  ö  nach  ü  stattgefunden  hat. 

Da  aber  diese  sechs  zufallig  in  älterer  sowohl  wie  jüngerer  Umschrei- 
bung erhaltenen  Worte  zum  Teil  deutlich  verschiedene  Nominalbildungen 
repräsentieren  (vgl.  ho-ytc  und  iio'yqe  gegenüber  ^kMO•Yu),  da  ferner  allen 
koptischen  Dialekten  ein  langes  ä  fehlt,  so  werden  wir  den  an  diesen  Worten 
beobachteten  Lautwandel  auf  ein  ägyptisches  Lautgesetz  zurückfuhren  müssen, 
das  folgendermaßen  zu  formuliren  wäre:  Ein  betontes  in  offener  Sill)e 
stehendes  ä  des  14.  und  13.  vorchristlichen  Jahrhunderts  wurde 
später  zu  ö  bzw.  (nach  ni  und  ti)  ü.  Der  Übergang  ä>o  war  im 
8.  vorchristlichen  Jahrhundert  schon  vollzogen.  Ob  nach  m  und  n 
auch  der  Übergang  ö>m  damals  schon  stattgefunden  hatte  oder  nicht,  und 
wann  er  im  letzteren  F'alle  eingetreten  ist,  darüber  kann  uns  das  keilschrift- 
liclie  Material  wegen  seines  Unvermögens,  0  und  u  in  der  Schrifl  zu  scheiden, 
nichts  weiter  aussagen". 

'  Das  ursprüngliche  Alef  dieses  Wortes  ist  zur  Zeit  der  18.  Dynastie  offenbar  schon 
nicht  mehr  vorhanden  gewesen. 

^  Als  sechstes  Wort  wäre  näpa  (in  Risa-näpa)  :=  noyqe  zu  nennen,  von  dem  uns  eine 
assyrische  oder  neubabylonisclie  Umschrift  zur  Zeit  noch  nicht  erhalten  ist  (vgl.  auch  mb. 
NapljuiururJja,  Naptera). 

'  Daß  'Imn  schon  im  5.  Jnhrh.  v.  Chr.  mit  ü  ausgesprochen  wurde,  zeigt  die  Schrei- 
bung Amoyn  bei  Herodot  (11,  42;  übrigens  niclit  bei  Hekataios  von  Milet!  Vgl.  Sethe, 
\'erbum  J,  44,  5). 


I 


Keilschriftlklies  Material  zur  altägyptischen  VokaUsation.  73 

Aber  die  beiden  gewonnenen  Resultate  sind  bereits  wichtig  genug. 
Bekanntlich  hatte  man  schon  früher  allgemein  angenommen,  daß  das  nach  in 
und  n  im  koptischen  Nomen  und  Infinitiv  an  Stelle  eines  betonten  langen  ö 
regelmäßig  auftretende  ü  in  einer  sekundären  eben  durch  die  Liquida  ni 
und  n  bedingten  Entwicklung  seine  Erklärung  finde,  ,daß  also  im  Ägypti- 
schen zu  irgendeiner  unbekannten  Zeit  ein  betontes  langes  ö  nach  ///  und  n 
sich  zu  w  verschoben  habe'. 

Diese  Auffassung  wurde  jedoch  ei-scliüttert,  als  Sethe  in  .seinem  » Verbum  « 
(Band  1  §44,1 — 5)  nachwies,  daß  dem  koptischen  r7  in  einer  Keilio  von 
Fällen  ein  griechisches  y  entspreche. 

Seine  Beispiele  hierfür  sind  die  folgenden : 

griech.  Aevp'  =  kopt.  5^Ä.eu>p,  griech.  Abyaoc     =  kopt.  ffecoT 

»        TTaymi  =      »       n^wtone,         »        TeNTYPic  =      »      lUTeuTtopf. 
»        Tybi     =      »      Ttofiie,  i>        Ne4>eYC     =      »      «cfedio". 

Da  ein  vormakedonisches  y  als  u  ausgesprochen  wurde  —  so  schloß 
nun  Sethe  — ,  und  da  die  sämtlichen  in  Betracht  kommenden  griecliisclien 
Umschreibungen  weit  älter  sind  als  die  im  Koptisclien  erhaltenen  Formen,  so 
sei  die  bisherige  Ansicht,  das  U  nacli  ni  und  n  im  Koptischen  sei  sekundär, 
aufzugeben.  Die  Sache  liege  vielmehr  umgekehrt:  Die  genannten  griechi- 
schen Umschreibiuigen  erweisen  Aan  u  (y)  als  den  älteren  Laut.  Dieser  habe 
sicli  im  Kopti.schen  nach  ni  und  n  gehalten,  in  allen  anderen  Fällen  sei  eini' 
Verschiebung  von  ü  nach  o  eingetreten.  Diese  Setheselie  Tliese  wurde 
dann  von  Steindorfl''  und,  mit  einiger  Reserve,  auch  von  Erman"  ange- 
nommen. 

'  Vgl.  Stern,  Koptisclie  (Irainmatik  §  86,  .SteiiulorfT,  Koptische  Gramtnatik,  i.  Aiill. 
(1894)  §  38. 

'    Kbetis«  aucli  griech.   rTAevPic  =  l\r)-Uthr,   «Haus  der   Ilathor-. 

'  Setlie  zitiert  ferner  griechisch  alt  (hei  llelianikos)  Ycipic  iiehen  spätcroni  Ocipic,  Bokxypic 
neben  BoKXOPic,  BoKXtoPic.  Hinzuzufügen  wäre  dieser  Liste  nocii  frriech.  Yenypic  neben  YeNWPoc 
(vgl.  oben  S.  71),  griech.  neKYClc   neben   kopt.  ««(J'ojm,  ni4»(i>u). 

*    Koptische  Gianimatik,  2.  .\ufl.  (1904)  §  57   Anin. 

'  Ägyptische  Grammatik,  2.  Aiill.  (1902),  §  81.  .Sj)äter  ist  Erman  von  dieser  Auf- 
fassung wieder  zni-ückgekommen,  vgl.  ÄZ.  44,  .S.  108,  wo  ei-  für  kopt.  iioyge  ein  älteres 
Tiotte  annimmt  (vgl.  aber  auch  ÄZ.  34,  .S.  6if.  und  Berliner  jjhilol.  Wdchen.schr.  1900, 
.S.919).  I.Jtcau  Ist,  wie  es  scheint  (Kecueil  31, 75  Aiiin.  4),  hei  dci-  alten  Anschaniiiig  ge- 
blieben. 

Pha.Mst.  Klasge.    1910.   Artluing.    Ab/i.  JI.  10 


74  H.   Ranke: 

Wie  auch  immer  man  über  die  von  Sethe  lierangezogenen  griechischen 
Umschreibungen  denken  mag',  icli  glaube,  daß  der  völlig  eindeutige  keil- 
schriftliche Befund  uns  zwingt,  zu  der  älteren  Auffassung  zurückzukehren. 
Denn  nachdem  einmal,  um  ein  Beispiel  zu  wählen,  IlSra  als  ältere  Aus- 
sprache von  £iop  nachgewiesen  worden  ist,  ist  die  Sethesche  Annahme,  dem 
giop  gehe  ein  älteres  *nür  voraus,  sehr  unwahrscheinlich  geworden,  da  der 
natürliche  Übergang  von   u  zu  w  über  ü  geht'. 

Ich  vermute,  daß  wir  auch  das  ö  bzw.  ö  des  koptischen  Infinitivs  von 
einem  älteren  a  bzw.  a  herzuleiten  haben.  Die  von  Sethe,  Verbum  I,  §  40 
und  40  bis  angeführten  Infinitivformen  mit  ä  hätten  dann  vor  Gutturalen 
usw.  die  ältere  Vokalisation  bewahrt '.  Beweisen  läßt  sich  das  heute  frei- 
lich noch  nicht,  da  für  keine  ägyptische  Infinitivform  die  alte  Vokalisation 
überliefert  ist.  Es  scheint  mir  aber  aus  einem  Grunde  recht  wahrschein- 
lich: Auch  im  koptisclien  Qualitativ  finden  sich  vor  denselben  Gutturalen 
usw.  Formen  mit  d  anstatt  des  gewöhnlichen  ö,  und  liier  ist  das  d  gewiß 
nicht  als  sekundär  aufzufassen,  denn  fiir  koptisches  ö  im  Qualitativ  des 
Verbums  können  wir  wenigstens  einmal  ein  älteres  ä  nachweisen,  und  zwar 
in  mb.  hatpl  (in   Aman-hatpi)  für  kopt.  ^OTn"*. 

'  Das  wahrsclicinlicliste  ist  mir,  wie  schon  oben  (S.  71)  angedeutet,  daß  in  den 
gi'ieciiisclien  Namen  mit  y  dialektisclie  Formen  vorliegen.  Die  (irieclien  sind  zuei-st  im  Delta 
mit  Ägyptern  /.iisanimengelroflen,  lial)en  zuerst  im  Delta  ägyptische  Laute  gehört.  Da  nun 
außer  dem  bohairisclien  alle  im  Delta  gesprochenen  Dialekte  verloren  gegangen  sind,  so  ist 
es  das  Nächstliegende,  anzunehmen,  daß  wir  in  djesen  Foimen  die  Ke.ste  eines  anderen  unter- 
ägyptischen Dialektes  (etwa  aus  der  Gegend  von  Naukratisp)  zu  erkennen  haben,  in  dem  die 
Ver'schiebung  von  ö  nach  ü  schon  im  6.  vorcln-istliclien  Jahrhundert  einen  weiteren  umfang 
angenommen  hatte.  Daß  diese  \'erscliiebung  auch  nach  anderen  Konsonanten  als  m  und  n 
dialektisch  stattgefunden  hat,  und  zwar  in  nicht  erst  besondeis  später  Zeit,  lehrt  uns  das 
.\chmimisclie  (vgl.  die  Zusammenstellung  der  Formen  bei  Rösch,  a.  a.  ().  S.  50),  z.  B.  •sof 
»sagen«  statt  •sio,  fcoy  »Baum»  stntt  few,  coy  »trinken«  statt  cto  usw.  Die  F"orm  '\oy^  »N'ater« 
statt  euoT  findet  sich  auch  durchgehend  in  dem  Pariser  altkoptischen  Zauberpajjyrus  (vgl. 
Krman,  ÄZ.  2i,89flr.).  Zu  dialektischem  y  für  o  vgl.  noch  üriffith,  Rylands  Papj'ri  IM,  237, 
Anin.  4. 

'    Vgl.  auch  S.  77,  Anm.  3. 

^    \'gl.  auch  8.  75,  Anm.  i. 

*  \'gl.  auch  kopt.  ii*.peAigoTn  (fiir  *n*.Änig^OTn,  vgl.  dialekt.  n*k.wno&.Tn),  ÄZ.  39, 130 
Anm.  I  und  griecli.  A/ASNueHC.  An  weiteren  Fällen,  in  denen  auch  kurzes  betontes  allägypti- 
sches a  eine  Verschiebung  zu  o  durchgemacht  zu  haben  scheint,  zitiere  ich  noch  die  folgenden: 
mb.  Amnn-ajipi  neben  griech.  A«eN(0<t>lc,  kopt.  ne^onc ;  mb.  ma-isi  in  Ttära-maSii  neben  gricch. 
Amucic  usw.  [der  Name  des  Königs  Amacic  zeigt  die  alle  Vokalisation;  vgl.  übrigens  Griffith, 
Rylands  Papyri  111,  189  Anm.  zj;   ass.  Manti  (in  *Mantim()je)  neben  griech.  TlAMUNeHC  usw.. 


KeilschriftlicJies  Material  zur  altägyptl'<clien  Vokalisation.  75 

Nun  sind  wir  aber  fiir  die  Erkenntnis,  daß  koptischem  o  gelegentlicli 
ein  älteres  a  entsprochen  hat,  nicht  auf  die  keilschriftlichen  Umschreibungen 
allein  angewiesen.    Wir  besitzen  dafür  noch  verschiedene  weitere  Belege. 

Zunächst  erinnere  ich  an  die  koptisch  erhaltenen  kanaanäischen  Fremd- 
worte im  Ägyptischen,  bei  denen  an  Stelle  eines  semitischen  betonten  o-Lautes 
im  Koptischen  ein  o-Laut  erscheint'.  So  haben  wir  kopt.  ociAe  »Widder« 
neben  hebr.  '••'■&,  kopt.  &.<yo\T€  »Karren«  (aus  *'af/dltu)  neben  hebr.  nijy,  kopt. 
cioM  »Meer«  neben  hebr.  3^  (vgl.  ass.  iamu),  kopt.  feepe(?ü)o'yT(c)  »Wagen« 
neben  ass.  narkahtu,  hebr.  nnsir,  kopt.  mc(Tto\  »Turm«  neben  hebr.  b'^jr, 
kopt.  -xoeiT  »Ölbaum«  neben  hebr. rr^T  sowie  vielleicht  kopt.  eieo-yV  »Hirsch« 
(mit  Umstellung  des  Alef  und  Jod)  ne])en  hebr.  b^s,  ass.  aiiilu.  Alle  diese 
Worte  sind  von  den  Ägyptern  gewiß  mit  einem  n  in  der  Tonsilbe  über- 
nommen worden,  und  dieses  hat  dann  erst  in  Ägypten  die  Verschiebung 
zu  o  mitgemacht. 

Aber  neben  diesen  Fällen,  in  denen  sich  koptisches  o  noch  auf  ein 
älteres  a  zurückführen  läßt,  stehen  auch  solche,  in  denen  das  fUtere  a  sich 
im  Koptischen  oder  in  griechischen  Umschreibungen  noch  erhalten  zu  haben 
scheint.  So  haben  wir  in  'Apcihcic,  'Apygüthc,  'ApeNAcoTHC  usw.  usw.  ein  ap  als 
enttonte  Form  zu  up^  (vgl.  'ßpoc,  Ygnwpoc)  bzw.  yp  (vgl.  Cenypic,  TTeieYRic 
usw.),  das  sich  doch  wohl  nur  als  die  Verkürzung  eines  älteren  *här  ver- 
stehen läßt,  wie  wir  es  in  mb.  JJära  gefunden  haben.  In  ähnlicher  Weise; 
werden  solche  tonlosen  koptisclien  Formen  wie  pe<M  (in  pÄ.Ai*wO)  neben  p(i).ue, 
»k«j<  (in  Js.n«wMHi)  neben  o)iie,  »&.T  (in  ni*.TiÄ.Te,  Heß,  gnost.  Pap.  v.  London, 
VIII,  2)  neben  eiioT  u.  a.  als  Überbleibsel  einer  älteren  betonten  Form  mit 


\ 


r 


ko])t.  cpMonT;  iiss.  Ilania  (in  Vm-IJania)  nel>en  f;iiccli.  Ygnxuncic  usw.,  kopt.  n*.iyoitc;  ass. 
nrati  (in  Niharav,  'Nihiilesarau)  nchon  giiecli.  Inapuytoc  (Petrie  Pa|).  II,  Index),  ieoPcüYTOC  (Peyron, 
/oiilc  11.16),  kopt.  cpooif.  Auffallend  ist  die  Dejiniinu;  des  n  in  ass.  N/Ää  (l)eaclite  id).  Si/iai'.} 
nel)eii  ■;riech.  Te»c,  Taxuc,  kopt.  nt^bep^o  (Cniin,  Tat.  Brit.  Mus.)  und  ass.  Stjäitlu  neben  kopt. 
ciooyi  (\p,\.  auch  ns.s.  Sahpimäu).  Fiir  ^i-iecliisches  w  an  Stelle  eine-s  sa'idischen  o  vf!;l.  Griffith, 
Rylands  Papyri  111,190. 

'  N'gl.  M.  Burchardt,  Die  altkaiiaanäisrlien  Kreindworte  ini  Äg}'])tisclien  I,  §  180.  Den 
Hinweis  auf  die  ol)en  zitierten  Worte?  verdanke  ieli  Hrn.  Dr.  Burchardt.  Auch  ko[)t.  (J'iom 
•  (■arten«  neben  assyr.  karmii,  liebr.  s-s,  kopt.  i3'*w.mo'Y''.V  -Kaniel«  neben  liiOn-.  V^j,  ffehören  viel- 
leicht hierher.  \'oi'  einem  j  hat  sich  auch  hier  das  alte  a  gehalten;  vj;l.  kopt.  i^^vAi-gT 
-Kes,sel-   neben   hebr.  nn'3;  (Burchardt,  ebenda). 

'  Da.s  tvj"  wird  hier  durch  das  folgende  A  7.n  erklären  sein  (vgl.  Stern,  Koptische  (ii'ani- 
iiiatik,  §  152). 

'    Er.st  sekundär  Lst  gelegentlich  up  auch  zu  op  cnllonl  worden,  so  in  "Opoyghc,  "Opbhk. 

10* 


7fi  H.  Rankk: 

U  aufzufassen  sein,  so  daß  wir  aus  ihnen  also  ein  älteres  *räme,  *anr,  *iäie 
usw.   zu  rekonstruieren  hätten. 

Ferner  ist  zu  erwägen,  ob  nicht  das  im  Achmimischen  ^  an  Stelle  eines 
sa'idisclien  und  bohairischen  betonten  o  fast  durchgehends  auftretende  js."  zu 
den  mancherlei  Altortümlichkeiten  zu  rechnen  ist,  die  dieser  Dialekt  vor 
anderen  bewahrt  hat.  Die  theoretische  Möglichkeit,  daß  hier  sekundäre  Bil- 
dungen des  Achmimischen  vorliegen  sollten,  scheint  mir  durch  nicht«  wahr- 
scheinlich gemacht  werden  zu  können;  daß  sowohl  die  altkoptischen  Bei- 
schriften zu  demotischen  Texten  (vgl.  Roesch  a.  a.  0.)  wie  die  assyrischen 
Umschreibungen  in  diesem  Punkte  mit  dem  Achmimischen  übereinstimmen 
(vgl.  ass.  arau  neben  achm.  ÄwpA.'y),  spricht  vielmehr  dagegen. 

Eine  letzte  Bestätigung  endlich  bietet  sich  noch  von  ganz  unerwarteter 
Seite.  P^s  ist  bekannt,  daß  zur  Zeit  des  neuen  Reiches  Nubien  als  .süd- 
liche Provinz  dem  ägyptischen  Herrschaftsgebiet  einverleibt  gewesen  ist, 
und  daß  Jahrhunderte  hindurch  mit  den  ägyptischen  Verwaltungsbeamten 
auch  die  ägyptische  Sprache  in  Nubien  geherrscht  hat.  Als  dann  in  der 
ersten  Hälfte  des  7.  vorchristlichen  Jahrhunderts  die  engen  Beziehungen 
zwischen  Ägypten  und  Nubien  aufhörten,  wurde  auch  die  Sprache  der 
Ägypter  von  den  Negern  am  oberen  Nil  allmählich  vergessen.  Daß  aber 
einzelne  Brocken  aus  dem  altägyptischen  Wortschatz  dauernd  im  Nubischen 
erhalten  geblieben  sind,  zeigt  das  Wort  nah  »Gold«'',  das  sich  von  ägypt.  nl^w), 
kopt.  uo-yfi  doch  gewiß  nicht  trennen  läßt.  Seine  Vokalisation  zeigt,  daß 
es  ins  Nubische  aufgenommen  war,  ehe  der  Lautübergang  von  a  zu  0  im 
Ägyptischen  stattgefunden  hatte.  Vielleicht  besitzen  wir  auch  einen  Beleg 
dafür,  daß  man  in  Nubien  den  Gott  Amon  auch  in  späteren  Zeiten  noch 
nach  der  alten  Weise  als  Aman  gesprochen  hat,  wenn  nämlich  der  Name 
Unkmiane  (S.  36)  wirklich  mit  'htm  zusammengesetzt  ist. 

Zusammenfassend  erhalten  wir  etwa  das  folgende  Resultat:  Im  Ägypti- 
schen hat  zu  einer  nicht  genauer  bestimmbaren  Zeit  zwischen  dem  13.  und 
dem  8.  vorchristlichen  Jahrhundert  eine  Verschiebung  von  langem  beton- 
ten a  zu  ö  stattgefunden.  Nach  den  Konsonanten  m  und  n  ist  ein  solches  ö 
dann  weiter  zu  ü  verschoben  worden.    Wann  dies  geschah,  läßt  sich  zur 

'    Ähnlich  auch  im  Faijiimischen  und  Meinphitisclien  (vgl.  Stern,  Kopti.sche  Grammatik  §  13). 
-    Die  Zusammenstellung  der  Formen  bei  F.  Roe.sch,  Vorbemerkungen  zu  einer  Gram- 
matik  der  achmimisclien  Mundart  (Straßburg,  1909)  S.  36 — 38. 

'    Den  Hinweis  auf  dieses  nubische  Wort  vei-danke  icli   H.  Schäfer. 


KeihchrlfÜiches  Material  zur  altäyyptmhen  Vokalisation.  77 

Zeit  nicht  feststellen;  doch  ist  diese  Verschiebung  schwerlich  sehr  jung,  da 
sie  dialektisch  sogar  nach  anderen  Konsonanten  schon  mindestens  fiir  das 
6.  vorchristliche  Jahrhundert  anzunehmen  ist'.  In  derselben  Weise  scheint 
auch  koptisclies  kurzes  betontes  ö  gelegentlich  auf  ein  älteres  d  zurückzu- 
gehen. Diese  Verschiebung  des  kurzen  Vokals  hat  vielleicht  erst  sekundär 
stattgefunden',  nachdem  die  Verschiebung  des  langen  ä  zu  ö  eingetreten 
war.  Sie  ist  z.  B.  in  der  verkürzten  Form  des  Namens  Horus  nur  ganz 
vereinzelt  eingetreten  und  hat  im  achniimischen  Dialekt  noch  bis  in  nach- 
christliche Zeit  hinein  meist  nicht  stattgefunden'. 

II. 

Die  »Enttonung«  der  ägyptisch(!n  Worte  hat  im  neuen  Keiche 
den  Umfang,  den  uns  das  Koptische  und  die  griechischen  Um- 
sclireibungen  zeigen,   noch   nicht  erreicht. 

Wir  verstehen  in  der  koi)tlschen  (irammatik  unter  »Knttonuug«  die 
l'-rscheinimg,  daß  bei  besonders  engen  Verbindungen  mehrerer  Worte  einzelne 
Teile  dieser  Verbindungen  ihren  Ton  verlieren.  Es  läßt  sich  von  vorn- 
herein vermuten,  daß  diese  Enttonung  erst  allmählich  stattgefunden  hat, 
und  das  Material,  das  \ms  die  keilschriftlichen  Umschreibungen  liefern,  l)e- 
stätigt  diese  Vermutung. 

1.  Die  fortschreitende  Enttonung  der  ägyptischen  Eigennamen. 

Wie  aus  den  griechisch  und  kupti.sch  überlieferten  Formen  bekannt 
ist,  haben  die  ägyptischen  Eigennamen  eine  Neigung,  in  Silben,  welche 
nicht  den  IIaui)tton  tragen,  einen  ursprünglicli  langen  Vokal  zu  verkürzen. 
Im  Koptischen,  wo  die  Eigennamen  in  der  Regel*  nur  einen  einzigen  Ton 

'    Vgl.  S.  74,  Anm.  i. 

'  Im  7.  jRiirliiindert  ist  sie  teilwi-ise  noch  nicht  voriianden  (vgl.  die  S.  74,  Aniri.  4 
/.itierteii  a.ssyri.sclien   Bei.spiele). 

'  Kiiie  Verscliiebiiiif;  von  ä  zu  ö  (tr/.w.  vveitoi'  zu  t7)  findet  sich  liekntuitlieh  ebenso  in 
«ieu  .semitischen  .Spraclien  (vgl.  Zininiern,  X'ersieiehendc  Uranuiialik  S.  49!'.).  Auch  im  iM«^lni 
ist.  wie  mir  Littmann  mitteilt,  ein  (Ibergaiig  von  ä  zu  ö  vielfach  zu  belegen.  \ni  die  zalil- 
reiclien  Parallelen  innerhalb  der  ind<>euroi)äisclien  Sprachen  brnuche  ich  wohl  nur  hinzu- 
w  ei.se  n. 

*  Kine  .\usnahme  bildet  der  Name  odnicinci,  der  offenbar  mit  zweifachem  .\kzent  ge- 
sjuochen  wurde  (vgl.  auch   HpoYCürKioc  |('rurn.  f'at.  Brit.  Mus.J   neben   APOYurxioc). 


78  H.   Ranke: 

tragen,  geht  dies  so  weit,  daß  nur  die  Silbe,  auf  Av^elcher  der  Ton  ruht, 
einen  vollen  Vokal  zeigt,  während  alle  unbetonten  Silben  ein  tonloses  e 
aufweisen'.  Daß  aucli  diese  starke  Enttonung  des  Koptisclien  sekundär 
ist,  wird  niemand  bezweifeln.  Spiegelberg'-  hat  aus  den  griechischen  Tran- 
skriptionen den  Beweis  erbracht,  daß  sie  erst  sehr  späten  Ursprungs  sein 
kann.  Er  hat  gezeigt,  Avie  sich  in  den  griechischen  Schreibungen  das 
Fortschreiten  der  Enttonung  zum  Teil  noch  verfolgen  läßt.  Wenn  sich 
griechisch  Tmocicjc  neben  TMeciuc,  Contcooyc  neben  Cgntcüoyc,  Ygnonthpic 
neben  YeNeNiHPic  finden,  so  sind,  im  Hinblick  auf  das  Koptische,  die  Formen 
mit  ö  gewiß  fiir  älter  anzusehen  als  die  entsprechenden  mit  e. 

Dasselbe  zeigen  uns  nun  auch  die  keilschriftlichen  Transkriptionen, 
die  aber  auch  hierin,  wie  zu  erwarten  ist,  die  griechischen  noch  an  Alter- 
tümlichkeit übertreffen.  So  haben  wir  mb.  Amaiiappa,  Amanhatpi  mit  a 
in  der  zweiten  Silbe,  wo  die  griechischen  Formen  (AMeNca-tic,  AweNueHc)  an 
der  gleichen  Stelle  ein  r  aufweisen,  oder  mb.  nop  in  Naphiilururija  ver- 
glichen mit  griech.  Ne<t>  in  TTeTeNeixoTHc.  Bei  dem  letzten  Beispiel  finden 
wir  übrigens  eine  interessante  Nebenform,  die  uns  schon  unter  der  i8.  Dy- 
nastie ein  Fortschreiten  der  Enttonung  erkennen  läßt.  Ich  meine  die  Va- 
riante Niphurririja,  in  der  das  nlp  doch  wohl  als  eine  weitere  P^nttonung 
von  nap  aufgefaßt  werden  muß.  Ähnlich  findet  sich  auch  assyrisch  noch 
gelegentlich  das  vollere  a  neben  griechischem  imd  koptischem  ^';  vgl.  *Man- 
tlrnehe  neben  MeNieMHc,  Zahnüü  neben  griech.  CeseNNYTOc,  kopt.  -xeueito'yTC, 
Tapnahü  neben  griech.  TNeoAxeoc. 

Die  babylonischen  und  assyrischen  Umschreibungen  bestätigen  uns 
aber  nicht  nur,  daß  die  Enttonung  innerhalb  der  Eigennamen  in  älterer 
Zeit  noch  nicht  bis  zum  Murmelvokal  vorgeschritten  war,  sie  lehren  uns 
auch,  daß  in  manchen  Eigennamen  noch  ein  doppelter  Akzent  vorhanden  war^. 

'    Vgl.  z.  B.  feepujeito-yqc,  oyene^&pe,   ujeneTWAi,  ujcnoyTe,  tgeÄmTcnHY  usw.  usw. 

'^    Ägyptische  und  griechisclie  Eigennamen,  .S.  24 ff. 

^  Wenn  Spiegelberg  auch  diesen  dopjielten  Ak/.ent  in  griecliisch  überlieferten  Namen 
nacliweisen  will,  so  beruht  das  wohl  auf  einem  Irrtum.  Das  von  ihm  (Kigennamen,  8.  24) 
zitierte  Beis])iel  OpceNOY*lc  iial  gewiß  ebensowenig  einen  do])jielten  .Vkzent  gehabt  wie  das 
entsprecliende  koj)t.  fcpujeuoyqc.  Das  0  der  griechischen  Form  braucht  dem  im  Koi)tischen 
entsprechenden  tonlosen  e  gegenüber  keine  ältere  und  vollere  \'ükalisation  zu  repräsentieren, 
da  es  lediglich  die  Wiedergabe  des  für  die  grieciiische  .Schrift  niciit  anders  ausdrückbaren  an- 
lautenden IC  ist.  Ebensowenig  zeigt Onnoo*pic  eine  vollere  \'okalisation  als  OYeii*kfcpe  (vgl.  S])iegel- 
''erg,  ebenda). 


Keihchriftllches  Material  zur  altöyyplmclien  Vokallsalion.  79 

Zwar  finden  sich  schon  zur  Zeit  des  neuen  Reiches  Namen,  die  allem 
Anschein  nach  nur  einen  einzigen  Akzent  gehabt  haben,  so  z.  B.  diejenigen 
Zusammensetzungen  mit  'Imn,  in  denen  der  Gottesname  an  erster  Stelle 
erscheint.  Betontem  Aviäna  (vgl.  Amäna  und  Mäi-Atnäna)  gegenüber  er- 
scheint hier  stets  Aman,  das  gewiß  als  Aman  aufzufassen  und  ohne  Ton' 
anzusetzen  ist;  so  haben  Namen  wie  Amamippa,  A)nanmds{i)a,  Amanhiitpi 
offenbar  schon  zur  Zeit  der  i8.  Dynastie  nur  einen  Ton  gehabt.  Ferner 
TJikuptdh-,  Pahamntda,  Tahmdja,  Tahmässr.  Daneben  aber  finden  sich  eine 
Anzahl  von  Namen,  die  noch  deutlicli  doppelten  Akzent  tragen;  vgl.  Ild- 
ra-mäSsi,  Mäi-Aimina.  Nip/ji/rri-RfJa,  [Nim}maa-läja''  sowie  wahrscheinlicli 
Par't!a-maM*. 

Warum  'Imn  fniher  enttont  worden  ist  als  Hr.  warum  wir  also  mittel- 
babvlonisch  nicht  * Am6na-)ndssi'-' ,  sondern  Amannids{s)u  liaben,  wüßte  ich 
nicht  zu  sagen.  Dagegen  ist  wold  mit  Siclierheit  anzunehmen,  daß  niclit 
in  allen  Eigennamen  des  neuen  Reiches,  an  denen  'Imn  an  erster  Stelle 
stand,  die  gleiche  Knttonung  stattgefunden  hat.  Die  Enttonung  ist  liier 
offenbar  von  der  Länge  des  Namens  abhängig  gewesen.  Bei  Namen,  in 
denen  die  Zahl  der  vor  dem  Ton  liegenden  Silben  gar  zu  groß  geworden 
wäre,  liat  7?««  gewiß  seinen  'i'on  behalten.  Daß  wir  einen  Namen  wie 
Imn-hr-irnm-f  im  neuen  Reiche  mit  doppeltem  Ton  werden  ansetzen  müssen, 
zeigt   uns   die  Tatsaclie,    daß    selbst   im   6.   vorchristlichen  Jahrhundert  in 

'  Bzw.  mit  leiclitcni  (legenton  auf  der  prsten  Silbe  (vgl.  das  doppelte  7«  in  f^riecli. 
Ammancmhc,  AM«eNe«HC  [Unger,  Maiietho  .S.  ii8|  und  Maspero,  Reciieil  32,  7  i). 

'  Der  Name  des  Gottes  11h  zeigt  ii>  den  mittell)al)yl()nisclien  Umschreibungen  vor  dem 
Ton  dieselbe  Form  wie  unter  dem  Ton.  Eine  verkür/.te  Form  dagegen  zeigt  ass.  Iptihartesv; 
grieclii-sch  und  koptisch  ist  diese  vei-kiirzte  Form   nicht  zu   belegen. 

'    Danach  auch  Waimua-Rtia  (vgl.  übrigens  schon  Steindorff,  a.  a.  O.  8.  335). 

*  Oh  der  Gottesname  Rc  an  erster  Stelle  in  Kigennamen  des  neuen  Reiches  noch  seinen 
vollen  Ton  besaß  wie  IJr  oder  ob  er  wie  '/mn  bereits  halb  enttont  war,  vermag  ich  nicht 
zu  sagen,  doch  scheint  mir  das  ei-stere  wahrscheirdicii.  Beachtenswert  ist  iunnerhin.  daß  die 
Ausschreibung  des  langen  Vokals  (wie  an  letzter  Stelle  in  Qu-u-ri-i-ja,  NimmurTia[s\)  an  erster 
Stelle  nicht  zu  belegen  ist.  Übrigens  begegnen  an  ei'ster  sowohl  (vgl.  Ei-a-na-pa  neben 
Ri-ja-ma-nu[. .  .?])  wie  an  letzter  Stelle  im  Namen  (vgl.  Ni-hn-mu-ri-ja,  Ni-ib-mu-a-ri-a)  die 
Schreibungen  ri-a  und  ri-ja  nebeneinander,  so  daß  also  niclit  etwa  ri-a  als  Schreibung  der 
enttonten  Form  angesehen  werden  kann.  Jedenfalls  abei-  hat  eine  Verkürzung  von  i  zu  ä, 
wie  sie  für  die  .spätere  Zeit  aus  den  griechi.scheti  Umschreibungen  gesichert  ist  (vgl.  tonloses 
PA  in  Pawccchc  usw.  neben  betontem  ph  in  Oycimaphc  usw.)  unter  der  18.  und  19.  Dynastie 
noch  nicht  stattgefunden. 

'    Wie  Qöra-mdäii. 


80  H.   Ranke: 

ähnlichem  Falle  das  Wort  'hnn  noch  seinen  vollen  Ton  behalten  hat;  vgl. 
das  deutlich  doppelt  betonte  neubabylonische  Amünutap{u)ndhti.  Deutlich 
doppelt  betonte  Namen  kennen  wir  auch  aus  assyrischer  Zeit,  und  zwar 
Nahtihuruanseni  und  Pihattlhurunpiki.  In  ihnen  hat  der  Gottesname  //r' 
(gegenüber  Fällen  wie  Ilarsija^eSu,  Havtihtt)  aus  dem  gleichen  Grunde  seinen 
vollen  Ton  behalten.  Auch  ass.  BükkunannUipr  und  *  Bnk(k)unrinip  sind 
vielleicht  mit  doppeltem  Ton  gehört  worden,  während  ass.  Hartibti,  Hath{a)- 
rtba,  Iptihartesu,  Nihti{e)saräu,  nb.  Naht{u)hdppi>  offenbar  nur  noch  einen 
vollen  Akzent  besitzen.  In  anderen  Fällen,  wie  bei  ass.  * Mantimehe,  kann 
man  zweifeln,  ob  einfacher  oder  doppelter  Ton  anzunehmen  ist.  Nb.  Hapl- 
menna  scheint  nur  noch  einen  Ton  zu  besitzen,  da  dem  unbetonten  ^pi 
ein  betontes  happU  (vgl.  Nahtn-hdppU)  gegenübersteht. 

Die  keilschriftlichen  Umschreibungen  lassen  uns  über  die  Enttonung 
der  einzelnen  Teile  zusammengesetzter  Eigennamen  also  Folgendes  er- 
kennen : 

1 .  Im  neuen  Reiche  ist  in  einzelnen  Fällen  der  ursprüngliche  doppelte 
Akzent  noch  vorhanden  {Hura-indsSl).  Verliert  der  erste  Teil  des  Namens 
seinen  Akzent,  so  wird  der  bisher  den  Ton  tragende  Vokal  verkürzt,  behält 
aber  in  der  Regel  seine  Qualität  (AmanMipl  usw.);  imr  ausnahmsweise  geht 
diese  verloren   {Niphürrirtja). 

2.  Auch  aus  der  Zeit  der  26.  Dynastie  und  der  Perserherrschaft  sind 
Namen  mit  doppeltem  Akzent  nachweisbar  (ass.  Naht{i)hnruaiiHcni,  nb.  AmUnu- 
l(i}){ii)nähti);  daneben  hat  es  aber  gewiß  schon  eine  ganze  Anzahl  von  Namen 
gegeben,  die,  wie  die  koptisch  erhaltenen,  eine  völlige  Enttonung  der  niclit 
betonten  Silben  aufweisen  (vgl.  ass.  Iptihartesu,  Nihtüardu). 


2.  Die  Enttonung  des  regierten  Wortes  in  der  status-constructus- 

Verbindung. 

Was  uns  im  Koptischen  an  statu s-constructus -Verbindungen  erhalten 
ist,  zeigt  durchweg  eine  Enttonung  und  eventuelle  Verkürzung  des  ersten 
Wortes.   Der  Vokal  der  Tonsilbe  wird  im  Status  constructus  durch  tonloses  e 


'  Bzw.  Ht-Hr;  eine  enttonte  Form  von  lU-lJr  ist  uns  griechisch  erhalten  in  AeePNeeeN- 
TAirecüc  (vgl.  OLZ.  1909,531). 

'  (Iber  die  \'ei'düppelung  de.s  auf  einen  betonten  kurzen  Vokal  folgenden  Konsonanten 
vgl.  S.  69,   .\nui.  i. 


KeilschriftUch.es  Material  zur  ultä(iypt'iscJien  Vokal isation.  81 

ersetzt;  vokalischer  Auslaut  geht  verloren \     Wie  stand  es  nun  damit  in 
der  Sprache  des  neuen  Reiches"? 

-  Von  den  hier  in  Betracht  kommenden  mittelbabylonisclien  Umschrei- 
bungen Hikuptah  » Haus  des  Geistes  des  Ptah « ,  Nil>mu>artia  » Herr  der  Wahr- 
lieit  ist  Re«  und  PaJunmiüta  »der  Diener  Gottes«  zeigt  uns  die  zweite  mit 
Sicherheit  eine  Verkürzung  des  im  status  constructus  stehenden  Wortes. 
Das  Wort  nl>{ic)  »Herr«  ist  nach  dem  koptischen  hh6  auch  für  die  alte  Zeit 
sicher  mit  langem  Vokal,  wahrscheinlich  als  nihr  oder  nehe''  anzusetzen. 
Statt  dessen  weist  der  status  constructus  die  verkürzte  Form  nil)  auf.  Wir 
dürfen  daraus  den  —  übrigens  nicht  überraschenden  —  Schluß  ziehen,  daß 
auch  im  Altägyptischen  (wie  in  allen  semitischen  Sprachen)  das  im  status 
constructus  stehende  Wort,  wenn  möglich,  eine  Verkürzung  erlitt,  und  zwar, 
daß  bei  einem  mehrsilbigen  Worte  mit  auslautendem  Vokal  dieser  Vokal 

'    Vgl.  Steindorff,  Koptische  Grammatik',  §  135,  163. 

-  Für  (las  Folgende  muß  freilich  die  Kiiiseitigkeit  unseres  Materials  stets  im  Auj^e  he- 
haltcn  werden.  Ägyptische  statiis-constriictiis-V'erhindungen  sind  uns  in  keilschriltlicherWieder- 
galie  fuu-  als  Bestandteile  von  Kigennamen  erhalttMi.  Wollen  wir  von  diesem  Material  aus  auf 
Ki-scheinungen  in  der  ügypti.schen  .Sprache  üherliaujjt  schließen,  so  ist  dahei  immer  mit  zwei 
Möglichkeiten  zu  rechnen:  Einmal  —  da  in  mehrteiligen  Kigennamen  die  Tendenz  zur  Krit- 
totiung  und  N'erkürzung  einzelner  Teile  hesonder.s  stark  ist  — ,  daß  wir  möglicherweise  Foinien 
finden,  die  stärker  verkürzt  sind  als  die  entsi)i'echenden  Formen  in  der  gewöhnlichen  Sprache 
dei-selhen  Zeit  es  sein  würden.  Dann  aber  auch  — -  da  anderseits  gerade  die  Kigennamen. 
wie  nberall,  so  auch  im  Ägyi)tischen,  vielfach  altes  S])racligut  und  alte  Sprachformen  bewahrt 
haben  — ,  daß  wir  in  ihnen  bisweilen  auch  Formen  finden  mögen,  die  eine  Verkürzung  noch 
nicht  aufweLsen,  welche  die  ents|)reelienden  Formen  der  gewöhnlichen  Sjjraclie  derselben  Zeit 
schon  erlitten  haben. 

'  Für  den  Ui-sprung  von  koptischem  betonten  «und  T  — •  die  im  Unterschied  von  dem 
H  und  I  des  Spätgriechischen  stets  streng  auseinandergehalten  werden  —  geben  uns  die  keil- 
schriftlichen Umschreibungen  noch  keine  einigermaßen  klare  Auskunft.  Kein  einziges  der 
in  Betracht  kommenden  Worte  ist  zur  Zeit  aus  der  mittelbabylonisclien  u  n  d  assyrischen  (oder 
neubabylonischen)  Periode  zugleich  zu  belegen.  Die  as.syrisclien  {tbi  neben  mi  für  Ib,  ei[«]  neben 
HCl,  Hce  für  /»]•<],  he  neben  h  für  hi[-t\,  niüpi  neben  ni*i,  niqe  für  nfj,  Memjn  neben  Me«*ic, 
jucitqe  für  Mn-n/{r\)  und  neubabylonischen  (Esis  neben  hci,  hcc  für  ls[-i\,  temu  neben  thm  für  tm) 
Umschreibungen  zeigen,  wo  die  Lesung  zweifellos  ist,  in  den  i-  und  e-\'okalisationen  eine  so 
völlige  Übereinstimmung  mit  den  griechischen  und  ko])tisciien,  daß  wir  aucii  Schreibimgen  wie 
W-«  (nel)en  griech.  phc,  kojit.  pHC  für  rsj),  ti-ti  (neben  griech.  ahti,  kopt.  th"^  für  Dd[-t])  und  si-ni 
(neben  kopt.  igHn  für  inw)  als  resi,  teti  und  seni  werden  ansetzen  dürfen.  Auffallend  ist  nur 
ass.  Tnäpi  neben  griech.  «ht  für  mdw.  Mittelbabylonisch  ents[)richt  rTja  bzw.  rT/a  einem  griech.  PH 
und  kopt.  pii.  Hier  ist  das  i  (durch  die  Schreibungen  ri-i-ja,  niemals  *ri-e-ja)  gesichert.  Aber 
es  wäre  voreilig,  von  diesem  einzigen  Beis|)iele  aus  ein  älteres  *  nlbe  für  s])iiteres  wnk  ein 
älteres  irfre  für  späteies  ohp,  oyhp  (ägy|)t.  wr)  usw.  usw.  anzusetzen. 

Phü.-hMt.  Klasse.    1910.   Atihang.    Abh.  II.  1 1 


82  H.   Ranke: 

abfiel.  Dasselbe  kann  bei  hi  fiir  A?(-/)'  »Haus«  und  kam  für  hm  »Diener« 
der  Fall  gewesen  sein,  so  daß  wir  also  die  absoluten  Formen  hT?e  und 
hä/tir  zu  rekonstruieren  hätten,  doch  läßt  sich  dies  nicht  mit  Sicherheit 
sagen,  da  uns  von  keinem  dieser  Worte  die  Aussprache  einer  absoluten 
Form  überliefert  ist. 

Die  mittelhabylonischen  Umschreibungen  zeigen  uns  ferner,  daß  der 
Tonvokal  eines  Wortes  im  status  constructus,  wenn  ni(>glich,  gekürzt  wurde, 
ohne  jedoch  seine  Qualität  einzubüßen. 

So  wurde  in  Hikuptah  {H?{-t)-k^-Pth)  das  ii  von  h'  offenbar  kurz  ge- 
sprochen, gegenüber  dem  langen  u  der  absoluten  Form  in  zahnakü  {1b-n{j)-ki), 
und  ebenso  zeigen  die  kontrahierten  Formen  Nimmurtja  (neben  Nlhmu^ariSa) 
und  Pahanäte  -—  *Pohannate''  (neben  Pahamnäla)  doch  wohl,  daß  die  status- 
constructus-Formen  nih  und  kam  mit  kurzen  Vokalen  anzusetzen  sind.  Bei 
Worten  mit  langem  Tonvokal  wurde  also  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
schon  zur  Zeit  des  neuen  Reiches  der  Vokal  im  status  constructus  ver- 
kürzt, er  wurde  aber  noch  nicht,  wie  es  im  Koptischen  der  Fall  ist,  zum 
Murmel  vokal  reduziert.  Die  Worte  /t?(-0,  ^<^,  nl>  und  hm  werden  im  status 
constructus  nicht  gleichmäßig,  etwa  mit  kurzem  t'^  oder  l,  vokalisiert,  son- 
dern zeigen  verschiedene  Vokale,  die  offenbar  den  verschiedenen  Vokalen 
der  absoluten   Formen   dieser  Worte  entsprechen. 

Die  mittelbabylonischen  Umschreibungen  lehren  uns  endlich  noch  ein 
Drittes  über  den  ägyptischen  status  constructus  im  neuen  Reiche.  Das  -t 
der  Femininendung,  das  im  status  absolutus  offenbar  längst  verloren  war"*, 
ist  auch  im  status  constructus  —  wo  es  in  den  semitischen  Sprachen  stets 
erhalten    blieb    —    gelegentlich    schon    abgefallen    (vgl.  mb.  Hikuptah   für 

m-t-k;-Pth)\ 

Zusammenfassend  läßt  sich  also  sagen,  daß  die  Enttonung  der  im 
Status  constructus  stehenden  Worte  zur  Zeit  des  neuen  Reiches  noch  nicht 
so  weit  vorgeschritten  war  wie  im  Koptischen.  Zwar  die  Verkürzung  mehr- 
silbiger Worte  durch  Abfall  des  auslautenden  Vokals  ist  schon  die  gleiche, 


'    Der  zweite  Radikal  des  Wortes  (wolil  ein  ,Iod  oder  Alef)  ist  nicht  bekannt. 

^    Vgl.  ÄZ.  46, 109  f. 

^    Vgl.  unten  S.  85. 

*  Daß  dieses  Feminin-;  sich  in  anderen  Fällen  im  status  constructus  noch  his  in  späte 
Zeit  gehalten  hat,  zeigen  außer  dem  Namen  der  Ilathor  und  Nephtiiys  (vgl.  unten  S.  84  f.)  auch 
griechische  Umschreiliungen   wie  Atapshxic,   Atapbikic  lur  W^-t-Ur-bik  (Recueil  22, 162). 


Kellschriftlichps  Materkil  zur  altägyptischen  Vokalkation.  83 

aber  der  Vokal,  der  im  Status  absolutus  den  Ton  trug,  ist  noch  nicht  zum 
farblosen  Murmelvokal  geworden;  er  scheint  im  Status  constructus  ver- 
kürzt worden  zu  sein,  hat  aber  seine  Qualität  noch  nicht  eingebüßt.  Wir 
werden  also,  um  ein  paar  Beispiele  zu  wählen,  ein  ägyptisches  pr-'Inm 
»Haus  des  Amon«  für  die  Zeit  des  neuen  Reiches  etwa  i\ls  pir^-Amanr,  ein 
//?{'/)-n/(r)   »Gotteshaus«    etwa  als  hmäte'^  ansetzen  dürfen  u.  s.  f. 

Die  jüngeren  keilschriftlichen  Umschreibungen  lehren  uns  dagegen 
wenig  Neues.  Aus  assyrischer  Zeit  kennen  wir  drei  ägyptische  Worte' 
im  Status  constructus.  Zunächst  das  Wort  pr  «Haus«,  das  teils  als  pi 
(PijMttilmrunpiJci,  Pinteti,  Piiapßä,  PiSaptu).  teils  als  p  {Pvh'rn)  erscheint. 
Das  r  ist  also  im  Status  constructus  vor  folgendem  Konsonanten  bereits 
mehrfach  zu  ./  verschlifl'en  worden ',  und  dieses  quiesziert  mit  dem  vorher- 
gehenden Vokal;  vor  anlautendem  ir  fallt  auch  dieser  Vokal  fort.  In  Pu- 
nnhii  fär  'Pinviru''  liegt  offenbar  Vokalassimilation  vor.  Soweit  wir  es 
nachpriifen  können  (vgl.  CzseNAHTic,  Boycipic),  stimmt  hier  die  Vokalisation 
der  assyrischen  Umschreibung  mit  der  der  griechischen  Zeit  überein. 

Etwas  anders  steht  es  mit  dem  zweiten  in  assyrischer  Umschreibung 
erhaltenen  ägyptischen  Status  constructus.  Von  dem  Worte  s,'  »Sohn«  ist 
uns  aus  griechischer  (Apcihcic)  und  koptischer  Zeit  (gcopcjHci)  die  Vokali- 
sation des  Status  constructus  als  ci  bzw.  ci  erhalten.  Derselbe  Name  Hr- 
«/-/^(•^)  erscheint  uns  nun  assyrisch  als  Hur-siJa-eSu,  wobei  dem  griechisch- 
koptischen si  ein  assyrisches  sya"  gegenübersteht,  das  offenbar  eine  ältere, 
vollere  Form  repräsentiert,  in  der  das  Alef  mit  dem  darauffolgenden  Vokal 
noch  gehört  wurde".  Das  dritte  hier  in  Betracht  kommende  Wort  ist  h?-t 
»Haus«,  dessen  Status  constructus  uns  assyrisch  in  zwei  ganz  verschiedenen 


'  Oder  pir,  je  nachdem  wir  aus  dem  kopt.  (n)Hi  ein  altes  ^?r^  oder  pere  zu  rekonstru- 
ieren haben. 

'  Wie  die  \'okalisation  von  kt)[)t.  gcnecTe  "Kloster-,  das  man  gewöhnlicii  auf  ägypt. 
A?(-f)-ni(r)  zurückgeführt  liat,   zu   erklären   ist,   weiß  icli   nicht. 

'  Die  stark  verkürzten  status-constitictus-Koruien  ass.  «  für  ?(/;  -Ilerr«  in  liinti'li  und 
nl).  «.«  für  s'tnj(?)   -König-   in   Patmiijtixlii  sind   hierbei  nicht  uiitgczühlt. 

*  In  dem  griccliisch  üherliefeiten  Oi-tsnanien  TTepXMACClNHiT  --^  Pr-kh-nis-s^-Njt  ((iood- 
.speed,  (Jreek  Papyri  from  tlie  Cairo  Museum  Ni-.  IX)  hat  sicii  das  ;■  voi'  folgendem  /  ge- 
halten. 

'    Vgl.  kopt.  niiioffe  (Amelineaii,  Geogr.),  und  siehe  oben  S.  71    und   Anm.  i. 

•  Für  die  Wiedergabe  des   Alef  durch  j  vgl.  unten  S.  86. 

'  Ein  geliTii'tes  xi!-rsfi  hätte  keilschriftlicli  durch  si-ii-c-m  ausgedrückt  wer-ilen  können 
(gegen  Steindorff  a.  a.  O.). 

11' 


84  II.   Kanke: 

Formen  überliefert  ist;  einerseits  mit  der  zu  erwartenden  Verkürzung,  als 
ha  (in  IIalh(;i)ribi  für  H'^{-t)-U-hrj-il)),  anderseits  in  der  offenbar  in  die  ältesten 
Zeiten  zurückreichenden  Form  hatti  im  Namen  der  Göttin  Hatlior  {Hattijiüru), 
in  dem  das  alte  -t  der  Femininendung  ja  bis  in  die  koptische  Zeit  hinein 
(güvetop)  erhalten  geblieben  ist'. 

Für  die  Zeit  der  26.  Dynastie  zeigen  uns  die  assyrischen  Umschi-ei- 
bungen  also  im  Wesentlichen  dasselbe  Bild,  das  wir  aus  den  koptischen 
und  aus  den  griechischen  Transkriptionen  kennen.  Nur  in  sija  als  Status 
constructus  von  s>  »Sohn«  scheint  noch  eine  ältere,  vollere  Form  sich  er- 
halten zu  haben. 


'  All  der  Richtigkeit  der  ägyptischen  Etymologie,  die  dieses  Wort  als  h?-i-}Jr  «Haus 
des  Horus«  erklärte,  braucht  wohl  nicht  ge/.weifelt  zu  werden.  Dieselbe  Krhaltung  der  F'eniinin- 
eiidung  im  Status  constructus  bis  in  die  koptische  Zeit  findet  sich  im  Namen  der  Göttin  Nephtliys 
(ko[it.  iicWio),  der  aus  nlt-t-h?{-t)   »Herrin  des   Hauses«   entstanden  ist. 


KeilschriftlicJies  Material  zur  altäyyptischen  VokalLsation.  85 


Anhang. 

Die  keilschriftliche  Wiedergabe  der  ägyptischen  Konsonanten. 

Während  in  der  Qualität  der  Vokale  und  in  der  P-nttonung  der  Worte 
seit  dem  neuen  Reiche  mein-  oder  minder  große  Veränderungen  stattge- 
funden haben,  hat  das  Konsonantengerippe  der  ägyptischen  Spraclie,  soweit 
wir  es  nachprüfen  können,  am  Ende  der  18.  Dynastie'  schon  fast  völlig 
die  Stufe  des  Koptischen  erreicht'. 

So  ist  vor  allem  das  -t  der  Femininendung  nicht  nur  in  neubabylo- 
nischer —  vgl.  Esi}  für  l^{-i),  uastu  für  B>\sl{4)  —  und  assyrischer  Zeit  — 
vgl.  Ije  für  hi(-t),  kiiüv  k!{-t),  NUi  für  ©,,  e:§{u)  ftir  Si(-t),  uhlsti  für  B^st{-1)  — , 
sondern  schon  im  neuen  Reiche  —  vgl.  appa  für  ip{-t),  mu>u{w)a  fiii*  in>'^{-t), 
fii  für  A?(-0.  namSa  für  nnd\-t)  —  fast  stets  abgefallen.  Nur  im  Namen 
der  Hathor  (ass.  hattiijüru)  finden  wir  es,  wie  im  Koptischen,  erhalten  und 
in  mb.  Naptera  für  Nf{r)-t-irJ,  wo  es  offenbar  vor  dem  folgenden  Alef  er- 
halten blieb. 

Das  r  als  letzter  Radikal  ist  im  neuen  Reiche  —  und  gewiß  schon 
lange  vorher  —  verschwunden;  vgl.  mb.  natu  für  «/(?),  ndpa  für  nf{7-), 
was  für  ws(7-),  ih  für  /'(r) '.  Das  Wort  pr  »Haus«  ist  aus  dem  neuen  Reiche 
noch  nicht  zu  belegen.  In  assyrischen  Umschreibungen  finden  wir,  ganz 
wie  in   griechischen    und  koptischen,    das    /•  dieses  Wortes  bald  erhalten, 

'  Walirscheinlich  gelit  dieser  Konsonantenbestand  Sü^;ar,  zum  mindesten  teilweise,  in 
sehr  viel  ältere  Zeit  zurück. 

'  Eine  Ausnahme  bilden  nur  einige  späte  Lautübergänge,  die  er.st  im  Demotischen  nacli- 
ziiweisen    sind,    und    die  selbst  in  den  älteren  griechischen   Umschreibungen  sich  noch  nicht 

finden.    .So  der  Übergang  von  m  zu  n  in  der  Präposition  ^^\   (vgl.  mb.  ParTiamahü,  ass.  *Manti- 

ntehe  sowie  griech.  MeNTewHC,  Apmaxic,  Apmaic  usw.)  inid  der  Übergang  im  Sa'idischen  von 
®  zu  u]  (vgl.  mb.  ahpir  und  huiitru  sowie  griech.  CAxnHPlc  [aber  A\lc<t>PHC,  Mic*PArMOYe(öClc] 
neben  kopt.  lyonie,  ujnHpc;  mh.ruhi(i)  neben  koi)t.  5j;  ass.  iiahli  usw.,  gi-iecli.  NexeANOYBic, 
NexeMWNeHC  usw.  [abei-  Nicrepuc,  NecTNH<l>icI|  neben  kopt.  it«.u)T.  miH-\-;  ass.  [limüni,  gi-iech. 
CNAXOMNevc  neben  ko])t.  ujMOifH.  ass.  IJania,  griech.  YeNXWNCic  usw.  neben  ko|)t.  ii«.u)ouc 
usw.;  vgl.  auch  Griffith,  Ilylands  Papyri  111,  8.  199). 

'  Ebenso  natürlich  in  den  a.s.syrisclien  und  neubabylonischen  Umschreibungen;  vgl.  ass. 
Mempi,  Mimpi,  nb.  Membi  für  Mn-n/(r).  ass.  niiti  für  nt{r),   nb.  J^iptemu  für  N/(r)-tm. 


86  H.   Rankk: 

bald  abgefollen;  vgl.  einerseits  PzV'/m  (hebr.  WiB,  griech.  <1>apaü),  kopt.  [n]ppo), 
anderseits  die  auf  S.  83   zitierten  Beispiele. 

Das  mittlere  iv  von  [I  ^  ist  schon  im  neuen  Reiche  (vgl.  mb.  Ana) 
spurlos  verschwunden;  das  t  von  [1  \?\  a«w«  fehlt  in  der  assyrischen  Um- 
schrift  wie  im  Hebräischen  und  Koptischen  (S.  45).  Daß  es  schon  im  neuen 
Reiche  nicht  mehr  gesprochen  wurde,  zeigen  Schreibungen  wie  (1  .äXs  ^  , 
(Turin  172,  Leiden  V  43),  (1     ^aaaa^a   (Brit.  Mus.  148,  Stele  Dyn.  18:   Kairo 

Wb.  Nr.  153,  Denkstein  Dyn.  18)  [1  (jx:^  (Kairo  Wb.  Nr.  38,  Grabstein 
des   V-- — '^^),  |l<=3>^'^vwvA  (Theben,  Grab  des  »Hui«,  Piehl,  Inscr.  I,  144) 

usw.  Die  mit  p>  S7J  n  »der  Sohn  von«  gebildeten  Personennamen  zeigen 
in  der  assyrischen  Umschreibung  schon  dieselben  Verkürzungen,  wie  wir 
sie  im  Griechischen  und  Koptischen  finden  (vgl.  S.  48  und  69,  Anm.  3). 
Ebenso  hat  dd  »sagen«  in  den  assyrischen  und  neubabylonischen  {Sihä, 
Siha^)  wie  in  den  semitischen'  und  griechischen  Umschreibungen  das  d 
schon  verloren  (vgl.  Burchardt,  Fremdworte  1,  153).  Interessant  ist  die 
gelegentliche  Unterscheidung  von  — "—  s  und  P  s  in  der  assyrischen  Wieder- 
gabe, die  uns  zeigt,  daß  im  7.  vorchristlichen  Jahrhundert  diese  beiden 
Laute  noch  verschieden  gehört  werden  konnten;  vgl.  S.  91. 

Im  Einzelnen  verhält  sich  die  Wiedergabe  der  Konsonanten  wie  folgt: 


Im  Silbenanlaut  teils  durch  die  Vokalzeichen  usw.  wiedergegeben  (vgl. 
S.  64,  Anm.  3),  teils  durch  j;  vgl.  ass.  sij'a  für  ><t/,  Sijmitii  für  Slwtß,  Soja 
fiir  Sf{io)*.     Im  Silbenauslaut  hat   es   seine   konsonantische  Art  meist  auf- 


'    Der  älteste  Lautwert  des  Zeichens  m  war,  wie  mir  Erman  mitteilt,  nicht  in,  sondern  tum, 

'    Vgl.  hebr.  raysttss  für   D(d)-pl-ni(r)-iwf-cnh,  arani.  rmx  für  D{cl)-h(r). 

^    In  ciooyr  liegt  offenbar  ein  ägyptischer  Übergang  von  /  zu J  vor  (vgl.  ^^   ^V^^      ®' 

Harris  58,12).  Das^'  in  sija  für  si  dagegen  ist  vielleicht  nur  auf  Kosten  der  assyrischen  Aus- 
s])rache  z.u  setzen,  die  den  Hiatus  zu  vermeiden  suchte;  vgl.  die  ähnliche  Erscheinung  im 
Mittelbabylonischen,  .S.  87  f ,  süwie(worauf  Spicgelberg  mich  aufmerksam  macht) griech.  Apcithcic 
und  Mayser,  Gramm,  d.  griech.  Pap.  §34b. 

*    Auch  hier   scheint   der  Übergang  von  i  v.n  j  schon  ins  neue  Reich    zurückzugehen; 

vgl.  die  Schreibungen  ^^^  ^^.  (](1       (SallierlV,  3,10;  8,6-7;  '6,10;  19,2;  Pap. Turin,  Pleyte 


und  Rossi  125,9)    ""'1  ^  ij^  ©  (Recueil  33.65)- 


Keilschriftlicli£S  Material  zw  altägypi'isclwn  Vokalisaüon.  87 

gegeben;  vgl.  mb.  pa  für  jo/,  ku  für  k!,  ass.  pa,  pi  für  p',  tu  für  iS  usw.; 
nur  in  dem  einmal  belegten  mb.  miiiuwa  fiir  7H>''{-t)  —  falls  hier  wirklicli 
ein  silbenschließendes  Alef  vorliegt  —  scheint  es  in  der  Brechung  des 
vorhergehenden  Vokals  eine  Spur  hinterlassen  zu  haben.  —  Merkwürdig 
ist  das  Alef  in  ass.  ni^ipi  für  nf,  sowie  das  am  E-nde  der  Worte  >^(-i) 
und  Hp  in  neubabylonisclien  Umschreibungen  {Esi>,  Happig)  sicli  findende 
unorganische  Alef-,  dem  in  den  aramäischen  Transkriptionen  (^CS,  "sn)  ein 
Jod  entspricht. 

1 .  Als  Jod.  —  Im  Silbenanlaut  durcli  /  wiedergegeben  in  mb.  Maja 
für  Mj,  Teje  lur  Tj,   insihja  für  t\^{':'),  &ss.  ja ru  im  j{t)r{ir).    Die  Wiedergabe 

eines  silbenschließenden  j  ist  nicht  zu  belegen;  in  mb.  cra  für  Irj,  ass.  ti.iirn 
für  ^yyr(j)\  nb.  ni  für  nj  usw.  hat  das  ursprünglich  ehnnal  silbeii.scliließende 
/  mit  dem  voraufgehenden  Vokal  (juiesziert. 

2.  Als  Alef.  —  Im  Silbenanlaut  durch  die  Vokalzeichen  usw.  wieder- 
gegeben (vgl.  S.  64,  Anm.  3);  untergegangen  in  mb.  Napln-a  üiv  Nf(r)-f-/'rj, 
a.ss.  NaÜja  für  N'-idhiii.     Im  Silbenaushnit    nicht  belegt. 


Bei  der  Wiedergabe  dieses  Lautes  durch  die  Keilschrift  ist  zu  beachten, 
daß  in  der  babylonisch-assyri-schen  Spraclie  das  Ajiii  durchweg  zu  Alef  ge- 
worden ist*,  und  daß  infolgedessen  die  Keilschrift  kein  Zeichen  für  Ajin 
ausgebildet  hat.  Die  babylonischen  und  assyrisclien  Schreiber,  die  in  ihrer 
Sprache  diesen  Laut  nicht  kannten,    hatten  also  eine  doppelte  Schwierig- 

'    Wir  werden  danach  für  ägy|)t.    ^y  ^   •Wind«   einen  Laiitwert  nlf(w)  oder  ntßw)  aii- 

/.tinelimen  haben,  dessen  niitUcrer  lindikal  in  der  Scln'ift  nii'gciuls  /.um   Aiisdrnck   konntit  niid 
auch    in    kupt.  iiiqe  keine  Spur   liinferlas.sen  hat.     Kine    letzte   Kriiinernng   an  seine  Kxist(Niz 
bewahrt  vielleicht  der  gebrochene  Vokal  in   kopt.  iieeq   •Scliifl'er«. 
'    Vgl.  auch  nb.  SUjai  neben  as.s.  Sihä,  arani.  allerdings  rns. 

'    Das   Schilfblatt   ((J)   ist  wohl  ursprünglich  das  dem  semitischen  Jod    entsijrechende 

Zeichen  des  ägyptischen  Alj)habets.  Daß  es  häufig  auch  ein  .Mef  vertritt,  ei'klärt  sich  am 
besten  ans  einem  innerägyptischen  Übergang  von  Jod  zu  .\lef  (zum  Übergang  von  Alef  zu 
Jod  vgl.  S.  86,  Anm.  3  und  4). 

*    \'gl.  Spiegell)erg,  Ägypt.  Sprachgut  S.  16  Nr.  52;  Krmnn,  ÄZ.  46,92 fl". 

'    Der  dem  semitischen   Ajin  ents])rechende  Laut. 

"    \'gl.  Ungnad,  Grammatik  §  4c. 


88  H.  Rankk: 

keit:  weder  ihr  Ohi-  noch  ihre  Schrift  waren  geeignet,  ihn  genau  wieder- 
zugeben. Was  sie  hörten,  war  ein  alefartigcr  Laut,  den  sie  in  assyrischer 
Zeit  durcli  ihr  »Hauchlautzeichen«  wiedergaben,  vgl.  ass.  /?7  und  /«(?)  für  ^> 
(in  Plr>U,  JamM,  Pisapßä?)  und  Sa^atm,  f^e>enu  für  U'^n{-t),  •^cd^js.ne.  Ebenso 
sind  wohl  auch  die  mittelbabylonischen  Schreibungen  lü-a  für  K  (voka- 
lisiert  *fi''ä)  und  »m-a  bzw.  mu-ü-a  für  '>n^<^{-()  (vokalisiert  etwa  *mü^ü^ä) 
als  riUi  bzw.  rnu^a  zu  fassen'.  In  gesprochenem  rin  und  mua  schiebt  sich  nun 
zwischen  die  beiden  ursprünglich  durcli  Alef  getrennten  Vokale  ein  /bzw.  ?/', 
das  lediglich  auf  Rechnung  der  »barbarischen«  Aussprache  dieser  ägyptisclien 
Worte  zu  setzen  ist,  und  wir  erhalten  die  Schreibungen  rija^  und  hiuwa*. 
Über  das  <"  von  tn/<'{-f)  läßt  sich  freilich  nichts  Bestimmtes  sagen;  das  ''  von  /•<" 
aber  liat  sich  im  Ägyptischen  sicher  bis  in  sehr  viel  spätere  Zeit  gehalten, 
wie  die  hebräischen   und  aramäischen  Umschreibungen   beweisen. 

Etwas  anders  lag  die  Sache  fiir  die  kanaanäischen  Untertanen  des 
ägyptischen  Königs.  Ihre  Sprache  besaß  zwar  ein  Ajiii,  da  sie  sicli  aber 
der  Keilschrift  bedienten,  so  boten  sich  ihnen  die  größten  Schwierigkeiten, 
den  geliörten  Laut  richtig  wiederzugeben.  Das  ägyptische  Wort  tCn-  »Offizier« 
geben  sie  daher  entweder  durch  u-i-u,  irf-a  usw.  wieder  oder  aber  durch 
wt'hu,  welji;  im  ersten  Falle  gaben  sie  das  gehörte  Ajin  zu  scliwacli  durch 
Alef  (vgl.  S.  64,   Anm.  3)   wieder,   im   anderen   zu  stark   durch   //'. 


Im  Silbenanlaut  durch  10  wiedergegeben  in  mb.  wehu  usw.  für  jcOp, 
wwa  {o&ev  wera)  fiir  wr,  was  für  ?OÄ(r);  durch  u  in  mb.  mSu  usw.  fvLV  iC^w, 

'  Vgl.  ol)en  8.64,  Aniii.  3.  Wie  übrigens  dieVokalisation  von  *m&!äcä  dem  kopt.  mc  :mhi 
»Walnheit-  gei^enüber  zu  erklären  ist,  wüßte  ich  nicht  zu  sagen.  An  einen  Pluial  von  inic(-t) 
(so  Maspero,  Recueil  32,75)  dai-f  docli  wohl  nicht  gedacht  werden,  trotz  der  demotisciicn 
.Schreibung  des  Namens  9oto/aoyc  (Berlin,   Demot.  Paji.  3016  A  Kol.  II,  vorletzte  Zeile). 

'■*    Dieselbe  Erscheinung  findet  sich  im  Babylonischen  selbst  (vgl.  Ungnad,Grannnatik  §6e/3). 

'  Aus  dieser  Schreibung  auf  ein  ^' als  ursprünglichen  dritten  Radikal  des  Wortes  rf  /.» 
schließen  (vgl.  Sethe,  AZ.  44, 10)  liegt  gewiß  kein   Grund   vor. 

*  Vgl.  übrigens  S.  15,  Anm.  i. 

*  In  ähnlicher  Weise  wird,  wie  mir  .Möller  mitteilt,  im  iigy|)tischen  Dialekt  des  heutigen 
Vulgäi'arabisch  das  Ajin  vor  Konsonanten  vielfach  als  h  gos])roclieii,  /..  B.  simihi  »ich  liabe 
gehört«   für  ^i>jt«_i«,  betaht  »gehöi'ig  zu«   für  Xjiij  . 

"  Besser  wäre  die  Umschreibung  durch  «.  Das  ägyi)tisclie  V\  ist,  wie  der  entsprechende 
semitische  Laut,  ein   Halbvokal. 


Keihchriftlklies  Material  zur  altiiyyptiscJien  Vokalisation.  89 

ass.  U7i  für  wn,  TJsihanSa  fiir  W/j<'-Hn»ic(?).  Im  Silbenauslaut  durch  u  wieder- 
gegeben in  ass.  Si/'äulu  für  S>wtj,  kopt.  cioo-yT  (vgl.  übrigens  S.  74,  Anm.  4). 
In  mb.  vpiiti  für  tppirfj(?),  urui^a  fiir  «t.s-  (eine  Bildung  wie  kopt.  o'Yg^op), 
ass.  uSiru  für  ^VV;/(y),  Manti  fiir  Mnhc,  nb.  7"///»/  für  DhivtJ  usw.  usw.  hat  das 
ursprünglich  silbenschließende  ic  mit  dem  voraufgeh en^den  Vokal  quiesziert 
(vgl.  noch  nb.  tu  {\\r  thrj).  Ob  das  Wort  ®|  »Stadt«,  das  wir  uns  gewöhnt 
haben,  nijc{t)  zu  lesen,  wirklich  ein  ic  als  Radikal  gehabt  hat,  scheint  nach 
den  Transkriptionen  sehr  zweifelhaft.  Die  assyrische  (i\7;'<)  und  hebräische 
(S3)'  Umschreibung  weisen  vielmehr  auf  ein  Alef  als  zweiten  Radikal.  Griech. 
NH   in  YoYceNNHc  wäre    damit    in  Einklang   zu  bringen.     Dagegen  sprechen 

aber  die  Zusammenstellung  von  ®|  »Stadt«   mit  der  Göttin      S\  N>i'(-t)  bei 

Diodor  und  die  Schreibung  des  Namens  von  Naukratis  (vgl.  Schäfer,  ÄZ. 
41  S.  140).     Ich  vennag  eine  Lösung  der  Frage  nicht  zu  geben'. 


J 


I 


Meist  durch  1>  wiedergegeben:  außer  den  mit  h  beginnenden  Worten 
vgl.  noch  mb.  nih  für  nl>,  zabnakü  fiir  ij)-n{j)-ki\  ass.  ihi  fiir  tb,  )iul)u  für  nb, 
Saliaku  für  S/)k,  Zafmuti  fiir  T/>-nl(r).  Mit  folgendem  ?//  assimiliert  in  mb. 
Nimmurlja' .  Nach  u  zu  w  bzw.  //  erweicht  in  nb.  Pal-uastu  (fiir  Pat-umstu, 
vgl.  S.  33,  Anm.  4). 

Up. 

Stets ^  durch  7;  wiedergegeben;  außer  den  mit  p  beghinenden  Worten 
vgl.  noch  mb.  hatpi  für  hlp{w),  afjpi{r)  für  hpr,  kttcp  für  itp,  iqmti  (?  fiir  wpirtj), 
ass.  Sapti  für  Spd(w),  PiSamelki  fiir  Psintk,  nb.  hopi  für  Jip.  Nach  kurzem  be- 
tonten Vokal  erscheint  das  p  verdoppelt  in  mb.  appa  für  ip{t)  und  nb.  happii 
für  Ijp.     In  mb.  tali  (in  Tahtnaja  und  TahiiiasSi,  vgl.  auch  Hikntah)  für  Pth  ist 


'    V^I.  Nalimii  3,  8. 

'  V};!.  noch  .Spiegel l>erg,  Deiiiotisclie  Studien  II,  S.  8  iiiul  27;  üriffitli,  Rylands  Papyri  III, 
228  Antn.  5.  —  Oder  i.st  auch  unsere  Lesung  der  Göttin  als  Nw-t  mit  w  unrichtig:' 

'    Zur  .Schreibung  mit  einem  m  {NvnuwarTja  usw.)   vgl.  S.  65,  Anm.  10. 

*  Die  ein/.ige  Ausnahme  bildet  das  merkwürdige  Ijuluru,  hurri  usw.  für  hprw  in  mli. 
Naphulururtja  usw.;  hier  scheint  dasjo  irgendwie  verschliflen  zu  sein  und  eine  Ureciiung  des 
X'okals  veranlaßt  zu   hai)en. 

Phü.-hist.  Klasne.    IDIO.    Anhang.    Abh.  IL  12 


90  H.   Rankk: 

das  die  anlautende  Doppelkonsonanz  beginnende  p  wohl  nicht  nur  aus  gra- 
phisclien  {Ti-iiuden   (vgl.   S.  69,   Anm.  3)  nicht  wiedergegeben  worden'. 

Stets  durch  p  wiedergegeben,  da  die  Keilschrift  kein  Zeichen  iur  / 
besitzt;  vgl.  nib.  napa,  nap,  uip  für  nf{r);  ass.  niUpi  für  nlßc(?)  *rmip  lür  rnf, 
Tapnahü  liir  Tlf-nht;  nb.  tnpunahü  für  Uf-nht,  niptemu  für  Nßr)-tm. 

m. 

Stets  durch  rn  wiedergegeben ;  außer  den  mit  m  beginnenden  Worten 
vgl.  noch  mb.  Amänu  für  'Imn,  Parlkiniahu  fiir  PS-r^-m-hhi^^)  namsa  für  nms{-t); 
ass.  Amünu  für  'Imn,  PiSa7nelki  für  Psmik,  Hiniüni  für  ffnimc;  nb.  AmUnu  für 
'hrin.  Mit  folgendem  n  assimiliert  in  Pahunäte  (für  *Pahannäte)-  neben  Pa- 
hatnnäta. 

Meist  durch  n  wiedergegeben;  außer  den  mit  n  beginnenden  Worten 
vgl.  noch  ml).  Amänu  für  'hnn,  Ana  für  'Jn{ic),  man,  min  für  mn,  zahnakü  für 
lj)-n(j)-k>  \  ass.  im  für  um,  Manti  für  Mnt{w),  *rtn  für  rn,  Hitnüni  für  }{mnw, 
sFnt  für  snw,  Susinku  für  Smk,  Hininsi  für  Hnn-itnj{^).  Vor  folgendem  /  er- 
scheint n  als  ;«,  vgl.  ass.  und  nb.  Mempi,  Mimpi,  Me)iihl  fiir  Mn-nßj-).  Vor 
.--  ist  n  gelegentlich  fortgefallen ',  vgl.  ass.  iSpimutu  für  Ns-p>-mdw.  Durch  /in 
wiedergegeben  in  ass.  BukkunannUipl  für  Bk-n(J)-nf(w).  (Vgl.  S.  69,  Anm.  i .) 


Meist  durch  r  wiedergegeben  ^  außer  den  mit  r  beginnenden  Worten 
vgl.  noch  mb.  wira  für  icr,  urussa  für  wri,  Uära''  lür  7/r,  [iura  für  Hr{?),  ahpiirY 
für  A;?r,  duSwu  usw.  für  AprMJ,  <?ra  für  /r;';  ass.  flr  für  ir,  ustru  für  Wj^i?-(y),  PirSu 

'  Es  i.st  von  den  Schreibern  der  Tellamamabrieie  gewiß  ebensowenig  ausgesprochen 
worden  wie  heute  im  Englischen  das  anlautende  p  von  'Ptoleiny«  oder  »pneuinonia«  ge- 
sproclien  wird;  italienisch  schreibt  man  sogar   »Tolomeo«. 

•^    Vgl.  ÄZ.  46, 109  f. 

'    Vgl.  Spiegelberg,  Eigennamen  S.  42*.  Griffith,  Rylands  Papyri  III,  230  Anm.  i. 

''    Fiir  die  Fälle,  in  denen  r  als  letzter  Radikal  des  Wortes  vei-schwnnden  ist,  vgl.  S.  85. 

'    Merkwürdig  ist  die  dreimal  neben  Häramaisi  sich  findende  \'ariante  Ilämasii. 

°  In  Manahpirja  für  *Manahpinja;  das  r  von  hpr  und  das  r  von  Rc  sind  hier  offenbar 
/usanunensefallen. 


Ke'dschrifÜichfs  Materml  zur  altäijyptisclien  Vokalisati(m.  i)l 

für  /)r-0',  krnrit  fiir  krr,  Tarkii  für  Tlirk},  jaru  filr  {{t)r{w) ;   nb.  ar  fiir  ir.    Auf- 
fallend ist  das  Fehlen  des  ersten  /•  in  mb.  Naptera  fiir  Nfr-t-irj. 

ra  A. 

Vielleicht  durch  h  wiedergegeben  in  mb.  vdljUi  für  rh(l[-t),  ninh<tn  für 
mhn,  nicht  wiedergegeben  in   ;iss.   Turkii  fiir   77t/A:. 

Stets  durch  Ij  wiedergegeben;  ;mßer  den  mit  h  beginnenden  Worten 
vgl.  noch  nib.  *pnhUa  üir  phlj,  ptalj,  Uth  für  Plh\  ass.  (ühii  SX\x  Idhio,  {u)mhi'm 
fiir  7«//'-/*«/ (i*);   nb.  Tihnt  Kiv  Dhiol(j). 

®  h. 

Stets  durch  //  wiedergegeben;  außer  den  mit  //  beginnenden  Worten 
vgl.   noch  nib.  ruhi  fiir  i'lj(-),  ass.  iiahli,  nihti,  nb.  nahtl  für  nljt. 


h. 
In  keilschriftlicher  Wiedei'gabe  nicht  zu  belegen. 

Mittel-'  und  neubabylonisch  nicht  belegt.  Assyrisch  teils  durch  .'* 
wiedergegeben,  vgl.  sija  für  s>,  Saja  für  >SV(/),  hmnja  für  //.s/;  teils  durch  i, 
vgl.  Sijöutu  für  S)ici(j),  {u)iiihe.vi  für  ui!j-/iS'',  Ijansd  fiir  Hnsw. 


Mittelbabylonisch  und  assyrisch  stets'  durch  i  wiedergegeben;  vgl.  mb. 
urti^Sa  fiir  wnv',  »ro«  fiir  ii^i{r),  ruaSSi,  ina§((  für  >iis(j),  innScm  für  mi{j)-ia\  miniSa 
ixiT  nmS{-t),  iatep  fiir  .s//?;  ass.  es(ii)  für  ''•*'(•/),  w/^^^^V/  für  Busl{-i),  idiru  für  VV*77-(/), 
PiSamelki  für  Psmfk,  iS  für  (m).^,  .^o/)//  für  Spd(w),  HinirtJ^i  für  Unn-stnj(i).  Neu- 
babylonisch durch  Ä  wiedergegeben,  vgl.  A'.siV  fiir  ^aV)»  Pi,mtniski  für  P.sintk, 
mm  für  «/«(./) (?)  </*cy,  t<os/w  fiir  £/i<(-^). 

'    Es  sei  denn  in  insihja  (vf^l.  S.  lo,  Anin.  3). 

'  Oie  einzige  Ausnahme  wäre  ass.  rexi  für  r«,  falls  die  Gleichung  Paturesi  =  * pi-ti-ry 
richtig  ist. 

12* 


92  H.   Rankk: 

r-n-i  ,s. 

Mittolbabyloiiisch  stets  durcli  .s",  assyrisch  teils  durch  .<,  teils  durch  s, 
ueubabyloiiisch  eininal  durch  .s  wiedergegeben.  Vgl.  i .  nib.  K(T^i  fiir  K{)')s, 
su>i/)da  für  m^b(•,  ass.  Hahaku  für  «S^/i',  .sv;  für  f<{rj);  nb.  Ämä'?«  fiir  Ä'(>)i;  2.  ass. 
.sv^«/  für  mw,  Susliikn  für  .S.v;2/i-,  A'nsi  für  ^'()')s. 

/l  Ar. 

BaI)yloiiiseh  nicht  belegt;  assyrisch  stets  durch  k  wiedergegeben,  vgl. 
Siisinifu  für  ISmk,    Tarkü  für   Thrk. 


In  sicheren  Fällen  stets  durch  k  wiedergegeben;  vgl.  mb.  kn,  ä*m  fiir 
h\  h'äsi  lÜir  K(')s;  ass.  (>tik  fiir  /Vi',  SnhakJi  für  .S7>/%  ^/  iür  A-j'(-/),  Piinjiwlki  fiir 
P,vnfk;  nb.  Plsnniiskiinv  Pinitk.  Durch  M  nach  einem  kurzen  betonten  Vokal 
in  ass.  BvkkunannUtpl,  nach  kurzein  unbetonten  Vokal  in  ass.  Nikkü  tür 
Nk(r?)w.     (Vgl.  S.  69,  Anin.  i.) 

Bisher  in   keilschriftlicher  Wiedergabe  nicht  zu  belegen. 

Meist  durcli  t  wiedergegeben ;  außer  den  mit  t  beginnenden  Worten  vgl. 
iKJch  mb.  iipnli  fiir  iopw(J(?).  ''paljita  für  pht(j).  plah,  talj  fiir  Pth,  [lalpi  für 
htp(w),  satfp  für  stp\  ass.  iihütl  fiir  B>\s({-t).  ipti/j  für  Pt/j,  nahti,  nihti  für  nht, 
Sljäiitu  für  H>iot{J):  nb.  «^ä;2  fiir  nht,  uastii  für  B>it{-t).  Nach  einem  Kon- 
sonanten erscheint  das  t  der  Feinininendung  zu  d  erweicht  in  mb.  su^UkIu 
für  swbt,  mazikda  für  mdkt^-    Über  den  Wegfall  des  ^  in  Urw  vgl.  oben  S.  86. 


Wo  /  früh  zu  t  geworden  ist.  gibt  auch  die  Keilschrift  es  durch  /  wieder; 
vgl.  ml),  ndttt,  ass.  null  für  nt{r),  ass.  Mantl  für  Mn1{w).  Wo  i  seinen  alten 
Lautwert  behalten  hat.  wird  es  durch  einen  Zischlaut  wiedergegeben,  ohne 
daß  jedoch  eine  Einheitlichkeit  erzielt  wird.     So  finden  wir  bald  ein  .v  (vgl. 

'  Beides  sind  wohl  Lelinworte  im  Äi;yptischen  (vtjl.  Biircliardt,  -Mtkanaanäische  Fieiiid- 
worte  11,   552   11.  836.     Auch  mb.  Mlahda  (8.  20)  wird   liierlier  gehören. 


KcUschriftlicIi^s  Maler kil  ztir  alläyyptlscJien  Vokalmitioii.  1)3 

ass.  *Piiameski^  im-  Psrntk),  bald  ein  .>;  (vgl.  ass.  So/ipwiäu  tiir  'D(j)-Hp-imw'^, 
nl).  Pi-^amiski  fiii-  Pgt/ifk),  bald  ein  ~  (vgl.  ass.  ZabnUtl  für    7V^-?j/[r])-. 

In  der  Keilschrift,  wie  auch  sonst  in  senütischen  Transkriptionen,  stets 
durch  /wiedergegeben;  vgl.  ass.  (alhü  fLir  idhw.)  iiuilu  für  indw.  tcü  für  Ud{-t), 
,sapiP  für  Spd{w),  le  luv  {r)dj;  nb.  /«'  für  (r)dj.  Durch  t  wiedergegeben  viel- 
leicht in  mb.  raljta  fiir  rhd(-t).  Abgefallen  ist  das  d  schon  friih  in  dem  Worte 
d{d)  »sagen«,  das  dementsprechend  assyrisch  durch  .si  wiedergegeben  wird. 


^4 


l. 


Wo  4  früh  zu  d  geworden  ist,  gibt  die  Keilschrift  es  folgerichtig  durch  / 
wieder;  vgl.  mb.  piMi  usw.  (S.  i6,  Anm.  2),  ass.  teti  für  Dd{-1).  An  Stelle 
dieses  /  erscheint  t  in  mb.  pifdti  tisw.  und  nb.  Ti/jut  fiir  Ulnrtj*.  Der  alte 
I^utwert  \on  d  scheint  dem  semitischen  .v  nahegestanden  zu  haben:  wir 
finden  es  durch  .«  wiedergegeben  in  ass.  Se^enu,  Sa^'nmi  für  L^''>t{-t),  Siha 
fiir  LKd)-h(r),  UsUjania  fiir  Wd,'-Hnsw(?),  nb.  Si/ja,'  fiir  L){d)-/j{r). 

'  Ffir  Pisamelki  ^^  'Piiamexki  vgl.  oben  S.  32  Anm.  i.  rür  einen  Wecriisel  von  .v  und  / 
in  (lor  ägyptischen  Wiedergabe  eines  fienulen  Namens  maclit  niicli  M.  Biirehartlt  ;iiif  die  .Sciircl- 

l>ntig  JgXi^>Ä  (Naoplior  des  JIr-icd;-rdnjt  im  X'atikan,  Kückenpfeiler)  an  Stelle  des  gewölni- 


licl)en    (\  ^-gtai  (J 11  -Jf  illLI  "sw.  aufmerksam. 

''    \'i;!.  auch  nih.  Pirizzi  fiir  Prt,  S.  24. 

'    Wenn  sich  assvriscli  einmal  üajitu  (in  Piinjitv)  sUitt  ■sa]>ti,  neubaliylonisch  einmal  la  (in 

Tihiitlartalis)  .statt  ta  findet,  so  werden   diese  Fälle  als  felilei  liafte  Schi-eiliun'ii'n  aiiznsciien  sein. 

*    Da.s  (J  dieses  Namens  wai-  sciion  im  neuen  Heiclic  in  d  iilK'rf;e;;anf;en   (vgl.  die  Sclirei- 

liiiMg  c:Sl:3  9    V^w'  ''■  ^'  J'''B''aiii.   K»''[)erloire  gcneaU)gi((ue  Nr.  640). 


1)4 


H.   Ranke; 


Register  zu  den  keilschriftlichen  Transkriptionen. 


Seife 

Ahartese 27 

AKiii S« 

Ahribita 20 

akunii 20 

Aniäna 7 

Aman!a])[)a 7 

Ainanliat])i 8 

Amanmaäa 8 

Aman  .  .  .  ti 8 

Aiiiiiiatiesi! 41 

Amünutapiiiiahti 38 

Aniurkiki. 41 

Aniurle.^e 27 

Ana 8 

Api 21 

assa 8 

Ate 36 

Ati 37 

atalja 21 

azida 8 

Banitu 37 

Barnahtii 41 

Bint«ti 27 

hiz/.ü 21 

BiiSäma 27 

huiati 8 

Biijama 27 

BukkiinanniÜpi 27 

Bukurninip 27 

buiiinicr 9 

Imwanalj 12 


Düdii 


guzi . 


Seite 

.  21 
.  23 


HäÜ 9 

IJaÜb 21 

JJabaja 21 

öäja 9 

Hajä 21 

halzuhli 21 

}jaina§sa 9 

tJane 9 

Uanja 9 

üanni 9 

J5apinienna 38 

Hära 10 

haragapas 22 

^äramasSi 10 

JJarsijaieäii 28 

Hartiba 28 

hartibi 37 

•2 


usaja 


28 


hatabbi 22 

Ijath(a)nba     28 

Jiatib 10 

Ua 10 

IJikuptab 10 

H(i)müni 28 

Hininsi 29 

ijiniiatuiia 22 

Ijiiiiinia 10 

üüru 29 


lariiniita 22 

Taruin 29 

Ibni 26 

Illulatä(;') 41 

Inbute 42 

insibja 10 

Il)tibartesu 29 

Irima  jaSSa 11 

Irsappa II 

IsipataraJü 42 

Ishiipri 29 

I§pimätu 29 

Karbaniti 37 

KaiineSiiiii 37 

Käsi 11 

Kipkipi     30 

kuühku 11 

kübu 11 

kiüdu 11 

KunUiisÜ 39 

küpa 11 

küpa  buwanah 12 

Kfisu 30 

Kusu 39 

kiizi 23 

T^ainentu 30 

Leja 23 


MaÜtauiäna 12 

Maja 12 


KeilschriftUcJies  Material  zur  aUmjyptisclwn  VoJcalisation. 


95 


Seite 

inahan 28 

inahda J2 

Manahpirja 12 

Mane 12 

•Mantinielje 30 

Masnahtü 41 

iiiaSiija 23 

matniia 23 

mazikda 12 

Membi 31) 

Mempi 30 

Mihuni 23 

Mijare 12 

Miiniiiuiiirija 13 

Miinpi 30 

Minmu!ai-l!a 12 

*Minpahitari!a 13 

miirtibi 37 

Na!a!esi! 39 

Naljke 30 

Naijraiiiassi 13 

Nalitihüriiiiiiiseni 30 

Naljtiihappi! 39 

naijü 23 

nninjia 13 

nan|>akrii 23 

Napl)ii>iii"iiilja 14 

Napterß 14 

naääa 14 

naäsi 23 

Nalhn 31 

NiÜ 31 

NitÜii 15 

NilimuiarUa 14 

Niharau 31 

NiljtieSaraii     31 

Nikkü 31 

Niniinalje 24 

Nimniiirija 14 

Nij'ljurririja 14 

Palalünia 24 

Paitiiu 16 

Paljainnäta 15 


Seite 

I'ahniili 31 

Pahiira lö 

Pakiki 42 

Pakrüiii 31 

pamaljä 24 

Pamaljii 15 

l'ninünu 39 

Pani!esi!(:') 39 

Parüainahü 16 

Patiiresi 31 

Patiesi! 40 

Pathiastii 40 

Pataiesi! 39 

Patanüesi! 40 

Patesu 42 

Patidiiruifi 42 

Patmüustü 40 

I  Patiiipteinii 40 

I  Pawira 16 

I  pawiri 24 

PihattihÜMinpiki 32 

Pihura lö 

I  Pinteti 32 

!  Pirifi 32 

j  Pirizzi 24 

Pi.samiski 40 

Piäamelki     32 

PiSainissilii 11 

I  Piäanhfini 32 

j  Pisaptu 33 

PiSa])ti!ä 32 

PitÜbiri! 42 

Pitihüni 42 

pitati(ii)     16 

Piwiri     17 

pi/./.n 21 

Puiäina 27 

piiiati 8 

Piijäiiia 27 

PiiUini 16 

Piidii])ijali 37 

Piiljura 17 

piiiumer 9 

Punnbii 33 

I  Puäirti 33 


Seite 

Putihürü 33 

Putimäni 37 

Piitiseri 37 

Putnbesti 33 

l'ntiiinliesii 34 

PtitupaÜti 34 

piiwanah 12 

Raiasi     37 

Rahinauiiiiia 17 

ral)ta 24 

liüamasesa 18 

Rüanäpa 18 

ridihn     24 

Rijaiiiaiui 24 

nihi     25 

Sajjpiinäu 35 

Saja 34 

Samannapir 42 

Sib!e 38 

Siisinkii 34 

Jjaianu 34 

Sibä 34 

§iha! 42 

Sihn 38 

Siünii 34 

Siimassö 38 

Siitiasu 34 

Sabakn 35 

SahSihaSiha     18 

Sahiiajüti 25 

Satepnaiüa 18 

äerdani 25 

1  bijäutu 35 

sinainti 25 

§irma 25 

Situtu  (?) 42 

SiiÜbda 18 

!  Sutti 25 

^uziita 25 

Talje 41 

Tahiiiaja 18 

Tahinassi 18 

i  Tajaiii 35 


90       IT.  R  A  \  K  F. :    KeikchriflUclicf:  Mater ud  zur  nltägyptüelwn  VokalmiHon. 


Seite 

Tapnaljti 35 

Tarkn     35 

Teje 18 

Tihutiailesi     41 

tiriida 19 

THja 25 

Tiii'bazii 25 

Tiirbihä 25 

raJasarli 26 

laba!uliii' 19 


Seite 

wbda 26 

Uljni 26 

UkhappiS 41 

Uiniiiatlja 38 

Unamiinii 36 

Unäardi 38 

Unu     36 

ujiuti 26 

Urdainane 36 

uruääa 19 


UMjjansa 36 

iiüii 19     Usaimhüin 36 

u!iz7.a 26 


Seite 

Waäinuiarüa 19 

wathä     19 

wehu 19 

wima 19 

Wisjaii 26 

zabnakü 20 

Zabnüti     36 

ziUahda 20 

zimüu     20 

zuhli 21,  Aniii. 

.  .  .  haja     20 


Chuastuanift, 
ein  Sündenbekenntnis  der  manichäischen  Auditores. 

üef'unden  in  Turfan  (Chinesisch -Turkistan). 


Von 


Dr.  A.  VON  LE  COQ. 


Pka.-hist.  Klasse.    1910.    Anhany.    Abk.  IV. 


Vorgelegt  von  Hrn.  F.W.K.MOller  in  der  Sitzung  der  phii.-hist.  Klasse  am  20.  Oktober  1910. 
Zum  Druck  eingereicht  am  gleichen  Tage,  ausgegeben  am  9.  Januar  1911. 


i.'ie  vorliegende  Abhandlung  umfaßt  eine  Anzahl  von  Manuskriptfrag- 
menten, die,  obwohl  an  verschiedenen  Ruinenstätten  der  Turfan-Oase  auf- 
gefunden, sich  später  als  Teile  von  mehreren  Exemplaren  eines  und  des- 
selben Textes  zusammengefunden  haben.  Dieser  Text  ist  das  von  dem 
Um.  Akademiker  Radioff  unter  dem  Titel  » (Jhuastuanit,  das  Bußgebet  der 
Manichäer'«  in  der  Kaiserl.  Akad.  d.  Wiss.  von  St.  Petersburg  veröffent- 
liclite  manichäische  Sündenbekenntnis,  und  durch  diese  Edition  wurde  es 
mir  ermöglicht,  die  Zusammengehörigkeit  der  teils  in  manichäischen,  teils 
in  uigurischen  Charakteren  niedergeschriebenen  Berliner  Fragmente  fest- 
zustellen und  die  vorhandenen  Lücken  zu  ergänzen.  Nicht  möglich  war 
es  dagegen,  die  genaue  Orthographie  der  in  uigurischer  Schrift  geschrie- 
benen und  der  in  unseren  Fragmenten  zerstörten  oder  fehlenden  Wörter 
mit  absoluter  Sicherheit  für  diesen  Text  festzustellen;  denn  da  die  uigu- 
rische  Schrift  für  p  und  b,  k  und  y  nur  ein  Zeichen  hat,  hätte  selbst  eine 
Faksimilewiedergabe  des  Petersburger  Manuskripts  uns  fiir  die  Bestimmung 
dieser  Buchstaben  keinerlei  unanfechtbare  Auskunft  gebracht.  Durch 
die  Liebenswürdigkeit  des  Hrn.  Dr.  Marc  Aurel  Stein,  des  Urhebers 
und  Leiters  der  erfolgreichen  anglo-indischen  Expeditionen  nach  Chinesisch- 
Turkistan,  ist  mir  aber  inzwischen  die  Photographie  eines  kostbaren  türki- 
schen Manuskripts  desselben  Textes  in  Rollenform  zugegangen,  das  der 
verdiente  Forscher  unter  seinen  unschätzbaren  Erwerbungen  aus  der  Tempel- 
bibliothek von  Tunhuang  in  Kansu  gefunden  hat.  Diese  Rolle  gibt  nur 
wenig  mehr  Inhalt  als  in  dem  Petersburger  Manuskript  enthalten  ist;  da 
aber   Steins   Manuskript    in    schönen,    klaren    manichäischen   Lettern   ge- 

'    Über  diesen  Titel  vergleiche  A.  von  Le  Coq,  Ein  christliches  und  ein  maiiichäisches 
Manuskiiptfraginent.     Sitzber.  d.  Berl.  Akad.  d.  Wiss.  XLVHI  1909,  Nachwort  S.  1212. 

1* 


4  A.  vonLkCoq: 

schrieben  ist,  bekommen  wir  durch  diesen  wertvollen  Fund  genauen  Auf- 
schluß über  die  Lautwerte  auch  der  in  unseren  Fragmenten  nicht  vor- 
kommenden Wörter  dieses  speziellen  Textes. 

Wie  schon  erwähnt,  hat  Hr.  Radioff  sein  »Bußgebet«  bereits  im 
vorigen  Jahre  herausgegeben  und  übersetzt.  Es  ist  aber  notwendig,  eine 
Reedition  und  eine  neue  Übersetzung  erscheinen  zu  lassen,  denn  meines 
Erachtens  kann  weder  die  Wiedergabe  des  Originaltextes  in  den  Drucktypen 
der  Petersburger  Akademie  \  noch  die  Übersetzung  des  Petersburger  Ge- 
lehrten als  befriedigend  betrachtet  werden.  Ich  werde  daher  die  mir  von 
Hrn.  Dr.  Stein  freundlicherweise  zur  Publikation  übergebene  Rolle  dem- 
nächst im  Journal  of  the  Royal  Asiatic  Society  (London)  veröffentlichen  und 
beschränke  mich  darauf,  hier  den  Versuch  einer  Übersetzung  der  Berliner 
Fragmente,    von   einigen   Reproduktionen   begleitet,    erscheinen   zu    lassen. 

Ich  benutze  zugleich  diese  Gelegenheit,  um  Hrn.  Dr.  M.  A.  Stein 
an  dieser  Stelle  meinen  warmen  Dank  für  sein  liebenswürdiges  Entgegen- 
kommen auszusprechen. 

Zur  Transkription  sei  bemerkt,  daß  bei  den  in  uigurischer  Schrift 
geschriebenen  Stücken  die  durch  Dr.  Steins  Manuskript  in  manichäischer 
Schrift  für  diesen  speziellen  Text  festgelegte  Orthographie  befolgt  worden 
ist.  Sie  stimmt  im  ganzen  mit  der  uns  aus  anderen  manichäisch-türkischen 
Stücken  unserer  Sammlung  bereits  bekannten  überein. 

Der  Inhalt  des  Textes  ist  neben  der  Aufzählung  etwa  begangener  Sünden 
ein  Teil  der  Glaubenslehre  der  Manichäer  in  einer  für  die  Auditores  be- 
stimmten Form,  und  zwar  scheint  besonders  das  Verhältnis  des  Sonnen- 
und  Mondgottes  zu  unserer  Erde,  zu  Menschen,  Tieren  und  Pflanzen  (mit 


"  Es  sind  durch  irrige  Lesungen  von  vornlierein  zahlreiche  Fehler  in  diese  Wieder- 
gabe hineingetragen  worden;  so  z.B.  Z.  19  'hatdmz'  statt  richtig  'hrtdmz'.  Z.  21  'äräkäk' 
statt  'ämgäk',  Z.  29  'üsn{ä)dmz'^  statt  ^üzädimiz',  Z.  56  'teiär'  für  'teär«  u.a.m.  Trotz 
der  irrigen  Lesungen  ist  es  aber  Hrn.  Radloff  jedesmal  gelungen,  einen  anscheinend 
passenden  Sinn  zu  finden.  Ich  werde  mich  einer  eingehenden  Berichtigung  der  Lesungen 
und  Übersetzungen  usw.  Radloff.s  nicht  unterziehen,  da  für  jeden,  der  an  diesen  Studien 
Anteil  nimmt,  sich  aus  einer  Vergleichung  der  beiden  Texte  die  Rechtfertigung  meiner 
Auffassung  ergibt.  Erfreulich  ist  dagegen,  daß  Hr.  Radloff  nunmehr  beginnt,  die  Buch- 
staben A  (=  i)  und  ^  (—  d)  sowie  0  (=  s)  und  ^  (=  s),  die  er  bisher  durch  t  und  durch 
s  wiedergegeben  hat,   durch  diakritische  Punkte  zu  differenzieren;   er  transkribiert   ^  jetzt 

mit   l.   ^  mit  /,  0  mit  s,  ^  mit  .«. 


Chtuzshtaniftj  ein  Sündenhekenntnis  der  moniehäischen  Auditores.  5 

anderen  Worten:  die  Läuterung  des  durch  die  Niederlage  des  Urmenschen 
mit  der  Materie  vermischten  Lichtes)  behandelt  zu  werden.  Das  in  der 
Macht  der  Auditores  liegende  Mittel  zu  diesem  Zweck  ist  die  Befolgung 
der  Gebote,  die  Innehaltung  der  Fasten,  die  Darbringung  der  Almosen  und 
die  Bereuung  begangener  Sünden. 

Bei  der  Übersetzung  habe  ich  mich  bemüht,  die  Realien  zu  berück- 
sichtigen, denn  nur  diese  vermögen  uns  in  ein  wahres  Verständnis  unseres 
Textes  einzuführen.  In  den  Anmerkungen  hal)e  ich  auf  die  Stellen  bei 
Baur,  Flügel  und  Keßler  verwiesen,  die  mich  veranlaßt  haben,  diese 
oder  jene  Übersetzung  vorzuschlagen. 

Bei  dem  Studium  unserer  türkischen  Texte  sind  mir  in  letzterer  Zeit 
mehrere  große  und  wohlerhaltene  Buchrollen  in  die  Hände  gefallen,  die 
uns  in  eine  ganz  ähnliche  l>iteratur  einer  anderen  Glaubensgenossenschaft 
einfuhren.  Es  sind  Formulare  von  Sündenbekenntnissen  der  Buddhisten, 
und  ihre  Lesung  durch  Hrn.  F.  W.  K.  Müller  hat  die  Anschauung,  daß 
diese  den  Manichäern,  nicht  aber  die  Manichäer  den  Buddhisten,  die  tech- 
nischen Ausdrücke  und  sogar  die  äußere  Form  zu  diesen  wie  zu  anderen 
religiösen  Einrichtungen  geliefert  haben,  noch  weiter  befestigt. 

Daß  persische  Wörter  in  die  buddhistischen  Texte  eingedrungen  sind 
(z.  B.  dintar,  äzrua  usw.)  hat  seinen  Grund  in  der  Existenz  zahlreicher 
Iranier  in  Zentralasien  und  selbst  in  Westchina,  die  uns  u.  a.  durch  das 
Denkmal  von  Kara-Balgassun  und  durch  jene  zahlreichen  buddhistischen 
imd  anderen  Texte  in  soghdischer  Sprache,  die  unsere  Expeditionen  in 
Turfan  aufgefunden  haben,  verbürgt  zu  sein  scheint.  Ebenso  ist  das  Vor- 
kommen chinesischer  Worte  durch  die  Nähe  und  die  Übersetzertätigkeit 
des  zweiten  großen  Nachbarvolks  unserer  Zentralasiaten  zu  erklären. 

Zum  Schluß  gebe  ich  noch  den  Rest  eines  anderen  Sündenbekennt- 
nisses, in  dem  gegen  INIanichäer  und  gegen  Buddhisten  begangene  Sünden 
bereut  werden :  dieses  Fragment  trägt  äußerlich  durch  das  Vorkommen  der 
manichäischen  Interpunktionszeichen  durchaus  den  Charakter  eines  Sündeii- 
bekenntni.sses  der  Manichäer;  die  Erwähnung  des  »anderen  I.angröckigen « 
('•ad(i)nayu  .  .  uzun  tonluy^)  scheint  ein  innerer  Beweis  für  die  Zugehörigkeit 
dieses  Textes  zur  manichäischen  Literatur  zu  sein,  denn  die  Bezeich- 
nung y>uzun  tonluy»  ist  nach  dem  Passus  ^>uzun  tonluy  ur'ikir  öz  bolup^^ 
(T.  M.  303,  Vorderseite  Z.  13)  augenscheinlich  in  diesen  Texten  eine  Be- 
zeichnung für  die  Manichäer. 


6  A.  vonLeCoq: 

Unsere  Fragmente  umfassen:  i.  Manuskripte  in  manichäischer  Schrift 
und   2.  solche  in   »uigurischer«  Schrift. 

I.  Bruchstöcke  in  manichäischer  Schrift. 

a)  Vier  Bucliblätter  quadratischer  Form  ( 1 3i-  x  1 3^  cm),  je  i  2  Zeilen 
enthaltend.  Sie  wurden  von  meiner  Expedition  in  einem  Gewölbe  des  nörd- 
lichen Teils  der  manichäischen  Ruinengruppe  K  in  Chotscho  (Idiqutsähri) 
gefunden.  Das  Papier  ist  von  braungelber  Farbe,  die  Schrift  kräftig,  aber 
etwas  steif.  Diese  Art  der  Schrift  kommt  häufig  in  türkischen  Manuskripten 
vor  und  war  anfangs  ein  nicht  imwichtiges  Indizium  zu  deren  vorläufiger 
Bestimmung.  Die  Blätter  sind  in  der  (dem  Zusammenhang  nicht  ent- 
sprechenden) Reihenfolge,  in  der  sie  sich  im  Augenblick  ihrer  Entdeckung 
befanden,  numeriert  worden  und  tragen  die  Bezeichnungen  T.  II  D.  178  IV, 
III,  V  und  VI.  Zwei  andere  Blätter  desselben  Buches  enthalten  Teile  eines 
anderen  manichäisch-türkischen  Textes  in  altertümlicher,  ausschließlich  die 
Partizipien  auf  -"pan  benutzender  Sprache,  dessen  Auslegung  leider  noch 
nicht  geglückt  ist;  wieder  andere  Blätter  dieses  Buches  enthalten  Hymnen 
in  mittelpersischer  Sprache.  Augenscheinlich  war  es  ein  Sammelband  der 
für  den  Auditor  notwendigen  religiösen  Schriften. 

Der  Inhalt  dieser  Blätter  entsj)richt,  abgesehen  von  einigen  unwesentlichen 
Verschiedenheiten,  den  Zeilen  274 — 298  (Stein)  —  128  — 139  (Radioff) 
fiir  Blatt  V  und  den  Zeilen  299 — 320  (Stein)  =  139 — 149  (Radioff)  fär 
Blatt  VI ;  erfreulicherweise  haben  sich  aber  auf  Blatt  IV  und  auf  der  Vorder- 
seite von  Blatt  III  Teile  des  bei  Stein  wie  bei  Radi  off  fehlenden  An- 
fangs des  Sündenbekenntnisses  erhalten.  Steins  Text  beginnt  auf  der 
Rückseite  des  Blattes  III,  auf  Z.  4,  mit  dem  zweiten  Punkt  oder  Artikel 
der  im  ganzen  15  Punkte  umfassenden  Aufzählung  von  etwa  begangenen 
Sünden. 

b)  Ein  kleines  Bucliblatt  (6  x10  cm)  mit  13  Zeilen  auf  jeder  Seite, 
T.  M.  303  (M.  153).  Das  Papier  ist  gut  und  von  weißlicher  Farbe,  die 
Schrift  klein  und  gefällig.  Der  Inhalt  umfaßt  etwa  die  Hälfte  des  sechsten 
Punktes  der  Aufzählung  und  entspricht  den  Zeilen  1 1 1  — 125  (Stein)  = 
48—55  (Radioff).  Es  gehört,  wie  die  unten  aufgeführten  Fragmente 
T.  M.  183  und  T.  M.  343,  zu  der  in  Ruine  a  (Idiqutsähri)  gemachten  Aus- 
beute der  ersten  Turfanexpedition ;  fiir  die  Überlassung  dieser  drei  Frag- 
mente   zur   Publikation   bin   ich    Prof  Grünwedel   zu    Dank   verpflichtet. 


Chimstuanift,  ein  Sündenbekenninis  der  manicMischen  Auditores.  7 

c)  Ein  einseitig  beschriebenes  Buchblatt  (17x26cm)  mit  15  Zeilen, 
T.  M.  183'.  Das  Papier  ist  weich  und  von  weißlichgelber  Farbe,  die  Schrift 
sauber  in  einem  häufig  vorkommenden  Duktus  ausgeföhrt.  Es  enthält 
Teile  des  zwölften  und  dreizehnten  Punktes;  der  Inhalt  entspricht  den 
Zeilen  249  bis  270  (Stein)  =:  116  — 126  (Radioff). 

2.  Fragmente  in   »uigurischer«   Schrift. 

a)  Ein  in  zwei  Stücken  aufgefundenes  und  erst  in  Berlin  zusammen- 
gestelltes Bruchstück  einer  Rolle,  T.  II,  Y.  60a  und  60b.  Es  entstammt 
einer  Grabung,  die  ich  in  der  alten  Stadt  Yär-Choto  (richtiger  Yär-7oli), 
20  Li  =  10  km  westlich  von  Turfan,  vornehmen  ließ. 

Das  Fragment  ist  92  cm  lang  und  34  cm  breit;  es  ist  durch  Wurm- 
fraß und  durch  Feuchtigkeit  stark  beschädigt.  Das  Papier  ist  gelblich  und 
von  grober  Struktur,  die  Schrift  groß  und  deutlich.  Der  Inhalt  entspricht 
den  Zeilen  145  —  250  (Stein)  =  64 — 1 16  (Radioff)  und  umfaßt  einen  Teil 
des  siebenten  Punktes,  die  vollständigen  achten  bis  elften  Punkte  und  einen 
Teil  des  zwölften  Punktes. 

b)  Ein  Buchblatt,  T.  M.  343,  mittleren  Formats  (10  x16  cm)  mit  15 
Zeilen  auf  jeder  Seite;  das  Papier  ist  grob  und  von  gelbbrauner  Farbe. 
Der  Inhalt  deckt  sich  ungefähr  mit  dem  des  Fragments  T.M.  183.  Nur 
die  abweichenden  Formen  werden  abgedruckt. 

Alle  diese  Texte  zeigen  die  uns  bis  jetzt  ausschließlich  aus  mani- 
chäischen  Texten  bekannten  Interpunktionszeichen  «6,  •;  » ,  «  (mennig- 
rotes Oval  um  einen  schwarzen  Punkt),  auf  die  ich  schon  früher  ver- 
wiesen habe*. 

Endlich  folgt  noch  das  in  uigurischer  Schrift  verfaßte  Fragment  T.  II 
Y.  59,  das  meine  Expedition  in  der  Ruinenstadt  Yär-7oli  gefunden  hat.  Es 
ist  auf  gelblichweißem  Papier  geschrieben  und  hat  die  Maße  24  x20  cm; 
die  Schrift  ist  sehr  schön  und  deutlich ;  die  Buchstaben  » q «  und  » y  «■  werden 
nirgendwo  differenziert,  sondern  stets  durch  «  wiedergegeben. 


'  Z.  14  und  15  von  T.  M.  183  sowie  T.  II  D.  178V  und  I).  178  VI  Z.i — 4  entsprechen 
dem  Inhalte  nach  dem  von  F.W.  K.  Müller,  Handschriftenreste  II,  1904,  publizierten  Frag- 
ment M.  172. 

*  Ein  christliches  und  ein  manichäisches  Fragment.  Sitzber.  d.  Berl.  Aknd.  d.  Wiss. 
XLVIII  1909,  S.  1204. 


A.  VON  Le  Coq: 


T.n  D.  178 IV. 

(Tafel  I,  oben  rechts.) 
%ormuzta-h  i{ä)ngn-i  (h,  i  Zeilenfüller)   bk  t{ä)ngri-i') 

Der  Gott  Chormuzta  mit  dem  fOnffSltigen  Gott, 

^;^si^%t*fvAö.  V*<Si%iJ^^  V»rUw  **^Hi=»   2 

hh-lä  qam{a)y  t{a)ngrilär  süzmlüg{n)n') 

Hin  mit  der  Lauterkeit  aller  Götter 

yäkkä        sönyüSkäli-i  k[ä\l(i-i-h  {i,  h  Zeilenfüller) 

dem  Dämon  Kämpfe  zw  liefern,    kam 

'inti-i  •  am'v  qtl'incl{t)y  Smnuluyun^) 

herabgestiegen.     Mit  dem  übol  zu  handeln  geneigten  Smnutum 

hiS  türliig  yäklärlügün       söngüSdi  • 

imd  mit  den  fünf  .^J■ten  Dämonentuni  schlug  er  sich. 

^^fvri  %>Ajiwi<  %>Ü\aV%  »»J^v4[»  »Iti^ttiU.^   6 

t(ä)ngriU-\i  y\äkli-i         y[a)ruqti-i  qaralt-i  ol 

Götter  und  Dämonen,     Licht  und  Finsternis  wurden  zu  dieser 

ödi'm  q[a\tildJi-i  •         %ormuzta  1{ä)ngn-i-h  (»,  A  Zeilenfüller) 
Zeit       vermengt.  Des  Gottes  Cliormuzta 

07^anp-i']     hii  t{ä)ngri-i  •    hizning  üzüt{ü)müz 

.TOngling,    der  fünffältige  Gott,         und  unsere  Seelen 

^oarUaiyirt:at  ^-tt«^^»>^\^t.»^^ft  ^t^^i  11111%  \*f,t^  9 

suin  y[äk]lügün  söngüSüp  bal{t?)y  haäl{t?)y*) 

kämpften  mit  der  Sünde  und  mit  dem  Dämoneutum  und  wurden  ge- 


stern RadL 
1     o      o 


Chuastuaniftj  ein  Siindenhekenntnis  der  inanichäischen  Atuiüores.  9 

bolti-'i  '   ymä  qam{a)y  yäklär  ul{uy]lar 

fesselt  (?)  und  untereinander  verbunden.  (?)     Alle  Dämonenfiii-steii 

111/111/111/11/%,^  \M>0>  tf,i^W»f^  ^f^Xi^^^fS  11 

totuncmz'')  ovutsuz   soq^)  ycik  [birläy\ 

[mit?]  dem  unersättlichen,  schamlosen   Neiddämon 

///////////////<tri%  \sUUfsJ//  // Hfe*  %»<«s^iM  t^«s%  12 
yüz     ff/iuqi-'i     qir[q  t\ämän  yäk  \y{a)claq7\ 

(und)  ImndertN  lerzig      Myriaden  Dämonen        in  [flbeler?] 

[Ende  der  Vorderseite] 


Rückseite. 
(Tafel  1,  oben  links.) 

Stein  Uadl. 

biligingä-h  (A  ZeilenfTiIler)  qatil'ip    ögsüz  köngül- 

Absiclit  (Wissen)  vereint,  verstandlos    (und)  sinnlos 

»iiz  k{ä)lti-i  •  k{ä)ntü-ü  tw^m'iS         qil'imn¥ 

kamen  sie.       Er  selbst,  der  Geborene  und  Erschaffene  (nämlicli  Bis-Tängri), 

tnängigü-ü  t{ä)ngri-iyirm  unitu-u  ''iiddi-i  •  (u,  i  usw.  Zeilenfniler) 

den  ewigen  Götterhimmel     vergaß  er    und  ließ  ihn  fahren : 

y{a)ruq  t{ä)ngrilärddä         alr'iln-'i     •     antadda- 

von  den  lichten  Göttern     ge>chieden  wurde  er.     Wenn  ilai- 

ta  baru  t{ä)nyrün  yäk  q'itinc'inya-h  •  (/i  Zeilenfiiller) 

auf,  mein  Gott!  da  zu  dem    Tun  der  Dämonen  (zu  sündhaften  Handlungen), 

aniy  qiltni'l{^i)y        ämnu-u  ögümüzni-i 

der  Obel  zu  handeln  geneigte    Smnu  unsem  Verstand 
f<aqtnrim(i)zni-i       az^/urduqm  a//////q?  k'^iiuuu  • 

und  unsere  Gedanken   irregeführt  hat ? 

PhiL-hüt.  Klasse.    1910.    Anhatig.    Abh.  IV.  2 


10  A.  VON  Le  Coq: 

Stein  RadL 

hiligsiz  ögsüz     boltuqumuz       \ü\iün  • 

und  weil  wir  dadurch  unwissend  und  verstandlos  geworden  sind, 

qam{a)y     y{ä)ruq      üziUlärning     t[özin]gä 

wir  gegen  die  Grundlage  und  die  Wurzel  aller  lichten 

^Myil^^  rifsty^  \fst%  ^in  «  lllllllll^^lllllllll  lo 
[yil]tizi\ngä\  •  griy  i/{a)ruq  äzrua  t{ä)ngrikän- 

Götter,  gegen  den  reinen,  lichten  Gott 

[/rä?]    yaz'int'im{ii)z  yang'ilt'im(i)z    ärsär  • 

Zärwan       gesündigt      und  gefehlt  haben  sollten; 

:n«t^y**  •*Ä//////1^^  MÜJriJHXy « 

[yaruqti-'i]  qarati-'i  t{ä)ng\ri\li-i  yäkli-i-h  («,  h  Zeilenfiiller) 
wenn  wir  Licht  und  Finsternis,  Götter  und  Dämonen 

[Ende  der  Rückseite.] 

Zwischen  diesem  und  dem  folgenden  Buchblatt  (unter  T.  II  D.  178 III 
registriert)  ist  augenscheinlich  ein  Blatt,  vielleicht  sogar  eine  Anzahl  Blätter 
verlorengegangen;  der  Inhalt  war  vielleicht  eine  Erklärung  der  Allegorien 
des  Kampfes  zwischen  Fünfgott  und  Smnu  sowie  eine  Anweisung,  wie 
diese  Allegorien  auf  die  Verhältnisse  des  täglichen  Lebens  angewendet  werden 
sollen. 


T.n  D.mm. 

(Tafel  I,  unten  rechts.) 

e  «ri£i&wi %*^^J&Lm  m^^    1    o     o 

tözi-i  yiltizi-i ärsär  • 

wenn  wir  gesagt  haben  sollten,  daß  ....  die  Graudlage  und  die  Wui-zel  sei. 

tirgiidsär  i{ä)ngr\i-i  Hrgüdür??]  •  ölürsär 

Wenn  wir  gesagt  haben  sollten:  wenn  jemand  wen  belebt,  Gott  belebt; 


Stein  Radi. 


Chtmstuanift,  ein  Sündenbehenntnis  der  manichäischen  Auditores.         11 

iSUlii  Radi. 

V^sX^  «  «HX«a>«rt  ^//////////////»^  ^«sW2^«*vM  •%*i^^   3    o     o 
t{ä)ngfi-i  ölürür  ti\ddimi\z  ärsär  •        ädgüg 

wenn  jemand  wen  tötet,  Gott  tötet:  wenn  wir  gesagt  haben  sollten:  das  Oute, 

aniyay    qop  ({ä)ngri-i  yaratmU  ol 

das  Böse,  alles      liat  Gott     geschaffen; 

tiddim{i):'')  ärsär  •  riiänytgü-il  t{ä)ngrilärig 

wenn  wir  gesagt  haben  sollten:  der  die  ewigen 

fyara]/[i|7/i-i  ol  tidifii(i)c  ärsär    •    %07-muzta 
Götter  erschaffende  ist  er  (nämlich  Gott);  wenn  wir  gesagt  ha- 

\l{ä)ngrili-i  i\mnuti-i  'inili-i  'iöili-i  ol 

ben  sollten:   der  Gott  Choiniuz.ta   und  der  Smnu  sind  älterer  nnd  jüngerer 

«^«^«r«2Ii  ril*«vr)A  u3««Lt^  e  w-i^ck^ri 8 

[tifüm(i)2]  ärsär  •   t{ä)nyrim  suida  bartt-u 

Hnider;  mein  Gott!  wenn  wir  in  Sündhaftigkeit 

Vri^«S>l  ♦^^»rilU^  rUy^Lt^  \*^riHL^W//   9 

[h]ilmätin    t{ä)iigrikä     'igdät/ü-ü  muntay 

unwissentlich  Gott  gegenOber        Falschheit  Obend,    solche 

ulvr/        chtleu-u  SflP*)  sözlädim{i)z      ärsär 

ungeheuren    Lästerungen  ausgestoßen   haben  sollten  und 

munday'^)  hu  gdunösuz  yazuq  yaz(t)nt{t)tn(i)z  • 

wenn  wir  so  diese  unverzeihliche  (unabänderliche?)  Sünde 

äj'sär  •  t{ä)ngrim  amt'i-'i  m{ä)n  raim{a)st  (<f) 

begangen  haben  sollten,  mein  Gott!    jetzt  bereue  ich,      Kuimast 

[Ende  der  Vorderseite.] 


12  A.  vonLeCoq: 

Rückseite. 

(Tafel  II,  unten  links.) 

f^^*f^w^^i:i  ril\fs/////////  . .  /////////fJ^^fvM  **Hxi»  i 
f{(i)rzind'°)  ögü\rtür  m(ä)n")  yaz\uqda  boiunu-u 

(ar/.ind,   ;^  von  Sflnde  mich  läuternd 

ötünür  m{ä)n  •   ?n{a)nastar  ^irza-h  (A  ZeilenfüUer) 

bete  ich :  Manastar        hirza ! 

•  •  qutluy  padsllllllll  •   'ikinii-i  ymä 

qutlu}-     pads////////(??).     Zum  Zweiten. 

hün  ai-i  t(ä)ngrikä")  •   'Iki-i  y{a)ruq  orddu-u 

Wenn  filr*)  den  Sonnen-  und  Mondgott,  fiir  die  in  den 

'i(]rä  oluruyma  t{ä)ngrilärkä  •  qam{a)y 

beiden  lichten  Palästen  thronenden  Götter,  die  Grundlage 

bur/ßnlarriing  •  afiy  nomnung  •  ädgü-ü 

und  die  Wurzel  des  Lichtes  aller  Burchane, 

q'iltn(^l{i)y  üzütlärning  •  yir  [suv?^ 

des  reinen  Gesetzes,  der  gut  zu  handeln 

y(u)ruqnung  •   tözi-i  yiltizi-i  tirnäg[üUY^) 

geneigten  Geister  (Seelen  ?)  und  der  Erde  [und  des  Wassere  (?)], 

///fOU%#yri  «riXkekirUsi  ♦^^t*ilU•t**  •%iLt^   9 

f{ä)ngri-i  yiringärü-ü  barsar  öngü[-ü] 

aufsteigen  zum  Himmel,  der  ffii-  deren  Vereinigung  be- 

qapiyi-'i  •   kün  ai-i  t{ä)ngri-i  ol  •  hi$  [Um 

stimmt  ist,  (dann)  ist  der  Sonnen-  und  Mondgott  dereu  vorderste  (erste)  (?)  Tür. 


Stein  Radi. 
o       o 


*)    Zu  .seinem  Nutzen,  in  seinem  Auftrag,  usw. 


Chuastuaniftj  ein  Siinderihekenntnis  der  manicJiäischsn  Auditores.  13 


t(ä)ngrlg  bohiyal'i-'i  •  y(a)ruqw^  q{a)ray 

den  Fünfgott  zu  befreien,    um  Licht  und  Finsteniis 
at'in;aTi-i         tägdä     tol'i-'i  tägzinü-ü-r")  • 

7.U  scheiden,  rollet  er  geftillt  (als  Vollmond)  (?)  vom  (Erd)boden  (?)  daher. 

|Ende  der  Rückseite.] 


>.      ,  T.M.303  (M.153). 

Kleines  Bucliblatt. 

Stein  Uadl. 

///^UU,  «6  i*<ßö.tK    1    ///    48 
ärsä'r  ••  näV^ä] 

Wenn  wir  irgendwie 

t(ä)vUidd\im\iz 

lieti'Ug  and 

kürlädimiz'^) 

Tänschnng  geübt  haben 

ärsär   ••    mifä-h   (A  Zeilenfiiller) 
sollten     ••     wenn  wir  etwa 

ävinng"')  kiSi-h 

eines  'fleißigen  Mannes 

orunöaq'in'} 

Güter  (??) 

i N^£k^ri  ^oa///;7/^%%    7 

i/id[di]}/nz  arsär  [etwa 

verzehrt  (ihn  dämm  gebracht)  haben  sollten  (und  so) 

kün  ai  t(ä)nyri-i 

dem  Sonnen-  und  Mondgott 


Siein  R.i(il. 
9        o 


*)   Steins  Manuskript  zeigt  die  Lesung  näcä  ävinng  orunöaq. 


14  A.  A^ON  Le  CoQ : 

stein  lUdl. 

V%ao»2k^  y<WH^fkW^  9  IIS  50 

taplamaz  'iäi-i-g 

mißßlligo  Handlungen 

näöä  'iSlädimiz 

begangen  haben 

»»V^/////  JOS*  «  «M<^«M  11 

ärsär  ••  i/mä  ['i]lki-i 

sollten    ••    Wenn  wir  in  (einem)  früheren 

özün''')  bu-u        özün 

Körper      oder  in  diesem  Körper  (jetzt  da) 

^A#S Si^«s^«s<Jl«v«i  13 

üzuntonluy  (Schreibfehler;  lies  uzun) 

wir  selbst  langröckige 

[Ende  der  Vorderseite.] 
Rückseite. 

^////////  ««ÄL%//////      1     'O     SI 

[Mr]i/flfr  öz 

Jünglinge  (i.e. Mitglieder  der  Manichäergenieinde) 

:rt«^UU.  9B  ^J4.7//7///////    2 

[bolu\p  ••  näöä-h 

geworden  sind    .•    irgendwie 

yaz'indimiz  (!)  yangtl({t)m{t)z 

gesündigt  und  gefehlt  haben 

ärsär  ••  munda-h 

sollten    ..    und  so  etwa 

MXSacS-Sl^*^  oa»v>^»«Vrt    5    i^o   52 

öküS  t'inl(i)yqa 

vielen  belebten  Wesen 

<yvisl  <jifvn /////////*    6 
«[öcö]  üz  boz 

Verderben 


Chuasluanifty  ein  Sündenbekenntnis  der  manicMischen  Auditores.         15 

stein  Radi. 

qiltiniiz  ärsär  • 

bereitet  haben  sollten. 

^«VM  •»♦vi:!  WS»iijt^    8 

t(a)ngrim  bu-u  on 

Mein  Gott!  von  diesen  zehn 

türlüg  yazuqda 

Arten        Sflnde 

hoSuyu*)  ötiinür 

uns  ISutenid,  beten 

biz  m{a)nastar 

wir:  M(a)nastar 

^•^  «        »  rjtO^  12 

hirz{a)  ••     ••  yitinö 

l.iirza    ••  Zum  Siebenten. 

fS«S«J<^d  Mltt«vi&i^  MM*  13    i2s    55 
ymä  suida  baru-u 

In  Sünden  .  .  . 

[Ende.] 

T.n  Y.eoa. 

.  stein  \WA. 

^Illlll ///  -«*«* 1     '45     64 

\yrnä  yäkkä  k'käkkä  t{ä)ngri  tipän]  t'inl{iyya[y  ti(ral(t)yay  ölü]rüp 

Wenn  wir,  zo  dem  Dämon  und  dem  Preta  »Gott«  sagend  (sie  Götter  nennend),   belebte  und  sich  l>c- 

[wegeiide  Wesen  getötet  und  uns 


2 

yükünlümüz  ärsär  ymä  bur%an\  tipän  igid  nomqa 

(vor  jenen)  verneigt  haben  sollten ;  wenn  wir,  es  ffli'  einen  Bur;/an  lialtend,  uns  unter  Verehrung  einoni 

[falschen  Gesetz 

*)    bohiyu   wohl   irrtOmlich  für  bohtnu;   Steins  und  RadlofTs  Manuskripte  zeigen  beide 
letitere  Form. 


16  A.  vonLeCoq: 

Stein  lud] 
ptßÄ^   S9jU^ßM4,lllJll  OAA^ßiax  -OfUti 3    ISO    66 

\/apmfim{t)z  uduntumuz  ürsür  ••  qut\  qolu  yüküntü\milz\  ärsär  ••  t{ä)ngri 

unterworfen  Iiaben  und  Segen  (Glück)  erflehend  uns  vor  ihm  verneigt  haben  sollten ;  wenn  wir,  uns  gegen 
,4a^MUU^fUat^ //////  A  Xt^t^ß^  S9/Lä0älA 4 

\kä  yazintp  yäkkä  tapmf{t)m{t)z\  ärsär  ••  t{ä)nyrim  g\mt\i  ökünürhiz 

Gott  versündigend,  den  Dämon  angebetet  haben  sollten:         Mein  Gott!      jetzt  bereuen  wii-, 
r4\.4lßtp    69  S»   .MO^  ßU^  lllllj 5    fss    68 

\yazuqda  boStinu     ötüiiürhiz  m(a)nas\tar  %irz(ä)  ••     ••  säkizinc 

von  unscrn  Sünden  uns  läuternd  beten  wir:      M(a)nastar         hirz(a).  Zum  Achten. 

^  ,iWM  jö^tM^  ^    ^<^    ^  .*<iß  QlHt\^t» 6 

\klrtü  t{ä)ngrig  ariy  nomuy]  biltükümüzdä  baru  ••  t{ä)ngrim  iki-i  (Zeilenfiiller) 

Als  wir   den   wahren  Gott   und  das  reine  Gesetz  erkannt  hatten,  mein  Gott!  da  kannten  wir  die  zwei 


>tß^   »  ^^  llllll  ^i»»^ — soM^  »JSt^A§»  >«5M«  >  HIHI 1  ,6o  ^x 

\yiUizlg  üc  öäk\V^)  nomuy  bilt(i)m(i)z  ••  y{a)ruq  ylH[izi\n  ••  t{ä)nyri 

Wurzeln  und  das  für  die  drei  Zeiten  (eingesetzte)  Gesetz.    Wir  wußten,  daß  die  lichte  Wurzel  das  Reich 


ssjjf,A§ifi  ^A%Ma^  -a^i^  ^^M^IHIIi 8 

\yirm  tünärig  yil\tizin  tamu  yirin  bilt{i)rn{i)z  ••  ymä  yir  t{ä)ngrl 

Gottes,  die  finstere  Wurzel  das  Reich  der  Hölle  sei.    Wii'  wußten,  was  existiei't  hatte,  ehe 

\yoq\  ärkän  öngrä  nä  bar  ür/iiis  fipän  bili{i)m{i)z  ••  t{ä)ngrUi  yäkli 

noch  der  Erdgott  vorhanden  war,  wii-  wußten,  wai'um  Gott  und  der  Dämon 

nädä  ötrü  söngüSmis  ••  y{a)ruqlt  q{ä)ralt  q{a)lt'i  qat'ilm'iS  ••  yirig 

miteinandei'  gekämpft  haben,  wie  sieh  das  Licht  mit  der  Finsternis  \ermischt  hat.    Wir 


/Lx»,  ^^AmlllllHIIIII  --Äk  '»Jif^^a»  ^4^»<«  ^tfHiAMMÄa,  ^^^    -m^tß^  " 

f(ä}ngrig  kirn  yaratmU  tipän  b'dt[l)iii(i):  ••  ymii  \ar\'/ßn  (Stein:  ^«i,ssa(«rUi)  yii' 

wußten,  wer  die  Erde  und  den  Himmel  erschaffen  (li ergerichtet)  hat.    Wir  wußten, 

^e^  HIHI  .^f«*«**  <»  >MMP  /^  -cm^jen  .  ^^^4  p^ß^  «  170  76 

l{(i)ngrl  nädä  ötrü  yoq  bolyai  ••  y{a)ri(q!t  \qar\ali  \q{a)ltt  adrtlyai] 

wodui'ch  dei'  Ar^on-Erdgett  zuniclite  werden  wii'd,  wie  Licht  und  Finsternis  geschieden  werden  werden, 
1 1 llllll  Mß^     ^^A4,     S9  Jf,.Ai^  ^UtpJ^  >*»§» ^ rtjre»     ^i&A4^   13 

nntada  k'isrü  nä  bolyai  tipän  bilt(i)in(i)z  ••  äzrua  t(ä)ngri\kä^')  kün\ 
wir  wußten,  was  danacli  werden  werde.    Wir  glaubten  an  Zärwan,  den  Gott,  an 

llllllll llllll  Aä^^M Mitu^  «..^4«4ep  es  -eßa^ßd^ — «u^fc«».  es  -ef*^0^  •*«♦  1*  '7-^  7« 

ai  t{ä)ngrikä  ••  küMüy  t(ä)ngrikä  ••  tmr^anlarqa  'iiiant\(i)m{i)z'\ 

den  Sonnen-  und  .Mondgott  ••  an  den  Gott  der  Stärke  und  an  die  Bur^ane;  auf  sie 


Chuastuanißj  ein  Sündenbekenntnis  der  manichäischen  Avditores.         17 

stein  Radt. 

[tayfl«^j')ff?(if)^]  n(j)70A-oA;'')  holtumuz  ••  /ör^  y{a)ruq  tamya'°)  köngülnmüz 

stützten  wir  ans  und  wurden  Auditores  •■  Die  vier  lichten  Siegel  liaben  wir  unseren 


e9p0Mm^tM^  ^4tU^  HIHI  A*,  ,mtßäiMßt. 16 

\dä  (a?nyalud(i)m(t)z  bir\  nmranmaq")  äz{rua\   t(ä)iigri  tamyast  ••  ikinti  kirtkii- 

Herzen  aufgesiegelt:  eines  ist:  Liebe,  das  ist  das  Siegel  Zärwans,  des  Gottes;  das  andere  ist: 

A0'S^'ö  >4ß^  if»  .iw^ii'irrtä'  _   eM  Uli n  iSo  81 

\nmak  kün  ai  t(ä)ngri  tamyas'i  üd\ünc  qorqmaq  bü  l(ä)ngri  tamyost 

Glaube,   das  ist  das  Siegel  des  Sonnen-  und  Mondgottes;  das  dritte  ist:  (Gottes)   Furcht,  das  ist  das 

(Siegel  des  fünftaltigen  Gottes; 

>t>jfdß*ga^  y»H0*^  «>  ^0äg^tA^ 18 

[törtüni  hilgä  hilU)  bur/ßnlar\  tamyast  ••  f{fi}?t(/rim  hiliyim{i)zni 

das  ^'ie^te  ist:  weises  Wissen,  Aaa  ist  das  Siegel  der  Bnrjj^ane  ••  Wenn  wir,  mein  Gott,  unsere  Einsieht 
-it.   SB  Md0IU,Jfi  &UI40,     X  mtgttß  IUI 19    iSs    84 

[köngülümi'/zni  bu  fort  türlüy  t{<i)n\yrilärdä  aytt{i)m{i)z  (Radi,  ayitdmz)  ärsär  ••  r 

und  unser  Herz  \on  diesen  \iei'  Göttern  sich  ab/.uwenden  veranlaßt  haben  sollten,  [(/'  Zeilentuller) 


»  »ßLä0M^  ^^fM.  4^  Aß'S^  '6  >^^  OB /U0iU,Jf  &*^  ti 20 

[orriinta]  qaniSat{i)>n('i)z  (RmW .  ijdin.idld-)  ärsär  ••  t(ä)ngri tamyasi bozidl'i ärsär  ••  amti 

wenn  wir  sie  von  ihren  Plätzen  fortgestoßen  haben  sollten,  weini  die  Güttersiegel  verletzt  wprden  sein  sollten. 


räit.änBtt^  SS    S9  Miut  Ju^^ma^  .ä^tuun^tm    <t4«Vflp.  i^fciüft,i<->  ^ttß^^  21  /90  86 

t{ä)ngrim  yazuqda  hoiunu  ötiinürbiz      ••     ••      in(a)nastar  %irz{a)  ••  toquzunc 

jetzt,  mein  Gott,  uns  von  SQnden  läuternd,  flehen  wir:  MCa)nastar       liirz(a)!     Zum  Neunten. 

'"*'  ^4%,i0ä*  ^—    ~a4i^  .  'i^,4A0Ai0n\^&^   ,.    ^ipmc  — «1^  22 

Ort  c(ay/Jap(a)f  tutduyumuzdu  buru  iic  ayzin  iic 

Bei  unserem  Die-zehn-Gebote-gehalten-haben  war  es  Vorschrift,  drei  mit  dem  Munde, 


>f5^*«^  A^tß^^  ,^4\.4ti»  /u^i^ß^  SB  ^4^n  , xaat  ob  ,  «ye<r4g>  23 

köngülnn  ••  iic  älgiii  ••       bir  qariiay  özin")  tökäti  tutmaq 

drei  mit  dem  Herzen,  drei  mit  der  Hand,  eines  mit  dem  ganzen  Wesen  in  \  ollkommener  Weise 

u»ä,.»y       -'■^-'^'--'^.^MhrOt  ^„Xi4^^^i;y  *^*§»  Jftf-'ö  SB  >4J(4        <*Cßtt  ^4  '9.^  ^9 

k(ä)r(jäk  ärli  ••  t{n)ii,griin  bilip  bäniätin  ät'öz  säciyincä  ijor'ip 

zu  halten.  Mein  Gottl    Wenn  wir  wissentlich  (oder)  unwissentlich,   da  wir  in  der  Liebe  zu 

[(unserm)  Körper  wandelten, 

Ud«tt£»  _  "^Cf^Cf    ^*i^*  ^<ti<i»   /^lAii«    frA<4    B9  ^fa^  ^pM  yiidfLa^  25 

y(a)olaq  is  tu^    •    adaä  qudaS  sac'iii  atip  könyiüün  körüp 

die  Reden    übler  Genossen    und  ^'^eunde,    Gefäliiteii  und  Verwandten    (heute   qui/as  |j"u_^   in  Turfan) 

(angenommen  und  ihre  Siimesart  als  Beispiel  betrachtet  liaben ; 
PhU.-higt.  Klasse.  1910.    Anhang.    Abh.  IV.  3 


18  A.  vonLeCoq: 

,  stein  Ra.n 

„.AOä^  es  ickHU^  Ijllll  mt^  Ao^t-e»  IUI  -aAdA  (»/»t» — tä^tJJit» 2«  ^°°  9> 

[i/'ilq'iqa]  hafimqa"^)  hulup"*)  azo  \mun\yumuz  taq\'iiit'iz\'^)  täyip  ••  on  ... 

odei'  wenn  wir  uns  zu  sehr  auf  (Besitz  an)  Vieh  und  Habe  stützen,  oder  wenn  wir,  da  unsere  Torheiten 

und  unsere  (weltlichen)  Neigungen  in  uns  mächtig  sind  (wörtlich:   uns  betroffen  haben), 


T.  n  Y.  60  b. 

>4^  es  ju0Mä,jjf^A^ßt>jst^  mm 27 

|(;(^/)%sap(a)^«)7  iHd{^i)mi^i)z  ärsär-'  näöä  ägm\t{ü)m{u)z  k{ä)rgäi{i)m{i)z"')  ärsär  "  gmtt 

die  Gebote  gebrochen  haben  sollten  ••  wenn  wir  uns  irgendwie  mangelhaft  und  nichtig  erwiesen  haben 

[sollten:  jetzt 

es  es    AMl^   ßLd^fßdd^ 28   20S    93 

\t{ä)ngrim  yazuqda  boSunu  ötünürUz  ••]  m(a)nastar  yjirz{a)  •• 

mein  Gott!  von  Sflnden  uns  läuternd  flehen  wir:      ••      M(a)nastar  hirz(a) 

[onunc  künJcä  tört  alqU\  äzrua  t{ä)ngrikä  kün  ai 

Zum  Zehnten.     Es   war  Vorschrift,  an  (jedem)  Tage  dem  Gotte  Zärwan,  dem  Sonnen-  und  Mond- 


30 

\t{ä)ngrikä  kilclüy  t{ä)ngrikä\  hxr/ßnlarqa''')  Ur  biligin  {ar'iy 

gotte,  dem  Gotte  der  Stärlie  und  den  Bur^anen  mit  ganzem  Verständnis,  mit  reinem 

^4t^tj[iiittii      j'mt   es  ^  II  ma '*  ^'^  '6 

köngülin  alqans'iy'^)  törü  hai-\  är\t\i  ••  ymä  qorq7nafin  [ärmägia-üpY^) 

Herzen  \  ier  Segnungen  darzubringen  ••  AV'enn  wir,  (Gott)  nicht  ftirclitend  oder  faul  seiend,  die  Segens- 

ßnääg^t*     ja^  es JgJ^  llllllll « 

\ädgüti  tökäti  alqan\madim{i)z  \ärsär\  ••  ymä  alqanur 

gebete  nicht  gut  und  vollkommen  dargebracht  haben  sollten,    ■•    oder  unsere 

jf,j0uiljllll  es  fuptu,  llllllllllll  ^a^  .^uteßitß  IIa "  ^'^  9« 

\ärkän  köngülümüzni  saq'imimizrii  i{ä)n\gri{järü  tut\madtmiz]  ärsär  ♦•  [al]q^iS'i7n(i)z 

Heizen  und  Gedanken  bei  ihrer  Darbringung  nicht  auf  Gott  gerichtet  haben  sollten   ■■  und  unsere  Segens- 

[wQnsche  und 

<•  »  //////  ^  -^MLM* 3* 

\ötügünmz  t{ä)ngrikä  ar'iyin]  täginädi  är\sär\  ••  nä  [yirdä 

(Jebote  (deshalb)  Gott  nicht  auf  reine  Weise  erreicht  haben,  sondern  wenn  sie  sich  irgendwo  behindert 


ttdint'i\  tutunt'i  ärsär  ••  amt'i  t(ä)ngrim  yazuqda  boSunu  ötünür 

und  aufgehalten  haben  sollten    ..   jetzt,  mein  Gott!  von  Sünden  uns  läuternd  flehen 


Chuastuanift,  ein  Snndenbekenntnis  der  manichäischen  Auditores.         19 

stein  Uaill. 
^^"-^^^    ^kAil^_^teS      rttß'£ß\    ß^^       ^  ^     ,  f^*g 36      220      lOI 

\biz  ••   in{a)fnastar]   %irz(a)  ••  ••  bir  y{i)g{i)rminc  ymä  yiti  türlüy 

wir:  M(a)nastai- hirz(a)    ■•    Zum  Elften.    Ei  war  Vorschrift,  so  des  reinen  Gesetzes  halber  sieben  Arten 


69  P^Ma  M^ß^  /KtpägtWäti,        <MI#-«1< 37 

\pvM^°)  ariy\  nomqa  ancolastq^'')  k{ü)rgdk  ärti  ••   ymä  biS  t{ä)nyrl 
Almosen  ehrerbietig  zu  verteilen  •■  Es  war  Vorschrift,  daß  wir,  wenn  die  das  Licht  des 

lim  IUI III  Uli  111^ — •&»'Aß     •'*»¥^*    S9  jug»^^j^^gm»^/l/l/l//li/lllll/ll/lllli8  22,  ,04 
[yai'uqin  quvra\t'i:^l'i  b{ä)rütilär  ••  %roMag  p(a)dimyj{a)g^')  t{(i)[ngri\  •• 
fSnflaltigen  Gottes  sammelnden  Engel,  die  Götter  (?)  Chrostag  (und  ?)  Padwa^tag 

<ttießä%  „dj^ ^4UiMil\  >^0d^  ypW  ^rä^dAf^£p  ^rJ\Hgp 39 

[t{ä)ngrigäru\  bardac'i  boSuntaci  biS  t{ä)ngri  y{a)ruqtn  biziiigärü  [kälürdi 

das  zum  Himmel  aufsteigen  und  (dort)  sich  läutern  sollende  Licht  des  fflnffältigen  Gottes  zu  uns  gebiaclit 

....       *^^g*jr        ^'*t  kk\&m\  kkk^M  jtMi\4i  /miyi\t^  ,d^  S9 40 

ärsär]  ••  biz  adruq  adruq  itip  y{a)rat'ip  nomqa  k{ä)ygürsüg^^)  törü 

haben  würden,  wir  uns  reich  schmilckend,  xeranlaßt  sein  sollten,  die  Ritual-  Kleidung  anzulegen    •■ 

^  ////////  ^  ^jeßl»  >¥»  -^"^^  »  ^Äoae^  — Mdo^  ^Ad^  ss  p^JU,  ...  41  230   107 

\l)ar\  ärti  ••  azo  rnung  üdün  ••  azo  puii  birgä/i  q'i[zyan]tp 

Wenn  wir  aber,  sei  es  aus  Torheit,  sei  es,  weil  wir  beim  Almosengeben  gespart  haben, 


•  A»  ll/IIIJf'  III III II  *  -a<'^*»  >^efMö      i^^t  >«**^  >#•  ////  — ««¥  /////  •  •  •  42 

\yiti  fnr]lüg  [pu]ii  any  nomqa  tökäti  birü  \umadt\}u(i)z  \ärs\är 

nicht  imstande  gewesen  sein  sollten,  die  sieben  Arten  Almosen  für  das  reine  Gesetz  vollkoinmen  zu  geben: 

4iyK0^ ^ßaA ^diiia0i^  >tß4^  'fw ^r*&4<»^Qp^eAji^  uui^  llllllllll  *»  -■-'"  '°9 

\t{ä)ngri\gärü  bardaci  bosuntaci  bis  i(ä)ngri  y(a)ruqin  äokä  barqqa 

wenn   wir   das   zu   seiner  Läuterung   zum  Himmel  aufsteigen  sollende  Licht   des  fünffältigeu  Gottes  an 

[Haus  und  Hof 

jHgätiit^    <<  /ig4i^  /Käie^t* ßHi^^^H^  >****  »  ß^iiiiii " 

|/>aJ(i)w(«)^")  ärs\är  gniy  qttincH^i)y  [kiiikä\  y{a)claq  ttu/{t}yqa  ti(ral(t)y^*) 

gefesselt  haben,  (oder)  wenn  wir  es  schlecht  /.u  handeln  geneigten  Menschen  odei-  bösen  belebten  und 

[bewegungsfähigen  Wesen  gegeben  tind 

,4tmMll\  >«^Uö  <»  pj^ißMAjff^  Uli  tJ^  ,dn^^*^    69  JLt^Mt, — 4'  4^ 

qa  [birdiffiiz]  ärsär  ••  tökdümüz  sac{tt\m{^i)z  ärmr  ••  l{ä)ngri  y{a)ruq'in 

es  (dadurch)  ausgegossen  und  zerstreut  haben  sollten :  wenn  wir  (dadurch)  das  göttliche  (des 

<UM^f^        4\tia,4ä%   Xmtß^   >^^    ^  ßJMfßMä,  Jje.  t\M      <t0ießilt%  /H^La«  46    240    112 

y{a)vlaq  yirgärü  tdi('i)}ti('i)z  ärsär  ••  (iiiiti  t{n)ngriin  yazuqda  bosimu 

Gottes)  Licht  nach  dem  Übeln  Ort  gesendet  haben  sollten:  jetzt,  mein  Gott,  von  SOnden  uns 

3* 


20  A.vonLeCoq: 

Steia  RadL 

ÄÜ  ju«  JL^  , t^i^t^ß  \l  ■  ■  ■  SB  a  AMUt  ßi^ptä^  .ä^tiun^n  n  24J  113 

ötünür  hiz  in{d)nastar  yjrz{a)  ••     ••  \iki  i/{i)\y(i)rminc  hir  y'ilqa 

läuternd  flehen  wir:  M(a)nastar  hir7.(a).  Zum  Zwölften.    Es  war  Vorschrift,  in  einem  (jeden)  Jahre 

>*  ////  ß^  -a«*«»  >"  ////////// *^/UAaA,  /UiUä>  ,.4je> «^  48   ./,-    .  .4 

älig  kün  arv^  dintar  ca'°)  [vusanti  olurs\uq  törü  bar  [är]ti 

fünfzig  Tage  (lang)  gemSß  dem  Brauch  dei'  Klecti  ein  Vusanti  abzuhalten,  und 
>««WK^  —SÄ*  ////  »•<     ■  ifeO//// ///////////  ^   ^**iä»  ßl^J^  /t*MA4,  49 

afv^  haia-i  badap  i{ä)n\grikä  ancolasiq^^)  k(ä)r]gäk  ärt\i]  ••  ]/7nü  äv  barq 

reine  Fasten  fastend,     Gott  so  Verehrung  zu  bezeigen  (?).                              Wiederum,  wenn  wir, 
Mttgfffi ,''       &^  ^0   230    116 

tutduq  \ücün  y'ilqiqa  bar'imqd]  bulup  [azo  mungumuz  taqirniz  tägip\ 

weil  wir  Haushälter  geworden  sind,   dem  Vieh  (und  anderem)  Eigentum  (zu  sehr)  anhangen,  oder  weil 

[unseie  Torheit  und  (weltlichen)  Neigungen  In  uns  mächtig  sind 

[Ende.] 


T.  M.  183*). 

Einseitig  beschriebenes  Buchblatt. 

Stein  RadL 

k{ä)rgäk  ärti-i  •  ymä  i'w  harq  tutduq  neun  \y'ilqi\ 

war  Vorschrift.     Wenn  wir,  weil  wir  wegen  des  Kesitzes  von  Haus  und  Hausrat 

qa  har{a)mqa  bulup  ••  azo  mu\ngu\muz  ta\(qinAzY^) 

dem  Vieh  (und  andei'em)  Eigentum  (zu  sehr)  anhangen,  oder  wenn  wir,  weil  tö- 
MkS«  e  .      ft»ilwQ^    3 

tägip  ••  ymä  [totundsuz  ovutsuz  soq  yäk\ 

richte  Bande  uns  hielten  (getroffen  hatten),  odei'  wenn  wir,  dem 

104%  e  ^^^•^rt    4 

üüün  ••  ymä  [qorquncsuz  köngülümüz  Ü6ün  ••] 

unersättlichen,  schamlosen  Neiddänion  zu  Liebe,  oder  aus  Mangel  an  Gottesfurcht, 

*)    Ein   anderes,    in   uigurischen    Lettern   geschriebenes   Fragment,    T.  M.  343,   enthält 
folgende  Lesungen:  '■)  ,4it0ttti^  t(a)qtimuz;  >>)  "«-*^t   qr(i)nip;  är(i)nip;  ")  .i^^^J^Jf  s^du- 


muz;  ^)  ,^"Cfi  bacaq;  ")   l*^^^-"Vy  bacamadumuz;  <')  ^&Jr-'-\  amfi;  S)  JLdA0ääÄÄ^  ma- 


naastar   (der  ganze,  mit  amti  beginnende  Passus  lautet  in  diesem  Fragment:    •a»n/t  t(a)ngrim 
(iküni'irbiz  yazuqda  bohinu  ötünürbiz:  manaastar  /lirza/'). 


Chua^tuanift,  ein  Sündenbehenntnis  der  mankhäischen  Auditores.         21 

Stein  Raill. 

^»U-ÄXatiM  ^-&.M^1^4»l«ri  (^^_A»*%irir<    5  ^jj   119 

ar'inip  ärmägürüp'^)  ärkligin  [ärksizin  60007 1 

lässig  (oder)  träge,  kräftig  oder  kraftlos  seiend,  die 

Illlllllllll^^^^  (^Vh^OOi*  IUI*  «  iMXiCkW^  {-^^llllllll    6 

[sjaf]j>n(i)2r  ärsär  •  ymä  hacay  ol[urup  ädgüti]    - 

Fasten  gebrochen  haben  sollten;  oder  wenn  wir,  zu  den  Fasten 

iMiiekirl  ('t^ri\HriH^<lCat IH^IIIIIIIII    1 

{nomYla  törüöä]  baöamad{t}ni(t)z  ärsär  ••  [t{ä)ngrm 

uns  niedergesetzt  liabeiid,  nicht  gut  nach  Gesetz  nnd  Rituell  gefastet  haben  sollten : 
lllllllllllllllllllllllltA  «S*«sO0«vis4  J<!l<AtW» 8 

amt'iY)  yazuqdda  boSunu  ö[tünierbiz] 

Mein  Gottl  jetzt  von  den  SOnden  uns  läuternd,  ueten  wir: 

/////////**^»  ^«•«vrt  «         «  rjwA  {'xs<%XiaJiX^   9  260   122 

m{a)nastar  hirz{a)  ••  iic  y{i)g(i)rm\inc  ai  t(ä)ngri\ 

M(a)na«tar  hirz(a)    ••  /um  Dreizehnten.     An  jedem 

ltlllllllll!llllllll%l.\^x*U\»<%^U^J^^%  «s«JiX^  \^*MC»4  10 
ki'min  sayu  l{ä)ngrikä  nomqa  ariy  di\ntarlar  qa\ 

Tage  des  Mondgotte»  war  e»  \'or.schrift,  daß  wir  zu  Gott,  zu  dem  Gesetz,  zu 

f^%*>StAlllllllll  »*^^fta^\»,v<%  *kMfi*^ll/l/llll  " 

[8Ut/]umuzni-i  yazvqumvzn'i-'i  \boi\uyu  \qolTnaq} 

den  reinen  Electi,  um  unsere  SQnden  ab/.aschütteln,  beten  sollten. 

//7///USi^iri  *»«•  zb  **%!lllll 12  26s  124 

\l((ä)rg('ik  är\ti-i  ••  ytnä  ärkUg\in  ärksizin  afiriip  ärmägürüp] 

Wenn  wir,  kräftig  oder  kraftlos,  lässle  oder  träf;c  seiend, 

///*XW^A%^  K»jUvl»A*^    M\OJ<>ri  13 

iäkä  ködiigkä  t'iltant[p^^)  yazuqda  boSunyati] 

und  zu  (weltliehen)  Geschäften  in  Beziehung  stehend,  nicht  (/.nm  Gebe() 
UO*«S^^  Zb  x*<£>e>Ajri  ^XxlMKl««0=t  14 

barmad{:i)m(i)z  ärsär  ••  t(ä)ngrim  [gmti] 

j{egangen   sein  sollten,  um  von  Sünden  uns  zu  läutern:  Mein  Gott!  jetzt 

^M.«\^*«VM  «vlAU3fy2:4  14l1\a<cW%  15    27«    126 

yazuqda  boSunu  ötiinür  [biz  m{a)nastar  h,irz(a)  ••] 

von  SfliidcM  uns  läutcMiid  beten  wir:  M(a)na8tar  hirza. 

[Kmle.J 


stein  Kaill. 


22  A.vonLeCoq: 

T.n  D.178V. 

(Tafel  II,  oben  rechts.) 

• .  • .  ■  \taA^^  ^jOMuaV^  M#i  t«^d   i  274  128 

bir  al-i  c(a)yjap{a)t  tutmaq  \k{ä)rg(ik\ 

Kineii  Monat  (läng)  Gebote  zu  halten  war  Vor- 

äi'ti-i  •  yinä  zaidanta^'')  \yi\mki[-iY^) 

schi'ift.  Im  Tempel  das  Yimki  lialtend 

Hllll^fHisx  ///«^otssi  e  — cl^t«v^<^rt  s 

olurup  •  iöt'f7[7]  bac\ap  t{ä)ngri-i] 

(absitzend  und)  Fasten  fastend,  war  es  Vorschrift, 

hur/ßnqa  bir  biligi\n\  köng[iil\tä  baru 

dem  göttlichen  l)Ur;(an  /.uliebe  mit  einem  ungeteilten  Sinn  vom  Herzen 

«SfSMs/////////  »////////////^  iv«sV<%  W<il%%  te=t    5 

bir  y'ilqi-'i  yazuqv\muzn\i-'i  \boS\uyu-u 

unsere  in  einem  Jahre  begangenen  SQnden  betend 

ötünmäk  k(ä)rgäk  ärti-i  •  t{ä)ngrim 

abzuschütteln.  Mein  Gott!  wenn  wir 

yiti-i  yimki-i  tökädi-i  oluru-u-h  («,  u,  h  Zeilenfüller) 

die  sieben  Yimki  vollkommen  zu  halten 

u)nadirn{})z  ärsär  •   bir  a\^iqi-i\h 

ni<'iit  imstande  gewesen  sein  sollten,  wenn  die  einmonatigen 

<•{ay^Sap{a)tay^'')  ädgüti-i  tök[ädi-i  tutu-u\ 

Gebote  gut  zu  halten  wir  nicht  imstande 

umadtm{ii)z  ärsär  •  öaidant[a]")  .... 

gewesen  sein  sollten;  v\enn  im  Tempel 


Chuastuanißj  ein  Sündenhekenntnis  der  manichäischen  Auditores.         23 

stein    Radi. 

pr^M^a«#V«.  ««WA**  Vw.ttrtA  %»V>1»%  11  ^Sj  10-12 
yimki-i  pacay*°)  ädgiUi-i  nomda-h  (A  Zeilenfüller) 

das  Yinik!  (und  ?)  die  Fasten  gut  und  nach  Gesetz 

törüdä  oluru-u  umadtm{i)z  ärsür  • 

und  Ritus  abzuhalten  wir  nicht  imstande  gewesen  sein  sollten: 

[Ende  der  Vorderseite.] 


Rückseite. 
(Tafel  II,  oben  links.) 

stein    RxdI. 

Hisl  ^Tt*»XtfV*^'K»>V<» 1    ^^7    133 

\bir  y'ilq^i-i\  yazuqumuzni-'i-h  bir  (t,  h  ZeilenrüUer) 

wenn  wir  unsere  diesjährigen  Sflnden 

;?^A«SMSO0fv:::l   «sitCst    »K%S^I I li^f>,\  lllllllll^    2 

l:\iligi'n\  köng\il\ltä  baru  boSuyu-u-h  {u,  h  ZeileniuUer) 

mit  ungeteiltem  Sinn  vom  (?)  Herzen  abwälzend 

[qolmadimz]  ärsär  •   näcü  üksük 

nicht  gebetet  haben  sollten,  wenn  manchei'lei  Mängel 

;7^%%^HM  «  irUiö.iri  ///^^«v///  Oau^j^    4  2go   135 

k{ä)rgäk^^)  [b]oli[i-i]  ärsär  •   nmlt-'i-h 

und  Nichtigkeit  entstanden  sein  sollten:  Jetzt, 

t{ä)ngrim  m(ä)n  ra[im{a)\st  f(ä)rzind  yazuqda 

mein  Gottl  ich  Raini(a)st  f(ä)i-zind, 

bo^{nu\  ötünür  m{ä)n  m{a)nastar 

von  Sflnden  mich  läuternd  bete  ich:  M(a)iiastar 

hir2{a)  ••  ••  bis  y{i)(j(i)rminc 

h'm{a)    ■■  Zum  FTinf  zehn  ton. 

kti\n  s(tyu]  ncicä  y(a)vla(j  saqinc 
Täglioli  wie  viele  üble  Gedanken 


24  A.  VON  Le  Coq: 

Stern  liadl. 

Wkfi^^HLH^^jMvC^  M^UU.  9lllllllllllllllllllltia.    9   ^9J    »37 

s\aq'inw  biz\  •  näiä  sözlämäsig*^} 

sinnen  wir!  wie  viele  nicht  auszusprechende 

['irüncii]lüg  söz  sözläyür  biz  • 

ei'bännllche  Worte  reden  wir! 

näöä  'ülämäsig  'irüncülüy 

Wie  viele  nicht  zu  tuende,  erbärmliche 

'iS  'iSläi/ür  biz  •  anty  q'iltncqa 

Taten  tun  wir!  Wegen  (unserer)  üblen  Taten 

[Ende  der  Rückseite.] 


T.n  D.  178  VI. 

(Tafel  II,  unten  rechts.) 
'irünöükä  k{ä)ntü-ü  özümüzni-i 

und  wegen  des  (der  bösen  Tat  entspringenden  [?])  Elends  quälen 

:^H.%^'^\  t^ifU  » 2 

\ämgätir  hi\z  •  ymä  künkä-h  (h  Zeilenfuller) 

wir  selbst  unser  eigenes  Selbst.     Das  täglich  von  uns  in  Speisen 

e  W^^V%  %%ii^^  ooCb*  tf^gU^IIIIHIilll  3 

[aiad]uqumuz  biä  t{ä)ngri-i  y{a)7tiqi-i  • 

genossene  Licht  des  funftaltigen  Gottes  (aber) 

[k{ä)ntü-ii\  özilmüz  üzütiimüz  totunc- 

<;eht  zum  üblen  Lande  (der  Finsternis),  weil  unsere  eige- 

suz  ovutsuz  soq  yäk  s{ä)vdügincä 

iien  Körper  und  Seelen  in  der  Liebe  /.u  dem  unersättlichen 

yofituq  nc\ün\  •  y{a)vlaq  yiryärü-ü 


stein  RadL 


s<  liainlohoii  Neiddänion  "ewandelt 


Chuastuaniftj  ein  Sündenbekenntnis  der  manichäisclien  Auditores.         25 


Stein  UaHl. 
JOS      '42 


harir  •   {arn-'i  üc^ün  t{ä)ngrim  m{ä)n 

siud.  Deswegen,  mein  Gottl  bete  ich, 

raim{a)s[t]  qop  ynzuqdda-h  (h  ZeilenfiUlei) 

Rnini(a)st,  unter  Anrufung  des  reinen  Rrmsahn*')?? 

boSun\u\  ftriy  k{a)rm{a)hi^n*)  qolu-u 

mich  läuternd  von  allen  Sünden : 

ölün[ür7nä\n  •   m(a)nastar  Idrza-h 

M(a)nastar  liir/.a-h  1 
C^U>^»j<fs^AeJ<A<  \^^^^im  llllllllllllllli^  üOUs*  11  (rot) 
bis  i/{i)g[(i)rminc  bö\lvg  y^uastuanift 

Fflnfiehnter  Abschnitt  Chnastuanift  (Confessio) 
12 

[Ende  der  Vorderseite.] 


Rückseite. 
(Tafel  II.  unten  links.) 

t((i)ngrim  ägsüklüg  yazuqluy  biz  • 

Mein  Gott!  unvollkommen  und  sündig  sind  wir! 

St.iii  1(^(11. 

<y.iai  ;s)(kS%^«^=l  ;;2)<S^^*«vri    2  s"S   144 

ötägdi*^)  hüfini^i*^)  biz  Ytotun6suz\ 

'Peiniger  undUn/.nfriedenheiterreger  sind  wirl  wej^en  des  unersättlichen 

e  ^♦^•#^rij^**^j^f^^»Ck  <y»fws^HK    3  v    145 

atutsuz  sog  yäk  nMn  •   [saq'incin] 

schamlosen  Neiddämons,  durch  Gedanken,  durch 

')    Oder  k{a)rm(a)iuan;    ob  t\  oder  A  zu  lesen  ist,  ist  unsicher. 

**)  Das  i.^.  im  Anfangsworte  •tänffrim'  der  ersten  Zeile  bildet  mit  drei  anderen  \a 
eine  Art  viereckiger  Parenthese,  in  welcher  in  roter  Farbe  folgende  mir  unbekannte  ira- 
nische (?)  Wörter  geschrieben  sind:  (Z.  l)  raim{a,)»t,  (2)  ß^a)r:iml  aba  (oder  »aso'),  (3)  nrsun  'il. 
(4)  «»I  (aabi?)  tiawa,  (5)  hriii  qia. 

Phil.-huit.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  IV.  4 


26  A.  VON  Le  Coq: 

stein   Hadl. 

//////5J^<^*0*%«^^5>U•Ä%'•^^\•^%^JCka.   4 
wzin  qilmc'in  •  ymä  köz\in\ 

Worte  und  Taten :  mit  Augen 

///•///////// ®^-A»A%wart^$«jV^j^%v^^^«s^^A^  5 
köriip  qulqaqin  äsidip  •   [^27J/|mJ 

seilend,  mit  Ohren  liörend,  mit  [Zungen] 

sözläp  '  älgin  su\nu\p  •  adaqin 

redend,  mit  Händen  berührend,  mit  Beinen 

yofip  '   ürkä^^)  üz[üksüz]  ämgälir 

wandehid,  lange  quälen  wir  ununterbrochen 

biz  '   bis  t{ä)ngri-i  y{a)r\u\q{i  qn\-h*) 

das  Licht  des  fünffaltigen  Gottes, 

qurw^  öl  yirkä  •   bis  t\u\rlüy 

die  trockene  und  die  nasse  Erde,  die  fünf  Alton  belebte  und 

t'inl{t)yqa  turaUyqa  •   b\ü\  t\ii\rlüg 

sich  bewegende  Wesen    ••    und  die  fünf  Arten 

\^^^lllllllll!l  111111%  a  K\oM<S^»^  Ks^^ri  11 

ootqa  ''iyacqa  •  y\mä  ägsük]lüg 

Kräuter  und  Bäume    ••    (Wahrlich!)  unvollkommen  und 

///*»rt  9  tjü  ^^»^\AVi///  12  j.'o   149 

\y]azuqluy  biz  •  o\n  c{ä)yßap{a)tqa\ 

sündhaft  sind  wir!    Wegen  der  zehn  Gebote 

[Ende  der  Rückseite.] 


*)    Steins  und  Radioffs  Manuskripte  konstruieren   'ämffäiirbiz'    mit  dem  Akkusativ, 
nicht  mit  dem  Dativ. 


Chuastuanift,  ein  Sündenbekmntnis  der  manicMischen  Auditores.         27 

T,  n  Y.  59. 

Fragment  eines  anderen  manichäisclien  Sündenbekenntnisses 

aus  Yär-Choto. 

ie^tumn^  ßtM^  «ji*  ^.4a«     1 

nzo  äv  barq  oyrtnta') 

oder  wenn  wir  wegen  Haus  und  Hausiat 


•  « '• 


horluy  hing        qul       qoin  .  . 

Weingärten,  Sklavinnen,  Sklaven,     Schafe  . . 
•  • //// 

qazrfundin      aU'im{t)z      är\sär\  .  .  . 

als  Gewinn  genommen  haben    sollten 

////  tP^^Mi"»^, 

bädük        bäkän  qayatin  ba//// 

durch  hohen       ??  ?? 

1/1/  ^  ,4tr4tn.i*»  ^ätHä-nt^ 

tivarin')  qazyanötn  aj/j/ 

den  Besitz,  als  (?)  Gewinn  [genommen  haben  sollten?]  .  .  . 

biz  ••   bilinür  biz        irindildä       boS      bnhitim      Mant-i^) 

wir  und  bekennen  wir:  von  Erbärmlichkeit  frei  wollen  wir  sein        ?? 

bolzun    ••     ••    ü6üm        ymä  todunimz 

soll  sein!  Zum  Dritten.     Wenn  ich,  wegen  des  unersättlich  und 

ovutsuz  gmranmaq  köngül  o^/r'inta  ad{'i)nayu^)  ony'') 

schamlos  neidisch  begehrenden  *)  Herzens  gegen  einen  anderen  wahrhartigen 
qur'iyl(i)y^)  äcinlig  uzun-tonluy-qa  yazt'im  -yangiMm 

(durch  Askese)  entfleischten,  glänzenden  Manichäcr  gesündigt  oder  geirrt  liabon 

ärsür  ••  azo  v{a)^^arda  Sakimun  bur/ßn  yirin 

sollte;  oder  wenn  icli  im  Vihara  einen  dem  Qäkyamuui  Buddha  (geweihten) 

4» 


28 


A.  VON  Le  Coq  : 


>>«#U 


artatdim  ärsär")  ••  yaza  yang'ilu  yükkä  iökäkkä 

Ort  entheiligt  liaben  sollte ;  wenn  ich,  sündigend  und  irrend,  mich  zum  Vorteil  des 

[Dämonen  und  des  Preta 

y'ilq'iqa'*)  yazt'im  yangiltim  ärsär  ..  közüm  körüp 

gegen  die  Tierwelt  versündigt  und  verfehlt  haben  sollte ;  wenn  ich  sehenden  Auges 

qulqaqini  mdip'°)  tünlä  küntüz  mqinniayu")  saqintp 

und    hörenden  Ohres,   bei  Tag  und  bei  Nacht  Nicht-gedacht-werden-sollendes  ge- 

[dacht  (und) 


'3 


eo 


öh'm  türlüg  yanglu-y  saqmc")  tur^jurdwn  ärsär  •• 

viele  Arten  sündhafter  (irrtümlicher)  Gedanken  habe  aufkommen  lassen 


^|(«M9k     14 


Chnastuaniftj  ein  Simdenbekenntnis  der  mankhlmchen  Auditores.         29 


Anmerkungen  zu  »Ghuastuanift«. 

B.  =  F.  C.  Baur,  Das  inanichäische  Religionssysteiii,  Tübingen  1831. 

F.  =  G.  Flügel,  Mani,  seine  Lehre  und  seine  Schriften,  Leipzig  1862. 

K.  =  K.  Keßler,  Mani,  Forschungen  über  die  inanichäische  Religion,  Berlin  1889. 

1.  ha  t{ä)ngri.  Augenscheinlich  ist  die  unter  dieser  Bezeichnung  auf- 
tretende Gottheit  identisch  mit  dem  »Urmenschen«  mit  seinen  fiinf  Ele- 
menten. Vgl.  F.  S.  87:  »Es  bewaifnete  sich  aber  .  .  der  I^rmensch  mit  den 
fiinf  Geschlechtem,  und  das  sind  die  fünf  Götter:  der  leise  Lufthauch,  der 
Wind,  das  Licht,  das  Wasser  und  das  Feuer.« 

2.  siizinlüg{ü)n.  Instrumentalis  einer  von  süz-  »läutern«  abgeleiteten 
Form  süzinlüg.  Man  würde,  in  Analogie  zu  y>ämnuluy,  yäklijg«.  vielleicht 
'SÜzlüg*  erwarten;  die  in  demselben  Manuskripte  vorkommende  Bildung 
yyäklär-lüg*  ist  aber  möglicherweise  ein  Hinweis  darauf,  daß  in  den  Formen- 
bildungen größere  Freiheiten  möglich  waren,  als  wir  bisher  annahmen  (vgl. 
unten  die  fremdartigen  Formen  Ä0/7,  baMy,  Ixilqduq). 

3.  imnu.  Augenscheinlich  =  der  Urteufel  (mit  seinen  fünf  »Geschlech- 
tern«, dem  Qualm  (Rauch),  dem  Brand,  der  Finsternis,  dem  Glühwind  und 
dem  Nebel;  s.  F.  S.  87).  Das  Wort  ist  dem  Soghdischen  entlehnt,  der  Vokal 
der  ersten  Silbe  noch  unbekannt. 

4.  baly.  Wahrscheinlich  von  Im-  »binden«  abzuleiten  und  mit  »ge- 
fesselt, gebunden«  zu  übersetzen  (sollte  bal'iq  »die  Stadt«  als  »der  durch 
Mauern  zusammengebundene  Ort«  zu  erklären  sein?).  haSly  möchte  ich  von 
ba -\- i  »sich  gegenseitig  binden«  ableiten.  Radioff  übersetzt  das  vom 
selben  Stamme  abgeleitete  Wort  •»halqduq-'in^^  mit  »weil  sie  in  steter  flim- 
mernder Bewegung  waren«  (Chuastuanit  Z.  1 3),  ohne  sich  über  die  Art, 
in  der  diese  Form  gel)ildet  ist,  auszusprechen.  Vielleiclit  darf  man,  mit 
F.  W.  K.  Müller  an  &o-f- 74-/0-,  mit  Metathesis  b<i/y{a)-,  denken;  die  Aus- 
lassung des  Vokals  a  in  der  Schrift  erscheint  an  die.ser  Stelle  auffällig. 
Auch  die  Bildung  der  Formen  ba/(t?)y  und  baSl(i?)y  vermag  ich  nicht  zu 
erklären. 


30  A.  VON  Le  Coq: 

5.  ^^vfiiekVt«,«<\v<S^<  Dieses  Wort  wird  in  uigurischen  Lettern  in  der 
Stammsilbe  sonst  stets  \a^  ,  hier  V«s^  und  auf  Z.  4  (Vorderseite)  des 
VI.  Blattes  dieser  selben  Handschrift  ^^  geschrieben. 

6.  J^  =  envie  (Pavet  de  C),  suq  stroke  of  the  evil  eye  (Shaw). 

7.  tiddimiz,  andere  Schreibweise  flir  tidimiz,  vgl.  Z.  4  der  Rückseite 
orddu  und  S.  25  Z.  8  yazuqdda.  In  einzelnen,  meines  Erachtens  altertüm- 
lichen Fragmenten  steht   stets  21  fär  A.. 

8.  Gulvu  sav.  Die  Übersetzung  durch  »Lästerung,  Blasphemie«  scheint 
gesichert  zu  sein  durch  folgende  Stelle,  F.  S.  290:  »Der  Begriff  Gottes- 
lästerung war  aber  .  .  ein  weitschichtiger  und  umfaßte  alles,  worin  irgend- 
wie ihrer  Dämonologie  ein  Zugeständnis  gemacht  wurde ;  z.  B.  die  Behaup- 
tung, daß  der  menschliche  Körper  von  Gott  geschaffen  sei,  war  eine  Gottes- 
lästerung.«  Die  in  »Köktürkisches  aus  Turfan«,  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad. 
d.  Wiss.  XLI  1909,  S.  1056,  erschlossene  Bedeutung  »Zauberwort«  erweist 
sich  somit  als  Irrtum. 

9.  Die  Rechtschreibung  ist  nicht  konsequent  durchgeführt:  es  findet  sich 
Vri«*.«sM  munday  neben  Vri^«vM  muntay,  V«v^«sl^*«v'i  ögünür  einmal  neben 
V#v^fvV*vM  ökilnür,  nU,«sV«s^  tofunc  neben  vU.f\^^  totunc  (  fäit\ii^  todun^. 
in  Y.  60),  M^LS^tt^riacBt  qnt'ildi,  aber  daneben  M^üvt^riri  atrilt'i,  \ri*^u^jx 
pacay  einmal  neben  häufigem  VrtVriM  hacay.  oi«2!L%^  tiddim{i)z  kommt 
neben  od«A%^  vor,  während  in  augenscheinlich  älteren  Texten  der  Buch- 
stabe .i  stets  doppelt,  also  21  geschrieben  wird.  Die  weniger  sorgfaltige 
Schrift  und  Rechtschreibung  sowie  die  geringere  Qualität  des  Papieres 
dürfte  darauf  hinweisen,  daß  diese  Schriftfragmente  nicht  der  besten  Zeit 
angehören. 

10.  raim{a)st  f{ä)rzind  (=  J^j^  Sohn,  np.?).  Der  persische  (?)  Name 
des  Gläubigen,  für  den  dieser  Text  kopiert  worden  ist.  Auch  in  buddhisti- 
schen Sündenbekenntnissen  finden  sicli  die  Namen  der  Besitzer  in  derselben 
Weise  in  den  Text  eingeschoben. 

1 1 .  ögv\nür  m{ä)n\  fiir  ökünür  m{ä)n. 

12.  Es  ist  schwer  zu  entscheiden,  ob  die  Wörter  ^kün  ai  t{ä)ngrin  als 
eine  oder  mehrere  Gottheiten  bezeichnend  zu  deuten  sind.  Es  scheint  aber 
liier  nur  ein  Gott  unter  diesem  Ausdruck  verstanden  zu  sein,  was  mit  B. 
S.  291  übereinstimmen  würde:    »Sonne  und  Mond  oder  der  in  diesen  beiden 


Chuastuaniftj  ein  Sündenbekenntnis  der  manichäischen  Auditores.         31 

lierrliclisten  Lichtwesen  tlironende  CJiristus  .  .  .«  (vgl.  auch  F.  S.  256).  Die 
»in  den  zwei  Lichtpalästen  thronenden  Götter«  sind  vielleicht  nur  die  in 
diesen  zwei  reinsten  Lichtwesen  angehäuften  Lichtteile;  die  genauere  Deu- 
tung dieser  Stelle  muß  anderen  überlassen  bleiben.  In  den  folgenden  Zeilen 
wird  der  Weg  des  der  Materie  entzogenen,  aufwärtssteigenden  Lichtes  be- 
schrieben, leider  bricht  die  Schilderung  bei  dem  liier  als  » ersten  (?)  Pforte« 
geschilderten  kün  ai  t(ä)ngri  ab.  Für  die  diesen  Weg  betreuende,  al)wei- 
chende  Tradition  vgl.  F.  S.  344  Anm.  29g.  Die  Konstruktion  dieses  ganzen 
Passus  ist  schwierig  und  die  Deutung  unsicher. 

13.  timägüli.  Durch  Anliängung  der  Formationselemente  -gü  und  -// 
gebildetes,  Absicht  oder  Befähigung  ausdrückendes  Verbalsubstantiv  eines  im 
Osmanischen  ^ji,  »ikjj  (Versammlung,  Zusammenkunft)  erhaltenen  Ver- 
bums timä-(i). 

14.  tägdä  toti  tägzinür.  Unsicher.  Da  die  Mondsichel  durch  Aufnahme 
des  aufsteigenden  Lichtes  allmählich  sich  zum  Vollmond  rundet  (toti  =  osman. 
Jji»?),  wird  die  eingesetzte  Deutung  vorgeschlagen.  Der  Mond  wird  hier 
als   »navis  lucida«   gedacht.     Für  die  ganze  Stelle  vgl.  B.  305 — 307. 

15.  tvlä-  {t(ä)vlä),  kürlä-.  Nach  F.  W.K.Müller  haben  diese  Verba 
in  den  buddhistischen  Texten  etwa  den  Sinn  von  »betrügen«.  In  einem 
anderen  Fragment,  T.  M.  1 80,  stehen  t{ä)v  kür  yüloi  arv'iS  in  einer  Gruppe 
zusammen  als  Dinge,  die  in  einer  »anderen  Welt«  nicht  vorkommen:  der 
Begriff  der  Täuschung  ist  allen  diesen  Ausdrücken  gemein.  Radi  off  über- 
setzt:   »da  wir  uns  soviel  geiler  Lust  und  Gier  hingegeben  haben«. 

16.  ävinng.  Radioffs  Wörterbuch  hat  die  Formen  äbäk  (  ^yyj  'lig) 
»hurtig,  eilig,  flüchtig«  und  ävnk  ( -  "■""[  uig.,  gewiß  moderne  Form  im 
K.  B.  für  äbäk<^),  ferner  ebäk  (koib,  ktsch.)  »leicht,  rasch,  flink«.  Vermutlich 
sind  diese  uigurischen  Wörter  von  Radioff  unrichtig  gelesen  worden;  sie 
müssen  augenscheinlich  durch  »//r(i)«<7«  oder  allenfalls  »ä»(ä)nr/«  umschrieben 
werden,  ävinng  dürfte  demnach  nicht  die  moderne,  sondern  die  ältere  Form 
sein.  Weder  dieses  Wort,  noch  auch  das  folgende,  »orundaq«,  ist  bisher 
in  den  Berliner  Texten  an  wolilerhaltenen  Stellen  gefunden  worden;  ich 
folge  hier  Radioffs  Übersetzung,  die  sinngemäß  sein  dürfte. 

17.  'ilki  öz.  »Nach  dem  Apostel  gäbe  es  einen  doppelten  Menschen, 
den  einen  nenne  er  den  äußeren,  irdischen,  alten,  den  anderen  aber  den 
inneren,  himmlischen  und  neuen.«    B.  S.  271. 


32  A.  VON  Le  Coq: 

i8.  üö  öd.  Es  gab  drei  Klassen  von  Seelen  und  ein  dreifaches  Schick- 
sal der  Seelen.  »Animas  mortuorum  malas  minusve  purgatas  aut  in  re- 
volutiones,  aut  in  graviores  aliquas  poenas,  bonas  autem  in  naves  imponi, 
et  in  coelo  navigantes  transire  hinc  in  illud  phantasma  terrae  luminis,  pro 
qua  pugnando  perierant.«    St.  Augustin  in  B.  S.  317. 

19.  Aus  dieser  Stelle  sowie  aus  dem  Passus  Y.  60b  Z.  48  •»arvy  din- 
tarca  vusanii  olursuqi^  geht  hervor,  daß  wir  es  mit  der  Formel  eines  Sünden- 
bekenntnisses für  die  Laienbrüder  {n{i)goSak,  n{i)yoSak,  Auditores),  nicht  aber 
der  eigentlichen  Manichäer  {dintar,  Electi,  Perfecti)  zu  tun  haben. 

20.  Es  werden  hier  vier  Siegel  erwähnt,  während  die  westländische 
Überlieferung  nur  drei  Signacula  kennt.  Die  Manuskripte  Steins  und  Rad- 
ioffs erwähnen  an  dieser  Stelle  ebenfalls  vier,  im  Endpassus  Z.  320/21  St. 
=  1 50  R.  aber  nur  drei  tamya.  Die  Erklärung  dieses  anscheinenden  Wider- 
spruchs muß  ich  den  in  Religionsgeschichte  bewanderten  Gelehrten  über- 
lassen. 

21.  amranmaq  —  lieben;  amraq  —  geliebter  (adj.),  oftmals  belegt. 
Radioffs  Übersetzung  «Ruhe«  ist  unhaltbar.  Sachlich  bestätigt  wird  die 
Richtigkeit  der  Übersetzung  mit  »Liebe«   durch  den  Passus  bei  K.  S.  226: 

» Sendschreiben  an  Abä  über  die  Liebe  (w>s)l  J)«  insofern,  als  mit  der 

»Liebe«  gewiß  das  erste  Glied  des  Lichtgottes  nach  manichäischen 
Lehren  gemeint  ist,  eine  Lehre,  die  auch  den  mandäischen  Gedanken  ho- 
mogen ist«  sowie  durch  die  Anmerkung  hierzu:  »Auch  die  jungchaldäische 
Theologie  hat  die  Fontana  Trias  von  Glaube,  Wahrheit  und  Liebe  .  .  ., 
also  wie  Mäni  (Fihrist  S.  329)  jlcVl,  »\sjll  und  CJ-l.«  »\sj!|  entspräche  dann 
vielleicht  unserem  » qorqmaq « ;  als  viertes  Glied  tritt  bei  den  Manichäern 
das  »weise  Wissen«  (vielleicht  =  die  Vernunft  oder  aber  die  Religion??) 
hinzu.  Diese  »vier  Siegel«  sind  demnach  auch  in  den  » fünf  geistigen  Glie- 
dern des  Lichtgotts«  mit  einbegrifien;  eine  Identifikation  mit  diesen  will 
aber  nicht  gelingen,  da  es  fünf  Glieder  sein  müssen,  die  als  Liebe,  Glauben, 
Treue,  Edelsinn  und  Weisheit  aufgezählt  werden  (vgl.  F.  S.  86). 

22.  öz  » die  Wesenheit,  derKörper«;  äY'ö^^  wohl  »der  fleisch- 
liche Körper«,  ät'özlüg,  üzütlüg  »körperlich,  seelisch«  kommt  in 
anderen  Texten  als  Gegensatz  vor. 

23.  bafim.  In  den  anderen  Texten  barm  geschrieben.  In  einem  nicht 
publizierten  Text  findet  sich  auch  die  Form  haram. 


CJmastuanift,  ein  Sündenhekenninis  der  manicMischen  Auditores.         3B 

24.  bulup.  Wohl  abzuleiten  von  dem  Stamme  M-  »finden,  erlangen« 
mit  erweitertem  Sinn  und  veränderter  Konstruktion  {-qa).  Im  heutigen  Ost- 
türkisehen ist  ein  Verbum  bulan-  »to  support  oneself,  to  rest  upon«  (Shaw) 
erhalten. 

25.  mungumuz  taq'im^z.  mung  möchte  ich  zusammenstellen  mit  dem 
osm.  ilj)  houng  »sot,  idiot« ;  JITji  boungaq  »vieillard  tombe  en  enfance« 
(Samy);  taq-  mit  dem  osm.  -JLL»  taq-  »fixer,  attacher,  accrocher«    (Samy). 

26.  ]e{ä)rgätimiz.  Radioff  liest  käk{ä)ntimiz  und  übersetzt  »da  wir 
uns  (gegen  sie)  feindlich  gestellt  liabeii«.  Meine  Deutung  »nichtig  sein« 
oder  dgl.,  stützt  sich  auf  die  vorliegende  Stelle  und  auf  das  Hendiadyoin 
äksük  k{ä)rgäk  (D.  178V.,  Rückseite  Z.  3   und  4). 

27.  Die  hier  genannten  Gewalten  sind  identiscli  mit  den  vier  groß- 
herrlichen Wesenheiten,  an  die  zu  glauben  (das  erste?)  Gebot  war,  nämlich 
Gott,  sein  Licht,  seine  Kraft  und  seine  Weisheit,  s.  F.  S.  95. 

28.  Die  Verbalformen  auf  stq,  s'iy  usw.  stehen  hier  nach  den  der  Be- 
deutung nach  augenscheinlich  gleichwertigen  Ausdrücken  törü  bar  ärti  und 
J<{ä)rgäk  ärti  =  es  war  Vorschrift;  (im  Manuskript  Y.  60b  Z.  37  steht  k{a)rgäk 
ärti,  wo  Steins  und  Radioffs  Manuskripte  törü  bar  ärti  haben).  Der  Sinn 
dieser  Formen  ist  etwa  der  eines  Participium  necessitatis.  Adjektivisch  ver- 
wendet werden  diese  Formen  in  D.  178V,  Rückseite  Z.  g  und  11.  —  In 
anderen  Texten  bedeutet  alqan-  augenscheinlich  »angreifen,  bekämpfen«, 
vielleicht  sogar  »vernichten,  auffressen«.  Auf  die  Vieldeutigkeit  mancher 
türkischer  Wörter  sei  andeutimgsweise  hingewiesen :  die  liier  vorkommenden 
Vokabeln  k{ä)rgäk  (vgl.  D.  178  V,  Rückseite  Z.  4)  ög,  is  und  vielleicht  an- 
cola-  sind  andere  Beispiele,  deren  Aufzählung  man  unschwer  erweitern 
könnte. 

29.  ännägürüp;  armip  ärrnägürüp.  Nach  F.M'.K.  Müller  bedeutet  das 
Verbum  ärmägür-  »matt,  lässig,  träge  sein«  oder  »werden«.  Das  Verbum  ar'in- 
hat  dieselbe  Bedeutung;  die  Wurzel  afin-  lebt  augenscheinlich  im  heutigen 
Vulgärdialekt  von  Turfan  noch  im  Verbum  här-  »müde  werden«.  Ich  schreibe 
afiriip,  weil  T.M.i  33  Z.  5  deutlich  «_A«A*«riri  gesclirieben  steht;  die 
anderen  Manuskripte  zeigen  die  Formen  .  n^owj.  OT«4to»  und  Ui4i(4  und 
können  auch,  wenn  man  jene  Schreibung  mit  rtri  nicht  als  maßgebend  be- 
trachten will,  är(i)nip  oder  är(ä)nip  gelesen  werden.    Das  Wort  ciL^jl    »se 

IM.-hüt.  Klasse.    1910.    Anhang.    Äbh.  IV.  5 


34  A.  VON  Le  Coq: 

lasser,  s'affaisser«  findet  sich  bei  Samy.  Schlaffheit  und  Mattigkeit  des 
Handelns  war  ausdrücklich  verboten,  s.  F.  S.  96. 

30.  puäi.  Nach  F.  W.  K.  Müller  ein  chinesisches  Wort  mit  der  ein- 
fachen Bedeutung  »Almosen«.  Da  wir  wissen,  daß  die  Electi  (dintar) 
auf  die  Arbeit  der  Auditores  {n{i)go^ak,  n{i)yoiak)  zur  Beschaffung  ihres 
Lebensunterhalts  angewiesen  waren  (s.  B.  S.  269  und  283),  ist  es  möglich, 
daß  die  hier  erwähnten  puSi  eben  jene  Almosen  sind,  von  denen  die  Electi 
ihr  Leben  fristeten. 

31.  Ob  diese,  von  Radioff  immer  noch  »xros^ar«  und  ^paduayjdr'-  ge- 
nannten Götter  als  eine  oder  mehrere  Persönlichkeiten  zu  denken  sind,  ist 
noch  unentschieden. 

32.  Diese  Stelle  wird  von  Radioff  wie  folgt  übersetzt  (S.  38  Anm.  75): 
»Wörtlich:  wir  Verschiedenes  verschiedenes  tuend  und  schaffend  in  die 
Satzungen  Hereinbringungsgesetz  bestand. «  Zu  dieser  Deutung  ist  er  durch 
Übersehung  der  bei  F.  W.  K.  Müller  längst  belegten  Bedeutung  von  *itip 
yaraVip'^  =  sich  schmückend  (s.  Uigurica  S.  29)  gelangt:  an  Stelle  von 
kigür-  =  hereinbringen  muß,  scheint  es,  k{ä)ygür  (für  kädgür)  gelesen  werden, 
unter  Voraussetzung  des  schon  vollzogenen  Wechsels  von  d  zu  y.  Für  das 
Vorkommen  dieses  Wechsels  bieten  unsere  Texte  Beispiele.  —  Schwer  zu 
erklären  ist  der  sachliche  Verhalt.  Es  handelt  sich  hier  um  die  Darbringung 
der  puSi- Mvaos&n,  die  augenscheinlich  von  den  Auditores  nach  einer  ri- 
tuellen {nomqa)  Einkleidung  vollzogen  wurde.  Das  »zu  uns  gebrachte  Licht  des 
fünffältigen  Gottes,  das  zur  Läuterung  zum  Himmel  aufsteigen  soll«  ist  dann 
vielleicht  das  in  den  j?tii^/-Almosen  enthaltene,  den  Electi  durch  die  Audi- 
tores zur  Läuterung  zu  übermittelnde  Licht:    » auf  der  anderen  Seite 

waren  aber  auch  die  Auditores  selbst  die  Organe,  durch  welche  den  Electi 
das  in  ilmen  sich  konzentrierende  Licht  zuströmte,  nur  kehrte  auch  hier 
wieder  der  Manichäismus  seine  materialistische  Seite  recht  auffallend  her- 
aus. Indem  die  Auditores  die  Frflclite,  die  den  Electi  zur  Nahrung  dienen 
sollten,  pflükten,  und  die  Electi  sie  genossen,  wurden  dadurch  die  in  den- 
selben gebundenen  Lichtteile  frei,  die  nach  der  Wanderung  durch  verschie- 
dene Körper  nun  endlich  zur  Rückkehr  in  das  Lichtreich  reifen  Menschen- 
seelen. Von  den  Electi  aus  komiten  sie,  da  sich  diese  der  fleischlichen  Ver- 
mischung, wodurch  die  Seelen  immer  aufs  neue  mit  den  Banden  der  Materie 
umschlungen  werden,  völlig  enthielten,  ihren  Weg  nur  nach  oben  nehmen« 
(B.  S.  286).     Andererseits  liegt,  da  ja  in  diesen  Schriften  nichts  wörtlich  zu 


Chuastuaniftj  ein  Sündenhekenntnh  der  maniehäischen  Avditores.         35 

nehmen  ist,  die  Vermutung  nahe,  daß  die  Worte  i>  t{ä)ngrigärü  hardaci  ho- 
suntaci  biS  t{a)ngri y{a)ruqin  bizingärü  kälnrdi  ärsär»  so  zu  deuten  sind:  »wenn 
die  Lielitstoffe  bis  in  unsere  (der  Auditores)  Körper  gelangt  sind,  müssen  wir, 
wenn  der  Tod  sich  nahet,  die  beste  und  zierlichste  Kleidung  zurechtlegen. « 
Die  einzige  Erwähnung  von  Kleidern  findet  sich  in  diesem  Zusammenhang 
mit  der  bevorstehenden  Auflösung  F.  S.  339. 

33.  badimiz.  Eine  große  Menge  von  Licht  war  in  reinen  Früchten  und 
Getreiden  enthalten,  und  die  Befreiung  dieser  Liclitteile  vollzog  sicli  mittels 
des  Genusses  dieser  Lebensmittel  durch  die  P^lecti  (B.  S.  283,  K.  S.  219). 
Das  Anliäufen  derartiger  Getreide  usw.  in  Vorratskammern  (statt  der  Weiter- 
gabe an  die  Electi)  mag  hier  gemeint  sein. 

34.  Es  ergibt  sich  von  selbst,  daß  durch  die  Verschenkung  solcher 
Lebensmittel  an  Menschen,  die  keine  Electi  waren,  oder  an  unreine  Ge- 
schöpfe, die  in  diesen  Speisen  enthaltenen  Lichtteile  genötigt  wurden,  neue 
Verbindungen  mit  der  Finsternis  einzugehen.  Augustin,  De  mor.  Manich. 
c.  25  (B.  S.  286,  Anm.),  sagt  »animalia  cibum  capiunt,  quae  si  concumbunt, 
ligant  in  carne  divinum  illud  membrum,  et  a  certo  suo  itinere  aversum 
atque  impeditum  erroribus  aerumnis<[ue  implicant«.  Diese  Anscliauung  er- 
klärt den  Vorwurf  unmenschlicher  Härte,  der  den  Manichäern  seitens  der 
Christen  gemacht  wurde  (s.  K.,  Abscliwörungsformel  S.  363).  —  linl(i)y  tu- 
ral(t)y  scheint  »l)elebt  und  sicIi  bewegend«  zu  ])edeuten  —  wenigstens 
schreibt  Baur,  S.  312  nacli  Turbo:  »An  dem  Wesen  des  guten  Vaters  hat 
jede  Seele  und  jedes  sicIi   bewegende  lebende  Wesen  teil.« 

35.  anöolasiq.  andola,  aniolayu  hat,  wie  durch  viele  Stellen  (wie  z.  B. 
den  Beinamen  des  Buddha  tathägata  =  andolayu  kälmii)  belegt,  den  Sinn  von 
»so«  oder  »so  handelnd«.  Bei  F.W.  K.  Müller,  Uigurica  S.  30  findet  sicli 
aber  der  Passus  »OTtr  ayamaqin  tap'inzun  anöolazun,  und  da  diese  Ver- 
bindung ganz  den  Eindruck  eines  Hendiadyoin  maclit,  möchte  icli  liier  die 
vorgeschlagene  Übersetzung  einsetzen  und  ebenso  die  Stelle  Z.  49  »a?/y 
/>oJa7  ha6ap  t(ä)ngrikä  ancolas'iq  k(ä)rgäk  ärti«'  mit  »reine  Fasten  tastend  Gott 
(so)  Verehrung  zu  bezeigen  war  Vorschrift«   übersetzen. 

36.  t'iUanip.  »Der  eigentliche  manicliäische  Unterschied  aber  zwischen 
den  Electi  und  Auditores  bestand  darin,  daß,  während  jene  sich  weit 
über  die  gewöliidiclie  Sphäre  des  Lebens  erlioben,  diese  derselben  so  naJic 
als  möglich  blieben.«    B.  265. 


36  A.vonLkCoq: 

37.  .^ri^t^N^,  .^ri^wi^  zaidan,  caidan  nach  F.W.  K.  Müller  wahr- 
scheinlich ein  aus  dem  Cliinesischen  übernommener  Ausdruck  fiir  »Tempel, 
Gebethalle«.  Wir  werden  die  von  B.  S.  351  vertretene  Ansicht ,  daß  die 
Maiiichäer  keine  Tempel  oder  Gebethallen  gekannt  hätten,  verwerfen  müssen, 
wenigstens  für  die  Gemeinden  in  Turkistan.  Unsere  Funde  von  Votivfahnen 
und  religiösen  Darstellungen  auf  den  Wänden  von  Gebäuden  im  Gebiet  von 
Turfan  sind  mir  ein  anderer  Beweis  für  die  Existenz  von  Gotteshäusern 
bei  unseren  Manicliäern. 

38.  yimki,  yim(ä?)ki.  Das  Wort  ist  bis  jetzt  rätselhaft  geblieben:  viel- 
leiclit  ist  es  ebenfalls  ein   Lehnwort. 

39.  c(a)%.^ap{a)iay.  Akkusativ  auf  »07«,  der  in  den  vorliegenden  Texten 
noch  in  antyay  und  in  den  auch  in  Radioffs  Rolle  Z.  36  und  65  vor- 
kommenden Wörtern  tinl{i)yay,  tural{t)yay  erscheint. 

40.  pacay  hier  filr  baday. 

41.  krmSuan,  krmiuhn(?).  Ein  mir  unbekanntes,  vielleicht  dem  Sans- 
krit entlehntes  Wort. 

42.  ötägöL  Das  Manuskript  T.  II  Di73d,  Rückseite,  Z.  8  hat  die 
Kombination  ötäg  ämgäk,  die  ein  Hendiadyoin  zu  sein  scheint.  Ich  schlage 
deshalb  für  ötägci  die  Ül)ersetzung   »Peiniger«   vor. 

43.  bifimc'i.  Der  Stamm  Irir-^  düi'fte  dem  Osmanischen  ^^  entsprechen. 
Samy  führt  folgende  Formen  auf:  myr  ^  partic,  imite  un  bruit  tres-leger 
fait  ;i  voix  bassc  comme  celui  d'un  chat;  myryldamaq  ^\j^^  murin urer,  bal- 
butier;  myryldanmaq  ^\j^^  fig.  manifester  du  mecontentement:  myrylty 
(S^^   murmure,  balbutiation ;   fig.  mecontentement. 

44.  ürkä.  Vielleicht  Dativ  eines  Wortes  »?//•«  =  lange  (vgl.  Radioffs 
Chuastuanit,  S.  42,  Anm.  102). 


'  Einem  Hinweise  Vilhelm  Thomsens  folgend,  möchte  ich  nunmehr  glauben,  daß 
dieser  Stamm  »vielmehr  mit  ^^J  iyrtyq  oder pyrtt/q,  zerrissen  (vgl.  Foy,  Studien  zur  osman. 
Syntax ;  Das  Hendiadyoin,  Mitt.  d.  Sem.  f.  Orient.  Sprachen  1899,  .S.  134)  usw.  zusammenzustellen 
ist«,  b'irim  dürfte  dann  mit  osm.  ^jy  bourym,  Torsion  (Samy)  zusammenhängen:  liirimSi 
also  T=  Uirmentor,  Quäler,  was  einzusetzen  ist. 


Chuastuanift,  ein  Silndenbekenntnis  der  mankhäischen  Auditores.         37 

Anmerkniigen  zu  T.  11  Y.  59. 

1.  äv  barq  oyrinta  augenscheinlich  =  äv  barg  tutduq  i'tMn. 

2.  ttvar.  Die  meisten  Texte  liaben  tvar-,  vermutlich  darf  man  auch 
»ß«   statt  des   »i«   einsetzen. 

3.  Mantl.  Der  genaue  Sinn  dieses  augensclieinlich  einer  anderen 
Sprache  entlehnten  Wortes  ist  mir  unbekannt. 

4.  >^>cl  eprouver  de  l'appetit  ou  de  l'envie  (osmanisch,  Samy).  Die 
»leichte«   Form  ist  also  im  Osmanischen  nocli  erlialten. 

5.  ad(i)nar/u,  adinayu  =  alius  (vielfach  belegt).  Diese  Stelle  dürfte  be- 
weisen, daß  dies  Fragment  manicliniscli  ist. 

6.  ong  =  jt^l- 

7.  quriyl(t)y  ävinlig.  Beide  Epitheta  sind  in  der  Deutung  unsicher.  Die 
eingesetzte  Übersetzung  wird  vorgesclilagen,  da  die  Manichäer  sich  für  be- 
rechtigt hielten,  »sich  vorzugsweise  als  die  Hungernden  und  Dürstenden  des 
Evangeliums  zu  betrachten  und  die  sie  charakterisierende  Blässe  des  (le- 
sichts  (wegen  welcher  sie  von  Augustin,  De  util.  cred.  c.  18  ,exsangues 
corporibus,  sed  crassi  mentibus'  genannt  werden)  als  das  echte  Kri- 
terium eines  Bekenners  des  Evangeliums  zur  Schau  zu  tragen«   (B.,  S.  251). 

8.  Diese  Stelle  weist  auf  eine  ungeahnte  Enge  der  Beziehungen 
zwischen  Buddhismus  und  Manichäismus  hin. 

9.  Die  Aufzählung  der  Versündigunjjren  nennt  zuerst  die  Manichäer  (als 
die  höchststehenden  Wesen),  dann  folgen  die  Buddhisten,  endlich  die  Tier- 
welt. Es  erscheint  mir  unrichtig,  die  drei  Dative  yäkkä,  ixikäkkö  und  y'ilqiqa  als 
koordinierte  Glieder  (»gegen  den  Dämon,  gegen  den  Preta,  gegen  die  Tiere«) 
zu  betrachten,  und  trotz  mancherlei  Bedenken  ist  die  vorgeschlagene  Deutung 
»Sünde  gegen  die  Tiere  zum  Vorteil  des  Dämouentums«  eingesetzt  worden. 

10.  isidip,  ökiis  scheint  hier  statt  i^idip,  öküS  zu  lesen  zu  sein. 

11.  saqinmnyu.  Wir  selien  hier  die  -7M-Form  auftreten,  wo  der 
Chuastuanift-Text  die  auf  -x'tq  zeigen   würde. 

12.  Dieser  Text  macht  keinerlei  graphische  Unterscliiede  zwischen  %,  7 
und  q;  die  aus  unseren  anderen  Texten  belegten  Formen  sind  daher  ein- 
gesetzt worden,  wo  der  Text  die  Formen  say'ind,  ytly'i,  yazyan  usw.  zeigt. 


38 


A.  VON  Le  Coq  ; 


Wörterliste  zu  »Chuastuanift«. 

(Die  den  Manuskripten  in  nianicliäischer  Schrift  entnommenen  Wörter  sind  in  gewöhnlicher 
Kursiv,   die  den   in   uigurischen  Lettern  geschriebenen   Manuskripten   entnommenen  Wörter 

sind  in  gesperrter  Kursiv  gedruckt.) 


atr'il,  -t'i  9* 
aVir,  -yal'i  13" 

2.  adai  17^^  (adas  gu- 
daä) 

3.  adaq  26* 

4.  adruq  adruq  19^ 
5-  adr'il-,  -yai  1(1^^ 

6.  ar%on  16^'^ 

7.  ar-iy  19"^,  20''\  20*\ 
21'° 

8.  afin-,  ._-AA4.««riri 
artnip  (0.  ürmäyürüp 
2  1^  21"),  ar{'i)7iip 
(oder  är{i)nip)  20, 
Anm. 

9.  azyur-,  -duq  9' 

.0.  azo  18^-,  19*\  20"^, 
20' 

11.  aSa-,  -duq  24' 

12.  -ay;  antyay  1  i"*,  t'in- 
lyay  turalyay  15', 
c{uy/ßap{ä)tay  22' 

13-  ay'it,  -imiz  17^"  (fiir 

ay'itd'im'iz) 
14.  «7«^  (ayz'in)  17^ 
15-  al-,  -tp  17''^^ 


I  .6. 


>7- 
i8. 

19- 
20. 

21. 


23- 


24- 

25- 

26. 

27. 

28. 
29. 

30- 


alqan-,      -ur     18^, 
-mad'im'iz  18^,  -s'iy 

alqU  18'",  W 

am  t'i  20,  Aum. 

anta-,  -da  16" 

anta-dda-ta  9'' 

ancola-,    -s'iq   19^~, 

20'' 

aniy  s.  a- 

'at-/%fcrl  12*,  i2'°,  22' 
lai  %riri  13* 
;a/>i*  16'\'17",18''-' 

adunösuz  11" 

otr/Mg'  (y?<2^  grtuq'i  q'trq 

9") 

griy  io"°,  12*,  25'-' 

rtw/i-  ii"%   :r()^  i7^\ 

18'',  W,  19*",  23^ 

amranmaq  17^''' 

gnty  8\  g\  i  iS  19**, 

24" 

gvutsuz  (Sc'hreil)- 

fehler?)  25^ 


3«- 

ät'öz 

17- 

u 

32- 

ädgü 

iiS 

12* 

33- 

ädgü 

-ti 

18'' 

21 


22»,  23- 


34-  ar- 


■ti   17'*,    18 


}31 


35- 

36. 

37- 

38. 
39- 
40. 

41- 

42. 
43- 


-tniS  16",    -sär   10", 

10',    11'  usw.,   -kän 

IG',  18"" 

ärk,  -lig  21',  21",  -siz 

21',  21" 

ärmägür-,     -üp     2 1 ', 

2  I "  (afinip  ä.) ;  qorq- 

mafin  ä.  18'^ 

äzrua  16'\  17^^',  18'" 

{t(ä)ngrikän  io'°) 

äSidip  26^ 
\äksük  23^ 
(ägsük,  -lüg  25' 

ägsü-,   -tümüz  18'' 

(ägsütümüz     k{ä)r- 

gätimiz) 

älig  17'^  (älgin  sunup 

26') 

älig  20*^  {älig  kiin) 

ämgät-ir  24%  26' 


Chuastuanift,  ein  Sündenhekenntnis  der  manicMischen  Auditores.         39 


44.  äv(ä.harq  19*^,20*', 

20") 

45-  ävmng  13' 


46.  udun-,  -tumuz   Ki^ 

(«.  tapint'im'iz) 

47-  orddu  I  2* 

48.  orun  (orn'inia)  17^ 

49-  oruncaq  13* 

50.  uri  14' 

51-  «5««   (m.  tonluy)    14'^ 

52.  ovÄin  8* 

S3     Ol   8\    11%     II*,     II', 

I2'° 
54.    Olur-,      -Up     21*,     2  2\ 

-M    22',    23",    -uyrna 
12%  -««5^  2Ö^ 
55-  «/u7  1 1  "*,  yäklär  uluy- 
larg'" 

56.  «-,  madimiz  22'°,  23", 
(äiVm  «.  lU^-',  oluru 
u.   22') 

57.  on  15%  y?^,  /<!^-% 
26" 

58.  onunö  18^ 

59.  «nö-,  -u  9^ 

60.  00/  26" 

61.  ovutsuz  9",  20%  24' 

62.  ötö^(7  25'  (ö.  Ififimti) 

63.  ö7rö  :/6"%  /6"2 

64.  ötüg  18^ 

65.  ö/jm-,  -?7r  12%  15'", 
W,  17'\  W,  18'% 
20'%  21%  2i-%  2  3^ 
-mäk  22* 


66, 
67, 
68. 

69 
70. 
71. 
72. 
73' 

74- 

75- 
76. 

77. 
78. 

79. 


80, 
81. 

82. 
83 


üö  16\  17'%  17''  9.. 

ÜGÜnö  17"  92. 

Ü6ün  10%  VJ^%  20^%      93. 
20%  20%  24*,  25'         ' 
arii  üöün  25'  94. 

öd  16^  [üdki)  95. 

ödün  8' 

ür  26'  96. 

0^14'%  I4%?7^%  24% 
24*  (ilki  öz  14") 
iiz  {nz  boz  qtl-)  14* 
üzüt  8%  10%  12%  24* 
üzük-süz  26' 
ökü^  14' 

( ögün-,  -ür  i  2 ' 
ög  {ög  saqi>iö  9*) ;  bilig-      97. 
st2  ö(/SM2^  10',  ö.  kiin- 
gülsiiz  9' 

öl  {qurwy  öl)  26'  98. 

ölür-,  -ür  11%  -s«>- 10% 
-m;)  15'  99- 

öngrä  16'' 
öngü  (ö.  qapty'i  i  2') 


84.  id-,  -t'im'iz  li)"'  100. 

85.  -iyl't-,  \yara\tYi\yli  i  i'' :  101. 
(/uvrat'iyl'i  19^'*  102. 

86.  i'nan<i7ni\^  ^6"^''  («.  /«-  103. 
i/ant'imtz) 

87-  it-,  -ip  19"' {itip  ij(j-  104. 

88.  idkäk  15'  (yäk  i.)  105. 

89.  i.*  /Mi  17-' 

90.  iÄ  (/.  Arörf/'^^r  2 1 ") 


»Art  76%  20"' 
ikinti  17""' 
igid  15' 

ha-,  -d'im'iz  19"' 
bar  16%   18'',  19", 
20*' 

bar-,  -ir  25%  -madi- 
miz 21'%  -sar  12', 
-dad-i19''%  19'';  ba- 
ru :  antadda-ta  fxtru 
g*,  suida  b.  11^,  15'% 
biltükümüzdä  b. 
16^,  tutduyumuz- 
da  h.  17",  köngi'dtä 
b.  22%  23' 
barq  19",  20'',  20' 
{äv  barq) 
barm,  har{a)m  20% 

(y'ilqi  f>.) 
[barirn  18^^,  \20''\ 
baday    20'%     [21M, 
21*,  22%    bacaq  20, 
Anm. ;  baca-,  -p  20"', 
22^,     -madimiz    21% 
-madumuz  20,  Anm. 
ba§H;i)y2,^)hal(i)y,baS- 
bal{t)y  8'  i    lCi)y 
biiii'%14'%15%17" 
bur/jini2%15',16", 
17'%  W'",  22^ 
boz  \/^   {üz   boz  (fil- 
maq);bozul-,  -Vi  17"' 
boäu-,  -yu  15'°,  2  i'% 
22%    23%    {-yu  qol-, 
öiün-);  -yalt  13";  bo- 


40 


A.  VON  Le  Coq: 


107. 

108. 
109. 
HO. 
II I. 


Sun-,  -u  {-u  ötün-)  12', 
/6'^  17'',  IS"",  i8''\ 

W,    2l\    2  1'=,   2  3S 

25',  -yafö  2i'^  -tac'i 
W>,  19*' 
106.  hol-,  -t'ig'°,  23'',  -/m- 
muz  17'^,-yail6'\ 
16'^,  -up  14%  -tuq- 
umuz  10^ 

20' 

bifimci  25'  {ötägci  h.) 
h{ä)ri§ti  19"^ 
hölilg  25" 

&«r  :?7^  772-',  y«-"', 

W^,   20*',   2  2-,    2  2S 
22' 

112.  bir-,  -dimiz  19*^, 
-gäli  19",    -ü  19*^ 

113.  hirlä  8" 

1.4.  bizS\i5",19*"usw., 
hizingärü  19^ 

115.  biSS',  17'',  19'' usw. 

116.  6j7-,  -timiz  16' ,  16^, 
16",  16",  16'\  -ip 
77^,  -mätin  11«, 
:/7^;  -tükümüz  16"; 
hilgä  17^^,  bilig  9', 
17'\  17"^;  bir  Uligin 

is''^,  2  2^  23',  //%- 

«?0  [b.  ögsüz  10^) 

117-  pacaj  23" 

118.  p{a)dva%t{a)g  19^'^ 

..9.  /JM«^•  7.9''",  7.9«    7^^^ 


123 


124 


126 


127 


120.  tapln-,  -maz  14' 

121.  tap'in-,  -t'im'iz  16^, 
16*  (t.  uduniumuz) 

.22.  taq  18^,    20"",    20' 
[mungumuz     taq'i- 
m'iz;  t{a)qumuz  20, 
Anm.) 
[tamyal7'',17",I7", 

17"*,17^,{törtt./7''} 
tamyala-,     -dimiz 

17'" 

tamu  16^ 

tayan-,  -timiz  17'" 
{inantimiz  t.) 
totunösuz  24'*,  totunc- 
suz  9" 

tut-  17^,  22',  -ma- 
dimiz  18'\  -u  22', 
-duqiy)  17^,  20"^. 
20*,  tutun-,  -Vi  18^ 
tural{i)y  15',  \g*\, 
26'°  {ttnl{i)y  tu- 
ral(i)y) 

tuS  (iS  tuS)  17^ 
tuy-,  -mii  9'  (/.  qiltn- 
m'iä  9") 

toquzunc  17^' 
toli  13" 
tonluy  14'' 
tidin-, -ii  18^  {t.tu- 
tunti) 

tiltan-,  -ip  21'^ 
tinli^ijy  1 4=  {ttnl(i)y  tu  ■ 
raHi)y  15 ',19**,  26'^) 
tag  13"   {i(k/-dä   toli 
tägzinür) 


128, 


129 


■31 
132 

'33 

134 

135 
■36 

137 


138.  tag-,  -mädi  18^,  -ip 
18^,  20"^,  20';  täg- 
zin-,  -ür  13" 

139-  t{ä)ngri  8%  9',  g\ 
10',  II^  II*,  11', 
ii\  II',  II",  12', 
I5^  15',  16' ,  16*, 
16",  16',  16'',  17", 
17'",  17"",  17",  17"*, 
W,  18'',  18'*,  18'', 
W,  19*",  19*",  20*^, 

2I^  21'°,  21'*,  22% 
22*,     23',     25',     25'; 

-li,  t{ä)ngrUi  Smnu- 
li  i\\  t.  yäkli  8*, 
10",  16^;  t(ä)ngri- 
kän  io'°;  ar%on  yir 
t.l6",äzruat.l6", 
17'",  18^,  ait.  2\\ 
biä  t.  8',  8\  12'°,  17", 
19",  19'',  19*',  2  4% 
26^, %ro§tag  p{a)d- 
wa%t(n)g  t.  19^, 
^/ßrmuzta  t.  8', 8',  1 1*, 
küclüg  t.  16'*,  W", 
kün  ai  /.  12%  12'°,  13', 
16",  17",  W,  yir 
t.  16',  16" 

140.  i{ä)ngri  yiri  9^,  i  2', 
16' 

141-  t{ä)vlä-,  -ddimiz  13*, 
(/.  kürlädimiz) 

.42.  tört  17",  17",  7<9-" 

143-  törtünc',  17'^ 

144.  türlüg  8%  15%  17'", 
19'",  19*",  26»,  26- 


Chuashmnift,  ein  Simlenbekenntnvi  der  manichäischen  Auditores.         41 


MS- 


146. 

•47. 

148. 

149- 

150. 

'5>- 


>52- 

'53- 

'54- 
'55- 

156. 


törü,-eä2i\2i",(t.     163.  dintar  20^,  21 
bar  ärti  W,   19"",  \ 

töz  {t.  yUiiz  10',  10' 

12')  ! 

tök-,   -dümüz  19^ 


'  164.  raim{a)st       f{ä)rzind 

i  II".  23%  25' 


«57- 
158- 
"59- 

160. 
161. 
163. 


tökä-,-di2  2\-ti17^\ 

tümän  9" 
tünärig  76'* 
•ti  (-di  22'),   tökäti 
W,     ädgüti   18'', 
21',  22« 

ti-,  -dimiz  11*,  11*, 
-ddimiz  1 1 ',  -pän  15 ', 
U\  16\  IS",  16" 
Hrgiid-,  -«r  (?)  io% 
-sär  10' 
timä-gii-li  i  2* 
Hl  («/?)  26' 

-6a,     dintar-   20^- 
nomöa     törüöä    2 1 ', 
23",  näöä  (s.d.),  säv- 
dilginöä   24',     sävi- 
ginöä  17^ 
ö{a)xiap{a)t    17^. 
18",  22',  22',  26" 
öaidan  22'°,     iaidan 
22' 
&ulvu  (6.  sac  1 1 '") 


165.  zaidfin  22' 

166.  saö-,  -fimiz  19^ 

167.  saq'in-,  -urtfiz  24*;  sa- 
qin6g\  18'\  23' 

168.  sayu  2  i'°,  23^ 

169.  sm  1 1'°,  77^ 

170.  Äog'  (s«5')  9",  20^  24^ 

25' 
171-  *M»(?),  y/r  s.  12' 
I72.  sun-,  -up  26*^ 

173-  ««*'  1 1^  1  s'^  {s.  yazu(j 
21",  s.  yäklüg  8') 

174-  si-;  -dim'iz  18^^,  21". 
-dumuz  20,  Anm. 

alqan-s'iy  18'\  an- 
öolastq  19",  20-". 
olursuq  20'^,  sözlä- 


181.  söngüs-,  -di  8',  -wu'i 
16 '\  -üp  8«,  -Mj  8^ 

182.  imnu  <f,  -ti  1 1' 
183.'  Smnuluy  8* 

184.  "it-,  -dd'i  9' 

185.  'iyar  26" 

186.  'wJrö  I  2' 

187.  'icili  1 1' 

188.  'irünöÜ24', -lilg  24'°, 

24" 

189.  'i^  14',  24" 

190.  'ülä-,  -yür  24",  -di- 
miz  14'°,  -mäsig  24" 

191-  '2^212'',   'ikinti  12^ 

192-  igdä-,  -yü  1 1** 

193-  '</^i  14". 

194-  'm/<  8^ 

195-  'inili  'icili  11' 


196.  f{ä)rzind     12' 
(rajwzfajs//.) 


23' 


w?ä*2^  24',    'iälämäsii/    197-  qat'il-,     -m'iä    16^", 

-ip  9',  -rfj"  8' 
198.  q(ä)ra  13--,    -Ä  :?6'^'', 
/6"2;    qarali  8*,  10" 
.99.  (/(a)m  16'",  16 '^ 
200.  qam(a)y  8',  9'°,  10', 
12',  qamay  17^' 


%roitag  19"^" 
yjuastuanift  25" 
yßrmuzta  8",  8',  11* 


24",     k{ä)ygürsü(j 
19*' 
176.  säkizinö  16' 
isäV',  -dügüncä  24' 

'77- <      ....       ...     .-24 

\saviginca  17 
178.  sö^  24'°,  26^ 
179-  sözlä-,  -yür  24'",  -<//- 


20[.  qamSa-, -timizU^" 

miz  I  i'°,  -p  26*,  -?rtä-    202.  qop  1 1',  25^ 

siy  24^  ,  203.  yji^    16^    (q.  qol-); 

180.  siizinlüij  8'  j  qutluy  12^ 


42 


A.  VON  Le  Coq: 


204. 
205. 

206. 
207. 

208. 
209. 
210. 
211. 
212. 


213. 


214. 
215- 

216. 
217. 
218. 

219. 
220. 

221. 
222. 

223. 


qudai  17^^  {adaS  q.) 
qorq-  17^',   -mat'in 
:t8";  qorqunösuz  20^ 
quruy  26' 
qol-    21",     -madimiz 

2  3^  -u  n\  25'" 

qulqaq  26^ 
quvrat'i'ili  J9^ 
qirq  9" 

q'izyan-,  -'ip  19^ 
qil-,  -Virriiz  15';  qiUn- 
mü<f;  qil'indc)^,  24", 
26*,  qilin('J(t)y  8%  g\ 
12',  19^ 

k{ä)rgäh  17^,  J9'\ 
20^,  20*,  21",  22', 
22*;     k{ä)r(jätimiz 
18^^  {ägsütümüz  k.) ; 
ägsük  k.  23^ 
k{a)rm{a)Suhn  (?)    25' 
k{ä)l-,-tiS\9';k{ä)l- 
ilr-di  79"' 
k(ä)ntü  g\  24',  24^ 
k{ä)ygür-,  -sügl9^ 
ködüg    21'^     [iS    kö- 
düg) 

kör-,  -ilp  17^\  26^ 
kürlä-,      -dimiz     1 3^ 
{tYä\vläddimiz  k.) 
köz  26* 

kün  20^,  21'°,  2  3^ 
24^ 

köngül  17 '\  17 '\ 
17^\  17^\  18'\  18'\ 
2oS    2  2%    23%    -mz 


224. 


225. 


226. 
227. 

228. 


229. 


230. 

i 
I 
231- 

232. 

233- 
234- 
235. 


236. 

237- 


kirtü  16";  kirtkün- 

17'" 

kisrä   16'^     {anta- 

da  k.) 

kiSiis',  19^ 

kirn  16" 

-gärü,       t(ä)ngrigärü 

18'\      W,      W, 

t{ä)ngri  yiringärü  i  2', 

yirgärü    19^,    24% 

bizingärü  19^"* 

m{a)nastar  hirza  1 2', 
15",  16\  17^',  18''\ 

W,  20*',2l\2l'\ 

23*,  25"°;  manaastar 

20,  Anm. 

muniay  11';  munday 

11" 

munca  14* 

mung  19^'    {mung 

tag  18^",  20"",  20') 

m(ä?)ni  i",  12',  12% 

23%  23%  25' 

mängigü  9%  11' 


238. 


239- 


240. 


241 


242, 


243- 


244. 


245- 


246. 


nom  1 2*,    75%    16",    247. 
16',  19'\  19*",  19'\  :  248. 

2I%2I'°,   23"  I 

n(i)yoSak  17''  \  249 

nä  16',   16'',    nädä  \ 
16'",  16'^,  nä  yirdä    250. 
W,  nädä  13%   13%, 
i4'%  14%  14%   18'\ 

23%  23%  24%  24"     : 


vusanti,       vosanti 
20*" 

yarat-,  -miS  1 1%  16", 

-ip  19*^,  [-iy/iii'] 

y{a)ruq  9%  io%  io'% 

12%  12%  13'%    16\ 

17",  19"^,  W,  19"^, 

19*",  24%  26» 

y{a)ruqti    8%      io'% 

16'\  W 

yazin-,     -dimiz    1 4', 

-tim{^i)z     io'%     ii'% 

-ip  16*  (yazin-  yan- 

giU) 

yazuq  11",  12%  15% 

772%  18"^,  18'',  W, 

21%  21'%  21'%  21'% 

23%    23%    25%  -luy 

25%  26" 

yangil-,    -timiz   io'% 

14^  {yazin-  y.) 

y(a)vlaq  17^,  19**, 

19*',  23%  24^ 

yori-,    -p  17"*,    26% 

-tuq  24* 

yoq  16",  16"' 

yil  20*'  {bir  yilqi  2  2% 

23') 

yilqi  20^,  20'  {yilqi 
barim  18^,  20') 
yäk  8%  9"  9",  9". 
9%  :/6'%2o%24%2  5% 
-li  8%  io'%  16\  -lüg 
8%  -lärlüg  8%  yäk 
iökäk  15' 


Chuastuaniftj  ein  Sündenhekenntnis  der  manichäiscJien  Auditores.         43 
251.  yilz  {yüz  grtuqi  qirq    255.  yir  16\   76"*    18^,    258.  ymä  9'°,    12^,    14", 


9") 

252.  yükün-,  -tümüz  15^, 

253.  yi-ddimiz  13' 


26^  {tänyriy.g^,  12', 
i6\    tamu   y.  16^), 
-gärn24.^;y.{suv?)i2'' 
256.  yig{i)rmin61Si^,2(y*^ 


254.  yiti  19"",   -19'\  22%    257.  yiltiz  16\  16'  {tözy. 


yäinö  15" 


io'°,  10',  12') 


i5'\  15',  15',  16\ 
16",  18'\  IS"",  19'', 
19'',  20^,  20',  2oS 

,  20S     2I^     21",     2  2% 
24%   26^ 

259-  yimki  22',   22',  23" 


WörterUste  zu  T.  ü  Y.  59. 

1.  ad{i}nayu  27'  16.  Wg'  27"  j  33 

2.  artat-,  artatdtm  28"       17.  borluy  27-  :  34 

3.  020  27',  27'°                   18.  boä  27*  '  3S 
4-  al-  (alt'im'iz)  27'  [27^]    19.  bol-,    -alim  27*,    -^^m«    36 

I  20.  bädük  27'' 

;  21.  6äÄ:?,  bäg'i  27* 

22.  Mm-,  -wr  27* 


s-  gmranmaq  27 


6.  äv  27'   (Heiidiadyoin 

7.  ävinlig  27' 


8.  idMÄ:  28" 

9-  irin&ü  27* 

10.  isirf-,  -jjp  28'^ 

II-  w^'M»  tonluy  27' 

12.  07«r  27',  27' 

13-  ong  27' 

14.  ovutsuz  27' 

15-  öA?/s  28'^ 


23.  todunösuz  27' 

24.  tur-yur-,  -dum  28'* 
25-  ft'par  27^ 

26.  för/w^  28'* 

27-  töntö  (/.  küntüz)  28'^ 

28.  sag'inJ  28'^;  saqin-ma- 
yu  28'';    saqinip  28'' 


37- 
38. 
39- 
40. 

41- 


quriyl(t)y  27' 
5»«/  27' 
qulqaq  28'^ 
^om  27^ 

Är^ött^j  27* 

kör-,  -üp  28" 

Aö2  28'' 

kirnt  Hz  {tünlä  k.)  28'' 

kilny     27'      (Hendia- 

dyoin  Mn^r  qul) 


42.  r(a)rx,«r  27'° 


43- 


44- 


29.  Sakimun  bur%an  27' 

30.  qazyanc  27' 
31-  qazyunö  27^ 
32.  ^'a^ö/  27^ 


45- 

j  46. 

;  47- 

48. 


yaz-;  yaz-a  28"  (Hen- 

diadyoin  yaz-  yamßl-), 

yazt'im  27' 

yany'il-,    -Viru  27',    -m 

28" 

yangluy  2  8'''  (y.  saqinc) 

y'ilq'i  28" 

j/öÄr  28" 

?/w-  27'° 


Ä'.  Preu/3.  Akad.  d.  Wisxensch. 

T.  II  D.  178  IV.   Rückseite. 


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Anhany  z.  d.  Phd.-hist.  Ab/t.    /!)/(). 
T.  II  D.  178  IV.   Vorderseite. 


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T.  II  D.  178  m.   Rückseite. 


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T.  HD.  178  III.   Vorderseite. 


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«UK^N^4iAi>««iii.  .a^tnav  «.•äSk't^h  *^«4 


A.  vonLeCoq:  Chuastuanift,  ein  Sündenbekenntnis  der  maniehäischen  Auditores. 

Taf.  I. 


Preuß.  Akad.  d.  Wissensch. 

T.  II  D.  178  V.  Rückseite. 


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97SSt  «»%«•«    nfM*      WSSft.«» 


Ankang  :.  d.  Phil.-Imt.  Abh.    1910. 
T.  II  D.  178  V.  Vorderseite. 


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T.II  D.  178  VI.  Rückseite. 


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T.  II  D.  178  VI.  Vorderseite. 


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A.  von  Le  Coq:  Chuastuanift,  ein  Sündenbekenntnis  der  raaniehäisehen  Auditores. 

Taf.  II. 


¥ 


W  Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung. 


Von 

Prof.  PAUL  M.  MEYER 

in   Berlin. 


Phil.-hitt.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  V. 


Vorgelegt  von  Hrn.  Harnack  in  der  Gesamtsitzung  am  24.  November  1910. 
Zum  Druck  eingereicht  am  gleichen  Tage,  ausgegeben  am  30.  Dezember  1910. 


► 


r 


öeit  Fr.  Krebs  in  den  Sitzungsberichten  der  Akademie  (1893,  1007 ff.) 
den  ersten  Libellus  aus  der  decianischen  CIhristenverfolgung  veröffentlicht  hat, 
sind  im  Laufe  der  Jahre  vier  weitere  hinzugekommen.  Von  diesen  bisher  be- 
kannten Urkunden  stammen  vier  aus  dem  Faijum,  und  zwar  aus  der  Metropole 
Arsinoe  (P.  Alexandr.  =  Nr.  23)  und  den  Dörfern  ÄAeiÄNAPOv  Nhcoc  (BGU. 
287  =  Nr.  21),  0eAA^A*eiA  (?.  Wessely  ==  Nr.  11),  0iAAA^A4.eiA  (P.  Rainer  = 
Nr.  22),  eine  aus  Oxyrhynchos  (P.  Oxy.  IV  658  =  Nr.  24)'. 

Jetzt  hat  uns  ein  glücklicher  Ankauf  der  Hamburger  Stadtbiblio- 
thek 19  vollständige  oder  in  Fragmenten  erhaltene  Libelli  aus  dem  Dorfe 
GcAA^AoeiA  im  Faijum  beschert,  die  ich  mit  freundlicher  Erlaubnis  des  Di- 
rektors der  genannten  Bibliothek,  des  Hrn.  Prof  Dr.  Münzel,  publiziere.  Sie 
umfassen,  soweit  sie  datiert  sind,  die  Zeit  vom  1  2.  Juni  bis  zum  14.  Juli  250. 
Der  oben  erwähnte,  im  Besitz  von  Wessely  befindliche  Papyrus  gehört 
derselben  Serie  an. 

Ich  gebe  im  folgenden  die  ganze  Theadelphia-Serie  (Nr.  1 — 20)  in  chrono- 
logischer Reihenfolge,  füge  nach  einem  zusammenfassenden  Kommentar  die 
vier  übrigen  Libelli  (Nr.  21 — 24)  anhangsweise  hinzu,  damit  alle  an  einem 
Orte  vereinigt  sind. 


'  Literatur  zur  decianischen  Christenverfolgung  und  zu  den  Libelli:  Schiller,  Gesch. 
d.  röm.  Kaiserzeit  I,  1883,  904ff.  —  Allard,  Histoire  des  Persecutions  II,  1886,  257fF.  — 
Krebs  a.a.  0.  —  Harnack,  Theologische  Literatiirzeitung  1894,  38f.  162  f.  und  bei  Herzog- 
Hauck,  Enzyklopädie  s.v.  »Cliristenverfolgungen«  und  »iapsi«.  —  Wessely,  Anzeige!'  d. Wien. 
Akad.31,  1894,  3.  Januar;  ebendort  1907,  4.  Dezeml)er;  Patrologia  Orientalis  IV,  1908,  1 12  ff.  — 
Gregg,  The  Decian  persecution,  Edinburgh  and  London  1897.  —  Schul  tze  bei  Ilerzog- 
Uauck  s.v.  .Decius«.  —  Linsen  niay  er,  Die  Bekämpfung  des  Christentums  durch  den 
römischen  Staat,  München  1905  (mir  nicht  zugänglich).  —  Wilcken,  Archiv  für  Papyrus- 
forschung III  (1906),  311.  \'  (1909),  277ff.  —  .Schoenaich,  Die  Christenverfolgung  des 
Kaisers  Decius,  .lauer  1907;  Die  Libelli  und  ihre  Bedeutung  für  die  Christenverfolgung  des 
Kaisers  Decius,  Wiss.  Beilage  zum  Jahresber.  d.  Kgl.  Friedrichs-Gymnasiums  zu  Breslau,  19 10. 
—  Foucart,  Journal  des  Savanls  1908,  i69ff.  —  Bludau  in  der  Monatszeitschrift  »Der 
Katholik-    1908,   I73ff.   258ff.  —  Seeck,  Untergang  der  antiken  Welt  III,   1909,   297  ff. 

r 


Paul    M.  M  f.  y  k  k  : 


Libelli  aus  Theadelphia. 

Nr.  1. 

luv.  Nr.  lOi.  Höhe  21.5  cm,  Breite  6  cm.  NoworpÄooc-Formular  E, 
rPAMMATe^c-Formular  D,  Unterschrift  des  Hermas  A.      12.  Juni   250. 

1.  Hand.  T[oT]c   eni    tön    eYciÜN    hphm^noic 

nAPA   AyphaIoy  AciHcewc   CePhi- 

NOY     XnÖ     Kli)MHC     9eAAeAD>iAC. 

Kai    Xei    m^n    toTc   eeoTc    e^UN 

5  AlATGT^AeKA     KAI     NYN     eni     HA- 

poVciN    ymTn    katä   tä   npoc- 

TAXe^NTA     eCniCA     KAI 

eeYCA   KAI   TÖN  TepeicDN 
ereYCÄMHN    kai   Aiiüi   ymäc 

10  YnOCHMICbCACeAl     MOL 

AieYTYxeTxAi. 

ÄCHCIC     U)C     (eTCün)     AB     ^niCINHC. 
Spatium  von  einer  Zeile. 

2.  Hand.  A-y-Pi^Aioi    CePHNOC    kai    '"Gpmäc 

gTaAM^N     COI     eYüJNTA. 

3.  Hand.       .5        ePMCeCHAIl 

Spatium  von  3  Zeilen. 

I.  Hand.  (''Gtoyc)    a'  A'ttokpätopoc    Kaicapoc    Taioy 

AAeccioY   KoYiNTOY   Tpaianoy   Agkioy 

6'ir'CeB09c     6'ir'TYXOYC     CfBACTOY 

nA9Ni    IH       .  12.  Juni  250. 

4    Das  Y  von   e-»-(ON   ist  aus   e   korrigiert.  13    Das   01   von  Ayphaioi   ist  aus  oc 

korrigiert,  über  dem  Worte  sind  mehrere  Punkte.  14    I.  ce  e'f'ONTA. 

12  Ungewöhnlich  und  eigenartig  ist  der  Gebrauch  des  Wortes  ^niciNHC,  das  wir  in  der 
Bedeutung  »der  Beschädigung  ausgesetzt  (cui  noceri  potest),  beschädigt«  finden  (Gegensatz 
XciNHC,  Xbaabhc).  Hier  kann  es  sich  nur  auf  die  körijerliche  Beschaffenheit  des  Petenten 
beziehen. 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung.  5 

Nr.  2. 
Inv.  Nr.  103.      Hölie   21  cm,  Breite   8.5  cm.      NoMorpÄ*oc-Formiilar  A, 
rPAMMATeYC-Foi'miilar  B,  Unterschrift  des  Hermas  A.      14.  Juni   250. 

1.  Hand.  ToTc   enl   tun   gyciön    hphm^noic 

n(APA)    AyphaIac  Ämmunapioy 

Xnö    kci)(mhc)    GeAAGAoeiAC.      Kai    Xei 

M^N     e^OYCA     KAI     e'Y'CeB09CA 

5   ToTc    eeoTc   cyn   toTc   t^k(noic)    A'y'pHA(ioic) 

AlA-r-MGY     KAI     NoYoiOY     KAI 
TaÄTOC     AlATGTeA^KAMeN 
KAI     n9n     ^ni     nAPÖNTUN 
YMÖN     KATA     TA     nPOCTAXe^N- 
«o    TA     ^CniCAMCN     KAI     geYCA- 

«eN    KAI   TÖN  tepeiuN   i- 
reYcAweeA   kai    Anco   ymäc 
■y'nocHMKüCAceAi   moi. 
AicytyxgTtai. 

2.  Hand.        «s    A'r'PHAioi    CePHNOC    kai    ''Gpmac    gTaa- 

MCN     YMÄC     eYClAcONTEC. 

3.  Hand.        ePMcecH"M 

Spatium  von  3  Zeilen. 

I.  Hand.  (■'Gtoyc)   a    AytokpAtopoc    KaIcapoc 

Taioy    AAecciOY    Kyintoy    TpaVanoy 

">  AeKIOY     GyCEBOYC     6yTYX09c     CeBACT09 

nA9Nl    K  14.  Juni  250. 

2    n'  Pap.  3    KW    Pap.  5    tsSyph  Pap.  6    1.  Aia9m6)  ka!   NoY*iü). 

7    1.  Taäti.  16    1.  erciAzoNTAC. 


6    Sowohl  die  Form  Noy*ioc  wie  auch  Noy«ic  ist  bezeugt. 


Nr.  3. 
Inv.  Nr.  117.      2   Fragmente;    Fragment  n:    Höhe   3  cm,   Breite  9  cm: 
Fragment  i:  Höhe  7  cm,  Breite  9  cm.    NonorpA^oc-Formular  A.    14.  Juni  250. 


6  Paul    M.  Meyer: 

Fragment  a. 

ka]1   [e'Y'c]!- 
[bo9c]a  toTc   eeoTc   AiAxer^AeKA 
[kaI   n]9n   ^ni   nAPÖNT[(i)N   ■!(•]- 
[mön   cet. 

Fragment  J. 

("Gtoyc)   a'  A'y'tokpAtopoc   KaIcapoc 
TaToy   MeccioY   KyIntoy 
TpaVanoy   AeKioY   G'v'ceBOYC 
G^TYXOYC    CeBACTo9    TTayni    k      .  14.  Juni  250. 

Zur  Ergänzung  des  Fragments  a  s.  das  Formular  A:  S.  25  f. 

Nr.  4. 

luv.  Nr.  1 1 4.  Der  unterste  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.  Höhe  5  cm, 
Breite  6  cm.      NoworpÄooc -Formular  C.      15.  Juni  250. 

(■^Gtoyc)   a'  A9tok:p[ä]topoc   KaIcapoc 
Faioy   MeccioY    Koyintoy 
TpaYanoy   AeKiOY   G^ceboyc 

G'r'TYX09c     CeBACT09 

5  nA9Ni    KA.  15.  Juni  250. 

Nr.  5. 

Inv.  Nr.  108.  Höhe  21  cm,  Breite  6.5  cm.  NoMorpA4.oc -Formular  C, 
rPAMMAiGYc -Formular  C,  Unterschrift  des  Hermas  A.  Datum:  nicht  später 
als  am    16.  Juni   250  (s.  S.  28).     Tafel  II  2. 

I.  Hand.  ToTc   eni   tön    eYCiÜN 

HPHM^NOIC 
n(APÄ)    Ayphaioy    '■flpiüJNOC 
KlAAH     XnÖ     KUJMHC 
5  'AniÄAOC     KATAM^NUN 

eN     K(i)MH     GCAAeAOeiA. 

AI   eYCi)N   ToTc   eeoTc   Aie- 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christencerfolgung. 

T^AeCA     KAI     nVn     ^ni     nAPON- 
TCON     YMÖN     KATA    TÄ     HPOC- 

>•>        TAxedNTA   eoYCA   KAI   ecnei- 
CA   ka]   tön   lepeicdN   erey- 

cXmHN     KAI     ki\Q)     YMÄC 

■Y-nocHMicicAceAi.      Aiev- 
TYxeTre. 

Spatium  von  einer  Zeile. 

2.  Hand.        >s         A-fpi^Aioi    Cephnoc    kai   'Cpmäc 

eTaAM^N     COI     eYClAcONTA. 

3.  Hand.        e  p  M  c  e  c  PTM 

Spatium  von  ettca  8  Zeilen. 
I.  Hand.  ('GtOYc)     k'  A't'TOKPÄTOPOC     Kaicapoc 

Taioy   AAecciOY   KoyIntoy 
»o         Tpaianoy    AeKiOY   €-r'ceBo9c 
CyTYX09c    CeBACTOY    nA9Ni. 

(Nicht  später  als   16.  Juni  250.) 

3     iV  Pap.  5     1.    KATAM^NONTOC.  l6     1.    Ce    eYClAzONTA. 


4    Zum  Namen  Kiaahc  s.  Wesseiy,  Karanis  und  Soknopaiu  Nesos  S.  io6;  zum  Genitiv 
KiAAfl  vgl.  BGU.  2,  8  (a.  209).  5    Zur  Lage  des  Dorfes  VkniAc  s.  S.  24. 


Nr.  6. 
Inv.  Nr.  99.    Höhe  21  cm,  Breite  6  cm.     N omoppAooc -Formular  A,  tpam- 
MATevc -Formular  B,  Unterschrift  des  Hermas  A.     16.  Juni  250.     Tafel  I  2. 

I.  Hand.  ToTc   ^ni   tun   oyci- 

ÖN     HIPHM^NOIC 

hapA   A-r'PHAiAC   XApi- 

TOC    XnÖ    K(i)MHC    9e- 

5        AAGAoeiAC.      Kai   Ael   m^n 
e^OYCA    KAI    GYceso?- 
CA   ToTc   eeoTc   aiatg- 

T^ACKA     KAI     NYN     i- 


8 


Paul    M.  Meyer: 


nl     nAPÖNTUN     YMÖN 
lo  KATA     TA     nPOCTAXe^NTA 

ecnicA   KAI   eevcA   kai 
TÖN   tepeioüN   erev- 

CÄMHN     KAI     Xälü)     ■y'MAC 
■Y'nOCHMKiCACeAi     MOI. 

15  AievTYxeTTAi. 

2.  Hand.  A-y-ri^aioi   CePHNOc   KAI  '^Gpmäc 

etAAM^N    ce    eVClÄCONTA. 

3.  Hand.  6  PM  C  6  CH  ^\ 

Spatium  wm  einer  Zeile. 

I.  Hand.  (""Gtoyc)   a'  A-r-TOKPATOPOc   KaIcapoc 

"        TaToy   MeccioY   KyIntoy 
TpaYano?  AeKioY 
Gyceboyc   6ytyxo9c 
CeBACTo9   TTaVni   ks. 


i6.  Juni  250. 


17 


syciazonta. 


Nr.  7. 
luv.  Nr.  104.     Der  untere  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.     Höhe  14  cm, 
Breite  6  cm.     Nomotpäooc -Formular  C,   rPAMMATe^i-c-Formular  B.     Die  Unter- 
schrift des  Hermas  ist  nicht  vollzogen. 

2.  Hand.  A'v'phaioi    Cephnoc    kai 

''Gpmäc   gTaam^n   ce   eYciÄ- 

CONTA. 

Spatium  von  5  Zeilen. 

1.  Hand.  (^6toyc)    a^'  A'y'TOKpätopoc    Kaicapoc 

5        FaIoy   MeccioY    Koyintoy 
Tpaiano?   AeKioY   6v'ceB0?c 
6v-tyxo?c   Cgbacto?   r7A9Ni 

Kr'^  17.  Juni  250. 


Links  unten  am  Rande  der  Urkunde  Tinteiistriche. 


2  f.     1.    eVCIAZONTA. 


Die  Lihelli  aus  der  dedanischen  Christenverfolgumj.  9 

Nr.  8. 
luv.  Nr.  III.     Nur  der  unterste  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.     Höhe 
4.5  cm,   Breite  6  cm.      NoworpÄfoc -Formular  A.      19.  Juni   250. 

[("Gtoycj]    a    IAs^-toJkpätopoc    Kaicapoc 
rA![oY]   MeccIoY   Kyintoy 
TpaVanoy    AeKiOY    Gyceboyc 
Gytyxoyc    CesACTOY    TTaymi    Ke.  19.  .Ilini  250. 


Nr.  9. 
Inv.  \r,  iio.     Nur  der  unterste  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.     Höhe 
6.5  cm,   Breite   7.5  cm.      NonorpÄooc -Formular  A  (?).      19.  Juni   250. 


[■'GtOYC    A    AjYTOKPÄTOPOC    KaIcapo^cj 

[fATjoY   AAecciOY   I^KyIintoy 

[TpJaVanI^oy]    AeKioY   €'T'ceB[oYcj 

[G't'tJyxoyc    CeBACTOY    FTaymi    ke.  19.  Juni  250. 


Nr.  10. 
Inv.   Nr.  98.      Höhe   21.5  cm.    Breite   6  cm.      NoMorpÄ<ooc-Foriiudar  C, 
rPAMMAicYC -Formular  A.     Die  Unterschrift   des  Hermas  ist  nicht  vollzogen. 
2  I .  Juni   2  50.     Tafel  I  i . 

I.  Hand.  ToTc   eni    tun    syciün 

HPHM^NOIC 

n'APÄ;    Ayphaioy   Aa  eiANAPOYy    Xnö    kümhc 
öeAAeAoeiAC.      AI   sycon 
5   ToTc   eeoTc   Aiei^AecA 

KAI     NYN     ^ni     nAPÖNTUN 
YMUJN     KATÄ     TA     HPOCTA- 

xe^NTA   eeYCA   kai   ec- 
neicA   KAI   TUN   lepeiUN 

10    ^reYCÄMHN     KAI     AIIÜ 

YMÄC    -y-nocHMKicAceAi. 
Pha.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  V.  Ü 


10  Paul    M.   Meyer: 

AieYTYxeTie. 

Spatium  von  8  Zeilen. 

2.  Hand.  A-y-phiaioi    CePHNOc    kaI 

'Gpmac   gTaam^n   ce   evci- 

15       ÄZONTA. 

Spatium  von  6  Zeilen. 
I.  Hand.  TGtoyc)    A'    A^tokpätopoc    Kaicapoc 

TaIoy     /^eCciOY     KOYINTOY 

Tpaiano?   AeKioY   GyceboVc 

GyTYXOVc     CeBACT09     nA9Ni 
»o  Kz!' .  2  1.  Juni   250. 

3    T['  Pap.  —  AA  Pap. 

Nr.  11. 

P.  Wessely,  i^ubliziert  von  Wessely  in  der  Patrologia  Orientalis  IV, 
1 908,  S.  1 1 3  f.  (Faksimile  daselbst  Tafel  I  4).  Höhe  21.2  cm,  Breite  6.5  cm. 
NoMorpÄooc-Formular  C,  rpAMWATe^^-c -Formular  A.  Die  Unterschrift  des  Hermas 
ist  nicht  vollzogen.    22.  Jmii  250. 

I.Hand.  IToTc   enij   jün    syciün 

h[phm^]noic 
n(APA)    A'Y'PHAiAC    Kamic   Anö 

KÜMHC     OlAATPlAOC     KATA- 
5     [m6]nOYCA     ^N     KlbMH      0eA- 
[ACAJteiA.        Al     e^OYCA    ToTc 

[eeoTJc   Aier^AecA   kai   nyn 
[^ni    n]Ap[ö]NTUN    ymüJn 

KATA     TÄ     nPCCTAXe^NTA 

■°   [eeYCA    KAI    ecneiCA    kai] 
[t]ön  '^epeiuN   ^reYCAMHN 

KAI     AIlO     YMAC     ■irnOCHM!" 

[(»)CAc]eAi.      AieYTYxeTxe. 
Spatium  von  etwa  8  Zeilen. 
2.  Hand.  Ayphaioi    Cephnoc    kai 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung.  11 

'5  |^6]PMAC     eTAAMeN     Y- 

MAC     eVClAzONTOC. 

Spatium  von  4  Zeilen. 

I.  Hand.  TGtoyc)   a'   Aytokpätopoc    Kaicapoc 

Taioy   MecciOY   KoyIntoy 
Tpaiano?   AeKiOY   Gy-cgboyc 

'o  [6'r'T]YX09c     CeBACTOY     TTaYMI 


KH" 


22.  Juni  250. 


3    n^  Pap.  4  f.    1.  KATAMeNOYCHC.  lo/ii  Am  Anfang  der  Zeile  ri  fehlt  nur  ein 

Buchstabe,  da.s  kai  ist  also  an  den  Schluß  der  Zeile  10  zu  setzen;  Wessely  ergänzt  11 
Anfang  [kai  tJän.  12  aiö,  das  Wessely  am  Anfang  ergänzt,  ist  zu  streichen;  erstlich  ist 

kein  Platz  dafiir  vorhanden,  dann  wird  das  Wort  niemals  in  den  Libelli-Formularen  ge- 
bi-aucht.  12/13  Wessely  setzt  -rnocH  |  [MeicicACJeAi.  Am  Schluß  von  Zeile  12  sind  aber  auf 
dem  Faksimile  noch  Reste  von  mi  (mei  findet  sieh  niemals  in  den  Theadelphia-Formularen) 
nach  YnocH  zu  erkennen,  außerdem  ist  am  Anfang  von  Zeile  13  nur  Platz  für  vier  fehlende 
Buchstaben.  16    1.  evciAZONTAC.  17    Der  schräge  Doppelstrich  hinter  der  Jahreszahl 

ist  verwischt.  21    kh"  ist  nach  dem  Faksimile  sicher;  Wessely  liest  <^.". 

3    Zum  Namen  KamIc  s.  Wessely,  Patrol.  C)r.  IV  S.  115.  4    Zur  Lage  des  Dorfes 

♦lAArPic  s.  S.  24. 


Nr.  12. 
Inv.  Nr.  109.     Höhe   22  cm,  Breite   7.5  cm.      NoMorpÄooc-FonmiLar  A, 
rpAMMATeYc -Formular  A,  Untei'schrift  des  Hermas  B.      23.  .luni   250. 

Verteischle  Reste  einzelner  Buc/istaben  von  .S'  Zeilen. 


1.  Hand.  MCN    k'ai   tunJ    iep[eljü)N    e- 

reYcXMe[ejA   [kJai   Xiiw   ymac 

YnOCHMjIdjjcAfceAl     MOlJ. 

Ai|eYJTYxeTTA|i]. 

Spatium  von  einer  Zeile. 

2.  Hand.         5         AYPrtAioi    CePHNo[^c    kaji   ''Gpmac 

ellAAMEN     YMAC     e[Y  ^ClAzONTOC. 

3.  Hand.  e  P  /^  A  C       C  H 

Spatium  von  3  Zeilen. 


12  Paul    M.  Meyer: 

I.  Hand.  (""Gtoyc)    a^  A'ttokpAtopoc    Kaicapoc 

fAioY    MeccioY    Kyintoy 
lo        TpaTanoy   Agkioy   Gv'cesoYC 

Gytyxoyc    Cebactoy    HaVni    Ke.  23.  Juni  250. 

Zur  Ergänzung  des  Fehlenden  s.  Formular  A:  S.  25 f.  6    1.  byciäzontac. 


Nr.  13. 

luv.  Nr.  112.     Der  unterste  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.    Höhe  6  cm, 
Breite   5.5  cm.      NoMorpA*oc-Forniular  C.      23.  Juni   250. 

'    ■  ■  TGtoyc)    a'-'  A'y'TOk[pät]opoc    Kaicapoc 

Faioy   MecciOY   Koyintoy 
Tpaianoy   Agkioy   G-i-ceBOYc 

G'Y'TYXOYC     GCBACTOY 

5         nA9Ni    Ke'^  23.  Juni  250. 


Nr.  14. 
Jnx.    Nr.  102.     Höhe   22  cm,    Breite    8  cm.      NoworpÄooc-Formular   B, 
rpAMMATs^t-c -Formular  A  oder  B.  Unterschrift  des  Hermas  B.     23.  Juni  250. 

I.  Hand.  ToTc   eni   tun    eYcicoN    hph- 

M^NOIC 

nAPÄ    Ay-phaIoy    CePHNic  (sie) 
'■Hp(i)AOY    XnÖ    KCüMHC    GeoiG- 
5  NIAOC     KATAM^NONTOC 

SN     Kti)MH     0eAAeAit>!A.        Äcj     M^N 

ToTc   eeoTc    e^cü(N)   kai 

efceBU^N)    AlATei^ACKA 
KAI     NYN     ^ni     nAPÖNTCON     Y- 
10  MUN     KATA     TA     nP0C<(T)AXe6N- 

TA     eCniCA     KAI     eOYCA 

KAI    TÖN   TepiUN    ^reYCÄ- 

MHN     KAI     AIIÜ     YMAC     tnO- 


Dw  LibeJU  aus  der  declanisc/ien  Christenverfolgung.  13 

CHMi(icACGAi.      AieYTYxeTre. 
Spatium  von  2  Zeilen. 

2.  Hand.        15    [AjYPhaioi    CePHN[ojc    kai   'epMÄc 

[etAAM^jN     Ce     eY[ciÄZ('?)0N]TA. 
Spatium  von  einer  Zeile. 

3.  Hand.  [e  P  M]  A  C       C  H 

Spatium  von  2  Zeilen. 

I.  Hand.  "Gtoyc;    a    Ayt  oJkpätopoc    Kaicapoc 

TaToy   Mecj^CjioY   Kyintoy 
'°         TpaT[ano]y    Agkioy    €y  c]eBOYC 

£-»'TYX09c     CeSACTOY 

rr^Myi    Ke.  23.  Juni   250. 

Die  Buchstaben  zu  Beginn  der  Zeilen  16  und   17  sind  ganz  ausgelöscht. 
4    Zur  Lage  des  Dorfes  eeoieNic  s.  S.  24. 


Nr.  15. 
Inv.   Nr.  116.     Nur  der  unterste  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.     Höhe 
8.5  cm,    Breite    7.5  cm.      NoMorpXooc-Formular   1).    rPAMMAxe-r-c -Formular   A, 
Untersclirift  des  Ilennas  C.      23. (y)  Juni   250. 

Geringe  Buchstabenspiiren  einer  Zeile. 

2.  Hand..  [eT^Jamcn    ;Ym|ac    eYciAzoNTTocJ. 

3.  Hand.  e  [P]  M  A  C       C  H 

I.  Hand.  !^6toycj    a'    Aytokpät'opoc^    KfAyiCAPpc 

Faioy   AAeccioY    Kyintoy 
5  Tpaianoy    Aekioy    €YCeB(oJYC 

GYTYx(Oy?C     Cei'BAyCTOY     nA^9]NI     KS.  23.(1')  Juni    250. 

I     1.  eYClÄzoNTAC.  3    AYTOKPATj   Paj).  6    Das  e  von  kg  läßt  sich  als  solches 

niclit  erkennen.     Der  Tag  wird  aber  entsprechend  der  Unterscliril't  6  P  M  A  C     C  H   (Zeile  2) 
erfordert  (s.  S.  28;. 


14  Paul    M.   Mkykr: 


Nr.  16. 

Inv.  Nr.  107.      Höhe    25  cm,    Breite    6  cm.      NomoppAooc -Formular  D, 
rpAMMATevc-Formular  A,  Unterschrift  des  Hermas  B.    14.  Juli  250.   Tafel  II  i. 

I.  Hand.  ToTc   eni   tön   evciÖN 

HPHM^NOIC 
OApA     A'Y'PHa(iOy)     6'YTTPOAOKJOY 
01l<<d)T0Y     A'Y'PHAflOy)    'AniANOY 

5        eiH(rHTe^CANTOc)   THC  AA(MnpoTÄTHc)   nÖAfeucj  TÖN 

AAe-E(ANAP6ü)N)     k(a)|     U)C     XPH(MATizei)     KATAMeNüJN 

eN    .  .    GeAAGAOii«*.      Äei 
e^coN   ToTc   eeoTc   k(a)i   nyn 

3    ayph'^  Pap.  4    oiktoy  —  ayph'^   Pap.  5    e£H~  thc   aap   no'^   Pap. 

6    AA«  Kj   ü)C  XPH  Pap.  —  1.  KATAMeNONTOc.  7    Anfang:  auf  eu  folgen  2  Buchstaben 

oder  elier  eine  Abkürzung,  die  ich  nicht  bestimmen  kann,  etwan^l'  8    AieTeAecA  bzw. 

AiATBT^AeKA  ist  ausgelassen. 


3  Der  Name  eynpoAÖKioc  ist  eigenartig  und  in  seiner  Zusammensetzung  schwer  zu 
erklären;  die  Lesung  scheint  mir  aber  sicher  zu  sein.  Möglich  wäre  höchstens  GYnPOAÖKTOY, 
doch  das  ist  wohl  aus  sprachlichen  Gründen  ausgeschlossen.  4  ff.    Aurelius  Apj)ianus 

ist  uns  aus  folgenden  Urkunden  bekannt:  P.  Lond.  III  S.  103  Nr.  1226  (Theadelphia,  a.  254); 
P.  Fior.  I  Nr.  9  S.  26  (Theadelphia,  a.  255);  S.  27  (Euhemeria);  S.  28  (Theoxenis,  17.  Januar 
255);  Ostraka  Jouguet  im  Bull,  de  l'Inst.  fr.  d'arch.  Orient.  II  1902  (Theadelphia,  259/261); 
P.  Fior.  II  Nr.  170 — 180  (noch  nicht  publiziert;  aus  dem  i.,  3.,  5.,  10.  Jahre  des  Valerianus- 
Gallienus  [?]  =  253/254 — 262/263  [•'])•  Sein  Name  wird  bald,  wie  hier,  ÄniANÖc  geschrieben 
(P.  Lond.;  P.  Fior.  I  9;  Ostr.  Jouguet  i — 5.  10 — 13.  25),  bald  ÄrtniANÖc  (Ostr.  Jouguet  14 — 24. 
26),  gelegentlich  verschrieben  ÄniniANÖc  (Ostr.  Jouguet  6 — 9).  Alexandriner  von  Geburt,  hat 
er  in  seiner  Vaterstadt  das  Munus  des  eiHTHTHC  bekleidet,  ist  Ratsherr  der  Stadt:  öiHr(HTeYCAC) 

BOYA(eYTHC)  THC  AAMOPOTATHC  nÖAEWC  TUN  AAeSANAP^UN  KAI  ÜC  XPH(MATiz€0    heißt    Cr  jm   P.  Lond. 

imd  P.  Fior.  I  S.  26.  27  vom  Jahre  254  und  255.  Seine  Buleutenwürde  wird  nicht  erwähnt 
in  den  Ostraka  der  Jahre  259/261.  Im  P.  Fior.  I  S.  28  wird  er  nur  ö  XaEiOAordjTATOC  AypAaioc 
AniANÖc  genannt.  Als  öiHrHTAc  hat  er,  wie  unsere  Urkunde  zeigt,  schon  vor  dem  Jahre  250 
fungiert;  vielleicht  war  er  aber  in  diesem  Jahre  auch  schon  boyacythc.  Das  &c  xPH(MATizei) 
(s.  Gradenvvitz,  Archiv  II  98)  in  Zeile  6  kann  diese  Würde  einschließen,  wahrscheinlich 
ist  es  aber  nicht.  Aj)pianos  ist  Domanialgroßpächter  im  Faijum;  von  ihm  gepachtete  oyciai 
liegen  im  Bezirk  von  Theadelphia,  Kuhemeria,  Theoxenis  (s.  Comparetti,  P.  Fior.  II  S.61). 
Sein  Wohnsitz  befindet  sich  aber  in  Alexaudria. 

Der  oik^thc  (»Hausgenosse«,  s.  dazu  S.  2of.)  des  Appianos  bekleidet  wohl  die  Stellung 
des  «PONTICTHC  einer  der  von  ihm  gepachteten  oyciai  in  Theadelphia  (s.  dazu  Comparetti 
a.a.O.  S.  58ff.).     Das  katam^nwn  sn  .  .  9eAAeA*iA  (Zeile  6)  bezieht  sich  auf  ihn. 


Die  Lihelli  aus  der  decianischen  Christenverfohjwny.  15 

eni    nAPÖNTOJN   ymön 

'o  KATÄ     nPOCTAXe^NTA 

SeYCA   K'AJi    ecneiCA 

KAI   TÖN   kp<(ei)ü)N   ^revcÄ- 

MHN     k(a)|     X3Elß     YMÄC 
YnOCtMI(i)CACeAI. 

«5  AieYTYx(eTTAi). 

Spatium  von  2  Zeilen. 

2.  Hand.  Ay'pi^aioi    C[e]pHNOC    kai 

"■fipMÄc   efAAM^N   ce 

eYClAZONTA. 

3.  Hand.  e  P  MÄ  C       C  H 

Spatium  von  3  Zeilen. 

I.  Hand.        »"   (""Gtoyc)    a   Aytokpät'opoc;    K(A)icfAp)oc 

TaIoY     /^ec[c]i0Y     KYilNTOJY     TPiAIANO  Y     A(eKiOY) 
GY'CeB[0Y]c     6'r'TYx[0Yc] 

Ce'BACTOY  'Gnel*  k      .  14.  juU  250. 

10    tX  nach  kata  ist  ausgelassen.         12    lepUN  Pap.         15    aieytyx/  Pap.         20    ay- 
TOKPATj   Pap.  21    über   A\eccioY  stellen    3  l>is  4  verwischte  Buchstaben.  —  kyiytp''a 

Pap.  23    cecT°^  Pa{). 

Nr.  17. 

Inv.   Nr.  106.     Der  obere  Teil  der  Urkunde  ist  erhalten.     Ilölie  10  cm, 
Breite  6  cm.      NoMorpAooc-Fornmlar  ('. 

ToTc   eni   TÖN   eYciÖN 

HPHM^NOIC 

nfAPA)   Av-PHAiAC   Tahcic   Xnö 

K(i)«HC    ^ApXbüJN     KATA- 
5  M^N(i)N     ^N     KCiJMH     06- 

AAEAOeiA.         Äl     GYOYCA 

ToTc    eeoTc   Aiex^AecA    kai 

NYN     ^ni     nAPÖNTtüN     YMÖN 
KATA     TÄ     nPOCTAXe^NTA 


16  Paul    M.  Mkyee: 

lo        eeYCA    kaI    ecneiCA    kai   tun 
lepeicoN   erevcÄMHN   kai 

AIICÜ     -r-MÄC     -y-nOCHMKiCAC- 

eAi.      AieYTYxe[T]Te. 
Nach  einem  freien  Raum  von  4  Zeilen  bricht  der  Papyrus  ah. 

3  r\'  Pap.  —  1.  TAHceuc.  4/5    1.  KATAweNoicHC. 


Nr.  18. 

Inv.  Nr.  105.     Der  obere  Teil  der  Urkunde  ist  eriialten.    Höhe  12  cm, 
Breite  6.5  cm.      NoMorpA<t>oc -Formular  D. 

ToTc   eni   tun   oyciün 

HPHM^NOIC 

nAPA   Aypha(Iac)   GePMo^eecjc 
AAeAANÄ   Anö   kümhc 
5   GeoseNiAOC.      Aei   eY- 
ü)N   ToTc   eeoTc   kai 
n9n    eni    hapöntun 
■v'm[ci)]n    kata   npocTAxe^N- 
TA   feYCA    KfAyi    EcneiCA 
j°   k(a)i   tön    iep<^ei)ü)N   ^reYcÄ- 

MHN     KAI     AilÖ     YMÄC 

[■Y'nociMicüjcAceAi. 

[AieYTYX^eJTAI. 

Nach  einem  freien  Raum  bricht  der  Papyrus  ab. 

A 

3    AYPH   Pap.  5/6    1.  eroYCA.  6    AieTSAeCA   oder  AiATeT^AeKA   ist  ausgelassen 

(s.  Nr.  16,  8).  8    TA  nach   kata   ist  ausgelassen  (s.  Nr.  16,  10).  10    lepuN   Pap. 

(s.  Nr.  16,  12;  24,  I.  12).  —  Von   der  2.  Hand,   dem  rPAMMATevc -Formular,   sind   noch  Reste 
der  ersten  beiden  Buchstaben  erhalten. 


4    Meaanäc  s.  auch  P.  Lond.  111  Nr.  1169  S.  47,  103.  5    Zur  Lage  von  SeozeNic 

s.  S.  24. 


Die  Libelli  aus  der  dedanischen  Christemerfolgiiiig.  17 


Nr.  19. 

Inv.  Nr.  115.     Erhalten   sind  nur  die   obersten  Zeilen.     Höhe  4  cm, 
Breite  4  cm.      Nomotpaooc -Formular  F. 

ToTc   ivi\    eYC!ö[N    hphm^noic   kcI)]- 

MHc   0eAA[eA<t>eiAcl 

nAPA   A-t^phaTi 1 


Spuren  einer  Zeik,  dann  briclu  der  Papyrus  ab. 
if.    Zum  Titel  der  Kommission  s.  .S.  21. 


Nr.  20. 

Inv.  Nr.  113.     Kleines  Fragment.     Höhe  5  cm,  Breite  5.5  cm.     Tpam- 
MATe-J-c -Formular  A,  Unterschrift  des  Hermas  B. 

2.  Hand.  [A'r'Pi^Aijp!    CePHNOC    kai 

["■Gpmac   eTJaam^n    ce 
[evciAjzoNTA. 

3.  Hand.  €  P  M  A  C      C  H 
I.  Hand.         5    (^6toyc)    a     [cet. 

Der  Papyrtts  bricht  ab. 
Von  Zeile  5  sind  nur  der  Vertikalstrich  der  Sroc-Sigle  sowie  die  Spitzen  von  k'  erhalten. 


Das  Edikt  des  Kaisers  Decius,  das  die  Ghristenverfolgung  im  ganzen 
Reiche  anordnete',  ist  sehr  bald  nach  seiner  Anerkennung  durch  den  Senat, 
wahrscheinlich  im  Dezember  249,  erlassen.  Darauf  weist  vor  allem  ein 
Brief  des  Cyprian  vom  Dezember  250  hin  (ep.  37,  2),    der  ein  Jahr  nach 


'    Siehe  Dionys.  Alexandr.  bei   Kuseb.    h.  e.  6,41,1    (tö   baciaik6n   npöcTArwA).   10  (t6 
nPÖCTArwA);    Martyr.  S.  Pionii    (bei  v.  Gebhardt,    Acta  Martyr.  sei.  p.  97)   c.  3  (AiÄTAfMA); 
Gregor.  Nyss.,  vit.  S.  Gregorii  bei  Migne,  Patr.  graeco-lat.  46  p.  944  (•  (npöcTArwA). 
Pha.-hist.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  V.  3 


18  Paul   M.  Meyer: 

der  p]inkerkerung  der  römischen  Bekenner  geschrieben  ist'.  Schon  vor 
Erlaß  dieses  Ediktes  hatte  in  Alexandria  die  Verfolgung  begonnen'^.  In 
den  ersten  Monaten  des  Jahres  250  sind  dann  Ausfiihrungsbestimmungen, 
gleichfalls  in  Ediktform  ^,  nicht  nur  des  Kaisers,  sondern  wohl  auch  der 
einzelnen  Statthalter,  gefolgt. 

Das  Edikt  vom  Dezember  249  enthält  ein  allgemeines  Opfergebot  für 
alle  römischen  Staatsbürger  und  ihre  Angehörigen  \  Wie  Augustus  ver- 
sucht Decius  eine  Neubelebung  altrömischen'  Wesens,  altrömischer  Sitte 
und  Religion.  Unter  dem  Eindruck  der  eben  begangenen  Jahrtausendfeier 
der  Stadt  Rom  und  dem  im  Gegensatz  zur  alten  Herrlichkeit  stehenden 
äußeren  und  inneren  Elend  der  Zeit  fordert  er  das  offene  Bekenntnis  aller 
Bürger  zur  Reichsreligion,  zur  religio  Romana  (im  weitesten  Sinne),  durch 
Verehrung  der  Götter  des  Staates.  Gegen  das  Christentum  als  solches 
richtet  sich  diese  erste  systematische  Verfolgung,  die  sich  über  alle  Pro- 
vinzen erstreckt,  ebensowenig  wie  die  frülieren  Verfolgungen,  vielmehr 
gegen  den  Abfall  von  den  di  populi  Romani".  Das  Opfergebot  ist  nicht 
auf  die  Christen  beschränkt. 


'  Vgl.  auch  Euseb.  h.  e.  6, 41, 9 f.;  Lactant.,  De  mort.  persecut.  4,2;  s.  Bludau 
a.  a.  0.   179 f. 

-  Eiiseb.  li.  e.  6,  41,  i:  oyk  Xnö  toy  baciaikoy  nPOCTÄrMATOC  6  AicorMÖc  hap'  AmTn  Ihpiato, 
Xaaa  tap  öaon  ^niaytön  riPO'f'AABeN;  dazu  Neuinarin,  Der  römische  Staat  und  die  allgemeine 
Kirche  1  252(1". 

'  Vgl.  den  Plural  edicta  feralia  bei  Cyprian,  ep.  55,9,  ebenso  Cyprian,  ep.  30,3:  qui 
vult  videri  propositis  adversus  evangeliuin  vel  edictis  vel  legibus  satisfecisse ;  Oros.  7,  21,  2.  5: 
feralia  dispersit  edicta.  Auf  ein  Ausführungsedikt  bezieht  sich  auch  Cyprian,  ep.  43,  3  (s.  S.  21). 
—  Aus  den  Worten  unserer  Libelli  kata  ta  npocTAxeeNTA  (bzw.  K.  T.  npocTeTArMeNA  Nr.  21, 
K.  T.  KeAGYceeNTA  Nr.  23, 24)  darf  man  an  sich  keine  Mehrheit  von  Edikten  entnehmen. 

*  Siehe  Mommsen,  Römisches  Strafrecht  568:  »Kaiser  Decius  hat  im  Jahre  250  von 
jedem  römischen  Staatsbürger  gefordert,  daß  er  den  Göttern  des  alten  Glaubens 
opfere."  Von  allen  Bewohnern  des  Reichs  sprechen  Gregg  (a.  a.  O.  71  f.),  Foucart 
(a.a.O.  172),  Wessely  (Patr.  Or.  IV  123),  Breccia  (Bull,  de  la  soc.  areli.  d'Alexandrie  9,  88), 
Seeck  (a.  a.  0.  111  299),  v.  Domaszewski  (Geschichte  der  römischen  Kaiser  II  274). 

'  Was  über  den  Plan  der  Wiederaufnahme  der  Zensur  und  ihrer  Übertragung  an 
Valerianus  berichtet  wird,  ist  als  unbeglaubigt  außer  Betracht  zu  lassen.  Daß  aber  Valerianus 
unter  Decius  eine  Vertrauensstellung  einnahm  und  an  der  Clu'istenverfolgung  nicht  unbeteiligt 
war,  zeigt  Zonaras   12,20  p.  625C.    Vgl.  aber  Euseb.  h.  e.  7,10,3. 

"  Siehe  Mommsen,  Juristische  Schriften  III  389ff.,  bes.  399 f.  403 ff.  (Der  Religions- 
frevel nach  römischem  Recht);  Schoenaich  a.a.O.  1907,  gf.  23ff.  —  Daß  bei  den  Christen 
das  Verbrechen  der  Apostasie  vorliegt,  bestreitet  Conrat  (Colin),  Die  Christenverfolgungen 
im  römischen  Reiche,  Leipzig  1897,  58 fl'. 


Die  LibelU  aus  der  decmnischen  Christenverfolgung.  19 

Schon  im  Jahre  1894  hat  Harnack  in  der  Theologischen  Literatur- 
zeitung (1894,  41)  aus  dem  Vergleich  des  damals  allein  bekannten  Berliner 
Libellus  (Nr.  21),  zweier  Cyprian-Stellen  (de  lapsis  25  und  9)  und  dem  Wort- 
laut des  sogenannten  5.  Ediktes  des  Maximinus  vom  Jahre  306'  den  Schluß 
gezogen,  daß  dieses  »mindestens  teilweise  eine  wörtliche  Nachbildung«  des 
decianischen  Ediktes  vom  Jahre  249  war.  Er  rekonstruierte  danach  den 
Kern  desselben  folgendermaßen: 

(ÖNOMACTi)     nÄNTAC,     ;<NAPAC     AMA     TYNAIIIN     KAI     OIKeTAIC      KAI      A'Y'ToTc     YnOMAZIOIC 

HAici,    e-r-eiN    kaI    cn^NAeiN    A'T-TÜN   Te   Xkpiböc   tön    evciÜN    Xnore-fsceAi. 

Ein  gleiches  allgemeines  Ojjfergebot  erließ  auch  der  Kaiser  Gallus  hn 
Jahre  253,  der  die  Verfolgung  des  Decius  wieder  aufnahm;  »sacrificia  quae 
edicto  proposito  celebrare  populus  iubebatur«  heißt  es  in  bezuy  auf  das 
Edikt  des  GaUus  bei  Cyprian  (ep.  59,  6). 

Nur  wenn  wir  ein  alle  römischen  Staatsbürger  und  ihre  Familien,  ob 
Heiden  oder  Christen,  betreffendes  Opferg(;bot  annehmen,  läßt  sich  die 
Priesterin  des  Petesuchos  in  Nr.  23  als  libellatica  erklären,  wie  Wilcken 
(Archiv  V  279)  mit  Recht  betont.     Gegen  die  Heschränkung  auf  den  Kreis 

■  Eis  wird  erwähnt  bei  Pluseb.,  De  Martyr.  Palaest.  9,  2 :  (Befehle  dahingehend)  tö 
BACiAiKÖN  eic  n^PAC  XreiN  nPÖCTArwA  KeAevoN  öc  . . .  nANAHMei  Ad  nÄNTAC,  anapac  Xma  tynaiiin 
KAi  ok^TAic  (kaI)  aYtoic  YnoMAzioic  nAici,  e^eiN  kai  cn^NAeiN  aytän  re  Xkpiböc  tön  ^napön 
XnorcYeceAi  sycicon  imi^ti\ic  noioiNTo.  Vgl.  die  auf  frühere  Edikte  des  Maximinus  bezüglichen 
Stellen  3,  i.  4,8  (hier  ist  in  den  Boilandistenhandscliriften  [in  der  Ausgabe  von  Schwartz 
S.914,  zöfF.]  die  Rede  von  den  ÄNArPA*Ai  tön  noAiTÖN,  die  von  den  xiaiapxoi  und  ^ka- 
TÖNTAPXOi  kat'  ofKOYC  KAI  AMooAA  zusaininengestellt ;  vgl.  damit  h.  e.  6,41,11).  —  Auf 
ein  anderes,  mit  unserem  nicht  identisches  Edikt  des  Maximinus  nimmt  Bezug  die  vor  kurzem 
veröffentlichte  Grabinschrift  des  Bischofs  Eugenius  von  Laodicaea,  der  zur  Zeit  der  Verfol- 
gung CTPATeYc[A]MeNoc  in  TH  KATÄ  TTiciAiAN  HreMONiKH  TASEi  War  (s.  Calder,  The  Expositor 
1908,  i,355(r.;  1909,  i,307ff.;  Klio  X  233).   Die  in  Betracht  kommenden  Worte  lauten  (Z.  5  ff.): 

^N    AÄ    T^     [«]eTASY    XPÖNCi)    KeAeV-CeWC    [«JOITHCACHC    ^nl    MaSIMINOY    TOYC    Xp[e]lCTIANOYC     eYeiN    KAI 

«H  X.nA[A]AACceceAi  thc  ctpatgIac.  Das  Edikt  wendet  sich  gegen  die  christlichen  Soldaten  — 
Eugenius  war  wohl  ein  zum  officium  praesidis  geiiöriger  Offizier  (s.  Calder  a.  a.  0.  1909)  — , 
gegen  die  sich  ja  damals  die  \'erfolgung  in  erster  Linie  richtete  (s.  Euseb.  h.  e.  8,  1,7;  8, 
4,3  fr.;  Lactant.,  De  mort.  persecut.  10).  Sie  sollen  opfern  und  weiter  Soldaten  bleiben.  Der 
Erlaß  steht  also  im  Gegensatz  zu  dem  Edikt  des  Galerius  vom  Jahre  303,  das  den  Soldaten 
die  Wahl  läßt,  entweder  zu  opfern  oder  den  Dienst  zu  quittieren.  Vielleicht  gehört  er  erst 
den  letzten  Jahren  des  Maximinus  vor  seiner  Besiegung  durch  Licentius  im  Jahre  313  an. 
Zur  Stellung  der  Christen  zum  Militärdienst  vgl.  Ilarnack,  Mission  und  Ausbreitung  des 
Christentums  388 ff. ;  Militia  Christi,  1905,  46  ff. 


20  Paul    M.   Meyf.r: 

der  Christen  spricht  schon  die  große  Zahl  der  neuen  Libelli  aus  dem  einen 
Dorfe  Theadelphia'. 

Vergleichen  wir  nun  das  Fonnular  der  Libelli,  das  nur  auf  eine  all- 
gemeine, für  alle  gleichlautende  Vorschrift  zurückgehen  kann,  mit  dem  Er- 
laß des  Maximinus,  so  liegt  die  Übereinstimnmng  beider  klar  zutage.  Zu- 
(u-st  wird  seitens  der  Petenten,  die  alle  das  Nomen  Aurelius  fuhren,  d.  h. 
cives  Romani  sind,  das  Bekenntnis  abgelegt,  stets  den  Göttern  des  Staates 
geopfert  (utkI  ilinen  die  schuldige  Ehrfurcht  erwiesen)  zu  haben:  kai  Xei 
M^N  ToTc  eeoTc  e^toN  (kai  e-r-ceeiüN)  AiAxer^AeKA  (oder  ähnlich,  s.  unten  S.  25!?.). 
Schon  diese  Fassung  ergibt  meines  Erachtens  die  Unmöglichkeit,  ausschließ- 
lich an  abtrünnige  Christen  zu  denken.  Dann  folgt  die  Erklärung:  kai  nyn 
....  KATÄ  TA  npocTAxe^NTA  (odcr  ähnlich)  eevcA  kai  ^cneicA  kai  tön  lepeiuN 
erevcAMHN.  Diese  Erklärung  über  das  vollzogene  Tier-  und  Trankopfer  .so- 
wie das  Kosten  vom  Opferfleisch  ^  gibt  in  mehreren  Urkunden  der  Haus- 
vorstand (ob  Mann  oder  Frau)  fiir  sich  und  seine  Hausgenossen  ab*;  in 
Nr.  22  werden  die  Ehefrauen,  in  Nr.  2  und  24  die  Kinder  als  Opferteil- 
n(^hmer  genannt.  Häufig  erwälmt  der  libellaticus  seine  Angehörigen  gar- 
nicht,  sondern  spricht  nur  für  sich;  daß  sie  aber  einbegriflfen  sind,  zeigt 
das  YMÄc  im  Attest  des  rPAMWATevc  Nr.  11,  15;  12,  6 ;  15,  i .  Eine  eigen- 
artige Stellung  nimmt  der  Libellus  Nr.  16  vom  14.  Juli  250  ein,  der  durch 
einen  Zeitraum  von  mindestens  drei  Wochen  von  allen  übrigen  datierten 
Libelli  getrennt  ist.  Er  ist  eingereicht  von  dem  oik^thc  eines  uns  auch 
sonst  bekannten  alexandrinischen  Honoratioren  Aurelius  Appianus,  der  Do- 
manialgroßpächter  im  Faijum  ist;  die  meisten  auf  ihn  bezüglichen  Urkunden 
stammen  aus  Theadelphia  (s.  die  Einzelbemerkung  zu  Nr.  16,  4ff.).  Der  otK^THc 
heißt  Aurelius  Euprodokios,    besitzt  also,   wie   alle  übrigen  Petenten,    das 

'  Das  Christentum  war  un»  diese  Zeit  vor  allem  noch  Städtereligion.  Aber  gerade 
vom  Arsinoitischen  Gau  bezeugt  uns  Dionys.  Alexandr.,  der  Zeitgenosse  des  Decius,  daß  npö 
nOAAOY  toyto  ^nenÖAAzeN  tö  aöhwa  (Euseb.  h.  e.  7,  24, 6).  Christen  sind  in  ägyptischen 
-Dörfern  für  diese  Zeit  bezeugt  aus  Neilupolis  (Euseb.  h.  e.  6,  42,  3),  Taposiris  bei  Alexandreia 
Euseb.  6,40,4),  Kephro,  Kolluthion  im  Mareotischen  Gau  (Euseb.  7,  11,  12  ff.).  Eusebius 
spricht  6,  42,  i  allgemein  von  der  Verbreitung  der  Christen  kata  nÖAeic  kai  kwmac.  Siehe  des 
Näheren  Harnack,  Mission  und  Ausbreitung  des  Christentums  448ff.  539. 

^  Dies  wird  auch  für  Karthago,  Rom  und  Sinyrna  bezeugt  (s.  die  Belege  bei  v.  Geb- 
hardt.  Acta  Martyrum  sei.  p.  182  zu  XVIII,  9),  bildet  also  sicher  ein  Erfordernis  des  Ediktes. 
Das  zeigt  schon  der  Titel  der  Kommüssion  in  Oxyrhynchos:  01  in]  tön  i6P<ei)(0N  ka)  gyciön 
nÖAewc  (Nr.  24). 

*    Vgl.  Cyprian,  De  lapsis  c.  9  und  25 ;  ep.  24 ;  55,  13:  uxorem  et  liberos  et  domum  totani. 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung.  21 

römische  Bürgerrecht;  er  gehört  zum  »Hause«  des  Appianus,  ist  seiu  An- 
gestellter, wahrscheinlich  der  Verwalter  eines  seiner  Güter.  Wenn  er  sich 
ofK^THc  nennt,  so  gebrauclit  er  zweifellos  den  im  kaiserlichen  Edikt  ent- 
haltenen Ausdruck,  den  dann  später  der  Erlaß  des  Maximinus  mit  dem 
übrigen  Wortlaut  übernimmt  und  der  liier  allgemein  die  Bedeutung  von 
»Hausgenossen«,  d.  h.  Kindern  und  sonstigen  Hausbewohnern,  hat. 

Erst  in  einer  der  späteren  Novellen  zum  P:dikt  ist  die  Bildung  einer 
besonderen  Kommission  verfugt,  die  den  staatlichen  und  lokalen  Beamten 
zur  Seite  treten  sollte.  Das  ergibt  sich  aus  einem  vor  Ostern  251  ge- 
schriebenen Briefe  des  Cyprian  (ep.  43,  3).  Das  erweisen  wolü  auch  die 
Libelli,  die  vom  14.  Juni  bis  14.  Juli  250,  also  lange  nach  Erlaß  des  ersten 
Ediktes,  an  die  Kommission  eingereicht  sind.  In  dem  eben  erwähnten 
Briefe  spricht  Cyprian  von  »quinque  primores  illi,  qui  edicto  nuper  magi- 
stratibus  fuerant  copulati,  ut  fidem  nostram  subruerent«.  In  Karthago  stand 
also  den  »Magistraten«  eine  Kommission  von  5  Mitgliedern  aus  Honora- 
tioren der  Stadt  zur  Seite.  Für  Smyrna  werden  neben  dem  als  Vorsitzenden 
fungierenden  ncuköpoc:  ot  cyn  k^j{^  TeTAm^Noi  anazhtgTn  kai  eAKem  toyc  Xpi- 
cTiANOYc  ^nieveiN  kai  MiAPooAreTN  im  Martyrium  S.  Pionii  (c.  3  bei  v.  Geb- 
hardt.  Acta  Martyr.  sei.  S.97)  genannt,  ohne  daß  ihre  Zahl  angegeben 
wird'.  In  jeder  Stadt  wie  in  jedem  Dorfe  bildete  sich  eine  solclie  Kom- 
mission. Unsere  Libelli  erweisen  sie  in  Ägypten  für  die  Metropole  Oxy- 
rhynehos  (Nr.  24),  die  Metropole  Arsinoe  (Nr.  23),  die  Dörfer  Theadelphia 
(Nr.  1—20),  Alexandru  Nesos  (Nr.  21)  imd  Pliiladelpliia  (Nr.  2,2,).  Ihr  Titel 
lautet  hier  01  ^nl  twn  evciüN  hphm^noi  {e.  t.  iep(€i>üJN  kai  evciöN  nÖAecoc  Nr.  24). 
Die  Ortsbezeichnung  fehlt  in  allen  Tbeadelphia-Urkunden  außer  in  Nr.  19 
'o\  in]  evciÖN  HPHM^NOi  Kd)MHc  OeAABAoeiACJ,  cbenso  in  dem  Libelhis  von  Arsinoe 
(Nr.  23),  sie  wird  in  dem  von  Alexandru  Nesos  und  Philadelphia  (Nr,  21,  22) 
hinzugefügt. 

Die  Zahl  der  Kommissionsmitglieder  ist  keine  feste;  sie  richtete  sich 
siclier  nach  der  Bevölkenmgszahl  und  (iiöße  der  einzelnen  Orte.  Während 
in  der  Großstadt  Karthago  neben  den  Magistraten  5  Mitglieder  fungieren, 
bescheinigen  in  den  Theadelphia-Libelli  stets  nur  zwei,  mit  Namen  Aure- 
lius  Serenus  und  Aurelius  Hermas,  das  vor  ihnen  vollzogene  Opfer.  Diese 
auf   ihren    Namen    ausgestellte    Bescheiniiiunt»:  (2.  Hand)   erweist   sich   als 

'  Der  ftr€Md>N  kaI  01  c-f-NeAPOi  bei  Dionys.  Alexandr.  (Euseb.  h.  e.  6,  41,  23)  sind  hier  nicht 
heraiiiEUziehen ;  es  liandelt  sicii  um  den  praef.  Aeg.  und  sein   Konsilium. 


22  Paul    M.  Meyer: 

nicht  von  ihnen,  sondern  von  der  Hand  eines  rpAMWATevc  herrührend.  Daraus 
ergibt  sich  wold  mit  ziemlicher  Sicherheit,  daß  die  Kommission  in  Thea- 
delphia  nur  aus  zwei  Mitgliedern  bestand.  Im  Namen  beider  schreibt  der 
rPAMMATe^c  d;is  Attest;  der  eine  von  ihnen,  Hermas,  unterfertigt  dies  dann 
durch  seine  eigenhändige  Unterschrift  (3.  Hand)'. 

Aufgabe  der  Kommission  war  das  ÄNAZHxeTN  kai  e'AKeiN,  weiter  die  Be- 
aufsichtigung der  Opfer  sowie  die  Verhängung  von  Strafen  über  die  Opfer- 
verweigerer'^  Endlicli  hatte  sie  einem  jeden  auf  Verlangen  sein  religiöses 
Wohlverhalten  vmd  seine  Zugehörigkeit  zur  Staatsreligion  zu  bescheinigen, 
den  Namen  der  Opfernden  in  ihrem  Amtstagebuch  zu  registrieren. 

Im  Briefwechsel  des  Cyprian  werden  die  Christen,  die  ihr  Christen- 
tum verleugnet  haben  (Lapsi),  in  vier  Kategorien  gescliieden^: 

1.  die  sacrificati,  »die  Hand  und  Mund  dui-ch  das  heidnisclie  Opfer 
betleckt  haben«*, 

2.  die   thuriiicati,    die    nur  Weihrauch  in   das  Opfer  gestreut  haben, 

3.  die  libellatici%  die  sich,  ohne  geopfert  zu  haben,  nach  Einreichung 
eines  Libellus"  gegen  Zahlung  einer  Geldsumme^  einen  Opferschein  von  der 
Kommission  ausstellen  lassen, 

'  Fungierten  die  beiden  Kommissionsmitglieder  nur  in  Stellvertretung  des  ganzen, 
mehr  Mitglieder  umfassenden  Kollegiums,  so  müßten  sie  beide  die  Opferbescheinigung 
durch  eigene  Unterschrift  bezeugen.  —  Aus  Zeile  17  in  Nr.  21  könnte  man  schließen, 
daß  in  ■Aagianapgy  Nhcoc  nur  ein  Kommissionsmitglied  fungierte;  Zeile  19  spricht  aber 
dagegen. 

2    S.  Bludau  a.a.O.   iS^ff.,  258«". 

"  Nach  der  Verfolgung  des  Maximinus  vom  Jahre  306  scheidet  der  Bischof  Petrus  von 
Alexandria  u.  a.  xeiPorPAOHCANxec  und  tymnäc  AnorPAYAMeNOi  tä  npöc  apnhcin  (nepi  MeTANOiAC 
c.  5  bei  Migne,  Patrol.  gr.-lat.  18  p.  473sq.);  die  ersteren  sind  nach  ihm  minder  strafwürdig. 
Diese  beiden  technischen  Ausdrücke  erklärt  Schoenaich  (1910,  S.  38)  in  unzutreffender 
Weise.  Unter  xeiPorPA*(HCANTec  werden  diejenigen  zu  verstehen  sein,  die  eine  durch  den 
eigenhändig  unterschriebenen  Kaisereid  erhärtete  Versicherung  (xeiPorPA<t>iA),  hier  des  angeblich 
vollzogenen  Opfers,  abgegeben  haben.  Diese  Versicherung  enlsjiricht  also  dem  ersten  Teil 
unserer  Libelli,  bei  denen  aber  eine  Bekräftigung  durch  den  Kaisereid  nicht  erforderlich  ist. 
Die  rYMNßc  AnorPAYÄMeNOi  ta  npöc  ÄPNHCiN  können  nur  solche  sein,  die  ohne  alle  Ausflüchte 
und  Hintergehungsversuche  eine  ausdrückliche  schriftliche  Abschwörungserklärung  ihres 
Christentums  an  die  Behörden  gerichtet  haben. 

*  S.  Cyprian,  ep.  55,  13.  14.  17.  26;  20,2;  52,  2  in  fine;  de  lapsis  c.  8.  9.  26.  28; 
ep.  30,  3. 

*  S.  Cyprian,  ep.  55,  13.  14.  17.  26. 

°    8.  Cyprian,  ep.  55,  3.  14;  20,  2;  67,  1.6;  de  lapsis  27.  28;  ep.  30,3. 
'    8.  Cyprian  ep.  55,  14;  21,3;  Tertullian,  de  fuga  c.  5.  12. 


Die  LibelU  aus  der  decianischen  Christenverfolgung.  23 

4.  die  accepta  facientes,  die,  olme  geopfert  zu  liaben,  einen  Dritten 
beauftragen,  ihren  Namen  ins  Amtstagebuch  der  Kommission  eintragen  zu 
lassen '. 

Die  Ausdrücke  libellatici  vmd  accepta  facientes,  die  Cyprian  nur  in 
bezug  auf  Christen  anwendet,  sind  aber  nicht  auf  diese  zu  beschränken. 
Sie  umfassen  vielmehr  an  sich  alle,  die,  ob  Heiden  oder  Christen,  ob  sie 
geopfert  oder  sich  vom  Opfer  befreit  haben,  in  einer  Eingabe  ein  Opfer- 
attest von  der  Kommission  erbitten  bzw.  sich  in  die  Amtstagel)ücher  der- 
selben eintragen  lassen.  LibelU  —  das  sind  immer  schriftliche  Eingaben  — 
sind  außer  fiir  Ägypten  für  Rom%  Karthago^  Spanien*  bezeugt;  zweifel- 
los haben  wir  sie  auch  in  allen  anderen  Provinzen  anzunehmen.  Nur  auf 
eine  solche  schriftliche^  Eingabe  hin  wird  das  Opferattest  von  der  Kom- 
mission erteilt.  Obligatorisch  aber  waren  diese  LibelU  nicht,  die  mit  dem 
Attest  versehen  als  Ausweis  fiir  die  Zukunft  dienen".  Stets  fand  dagegen 
die  Eintragung  des  Namens  in  das  Amtstagebuch  der  Kommission  statt'. 
Viele  begnügen  sich  hiermit  (accepta  facientes).  Auf  die.se  Eintragung  des 
Namens  bezieht  sich  wohl  die  Zahl  vAr  =  433  am  Kopf  der  Urkunde  über 
dem  Kontext  in  Nr.  23'. 


*  S.  Cyprian,  ep.  30,  3  (Schreiben  der  römischen  Kleriker  an  C):  ijui  accepta  fecissent, 
licet  praesentes,  cum  fierent,  non  adfuissent,  cum  praeseotiam  suam  iitique  nt  sie  scriberentur 

mandando  fecissent nee   est   alieniis  a  crimine,   ciiius   consensu   licet  non  admissum 

crimen  tarnen  publice  legitur.     S.  dazu  Schoenaich  a.a.O.  1910,  S.  6.  36. 

=    S.  Cyprian,  ep.  30,  3. 

»    S.  Cyprian,  ep.  55,  3.  13.  14;  20,  2. 

*  .S.  Cyprian,  ep.  67,  1.6. 

'  Dagegen  spricht  nicht  das  »ad  magistratum  vel  veni  vel  alio  eunte  mandavi«  bei 
Cyprian,  ep.  55,  14:  pei"sönlicli  oder  durch  einen  Dritten  übeiTeicht  der  Petent  dem  Magistrat 
den  LibelUis. 

*  Dem  Attest  zu  vergleichen  sind  die  Beicht-  und  Frofessions/ettel  im  Zeitalter  der 
Gegenreformation,  die  den  zum  Katholizismus  Zurückkehrenden  ausgestellt  werden,  und  zwar 
auch  nur  »auf  fleißiges  Ansuchen«.     S.  Schoenaich  a.a.O.   1910,  34f. 

'  So  läßt  bei  Cyprian,  e[).  67,  6  ein  libellaticus,  der  einen  Libellus  eingereieiit,  dann 
noch  die  Eintragung  ins  Amtstagebucli  vornehmen  (actis  etinm  publice  habitis  apud  procura- 
torein). 

'  Möglich  wäre  an  sieii,  die  Zahl  mitWessely  (Anz.  Wien.  Akad.  1907)  und  Wilcken 
(Archiv  V  280)  auf  die  KÖAAHMA-Nummer  des  betreffenden  .Vktenbandes,  zu  dem  die  LibelU 
im  Bureau  der  Kommission  oder  einer  anderen  Behörde  zusammengestellt  wurden,  zu  be- 
ziehen. Es  wären  also  zum  mindesten  zwei  Exemplare  vollzogen  (Wilrken  a.a.O.), 
eines  fiir  die  Petenten  zum  Ausweis,  das  zweite  für  den  CYrKOAAHCWoc  tömoc,  wie  es  den 
ägyptischen  Gepllogenheiten  ent.spiicht.    In  keinem  unserer  Theadeli)hia-Libelli,  die  zusammen 


24  Paul    M.  Meyer: 

Die  Zuständigkeit  der  Kommission  jedes  Ortes  erstreckt  sich  auf  alle 
daselbst  Domizilierten;  nicht  die  origo  (Jaia)  ist  maßgebend,  sondern  das 
Domizil.  Die  im  Dorfe  und  seiner  Gremarkung'  bzw.  der  Stadt  Ansässigen, 
ob  sie  dort  beheimatet  sind  oder  nicht,  haben  hier  den  Befehlen  des  Kaisers 
nachzukommen  und  eventuell  ihre  Libelli  einzm-eichen.  In  den  TJieadelphia- 
Urkunden  (Nr.  1 — 20)  ist  die  Herkunftsbezeichnung  von  zehn  libellatici  er- 
halten :  nur  vier  unter  ihnen  sind  in  Theadelphia  beheimatet  und  wohnen 
auch  dort  (Nr.  1,  2,  6,  10) ;  sechs  haben  ihr  Domizil  daselbst  (katam^nun'' ^n 
K(»)MH  0.),  stammen  aber  aus  anderen  Faijum-Dörfern^,  und  zwar  aus  AniXc 
(Nr.  5),  0iAArpic  (Nr,  11),  eeoieNi'c  (Nr.  14,  18),  der  KtoMH  "Apabun  (Nr.  17),  und 
aus  einem  nicht  genannten  Orte,  vielleicht  ^Uexandria  (Nr.  16).  Von  diesen 
Dörfern  liegen  'AniÄc,  ^lAArpic,  0eo3EeNic,  wie  Theadelphia,  in  der  GewicTOY 
Mepic,  die  küjmh  7\päbü)n  in  der  'HpAKAelAOY  «epic  des  arsinoitischen  Gaues*. 
Das  Überwiegen  der  Ortsfremden  erweist  wiederum,  was  uns  schon  viele 
Urkunden  gelehrt  haben,  daß  die  Flucht  aus  der  iaia  vor  Steuern  und  Li- 
turgien oder  aus  anderen,  in  der  Not  der  Zeit  liegenden  Ursachen  beson- 
ders im  Ägypten  des  dritten  Jahrhunderts  (aber  auch  in  früheren  Zeiten) 
eine  konstante  Erscheinung  ist,  der  die  periodisch  wiederkehrenden  Er- 
mahnungen der  Statthalter  vergebens  Einhalt  zu  tun  versuchen".  Daß  etwa 
die  Ortsfremden  erst  nach  den  Einheimischen  Termin  zur  Vollziehung  des 
Opfers  erhielten  und  ihre  Libelli  einreicliten,  was  an  sich  nicht  unwahr- 
scheinlich wäre,  läßt  sich  aus  unseren  Urkunden  nicht  entnehmen  (s.  die 
Tabelle  S.  2  8 f.).     Alle  diese  libellatici  sind,  wie  schon  bemerkt,   Aurelii; 


gekauft  und  wohl  auch  zusammen  gefunden  sind,  findet  sich  aber  eine  Zahl  am  oberen  Rande, 
der  bei  elf  unter  ihnen  vollständig  erhalten  ist.  Zu  einem  Sammelband  waren  sie  also 
nicht  zusammengestellt,  obwohl  sie  mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit  aus  einem  Bureau 
stammen. 

'  In  Nr.  22  reichen  ^HtonYAeTxAi  (kcümhc  <l>iAAAeA*iAc).  außerhalb  des  Torzollhauses  des 
Dorfes  Wohnende  (s.  zu  Z.  5),  der  Kommission  des  Dorfes  ihren  Libellus  ein. 

'  S.  Paul  M.Meyer,  Griechische  Papyrusurkunden  der  Hamburger  Stadtbibliothek  I 
Nr.  23,  9  Einzelbemerkung. 

'    Die  Petenten  in  Nr.  21—24  sind  alle  Einheimische. 

*  S.  für  ÄniAC  Wessely.  Topographie  des  Faijum  S.37;  Grenfell-Hunt.  P.  Teb.  II 
S.  368  —  für  <l>iAArpic  Wessely  a.  a.  O.  156;  Grenfell-Uunt  a.  a.  0.  406  —  für  Geo- 
leNic  Wessely  73;  Grenfell-Hunt  379  —  für  ■'Apäbüjn  kcämh  Wessely  39;  Grenfell- 
Hunt  368. 

'  y.  Paul  M.  Meyer,  Klio  I  425f.,  P.  Giss.  1  Nr.  40  11  i6if.;  Rostowzew,  Studien  zur 
Geschichte  des  römischen  Kolonates  205  ff. 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung.  25 

nur  auf  cives  Romani,  nicht  auf  dediticii  bezieht  sicli  das  Opfergebot  des 
Decius.  Angeliörige  von  Honoratiorenfaniilien  scJieinen  sich  aber  unter 
ilmen  nicht  zu  befinden;  jedenfalls  fehlt  jeglicher  Titel  oder  eine  sonstige 
darauf  hinweisende  Bezeichnung,  üabei  ist  allerdings  zu  berücksichtigen, 
daß  die  Zahl  der  Frauen,  die  einen  Libellus  einreichen,  eine  auffallend 
große  ist.  Soweit  es  sich  bestimmen  läl3t,  finden  wir  neben  5  Eingaben 
von  Männern  6  von  Frauen,  die  also  als  Familien  vorstand  (alle  olnie  Ge- 
schlechtsvormund) fungieren  (Nr.  2,  3,  6,  11,  17,  18).  Von  den  Libelli  außer- 
halb Theadelphias  geht  Nr.  23  auf  eine  Frau,  die  Pi-iesterin  des  Petesuchos 
in  Arsinoe,  zurück. 

Die  decianische  ('hristenverfolgung  war  (ün  Schlag  ins  Wasser;  sie 
hat  ihren  Zweck  nicht  erreicht.  Weder  Gallus,  noch  Valerian,  noch  Dio- 
kletian und  seine  Kollegen  haben  die  P]inrichtuug  der  Libelli  wieder  ins 
Leben  gerufen.  Sie  hat  dann  aber  in  der  christlichen  Kirche  selbst  Schule 
gemacht.  In  dem  Kampfe  des  Katholizismus  gegen  die  Reformation  be- 
diente er  sich   der  Professionszcttel  mit  Erfolg.   — 

Betrachten  wir  jetzt  unsere  Urkunden  nach  der  formalen  Seite.  Sie 
bestellen  aus  der  Eingabe  (dem  Libellus)  mid  dem  Opferbescheinigungs- 
vermerk. 

1.  Die  Eingabe  (der  Libellus). 

Die  Eingabe  ist  von  der  Hand  eines  berufsmäßigen  Urkundenschreibers 
(NOMorpÄ^oc)'  geschrieben*.  Zwischen  dem  Kontext  und  der  am  Schlüsse 
stehenden  ausführlichen  Datierung  ist  ein  weites  Spatium  zur  Einfügung 
der  Bescheinigung  gelassen.  Sechs  von  einander  (wenn  avu;h  nur  in  Kleinig- 
keiten) abweichende  Formulare  lassen  sich  unterscheiden.  Jedem  dieser 
Fommlare  entspricht  eine  andere  Hand,  so  daß  wir  also  zum  mindesten 
sechs  im  Jahre  250  in  Theadelphia   konzessionierte  NoworpAooi  erhalten. 

Formular  (Hand)  A:  Nr.  2,  3,  6,  8,  9(?),  i  2 ;  s.  Tafel  I  2. 

Kai   ^el   m^n   e^uN  (-oyca)   kai   e^r-ceBÜN   (-o9caj   toTc   eeoTc   (cyn  toTc   t^knoic 

Nr.  2)     AlATET^AeKA     (-KAMeNj      KAI     n9n     ^ni     nAPÖNTUN     YMü)N     KATÄ     TA     nPOCTAXO^NTA 


'    S.  Griechische  Papyrusurkunden   der  Hamburger  Stadtbibliothek   1   Nr.  4  Einl.  und 
Einzelbem.  15. 

'    Ebenso  die  nicht  aus  Theadelphia  stammenden  Libelli  Nr.  21-24;  die  Eingabe  in  Nr.  22 
lassen  die  Petenten  durch  einen  Vertreter  eigenhändig  unterschreiben. 

Phil.-hist.  Klasse.   1910.   Anhang.    Abh.  V.  4 


26  Paui,    M.   Meyer: 

ScnicA  (-camen)    KAI   ievcA   (-camen)    KAI    TÖN    tepeiuN    ^revcÄMHN   (-weeA)   kai   Xiiö 

YMÄC     •Y'nOCHMKÖCACeAl     MOI.     |     AlGYTYXeTTA!. 

Die  Hand  zeigt  eine  etwas  nach  rechts  geneigte,  ovale,  große  und 
gewandte  Kursive.  Was  die  Orthographie  betrifft,  so  findet  sich  stets  Gca- 
A6A<i>eiA,  iepeiü)N,  ^cnicA,  YnocHMicbcAceAi,  AieYTYxeTxAi  (1.  -tg);  Kyintoy.  Das  Wort 
nAPÄ  wird  in  Nr.  6  ausgeschrieben,  in  Nr.  2,  das  auch  sonstige  Abkürzungen 
aufweist,  mit  n'  abgekürzt. 

Formular  (Hand)  B:  Nr.  14. 

■Aei  M^N  ToTc  eeoTc  e^ü)<(N)  kai  e'r'ceB(ü<^N)  aiatgt^agka  kai  n9n  (weiter  wie 
in  A)  .  .  .  .    KAI  TÖN  VepiwN  ^reYcAwHN  kai  aiiö  ymäc  YnocHMi(i)CAceAi.    AieYTYxeTxe. 

Die  Schrift  ist  eine  mittelgroße,  steile,  zur  Rundung  neigende  ge- 
wandte Kursive.  Die  diäretischen  Zeichen  werden  regelmäßig  gesetzt.  Der 
Schreiber  schreibt   Ggaa^aoia,   ecnicA,  tepiUN,   YnocHwiucAceAi.    Kyintoy. 

Formular  (Hand)  C:  Nr.  4,  5,  7,  10,  11,  13,  17;  s.  Taf.  I  i,  II  2. 
AI   e^uN   (-oyca)   toTc   eeoTc   AieT^AecA   kai   n9n   eni   hapöntun   ymön   k.  t.  n. 
eeYCA   KAI   ecneiCA  kai   tön   lepeiuN  ereYcAwHN  kai  aiiC  ■v'mac  ^nocHMi(i)CAceAi.    Ai- 
GYTYxeTxe. 

Die  Schrift  ist  eine  etwas  nach  rechts  geneigte,  runde,  kleine  und 
gewandte  Kursive.  Die  diäretischen  Zeichen  fehlen  meist  (gesetzt  sind  sie 
nur  Nr.  4,  3;  11,  11);  hapä  wird  stets  abgekürzt  (n').  An  Orthographica  ist 
zu  vermerken:  GeAA^AfeiA,  ScneicA,  lepeiuN,  Äi,  •v'nocHMKicAceAi,  Koyintoy;  kata- 
M^NtüN  (-noyca)  wird  stets  im  Nominativ  gesetzt. 

Formular  (Hand)  D:  Nr.  15,  16,  18;  s.  Taf  II  i. 

Aei  gycjjn  toTc  eeoTc  kai  nyn  e.  n.  y.  katä  npocTAxe^NTA  eeYCA  ka]  ecneicA 
kai  tön  iep(ei>ü)N  ereYcÄMHN  kai  ahiö  ■y-MÄc  -r-nociMKicAceAi.  \  AieYTYxeTxAi  (aieyty'* 
Nr.  16). 

Die  Schrift  zeigt  einen  viel  kursiveren  Charakter  als  die  übrigen  For- 
mulare; sie  ist  flüchtiger,  weniger  sorgsam.  Abkürzungen  sind  häufig,  Buch- 
staben werden  verschluckt  (so  Nr.  15,  6  und  16,  23;  16,  12  und  18,  10;  vgl. 
24,  I.  12).  Charakteristisch  ist  die  Auslassung  des  Wortes  AieT^AecA  (16,  8; 
18,  6).  Weder  katam^ncon  (16,  6)  noch  e-fuN  (18,  5)  erhalten  Flexion.  Diäre- 
tische  Zeichen  fehlen.  An  Orthographica  ist  Ggaagaoia,  ScneiCA,  YnociMi(i)- 
CAceAi,   aigytyxeTtai,   Kyintoy  zu  vermerken. 


Die  LibelU  atis  der  decianischen  Christenverfolgung.  27 

Formular  (Hand)  E:  Nr.  i. 

KaI  Xe)  M^N  ToTc  eeoTc  eiuN  aiatgt^acka  kai  n?n  ^ni  nAPo9ciN  -y-mTn  (ebenso 
Nr.  21)  katA  tA  npocTAxe^NTA  ^cniCA  kaI  gevcA  kai  tön  tepeiUN  ^revcÄMHN  kai 
Aiiü)  ■y'MÄc  ■y-nocHMitbcAceAi    moi.   j   AieYTYxeTiAi.   [  Äcflcic    die  Uj&w)    ab   ^niciNHC. 

Große,  nach  rechts  geneigte,  ovale,  gewandte  Kursive  ohne  Abkür- 
zungen. An  Orthographica  ist  Geaa^a^ia,  ecnicA,  tepeiuN,  YnocHMiücAceAi, 
AievTYxeTTAi,  KoYiNTOY  ZU  notiercu.  Nur  hier  findet  sich  am  Schlüsse  das 
Signalement  des  Libellaticus  (vgl.  Nr.  21,  5  f.). 

Formular  (Hand)  F:  Nr.  19. 

Nur  in  diesem  Fragment  ist  der  vollständige  Titel  der  Kommission 
gegeben  (s.  S.  2  i)'. 

2.  Der  Opferbeseheinigungsvermerk 
enthält  zwei  Bestandteile:  a)  den  eigentlichen  Tenor  der  Bescheinigung, 
im  Namen  der  beiden  Kommissionsmitglieder  von  rPAMMAxeTc  der  Kommis- 
sion in  einer  weniger  gewandten,  aber  durchaus  nicht  schwerfälligen  Kur- 
sive aufgesetzt,  b)  die  eigenhändige  Untersclirift  des  einen  Kommissions- 
mitgliedes, Aurelius  Hermas,  in  schwerfalliger  Kapitale. 

a.    Der  Tenor  der  Bescheinigung. 

Auch  hier  lassen  sich  unbedeutende  Abweichungen  konstatieren,  die 
auf  eine  Mehrzahl  von  rpAMWAxeTc  hinweisen.  Der  gleichen  Form  entspricht 
aber  nicht  immer  die  gleiche  Hand;  auch  gleichlautende  Bescheinigungen 
zeigen  verschiedene  Hände. 

A:  A'r'Pi^Aioi  CepHNOc  kai  'Gpmäc  eTaam^n  ce  (bzw.  ymac)  oyciäzonta  (bzw. 
evciAzoNTOc):   Nr.  10,  11,  12,  15,  16,  20*;  s.  Taf.  I  i,  II  i. 

Die  gleiclie  Hand  zeigen  nur  Nr.  10  und  12. 


'  Die  Formulare  aus  den  beiden  Metropolen  Arsinoe  (Nr.  23)  und  Oxyrhynchos  (Nr.  24) 
zeigen  im  Gegensatz  zu  denen  aus  den  Faijumdörfern  einige  Besonderheiten:  ^ti  aä  kai  nyn 
(Nr.  23,  II  f.;  24,  8f.)  statt  kai  nyn,  katA  tA  KeASYce^NTA  (Nr.  23,  12;  24,  10)  statt  k.  t.  hpoctax- 
o^NTA  bzw.  npocTETArM^NA  (Nr.  21,  lo).  In  Nr.  24  fehlt  die  Grußformel;  ob  auch  in  Nr.  23,  ist 
nicht  siclier.  Während  Nr.  23  ^ni  hapöntun  ymön  hat,  finden  wir  in  Nr.  24  das  äußerst  .selten 
vorkommende  ^N(iniON  ymön  (s.  S.34:  Einzelbem.  zu  Zeile  9).  Das  AiereAecA  tön  bion  ist  Nr.  23 
(Zeile  11)  allein  eigentümlich. 

*    Bei  Nr.  14  ist  es  zweifelhaft,  ob  die  Formel  A  oder  B  vorliegt,  da  nur  eY[ ]ta 

erhalten  ist. 

4* 


28 


Paul    M.  Meyf.r: 


B:  A.  C.  K.  6.  e.  ce  (bzw.  ymäc)  evciAcoNTA  (bzw.  evciAcoNTec):  Nr.  2,  6,  7  ; 
s.  Taf.  I  2. 

Nr.  2   und  7   sind  von  derselben  Hand  geschrieben. 
C:   A.  C.  K.  6.  e.   coi   oyciXconta:   Nr.  5;   s.  Taf.  II  2. 

Die  Schrift  ist  der  von  Nr.  2   sehr  ähnlich. 
D:   A.  C.  K.  6.  e.   coi   o-i-unta  (vgl.  Nr.  21):  Nr.  i. 

b.    Die  Unterschrift  des  Kommissionsmitgliedes  Hermas. 

Hier  ergeben  sich  nach  der  Form  der  Unterschrift  oder  nach  ihrem 
Fehlen  bestimmte  chronologische  Anhaltspunkte. 

A :  Vom  I  2.  bis  16.  Juni  unterfertigt  Hermas  6  P  M  C  6  C  H  M :  Nr.  i , 
2,  5  (die  Urkunde  fallt  also  vor  den  17.  Juni),  6.  In  Nr.  3  und  4,  wo 
der  betreffende  Teil  des  Papyrus  fortgefallen  ist,  haben  wir  dieselbe  Form 
wie  in  Nr.  i,  2,  5,  6  anzunehmen.     S.  Taf.  I  2,  II  2. 

B:  Vom  17.  bis  22.  Juni  hat  Hermas  keine  Unterschrift  vollzogen: 
Nr.  7,  10,  II;  ebenso  danach  in  Nr.  8,  9,  wo  der  betreffende  Teil  des  Pa- 
pyrus fehlt.     S.  Taf.  I  i. 

C:  Vom  23.  Juni  bis  zum  14.  Juli,  dem  spätesten  Datum,  schreibt 
Hermas:  ePMACCH:  Nr.  12,  14,  15,  16,  20  (die  Urkunde  fällt  danach 
in  diese  Zeit) ;  auch  in  Nr.  1 3  ist  diese  subscriptio  anzunehmen.  S.  Taf.  EI  i . 

Nicht  bestimmen  läßt  sich  die  Form  für  Nr.  17,  18,  19,  wo  Datum 
und  Unterschrift  fehlen.  — 

Ich  gebe  zum  Schluß  eine  chronologisch  geordnete  Liste  der  Urkunden 
mit  Angabe  ihrer  Formulare.  Diese  sind  am  Kopfe  eines  jeden  Textes 
vermerkt,  am  Rande  sind  nur  die  verschiedenen  Hände  bezeichnet. 


Herkunft 

NOMO- 

Tpamma- 

Unterschrift 

Nr. 

Inv.  Nr. 

Datum 

und  Geschlecht 

rPA<»>oc- 

Te-t-c- 

des 

des  Libellaticus 

Formular 

Formular 

Herrn  as 

I 

lOI 

12.  Juni 

Einheimischer  Mann 

E 

D 

A 

2 

103 

14.     .. 

Einheimische  Frau 

A 

B 

A 

3 

117 

14.     . 

Frau 

A 

fehlt 

fehlt 

4 

114 

IS-     ' 

fehlt 

C 

fehlt 

fehlt 

5 
(Taf.  U  2) 

6 
(Taf.  I  2) 

108 
99 

fehlt 

(nicht  später 

als   16.  Juni) 

16.  Juni 

Ortsfremder  Mann 
Einheimische  Frau 

C 
A 

C 
B 

A 
A 

Die  Libelli  aus  der  deckinischen  Christenverfohjung. 


29 


Herkunft 

NOMO- 

rPAMWk- 

Unterschrift 

Nr. 

Inv.  Nr. 

Datum 

und  Geschlecht 

rpÄ^oc- 

Terc- 

des 

des  Libellaticus 

Formular 

Formular 

Hermas 

7 

.04 

17.  Juni 

fehlt 

C 

B 

nicht  vollzogen 

8 

II I 

19.     . 

fehlt 

A 

-    fehlt 

fehlt 

9 

HO 

19.     . 

fehlt 

AC?) 

fehlt 

fehlt 

lO 

98 

21.     - 

Einheimischer  Mann 

C 

A 

nicht  vollzogen 

(Taf.  I  i) 

II 

P.  Wessely 

22.     . 

Ortsfremde  fVau 

C 

A 

nicht  vollzogen 

12 

109 

23-     ■ 

fehlt 

A 

A 

C 

«3 

1 12 

23-     ■ 

fehlt 

C 

fehlt 

fehlt 

14 

102 

23-     ■ 

Ortsfremder  Mann 

B 

AoderB 

C 

15 

116 

23.(?)  • 

fehlt 

I) 

A 

C 

16 

107 

14.  .Ii.li 

Ortsfremder  Mann 

D 

A 

C 

(Taf.  11  i) 

•7 

io6 

fehlt 

Ortsfremde  Frau 

C 

fehlt 

fehlt 

18 

'05 

fehlt 

Ortsfremde  Frau 

1) 

fehlt 

fehlt 

19 

"5 

fehlt 

fehlt 

^' 

fehlt 

fehlt 

30 

««3 

fehlt 

fehlt 

fehlt 

A 

C 

30  Paul    M.  Meyer: 


Anhang. 


Die  übrigen  Libelli\ 

Nr.  21.  Libellus  aus  Alexandra  Nesos. 
Berliner  Papyrus,  veröffentlicht  von  Krebs  in  den  Sitzungsber.  d.  Berl. 
Akad.  d.  Wiss.,  phil.-liist.  Klasse,  1893,  looyff.  (mit  Tafel)  =  BGU.  287. 
Siehe  Harnack,  Theologische  Literaturzeitung  1894,  38f. ;  Wilcken,  BGU.  I 
S.358;  Archiv  V  2']-]i.;  Gregg  a.a.O.  153;  v.  Gebhardt,  Acta  Martyr.  sei. 
S.  183;  Wessely,  Patrologia  Orientnlis  IV  1 1 5 f.  (mit  Tafel  I  3);  Schoen- 
aich  a.a.O.  1910,  3of.     Höhe  20.5cm,  Breite  8cm.     26.  Juni  250. 

1.  Hand.  ToTc   eni    [t]cün    evciUN    hph- 

M^NOIC  Kd)M(Hc)  AAei(XNAPOY)  Nl^COY 
HAPA  A'Y'PHa(iOy)  AlOr^NOY<(c)  CaTA- 
BOYTOC     XnÖ     K(i)M(Hc)    ■'AAeiÄNA(pOY) 

5    Ni^cOY   iüc   (^tcün)   ob   o>l^[k) 
6<))P^i   Aei(iA).      Kai   Xei 
eYcoN   ToTc   eeoTc   aigt^- 
AecA   KAI   n9n   eni   ha- 

POYCIN     YMeTN     KATA 
10    TA     nPOCTe[T]ATA[r]M[d]- 

NA  ^eYCA   [ka]i   ec[neiCA] 
[k]ai   tön    i[e]peia)N    [ersY]- 

CÄMHN     KAI     AIl[ci)]     'Y'm[Äc] 
YnOCHMKÜCACeAl. 

■5  AieYTYxeTiAi. 

Aypha(ioc)    [AiJoreNHC   eniA[^(A(i)KA)]. 

2.  Hand.  Aypi^[a(ioc)j    Cypoc   Ta[6n    ce] 

e^ONTA     AMA     .[....]. 


'    leli  habe  fiir  Nr.  21  das  Original,  für  Nr.  22  und  23  die  Tafeln  in  der  Patrologia  Orien- 
talis bzw.  im  Bull,  de  la  soc.  arch.  d'Alexandrie  9  nachverglichen. 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung.  31 

3.  Hand.  K   .  .  nunoc    ceCHM(ei(ü«Ai). 

I.  Hand.        »o    [('Gtoyc)]    a'   A't'TOKPATOPo[c]    KAi[cAPOc] 

[rA]lOY     MeCClOY     K[Y]iN[TOY] 

[Tp]aia[no9   AeJKiOY   6'if'c[eBoVc] 

[e]'Y'T[YX09c]    Ce[B]A[c]To9 

■'6n[ei4>]   B  -  .  26.  Juni  250. 

2    K(o"  AAei'  Pap.  3    AYPH  AioreNOY  Pap.  4    kco"  aasian'^  Pap.  5    L  — 

oy'^  Pap.  6   A6i'  Paj).  10  f.    I.  nPOcreTArM^NA.  11    ec[neiCA]  Harnack,  Wessely. 

12  f.   [ÄreYjcAMHN   Harnack,  Wessely.  16   ayph   —  eniAl^l  Pap.  17    ayphM  Pap.  — 

C-r-POC  Wilcken  —  ia[ön  ce]  Wilcken,  Ai[or^NH]  Wessely.  18   awa  Wessely.    Das  folgende 

liest  lind  ergänzt  Wessely  h[«Tn],  Wilcken  mit  Vorbehalt  YpoTc].  Ganz  sicher  scheint  mir  das 
Xma  nicht  und  dementsprechend  auch  nicht  die  Ergänzung  Y[ioTc].  19  Daß  hier  eine  3.  Hand 

vorliegt,  hat  Wilcken  erkannt.  Die  Lesung  Wessely s:  koinconöc  cec(H«eiu«Ai)  wird  mit  Recht 
von  ihm  zurückgewiesen.  Er  vermutet  am  Anfang  den  Namen  des  zweiten  Kommissions- 
mitgliedes.  Nach  Analogie  der  Theadelphia-Libelli  wäre  hier  die  eigenhändige  Unterschrift 
des  (A'fPHAioc)  C-f-poc  zu  erwarten.  Docli  Ayphaioc  steht  sicher  nicht  da;  Cfpoc  wäre  möglich, 
aber  wahrscheinlicher  ist  statt  dessen  das  schon  von  Krebs  gelesene  nunoc.  Am  Anfang 
deuten  die  Buchstabenreste  auf  k,  die  t)eiden  folgenden  Buchstaben  kann  ich  nicht  erkennen. 
Am  Schluß  der  Zeile  ist  wohl  cecHM(eiü)MAi)  zu  lesen.  21    Nach  den  Theadelphia-Formu- 

laren  A,  B,  D  und  Nr.  24,  19  ist  hier  K[Y]iN[TOY]  (nicht  K[o]iN[TOY])  zu  lesen. 


Nr.  22.   Libellus  aus  Philadelphia. 

Papyrus  Erzherzog  Kainer,  Jierausgegeben  von  Wessely  im  Anzeiger 
der  Wiener  Akademie,  phil.-hist.  Klasse,  1894,  Nr.  1  S.  ßfF.  und  in  der  Pa- 
trologia  Orientalis  IV  S.  ii8ff.  (mit  Tafel  11  7).  Siehe  Harnack,  Theo- 
logische Literaturzeitung  1894,  162;  Gregg  a.  a.  0.  i54f. ;  v.  Gebhardt 
a.  a.  0.  182;  Schoenaicli  a.  a.  0.  1910,  S.  29f.  Höhe  10.4  cm,  Breite 
9.6  cm. 

I.  Hand.  ToTc    ^nl    tun    oyciün    hphm^noic 

K(i)MHC     0IAAAeA0IAC 
nAP/k     A'Y'PHAicüN     C'i'POY     KAI     rTACBeioY     TOY 
XaGAiJiOY     KaI     AhMHTPIAC     KAI     CAPAniÄAOC 
5     TYNAIKÖN     HMÖN     ^äECüDYAeiTCüN. 

Äel   e^oNjec  toTc   eeoTc  AiexeA^- 

CAM€N     KAI     n9n     eni    nAPÖNTüJN    9mön 

katA   tä   npocTAxeeNTA    kai    ecnicAMeN 


32  Paul    M.   Meyer: 

KAI   [tö]n   ifepeiUNJ   ereycAMeeA   kai 

■o     [XilDYMEN     YMÄC     YnOCHMKJl)]- 

CAceAi   hmTn.  AieYTY[xeTTe]. 

2.  Hand.  A-r'PhiA(ioc)   C'r'poc   kaI   TTacbhc   e^lAe/^(^)K(AMeN). 

'IciAUPOC     grPA(YA)     •Y'n(^p)     AYT(cdN)     ArPA(MMATü)N). 
Der  Papyrus  bricht  ab. 

8    \'or    KAI   ^cnicAMeN    ist   ^e'fcAweN    vom    Schreiber    ausgelassen. 
eniACAd)'*  Pap.  13    erpj  —  Yj  —  ayt;  —  Arp$  Pap. 


1 2     AYPH"     — 


2    Zur  Lage  des  Dorfes  ^iaaa^a^ia   s.  S.  24.  5    ösunYAerrAi   sind   außerhalb  der 

n^AH,  dem  Torzollhaus  (hier  von  Philadelphia),  Wohnende.  Vgl.  P.  Grenf.  II  74,  4:  6iconYAi[T]hi 
Xnö  Kci)MHc  K-f-cioc  TOY  ■'Ibitoy  [n]omoy  (a.  302);  78,  2.  6.  33:  i.  Xnö  TonAPXiAC  K'f'cewc  thc  ^IsiräN 
n[ÖAeü)c]  (a.  307);    72,  4f.:    i.  Aiocnö[A(ecüc)]  (a.  308);    BGU.  34  II  21,  III  7.  16,  IV  13,  V  17. 


Nr.  23.   Libellus  aus  Arsinoe. 

P.  Alexandrinus,  veröffeiitliclit  von  Breccia  im  Bull,  de  la  societe 
archeol.  d'Alexaiidrie  9,  8 8 ff",  (mit  Tafel).  Siehe  Wessely,  Anzeiger  der 
Wiener  Akademie,  pliil.-hist.  Klasse,  1907,  4.  Dezember  (danach  Sclioenaich 
a.  a.  0.  1910,  33);  Wilcken,  Archiv  V  279f.     Höhe  1 1  cm,  Breite  7.8  cm. 


2.  Hand.  YAr. 

I.  Hand.  [t]oTc  ^ni   tön    gyciön 

HPHM^NOIC 

HApA     A'T'PHAiAC    ÄMMU- 

5        noVtoc   Myctoy  te[[pe|- 
pgIac   TTeTeco+xoY   eeo9 
MerÄAOY   werAAOY   Aeiz(i)OY 
kaI   tun   6[n   Mjohipei   eeÖN 
[Xjnö   am[<(>öao]y  Moi^pecjc.    Aiei 

■o        [m]^n   e>f'<^o)Yc[A]   ToTc   eeoTc   ai- 

[eJT^AGCA     TÖN     bIoN,     6niAH   (stc) 
[kJaI     nVn     KATA     TA     KeAGYCe^- 
[nt]a     KAI     ^ni     nAPÖNTUN 

[y'mJcün   eeYCA   kai   ecniCA 


Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolguny.  B3 

'3         [kJai   tön  Yep[e]ia)N    erevcA- 

[mh]n     KAI     [a5|]ü)     vnOCH- 
[MI(b]cACeA[l]. 

Der  Papyrus  bricht  ab. 

I    . .  r  Wessely,  der  die  Schriftspuren  als  Zalilenangabe  erkannte;  yap  =  433  Wilcken: 
s.  dazu  S.  23.  5    pe  am  Ende  ist  durch  \'erwischen  getilgt.  10    eYYc[A]  Pap. 

II    1.  iTt  Ai  (Wessely);  s.  Nr.  24,  8.  17    Ob   auf  ^nocH[«i(Ä]cACOA[i   ein  moi  folgte,  läßt 

sich  nicht  entscheiden.    AieYTYXeiTe,  das  nur  im  Oxyrhynchos-Libellus  (Nr.  24)  fehlt,  in  allen 
Libelli  der  Faijum-DSrfer  steht,  ist  wohl  zu  ergänzen. 

6flF.    Zum  Tempel  des  Petesuchos   im  Moeris-Quartier  der  Stadt  Arsinoe  s.  Wessely 
a.a.O.  3 f.  12 f.    katX  tX  KeAeYce^[NT]A  wie  Nr. 24,  10. 


Nr.  24.   Libellus  aus  Oxyrhynehos. 

S.  The  Oxyrhynchus  Papyri  IV  658,  herausgegeben  von  Grenfell- 
Hunt;  danach  wieder  abgedruckt  bei  Wessely,  Patrol.  Orient.  IV  ii7ff. 
und  Schoenaich  1907,  35;  1910,  32.  Vgl.  Wilcken,  Archiv  III  311. 
Höhe   15.5  cm,  Breite  7  cm.      14.  Juni   250. 

I.  Hand.  ToTc   ^ni   tön    lep^ei^UN    [kai] 

eYCiÖN    nÖA[eu)c] 

HAP'   Ayphaioy   A[ ] 

ei(i)NOc   GeoAüjpoY  mh[tpöc] 
s   TTantunymiaoc   Xnö  ^»[c] 
A'v'Tflc   nÖAeuc.     Äei   m^n 

eY(i)N     KAI     Cn^NACüN     [toT]c 

eeoTc   [A]ieT^A[ecA,   ^]t!   a^ 

KaI     n9n     ^N(i)niON     YMÖN 

■o  katA  tA  KeAeYce[6]N[TA] 
^cneiCA  KAI  Sgyca  ka[i] 
TUN  ■?ep<el)(j)N   ^reYCÄMH(N) 

XmA    T(ji     Ylö     MOY     A'r'PH- 
aIo)     AiOCKÖPU     KAI     TH 
15     SYrATPi     MOY     AyPHAIA 

AaTai.      A3E1Ö   Y'MÄc   ^-no- 

•  CHMlUCACeAi     MOI. 

CGtoyc)   a   A-fTOKPATOPOC   Kaicapoc 
PhÜ.-hut.  Klasse.    1910.    Anhang.    Abh.  V.  5 


34     Paul  M.  M  e  y  e  » :   Die  LibelU  aus  der  decianischen  Christenverfolgung. 

TaToy   MecciOY   Kyintoy 
20    TpaVano9   AeKiOY 
6-»-ceBo?[c   6'v']tyxo?c 
[CeBAcJTo?   [TTaVJni   k. 

2.  Hand.  [ ]n(      )    [  14.  Juni  250. 

Der  Papprus  bricht  ab, 

I    lePUN  Pap.,  el)ensoZ.ia;ieP<ei)«N  von  Wilcken  verbessert;  s.  Nr.  16,18.  12    erer* 

CAWH  Pap.  16    Schluß:  Yn°  23    ]h[  Pap. 

7    cn^NAWN  in  der  Bekenntnisfonnel  findet  sich  nur  hier.  8    ^Jj!  a4  s.  auch  Nr.  23, 

II.  9   Nur  in  diesem  Lihellus  findet  sich  ÄN^nioN  ■y'mön  statt  des  in  den  Faijum-Papyri 

übliclien  ^nl  nAPÖNTWN  y/aön  b/.\v.  iw  nAPOYCiN  ymTn.  Die  -profane«  Veivvenduny;  des  Wortes 
ÖNciniON,  das  in  den  LXX  und  dem  N.T.  häufig  ist,  hat  Deißmann  (Neue  Bibelstudien  4of.) 
zuerst  aus  den  Papyri  erwiesen.  Die  früheste  Erwähnung  des  Wortes  ist  die  im  P.  Hib.  I 
3od,  25  (vor  271  v.Chr.).  Es  wird  in  den  Papyri  nicht  nur  adverbiell  (meist  wctaaiaönai 
6N(ini0N  oder  ÄNt&niA:  P.  P.  111  21g,  34:  226  v.  Chr.  [das  Vorhergehende  fehlt];  P  Teb.  I  14,  12: 
ii4v.Ciir.;  P.  Lips.  I  122,  4:  Pius;  P.  Fior.  1  68,  17.  i  f.  12:  172  n.Chr.;  BGU.  578,  i:  189 
n.  Chr  ;  P.  Fior.  1  56.  20.  23:  234  n.  Chr.)  und  adjektivisch  (mctaaiaönai  ^nohti'u,  s.  P.  Paris.  63 
II  35:  163  v.Chr.:  AiACTOAÖN  reroNYiÖN  ymTn  icai  ^Nonioic  ka)  aiA  tpammätcon;  P.  Lund.  lii 
Nr.  908  p.  133,  39:  139  n.  Chr.;  P.  Fior.  1  56,  21 ;  vgl.  Tlieocrit.  22,  152),  .sondern  auch  pi-ä- 
positionell  gebraucht:  hier  mit  dem  Genitiv,  wie  in  <len  LXX  und  im  N.T.;  im  P.  Grenf. 
II  71  II  26  (244 — 248  n.  Chr.)  steht  ^NÖniN  A-fTolc.  lui  P.  Ilibeh  I  jod  läßt  sich  leider  die 
Art    des    Gebrauches    niclit    erkennen.  10    kata  ta  KSAeYce^NTA    wie    in   Nr.  23,  12  f. 

16    Das  Petitum  wird  asyndetisch  angefügt.  17    AieYTYxeiTe  fehlt  hier;  s.  zu  Nr.  23,  17. 

23  Daß  hier  eine  2.  Hand  vorliegt,  sciiei&t  nach  Analogie  der  Theadelphia-Libelli  wahr- 
scheinlich. 

Nachtrag.     Nr.  25.    Libellus  aus  Arsinoe. 

Durch  eine  fieundliciie  Mitteilung  Hunts  erhalte  ich  nach  Abschluß  der  Korrektur 
Kenntnis  eines  in  der  Rylands  Library  in  Manchester  befindlichen  Libellus,  der  von 
Hunt  im  ersten  Bande  seiner  P.  Rj'lands  unter  Nr.  12  veröfl^entlicht  werden  wird. 

Die  Eingabe  ist  datiert  vom  14.  Juni  250.  Libellatica  ist  eine  im  ''GAAANION-Quartier 
der  Metropole  Arsinoe  beheimatete  (und  dort  domizilierte)  civis  Romana.  Sie  fungiert 
selbständig;  die  nur  auf  ihre  Person  bezügliche  Eingabe  ist  aber  von  ihrem  Manne  in  Stell- 
vertretung der  ÄrPAMMATOC  (vgl.  Nr.  22,  13)  eigenhändig  unterschrieben.  Das  läßt  sich  wohl 
nur  so  erkläien,  daß  die  beiden  Ehegatten  einen  gesonderten  Hausstand  haben. 

Die  eigenhändige  Unterschrift  des  Mitgliedes  der  Kommission  (o!  iw  TÖN  syciön  Aph- 
M^NOi)  fehlt.  Der  Tenor  der  Bescheinigung,  der  lautet:  Ay[ph]a(ioc)  CAseTNOc  npfT(ANic  oder 
wohl  eher  -ANS-r-CAc)  e[T]a[ö]n  ce  ev-OYCAN,  zeigt  uns  zum  erstenmal  Rang  und  Stand  eines 
Kommissionsmitgliedes. 

Das  von  einem  NOMorPA*oc  gescliriel)ene  Formular  der  Eingabe  ist  fast  ganz  gleich- 
lautend mit  dem  von  Nr.  21  aus  Alexandru  Nesos,  nicht  mit  dem  schon  bekannten  aus 
Arsinoe  (Nr.  23). 


Ä'.  IWuß.  AA-ad.  d.  Wissensch 


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..Jl.  31-t-'^^'S6i>-       '    ••■*'■ 


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Anhang  z.  d.  Phil.-hist.  Ahh.   I!)lü. 


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Nr.  10. 


Nr.  6. 


Paul  M.  Meyor:  Die  Libclli  aus  fler  decianiseheii  Christenverfolgung-. 

Taf.  I. 


K.  Preuß.  Akad.  d.  Wissensch. 


Anhang  z.  d.  Phil.-hist.  Abk.  1910. 


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Nr.  16. 


Nr.  5. 


Paul  M.Meyer:  Die  Libelli  aus  der  decianischen  Christenverfolgung. 

Taf.  II. 


AS  Akademie  der  Wissenschaften, 

182  Berlin.  Philo sophisch-histo- 

B34.  Tische  Klasse 
1910       Abhandlxingen 


CUCOCATE  AS  MONOGlU^^i 


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aa.cyi-A'^^ 


^  j^ONOGRAEfi.